Emmy ... vom Kriege verweht - Emmy Lucks - E-Book

Emmy ... vom Kriege verweht E-Book

Emmy Lucks

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Beschreibung

Wie sehr die Kriegsjahre eine Kindheit, und auch die Jahre danach, geprägt haben - davon erzählt dieses Buch. Entstanden ist ein sensibles Zeitzeugendokument, das ungeschönt und wahrheitsgetreu die Erinnerungen an jene trostlose Zeit während des Naziregimes widerspiegelt. Alles Erlebte und Erfahrene ist sehr persönlich und könnte dennoch stellvertretend für viele andere Schicksale stehen.

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Danke an meine Kinder Wilfried, Annegret und Inge.

Mein ganz besonderer Dank gilt meiner Tochter Inge, die mit ihren schier unermüdlichen Bemühungen und ihrer Geduld dazu beigetragen hat, dass aus meinen Zetteln, Aufzeichnungen und Erzählungen dieses Buch zustande gekommen ist.

Nun aber bleiben

Glaube, Hoffnung, Liebe

diese drei;

aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

(1 Kor 13, 13)

Es fing alles damit an, als mein Enkelsohn eines Tages mit einer Aufgabe seines Politiklehrers nach Hause kam. Es ging darum, dass die Schulkinder ältere Menschen zu ihren Erlebnissen aus den Kriegsjahren befragen sollten. Immerhin sind sie die letzten, noch lebenden Zeugen jener Zeit.

Ich, Emmy Lucks, bin tatsächlich eine Zeitzeugin. Am 14. Februar 1933 bin ich in Den Haag in den Niederlanden zur Welt gekommen und bis März 1943 dort aufgewachsen. Danach zogen wir, meine Eltern, meine zwei jüngeren Schwestern und ich, nach Roermond, nahe der deutschen Grenze.

„Woran erinnerst du dich, wenn du an Adolf Hitler denkst“, fragte mich mein Enkel Mike Andre als Erstes. „An einen überaus brutalen, herrschsüchtigen Menschen“, antwortete ich, ohne lange überlegen zu müssen. „Warst du Mitglied in der HJ oder im BDM?“, wollte Mike Andre es genauer wissen. „Nein“, antwortete ich ihm, „ich war nur Jungmädel.“

Alle weiteren Fragen, die mein Enkel mir stellte, möchte ich (mittlerweile 81-jährig) in diesem Buch beantworten. Was ich alles erlebt habe, ist einfach zu umfangreich für ein dünnes Schulheft.

Im März 1939 kam ich in eine holländische Schule. Im gleichen Jahr brach der 2. Weltkrieg in Polen aus. Er verbreitete nichts als Angst und Schrecken. Ohne Vorwarnung wurde Rotterdam (der Geburtsort meiner Mutter) in Schutt und Asche gelegt. Plötzlich war unser beschauliches Leben zu Ende.

In meiner Klasse sah ich weinende Kinder. Deutsche Soldaten hatten ihre Väter in der Nacht abgeholt, da sie Juden waren. Als sie nach einigen Tagen zurückkamen, ging das Gerücht umher, dass sie sterilisiert worden waren. Ich hatte damals keine Ahnung, was das bedeutete, aber es musste etwas Schlimmes sein.

1940 wurde mein Vater eingezogen. In unserer Straße wohnten einige jüdische Familien. In meinen Augen waren es genau solche Menschen wie alle anderen auch, bis sie einen gelben Stern an der Kleidung tragen mussten. Nun sah jeder, wer ein Jude war. Viele schämten sich und gingen mit gesenktem Kopf dicht an den Hauswänden entlang. Sie wurden oft angepöbelt und geschlagen. Mir taten diese Menschen leid.

Im Januar 1941 bekam meine Mutter die Nachricht, dass ihre Kinder Emilie und Anna auf Befehl des Führers zum Beginn des neuen Schuljahres im März 1941 die deutsche Schule in Den Haag besuchen müssten. Die Kinder würden dort gut versorgt, von Fachkräften unterrichtet und im Sinne des Führers erzogen. Bei Zuwiderhandlung würden die Kinder zu ihrer eigenen Sicherheit den Eltern weggenommen und an einen sicheren Ort in Deutschland gebracht.

Unsere Mutter war in heller Aufregung. Sie war Holländerin und hatte durch die Heirat mit unserem Vater automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen, ebenso die Kinder. Natürlich wollte sie uns behalten und gab ihre Zustimmung zu diesem Befehl.

Somit gingen meine Schwester und ich ab März 1941 in eine deutsche Schule, die am anderen Ende der Stadt lag. Anna kam in die zweite, ich in die dritte Klasse. In einem großen Raum wurden ca. 60 Kinder von einer sehr strengen, älteren Lehrerin unterrichtet. Damit auch alle verstanden, was sie sagte, musste sie sehr laut sprechen. Sie geriet leicht in Wut und machte oft von der Prügelstrafe Gebrauch. Ich hatte große Angst vor dieser Frau, weil sie so laut und unberechenbar war. Ich sehnte mich zurück nach meiner sanften Lehrerin und den Freundinnen in der holländischen Schule. Aber in der deutschen Schule lernten wir die Sütterlinschrift, die ich bis heute noch lesen und schreiben kann.

