Inhalt
Impressum 2
Einleitung 3
1 5
Das Leben kann grausam sein 5
2 6
Einer dieser Tage 6
3 8
Wie alles begann 8
4 9
Praxis 9
5 11
Im Therapiesessel 11
6 13
Mein Leben 13
7 14
Der Tod 14
8 15
Die Diagnose 15
9 17
Erster Versuch 17
10 22
Geschlossene Abteilung 22
11 24
Eine Bekanntschaft 24
12 25
Neugeboren 25
13 26
Aus der Traum 26
14 28
Wie weiter? 28
15 30
Es geht nicht mehr weiter 30
16 33
Panik 33
17 36
Zurück in die Klinik 36
18 38
Am Tag danach 38
19 40
Die Pflegerin 40
20 43
Ausgang à la clinique 43
21 44
Lachs-Carpaccio 44
22 46
Unbeschwerte Momente 46
23 47
Rein damit 47
24 49
Besucher 49
25 51
Alter Hase 51
26 54
Die lieben Verwandten 54
27 55
Maschine Mensch 55
28 57
Ein Hoffnungsschimmer 57
29 58
Alles nützt nichts 58
30 59
„Goodbye cruel world“ 59
31 63
Verloren und gewonnen 63
Suizidgedanken? 65
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2020 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99064-818-6
ISBN e-book: 978-3-99064-819-3
Lektorat: Dr. Annette Debold
Umschlagfoto: Ocusfocus | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Ocusfocus | Dreamstime.com
www.novumverlag.com
Einleitung
„Wir leben in einer gnadenlosen Gesellschaft,
die nur Sieger sehen möchte
und letzten Endes keine Schwächen duldet.“
Giovanni Maio,
Professor für Medizinethik, Universität Freiburg
1
Das Leben kann grausam sein
Ich leide an einer Krankheit, wie viele andere auch. Viele andere? Viele Tausend andere! Diese Krankheit hat mich so geprägt, dass ich mich entschieden habe, einige Zeilen darüber zu schreiben. Für mich selber. Und für alle anderen.
Im Jahr, in welchem meine Krankheit so richtig ausbrach, haben sich über 4000 Menschen in der Schweiz das Leben genommen. Wegen dieser Krankheit. Weil sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben.
Der Gedanke, mich aus dem Leben zu verabschieden, hat mich nicht verschont. Davon werde ich erzählen.
Meine Geschichte habe ich leicht verändert. Denn ich will niemanden in Verruf bringen. Erfunden ist aber nichts – außer das Ende. Das Leben kann grausam sein.
2
Einer dieser Tage
Es ist kurz nach vier Uhr, als ich die Haustüre hinter mir ins Schloss ziehe. „Hallo?“, frage ich in den Raum hinein. Keine Antwort. Vorsichtig trete ich in die Wohnung. Behutsam lasse ich den Mantel von meinen Schultern gleiten und hänge ihn über den Stuhl, der am Küchentisch steht. Die heutige Post liegt auf dem Tisch, rechtwinklig zur Tischkante. Ich kenne nur eine Person, die auch Kleinigkeiten so große Sorgfalt schenkt: meine Freundin.
Ich werfe einen Blick auf ein Foto, das neben einer geschmacklosen Vase steht. In der Vase stecken künstliche Blumen. Die Mutter meiner Freundin hatte sie uns geschenkt. Das Foto zeigt meine Freundin und mich an einem kalten Wintertag. Wir schmiegen uns eng aneinander. Mein Blick fällt zurück auf die gestapelte Post. Eine Ansichtskarte eines früheren Schulkollegen. Nach einem mäßig erfolgreichen Studium hat er eine Anstellung bei einer Bank gefunden. Dort arbeitet er nun erfolgreich.
Ich muss lachen. Mein Schulkollege kennt meine Adresse noch immer nicht genau. Die Hausnummer ist falsch, und die Postleitzahl auch.
In der Post finde ich keine wichtigen Dokumente. Rechnungen. Werbung. Ein Magazin, abonniert zwar, aber kaum gelesen. Keine Zeit dafür, oder keine Lust. Ich weiß es nicht.
Ich setze mich auf einen Stuhl am Küchentisch, verschränke meine Arme auf dem Tisch und lege meinen Kopf in die Arme. Dann versuche ich zu weinen. Aber es geht nicht. Ich kann nicht weinen, auch wenn mir zum Weinen zumute ist. Seit Jahren leide ich unter einer schweren Depression. Nur wenige Patienten mit schweren Depressionen können noch weinen. Auch mir gelingt es nur noch selten.
Weshalb soll ich weinen? Meine Freundin hat mich verlassen. Sie muss noch hier gewesen sein, um ihre Sachen abzuholen. Sie hat mir die Post auf den Küchentisch gelegt. Rechtwinklig zur Tischkante. Ich hatte gehofft, sie nach meiner Arbeit noch zu sehen. Doch damit war nun nichts. Sie war weg.
Im Flur steht noch das Foto neben der geschmacklosen Vase mit den künstlichen Blumen.
Meine Tränen fließen nicht. Ich kann nicht weinen. Meine Gefühle wollen mich zerreißen. Täglich kämpfe ich gegen meine Trauer, die mir meine Krankheit auferlegt. Und jetzt ist auch meine Freundin weg.
3
Wie alles begann
Viereinhalb Jahre früher: Ich fahre mit der Bahn zur Arbeit. Wie jeden Tag. Zusammen mit drei Kollegen sitze ich in einem Viererabteil. Zwischen unseren Füßen liegen unsere Regenschirme. Wasser läuft über den Boden, hin zu unseren Schuhen. Regentropfen rinnen über die Fensterscheiben. Der Fahrtwind drückt sie nach unten. Morgendämmerung.Eine seltsame Stimmung,denke ich.
Keiner meiner Kollegen weiß, dass ich heute eine Psychiaterin aufsuchen werde. Das ist mir recht so. Ich will nicht als „Psycho“ gelten. Würden sie mich aus ihrer Gruppe ausschließen? Also spiele ich den Clown, reiße Witze. Die anderen lachen.
Bereits seit Jahren leide ich unter Depressionen. Diese verdammte Krankheit! Endlich konnte ich mir eingestehen:Du bist krank.