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Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Toni kam in die Küche. Er nahm sich einen Kaffee und setzte sich an den Küchentisch. Anna stand am Herd und drehte sich um. »Toni, was hast du? Ich sehe dir an, dass dich etwas beschäftigt.« »Du kennst mich gut.« Anna lachte. »Ich bin deine Frau, und ich liebe dich. Ich spüre, wenn dich etwas bedrückt.« »Mei, die Kinder sind so verändert. Sie sind so still. Seit Tagen glucken sie zusammen. Ich denke, da stimmt etwas nicht.« »Ich nehme an, sie machen sich Gedanken, dass Pfarrer Zandler von Waldkogel fort soll«, sagte Anna. »Sie sprechen nicht direkt darüber. Aber aus Nebenbemerkungen habe ich ihre Sorge herausgehört. Ich konnte sie ein wenig beruhigen, als ich ihnen sagte, wir in Waldkogel halten alle zusammen, und wir kämpfen dafür, dass alles so bleibt wie es ist. Trotzdem sind sie traurig. Ich kann es auch verstehen. Sprich du noch einmal mit ihnen.« »Das werde ich tun.« Toni nahm den Becher mit Kaffee. Er ging hinaus und lief das Geröllfeld hinauf. Oberhalb am Gebirgsbach saßen Sebastian und Franziska. Bello, der junge Neufundländerrüde, lag bei ihnen. Toni setzte sich dazu. »Ich sehe es euch an, euch beschäftigt etwas. Ihr kommt mir vor, wie zwei Blumen, die die Köpfe hängen lassen. Wollt ihr mir nicht sagen, über was ihr euch Gedanken macht?« Die Geschwister warfen sich Blicke zu und schwiegen. Toni trank einen Schluck Kaffee. »Hört mal«, sagte er sanft und liebevoll. »Anna und ich haben euch lieb. Wir sind eine Familie. Wenn einen etwas bedrückt, dann sollte man darüber reden. Es gibt da ein Sprichwort. Es heißt:
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Toni kam in die Küche. Er nahm sich einen Kaffee und setzte sich an den Küchentisch. Anna stand am Herd und drehte sich um.
»Toni, was hast du? Ich sehe dir an, dass dich etwas beschäftigt.«
»Du kennst mich gut.«
Anna lachte.
»Ich bin deine Frau, und ich liebe dich. Ich spüre, wenn dich etwas bedrückt.«
»Mei, die Kinder sind so verändert. Sie sind so still. Seit Tagen glucken sie zusammen. Ich denke, da stimmt etwas nicht.«
»Ich nehme an, sie machen sich Gedanken, dass Pfarrer Zandler von Waldkogel fort soll«, sagte Anna. »Sie sprechen nicht direkt darüber. Aber aus Nebenbemerkungen habe ich ihre Sorge herausgehört. Ich konnte sie ein wenig beruhigen, als ich ihnen sagte, wir in Waldkogel halten alle zusammen, und wir kämpfen dafür, dass alles so bleibt wie es ist. Trotzdem sind sie traurig. Ich kann es auch verstehen. Sprich du noch einmal mit ihnen.«
»Das werde ich tun.«
Toni nahm den Becher mit Kaffee. Er ging hinaus und lief das Geröllfeld hinauf. Oberhalb am Gebirgsbach saßen Sebastian und Franziska. Bello, der junge Neufundländerrüde, lag bei ihnen. Toni setzte sich dazu.
»Ich sehe es euch an, euch beschäftigt etwas. Ihr kommt mir vor, wie zwei Blumen, die die Köpfe hängen lassen. Wollt ihr mir nicht sagen, über was ihr euch Gedanken macht?«
Die Geschwister warfen sich Blicke zu und schwiegen. Toni trank einen Schluck Kaffee.
»Hört mal«, sagte er sanft und liebevoll. »Anna und ich haben euch lieb. Wir sind eine Familie. Wenn einen etwas bedrückt, dann sollte man darüber reden. Es gibt da ein Sprichwort. Es heißt: ›Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.‹ Also wie ist es? Darf ich euch ein bisserl Last vom Herzen nehmen? Oder dürfen Anna und ich uns mit euch freuen?«
»Wir freuen uns net, Toni. Wir sind so traurig, dass Pfarrer Zandler fortgeht«, sagte Franziska. Dabei versagte ihr fast die Stimme.