Als ich im März 1943 mein Zeugnis bekam, teilte man uns mit, dass ich zur 1 H versetzt würde. Damals gab es drei Schulformen: Volksschule, Hauptschule, Oberschule. 'Schon wieder in eine andere Schule', dachte ich. 'Wer weiß, was mich da erwartet.'

Und es kam schlimmer als befürchtet: Meiner Mutter wurde schriftlich mitgeteilt, dass der Führer beschlossen habe, sein wertvollstes Gut, nämlich seine deutsche Jugend, in Sicherheit zu bringen. Falls die Engländer und Amerikaner von der Nordseeküste her in Holland einfallen sollten, mussten die Schüler nahe der holländisch-deutschen Grenze untergebracht sein. Die Abfahrt würde noch bekannt gegeben. Es lag dem Schreiben eine Liste über die Bekleidung bei, die wir einpacken sollten. Pro Kind war nur ein Koffer erlaubt, den es im Übrigen selbst tragen musste.

Wir waren entsetzt über diese unglaublichen Nachrichten. Unser Vater war an der Front. Wir hatten schon seit sechs Wochen keine Post mehr von ihm erhalten. Nachbarn konnten nicht helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Es war eine fürchterliche Zeit.

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Wir bekamen einen Zettel von der Schule mit, auf dem stand, dass wir in zwei Tagen um 6.00 Uhr morgens an einem gewissen Platz mit Bussen abgeholt würden. Die Volksschüler würden in ein Lager nach s`Hertogenbosch gebracht. In Roermond war ein Kloster geräumt worden, in dem die Haupt- und Oberschüler betreut würden. Wir hätten dort auch Schulunterricht. Die Eltern wurden belehrt, diesem Führerbefehl nachzukommen. Anderenfalls hätten sie entsprechende Maßnahmen zu erwarten.

Nach ca. dreistündiger Fahrt kamen wir auf einem riesigen Klosterhof an, wo schon einige Busse standen. Sofort wurden uns die Zimmer zugewiesen. Vier bis sechs Mädchen teilten sich einen Raum. Jede bekam ein Bett und einen Spind. Beides musste beim täglichen Appell (um 7.00 Uhr) tadellos in Ordnung sein. Wir erhielten Uniformen und wurden zu Jungmädchen ernannt.

Auf dem großen Hof wurden wir „geschliffen“ wie Soldaten. Wir marschierten genau so diszipliniert in Reih und Glied durch die Stadt. Bis heute höre ich noch die Stimme unserer Jungscharführerin, wenn wir losmarschierten: „Links, links, links, zwo, drei, vier.“ Dann: „Ein Lied, zwo, drei, vier.“

Im Juni 1943 wurde meine Mutter mit meiner kleinen Schwester nach Nymegen evakuiert. Sie bekamen ein Zimmer im Haus einer freundlichen Frau zugewiesen. Von nun an besuchten Mutter und Elschen Anna und mich jeden zweiten Sonntag. An anderen Tagen war das nicht erlaubt.

Während dieser Zeit wurden Oma und Opa Lucks, Tante Luise mit ihrer kleinen Tochter Lieselchen sowie Tante Else und unsere Cousine Änne nach Lemgo evakuiert. Ihnen wurde das winzige Beginenhaus in der Hafenstraße zur Verfügung gestellt. Ursprünglich war dies für Angehörige einer halbklösterlichen Frauenvereinigung gedacht.

Anfang August 1944 kam meine Mutter mich besuchen. Es herrschte Aufbruchstimmung. Die Koffer standen gepackt unter den Betten. Schon seit geraumer Zeit wurde die Post zensiert. Es sollte nicht bekannt werden, dass wir bald abreisten. Nachdem Mutter unterschrieben hatte, dass sie mich demnächst mit nach Deutschland nehmen wollte, durfte ich mit ihr gehen.

Voller Panik fuhr Mutter am nächsten Tag nach s`Hertogenbosch, um auch Anna zu holen, aber sie fand nur leere Gebäude vor. Niemand konnte ihr sagen, wohin die Kinder gebracht worden waren.

September 1944: Ab jetzt bekamen Deutsche keine Lebensmittelkarten mehr. Sie sollten das Land verlassen. Bangen Herzens entschloss sich meine Mutter dazu, nun doch ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Opa Lucks hatte geschrieben, dass wir zu ihnen ins Beginenhaus kommen sollten. Mit dem letzten Zug, der über die Grenze nach Deutschland fuhr und der von Tieffliegern beschossen wurde, kamen wir am nächsten Tag in Lemgo an.

Tante Luise und Tante Else holten uns am Bahnhof ab. Sie brachten Lieselchen mit, die nun schon ganz selbstständig im Kinderwagen sitzen konnte. Freundlich lachte die Kleine uns an. Wir waren ja so froh, unsere Verwandten wieder zu sehen. Oma, Opa und Änne saßen auf einer Bank vor dem Beginenhäuschen. Endlich konnten wir uns in die Arme schließen! Oma weinte, weil unsere Anna vermisst war. Am nächsten Tag ging meine Mutter zum DRK und gab eine Suchanzeige für Anna auf.

