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Als Claire Winter den Autor Küp Seker auf der Buchmesse kontaktiert und ihn bittet, ihr Skript zu veröffentlichen, glaubt Küp beileibe nicht daran, ihrem Wunsch je zu entsprechen. Nachdem er jedoch ungläubig ihr Manuskript gelesen und den Wahrheitsgehalt recherchiert hat, weiß er, dass es seine Pflicht ist, dieses Dokument einer großen und breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Küp Seker hat das Werk von Claire überarbeitet und berichtet nun von ihrer unglaublichen Reise zusammen mit ihrem Freund Steven von Peking mit der Transsibirischen Eisenbahn in Richtung Moskau. Er schildert davon, wie sie Karim, einen indisch-stämmigen Amerikaner kennenlernt, der seines Zeichens der Diener des britischen Thronfolgers Prinz Edward VIII. war. Karim erzählt, wie er zusammen mit dem Prinzen auf dem Dampfschiff, der Britannia III, über das Meer nach Indien fuhr, um zusammen mit ihm an einer Tigerjagd teilzunehmen, und wie der britische Thronfolger die mysteriöse indische Prinzessin Shanti kennen und lieben lernte. Die Erzählung entführt Sie zu wundervollen, teils historischen Schauplätzen in China, der Mongolei, in Großbritannien, Frankreich sowie Indien und Russland, nicht nur mit einer interessanten und schönen Geschichte, sondern auch mit viel Hintergrundwissen über Land und Leute sowie über die jeweiligen Kulturen und Religionen. Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch China, die Mongolei und Sibirien, und sich berauschen von einem Abenteuer einer jungen Amerikanerin zusammen mit einem indischen Diener, das seinesgleichen sucht.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2021
Küp Seker ist ein österreichischer Schriftsteller, Jahrgang 1967, der in Vorarlberg geboren wurde und dort lebt und arbeitet.
Sein literarischer Schwerpunkt ist es, schöne, informative Geschichten zu erzählen und seine Leser aus dem Alltag in ferne Welten zu entführen.
Seine Erzählungen stehen für die Akzeptanz unter den Religionen und Kulturen und sollen durch viele Lebensweisheiten zum Nachdenken anregen.
Als Claire Winter den Autor Küp Seker auf der Buchmesse kontaktiert und ihn bittet, ihr Skript zu veröffentlichen, glaubt Küp beileibe nicht daran, ihrem Wunsch je zu entsprechen. Nachdem er jedoch ungläubig ihr Manuskript gelesen und den Wahrheitsgehalt recherchiert hat, weiß er, dass es seine Pflicht ist, dieses Dokument einer großen und breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Küp Seker hat das Werk von Claire überarbeitet und berichtet nun von ihrer unglaublichen Reise zusammen mit ihrem Freund Steven von Peking mit der Transsibirischen Eisenbahn in Richtung Moskau. Er schildert davon, wie sie Karim, einen indisch-stämmigen Amerikaner kennenlernt, der seines Zeichens der Diener des britischen Thronfolgers Prinz Edward VIII. war.
Karim erzählt, wie er zusammen mit dem Prinzen auf dem Dampfschiff, der Britannia III, über das Meer nach Indien fuhr, um zusammen mit ihm an einer Tigerjagd teilzunehmen, und wie der britische Thronfolger die mysteriöse indische Prinzessin Shanti kennen und lieben lernte.
Die Erzählung entführt Sie zu wundervollen, teils historischen Schauplätzen in China, der Mongolei, in Großbritannien, Frankreich sowie Indien und Russland, nicht nur mit einer interessanten und schönen Geschichte, sondern auch mit viel Hintergrundwissen über Land und Leute sowie über die jeweiligen Kulturen und Religionen.
Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch China, die Mongolei und Sibirien, und sich berauschen von einem Abenteuer einer jungen Amerikanerin zusammen mit einem indischen Diener, das seinesgleichen sucht.
Für Margit und Hans
Frankfurt am Main – Prolog
Versicherung an Eides statt
Empire Zero – INDIA
Peking
Transsibirische Eisenbahn
Calais
Jining I
London
Jining II
Glasgow
Eren Hot
Agra
Ulan Bator
Kaschmir
Drachan
Wular-See
Süchbaatar
Taj Mahal
Gussinoosjorsk
Kolahoi
Burjatien
Buckingham-Palast
Selenga
Wladiwostok
Ulan-Ude
Kalkutta
Transbaikalien
Nertschinks
Tschita
Moskau – Epilog
Nachruf
Es war einer jener verregneten Oktobertage, die kalt und düster vergeblich auf die Sonne warteten. Ich stand bereits seit frühmorgens am Messestand meines Verlags auf der Frankfurter Buchmesse. Meine Zeit war gefüllt mit Lesungen und Autogrammstunden. Mein Verlag ließ mir keine Sekunde Freiraum und zerrte mich mit meinem neuen Roman Kamar & Sun von einem Ereignis zum nächsten. Natürlich erfreute es mich, im Rampenlicht zu stehen und als Newcomer des Jahres gefeiert zu werden, aber nach einigen Tagen Dauerstress waren Wille und Kraft weit außerhalb eines vernünftigen Gleichgewichts.
Da ich mich nach etwas Abwechslung sehnte, stahl ich mich vom Messestand und lief zwischen den Menschenmassen wie ein Hindernisläufer durch den langen Gang. Wir waren im ersten Obergeschoss untergebracht und so fuhr ich über die Rolltreppe ins Erdgeschoss. Auf halber Höhe konnte ich einen Blick ins Innere der Halle im Erdgeschoss erhaschen und hatte einen unglaublichen Überblick über das Treiben in den Gängen sowie über die Personen vor und an den Messeständen. Ich mischte mich unter die anderen Besucher und lief ebenso durch die Ausstellung der Haupthalle. Hier waren die namhaften und wichtigen Verlage angesiedelt. In den schmalen Gängen konnte man nicht mehr selbstständig laufen, sondern wurde wie ein Spielball von einem Ort zum anderen geschoben. Nicht zuletzt, da Jonas Jonasson, einer der erfolgreichen skandinavischen Autoren, an jenem Tag an einer Podiumsdiskussion teilnahm und sich vor der Bühne eine riesige Ansammlung von Zuhörern und Schaulustigen eingefunden hatte. Ich mochte sein Buch von dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, aber deshalb eine Stunde eingequetscht vor der Bühne zu stehen und ihm zuzuhören, wäre mir für den Moment zu viel gewesen.
