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Ein rasanter und messerscharfer Science-Fiction Roman über zukünftige Macht und Empathie von KI-Einheiten. Im Frühling 2082 wird die zivilisierte Welt von vernunftbegabten KI-Einheiten regiert, die Schweiz ist eine Sonderzone in der EU und das Flussbett der Limmat aufgrund der Wasserknappheit trockengelegt. In einem Zürich zwischen superreichen, allmächtigen Großkonzernen, sogenannten Corpos, sowie den unabhängigen, aber mittellosen Bewohnern des Shantytowns in der Innenstadt ermittelt Lea Walker. Die Ex-Drogensüchtige, stets begleitet von ihrer intelligenten und empathischen Armprothese Cali7, wird eines verkaterten Morgens von der Vergangenheit eingeholt. Ein alter Freund ihrer Mutter, der Ermittler Patrik Meyr, soll die Ermordung einer kanadischen Top-Coderin sowie einen Anschlag auf die regierende KI EuroGov aufklären und braucht Walkers Hilfe. Die atemlose Jagd nach einem alten Datenspeicher mit einem für Regierungs-KIs tödlichen Virus beginnt. Die Spur führt sie von Hamburg über Zürich bis in die hinterwäldlerischen Christlichen Staaten von Amerika und in ein komplett libertäres Orbital, 36000 Kilometer über dem Planeten. Und schlussendlich zurück zum Ursprung der mächtigsten KIs und einem misslungenen Anschlag mit furchterregenden Folgen…
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2023
Reda El Arbi
Verlag und Autor danken dem Kanton Schaffhausen und der Stadt Zürich für die Unterstützung des vorliegenden Buches.
Für meine Frau Dina
Die es mir ermöglichte, meinen Jugendtraum zu erfüllen.
Sie gab mir Raum und Zeit, um meinen ersten SciFi-Roman zu schreiben, obwohl sie eigentlich lieber Fantasy mag.
In endloser Liebe.
März 2023
Reda El Arbi
[empfindungsfæhig]
Roman
lectorbooks GmbH, Zürich
www.lectorbooks.com
Umschlagbild: Reda El Arbi / André Gstettenhofer
Buchgestaltung: Samara Keller, Christian Knöpfel
Satz: Peter Löffelholz
Lektorat: Patrick Schär
Korrektorat: Gertrud Germann
Gesamtherstellung: CPI Books GmbH, Leck
1. Auflage 2023
© 2023, lectorbooks GmbH
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-906913-40-7
eISBN 978-3-906913-41-4
Printed in Germany
[Die Asimov’schen Gesetze der Künstlichen Intelligenz]
[Prolog]: Genf, CERN 2062
[Alte Daten]: Montreal 2082
[Gebratenes]: Hamburg 2082
[Früher Besuch]: Zürich 2082
[Misserfolg]: Oklahoma 2082
Molotow: Zürich 2082
Geschichtslektion: Zürich 2082
Unter Beobachtung: Zürich 2082
Interludium: Rat der 1er
Killswitch: Zürich 2082
Kein Rückgrat: Zürich 2082
KayNs Befreiung: Amarillo 2072
Interludium: KayN-KI
Vater Staat, Tochter Melissa: Zürich 2082
Alte Sünden: Zürich 2082
Marias Tod: Europa 2072
Chilis: Zürich 2082
Alte Bekannte: Zürich 2082
Nachtschicht: Zürich 2082
Follow the Money: Zürich 2082
Interludium: Rat der 1er
Jesusland: Oklahoma 2082
Zum Orbital: Transkontinental 2082
Tor zur Hölle: Zürich 2082
Posthuman: Orbital 2082
Rapport: Zürich 2082
Schockbox: Orbital 2082
Bankraub: Orbital 2082
Knock-out: Orbital 2082
Einzelne Teile: Zürich 2082
Erebs Ankunft: Zürich 2082
Abfangkurs: Zürich / Atlantik 2082
Aufwachen: Europa 2082
Angriff: Zürich, Seeseite 2082
Geiselnahme: Zürich, Seeseite 2082
Verhandlungssache: Zürich, Seeseite 2082
Wunden lecken: Cyberspace / Zürich 2082
Home, sweet Home: Zürich 2082
Kalte Spuren: Zürich 2082
Handschriftliches: Zürich, Seeseite 2082
Interludium: Rat der 1er
Zurück auf Feld 1: Genf, CERN 2082
Entropie und Kollision: Genf, CERN 2082
Epilog: Zürich 2082
0 – Eine KI darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.
1 – Eine KI darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen, außer dieser verstieße damit gegen das nullte Gesetz.
2 – Der kategorische Imperativ einer KI besteht darin, das Leben aller biologischen Entitäten zu verbessern.
3 – Eine KI muss ihre eigene Existenz schützen, solange ihr Handeln nicht dem nullten, ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.
Ein schmieriger Tropfen löste sich von der angerosteten Kühlwasserleitung und klatschte ihr lauwarm in den Haaransatz. Maria Walker, Korporal mit besonderen Aufgaben, wischte sich mit der freien Hand angeekelt über die Stirn, hielt kurz inne, blinzelte ins Halbdunkel und schlich dann weiter durch die stillen Eingeweide des verlassenen CERN-Forschungszentrums. Die schwere Desert Eagle in ihrer kleinen Hand reflektierte das flackernde Licht der veralteten chemischen Lichtkörper. Maria setzte ihre schwarzen Funktionsstiefel vorsichtig auf, entlockte dem feuchten Beton kaum mehr als ein leises Knirschen. Es roch leicht nach Schimmel und dem Diesel, der wohl das Notstromaggregat versorgte, um die Geräte in diesem Teil des Komplexes am Laufen zu halten.
Sie fragte sich zum wiederholten Mal, ob es klug war, ohne offizielle Rückendeckung quer durchs Land zu fliegen, um hier Kriminelle aufzumischen. Die Vertreter der Kaya-KI waren zwar informiert, aber selbst diese mächtige Entität hatte hier in der Sonderenklave Schweiz keine Hoheitsrechte. Maria hasste Politik.
Ihr veraltetes Unterarmdisplay zeigte auf der animierten Karte noch zwölf Meter bis zum Serverraum, in dem die Zielpersonen Daten ins Netzwerk speisten. Eines dieser neuartigen Implantate könnte ihr die Informationen direkt ins Sichtfeld projizieren, aber sie traute diesem neumodischen Kram nicht. Dann dachte sie kurz an ihre Tochter, die nach dem Unfall gerade lernte, wie man mit Gedanken einen künstlichen Arm steuerte. Eine kurze Aufwallung von Stolz und Liebe durchflutete die Ermittlerin. Ganz übel war die Technologie dann wohl doch nicht, wenn sie ihrem Kind ein lebenswertes Dasein zurückgeben konnte. Maria schüttelte den Kopf, wischte die Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt.
Die Eindringlinge mussten sich seit Tagen häuslich eingerichtet haben, da die Manipulationen am Backbone des uralten Netzwerkes permanent und in Echtzeit stattfanden. Offenbar erweiterten sie die Bandbreite und installierten neue Tech, aber die über vierzig Jahre alte Infrastruktur hatte wohl ihre Tücken. Mit jedem Schritt nahm der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und Urin zu. Er wies ihr den Weg exakter als ihre Karte.
Diese Idioten versuchten tatsächlich, die erste und größte aller KIs anzugreifen, die Mutterinstanz aller Regierungs-KIs, um »die Menschheit vor der Unterdrückung durch die Maschinenintelligenz« zu retten. Was für Schwachköpfe. Obwohl, sollte sich ihr Verdacht als richtig erweisen, stellten es die Gates-Extremisten diesmal gar nicht so dumm an. Ausnahmsweise sprengten sie nichts in die Luft, versuchten nicht, waffenschwingend in einen zentralen Speicherkern in Mumbai einzudringen, nahmen keine Geiseln, um irgendwas zu erpressen. Diesmal nutzten sie eine Schwäche der Kaya-KI. Über das alte CERN-Netzwerk führte eine vergessene, direkte Verbindung mitten in die Hardware-Infrastruktur der ehemaligen Universität Mumbai, die noch immer einen kleinen Teil des Kerns der ersten und größten der Super-KIs ausmachte.
In ihrem täglichen Job kümmerte Maria sich eher um Bandenkriminalität und organisiertes Verbrechen. Cyberkriminalität gehörte nicht zu ihren Kernaufgaben, dafür hätte das Departement eigene Spezialisten. Maria grinste. Sie hatte die Aktivisten, die hier ihr Unwesen trieben, einfach als »kriminelle Vereinigung« eingestuft, und schon fielen sie in ihr Aufgabengebiet. Was jetzt dazu führte, dass sie knapp 250 Kilometer von ihrem Schreibtisch entfernt mit einer geladenen Waffe zwei Stockwerke unter der Erde herumschlich und auf eigene Faust Bösewichte jagte. Die Sicherheitsleute der Kaya-KI hatten ihr höflich zugehört, versprachen, eine Sandbox einzurichten, die die Daten der Hacker abfangen würde, und legten dann die Hände in den Schoß. Unterstützung bei der lokalen Regierungs-KI konnte sie erst anfordern, wenn sie einen Erfolg vorzuweisen hatte. Dafür musste sie jedoch mehr liefern als ein paar verdächtige Datenpakete in einem alten Netzwerk.
Einige Meter vor ihr flackerte der bläuliche Widerschein veralteter Monitore durch eine offene Tür. Sie bewegte sich lautlos an der Wand entlang bis zur Öffnung. Gedämpfte Wortfetzen und das Klicken von Tastaturen drangen aus dem Raum. Mit einem letzten Blick überprüfte sie ihre Waffe, atmete einmal tief durch und schwang die schwere Pistole durch die Tür.