Toni stand auf. Er setzte sich neben das Mädchen und legte den Arm um sie.
»Franzi, musst net traurig sein. Das gilt auch für dich, Basti. Noch ist net aller Tage Abend. Der Zandler soll zwar gehen, aber niemand in Waldkogel will ihn fortlassen. Bürgermeister Fellbacher versucht bei der Kirchenverwaltung zu erreichen, dass er bleibt.«
»Aber es ist doch schon eine beschlossene Sache«, warf Sebastian trotzig ein.
Toni streichelte Sebastian über das Haar. Basti drehte sich fort. Toni schmunzelte innerlich. Er wusste, dass Buben in dem Alter Zärtlichkeiten nicht mehr zugeneigt waren.
»Basti, nix ist im Leben endgültig, außer dem Ende, wenn der Herrgott uns zu sich nimmt. Alles andere kann man ändern und kann ganz anders kommen.«
Toni trank einen Schluck Kaffee.
»Kinder, alle in Waldkogel wollen, dass Pfarrer Zandler bleibt, und wir werden gemeinsam dafür kämpfen.«
Die Geschwister warfen sich Blicke zu.
»Vielleicht könnte man Unterschriften sammeln?«, sagte Basti leise.
»Oder jeder sollte einen Brief an den Bischof schreiben«, ergänzte Franzi.
»Mei, des sind gute Ideen«, griff Toni die Vorschläge auf.
Er sah darin nicht nur eine Chance für das Vorhaben, sondern auch eine Aufgabe für die Kinder, damit sie das Gefühl hatten, dass sie etwas tun konnten. Zur Untätigkeit verurteilt zu sein, war das Schlimmste, das wusste Toni aus eigener Erfahrung.
»Wie wäre es, wenn ihr das organisiert? Habt ihr euch schon Gedanken gemacht?«
Franziska nickte eifrig.
»Wir könnten von Haus zu Haus gehen und die Unterschriften sammeln«, sagte Franzi.
»Genau«, stimmte Basti zu, »und wir können Zettel mit der Adresse vom Bischöflichen Ordinariat abgeben und jeden bitten, zusätzlich noch einen Brief zu schreiben, mit der Bitte, die Sache rückgängig zu machen. Meinst, des bringt etwas, Toni?«
Toni rieb sich das Kinn.
»Kinder«, sagte er mit liebevollem Ton in der Stimme, »wir können es nur versuchen. Im Leben ist es nun einmal so, dass es keine Garantie auf Erfolg gibt. Aber das ist auch nicht entscheidend. Wichtig ist, dass man nichts unversucht lässt und alles unternimmt, für eine Sache oder für einen Menschen. Nur das zählt. Dann braucht man sich auch später keine Vorwürfe zu machen. Also, ich finde, das ist eine sehr gute Idee. Am besten ihr fangt gleich damit an. Zieht euch an, und geht runter nach Waldkogel zu den Baumberger Großeltern. Ich rufe sie an und sage ihnen, was ihr vorhabt. Ich bin sicher, dass Oma Meta und Opa Xaver euch dabei helfen. Heute Abend ist Stammtisch im Wirtshaus, da könnt ihr gleich Unterschriften sammeln. Ihr könnt übers Wochenende bei den Großeltern im Tal bleiben.«
Franziska sprang auf und umarmte Toni.
»Toni, es wäre so schön, wenn unser Pfarrer bleiben würde.«
»Gib die Hoffnung niemals auf, Franzi. Außerdem denke ich, dass die Engel vom ›Engelssteig‹ uns helfen.«
Toni stand auf. Zusammen gingen sie zurück zur Berghütte.
Bald waren Franzi und Basti auf dem Weg zu den Großeltern nach Waldkogel. Sie mussten den ganzen Weg laufen, weil Toni keine Zeit hatte, sie von der Oberländer Alm hinunter ins Tal zu fahren. Aber das machte den Kindern nichts aus. Sie waren voller Eifer und freuten sich, etwas tun zu können.
Als sie zu den Baumberger Großeltern kamen, ging Meta mit den beiden einkaufen. Im Trachten- und Andenkenladen Boller kauften sie zwei dicke Hefte zum Sammeln der Unterschriften. Veronika Boller und ihr Mann trugen sich gleich ein. Veronika legte im Laden neben der Kasse eine weitere dicke Kladde aus.