Alles stockte und alles staute sich. Ich umrundete die Menschentraube und verschwand, wie der Hundertjährige, zwar nicht aus dem Fenster, aber aus der Messehalle ins Außengelände. Die kühle, frische Luft strömte durch meine Kehle. Der Sauerstoff war wohltuend für meine Lungen und fühlte sich herrlich an im Vergleich zu der dumpfen Luft in der Messehalle.
Der Regen tropfte in meine Haare und ich genoss den feuchten Nebel auf meiner Haut, als mich eine junge Frau von der Seite ansprach. »Darf ich Sie kurz stören, Herr Seker?«, fragte sie mich auf Englisch. Ich suchte nach einem Stift in der Innentasche meiner Jacke, um mein Buch zu signieren, wie ich es die letzten Tage so oft getan hatte. Die junge Frau hielt ihre Oberarme eng an ihrem Körper und nachdem meine Blicke vergeblich ein Buch in ihrer Hand gesucht hatten, sah ich hoch in ihr Gesicht, das mich, gesprenkelt mit kleinen Regentropfen, freundlich und bittend ansah. Einen Moment dachte ich, dass sie weinte, als das warme Licht der Hallenbeleuchtung die Wassertropfen in ihren Gesichtszügen zum Strahlen brachte. Die zierliche Frau mit dem schmalen Gesicht und den langen blonden Haaren wirkte vollkommen aufgelöst. Sie war adrett gekleidet, wie eine Businessfrau, aber ihr brauner Parka, den sie über dem schwarzen Kostüm trug, verriet, dass sie eher eine Rolle spielen wollte und sich für diesen Auftritt verkleidet hatte. Ich glaubte, zu erkennen, dass sie ein Ziel vor Augen hatte, und so war ihr leichtes Zittern sicherlich nicht nur der Kälte geschuldet. Sie erklärte mir, dass sie mit mir zusammen ihr Skript veröffentlichen wolle, und sie hoffte, in mir einen Partner für ihr Buch zu finden.
›Wenn es nur so viel Leute geben würde, die Bücher kaufen, wie solche, die Bücher schreiben, dann hätte die Buchbranche keine Probleme‹, dachte ich bei mir und schmunzelte. Und obwohl ich vom Ansinnen der jungen Frau geschmeichelt war, machte ich ihr klar, dass ich kein Verleger war und ich ihr Buch somit nicht veröffentlichen konnte. Sie solle die Zeit auf der Messe nutzen und einen Verlag für ihr Werk suchen. Hier in Frankfurt am Main sei doch genau der richtige Ort und exakt die richtige Zeit, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, versuchte ich, sie abzuwimmeln, obwohl ich tief im Inneren eine, wenn auch für den Moment zu kleine, Neugierde verspürte, mehr über ihr Skript in Erfahrung zu bringen.
Sie unterbreitete mir, dass sie keinen der namhaften Verlage wolle, da ihr Text einen zu explosiven Inhalt habe und sie niemandem diesbezüglich über den Weg trauen könne. Sie hatte Angst, dass die mächtigen Medien ihre Geschichte ausschlachten würden und sie schlussendlich mundtot gemacht werden würde. Sie war vor zwei Tagen auf meiner Pressekonferenz gewesen und sie fand meine ehrliche, freie Art beeindruckend. So hatte sie mein Buch gelesen und nach der einfühlsamen Geschichte vom Löwen und vom Schmetterling wusste sie, dass ich exakt der Richtige war, um ihre Geschichte zu übersetzen und zu veröffentlichen. Obwohl sie mich nicht kenne, würde sie mir dennoch auf eine eigentümliche Weise vertrauen und so wolle sie mich nicht als Verlag, sondern als Autor für ihr Projekt gewinnen. Sie wünsche sich nichts mehr, als dass ich ihren Text aus dem Englischen übersetze und unter meinem Namen veröffentliche.
›Explosive Content‹, hallte es in mir nach, während ich mich spontan dafür entschied, mir ihre Geschichte anzuhören. Zum einen, weil die junge Frau mir leidtat, zum anderen, weil es bitterlich kalt wurde und ich schnell wieder in die Wärme zurückwollte.
Wir fanden einen trockenen und ruhigen Platz in einem Restaurant am Ende einer Rolltreppe im ersten Stock der geräumigen Messehalle. Von hier konnten wir durch eine Fensterfront auf das Messegelände in den Regen und auf die Regenschirme der emsigen Besucher blicken, ohne jedoch ein Teil dieses Trubels und der Kälte zu sein.
Nachdem wir uns Tee und Kaffee bestellt hatten, begann sie, zu erzählen. Ihr Redeschwall war derart heftig, dass ich sie oft unterbrechen musste, um ihr folgen zu können. Sie rieb unentwegt den Daumen und den Zeigefinger der rechten Hand aneinander, während sie von China, Großbritannien, Indien, Russland redete, und kam immerzu mit Namen und Orten daher, die ich noch nie gehört hatte und die ich nicht zuordnen konnte. Sie sprach von einer Verschwörung, von einem Mord, vielen Skandalen, und ihre Worte flogen nur so durch die Luft und durch meinen Kopf. Als sie zum Ende kam und mich erwartungsvoll ansah, war ich verunsichert, ob ich nach wie vor der Falsche für die Übersetzung und Veröffentlichung war. Konnte es nicht in der Tat sein, dass ihr Vorgehen, keinen namhaften Verlag zu kontaktieren, das richtige war? Ihre Geschichte hatte eindeutig Brisanz und wenn dies alles der Wahrheit entsprach, hätte ich an ihrer Stelle wohl gleich gehandelt. So ließ ich mich darauf ein, mir das Skript durchzulesen, bevor ich mich endgültig dafür oder dagegen entscheiden wollte. Sie gab mir ihr Manuskript und ich versprach ihr, mich in diesem Jahr noch bei ihr zu melden.