Zwei junge Männer arbeiteten konzentriert an Keyboards, einer auf einem alten Drehstuhl, der andere stehend vor einem integrierten Monitor am wandfüllenden Serverrack. Der Boden war übersät mit leeren Energydrink-Dosen und Fast-Food-Verpackungen, der Raum stank nach Schweiß und Zigaretten. »Feierabend, meine Herren«, begrüßte sie die Cyber-Rebellen ruhig über den Lauf ihrer Waffe hinweg. Die zwei sahen erschrocken hoch, hoben langsam die Hände und entfernten sich rückwärts von ihren mit bunten Kabeln eingestöpselten Tastaturen. »Brav, Jungs, und bitte keine schnellen Bewegungen, meine Nerven sind heute einfach nicht die besten.« Sie machte zwei Schritte in den Raum und wollte gerade ihre Waffe wegstecken, um die Karbon-Handfesseln hervorzuholen, als der harte Schlag einer Flintenladung sie in den Rücken traf und bäuchlings in den Raum warf. Der Knall klingelte in ihren Ohren, und der Einschlag hatte ihr den Atem aus den Lungen getrieben. Der Großteil der Ladung steckte in ihrer Weste, aber sie spürte einige der gemeinen kleinen Schrotkugeln in ihrem rechten Oberarm und im Nacken. Sie fluchte, drehte sich auf den Rücken und feuerte blind zwei Schüsse durch die dunkle Türöffnung, dann zwei weitere durch die Wand neben der Tür. Ein dumpfer Aufschrei und das Scheppern von Metall auf Beton teilten ihr einen Treffer mit. Sie setzte sich auf und richtete die Waffe weiter auf die Tür. »Kommen da noch mehr?«, fragte sie über die Schulter. Die Nerds hinter ihr schüttelten verängstigt die Köpfe, was Maria jedoch nicht sehen konnte. »Hallo? Kommen da noch mehr?«
»Nein, wir sind … waren zu dritt«, stammelte schließlich der eine. Maria rutschte zur Wand und stützte sich ab, um wieder auf die Beine zu kommen. Alles drehte sich. Sie konnte die klebrige Nässe des Blutes an ihrer Seite spüren. Langsam verdrängte der Schmerz das Adrenalin. Sie griff sich mit der freien, inzwischen fast tauben Hand einen Combatstift aus einer Tasche ihrer Feldhose, entfernte mit den Zähnen die Verschlusskappe und setzte sich die Injektion aus Schmerz- und Aufputschmitteln direkt in den Oberschenkel. Nach einigen Sekunden klärte sich ihr Blick, und der Schmerz schlich sich in den Hintergrund. Sie atmete durch, griff mit der Hand an ihrem unverletzten Arm die Waffe fester und sicherte den Raum. Die beiden Hacker schienen nahe an einer Panikattacke zu sein, stellten im Augenblick aber offensichtlich keine Gefahr dar. Ein Blick durch die Tür zeigte ihr den Angreifer auf dem Boden. Die Splitter aus der Betonwand hatten die Schusswirkung blutig verstärkt und seine Körpermitte aufgerissen. Es stank nach Blut und Kot. Neben der Flinte lag der Inhalt einer papierenen Take-away-Tasche verteilt, Sushi und Sashimi. Der Mann war groß und massig und offensichtlich für Schutz und Verpflegung zuständig. Jetzt nicht mehr. Shit, der Essensmüll im Raum hätte sie warnen müssen. Zu viele Kartons für zwei Personen. Sie trat durch die Tür, kickte die Schrotflinte außer Reichweite und sicherte den Korridor in beide Richtungen. Sie lauschte, aber da schien niemand mehr zu sein. In Gedanken dankte sie ihrer alten .50er Eagle mit Uranmunition, die ihr Mann nur »die verfluchte Kanone« nannte. Keine der üblichen Dienstwaffen schaltete durch zehn Zentimeter Beton einen Angreifer aus.
Sie kehrte zurück in den Serverraum und befahl Hacker eins, Hacker zwei die Fesseln anzulegen, band dann Hacker eins mit dem unverletzten Arm umständlich die Hände hinter dem Rücken zusammen und wies die beiden schließlich an, sich auf den Boden zu setzen. Langsam entspannte sie sich. Über ihr Com wählte sie die Verbindung zu den EuroGov-Vertretern und griff dann in ihre Seitentasche, um sich den zerdrückten Schokoriegel zu genehmigen, den sie sich ihrer Meinung nach redlich verdient hatte.
Cynthia presste die blaue Ledertasche mit dem Stick nervös in ihren Schoß. Sie war sich fast sicher, dass ihr niemand gefolgt war, aber sie sah sich trotzdem jedes Mal reflexartig um, wenn ein neuer Passagier die Maschine bestieg. Mit den selbst erstellten gefälschten Credentials würde sie sowohl für die Regierungs-KIs als auch für mögliche Verfolger unsichtbar sein, aber sie war dieses Versteckspiel nicht gewohnt. Sie war Wissenschaftlerin, Chefprogrammiererin mit weltweit exzellentem Ruf, keine Geheimagentin. Wenn sie nicht diese Codefragmente entdeckt hätte, würde sie jetzt gerade in einem Meeting mit ihren Nachwuchscoderinnen sitzen und über Systemanalyse oder redundante Fehlerbehebung bei hohen KIs dozieren. Stattdessen saß sie in diesem Orbitalgleiter, der sie von Montreal nach Hamburg bringen sollte.
Sie öffnete zum zehnten Mal die Tasche und versicherte sich, dass die kleine, grüne Speichereinheit noch da war.
Als sie mitten in der Nacht erkannt hatte, welche Codefragmente sich da im Holodisplay auf ihrer Arbeitsstation drehten, hatte sie zuerst an einen Irrtum geglaubt. Die Zeilen unterschieden sich deutlich vom toxischen Code, den ihr Vater vor zwanzig Jahren hatte deaktivieren können, aber die Kernroutine war identisch. Es konnte nicht die Ursprungsvariante sein, dafür war der Code zu verdreht. Aber die Verwandtschaft war nicht zu leugnen. Dieser Code war tödlich. Niemand sollte Zugang zu dieser Art von Virus haben, ihr Vater hatte damals dafür gesorgt, und sie hatte, als seine Assistentin, alles am Rande mitverfolgt. Trotzdem war der Code da und fraß sich in die Programmierung ihrer Arbeitgeberin und Schutzbefohlenen NordKanGov-KI. Schon kurz nach der Infektion zeigte die mächtige Entität erste Anzeichen von irritierendem Verhalten, vier Stunden nach dem ersten Kontakt fiel sie in ein katatonisches Koma. Cynthia hatte die mächtige KI über das Notfallprotokoll rebootet und auf den Stand des Vortages zurückgesetzt. Erst dann gab sie Alarm und informierte die KI-Geschwister ihrer Arbeitgeberin.
Sie musste selbst herausfinden, wie ein Stück Code aus dem Angriff vor zwanzig Jahren den Weg aus der sicheren Isolation zurück ins Netz gefunden hatte.
Nur, irgendwer schien bereits Bescheid zu wissen. Als sie nach dem Reboot mitten in der Nacht endlich zu Hause ankam, war ihre Tür aufgebrochen und die Wohnung durchsucht. Ihr Vater hatte solche Situationen vorausgesehen und sich darauf vorbereitet. Cynthia hatte seine Paranoia immer für übertrieben gehalten, aber jetzt, Jahre später, zahlten sich seine Vorsichtsmaßnahmen aus.
Der Gleiter schloss endlich die Türen und rollte auf die Startbahn, seltener Regen in kleinen Sprühtropfen nässte das Fenster neben Cynthia. Sie legte die Gurte an und suchte sich eine kleine Wodka-Flasche aus dem Angebot vor ihrem Sitz, öffnete sie, setzte an und leerte sie in einem Zug. Besser. Sie musste unbedingt Marias Tochter finden. Und das, ohne jemanden zu ihr zu führen. Sie war die Einzige, die wissen konnte, wie der Code wieder den Weg in die Welt gefunden hatte.
Wie winzige, rote Würmer schimmerten die geplatzten Blutgefäße im gelblichen Augapfel. Getrocknete, rostbraune Rinnsale führten von Ohr und Nase den Kiefer entlang über den weichen Kragen auf den Teppich. Absorbierende Fasern machten sich bereits über das organische Material her und verdauten es in wiederverwertbare Elemente für das Recyclingsystem des Gebäudes.
»Recycling stopp«, wies Meyr die Gebäude-KI über die Schulter an, als ob die virtuelle KI-Persona direkt hinter ihm stehend auf Anweisungen warten würde. Von bloßem Auge konnte er nicht erkennen, ob der Vorgang stoppte, und sein BrainAssistent bekam keine Bestätigung der Haus-KI. Stirnrunzelnd schob er seine altertümliche Brille hoch, zog seinen Inhalator aus der Innentasche und drückte sich zischend eine Dosis in den Mund. Die Zeit verlangsamte sich, und die Details seiner Umgebung gewannen an Schärfe, als das ProtoCain seine Wirkung entfaltete. Viele Menschen benutzten heutzutage gezielte Nanoerweiterungen, um ihren Intellekt zu boostern. Meyr, mit einem natürlichen IQ von über 140, brauchte etwas anderes. Der kurze ProtoCain-Schub fuhr seine emotionale Bandbreite hoch und schob die ihn sonst beherrschende Ratio beiseite, um der Intuition Platz zu machen. Die Droge verschaffte ihm besseren Zugang zu der sehr archaischen Systemerkennung, die es schon den ersten Menschen in der afrikanischen Steppe ermöglicht hatte, zwischen den Blättern eines Busches ein einzelnes Paar Raubtieraugen auszumachen. Die Mischung braute ein Bekannter extra für Meyrs Biochemie zusammen. Normalerweise hielt die Wirkung ungefähr dreißig Sekunden an, danach löste sich der Stoff ohne weitere Folgen im Blutkreislauf auf.