»Jeden Tourist, der hier etwas kauft, werde ich überreden, dass er sich einträgt. Die meisten Touristen hier sind Stammkunden. Sie kommen jedes Jahr und kennen die Kirche und unseren guten Pfarrer Zandler. Ich bin sicher, dass alle mitmachen.«
Franziska und Sebastian strahlten.
Draußen auf dem Marktplatz trennten sie sich. Jeder wollte sich einige Straßen von Waldkogel vornehmen, damit sie schneller fertig würden. Großmutter Meta Baumberger ermahnte die beiden, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Sie versprachen es und zogen los.
Bis zum Abend hatten sie bereits viele Unterschriften gesammelt und das Versprechen, dass Familienmitglieder, die tagsüber auf der Arbeit waren, abends in die Wirtschaft der Großeltern kommen würden, um zu unterschreiben. Mit jeder Unterschrift und jedem Versprechen, einen zusätzlichen Brief zu schreiben, wuchs die Hoffnung der Kinder. Sie bekamen viel Unterstützung und Hilfe. Weitere Schulfreunde schlossen sich ihnen an. Unter ihnen waren auch die Kinder des Försters. Ulla und Paul machten sich mit einem Forstarbeiter, dem ihr Vater freigegeben hatte, und einem Geländewagen auf, die weitverstreuten Almen und Ferienhäuser in den Bergen abzufahren und dort Unterschriften zu sammeln. Andere Klassenkameraden holten bei Veronika Boller dicke Hefte und nahmen sich den Ortsteil Marktwasen vor.
Abends trafen sich alle bei den Baumbergers. Oma Meta lud die vielen kleinen Helfer zum Essen ein. Alle waren fröhlich und zuversichtlich.
*
Im Dienstzimmer der kleinen Polizeistation klingelte das Telefon. Gewolf Irminger, der von allen Wolfi gerufen wurde, nahm den Hörer ab und meldete sich:
»Polizeirevier Waldkogel, Gewolf Irminger am Apparat.«
»Grüß Gott, Herr Irminger! Hier ist Herbert Maierhofer aus München!«
»Oh, Herr Hauptkommissar!«, entfuhr es Irminger.
Seiner Stimme war anzuhören, dass er überrascht war und sich etwas sorgte.
»Irminger, musst net erschrecken«, lachte der Beamte aus München in den Telefonhörer. »Es ist nix Dienstliches. Vielmehr will ich die Chris um einen Gefallen bitten. Ist des Madl da?«
»Naa, die Chris ist unterwegs. Sie jagt Temposünder. Des sind aber keine Einheimische.«
Maierhofer lachte erneut.
»Sage ihr bitte, sie soll mich zurückrufen, sobald sie wieder in der Dienststelle ist. Ich warte auf ihren Anruf. Es ist wichtig!«
»Sie können sich darauf verlassen«, versprach Irminger.
Sie wechselten noch einige höfliche Worte und legten dann auf.
Gewolf Irminger rief anschließend seine Kollegin Christine Danzer an und bat sie, sofort in die Polizeistation zu kommen. Schon einige Minuten später parkte Christine das Polizeimotorrad auf dem Hof. Sie zog den Motorradhelm ab, schüttelte ihre Locken und betrat das Büro. Irminger reichte ihr einen Kaffee. Er erzählte ihr von dem Anruf.
»Merkwürdig«, sinnierte die junge Polizistin, »dass er nicht gesagt hat, warum er mich sprechen will.«
»Wird eben etwas sein, über das er nur mit dir reden will«, vermutete Wolfi.
Christine stützte die Hände in die Seite. Ihr ganzer Körperausdruck war auf Abwehr geschaltet.
»Also, wenn ich wieder nach München versetzt werden soll, dann streike ich. So schön es auch bei der Motorradstaffel in München war, hier ist es besser und viel schöner. Er war damals ziemlich sauer, als ich mich versetzen ließ. Ich kann mir nur denken, dass er mich überreden will, zurück nach München zu kommen. Doch da hofft er vergeblich.«
»Rufe ihn an, Chris!«
»Naa, des mache ich net! Ich fahre hin. Ich will ihm dabei in die Augen sehen.«
Christine Danzer tauschte den dienstlichen Motorradanzug gegen ihren privaten Hosenanzug aus. Dann stieg sie in ihr Auto und fuhr direkt nach München.