Mein Herbst war geprägt von weiteren Lesungen, die mein Verlag für mich organisiert hatte. Die Geschichte meines Buches handelt von Kamar, dem Löwen, der zusammen mit dem Schmetterling Sun auf der Suche nach seinem Zuhause einmal über den ganzen Planeten getrieben wird, und genau so fühlte ich mich auch zu jenem Zeitpunkt. Ich zog wie ein Rockstar quer durch Deutschland und andere Teile von Europa, reiste wie eine Puppe brav, angepasst und bereitwillig durchs ganze Land, von Buchhandlung zu Buchhandlung, um mein Werk bestmöglich zu präsentieren und zu promoten. Am ersten Weihnachtsfeiertag, also erst nachdem der Weihnachtsverkauf abgeschlossen war, durfte ich mir einen Monat freinehmen und wieder in mein Privatleben eintauchen.
Ganz ehrlich, ich war fix und fertig vom vielen Reisen und ich konnte keine Bücher mehr sehen. Es waren weit über einhundert Lesungen gewesen und am Ende konnte ich die meisten Passagen von Kamar & Sun auswendig vorlesen, ohne auch nur eine Sekunde auf den Text zu blicken. Ich verkroch mich während der Feiertage in meiner Wohnung und war heilfroh, mal ganz allein auch ohne Löwe & Schmetterling zu sein.
Am 7. Januar startete ich wieder ins Arbeitsleben und öffnete meinen geschäftlichen Mail-Account. Zwischen einigen Glückwünschen zum neuen Jahr und der einen oder anderen Spam-Mail entdeckte ich eine verzweifelte Nachricht von Claire Winter. Sie fragte mich, ob ich mich schon entschieden hätte, und sie bat mich darum, mich bei ihr zu melden.
Oh mein Gott, ich hatte die zierliche Amerikanerin vollkommen vergessen. Fieberhaft versuchte ich, mich zu erinnern, wohin ich ihr Skript gelegt hatte. ›Es muss bei den Unterlagen von der Messe sein‹, schoss es mir durch den Kopf und tatsächlich fand ich alles wohlbehütet zwischen Prospekten und anderem Werbematerial.
Ohne ihr Schreiben zu beantworten, begann ich am selben Abend, ihre Zeilen Seite für Seite zu lesen. Je tiefer ich in das Manuskript vordrang, umso unglaublicher wurde alles. ›Kann das echt wahr sein?‹, fragte ich mich nach jedem neuen Kapitel, das ich las. Mit einem Tag Abstand arbeitete ich den Text nochmals durch und recherchierte bei jeder noch so kleinen Ungereimtheit, ob dies der Wahrheit entsprechen konnte. Phasenweise verbrachte ich den ganzen Tag in der Verlagsbibliothek und im Internet. Aber so tief ich auch bohrte, jede Person, jeder Ort, jede noch so kleine Begebenheit konnte ich eruieren und nachweislich als mögliche Wahrheit identifizieren. Dennoch blieb ich skeptisch und unterrichtete meinen Verleger, der mir Tage danach einen Termin mit der Rechtsanwaltskanzlei des Verlags arrangierte. Wir kamen überein, dass ich der Kanzlei Auszüge des Manuskripts zukommen lassen sollte. Ich entfernte alle persönlichen Daten von Frau Winter und schickte einige relevante Ausschnitte an die Anwaltskanzlei. Sie konnte nach einer Woche Recherche auch keine Fehler in dem Schreiben finden, riet mir aber ausdrücklich davon ab, dieses Manuskript zu veröffentlichen. Kurz spielte ich durchaus mit dem Gedanken, Frau Winter abzusagen, da ich die Unwahrheit zwar nicht belegen, aber die Wahrheit auch nicht garantieren konnte. Dann erinnerte ich mich an eine persönliche Begebenheit, die mir über das Dilemma hinweghalf.
Früher hatte ich geglaubt, dass ich ein Atheist war, aber eigentlich nur, weil ich damals noch nicht gewusst hatte, dass es auch Agnostiker gab. Und als ich mein eigenes Denken in dem Agnostizismus mehr wiederfand als im Atheismus, wechselte ich die Fronten. Mit dem Manuskript war der Sachverhalt sehr ähnlich. Ich konnte den Text von Frau Winter nicht mit voller Überzeugung für falsch erklären, wie ich damals auch nicht die Existenz von Gott vollkommen ausschließen konnte, und so verwandelte ich mich damals vom Atheisten zum Agnostiker, der die Existenz Gottes nicht ausschließen konnte, obwohl sie grundsätzlich weder rational zu erklären noch zu erkennen war. Und so schloss ich fortan die Richtigkeit von Frau Winters Skript auch nicht mehr aus, obwohl ich mir diese besonnen und vernünftig betrachtet nicht erklären konnte.
Ich entschied mich dazu, das Manuskript Wort für Wort, Seite für Seite aus dem Englischen zu übersetzen. In Abstimmung mit Frau Winter wurden alle Angaben, die ihre Person betrafen, abgeändert. Somit kann garantiert werden, dass alle Persönlichkeitsrechte von Frau Winter gewahrt werden, ohne die Erzählung inhaltlich zu ändern. Obwohl diese Eingriffe in die Geschichte nicht umfangreich waren, wird im Einverständnis mit Frau Winter das Buch demnächst unter meinem Namen veröffentlicht. Ihr ging es nie um Geld oder Popularität, sondern nur darum, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt.
Gleichwohl muss ich aus rechtlichen Gründen anfügen, dass es sich im Folgenden um einen Roman handelt und jeder Wahrheitsgehalt vollkommen ausgeschlossen werden kann. Weiter beteure ich, dass alle Figuren sich nie in dieser Konstellation getroffen und sie nie in einem der geschilderten Verhältnisse verbunden zueinandergestanden haben. Es handelt sich hierbei unmissverständlich um eine frei erfundene Geschichte.
Küp Seker im Juli 2020
In einer Weisung der internen Rechtsabteilung wurden der Verlag sowie der Autor nachdrücklich dazu aufgefordert, folgendes Dekret im Vorfeld des Romans zu veröffentlichen.
Unser Mandant Herr Küp Seker versichert an Eides statt durch seine eigenhändige und beglaubigte Unterschrift, dass die wahre Identität der Verfasserin des Manuskripts in vorliegendem Roman vollkommen unkenntlich gemacht wurde und durch den Roman keinerlei Rückschlüsse auf ihren Aufenthaltsort oder ihre wahre Herkunft gemacht werden können.