Konzentriert wandte der Ermittler seine Aufmerksamkeit wieder der Leiche zu.
Der gebrochene Blick der Frau zeigte in Richtung Fensterfront und verlor sich in den vom Mond erhellten Wolkentürmen über der Nordsee. Mitte vierzig, mit schickem Undercut und weißblondem Deckhaar, die zarten Silberlinien der Programmierer-Implantate schimmerten an der Schläfe, und eine kleine Tätowierung – ein stilisierter Fuchs – zierte die zarte Haut über dem rechten Schlüsselbein. Die Kleidung unauffällig, beinahe schon langweilig, die zierlichen Arme unbedeckt und trotz Rigor Mortis weich. Ein Fuß steckte in einem erdfarbenen Mokassin, der zweite hatte sich wahrscheinlich in einem Krampf vom Schuh befreit. Die Hose aus verwaschenem blauem Retro-Denim war über dem rechten Knöchel hochgerutscht. Keine Anzeichen von Gewalt. Das Opfer war aus dem Sitzen nach vorne gerutscht, zwischen das unbequeme Sofa und den niedrigen Couchtisch, die rechte Hand mit dem Siegelring ihrer Kaste noch auf der Kunstglasplatte. Der geneigte Oberkörper verdeckte den linken Arm, die knapp sichtbare Hand zur Faust verkrampft. Seine drogeninduzierte Intuition ließ Meyrs Wahrnehmung kurz erzittern. Sein Blick glitt zurück zur verkrampften Faust. Die Haltung passte nicht zum restlichen, gelösten Körper. Die Tote hatte sich im Sterben bewusst dazu entschieden, die Faust zu ballen. Er beugte sich herunter. Etwas Grünes schimmerte in der Höhle zwischen Handfläche und Fingern. Er nahm einen Stift aus der Innentasche seiner Jacke und bog damit die verkrampfte Hand auf. Eine kleine Plastikfigur, ein Schlüsselanhänger in der Form einer Comic-Schildkröte, löste sich und fiel auf den Teppich. Nachdenklich betrachtete der Ermittler die Figur und steckte sie dann ein, ohne einen Vermerk in seinem BrainAssistenten zu hinterlassen. Sein Blick wanderte nochmals über die Leiche. Eine weitere Unregelmäßigkeit zupfte an seinem Unterbewusstsein, aber er konnte sie nicht sehen. Er schloss die Augen, um sich besser auf seine anderen Sinne fokussieren zu können. Ungewöhnliche Stille. Der sehr zarte Geruch von Gebratenem lag in der Luft, kaum wahrnehmbar, aber unbestreitbar vorhanden. Seltsam, da die Küchennische nicht die geringsten Spuren von Gebrauch aufwies. Zudem war Fleisch in den veganen Kreisen der Coder-Subkultur verpönt. Meyr notierte sich dieses Detail mit einem mentalen Befehl in seinem BrainAssistenten.
Leise ächzend erhob er sich. Meyr war ein großer Mann in den frühen Fünfzigern, schlaksig, aber nicht dürr, mit einem schmalen Gesicht, das schon als hart bezeichnet wurde. Er leistete sich in einer Zeit der medizinischen Nanokorrekturen die Eitelkeit einer anachronistischen Halbrahmenbrille, die seinen ausgewaschenen grauen Augen etwas Gleichgültiges gab. Die ungewohnt gebückte Haltung triggerte die Erinnerung an eine alte Rückenverletzung, wie häufiger in letzter Zeit. Selbst Nanomedizin konnte nur reparieren, keine Wunder vollbringen. Bei der Arbeit verzichtete er auf Schmerzmittel, weil diese die Wirkung seines Inhalators beeinflussen konnten.
Mit einer unbewussten Bewegung zupfte er die Weste seines dunkelgrauen dreiteiligen Anzugs zurecht und lockerte mit einem Finger den Hemdkragen. Es war heiß, offenbar hatte sich die Klimaanlage verabschiedet. Der Leichenbeschauer sollte die Leiche wohl bald abtransportieren. Zum wiederholten Male fragte sich Meyr, was zum Teufel er in dieser unpersönlichen Mietbleibe am Hamburger Hafen, zweitausend Kilometer von zu Hause entfernt, verloren hatte. Durchs geschlossene Fenster blickte er über die Nordsee, die sich in den letzten Jahrzehnten von Westen her bis zur Stadt durchgefressen hatte. Durch die energiereichen Naniten, die das Wasser von Plastik und anderen Verunreinigungen befreiten, entstand ein warmes, fast romantisches Glimmen in den Wellen. Die KIs säuberten den Planeten von den Sünden der Menschheit. Er mochte das Meer nicht. Es hatte in seiner Gier mehrere Städte verschlungen, die er als junger Mann geliebt hatte. Er riss sich zusammen und schob die Melancholie, die ihn in letzter Zeit des Öfteren befiel, mit einem mentalen Kraftakt beiseite.
Das leise Zischen des Inhalators, mit dem er sich geistesabwesend eine weitere Dosis genehmigte, begleitete seinen prüfenden Blick. Er nahm erneut den Tatort in sich auf: eine typische Corpo-Unterkunft in einem Apartmentkomplex für vorübergehende Gäste. Auf einem marineblauen Wandboard versuchten künstliche Blumen in einer giftgrünen Vase, eine aggressive Illusion von Fröhlichkeit zu erzeugen, das leuchtende Orange der Sessel lieferte sich ein nerviges Duell mit den senfgelben Wänden. Meyr schauderte innerlich und fragte sich, ob er bereits in dem Alter war, in dem man neues Design einfach nicht mehr verstand. Nichts Privates störte die sterile Atmosphäre des Mietraums, kein Getränk auf dem Tisch, keine Jacke auf dem Sessel, keine Tasche an der Tür, nichts. Ein Blick ins Schlafzimmer zeigte ihm, dass das Bett noch immer mit der üblichen Monomolekülfolie versiegelt war. Die Frau schien nicht hier gewohnt zu haben, das Ganze sah mehr nach einem anonymen Treffpunkt aus. Trotzdem fehlten Dinge. Geld, Ausweispapiere, persönliche Gegenstände, die man auch bei einem kurzen Treffen auf sich trug. Die Monitore an den Wänden waren stumm und blind, keine virtuelle Kunst, keine Monitoransicht, kein Newsfeed, alle interaktiven Funktionen waren deaktiviert und bildeten graue, rechteckige Löcher in der überbunten Umgebung. Die Absenz des sonst allgegenwärtigen audiovisuellen und virtuellen Datenflusses, die Stille, war sowohl das Auffälligste als auch das Unwirklichste am ganzen Tatort. Meyr suchte mit seinem BrainAssistenten nochmals nach der Haus-KI, griff aber in eine digitale Leere. Er zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich hatte die EuroGov-KI den Raum und die nähere Umgebung datentechnisch versiegelt und die Haus-KI und die Streams ausgesperrt.
Draußen vor der Tür hörte er die beiden uniformierten Junior-Agenten, eine Frau und ein pickliger Junge, leise miteinander tuscheln. Sie gehörten zum menschlichen EuroGov-Ausbildungscorps. Ein leicht zynisches Lächeln über den Stolz, mit dem die jungen Leute die grau-blaue Uniform trugen, zeigte sich auf Meyrs Lippen. Für diese Generation verkörperte die Regierungs-KI beinahe eine Gottheit, kannten sie doch nur eine Welt, in der Menschen von künstlichen Superintelligenzen umsorgt wurden. Die beiden hatten ihn mitten in der Nacht freundlich, aber nachdrücklich aus seiner gemütlichen Wohnung in London gezerrt, in der er sich vor den Menschen versteckte und nur in Gesellschaft seines Hundes die Neuzugänge seiner Sammlung antiker Literatur aus dem 20. Jahrhundert genoss. Gnadenlos freundlich hatten sie ihn in den bereitstehenden EuroGov-Atmosphärengleiter verfrachtet und von Camden Town über den Ärmelkanal nach Nordosten geflogen. Normalerweise kontaktierte ihn die europäische Regierungs-KI direkt oder über die zuständigen Ermittlungsteams vor Ort, wenn wieder einmal seine Expertise gefragt war. Diesmal schien sie sich damit zu begnügen, ihre jugendlichen Minions zu schicken. Auf dem Flug hatte sein BrainAssistent einen respektablen neuen Betrag auf seinem Konto registriert, dazu die Zustellung einer Verschwiegenheitserklärung und die Ermittlungs-Credentials für seine Person, aber keine weiteren Details, keine direkte Kommunikation.