Eine Stunde später klopfte sie an die Tür von Herbert Maierhofer und trat ein.
»Mei, des ist eine Überraschung! Ich dachte, du rufst erst an, Madl.«
Der Chef duzte alle jungen Polizistinnen, ließ es aber trotzdem nicht an Respekt mangeln.
»Ja, ich dachte, man redet besser, wenn man sich in die Augen schaut.«
Sie schüttelten sich die Hände. Maierhofer griff sofort zum Telefon und ließ aus der Kantine der Polizeiverwaltung Kaffee und Kuchen bringen.
»Falls Sie mich damit bestechen wollen, ist Ihre Mühe vergeblich«, lachte Christine Danzer. »Ich will nimmer nach München zurück. Da können Sie noch so viel Kuchen auffahren. Ich will in Waldkogel bleiben.«
Maierhofer lachte laut.
»Setz dich, Madl! Keine Sorge, darum geht es nicht. Ich weiß, dass du glücklich bist in Waldkogel und die Waldkogeler dich schätzen.«
Kaffee und Kuchen wurden gebracht. Nachdem die Mitarbeiterin der Kantine den Raum verlassen hatte, schenkte Maierhofer zuerst Chris, dann sich selbst Kaffee ein. Er gab seinem Vorzimmer und der Telefonzentrale Anweisung, dass er nicht gestört werden wollte, da er in einer wichtigen Konferenz sei. Christine zog die Augenbrauen nach oben, als sie ihm zuhörte. Er setzte sich zu ihr an den Tisch.
»Ich will gleich zur Sache kommen. Hast du in letzter Zeit etwas von deiner ehemaligen Kollegin Heike Krüger gehört? Sie war deine Partnerin, hier in München. Soviel ich weiß, seid ihr enger befreundet gewesen und habt sogar eine Weile zusammen gewohnt.«
»Das stimmt. Wir waren ein gutes Team, dienstlich wie auch privat. Leider ist die Verbindung abgebrochen. Am Anfang meines Aufenthalts in Waldkogel haben wir oft telefoniert. Heike hat mich auch einige Male dort besucht. Aber dann hörte ich immer seltener von ihr. Ich habe ihr oft auf den Anrufbeantworter gesprochen und um Rückruf gebeten.«
Christine zog die Achseln nach oben und machte mit beiden Händen eine etwas hilflose Bewegung.
»Heike hat sich nie bei mir gemeldet. Vielleicht will sie keinen Kontakt mehr. Doch warum fragen Sie?«
Er trank einen Schluck Kaffee und seufzte leise.
»Das passt ins Bild, Chris! Ich kann es erklären. Heike ist seit vielen Monaten krankgeschrieben. Sie hatte im Dienst einen Zusammenbruch. Sie übernahm viele Überstunden. Sie hatte auch nie geklagt. Dann brach sie zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Dort päppelten sie sie erst mal wieder organisch auf. Jetzt ist sie daheim. Sie soll noch in Kur gehen und wartet auf einen Termin.«
»Um Gottes willen, das wusste ich alles nicht«, stöhnte Christine. »Das ist ja schrecklich! Warum hat sie sich nicht bei mir gemeldet? Wir hatten doch immer so ein gutes Verhältnis.«
»Warum? Das kann ich vielleicht erklären. Sie fühlt sich als Versagerin, sie fühlt sich schuldig, unfähig, einfach für den Polizeidienst untragbar. Sie pflegt auch keinen Kontakt mehr zu ihren anderen Kollegen und Kolleginnen. Sogar den Dienst will sie quittieren. Sie hat mir einen langen Brief geschrieben, dass sie bei der Polizei aufhören will.«
»Heike will aufhören?«, fragte Christine, als hätte sie sich verhört. »Sie war mit Leib und Seele Polizistin. Sie stammt aus einer Polizistenfamilie. Ihr Großvater, ihr Vater, ihre Onkel und Tanten, alle sind bei der Polizei. Vielleicht fühlt sie sich deshalb als Versagerin?«
Maierhofer schüttelte den Kopf.