Der Name Claire Winter wird als Pseudonym anstelle des richtigen Namens der Verfasserin des Manuskripts verwendet.
Für Außenstehende ist es somit vollkommen ausgeschlossen, mithilfe des vorliegenden Buches eine zielführende Recherche anzustellen, um die wahre Identität von Frau Winter festzustellen.
Es wurden alle Namen, alle Wohnorte und alle Angaben zu universitären oder anderen Ausbildungen in Abstimmung mit Frau Winter geändert.
Als amerikanischer Vertreter und Rechtsbeistand von Frau Winter wurde eine Anwaltskanzlei im Westen der USA einbezogen, für die rechtlichen Belange von Herrn Seker steht unsere Kanzlei in der Pflicht.
Unser Mandant versichert weiter an Eides statt, die vorgenannten Angaben nach bestem Wissen und Gewissen gemacht zu haben und er nichts verschwiegen hat. Über die strafrechtlichen Folgen einer falschen eidesstattlichen Versicherung wurde Herr Seker informiert und ihm sind diese bekannt, namentlich die Strafandrohung bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bei vorsätzlicher Begehung der Tat, bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bei fahrlässiger Begehung.
Notariell beglaubigt in Zürich, im Spätherbst 2020
»Dann seid ihr alle Narren! Wenn wir auch nur eine Sekunde zögern, wird der Tiger uns zerfleischen und uns alle töten.«
Der vorliegende Roman wurde von Küp Seker nach persönlichen Aufzeichnungen von Frau Claire Winter (Name wurde geändert) aus dem Englischen übersetzt. Das ursprüngliche Werk wurde 2016 von Frau Winter eigenhändig verfasst und nur stellenweise, der Geschichte dienlich, von Herrn Seker abgeändert und angepasst. Ebenso wurden alle Maßeinheiten aus dem angloamerikanischen System in das Internationale Einheitensystem umgerechnet.
Nach zwei anstrengenden Wochen quer durch China saßen wir nun in Peking am Bahnhof Beijing Zhan, dem Zentralbahnhof der chinesischen Hauptstadt. Draußen schneite es unaufhörlich. In dem Bahnhofsgebäude, das von zwei an die dreißig Meter hohen Uhrtürmen flankiert war, waren wir zwar vor den Niederschlägen geschützt, doch eine wohlige Wärme wollte in dem gigantischen Gebäude nicht entstehen. Zumal der Blick durch die drei überdimensionalen Glasbogen über dem Eingang auf den gefrierenden Nebel, der wie Schneeflocken durch die Luft wirbelte, nichts Wärmendes an sich hatte.
Wir wussten, dass der Januar der kälteste Monat in Peking war und die Temperaturen immer um den Nullpunkt pendeln würden, daher war ich mit drei Pullovern bekleidet und hatte darüber meine Lieblingsjacke angezogen, einen braunen Parka, der mir den nötigen Schutz vor dem Regen und vor der Kälte geben sollte. Steven, mein Freund, war ebenso wie ich allergisch gegen die Kälte, aber wie könnte man es uns auch verdenken, kamen wir doch aus Houston, Texas, einem der heißesten Orte auf diesem Planeten. Die kältesten Temperaturen, die wir kannten, waren um die zehn Grad plus.
Steven hatte sich vor der Reise extra eine Daunenjacke gekauft, damit er allzeit gegen die Eiseskälte gerüstet war. Dank seiner Größe von fast eins neunzig und seiner knallgelben Jacke konnte ich ihn jederzeit im Auge behalten und so gingen weder er noch ich auf der Reise verloren.
Ich persönlich schaffte es mit angezogenen High Heels gerade mal auf geschummelte eins siebzig. Ohne Schuhe hatte ich meine Körpergröße seit der Grundschule nicht mehr gemessen. Der Spruch, dass kleine Frauen auf große Typen stehen, hatte schon etwas, aber was sollten wir auch machen? Einen Mann nehmen, der noch kleiner war als wir? So war ich mit meiner Wahl sehr zufrieden. Steven war ein Baum von einem Mann, groß gewachsen, dunkelhaarig und mit einem kantigen markanten Gesicht. Seine Freunde nannten ihn meist Arni, in Anlehnung an Arnold Schwarzenegger, und wenn er auch nicht die Muskeln vom Terminator hatte, so waren sich ihre Gesichter tatsächlich zum Verwechseln ähnlich.
Ich blätterte durch meine Bilder im Smartphone, während Steven sich über die genaue Abfahrtszeit informierte. Wir wollten weiter nach Moskau und somit stand uns der spannendste Teil unserer achtwöchigen Reise noch bevor.
Die Transsibirische Eisenbahn.
Am Eingang zum Bahnhof prangte ein riesiges Schild, auf dem die Route quer durch China, die Mongolei und Russland dargestellt war. In stolzen Lettern stand unübersehbar die Entfernung 7865 Kilometer von Peking bis Moskau auf der kolossalen Tafel. Ich erinnerte mich, dass die Luftlinie zwischen New York und San Francisco etwas über 4000 Kilometer beträgt. Somit fuhren wir, die Strecke betrachtet, fast zweimal durch den ganzen amerikanischen Kontinent.
Steven und ich wollten nicht wie die meisten die Reiseroute von Moskau nach Peking fahren, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Unsere Route führte quer durch die Wüste Gobi nach Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, und dann weiter durch Sibirien über Irkutsk bis nach Moskau. Ich hatte es von Anbeginn an spannender gefunden, mit der Sonne zu reisen und nicht auf sie zu. Gut, es gibt viele Sprüche von wegen ›Sonne im Gesicht‹ oder ›Folge nicht dem Schatten, den du wirfst‹, aber das sind nur Sprüche. Und ich glaubte nicht, dass ich dadurch in meine Vergangenheit reisen würde, nur weil ich mich auf meinen Schatten zubewegte.
›Ich werde nie eine Fotografin‹, dachte ich bei mir, während ich meine Bilder sichtete.
Selfie vor dem Mausoleum. Selfie vor der Verbotenen Stadt. Selfie vor der Chinesischen Mauer, Selfie auf der Mauer. Immer und immer wieder fotografierten wir unsere gestellten und lächelnden Gesichter mit der Handykamera. Ein Bild glich dem anderen und einzig eine kleine Ecke des Bildausschnitts ließ die eigentliche Sehenswürdigkeit erkennen.
