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In zehn Kurzgeschichten nimmt Stefan Rimml die Leser mit auf einen Streifzug durch seine Welt: Frank besucht mit seinem Sohn Kuno eine Waffenbörse. Zu Hause haben sie versprochen, gar nichts zu kaufen; sie bleiben standhaft, bis eine Losverkäuferin die beiden anlacht. Salvador rockt mit rätoromanischen Songs der Toten Hosen; und der Familienvater Erhard haut mit dem Fahrrad ab, als er sich an eine Schulbuchgeschichte aus dem Französischunterricht erinnert. Der Aargauer Autor zeigt immer wieder: Bleibt die große Freiheit auch ein Traum, so nistet sich doch das Glück in den kleinen Räumen ein.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Erhard
Marion und Lothar
Frank und Kuno
Niederer und Sabine
Melanie und Maureen
Gudrun und Jan
A, B, C, D
Debora und Manuel
Herbert und Pauline
Ich, Isabelle und Isabelle-belle
»Nur ein Schlaganfall«, sagte Zoe, »Herr Mittelberger ist nicht tot.«
»Wie geht es ihm?«, fragte Erhard.
Zoe zuckte mit den Schultern und fragte: »Hat Mutter noch Zigaretten?« Sie öffnete eine Küchenschranktür und fischte eine zitronengelbe Packung MaryLong heraus. »Wir kaufen die Zigaretten auch in Stangen, aber jetzt sind sie uns ausgegangen.«
Zoe stellte den Aschenbecher auf den Tisch, steckte eine Zigarette an. Genüsslich und tief zog sie den Rauch in die Lunge. Erhard sah an seiner Tochter vorbei durch das Küchenfenster; in der Einfahrt stand der mächtige dunkelblaue Geländewagen, mit dem Zoe gekommen war. Dabei war sie noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. Ihr Fahrzeug trug das Logo einer Tierschutzorganisation. Auch Zoes Pullover und Hosen waren mit diesem Zeichen versehen, ebenso ihre Schirmmütze, die zusammengerollt in der Seitentasche ihrer Hosen steckte. Zoe blies den Rauch aus. »Ich habe Hunger«, sagte sie. »Ich habe seit gestern Abend nichts gegessen.« Sie erhob sich und holte eine Packung Wienerli aus dem Kühlschrank. Sie stellte einen Topf mit Wasser auf den Herd, und sie wartete, an die Küchenkombination gelehnt, bis das Wasser heiss war. Sie rauchte. Manchmal hustete sie. Der Schlüssel des Geländewagens lag auf dem Tisch.
»Es ist ein Toyota Land Cruiser«, sagte Erhard.
»Ich habe mir nie etwas aus Autos gemacht.«
»Bestimmt über hunderttausend Franken.«
»Wie schön wäre es doch, wenn meine Arbeit eine solche Aufmerksamkeit auf sich zöge.«
»Du hättest eine glanzvolle Karriere machen können. Was hilft dieses Fahrzeug denn den Tieren?«
»Davon verstehst du nichts. Dir fehlen auch die Möglichkeiten. Aber ich hatte während meiner Lehre genug Gelegenheit, die Ströme des Geldes zu verfolgen: Grosse Gesellschaften und Konzerne verwenden eine Buchhaltungssoftware, bei welcher der Spendenabzug bereits einprogrammiert ist. Ganz einfach lässt sich ablesen, wie viel Steuern das Unternehmen spart, wenn es eine Organisation unterstützt, die im Hinblick auf ihren gemeinnützigen Zweck von der Steuerpflicht befreit ist. Eine Mitarbeitende der Abteilung Rechnungswesen bemisst den Betrag, so kommt noch vor der Neun-Uhr-Kaffeepause eine Fahrzeugflotte zusammen, die bei den Leuten den Eindruck erweckt, wir würden Spendengelder verschwenden. Der wirkliche Zweck dieser Spende liegt darin, die eigene Bilanz zu vervollkommnen. Werden die Gewinne rückläufig, reicht es mit Glück für eine Dose Katzenfutter. Diesen Buchhalterseelen ist unsere Arbeit völlig egal.«
Sie riss die durchsichtige Plastikverpackung auf und gab vier Wienerli ins heisse Wasser.