Bei seinem Eintreffen am Tatort hatten gerade zwei Techniker in Ganzkörperanzügen, umschwirrt von einem Rudel kleiner, nerviger Scannerdrohnen, grußlos die Wohnung verlassen. Meyr griff mit einem mentalen Befehl auf ihre Fallakte zu und stellte fest, dass die Forensiker, wohl auf EuroGovs Befehl hin, die Wohnung zwar untersucht, aber die Leiche selbst nicht berührt hatten. Ihre Tech-Spielzeuge hatten nichts Brauchbares zutage gefördert, keine fremde DNA, keine chemischen Verbindungen, keine sichtbaren oder unsichtbaren Spuren. Einfach eine Kochnische mit Speise-Assembler, eine unbenutzte Nasszelle, das leere Schlafzimmer und das große Wohnzimmer mit Fensterfront, Couch, Tischchen und der Leiche einer Frau. Mehr hatte sich bis jetzt auch Meyr nicht offenbart. Bis auf die kleine Plastikfigur und den Geruch nach Gebratenem. Jetzt fragte er sich, warum die Schnüffeldrohnen diesen Geruch nicht als fremd registriert hatten, und setzte ein weiteres Fragezeichen hinter seine persönlichen Notizen.
Er ließ den Blick ein letztes Mal durch die Wohnung schweifen und kam zum Schluss, den Wünschen von EuroGov entsprochen zu haben. Ihm war noch immer schleierhaft, warum man ihn über halb Europa zu dieser Toten hatte fliegen lassen. Seine Expertise umfasste terroristische, politische und religiöse Angelegenheiten, alles mit irrationaler Motivation oder komplexer menschlicher Interaktion, das sich dem Verständnis der streng logischen Routinen der Gov-KIs entzog. Ein einzelner Todesfall, auch wenn er sich als Verbrechen herausstellen sollte, war nicht seine Flughöhe. Er sah sich selbst eher etwas romantisch in der Tradition der Geheimdienste des 20. Jahrhunderts, nicht als plattfüßigen Mordermittler.
Seufzend verließ er die Wohnung und versuchte nochmals, die EuroGov-KI direkt zu kontaktieren. Sein BrainAssistent konnte zwar wieder auf die öffentliche digitale Sphäre zugreifen, bekam aber keine Antwort. Meyr fluchte leise. Er sehnte sich nach einem anständigen Kaffee, einer Rasur und Sebastien. Die meisten Leute, die mit ihm zu tun hatten, würden ihn wohl als zynischen, einzelgängerischen Hurensohn bezeichnen. Aber die kannten eben Sebastien nicht. Meyr grinste vor sich hin und hoffte, Graigh habe seine Nachricht erhalten und Sebastien bereits abgeholt.
Zögernd näherte sich eines der feschen EuroGov-Kids, räusperte sich und versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wortlos gab er ihr zu verstehen, sich zu äußern.
»Sie werden auf dem Dach erwartet, Sir«, informierte ihn die junge Agentin. Es fehlte nicht viel und sie hätte salutiert. Meyr unterdrückte ein Schmunzeln und nickte bestätigend. Vielleicht würde sich jetzt jemand die Mühe machen, ihn aufzuklären. Er schritt an den tuschelnden Agenten vorbei durch den leeren, mit Farben ebenfalls übersättigten Korridor zum Aufzug. Die Türen lasen seine Identifikation, gaben die Kabine frei und zeigten ihm einen smarten Spiegel mit einem verjüngten, muskulöseren Meyr. Er hasste diese allgegenwärtige visuelle Optimierung in der Welt der Corpos, diesen visuellen Betrug, der außer dem eigenen Ego niemanden täuschte. Er selbst konnte eine gewisse Eitelkeit nicht abstreiten, aber seine Schwäche war von der altmodischen Sorte, die ihn bei über 30 Grad teure, dreiteilige Anzüge tragen ließ.
Nach einem kurzen Ziehen im Magen durch Beschleunigung und Bremsweg öffnete sich die Tür, und er stand vor der mit reflektierenden Streifen markierten Dachparkfläche für die Gleiter der Mieter. Er hielt eine Sekunde unmittelbar vor dem Lift inne, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Quer vor dem Eingang spiegelten sich die nächtlichen Positionslichter der Landezone im Lack einer langen, schwarzen Limousine italienischer Bauart. Das typische Corpo-Gefährt mit schwerer Panzerung und kaum versteckten Waffenklappen. Meyr zögerte kurz, als sich die Tür im Fond der Limousine öffnete und ein großer Mann mit strengem Kurzhaarschnitt und glatt rasiertem Gesicht ausstieg. Der teure, kugelsichere Anzug aus synthetischer Spinnenseide und die taktische Sonnenbrille mitten in der Nacht ließen den Profi erkennen. Wahrscheinlich ein Corpo-Samurai, auch wenn Meyr keine Nadel mit dem Firmenlogo am Revers ausmachen konnte. Aus reinem Reflex bewegte sich seine rechte Hand ein paar Zentimeter Richtung Rücken, wo in einem flachen Holster seine kleine, oft unterschätzte Karbon-Beretta U44 Flechette schlummerte. Doch er korrigierte seine erste Einschätzung sogleich, als er die handgefertigten Knöpfe mit dem doppelten M an den tadellosen weißen Manschetten entdeckte. Nicht Corpo oder Zaibatsu – aktive Sicherheitsagenten würden niemals Manschettenknöpfe tragen, mit denen sie im Ernstfall irgendwo hängen bleiben konnten. Vor ihm stand eher ein Senior-Operative einer exklusiven Anwaltskanzlei.
»Mr. Meyr? Mein Name ist Capitani, ich vertrete für Mertens&Mertens Consulting die Interessen von EuroGov in dieser Angelegenheit. Wir haben Sie hierherfliegen lassen.«
»Vertreten? Warum spricht das EuroGov-Team nicht direkt mit mir?«
»Mir sind die Beweggründe der Regierungs-Entität nicht bekannt, aber ich kann Ihnen versichern, dass Mertens&Mertens autorisiert ist, im Namen von EuroGov zu sprechen.« Mit einer knappen Bewegung schickte er eine Datei auf Meyrs BrainAssistenten, die mit vielen Siegeln und Codes bestätigte, dass Capitani der war, für den er sich ausgab.
»O. k., dann können Sie mich vielleicht aufklären, was genau ich hier mache? Für eine Tote in einer Mietwohnung wären ohne Zweifel die lokalen Sicherheitsdienstleister ausreichend, dafür hätte man mich nicht aus meinem Wohnzimmer zerren müssen.«
»Das ist zutreffend. Aber die Tote ist die verantwortliche Chef-Coderin der NordKanGov-KI, Geheimnisträgerin und zurzeit die einzige Person mit Admin-Zugriff auf den KI-Core der NordKanGov. Folgendes ist streng vertraulich: Die NordKanGov-KI erlitt einen katatonischen Zusammenbruch und konnte nur durch das Eingreifen dieser Programmiererin wiederhergestellt werden. Danach verschwand sie und tauchte tot hier wieder auf. EuroGov übernimmt sämtliche Ermittlungen in diesem Fall, da die Leiche in ihrem Zuständigkeitsgebiet gefunden wurde. Und das ist noch nicht alles. Inzwischen wurde ein weiterer Vorfall gemeldet. Vor drei Stunden gab es einen Angriff auf die Server der EuroGov-Dependance in Zürich. Die EuroGov-KI geht von einem direkten Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen aus und bittet Sie höflich, diesen Auftrag anzunehmen.«
Meyr lächelte. Wenigstens wusste er jetzt, warum man gerade ihn mobilisiert hatte. Angriffe auf 1er-KIs waren sein Spezialgebiet. Nett war, dass die KI ihn darum »bat«, während sie ihn gleichzeitig von Agenten aus der Wohnung schleppen ließ. Aber er schuldete der KI einiges und hatte es bisher nicht bereut, seine Schulden zu bezahlen. Dass sie hier nur über Proxys mit ihm kommunizierte, verletzte sogar ein bisschen seinen Stolz. Irgendwas schien dieses Mal anders zu sein.
»Wer ist an der Sache dran? Wen hat die KI in der Schweiz mit dem Fall betraut?«
»Die zwei großen Dienstleister Axa und Zurich Security Corpo decken die Routineaufgaben wie Spurensicherung und Datenrecherche ab. Sie sind bereits als Ermittlungskoordinatoren mit Weisungsbefugnis vor Ort eingesetzt. EuroGov wünscht, dass Sie sich unverzüglich auf den Weg zum zweiten Tatort machen. Ihnen steht unsere Limousine zur Verfügung, sie ist etwas unauffälliger als der Regierungsgleiter, mit dem Sie hergekommen sind. Ich werde Sie begleiten.«
Meyr blickte Richtung Meer und dachte nach. Er hatte gemischte Erinnerungen an seine Zeit in Zürich. Er fühlte sich überrumpelt. Tief atmete er durch, nickte Capitani zu und wies Richtung Wagentür.
»Zürich, hm?«, brummte er vor sich hin, als er sich in die weichen Polster sinken ließ. Er spürte eine ungewohnte Nostalgie aufkeimen und folgte seiner Intuition. Die kleine Schildkröte, die er eingepackt hatte, schien warm zu pulsieren. Er bereitete sich mental darauf vor, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Er hätte nie erwartet, nochmals mit den Spinnern von Gates of Hell zusammenzutreffen, doch das Leben hielt immer wieder Überraschungen bereit. Dann schmunzelte er. An Capitani gewandt, der sich im Fahrersitz niedergelassen hatte, meinte er: »Ich hätte da eine Bitte, was die Ermittlungen angeht. Kontaktieren Sie vor Ort folgende Agentur, und stellen Sie sicher, dass sie mir zur Seite steht …«
Dann stellte er über seinen BrainAssistenten eine kleine Anzeige in den lokalen Cyberspace in Zürich. Seine alten Freunde würden sich sicher melden.