Steven und ich hatten weiß Gott jedes noch so kleine Denkmal zusammen mit uns verewigt und ins digitale Grab des Mobiltelefons gebettet. Spätestens in einem Monat würden wir die meisten Orte und Sehenswürdigkeiten gar nicht mehr erkennen, wenn wir uns überhaupt die Mühe machten, uns die Aufnahmen nochmals anzuschauen.
Das Gute an China war, dass man hier erst gar nicht versuchte, nicht als Tourist erkannt zu werden. Man verstellte sich nicht und tat nicht so, als ob man einheimisch wäre. Eigentlich nervte das bei Reisen nach San Francisco oder New York. Natürlich war man Amerikaner und kam nicht aus Europa oder Asien in diese Metropolen. Aber man war genauso Tourist und stellte sich ebenso in die Reihe vor den Sehenswürdigkeiten. Nur spielte man gegenüber den Ausländern den Einheimischen, der man aber nicht war, weil man sich ebenso wenig auskannte wie die anderen.
Dieser Stress entfiel in China, da man bereits auf den ersten Blick fremd war in diesem Land.
Steven hatte mich zu dieser Reise eingeladen, und das nicht nur im rhetorischen Sinn, sondern auch im finanziellen. Wobei die Reise seinen Aussagen zufolge günstig war. Wer fuhr schon im Winter nach Peking und wer in aller Welt im tiefen Winter quer durch Russland? Zudem hatte Steven durch seine sportliche Tätigkeit etwas Geld gespart und somit war die Reise für einen frischen Uni-Absolventen wie ihn nicht problemlos, aber dennoch finanzierbar. Abgesehen davon waren die schönsten Dinge wie das Silvesterfeuerwerk beim Nationalstadion vor vier Tagen ohnedies gratis.
Steven kam auf mich zu und fragte: »Bist du dir sicher, Schatz, dass wir das Zugticket auf heute gebucht haben?«
»Sicher bin ich mir sicher!« Ich nahm ihm die Fahrscheine aus der Hand und zeigte auf das Datum 01/05/2016. »Hier steht es doch, 5. Januar 2016«, stellte ich energisch fest.
»Nun ja, die Beamtin meinte, dass die Reservierung nicht auf den 5. Januar, sondern auf den 1. Mai lautet«, erwiderte Steven verunsichert.
»1. Mai? Die Frau spinnt doch! Wieso 1. Mai?«
Da schoss es mir in den Kopf, dass in der nichtenglischsprachigen Welt oft der Tag und der Monat vertauscht wurden.
»Mahhh«, stöhnte ich und ließ den Kopf hängen.
»Nicht so schlimm, Claire«, lächelte Steven, »dann bleiben wir eben fünf Monate länger in Peking.«
»Scherzkeks«, spottete ich und bewegte mich geradewegs auf den internationalen Schalter im Bahnhof zu.
Die kleine, zierliche Chinesin hinter dem Schalter wirkte etwas ängstlich, nachdem sie mich mit ihren kleinen schwarzen Augen durch ihren Pony erblickt hatte. Mein glühender Kopf war sicherlich hochrot und meine ungewaschenen langen blonden Haare fielen wie Spaghetti wild über mein Gesicht.
Nach einem langen Hin und Her und etwas Schwierigkeiten mit den Englischkenntnissen der Beamtin war eines klar: Wir konnten heute fahren. Jedoch entweder ohne Aufpreis in der 3. Klasse oder mit einer Zuzahlung von dreihundertfünfzig Dollar pro Person in der Premium First Class.
Dreihundertfünfzig Dollar! Das war mehr, als wir für das Ticket in der 2. Klasse bereits bezahlt hatten.
»Dann können wir ja gleich fliegen«, sagte Steven.
»Fliegen? Sicher nicht!«, schrie ich ihn gereizt an. »Ich freue mich seit Wochen auf diese Zugreise! Ich fliege sicherlich nicht!«
Ich war jetzt auf hundertachtzig, stemmte meine Hände in die Hüften und brüllte nochmals auf ihn ein: »Du kannst gern fliegen! Am besten gleich zurück nach Texas!«
»Aber Claire«, besänftigte er mich und nahm mich in seine Arme, »dann gönnen wir uns doch die 1. Klasse. Immer noch besser, als bis Mai hier auf dem Bahnhof zu schlafen.«
Ich konnte nun wieder etwas lächeln und drückte meinen Freund fest an mich.
Eigentlich war ich eine sehr ruhige, besonnene Person und weder launisch noch aufbrausend. Aber in der letzten Nacht hatte ich keinen Schlaf gefunden und unausgeschlafen mutierte ich definitiv zur Furie. So hatte mich die kurzzeitige Ausweglosigkeit bei der Meldung von Steven explodieren lassen.
›Ich war beileibe böse zu ihm, aber gut, ich werde es heute Nacht in der 1. Klasse sicherlich wiedergutmachen‹, dachte ich mir und wir buchten unser neues Quartier und bezahlten es zur Freude der Beamtin mit amerikanischen Dollars. Auf der ganzen Reise wurden wir immer wieder nach harten Dollars gefragt und die Menschen machten uns immer einen wesentlich besseren Wechselkurs, als man ihn offiziell in den Banken erhielt. So war ich mir sicher, dass die Beamtin das Geld eigenhändig in Yuan, die chinesische Währung, wechseln würde und die Dollars selbst mit nach Hause nahm, um sie auf die Seite zu legen oder bestmöglich zu verkaufen.
Mit strahlendem Gesicht versicherte sie uns, dass wir das beste Abteil der ganzen Zugflotte gebucht hätten. Zum einen handelte es sich um eine russische Garnitur und keine chinesische, zum anderen war genau dieser Waggon speziell restauriert worden und weit über einhundert Jahre alt. Es waren zwar die Sanitäranlagen modernisiert worden, erklärte sie uns, aber alles andere blieb so bestehen, wie es zur Jahrhundertwende gebaut worden war. Sie beteuerte, dass es der schönste und wundervollste Waggon der kompletten Transsib sei.