»Ich habe einen Bärenhunger. Zu Hause haben wir noch ein Pack Spaghetti, aber der Kühlschrank ist leer. Wohin ist Mutter mit ihren Freundinnen gefahren, Mailand?«
»Paris.«
Erhard betrachtete seine Tochter. Ihre Bewegungen waren ihm vertraut, die Art, wie sie die Würstchen aus dem Wasser holte, diese auf einen Teller legte. Wie sie das Brot aus dem Kasten nahm, wie sie Scheiben abschnitt, den Kühlschrank öffnete und schloss. Senf auf den Teller drückte. Aber die Uniform der Tierschutzorganisation war ihm fremd. Der teure Geländewagen draussen in der Einfahrt. Im Wagen wartete der weisse Spitz, den Zoe ein paar Häuser weiter vorne abgeholt hatte, der Hund von Herrn Mittelberger.
»Wie heisst der Hund? Eine Frau der Spitex kam mit dem Hausschlüssel, aber sie wusste es auch nicht.«
»Erinnerst du dich nicht? Er heisst Jojo.«
»Ach ja. Ich hatte leider nicht das Glück, mit Hunden aufzuwachsen.«
Zoe schlang die Würstchen herunter. Sie zog die Schublade des Küchentisches auf, aber seit Zoe ausgezogen war, lag keine Serviette mehr für sie bereit. So nahm sie jene von Erhard und wischte sich damit den Mund.
»Möchtest du eine Runde mit dem Cruiser drehen?«
»Nein.«
»Willst du wenigstens einen Blick unter die Motorhaube werfen?«
»Nein. Lass mal, Zoe.«
»Ich bin noch hungrig. Kann ich nochmals?«
Erhard nickte. Zoe lächelte zufrieden.
Er betrachtete seine Tochter. Was war so fremd an ihr? Sie ass acht Wienerli an seinem Küchentisch. Sie rauchte Arlettes Zigaretten. Ein glänzender Geländewagen, der Zoe vollkommen gleichgültig war.
Wie stolz waren Arlette und er gewesen, als sie Zoes Lehrvertrag unterschrieben hatten. Eine kaufmännische Lehre bei einer Bank. Nicht bei einer Regionalbank, nein, bei einer Grossbank, die mit Niederlassungen rund um den Globus alle Türen für ihre Tochter offen hielt.
Zoe bekam in der Berufsschule Mühe. Damit es für Nachhilfestunden reichte, hatte Arlette wieder bei der Migros begonnen. Am Anfang der Lehre bügelte Zoe ihre Blusen selbst, als sich ihre Noten weiter verschlechterten, musste er es übernehmen, Arlette sass ja hinter der Kasse. Und, Erhard bügelte gerne. Er liebte den feinen Stoff, den Geruch, wenn das heisse Bügeleisen darüber fuhr. Er liess den Stärkespray zischen, er verstand es, die Nähte straff zu ziehen und einwandfrei zu glätten. Zoe und Arlette lagen müde auf dem Sofa und sahen sich Serien an: »Wir Frauen brauchen auch etwas für das Gemüt.«
Erhard dachte beim Bügeln an die Arbeit seiner Tochter. Was er tat, sollte ihre Laufbahn bei der Bank begünstigen. Die perfekt gebügelten Blusen sollten zu ihrem Erfolg beitragen. Daraus wurde nichts. Nach der Lehre arbeitete sie kein Jahr mehr bei der Bank, dann heuerte sie beim Tierschutz an.
Sie räumte den Teller in den Geschirrspüler. Der Topf blieb auf dem Herd, die Senftube und der Aschenbecher blieben auf dem Küchentisch. Zoe griff nach dem Wagenschlüssel.
»Oder möchtet ihr den Spitz zu euch nehmen?«
Erhard schüttelte den Kopf.
»Jojo ist sehr folgsam. Ein problemloses Tier.«
»Unmöglich.«
»Schön. Dann fahre ich jetzt.«
Sie steckte die MaryLongs ihrer Mutter ein, das Feuerzeug ebenso. Sie verliess das Haus, und Erhard sah sie durch das Küchenfenster in den Wagen steigen. Sie setzte rückwärts und fuhr weg.
