Endlich - Otaru Tomis - E-Book

Endlich E-Book

Otaru Tomis

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Beschreibung

Für die einen ist ein Ohrring nichts weiter als ein Modeaccessoire, für die anderen ist er ein Statement. Was erlebt ein Junge, der rechts einen Ohrring trägt, einfach weil es ihm gefällt, wenn andere dies als einen Ausdruck seiner sexuellen Orientierung interpretieren? Und was zieht er daraus für Lehren für sein weiteres Leben? Ein Leben, das schon zu Beginn durch den Tod der Mutter eine erste tragische Wendung erfuhr? In "Endlich. Erinnerungen" beschreibt Otaru Tomis die wichtigsten Stationen im Leben dieses Jungen von der frühesten Kindheit bis zum Erwachsenenalter.

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Autobiografie

I

II

III

IV

Autopsie

Credits

Autobiografie

Das Ende vom Anfang

Der Junge, der ich war, weinte. Er wusste nicht, wie er hier gelandet war und warum auf einmal alles wehtat. Gerade war er noch in den Armen von Mama gewesen und dann… Mama!

Der Junge weinte. Wo war Mama? Gerade hatte sie ihn noch auf dem Arm gehabt und hatte auf der Treppe gestanden. Sie hatte mit Papa ge… Papa!

Der Junge weinte. Wo war Papa? Papa hatte oben auf der Treppe gestanden und dann…

Der Junge weinte. Wo war er? Wo war Papa? Wo war Mama?

Er versuchte sich aufzurichten, doch es tat alles so weh! Er konnte gar nicht anders als zu schreien vor Schmerzen. Er konnte gar nichts sehen und hören außer den Schmerzen.

Doch dann wurde er behutsam gepackt und hochgehoben. War das Mama? Musste sie es nicht sein? Sie musste es sein!

Doch dann wurde er sehr behutsam in den Arm genommen und eine Stimme, die nicht Mamas Stimme war, sprach tröstend und beruhigend und vertraut auf ihn ein. Kräftige Hände hielten ihn und gaben ihm Sicherheit. Er fühlte sich geborgen.

Warum sollte er sich auch nicht geborgen fühlen? War er doch in den Armen von Papa, der ihn sorgsam an sich drückte.

Jetzt war alles wieder gut.

Wo war Mama aber nur? Wo blieb sie nur? Gerade war sie noch hier gewesen. Gerade hatte sie ihn noch in ihren Armen gehalten, bevor sie ihn… bevor sie… bevor… Bevor sie ihn verloren hatte?

Warum nur?

Warum nur war sie nicht da? Warum nur war sie nicht mehr da?

Warum nur hatte sie ihn fallen gelassen?

Sie liebte ihn doch.

Wie Papa ihn liebte. Er hielt ihn doch sicher in seinen Armen, wie er es immer tat. Es tat jetzt auch nicht mehr so weh.

Warum war nur Mama nicht mehr hier? Sie hatte doch mit ihm auf der Treppe gestanden, als sie sich mit Papa lautstark unterhielt, und dann…

Waren sie beide weg gewesen und da war nur noch dieser Schmerz gewesen, bis Papa da war.

Papa war jetzt wieder da. Er war sich dessen sicher, denn Papa hielt ihn ja sicher in seinen Armen. Mama musste also auch da sein.

Nur war sie es aber nicht!

Da drehte sich Papa mit ihm auf dem Arm plötzlich herum und beugte sich, ihn weiterhin sicher im Arm haltend, zu jemandem herunter.

Die Person lag zusammengekrümmt auf den Boden mit dem Rücken zu ihnen. An einer Stelle schaute etwas aus der Person heraus und drum herum war alles rot drumrum.

Er hörte, wie Papa sagte: „Nein, nein, nein, nein…“

Immer wieder hörte er Papa immerfort nur „Nein“ sagen. Immer trauriger. Immer verzweifelter.

Und dann sah er, wie Papa die Person mit einer Hand behutsam auf den Rücken drehte. Er drehte sie so auf den Rücken, dass sie nicht auf dem Ding, das aus ihr rausguckte, zu liegen kam. Das Ding, was da aus ihr rausguckte, das erinnerte ihn an irgendwas. Er kam aber nicht mehr darauf, was, denn nun sah er das Gesicht der Person.

Und, nein, es war nicht Mama.

Und, ja, es war Mama.

Irgendwie war es ganz komisch. Und irgendwie war es nicht richtig. Und irgendwie war es ganz falsch. Aber es war zu… zu…

Warum schrie er nur so ganz wild? Warum wirkte Papa so ganz anders? Mama war doch da. Oder nicht? Alles war doch gut. Oder nicht?

Vielleicht war es ganz normal, wenn Mama Mama war und zugleich nicht Mama. Vielleicht war dann auch Papa Papa und zugleich nicht Papa. Und es war ganz normal. Und er war dann ebenso er und zugleich auch nicht mehr er. Und es war ebenfalls normal so. Was war er aber dann? War er dann überhaupt noch? Wenn Mama und Papa nicht mehr da waren, dann war doch auch er nicht mehr da. Nicht wahr?

Dann rannte Papa-nicht-Papa mit ihm, der war-und-nicht-war, die Treppe hoch und zurück in die Wohnung. Da hin, wo das Telefon stand.

Mit ihm, der vielleicht war oder auch nicht, auf dem Arm, rief der Mann, der Papa war und vielleicht auch nicht, jemanden an. Dann rannte Papa, der vielleicht auch nicht Papa war, ins Bad und holte einen Kasten und ein Handtuch, während er ihn, der vielleicht war oder auch nicht, gleichzeitig weiterhin sicher im Arm hielt.

Mit ihm, der vielleicht nicht war, dem Kasten und dem großen Handtuch stürzte der Fremde, der sein Papa wohlmöglich war, die Treppe hinunter zur Mama, die wahrscheinlich… nicht mehr war.

Der Junge, der ich gewesen war, begann zu kreischen.

I

Aus Feinden werden Freunde

Gwangnaru. Es hätte so einfach sein können. Anstatt zu helfen, hätte er einfach nur weiterzugehen brauchen. Doch stattdessen nahm er sich ein Herz und stand seinem ärgsten Feind in seiner größten Not bei. Ja, das Gute im Menschen. Das gibt es noch! Und es obsiegt über das Böse! Und das Beste: Aus den erbitterten Feinden scheinen die besten Freunde geworden zu sein. Von unserem Lokalreporter…

Das Gute im Menschen

Er kniete sich neben den auf der Straße liegenden Körper und drehte ihn von der Seite auf den Rücken.

Vor Schreck hätte er sich fast auf seinen Hosenboden gesetzt und zugleich wollte er voller Panik hochspringen, um davonzulaufen.

Doch stattdessen glotzte er wie blöd in das ihm nicht unbekannte Gesicht.

Er war sich nicht schlüssig, was er tun sollte. Am liebsten wäre er einfach davongerannt und hätte diese Person ihrem Schicksal überlassen.

Doch stattdessen starrte er in das Antlitz des bewusstlosen Jungen. Er war wie erstarrt. Vor Schrecken. Oder weil er überwältigt war von der Verantwortung, die er nun auf sich lasten fühlte.

Er wagte einen kurzen Rundumblick. Er schaute die Straße hinunter, die sich im Laternenlicht langsam in der Dunkelheit verlor. Auch beim Blick in die andere Richtung verlor sich alles jenseits des Laternenlichts im Dunkel der Nacht.

Was mochte hier nur passiert sein?

Er schaute wieder auf den bewusstlosen Jugendlichen vor sich. Was war ihm nur passiert?

Doch was es auch gewesen sein mochte, er musste nun was tun. Hilfe holen.

Eigentlich.

Doch stattdessen starrte er weiter unverwandt in dieses so friedlich unfriedliche Gesicht.

Er musste weg.

Eigentlich.

Es war eine zu verlockende Möglichkeit, nein, eine Gelegenheit, nein, eine zu große Chance, die sich ihm da bot.

Er musste nur den Mut aufbringen.

Endlich gelang es ihm, sich aus seiner Starre zu lösen. Er war dabei, sich zu erheben, als der Jugendliche vor ihm einfach so ganz ohne Vorwarnung die Augen aufschlug und ihm direkt und ungeschützt ins Gesicht starrte.

„Was? Du?“ sagte der Mitschüler voller schmerzverzerrter

Überraschungsenttäuschung.

Und – PLUMPS! – schon saß er auf seinem Hinterteil!

„Was machst du hier?“ fragte der Mitschüler mühsam, während er sich aufzurichten versuchte, während er selbst schnellstens den Hintern wieder hochbekam und sich aufzurappeln vermochte, um sich umzudrehen und abzuwenden.

Er machte einen Schritt. Und noch einen Schritt. Und er war dabei, einen dritten Schritt zu tun, doch eine Stimme in seinem Rücken ließ ihn wieder erstarren.

Es war die Stimme des Mitschülers.

„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“ fragte sie.

Er blieb aufrecht stehen. Doch drehte er sich nicht zur Stimme rum. Stattdessen schaute er auf seine Schuhspitzen.

Es würde vorbeigehen. Das wusste er.

Es würde vorbeigehen. Wie immer. Und dann hätte er seine Ruhe.

Endlich.

Bis zum nächsten Mal.