»Und der teuerste«, lächelte ich, während ich die Fahrkarten an mich nahm und mich daran erinnerte, im Reiseführer gelesen zu haben, dass die chinesischen Zuggarnituren um einiges älter und spartanischer ausgestattet waren als die russischen.
Die Beamtin schloss ihren Schalter und führte uns persönlich in die First Class Lounge, nachdem sie einen Pagen angewiesen hatte, sich um unser Gepäck zu kümmern, das aus zwei wuchtigen Tramper-Rucksäcken bestand. Als wir unzählige Sicherheitstüren passiert hatten, trafen wir in der Lounge ein. Die Beamtin bat uns, Platz zu nehmen und zu warten, bis man uns abholen würde.
»Aufgrund des starken Schneefalls und der tief verschneiten Strecke in Russland wird es zu einigen Stunden Verspätung kommen«, bemerkte sie noch knapp und ließ uns dann mutterseelenallein in dem Gang zwischen dem Vorraum und der anfangs kühl wirkenden Lounge stehen. Während wir weiter in den Raum vordrangen, verschwand das Sterile und der Bereich entpuppte sich als eine tatsächliche First Class Lounge. Eine Bar stand wie eine Insel kreisrund inmitten des Saales und wurde von kleinen Sitzgelegenheiten mit Tischen, stattlichen Lounge-Möbeln und Palmen flankiert. Alles war in ein freundliches Licht getaucht, das aus kleinen, fast winzigen Tischleuchten strahlte und dem Raum eine Gemütlichkeit und Wärme verlieh, die einladend, ja geradezu verführerisch wirkte.
Wir ließen uns vor einer breiten Glasscheibe auf die Lounge-Möbel fallen, die uns federweich, förmlich wie zwei Arme, umschlangen. Es fühlte sich herrlich und behütet an. Der Stress und die eben verspürte Hektik fielen augenblicklich von uns ab und wir waren angekommen in unserem nächsten großen Abenteuer, der Transsibirischen Eisenbahn.
Durch die Glasscheibe konnten wir direkt in die großräumige Halle und auf die Gleise sehen. Eigentlich war es keine richtige geschlossene Halle. Mehrere großflächige Dächer überspannten segmentweise immer vier Gleise und zwei Bahnsteige. So entstand der Eindruck einer riesigen Halle, obwohl diese nach oben und nach vorn offen war. Hier standen in Reih und Glied alle Züge und Garnituren der chinesischen Eisenbahnflotte, die von hier aus in alle Teile des Landes und auch in ferne Länder fuhren, wie in unserem Fall Moskau in Russland. Peking hatte neben dem Hauptbahnhof noch zwei weitere, teils größere und modernere Bahnhöfe, den Südbahnhof und den Westbahnhof. Vom Hauptbahnhof aus fuhren alle Züge in Richtung Norden und Osten des Landes, so auch die Transmongolische Eisenbahn, welche in Ulan-Ude, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien, in die Transsibirische Eisenbahn mündet.
Vor dem Fenster wütete und pulsierte das Leben zwischen den Zügen auf den Dutzenden Bahnsteigen. Es waren Hunderte, wenn nicht Tausende Reisende auf den Plattformen zwischen den Zügen. Pagen schleppten zielstrebig die Koffer umher und Schaffner machten mit Pfeifen auf sich aufmerksam.
In der Lounge hingegen war es bis auf die leise Musik ruhig und abgesehen von einem Kellner und einem älteren Herrn mit junger Begleitung menschenleer.
Der Kellner kam auf uns zu und ich merkte, wie er uns musterte. Steven hatte seine Jacke ausgezogen und saß nun in seinem etwas zu kleinen grünen Pullover, seiner schmutzigen zerrissenen Jeans und in seinen wuchtigen braunen Boots gemütlich auf dem Sofa. Wohl rundete mein Anblick, wie ich Pullover um Pullover auszog und zu guter Letzt auch noch meine schwarzen Winterstiefel abstreifte, wodurch meine selbst gestrickten roten Wollsocken zum Vorschein kamen, den Eindruck des Kellners ab, dass wir nicht zu seinen gewöhnlichen Gästen gehörten. Der junge Ober, der selbst perfekt in einen schwarzen Smoking mit passender Fliege und weißem Hemd gekleidet war und problemlos als James-Bond-Double durchgegangen wäre, ließ uns jedoch nicht spüren, dass wir vollkommen underdressed für diesen Bereich gekleidet waren. Er war äußerst freundlich, während er uns fragte, was wir bestellen wollten, und uns mitteilte, dass das Essen und die Getränke hier gratis seien. Wir bestellten sogleich alles, was wir an Essen in der sehr internationalen Speisekarte kannten, und der junge Kellner bekam richtig Arbeit. Er brachte zuerst ein Dutzend kleiner Frühlingsrollen mit einem süßen und einem scharfen Dip. Nachdem wir bemerkt hatten, dass die Burger fantastisch schmeckten, bestellten wir nochmals vier Stück, mit Pommes und Salat. Wir Texaner lieben Burger mit gebratenem Rindfleisch. Steven trank mindestens drei große Bier dazu und auch ich gönnte mir eine Coke nach der anderen. Der ältere Herr und die junge blonde Frau lächelten uns zu, als der Kellner uns am Schluss zwei üppige Teller gebackene Bananen mit Vanilleeis und Sahne servierte.
Wir aßen, bis wir nicht mehr konnten und zu platzen drohten.
Als wir schlussendlich, gesättigt und zufrieden, wieder auf den menschenüberfüllten Bahnsteig blickten, flüsterte Steven mir ins Ohr: »Schau, Schatz, einen Teil des Geldes haben wir ja schon zurückbekommen.«
Ich küsste ihn kurz, bevor ich in dem monotonen Summen der Klimaanlage erschöpft vom Essen und von all der Aufregung einschlief.
Nachdem der Page uns geweckt und uns mit dem Gepäck zum Zug gebracht hatte, bemerkte ich zum ersten Mal den Unterschied zwischen der normalen und der First Class. Es war herrlich. Ich schwebte förmlich über den Bahnsteig und überall war auf einmal so viel Platz. Der komplette Bahnsteig war vollkommen leer, da er extra für die Passagiere der First Class gesperrt wurde. Auf der Plattform, auf der vor Minuten noch Hunderte Menschen geschäftig ihrer Arbeit nachgegangen waren, war nun auf der kompletten Länge des Zuges keine Menschenseele mehr zu sehen.