Im Aschenbecher lagen drei Zigarettenstummel. Erhard blickte auf den Kalender. Arlette hatte die Tage angezeichnet, die sie mit ihren Freundinnen in Paris verbringen würde.
Herr Mittelberger hatte einen Schlaganfall erlitten.
Was wäre, wenn Erhard etwas zustossen würde?
Die Ehe. Das Kind. Das Haus. All die Jahre waren zusammengeschrumpft. Der Beruf. Die Baustellen. Die Gebäude, in denen er das Elektrische installiert hatte. Erhard war einmal zur Schule gegangen. Dort hatte er Schreiben, Rechnen gelernt, und er hatte noch den Klang des Tamburins im Ohr, auf welchem Turnlehrer Reich den Takt geschlagen hatte. Erhard hatte Geografie und Französisch gelernt. Voici la plume. Dessine-moi un éléfant. An einem sonnigen Samstagmorgen hatte die Musikgesellschaft auf dem Pausenplatz gespielt und Herr Lichterloh, der Französischlehrer, hatte den Schülern erlaubt, die Fenster zu öffnen und der Musik zuzuhören. Er selbst hatte das Schulzimmer verlassen; Lehrer Lichterloh rauchte Gauloises. – Bis ihm der Arzt das Rauchen verboten hatte, war das auch Erhards Marke gewesen.
Die Seiten des Französischbuches hatten sich glatt angefühlt, im Mittelteil war die Grammatik auf filziges Papier gedruckt, hellblau wie ein Päcklein Gauloises. Dem grausamen Grammatikteil folgten die Vocabulaire-Kolonnen mit Wörtern, die er hatte auswendig lernen müssen. Erhard verspürte die Beklemmung, wie sie ihn befallen hatte, wenn Herr Lichterloh aus heiterem Himmel eine Wörtchenprobe angekündigt hatte.
Jahrzehnte war das her. Erhard am Küchentisch. Drei Stummel im Aschenbecher. Der Topf mit dem erkaltenden Wasser auf dem Herd.
Robert pédale vers le midi. So lautete der Titel einer der Geschichten, mit denen jede neue Lektion begann, und die wie ein Fortsetzungsroman gestaltet waren.
Robert ist ein Schüler aus Dijon. Eines Nachts bricht er auf. Er will in den Süden, will zu den Verwandten in die Camargue. Die Fahrt mit dem Velo das Rhonetal hinunter dauert nur eine einzige Nacht. C’est le mistral qui le pousse.
Erhard spricht laut: »Robert pédale vers le midi.«
Abhauen. Ausbrechen. Robert hatte gezeigt, wie das geht.
Erhard verlässt das Haus. In der Garage steht sein Fahrrad. Er steigt auf und fährt davon. Von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet sieht er noch das Schloss Wildegg. Il pédale sur la grande route, dans la nuit et dans le vent. Er ist kein junger Bursche mehr, der wie Robert pfeilschnell durch die Nacht pedalen kann. Der Dynamo summt, führt ihn zurück zu den nächtlichen Autofahrten mit Zoe. Damals glaubte er noch, seine Tochter ganz genau zu kennen.
Der Weinkurs war Arlettes Einfall gewesen, weil sie wegen eines Dokumentarfilms im Zweiten Deutschen Fernsehen zur Ansicht gelangt war, Zoe müsse sich mit den Weinen auskennen, in der Önologie, wie Arlette sich ausdrückte; Zoe müsse ein der reichen Kundschaft ebenbürtiges Wissen besitzen, was ihr zu einem Vorsprung auf der Karriereleiter verhelfen werde. Arlette hatte tagelang herumtelefoniert; Zoe war erst gerade ins zweite Lehrjahr gekommen, und nur ein Weinhändler aus Schupfart hatte eingewilligt, Zoe an seinem Weinkurs teilnehmen zu lassen.