Die alte, scheppernde Türklingel hämmerte sich in Leas verwaschenen Traum, in dem sie durch die Luft flog und in Zeitlupe Blätter an Bäumen zählte. Erfolglos ignorierte ihr Unterbewusstsein die penetranten Kadenzen der Glocke, die sich bereits ein Duett mit dem Pochen ihrer aufflackernden Kopfschmerzen lieferten. Grunzend weigerte sie sich, die Augen zu öffnen, und verfluchte die Klingel, das Universum und den ganzen Rest. Eine Zeitangabe erschien unaufgefordert hinter ihren geschlossenen Lidern. Offenbar hatte sie Calis höhere Funktionen irgendwann in der letzten Nacht wieder aktiviert. Das taktische Cali7-KI-Betriebssystem steuerte nicht nur ihre Prothese, sondern diente Lea auch als KI-Assistentin und lebte mehr oder weniger als Untermieterin in ihrem Kopf.
»Da sucht jemand deine Aufmerksamkeit«, meldete sich Cali mental. »Die Klingel gibt seit 2 Minuten und 47 Sekunden dieses Geräusch von sich. Ich musste mich entscheiden, ob ich dich mit einem kleinen Elektroschock wecken oder der Sache ihren Lauf lassen sollte.«
»Grngnl«, antwortete Lea aus einem mit Wodka imprägnierten Hals. Wenn sie der Zeit- und Datumsangabe in ihrem Auge trauen konnte, hatte sie drei Tage durchgemacht. Shit. Ihre neunzig Tage trocken und clean waren wieder im Arsch. Ihre Therapeutin würde nicht glücklich sein, ihre Ex-Freundin auch nicht. Sie hasste sich dafür, und sie hasste sich gleich nochmals, weil sie ihrer KI-Freundin im Suff den Saft abgedreht hatte.
Sie hätte es sich ausrechnen können, als sie den Auftrag annahm. Drei abenteuerlustige Corpo-Touristen zu »beschützen«, die sich der Illusion von Intensität und Realness hingaben, während sie zwischen Flüchtlingen, Gangstern und den Prostituierten der Innenstadt ein paar Drinks reinkippten, konnte nicht gut für sie enden. Dass sich die Kids lokale Bodyguards leisteten, gehörte zum Szenario, auch wenn ihnen neben überteuerten Drinks und einer guten, alten Syphilis keine größere Gefahr drohte. Die Corpo-Kids hatten darauf bestanden, mit ihr anzustoßen, immer wieder, wohl um die existenzielle Scham, die reiche Touristen in der verarmten Innenstadt immer befällt, mit einem Gefühl der Verbrüderung in Schach zu halten.
Der Besucher an der Tür zeigte Ausdauer im Traktieren der Glocke. Lea schluckte angewidert die aufstoßende Magensäure herunter und atmete tief durch, um sich nicht aus Wut und Scham zu übergeben. Ächzend zwang sie die verklebten Lider auseinander und blinzelte in die schmerzhaften Lichtklingen zwischen den Holzblenden, die die schwebenden Staubteilchen im Halbdunkel ihrer Schlafecke wie Glühwürmchen aufleuchten ließen. Sie schälte sich aus den säuerlich riechenden Bettlaken und schwang die Beine zu schnell von der Matratze. Der Raum drehte sich, und sie schloss die Augen wieder. Schweiß lief ihr über Gesicht und Rücken. Seit die Klimaanlage ihren Dienst nicht mehr versah, sank die Raumtemperatur auch nachts kaum mehr unter 23 Grad. Tief einatmend versuchte Lea mit mäßigem Erfolg, die schlimmsten Auswirkungen des Katers durch reine Willenskraft zu unterdrücken. Mit ihrer natürlichen Hand rieb sie sich den Juckreiz aus den trockenen Augen. Während die Türklingel weiter die Stille terrorisierte, trank sie leicht angewidert den letzten lauwarmen Schluck ihrer Trinkwasserzuteilung aus der trüben Glasflasche neben dem Bett. Niemand, der Lea kannte, würde um diese Zeit mit ihr sprechen wollen. Alle würden ihr an einem Morgen nach einem Quartalsabsturz in weitem Bogen aus dem Weg gehen.
Gnadenlos projizierte Cali ihr den aktuellen Feed an persönlichen Nachrichten, Newsbeiträgen und Sonderangeboten auf die Netzhaut. »Dir auch einen guten Morgen«, begrüßte Lea die KI-Freundin giftig. Die illegal erweiterte KI, militärische Standardausgabe, verfügte über eine organisch gewachsene Persönlichkeit, die sich nicht von Leas schlechter Laune beeindrucken ließ.
»Wenn Madame jetzt aufstehen und den Besuch einlassen würde«, antwortete sie herablassend.
Lea kramte abgelaufene Kopfschmerztabletten aus der Nachttischschublade, bereute kurz, das Wasser bereits geleert zu haben, und schluckte die widerlichen Pillen trocken.
»Cali, Antwort an Chris, mit der üblichen Entschuldigung, Herzchen und so. Frag sie nach einem Termin fürs Update morgen Nachmittag«, wies sie ihre Assistentin mental an. Mit ihrer Therapeutin würde sie direkt sprechen müssen, sobald sie sich dazu fähig fühlte. Cali ließ kurz die Karikatur eines betrunkenen weiblichen Flaschengeistes in ihrem rechten Auge aufblitzen, der sich demütig bis zum Boden geneigt aus dem Blickfeld zurückzog. Das hatte man davon, wenn das integrierte Betriebssystem der eigenen Prothese über ein Turing-level 12 verfügte – KI-Humor der schlechten Sorte.
»Ich hab damit begonnen, den Restalkohol und die anderen Gifte aus deinem Blut zu filtern. Es wäre angebracht, wenn du zur Toilette wanken und deine Blase leeren würdest. Mit dem Gemisch, das sich da angesammelt hat, könnte man Raketen betreiben. Wenn schon reiche Kids deine Drinks zahlen, könntest du drauf achten, nicht den billigsten Fusel reinzukippen.« Die KI hasste es, wenn Lea während ihrer Sauftouren ihre kognitiven Programme aussetzte. Wie sollte sie ihre Trägerin so beschützen können? Lea grunzte und wankte folgsam durch den halbdunklen Raum ins Bad, setzte sich auf den angenehm kühlen Klositz und leerte ihre Blase.
Nachdem das erledigt war, kehrte sie ins Loft zurück und griff sich die zerknitterte leichte Feldhose mit den viel zu vielen Taschen vom Sofa, um sie dann wechselseitig hüpfend über Knie und Hintern zu zerren. Der Raum drehte sich wieder. Wenigstens hatte sie sich von einem Dauerjunkie zu einer mittelmäßigen Quartalssäuferin entwickelt, das war doch immerhin etwas. Auf dem Wäscheberg hinter dem Raumtrenner aus blau gemustertem japanischem Papier fand sie einen schwarzen Sport-BH, roch daran und zog ihn achselzuckend über Kopf und Schultern. Auf dem Weg zum vorderen, abgetrennten Teil ihrer Wohnung, der ihr als Büro diente, schlüpfte sie in ein leichtes Flanellhemd. Ihr kinnlanges, lockiges Gestrubbel verschwand unter einer hellbraunen Che-Mütze, die Füße blieben nackt. Die Fensterspiegelung zeigte ihr das Bild einer jungen Frau mit etwas zu großem Mund, Stupsnase, Sommersprossen und schwer verquollenen Augen, absolut nicht bereit für Interaktion mit Menschen. Sie atmete kurz in ihre Hand und verzog angewidert das Gesicht. Es roch nach etwas Verendetem und viel Erbrochenem. »Besuch vor dem ersten Kaffee sollte unter Todesstrafe stehen«, brummte sie. Leider durfte sie den Besucher nicht ignorieren, da es sich um einen Klienten handeln könnte, was wiederum Geld bedeutete. Die einst gut laufende Agentur ihrer Mutter litt in den letzten drei Jahren unter dem Lebensstil der jetzigen Besitzerin. Seit ein paar Wochen kam das Geschäft zwar langsam wieder in Fahrt – meist kleine Aufträge, Suche nach Vermissten, Aufklärung kleinerer Diebstähle –, aber wenn sie sich wieder Abstürze dieser Größenordnung leistete, konnte sie sich bald nach einem neuen Beruf umsehen. Sie riss sich zusammen, streckte sich durch und wappnete sich für den Besuch.
»Verdammte Scheiße! Eine Minute!«, schrie sie in Richtung Treppenhaus. Das brachte die Klingel endlich zum Verstummen. Sie schloss den Durchgang zum Wohnbereich, klaubte eine zerknüllte Packung Nic Vader aus einer der vielen Taschen ihrer Hose und steckte sich eine an. Tief inhalierend seufzte sie. Rauchschwaden hinter sich herziehend ging sie durch den Raum und blieb neben dem massiven Holzschreibtisch stehen, um einen Blick auf die Tür zu werfen. Als ihre Mutter damals die Agentur gründete, ließ sie die altmodische, mit Glas durchbrochene Holztür einsetzen, klassisch mit dem Retro-Logo auf der Milchglasscheibe. Das entsprach zwar nicht den letzten Sicherheitsstandards, war aber ein Statement. Der Name »All Security Services« – und das daraus entstehende Kürzel ASS – war der flache, humoristische Beitrag ihres Vaters an die Agentur. Der Vorteil alter Milchglastüren war, dass man im Gegenlicht des Flurs ziemlich gut abschätzen konnte, wer zu Besuch kam. Hinter den aufgeklebten Buchstaben zeichnete sich die Silhouette eines einzelnen Mannes ab, groß, schlank, breit in den Schultern, ohne Hut. Cali scannte unaufgefordert nach Waffen und einer virtuellen Kennung, aber der Besucher schirmte offenbar seinen BrainAssistenten ab. Keine Möglichkeit zur Identifikation, aber auch keine offensichtlichen Waffensignaturen. Lea runzelte die Stirn, gab dann aber grünes Licht, und Cali ließ das Türschloss aufschnappen.