Neun Personen wohnten nun in dem kleinen Haus. Es hätte gemütlich sein können, wenn nicht mindestens eine Million Fliegen uns das Leben schwer gemacht hätten. Und täglich wurden es mehr. Die meisten hielten sich natürlich in der Küche auf. Es war zum Verzweifeln.

Da die Auswahl an Lebensmitteln klein war, kochte Oma häufig einen Eintopf. Dem konnte sie mithilfe von Mehl noch eine gute Konsistenz geben. Oma gab sich wirklich Mühe, damit keine Fliegen in den Kochtopf gerieten, aber es klappte nie. Wir mussten selbst aufpassen, dass wir diese Viecher nicht mitaßen.

In Lemgo war oft Fliegeralarm, meistens in der Nacht. Wir wohnten gegenüber der Stiftskirche, so dass wir nur die Straße überqueren mussten, um im dortigen Keller geschützt zu sein. Abends legten wir uns vollkommen angezogen ins Bett. Griffbereit standen die gepackten Koffer und Taschen im Flur. Sobald die Sirenen heulten, hieß es: Raus aus den Betten und Schuhe angezogen!

Wie schon erwähnt, lebten wir zu neun Personen in dem kleinen, engen Häuschen. Das Geschnatter der Frauen und Kinder ging unserem Opa sehr auf den Geist. Es machte ihn wütend, wenn wir nach einem Fliegeralarm alle zugleich die Treppe hinunter drängten. Jeder wollte als Erster im Luftschutzkeller sein! „So geht das nicht weiter“, meinte Opa, „das muss anders werden.“

Generalstabsmäßig arbeitete er einen Plan aus, wie wir in kürzester Zeit aus dem Haus kämen. Das musste natürlich erst geübt werden. Jetzt zeigten die Frauen der Lucks-Sippe ihrem Despoten, was sie drauf hatten. Es genügten einige vielsagende Blicke, um die erste Übung erfolgreich abzuschließen. Opa staunte. Jahrzehnte hatte er vergebens versucht, seiner Familie Disziplin beizubringen, und nun das hier!

Opas Plan war an sich simpel und sah folgendermaßen aus: Wenn die Sirenen heulten:

Ruhe bewahren.

Vollkommen angezogen auf den Flur gehen.

Gepäck mitnehmen.

Tante Luise geht mit Lieselchen die Treppe runter.

Sie warten bis Oma unten ist.

Tante Else folgt (dat Dick).

Änne auch.

Mama mit Elschen auf dem Buckel, weil sie immer weiterschlief.

Dann ich, Milli.

Opa macht das Licht aus und schließt die Tür ab.

So schnell als möglich gingen wir zur Kirche. Es dauerte oft Stunden, die wir im Keller verbrachten, bevor die Sirenen Entwarnung gaben.

Wir wohnten gern in Lemgo mit seinen vielen alten, sehr schönen Häusern. Aber Opa war es dort viel zu unsicher für seine große Familie. Nach langem Grübeln kam er zu dem Schluss, dass wir im fernen, dicht bewaldeten Thüringen viel sicherer wären als in Lemgo. Er schrieb an die Stadtverwaltung in Schleiz und fragte an, ob man demnächst 10 Flüchtlinge unterbringen könnte. Wir wären eine große Familie, die zusammenbleiben wollte.

Die Antwort kam aus Görkwitz, einem Dorf, das ca. vier Kilometer von Schleiz entfernt war. Der Bürgermeister dieses Ortes teilte uns mit, dass der Müller uns gern zwei große Räume zur Verfügung stellen würde.

Im Oktober 1944 stiegen wir in Lemgo in einen Zug, der von einer Dampflok gezogen wurde. Ich freute mich über die hübschen weißen Wölkchen, die von der Lok in die Luft gepustet wurden und dachte: 'Ob der Schnee in Thüringen wohl auch so weiß ist?'

Es war aber erstmal ein langer beschwerlicher Weg bis dorthin. Der Zugverkehr war unpünktlich, die Züge wurden oft von Tieffliegern beschossen. Die meiste Zeit verbrachten wir auf Bahnhöfen und schliefen, eng aneinander gedrängt, auf den Fußböden.

Die Bahnhofswirtschaft in Hof/Vogtland gefiel uns sehr gut. Die Wirtin schimpfte nie mit uns Kindern. Sie war verständnisvoll und lieb, und sie kochte täglich einen herrlichen Eintopf.

Drei Tage und Nächte blieben wir dort, bis wir einen passenden Zug erwischten. „Nun sind wir bald am Ziel“, sagte Opa, als wir in Schleiz aus dem Zug gestiegen waren. 'So ein Blödsinn', dachte ich, 'wir haben uns immer weiter davon entfernt!' Ich wäre so gerne in Den Haag gewesen.