Erhard, der fahren musste, hielt sich bei den Degustationen zurück, Zoe sprach dem Wein gerne zu und war auf dem Heimweg meist ein wenig angetrunken. Einmal hatte sie sich sogar über die Schweigepflicht hinweggesetzt und von ihrer Arbeit erzählt. Erhard hatte ihre Worte nie vergessen:
»Die Lieblosigkeit dem Leben gegenüber ist das Koks der Workaholiker.« Er hatte es für eine Parole gehalten, in der Art, wie sie in seiner Jugend kursierten. Er hatte nicht gemerkt, dass es Zoes eigener Gedanke gewesen war. Zoe war doch noch ein halbes Kind.
Was hatten sie für Zoe alles getan: Teure Anzüge, welche in die Reinigung mussten, die elegante Perlenkette, Nachhilfestunden und der Weinkurs. Zoe sollte einmal ein höheres Ansehen geniessen als Erhard und Arlette. Eine Bankkarriere! Stilsicher den Wein aussuchen für die handverlesenen Kunden in teuren Restaurants. Jetzt wischte sie im Tierheim Kot aus den Kojen und beseitigte mit einem beissenden Desinfektionsmittel alle Keime und Bakterien in den Boxen.
Die Fahrten nach Schupfart hatte Erhard ebenso genossen wie die Abende im Partykeller des Weinhändlers. Ja, Robert, Dijon liegt im nördlichen Burgund, fährst du südwärts, gelangst du der Côte-d’Or entlang nach Beaune: »Füllige, sanfte und alkoholreiche Rotweine.« Im südlichen Burgund triffst du den Beaujolais: »Fruchtig, frisch und süffig, ein Tropfen, der gerne jung getrunken wird.« Das Rhonetal hinunter, Robert, c’est le mistral qui te pousse, entlang den Rebbergen: »Côte-Rôtie, Hermitage und Châteauneuf-du-Pape sind hier die Spitzenweine.«
Erhard blieb auf seiner Gedankenbahn, die ihn erst in die Camargue führte, um dann in den Schupfarter Weinkurskeller zurückzukehren. Dabei bog Erhard unversehens auf die Autobahn ein, liess schon den Habsburgtunnel hinter sich, in dessen Innerem er sich an eine Illustration im Französischbuch zu erinnern glaubte: Robert auf dem Fahrrad mit wehenden Jackenstössen.
Erhard trat kräftig in die Pedalen, er nahm die Autofahrer nicht wahr, die hupend an ihm vorbeizogen. Sie telefonierten der Polizei, welche eine dringende Durchsage im Radio veranlasste: »Auf der A3 Richtung Basel: Vorsicht! Gefahr durch einen Radfahrer auf der Fahrbahn.«
Erhard dachte an die hiesigen Weine: Effinger, Bözer, Hornusser. Noch ehe der Weinhändler den Korkenzieher in die Flasche drehte, maulte ein Rentner aus Hornussen: »Jetzt chunnt de Bözer Rippizwicker!« Unbeirrt füllte der Weinhändler das Glas und hielt es gegen das Licht: ein sattes Kirschrot. Er füllte der Reihe nach die Gläser und fragte: »Welcher Geschmack herrscht hier vor?« »Tabak«, sagte Zoe, während der muskulöse Blazevic auf Leder tippte. Erhard notierte hastig: Passt zu Käse, kaltem Fleisch und Wildgerichten. »Pinot Noir«, sagte der Weinhändler. »Bözer Rippizwicker«, repetierte der Rentner, ohne das Glas anzurühren. Blazevic lächelte Zoe an: »In Bözen sagen sie dasselbe über den Hornusser.«
Mitten im Bözbergtunnel wurde Erhard aus den Gedanken gerissen. Ein Auto kam ihm entgegen, ein Geisterfahrer, ein schwarzer Mercedes, der auf der falschen Spur durch den Tunnel raste. Erhard nahm hinter dem Steuer einen Mann mit olivgrüner Haut wahr, da traf ihn der starke Luftzug. Erhard gelang es, das Gleichgewicht zu halten, und für den Bruchteil einer Sekunde sah er im Kindersitz ein kleines Mädchen. Das Köpfchen war auf die Brust gesunken, die Kleine schlief ruhig.