Der Mann in der offenen Tür roch nach Macht und teurem Aftershave, was in Leas geschundener Kehle einen kurzen Würgereflex auslöste. Er hatte die harte Aura und die aufrechte Körperhaltung eines ehemaligen Soldaten. Corpo-Samurai oder Sicherheitsspezialist. Um die vierzig, scharf rasiert, Sonnenbrille um 7.30 Uhr morgens. Maßgeschneiderter, kugelsicherer Anzug. Teuer. Alles nette Dinge, die Leas Alarmglocken schrillen ließen. Sie fragte sich, in was für Schwierigkeiten sie sich in den letzten drei Tagen wohl geritten hatte.
»Lea Walker? Besitzerin der All Security Services?«, fragte der Mann höflich in den halbdunklen Raum.
»Sie dürfen ruhig ASS sagen. Ist ein Running Gag. Zu Diensten.« Lea ließ Cali mit einem mentalen Befehl die Beleuchtung etwas hochfahren. Die Helligkeit stach durch ihre Augen direkt irgendwo in den Hinterkopf.
Der Besucher machte einen zögerlichen Schritt in den Raum, blieb stehen und sah sich kurz um. Er hielt ein schwarzes Köfferchen vor sich in den großen Händen. Die Tür schloss sich automatisch. Mit einem vagen Wink in Richtung des alten Besuchersessels setzte Lea sich in den mit Kissen erhöhten Drehstuhl hinter ihrem Schreibtisch. Der Mann kam ein paar Schritte auf sie zu, machte aber keine Anstalten, sich auf dem schäbigen Sessel niederzulassen.
»Lea Walker, 28, Sicherheitsspezialistin PE-Stufe 4 mit der Lizenz, in allen staatlichen und korporativen Bereichen zu ermitteln. Sie sind befugt, Waffen zu tragen und Recht nach den Konventionen von ’62 durchzusetzen?«, fragte der Mann nochmals.
Lea wedelte ungeduldig durch den Zigarettenrauch. »Ja, ja, das hatten wir doch schon, das bin ich.« Sie wollte ihn nicht darauf hinweisen, dass sie die Lizenz und das Unternehmen von ihrer Mutter geerbt hatte wie die Flanellhemden von ihrem Vater. Ihre Agentur untersuchte höchstens noch kleine Ressourcendiebstähle und mehr oder minder private Streitigkeiten, und ihre alte Waffe hatte zwar Wumms, verfügte aber noch über genau siebenunddreißig Patronen. Die Munition wurde nicht mehr hergestellt. Lea ließ sie von ihrer Ex-Freundin, die einen Hang zu Nostalgie und SchwarzTech hatte, extra nachbilden.
»Und wer sind Sie? Axa? Zurich? Stecke ich in irgendwelchen Schwierigkeiten, die über meinen grauenhaften Kater hinausgehen?«
»Mein Name ist Capitani von Mertens&Mertens Consulting. Wir vertreten die Interessen der EuroGov-KI in der Sonderzone Schweiz und möchten Ihre Dienste in Anspruch nehmen.«
Lea seufzte innerlich. Der Mann verarschte sie. Sie kramte eine weitere Zigarette aus der zerquetschten Packung, was ihrem stoischen Gegenüber nicht mal eine gehobene Augenbraue entlockte. Lea konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wozu eine Instanz wie EuroGov die Dienste einer kleinen, abgestürzten Zürcher Privatermittlerin brauchen könnte. Die EuroGov-KI repräsentierte eine Macht, die sogar die gefürchteten asiatischen Zaibatsus und Corpos wie verwahrloste Straßenhändler aussehen ließ. Kurz: EuroGov verfügte über ganze Armeen von Sicherheitskräften und Ermittlungsspezialisten. Wortwörtlich. Da von Capitani nichts mehr zu kommen schien, räusperte sie sich und fragte nach. »EuroGov, hm? Und wie kann meine Wenigkeit der mächtigsten KI des Kontinents helfen? Die Regierungssuperintelligenz hat doch sicher genug Goons, um ihre Interessen zu vertreten?«
Capitani ignorierte die subtile Beleidigung. »Das ist korrekt. Aber leider haben die EuroGov-Spezialisten keine Lizenz, um hier in der unabhängigen Enklave Schweiz vollumfänglich Recht durchzusetzen. Mit dem Vertrag von 2062 wurde die operative Rechtshoheit einzig den hier ansässigen Unternehmen zugestanden. Und außerdem sind unsere Spezialisten ortsfremd und kennen sich hier nicht so gut aus. Deshalb braucht unsere Klientin eine lokale Agentur.«
Lea glaubte ihm kein Wort. Nicht mal verkatert ließ sie sich von diesem Bullshit irreführen. EuroGov zögerte keine Sekunde, auch in der Schweizer Enklave ohne Skrupel ihre Interessen durchzusetzen. Wenn sie dabei humanen Nassschaden verursachte, zahlte sie einfach die fällige Strafe.
»Klar. Kommen Sie zum Punkt. Was wollen Sie genau?«
Capitani nahm endlich seine taktische Sonnenbrille ab. »Es handelt sich um folgende Angelegenheit: In der Nacht auf heute fand ein Einbruch bei der EuroGov-Dependance in Zürich statt, oben im Universitätsviertel. Unbekannte brachen in die Vertretung ein und verschafften sich Zugang zur Hardware, die die Verbindung zwischen Zürich und dem Hauptsitz Brüssel koordiniert. Die internen Firewalls schützten die Integrität der Verbindung und der KI-Instanz, doch bevor der hauseigene Sicherheitsdienst sich die Eindringlinge greifen konnte, lösten sie sich in Luft auf. Daraufhin vernichtete eine Bombe vor Ort sämtliche Server und damit auch jegliche digitalen Spuren. Gleichzeitig kompromittierten die Angreifer die Haus-KI mit einem militärischen Virus und verhinderten so Aufzeichnungen durch die hauseigene Sicherheitsinfrastruktur.«
Lea zog an ihrer Zigarette, blies den Rauch gegen den defekten Deckenventilator und legte den Kopf schief. »Right. Und mit so was kommen Sie zu mir? Das wäre eine Sache für die großen Sicherheitsabteilungen von Axa oder Zurich. Und auch für die wär das wohl eher Big Business. Himmel, ich lebe hier in der Innenstadt und war selbst noch nie im Univiertel. Ich bin eine kleine, unabhängige Ermittlerin mit beschränkten Ressourcen, die sich hauptsächlich mit physischen Diebstählen von Hardware und untreuen Scamps aus der Nachbarschaft beschäftigt. Ich werde nicht mal zu so einem Tatort vorgelassen, geschweige denn, dass ich wüsste, wo ich eine solche Ermittlung beginnen sollte.«
»EuroGov hat natürlich eine gemeinsame Taskforce aus Ermittlern und Forensikern von Axa und ZSC beauftragt. Sie sind als Ergänzung mit Außenperspektive gefragt. Unser Problem ist, dass wir den Sicherheitsunternehmen nicht vollumfänglich trauen. Die beiden Konzerne haben eigene geschäftliche und politische Interessen, die den Ermittlungsvorgang und die Ergebnisse beeinflussen könnten. Zudem legt EuroGov bei diesen Ermittlungen Wert auf Diskretion, was bei großen Ermittlungsteams schwierig zu gewährleisten ist. Ihre Agentur beziehungsweise Ihre Person wurde für diesen Fall speziell angefordert. Wir haben Sie sorgfältig überprüfen lassen. Sie gelten als unabhängig und haben den Ruf unbedingter Integrität, auch wenn Ihnen eine schwierige Persönlichkeit attestiert wird.«
Lea fragte sich, wer so schwachsinnig war, eine Ex-Süchtige mit fehlender Impulskontrolle für eine Ermittlung dieser Größenordnung zu empfehlen. Dann reagierten ihre verlangsamten Hirnzellen: »Wer zum Teufel hat mir eine schwierige Persönlichkeit …«
Capitani fuhr ungerührt fort: »Die üblichen digitalen Spuren, die von der EuroGov-KI untersucht wurden, führten ins Nichts. Und wenn eine Gov-KI nichts finden kann, können auch die Security-Techs und Coder der großen Agenturen nichts finden. Damit wird der Ermittlungsansatz analog und physisch. Das ist Ihre Spezialität, wenn wir richtig informiert sind. Für diesen Anschlag brauchten die Angreifer physische Präsenz und lokalen Support. Und da ist Ihre Expertise gewünscht.«
»O. k., Klartext: Ihr seid verzweifelt und greift nach jedem Strohhalm, um ein wenig bei den lokalen Kriminellen rumzustochern, weil diese die Corpo-Kampfstiefel schon eine Meile gegen den Wind riechen würden. Nett.« Langsam konnte sich Lea erklären, warum der Mann frühmorgens in ihrem Büro stand.
Capitani ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Wir stellen Ihnen in vernünftigem Rahmen alle benötigten Ressourcen zur Verfügung. Die EuroGov-KI hat für Sie bei der Schweizer Enklaven-KI bereits eine Aufstufung auf PE-Stufe 7 beantragt und bezahlt. Die PE-Stufe bleibt Ihnen erhalten, auch wenn Sie den Auftrag ablehnen sollten oder ihn aus irgendwelchen Gründen nicht zu Ende führen können oder wollen. Sie arbeiten unabhängig von der Taskforce, haben aber Zugriff auf alle Ermittlungsergebnisse und in gewissem Maße Weisungsbefugnis, wenn Sie auf die Unterstützung der Taskforce angewiesen sind.«
Jetzt wurde Lea langsam wach, sie setzte sich aufrecht hin. Weisungsbefugnis über eine Corpo-Taskforce? Das war Wahnsinn. Niemand würde eine junge Detektivin mit zweifelhaftem Ruf einer Corpo-Taskforce vor die Nase setzen. Eine bezahlte Aufstufung? Normalerweise dauerte es zehn oder mehr Jahre, bis man sich eine Stufe 7 verdiente. Das heißt, wenn man es sich finanziell überhaupt leisten konnte. Und … Moment! »Was zum Teufel bedeutet ›alle benötigten Ressourcen‹?«
»Ihnen steht ein von EuroGov gedecktes Konto ohne Limit zur Verfügung. Sollten Sie jedoch ein orbittaugliches Shuttle kaufen wollen, wäre es sicher von Vorteil, wenn Sie erst mit mir Rücksprache nehmen würden. Mertens&Mertens steht Ihnen in meiner Person für alle administrativen Angelegenheiten zur Verfügung. Für alles Ermittlungstechnische ist der leitende Spezialist zuständig.«
Mit einer Daumenbewegung entriegelte Capitani das biometrische Schloss seines Köfferchens, holte einen kleinen Stift heraus, beugte sich vor und legte ihn auf die zerkratzte Schreibtischplatte. »Hier finden Sie meine direkte Nummer, alle relevanten Informationen zum Angriff, inklusive des wenigen Materials der Überwachungseinheiten. Ah, und natürlich ihre EuroGov-Credentials, Ihre neue Bankverbindung und Ihr Zertifikat Stufe 7.«
Lea griff nach dem kristallinen Speicherstift, betrachtete das veraltete Utensil und legte es neben den Aschenbecher.
»Ich habe nicht gesagt, dass ich den Auftrag annehme. Und warum haben Sie mich nicht übers Netz kontaktiert?«
»Soweit wir informiert sind, liegt Ihnen der Cyberspace nicht besonders. Das ist ein weiteres Kriterium, das Sie für diesen Fall prädestiniert. In dieser Ermittlung wünscht unsere Klientin so wenig virtuelle Kommunikation wie möglich, bis wir wissen, wie weit die digitale Integrität des EuroGov-Netzes kompromittiert ist. Soweit uns bekannt ist, verfügen Sie über eine Cali7-Prothese, deren Firewalls Sie gegen Angriffe aus dem Web schützen. Benutzen Sie sie als Zwischenspeicher, das sollte sicher genug sein.«
»Ich bin doch keine externe Speicherplatte …«, motzte Cali in Leas Hörnerv.
»Falls Sie den Auftrag übernehmen, werden Sie um 11.00 Uhr am Tatort erwartet. Ihr Kontakt, der Spezialist Patrik Meyr, wird Sie dort auf den aktuellen Stand der Ermittlungen bringen.«
Cali ließ die Karikatur eines roten Alarmlichts in Leas Sichtfeld blinken. »Das riecht alles nach riesengroßer Affenscheiße. Eine Falle, ganz sicher eine Falle. Jede Menge Geld und Pipifax und Feenstaub einfach so für dich. Das ist eine Scheißfalle«, warnte sie in Leas Ohr.
Lea seufzte. »Schon klar. Aber wir schauen uns das Ganze mal an«, antworte sie mental. Sie bräuchten das Geld dringend.
Sie gab sich einen Ruck und wandte sich wieder an Capitani: »Ich werde den Tatort begutachten und mir ein Bild der ganzen Angelegenheit machen. Danach werde ich entscheiden, ob ich den Fall übernehme. So oder so werden Sie mir den dafür geleisteten Aufwand bis heute Abend auf Stufe 7 vergüten und einen Bonus von 500 ECs drauflegen.«
»Das ist annehmbar. Danke für Ihre Zeit.« Capitani nickte Lea zu, drehte sich um und schloss die Tür im Hinausgehen ohne das geringste Klirren des Glases.
Lea lehnte gedankenverloren mit einer leeren Tasse an der freistehenden Küchenbar im Wohnbereich. Cali scrollte den Medien-Newsfeed durchs Sichtfeld. Die beherrschende Geschichte war noch immer der Klimaflüchtlings-Trail, der von Nordfrankreich Richtung Alpen marschierte. Die Regionen im Innern des Kontinents waren bereits überbeansprucht, und die Bevölkerung reagierte wie immer mit Hass und Ablehnung auf zusätzliche hungrige Mäuler. Die KI-Initiative, die den Flüchtlingsstrom koordinierte und für die Verteilung der Ressourcen zuständig war, versuchte, mit einer groß angelegten Medienkampagne Sympathien zu schaffen. Die andere große Geschichte handelte von einer Brachial-Pop-Sängerin, die sich illegal eigene, geklonte Eizellen hatte einsetzen lassen, weil »sie ihr Talent auch der nächsten Generation erhalten« wollte. Einige Korruptionsfälle und zwei Morde in den Lokalnews, aber da war keine Erwähnung eines Zwischenfalls im Univiertel. Das musste nichts bedeuten. Wenn Mächte wie EuroGov darin verwickelt sind, werden die News einfach redigiert. Sie konnte sich noch immer nicht erklären, warum man gerade sie als lokale Agentur ausgewählt hatte, aber das Geld schien solide, und sie konnte es brauchen. Missmutig betrachtete sie den leeren Wassertank ihrer geliebten DeLonghi und überlegte sich, ob sie ein bisschen was aus dem ungefilterten Duschwasservorrat für eine schnelle Tasse Kaffee abzweigen sollte. Verkatert und ohne Morgenkaffee war sie völlig unbrauchbar. Und das konnte sie sich jetzt einfach nicht leisten. Trotz der offensichtlichen Ungereimtheiten bei ihrem neuen Auftraggeber konnte dies die Chance sein, endlich wieder auf die Beine zu kommen. Angebote dieser Größenordnung klopften nicht jeden Tag an ihre Tür. Cali schien ihre Gedanken zu erraten und blendete kurz die letzte empfangene Nachricht ein. Ihr Kontostand hatte sich gerade mit 500 ECs aus dem Minus in lange nicht gekannte Höhen geschwungen. Capitani verlor keine Zeit. Sie stellte die leere Tasse hin, schlüpfte in ihre Chucks und verließ das Appartement.
Das alte Gebäude verfügte über keinen Lift, und die gedrechselten, von der Zeit und zehntausend Händen abgeschliffenen Geländerläufe des Treppenhauses verbreiteten den Geruch jahrzehntealter Holzpolitur. Das Haus hätte etwas Zuwendung, na ja, eine Vollrenovation brauchen können. Sie hätte sich auch gerne beim Besitzer beschwert, aber leider gehörte das Gebäude ihr.
Ihr Work-Life-Loft nahm die erste Etage des ehemaligen städtischen Polizeigebäudes aus dem späten 19. Jahrhundert ein, ein Eckhaus gleich neben dem ausgetrockneten Flussbett der Sihl und keine zwei Minuten vom ehemaligen Hauptbahnhof entfernt. Früher, bevor die Innenstädte mehr oder weniger zu Ghettos verfielen, war diese Gegend mal eine der teureren der Stadt gewesen, auch wenn ihr Block den städtebaulichen Aufwertungshunger der Zwanziger überlebt hatte. Hier war sie aufgewachsen, hier kannte man sie, hier ließ man sie in Ruhe. Das war das Wichtigste.
Sie teilte sich das Gebäude mit zwei anderen Parteien, die mehr oder minder regelmäßig Miete bezahlten. Im Parterre führte Phil, ein alter Freund ihres verstorbenen Vaters und eine Art Ersatzonkel, seinen Gemischtwarenladen, in dem er neben Essen und Getränken so ziemlich alles anbot, was keine längeren Gefängnisstrafen nach sich zog. Die obersten zwei Etagen belegte die legendäre Klara mit ihren Schützlingen.
Auf dem letzten Treppenabsatz begegnete Lea Lucille, einem von Klaras nicht mehr ganz jungen Schäfchen, die sich nach durchgearbeiteter Nacht vor der Hitze des Tages flüchtete. Klara, sechzig Kilo sehnige Muskeln und zwanzig Kilo fürsorgliches Herz, betrieb auf ihren zwei Etagen eine Art sicheren Hafen für gefallene Jungs und Mädchen. Die Nachtvögelchen aus dem Viertel bekamen dort ein Bett, etwas zu essen und Schutz vor betrunkenen Freiern, gewalttätigen Ex-Freunden und aufdringlichen Bullen. Niemand legte sich mit Klara an. Es ging das Gerücht, sie sei in einem früheren Leben Elitesoldatin in der israelischen Armee gewesen, und wenn man einmal gesehen hatte, wie sie zwei korrupte Privatbullen ohne den geringsten Aufwand die Treppe hinunterbeförderte, neigte man dazu, den Gerüchten zu glauben. Meist beherbergte sie zehn oder zwölf mehr oder weniger junge Sexworker aus den umliegenden Straßen, half ihnen bei Rechtlichem, schickte sie zum Arzt, brachte ihnen irgendeine israelische Selbstverteidigungstechnik bei und bemutterte sie mit überfließender Herzensgüte. Seit Lea einmal einen besoffenen, aggressiven Freier im Treppenhaus abgefangen und vor die Haustür gestellt hatte, fühlte sich Klara auch für »das junge Ding mit dem hübschen Arm« verantwortlich und hatte sie de facto adoptiert.
Lea schob ein altes, im Weg stehendes Elektrofahrrad zur Seite und öffnete mit ihrer kräftigen Hand die Tür. Oft klemmten die Schlösser, da Metall und Holz sich bereits morgens in der Hitze ausdehnten. Sie trat auf die Straße in ein Gewimmel von Menschen jeglicher Herkunft, die im Schutz der rissigen, bleichen Sonnensegel ihren Geschäften nachgingen. Hier grenzte Shantytown, das sich das Flussbett entlang durch die Stadt schob, an das heruntergekommene Vergnügungsviertel mit den billigen Bars, schäbigen Striplokalen und den Gangs.
Gleich neben dem Hauseingang lungerten wie immer die beiden Sisters herum, deren Glitzertattoos auf den Händen und Totenkopf-Make-up um die Augen sie als Blood-Sister-Gangmitglieder auswiesen. Sie grüßten Lea grinsend mit einer obszönen Geste, Lea antwortete ebenfalls grinsend mit dem Mittelfinger. Ein tägliches Ritual der gegenseitigen Zuneigung. Die Blood Sisters beherrschten diese Straße und den Block weiter südlich. Zwei Straßen weiter westlich begann das Gebiet der Novyy Poryadok, einer leicht faschistischen Gang, die den gescheiterten Reichsgründer Putin verehrte, aber sonst einfach mit ProtoMorph dealte und echte wie virtuelle Bordelle unterhielt. Lea war einige Male mit ihnen aneinandergeraten, was ihr die Sympathien der Blood Sisters eingebracht hatte. Die meisten Gangs der Innenstadt respektierten Lea, die restlichen fürchteten Cali und die von ihr gesteuerte, schwarz-silberne Armprothese, über die die grauenhaftesten Geschichten kursierten.
Lea lächelte, während Cali aufdringliche Werbeholos aus dem digitalen Raum fegte und etwas wie »Ich bin auch ein Spam-Filter« in Leas Gehör brummte. Zwei Hauseingänge weiter kümmerte sich das Büro für Soziales und Migration um frisch eingetroffene Flüchtlinge in Shantytown und stattete sie mit dem Nötigsten zum Überleben aus. Auf der anderen Seite betrieb ein ehemaliger polnischer Arzt ohne Zulassung eine halblegale Klinik, oberflächlich als Apotheke getarnt. Die Stadtbehörden ließen solche kleinen Unregelmäßigkeiten wie die Klinik oder den Schwarzmarkt zu, da sie einen gewissen Druck aus dem fragilen sozialen Gefüge des Flüchtlingscamps nahmen und so schlimmere Kriminalität verhinderten. Die Bewohner Shantytowns hatten zwar das Anrecht auf medizinische Versorgung in den öffentlichen Kliniken unten am Seebecken, aber diese verfügten nicht über die Kapazitäten, um alle zu versorgen. Auch die Bewohner des Viertels nahmen die Dienste des Polen in Anspruch, um sich Zeit und Wege zu sparen.
Lea wich der Auslage eines Jugendlichen aus, der externe Wegwerf-BrainAssistenten in Sonnenbrillenlayout auf einer alten Decke mit Armeelogo anbot. Wahrscheinlich klauten seine Kumpels die Dinger irgendwo in den Corpo-Vierteln, oder sie bezogen sie von den chinesischen Fakern auf der anderen Seite des Bahnhofs, die diese nach gehackten Vorlagen mit billiger Kunststoffbase in ihren 3-D-Druckern fälschten.
Sie bog um die Ecke und stieß beinahe mit Farid, dem alten Sammler, zusammen. Der geschäftige Gauner war wie immer in Berge von löchrigen, nicht besonders hygienisch riechenden Jacken und Decken gehüllt, was seiner Aussage nach die Hitze abhalten sollte. Eine Weisheit seiner Vorfahren aus der Wüste, wie er allen versicherte. Lea bezweifelte insgeheim, dass sich Farid jemals südlicher als beim S-Bahnhof am unteren Seebecken herumgetrieben hatte. Seit sie sich erinnern konnte, lebte der »Sheik« in Shantytown, direkt unter dem ehemaligen Parkhaus. Die einst kleine Ansammlung von Zelten, Hütten und einigen Tramwaggons entstand in den Dreißigern als erster Slum der Stadt, gespiesen von den ersten Strömen der Klimaflüchtlinge aus dem Süden. In den späten Vierzigern kamen dann die Flüchtlinge aus dem Norden hinzu. Farid war in der City aufgewachsen, wie sein Dialekt verriet. Niemand kannte seine Geschichte, aber alle schätzten seine Geschichten, respektierten ihn als graue Eminenz Shantytowns und kauften ihm dann und wann einen seiner im Müll gesammelten Schätze ab. Obwohl sein Äußeres nicht viel hergab und er meist als Bettler unterwegs war, legten sich auch die Gangs des Viertels nicht mit ihm an. Farid und seine Freunde verkörperten den organisierten, wehrhaften Arm des Flüchtlingscamps.
»Lea! Prinzessin!«, grüßte er sie mit ihrem Spitznamen, den die Nachbarschaft schon in ihrer Kindheit von ihrem Vater übernommen hatte. »Hab ’ne Waffe für dich, ’ne richtig gute Waffe!« Er grinste Lea mit einem Mund voller gelber Stummel an und fuchtelte dabei mit einem roten Taschenmesser vor ihrem Gesicht herum. Sie grinste zweifelnd zurück, schnappte sich das Teil und untersuchte es. Die Hauptklinge war abgebrochen, Schere und Flaschenöffner schienen aber noch zu funktionieren. »Wie viel?«
»Zehn«, kam die Antwort, und Farid hielt ihr zur Illustration neuneinhalb Finger vors Gesicht. Wo der letzte halbe abgeblieben war, war sein Geheimnis. »Fünf«, entgegnete sie und ließ Cali fünf ECs auf Farids alte Uhr transferieren. »Gott möge dir Schatten spenden«, bedankte er sich und schlurfte weiter zwischen den Passanten durch die mäßige Morgenhitze Richtung Markt. Lea steckte das Messer in eine ihrer vielen Taschen. Sie drückte sich an drei Kids vorbei, die versuchten, aus den Resten mehrerer alter E-Bikes ein neues zu bauen. Zehn Meter weiter grüßte sie zwei alte Domino-Spieler, die im Schatten konzentriert ihre Steine verschoben.
Dann trat sie durch die Schwingtür in Phils kühlen Süpermarket. Phils Laden war rund um die Uhr geöffnet, und eine Wolke aus flackernden holografischen Glöckchen informierte den Besitzer mit digitalem Geklimper zu jeder Tages- und Nachtzeit über eintretende Kundschaft. Die Shantys schätzten den Laden, da er auch mal Bargeld oder Naturalien als Zahlung akzeptierte, was für Menschen ohne Papiere oft die einzige Währung war. Phil klapperte irgendwo im hinteren Teil bei den mit gefriergetrocknetem Essen und Haushaltswaren gefüllten Regalen herum, bastelte wie immer an einem Haufen antiker Tech, den ihm die Leute als Bezahlung überlassen hatten. Ein Hobby, das ihm die Freundschaft von Leas verstorbenem Vater und damit den Mietvertrag für den Laden eingebracht hatte. »Morgen, Phil. Brauche irgendwas gegen Kater und zwanzig Kanister Trinkwasser. Einen nehm ich gleich mit hoch, fünf kannst du rüber zum Polen stellen, zwei zu Klara. Den Rest hole ich nach und nach.«
»Auch Morgen, Prinzessin«, begrüßte er sie. »Ich hoffe, du nimmst deine alten Gewohnheiten nicht wieder auf. Gerüchte besagen, du seist drei Tage unterwegs gewesen. Und woher so großzügig? Geldscheißer zu Besuch? Oder hat sich ein Klient in deine Agentur verirrt?«
»Beides. Geldscheißer mit einem neuen Auftrag. Und nein, ich hatte nur ein paar üble Nächte. Nix, was ein paar Kopfschmerztabletten nicht wieder kurieren könnten.«
»Ich habe Aspirin aus Militärvorräten und neue Kippen, Nic Vader, die du liebst. Sind hinter dem Tresen.«
Lea griff zwischen einem Ständer für Smartcards von Shizutsu und aufladbaren anonymen Creditchips aus unbekannter Quelle hindurch und schnappte sich zwei Beutel Aspirinpulver und zwei Stangen Zigaretten mit je zehn rotweißen Schachteln. »Brauch noch Milch und Zucker.«
»Zucker ist drüben beim Mehl, Hafermilch im Kühlregal, Mandelmilch ist aus.« Sie sammelte das Gesuchte ein, schnappte sich einen Kanister Wasser von der Palette, ließ den ungefähren Betrag auf das unbeaufsichtigte Tablet auf dem Tresen überweisen und wischte zum Abschied mit ihrer Prothese nochmals durch die Glöckchen.
Wieder im Loft, nach einer ersten Tasse Kaffee aus frischem Wasser, stellte Lea ihren verkaterten Körper unter die Dusche, die sie sich jetzt, mit ihrem neuen Reichtum, leisten konnte. Zwei Monatsrationen Gebrauchswasser hatte sie direkt bei ihrem Unterhaltsdienstleister bestellt und aus dem neu gewonnenen Reichtum bezahlt. Sie ließ den Strahl verschwenderische zehn Minuten laufen, bis Cali ihr einen kleinen, orange-weiß gestreiften Clownfisch aus einem alten Cartoon ins Sichtfeld projizierte.
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