Der ältere Herr aus der Lounge wurde von einem anderen Pagen in einem Rollstuhl geschoben und die wunderschöne junge Frau an seiner Seite lief ruhig und elegant neben ihnen her. Ich hatte bereits in der Lounge gesehen, dass der Herr einen sehr edlen braunen Cord-Anzug trug, der nun, ebenso wie das rote Cocktailkleid seiner jungen Begleitung, unter einer dicken schwarzen Daunenjacke verschwunden war.
Die drei blieben vor einem offenen Güterwagen stehen und blickten zu zwei anderen Bediensteten im Innenraum, die dabei waren, Pakete, Kisten, Boxen und andere Waren wie Fahrräder zu ordnen und zu schlichten. Als sie den Herrn im Rollstuhl erblickten, hielten sie inne und nahmen ihre blauen Dienstmützen ab. Der ältere Herr sah teilnahmslos, fast schon abwesend und apathisch, aber sichtlich traurig auf einen schwarzen Holzsarg, der sich auch im Innenraum des Waggons befand. Er holte tief Luft und nickte den Leuten zu, bevor diese im Frachtraum wieder ihrer Tätigkeit nachgingen.
Ich zupfte Steven am Ärmel. »Hast du den Sarg gesehen?«
Er bejahte, ohne ein Wort zu verlieren.
»Steven, ich finde das unheimlich. Wieso habe ich nur hingesehen? Jetzt träume ich sicherlich während der ganzen Reise von dem Sarg und womöglich von dem Toten«, wisperte ich und glaubte, in dieser gigantischen hallenähnlichen Konstruktion mein Echo zu hören.
Wir schritten weiter bis zum Ende des Zuges. Ich zählte über zwanzig Waggons und zwei riesige Lokomotiven.
Der Zug musste weit über vierhundert Meter lang sein. Alle Waggons glichen sich wie ein Ei dem anderen. Sie waren über die komplette Länge unten rot, in der Mitte blau und oben weiß angestrichen, also exakt in den Farben der russischen Nationalflagge. Wenn der Zug in Bewegung war, musste von außen der Eindruck einer vierhundert Meter langen Flagge entstehen, die im Wind durch die Lande flatterte.
In der Mitte jedes Waggons war das russische Wappen angeordnet, der Doppeladler auf rotem Grund, der seit 1993 nach der Auflösung der Sowjetunion auf der russischen Flagge thronte. Auf dem Schild des Doppeladlers war der Heilige Georg abgebildet, wohl einer der wichtigsten Heiligen und Märtyrer der russisch-orthodoxen Kirche. Georg war als einer der vierzehn Nothelfer der christlichen Kirche unter anderem für die Hilfe gegen Kriegsgefahren, Fieber und die Pest zuständig. Über dem Wappen stand auf jedem einzelnen Waggon das Wort Russland in großen kyrillischen Buchstaben geschrieben.
Ich musste schmunzeln, da ich mich an einen Gastvortrag an der Uni von einem Dozenten aus St. Petersburg erinnerte. Ich wusste zwar nicht mehr, worum es in diesem Vortrag genau gegangen war, aber zu Beginn hatte er eine russische Flagge hochgehalten und uns einige Bilder gezeigt, auf denen ausländische Touristen, die sich in Russland aufhielten, stolz die russische Fahne ins Bild hielten. Nach einigen Fotos hatte der Gastdozent uns gebeten, nicht auch den Fehler der anderen zu begehen, denn alle hielten die Fahne verkehrt herum.
»Im Kyrillischen«, hatte er gesagt, »schreibt sich Russland РОССИЯ und spricht sich als ROSSIYA aus. Das A, welches bei ROSSIYA ganz hinten steht, ist also ein gespiegeltes R. Leider denken die meisten, die des Kyrillischen nicht mächtig sind, dass dieses gespiegelte R der erste Buchstabe von ROSSIYA, also das R, wäre, und halten dementsprechend die Fahne falsch herum.«
Aber ja, auf den Waggons der Transsibirischen Eisenbahn war dies natürlich richtig geschrieben.
Unser Waggon war ganz am Ende des langen Zuges und übertraf alles, was ich mir je vorgestellt oder erträumt hatte. Im Nachhinein erfuhr ich von Igor, unserem Kellner, dass dieser ganz selten auf der Strecke eingesetzt wurde. Eigentlich nur, wenn jemand bereit war, die Grundbuchung von einigen Tausend Dollars zu bezahlen. Igor selbst war schon seit fast fünf Jahren auf der Strecke unterwegs und auf dieser Fahrt erlebte er erst das zweite Mal, dass dieser außergewöhnliche Waggon angekoppelt wurde. Der Salonwagen war anscheinend für die Zarenfamilie angefertigt worden und war damals ausschließlich auf deren Geheiß in ganz Europa unterwegs gewesen.
Der Wagen bestand aus zwei großräumigen Schlafzimmern, einem Salon, einem Speisesaal und einer Kammer für die Bediensteten. Ich kannte mich mit Holz nicht aus, aber es schien alles mit glanzpoliertem Mahagoniholz verkleidet zu sein. Einige schwere Ledersessel standen im Salon, der von einer Bar flankiert wurde. Die Fenster, und das war mit das Beeindruckendste, reichten bis zum Boden und verliehen dem eigentlich schmalen Raum eine unendliche Weite.
Als wir in unser Abteil kamen, war das Gepäck bereits verstaut. Auf einer kleinen Anrichte neben dem breiten Doppelbett standen ein blühender Blumenstrauß, eine bauchige Schale mit frischem Obst, eine Flasche Champagner und eine kleine, geschlossene Dose mit schwarzem Kaviar neben frisch getoastetem Brot.
Der Kellner umfasste mit seiner rechten Hand sein linkes Handgelenk, unterbrach unsere sprachlose Verwunderung und sagte sehr förmlich und ruhig: »Mein Name ist Igor, ich bin Ihr persönlicher Butler für diese Reise. Sie können mich zu jeder Zeit mit dieser Klingel erreichen.«
Igor war kräftig und groß, hatte ein markantes, kantiges, fast schon rechteckiges Gesicht und glich mit seinem blonden Bürstenhaarschnitt etwas Dolph Lundgren, als der den Ivan Drago in Rocky IV gespielt hatte.