»Nein, das ist es nicht. Alle reden ihr gut zu. Aber sie will nicht mehr. Es wäre schade, wenn sie gehen würde. Sie würde sich doch in keinem anderen Beruf wohlfühlen. In meinen Augen ist das eine völlig falsche Entscheidung. Selbst der Polizeipsychologe konnte sie nicht davon abbringen.«
Herbert Maierhofer schaute Christine Danzer ernst an.
»Deshalb dachte ich mir, dass du dich ihrer ein bisserl annimmst. Dabei kann ich nur hoffen, dass sie dich an sich heranlässt.«
»Die arme Heike! Sie muss völlig daneben sein. Sie könnte doch sicherlich eine Weile Innendienst machen oder?«
»Sicher, aber das lehnt sie ab.«
Christine schüttelte den Kopf.
»Gut, dass Sie mich angerufen haben. Versprechen kann ich natürlich nichts, aber ich werde ihr ins Gewissen reden.«
»Ins Gewissen reden, wird nichts bringen. Ich dachte mir, du nimmst sie eine Weile mit nach Waldkogel. Sie wartet auf den Termin für die Reha. Bis sie den bekommt, wäre Waldkogel sicher der richtige Aufenthaltsort. Erstens wäre sie dann mit dir zusammen. Zweitens käme sie aus ihrer Wohnung, die sie im Augenblick kaum verlässt, höchstens zum Einkaufen.«
»Das hört sich gar nicht gut an«, seufzte Christine.
»Ja, das ist es auch nicht. Die Ärzte sprechen von einer tiefen Depression nach dem Zusammenbruch.«
Herbert Maierhofer griff in die Hosentasche und holte einen Schlüssel heraus.
»Das ist Heikes Wohnungsschlüssel. Dein Besuch ist mit Heikes Verwandten abgestimmt. Nimm ihn nur zur Sicherheit, falls Heike dir nicht öffnet.«
Christine nahm den Schlüssel und betrachtete ihn lange.
»Das sind keine guten Nachrichten. Ich bin tief erschüttert. Es kommt ja immer wieder vor, dass jemand nach Jahren den Dienst quittiert. Unter Kollegen spricht man darüber. Wenn es sich dabei aber um jemand handelt, den man so gut kennt wie ich Heike, geht das einem sehr nah. Sie war nicht nur meine Partnerin, sondern vor allem meine Freundin.«
Christine erinnerte sich daran, dass sie einmal mit Heike über einen älteren Kollegen gesprochen hatte. Er hörte damals auf, als sie nach der Ausbildung in den aktiven Dienst eintraten. Sie waren beide der Meinung gewesen, dass dieser Polizist ein Weichei sei. Er besitze weder Mumm und noch Rückgrat. Jetzt traf es Heike. Sie hat sicher Angst davor, was die anderen sagen werden, und schämt sich, dachte Chris. Dabei musste sie doch wissen, dass sie das nur aus einer Art Selbstschutz heraus taten, weil der Dienst sehr hart war und niemand daran denken wollte, er könnte eines Tages vor derselben Entscheidung stehen.
Christine saß eine ganze Weile stumm am Tisch. Sie trank Kaffee und ließ den Kuchen stehen. Maierhofer ließ ihr Zeit zum Nachdenken.
»Chris, es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für dich habe. Es ist einen Versuch wert. Heike ist eine sehr fähige Polizistin. Meiner Meinung nach, braucht sie nur eine Auszeit und den Trost von jemandem, der sie versteht, und du kennst sie am besten.«
»Vielleicht wäre es nicht soweit gekommen, wenn ich in München geblieben wäre und weiter mit ihr Dienst gemacht hätte«, sagte Christine leise.
»Schmarrn! Des kann niemand wissen. Jetzt fang bloß net an, dir Vorwürfe zu machen! Außerdem hätte sie dir wahrscheinlich genauso etwas vorgemacht wie uns allen. Sie war immer da, sprang für jeden ein, war immer im Dienst. Du weißt, wie sie ist. Sie hat es vielleicht selbst nicht bemerkt, dass es besser wäre, etwas langsamer zu machen.«
Christine steckt den Schlüssel ein.
»Dann werde ich mein Glück versuchen«, sagte sie leise.
Herbert Maierhofer ging mit Chris zum Auto. Er bat sie, ihn anzurufen, sobald sie mit Heike gesprochen habe und diese in Waldkogel war. Chris versprach es, gab aber zu bedenken, dass sie Heike erst einmal dazu überreden müsste …