Kaum hatte er den Tunnel verlassen, schulterte er das Rad, warf es über den Wildschutzzaun und kletterte hinterher. Er keuchte, spürte die Anstrengung. Nur langsam liess seine Anspannung nach.
Erhard lag auf dem Rücken. Der Mond war weit über den Himmel gewandert. Erhard blickte hinauf zu den Sternen, und er dachte zurück an eine Nacht, als er und Arlette noch verlobt waren und wie sie lange auf einer Bank gesessen und Zukunftspläne geschmiedet hatten. Ein Haus. Ein Kind, das es einmal besser haben sollte.
Erhard verspürte die Feuchte des Taus. Er fühlte eine leichte Übelkeit, das kam von der Anstrengung und dem Geisterfahrer im Tunnel. Wahrscheinlich war Erhard von Autofahrern gefilmt und fotografiert worden, und er würde eine Busse bekommen. Wo war die Polizei? Sonst waren die doch auch immer die Ersten. Er besass keine Vorstellung, welche Strafen für einen Velofahrer im Autobahntunnel vorgesehen waren. Erhard war nahe daran, einzuschlafen, doch er stieg aufs Rad. Es wird schon alles gut werden.
Wieder summte der Dynamo. Die Nacht gegen Osten hin färbte sich lila. Erhard fiel ein, dass Robert auf der Fahrt in den Süden an einen Unfall gekommen war. Erhard erinnerte sich an die Zeichnung. Ein altmodischer Citroën war auf einer Bergstrasse frontal mit einem Lastwagen zusammengestossen; ein Mercedes Kurzhauber, das Fahrzeug eines Baugeschäftes, und Robert hatte einen gestreiften Pulli getragen, einen Pullover wie ein Matrose, aber keine Jacke; Erhard war jetzt nicht mehr sicher wegen der Jacke, vielleicht spielte ihm die Erinnerung auch einen Streich.
In einem Dorf trank Erhard Wasser direkt aus der Brunnenröhre. In Bözen? In Hornussen? Erhard wusste es nicht. Er stieg auf und fuhr weiter.
Es wurde hell.
Von Westen her zogen Wolken auf.
Da erreichte Erhard Frick. Ihm war übel. Wenigstens war das Café von McDonald’s schon geöffnet. Coca-Cola in kleinen Schlucken, dachte er, aber Cola führen sie nicht an der Kaffee-Theke, also nahm Erhard einen Kaffee, danach einen zweiten. Er sass im Freien und rechnete jeden Augenblick damit, sich zu übergeben. Auf dem Boden lag ein verbogener Kaffeelöffel. Erhard hob den Kopf, erblickte ein Fitness-Center, die Fenster standen offen, man hörte den Fitnesstrainer. Er zählte eins, zwei, drei, er jauchzte aufmunternd, und er stellte die Musik lauter. Regen setzte ein. Die Frau am Nebentisch zerkrümelte ihr Brötchen und fütterte es einem Spatz. Der Tonfall in der Stimme des Fitnesstrainers erinnerte Erhard an Blazevic aus dem Weinkurs. Sie hatten vor dem Haus geraucht und geredet.
Erhard spähte hinüber, aber er konnte unmöglich erkennen, ob Blazevic der Fitnesstrainer war. Er sah ein Paar aus einem Postauto steigen, der Mann trug einen Bart und langes, früh ergrautes Haar. Er musste in Erhards Alter sein. Seine Frau war ebenso wie er auf Hippie getrimmt; ein sauberes, durchgestyltes Paar, selbst die klobigen Wanderschuhe an den Füssen passten einwandfrei zum Äusseren. Die Frau trug bunte Strümpfe, mit ihren dünnen Beinen sah sie aus wie ein lustiger Vogel in einem Bilderbuch für Kinder. Aus dem Fenster des Fitness-Centers schrie eine Frau: »Seht, da ist Salvador Spescha, der Sänger!«
Wirklich, das war der Mann, der Songs der Toten Hosen auf rätoromanisch singt. Arlette besass jede seiner CDs, und seit dem Besuch eines Konzertes waren sie und ihre Freundinnen erst recht begeistert.