Er zeigte auf einen kleinen Knopf, der neben der Tür ins Badezimmer in die Wand eingelassen war, und fuhr fort: »Ich bin zu jeder Tages- und Nachtzeit immer für Sie erreichbar und es soll Ihnen auf der Reise an nichts fehlen. Darf ich Ihnen den Champagner einschenken? Oder soll ich Ihnen ein Bad einlassen?«
›Bad? Hat er eben Bad gesagt?‹
Ich blickte flüchtig durch einen kleinen Spalt in das Badezimmer. Da war ungelogen eine Wanne. Eine geräumige, frei stehende schneeweiße Keramikbadewanne mit direktem Blick auf das großflächige Fenster. Ich kniff mir in den Unterarm, um sicherzugehen, dass ich nicht doch noch im Wartesaal auf dem Bahnhof schlief. Aber nein, es war real. Ich konnte auch einen Blick auf den breiten, in der Mitte geteilten Spiegel erhaschen, der, flankiert von zwei wundervoll geschwungenen Glaslampen, über einem hellen Porzellanwaschbecken schwebte. Links und rechts neben dem Becken waren Regale aus massivem, dunklem Holz angebracht, in dem beige Hand- und Badetücher geschlichtet waren. Im Spiegelbild konnte ich zwei flauschige Bademäntel erkennen, die an der Innenseite der Tür hingen. Alles wirkte einladend und ich freute mich auf ein warmes Bad.
Igor strich sich durch seine kurzen blonden Haare, als es aus Steven platzte: »Igor, was kosten der Champagner und der Kaviar?«
Der Butler blickte ihn verwundert an und bemerkte: »Alle Getränke und das komplette Essen sind im Preis inbegriffen.« Dann schmunzelte er und sagte: »Bei Ihnen nennt man dies all-inclusive, glaube ich.«
Steven sah mich glücklich an und ich lächelte freudestrahlend zurück.
Wir tranken den Champagner, aßen den Kaviar und waren außerordentlich beschwingt und froh über unsere Entscheidung, den Aufpreis bezahlt zu haben.
Es dauerte zwei weitere Stunden, bis sich der Zug endlich unter lautem Knarren und Knurren in Bewegung setzte und Peking, bereits in ein Lichtermeer gehüllt, starr an uns vorbeifloss. Ich konnte die einzelnen Gebäude nicht mehr ausmachen, aber je schneller der Zug fuhr, umso spektakulärer wurde das Farbspiel der beleuchteten Fenster. Teilweise konnte man illuminierte Schiffe erkennen, wenn wir über Brücken oder entlang eines Flusses fuhren. Allseits pulsierte das Leben und wir schwebten auf einer Welle der Glückseligkeit förmlich mitten hindurch.
Ich wollte eben auf Igors Angebot mit dem Bad zurückkommen, als er uns zum Abendessen in den Salon bat. Gut, ich hatte in den letzten Tagen nicht allzu viel gegessen, da mir das originale chinesische Essen nicht sonderlich bekam, aber alles in zwölf Stunden aufzuholen, fand ich auch etwas übertrieben. Steven fand meinen Vorschlag, auf das Abendessen zu verzichten, merkwürdig und überredete mich, ihm zumindest Gesellschaft zu leisten. Weil ich mich nach wie vor schmutzig fühlte, sprang ich kurz unter die Dusche und wusch meine Haare, zog mir eine saubere weiße Bluse und meinen schwarzen Rock an, um nicht schon wieder vollkommen underdressed zu sein. Auch Steven zwang sich in sein hellblaues Hemd, das bislang unangetastet in seinem Rucksack gelegen hatte.
Als wir eine halbe Stunde später zum Dinner eintrafen, waren der ältere Herr und seine hübsche Begleitung schon beim Aperitif und erhoben ihre Gläser, als sie uns erblickten. Der Tisch war wunderschön gedeckt und die warme Beleuchtung der gläsernen Wandlampen, die ähnlich wie jene im Badezimmer waren, tauchten den fahrenden Raum in eine unerwartete Harmonie aus Ruhe und Bewegung.
»Wollt ihr euch nicht zu uns setzen?«, sprach der Mann uns sehr höflich in allerbestem Englisch an.
Ich war kurz überrascht und bevor ich etwas erwidern konnte, sagte Steven in breitem Texanisch: »Sure ’nuff ’n yes we do.« Er rückte unsere beiden Stühle an den Tisch der anderen Gäste.
Wir setzten uns und Anna, die Butlerin der Mitreisenden, fragte, welchen Aperitif wir wünschten.
Anna war eine hochgewachsene, sehr schlanke Schönheit. Alles an ihr wirkte zerbrechlich: ihre dünnen Beine, ihr schlanker Körper und ihre zierlichen Finger. Ihr kurzes schwarzes Haar verlieh ihrem Wesen eine gewisse Härte und obwohl sie sehr freundlich war, wirkte sie traurig.
»Meine wunderschöne Begleiterin heißt Elsa Brandt und mein Name ist Karim Bihari Vajpayee. Elsa kommt aus Schweden und ich bin gebürtiger Inder.«
›Doch ein Inder‹, dachte ich mir, denn bereits als ich ihn zum ersten Mal in der Lounge gesehen hatte, glaubte ich, zu erkennen, dass er Inder oder Pakistani sein musste. Vor allem wegen seiner haselnussbraunen Haut und weil er dem Kellner in meinem indischen Restaurant in Houston glich. Seine wenigen Haare waren weiß, seine Haut war zerfurcht und seine großen Augen wirkten fast schon schwarz. Er musste weit über achtzig oder sogar über neunzig Jahre alt sein, dennoch war sein Blick hell und klar und dem ersten Anschein nach war er völlig bei Sinnen und Verstand.
»Mein Name ist Claire Winter«, erhob ich die Stimme, »und das ist mein Freund Steven Phillips. Wir stammen beide aus Houston, Texas.«
»Aus Amerika«, schmunzelte Karim. »Aus Amerika«, wiederholte er sich, bevor er fragte: »Was bringt euch junge Leute in diesen alten Waggon?«