Der Fitnesstrainer rief: »Jippieayeah!«, und er feuerte seine Schäfchen an: »Wir konzentrieren uns jetzt wieder!«
Der Regen wurde stärker. Erhard betrat das Lokal und bestellte sich trotz seiner Übelkeit einen weiteren Kaffee. Er setzte sich in eine Nische.
War er einen Moment lang eingenickt? Lärm vom Eingang weckte ihn. Eine junge Frau stand in der Tür und schrie: »Was ist los mit euch? Wie könnt ihr hier in Ruhe sitzen?« Sie hielt ihr Smartphone in die Höhe. »Habt ihr nichts von diesem schrecklichen Unfall gehört? Ein Geisterfahrer krachte frontal in einen Streifenwagen, ein zweiter fuhr mit Blaulicht auf. Fünf Todesopfer! Geht euch das denn gar nichts an?«
Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Frau an der Theke stellte ihr stumm einen Kaffee hin. Die junge Frau schwieg, ging langsam den Tischen entlang und setzte sich schliesslich Erhard gegenüber.
»Grässlich. Trotzdem fast ein Wunder: Ein zweijähriges Mädchen blieb unverletzt.«
»Ja«, sagte Erhard, »es schlief ruhig im Kindersitz.«
Die junge Frau sah ihn erstaunt an: »Sie sind doch Zoes Vater? Ich bin mit ihr zusammen zur Schule gegangen. Erinnern Sie sich? Ich bin Sarina Charrues.« Sie hielt die Tasse mit beiden Händen, als könne sie sich daran wärmen. »Sie haben nichts vom Unfall mitbekommen?«
Erhard schüttelte den Kopf.
»Mein Freund ist bei der Mobilen Einsatzpolizei.«
»Ja«, sagte Erhard, »zum Glück ist ihm nichts passiert.«
Sie tranken Kaffee. Nach einer Weile sagte Sarina: »Die Banker machen nur, was Geld bringt, und nicht, was ihnen am Herzen liegt. Sie können stolz sein auf Ihre Zoe, dass sie zur Tierschutzorganisation gewechselt hat.« Wieder kullerten ihr die Tränen aus den Augen. »Sie fahnden jetzt nach einem Radfahrer, der durch den Bözbergtunnel fuhr.«
Erhard nahm einen Schluck Kaffee.
›Robert pédale vers le midi‹ blieb bloss eine Schulbuchgeschichte.
Sie war müde und ihr war kalt. Und wie konnte es anders sein? Der Bus hatte Verspätung. Marion dachte daran, dass sie zu Hause als erstes den Staubsaugersack wechseln musste. Ob René den Geschirrspüler ausgeräumt hatte? Sonst musste sie es tun, René käme erst spät nach Hause; denn der Auftrag für die Post hielt ihn am Arbeitsplatz. Die SMS hatte er im Lauf des Nachmittags geschrieben, Marion hatte es erst nach der Kommissionssitzung gelesen, in Erwartung einer Nachricht von Lothar, der sich jedoch nicht gemeldet hatte.
Die Menschen drängten sich an der Bushaltestelle. Neben Marion wartete eine Eritreerin mit Kinderwagen. Ihr Bauch wölbte sich, bald kam das nächste Kind zur Welt.
Marion konnte mit der Kommissionsarbeit Einfluss auf die Zukunft des Landes nehmen. Sie konnte persönlich auf den Schulstoff der Kinder einwirken. Das gefiel ihr.
Sie atmete tief durch.
Erst zum zweiten Mal war sie in die Schulbuchkommission berufen worden. Nach ›Das Sozialverhalten der Indianer Nordamerikas am Beispiel des Irokesenstammes‹ hiess das Thema nun: ›Aufstieg und Konzentrationsprozess der Genussmittelindustrie im aargauischen Stumpenland‹. Sobald Kommissionspräsident Theo Dunkel das Thema verkündet hatte, rief Silke Messer: »Tabakindustrie!« Marion fuhr ihr ins Wort: »Suchtmittel!« Theo, der liebe Theo, einen Zahnstocher zwischen den Lippen, fuhr standhaft fort:
