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Jeder Mensch wird wiedergeboren! Was ist aber, wenn sich der Mensch an die vorherigen Leben erinnert? Sechs junge Menschen machen die Erfahrung der Wiedergeburt und reagieren darauf sehr unterschiedlich. Während Askia die Verdrängung vorzieht, übernehmen ihre Freunde die heimliche Macht in allen Regierungen der Welt. Korruption, Täuschung, Erpressung bis hin zu Tötungen, alles scheint erlaubt zu sein. Es gibt keine Grenzen mehr, sodass die Kreation einer neuen Spezies Mensch nur eine von vielen Nebenwirkungen ist. Um die Welt vor ihren Freunden zu retten, müssen Kairo und Askia zueinanderfinden.
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Seitenzahl: 673
Veröffentlichungsjahr: 2024
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2024 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-487-6
ISBN e-book: 978-3-99130-488-3
Lektorat: Mag. Eva Reisinger
Umschlagfotos:Jeka, Vac1, Pixel-Shot| Shutterstock.com
Umschlaggestaltung: Maibritt Siuts
Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für meine Familie
Zitat
Die zwei mächtigen Tage sind der, an dem man
geboren wird, und der, an dem man erkennt, warum!
(Mark Twain)
Vania
Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich versuche zu rennen. Doch die Schwerkraft zieht die Beine zum Boden und sie folgen nicht meinem Willen zur Eile. Ich spüre Verzweiflung, die wie schmerzhafte Stiche den Körper durchdringt. Meine Wahrnehmung ist geschärft. Schemenhaft nehme ich schäbige, dem Verfall überlassene Fassaden wahr, die sich in den engen Gassen aneinanderreihen. In keinem Haus brennt Licht. Die Dunkelheit der Nacht kriecht mir unter die Haut und verstärkt die Panik. Von überall scheinen Augenpaare meine Flucht mitleidlos und mit einer erschreckenden, grausamen Ruhe zu beobachten.
Am Ende der Straße sehe ich Licht. Neue Hoffnung keimt auf und ich renne. Ich konzentriere mich dermaßen auf diesen Rettungsanker, dass ich die Gestalt vor mir nicht bemerke. Ich rase ungebremst in sie hinein. Mein Angstschrei durchdringt die Stille der Nacht und dröhnt in meinen Ohren.
Mit einem Schlag sitze ich aufrecht im Bett. Mein Herz rast und diese furchtbare Angst ist mir in die Realität gefolgt. Erleichtert übers Aufwachen atme ich seufzend aus und verfluche gleichzeitig die Hirngespinste, die mich seit meinem 15. Geburtstag heimsuchen. Schon lange suche ich Rat bei einer Psychotherapeutin. Doch wir haben beide keine Ahnung, was der Auslöser dieser Übererregung sein könnte. Stöhnend senke ich meinen Kopf erneut ins Kissen. Ein Blick auf den Wecker sagt mir, dass es 4:30 Uhr ist. Noch 2,5 Stunden Schlaf.
Aus weiter Ferne höre ich meine Mutter rufen: „Vania, Zeit aufzustehen!“ Ich lege mir das Kopfkissen über den Kopf. Sie wird in wenigen Sekunden das Zimmer betreten und wie jeden Morgen kein Erbarmen zeigen. Ich vernehme ihre Schritte auf der Treppe.
„Oh man!“ Gleich ist sie da und reißt mir die Bettdecke fort. Aufstehen hat für mich eine ähnliche Qualität wie der Sprung ins kalte Wasser. Man benötigt einen starken Willen, um zu handeln. Heute Morgen spüre ich nicht einen Hauch dieser Charakterstärke. Stattdessen höre ich meinen persönlichen Weckruf: „Guten Morgen, Vania! Warum stehst du nicht auf? Wer soll dich denn während des Studiums aus deinen Träumen reißen? Wirklich, Vania! Daran musst du arbeiten!“ Ich vernehme die routinierten, zu dieser Uhrzeit mit viel zu viel Energie geladenen Worte, die das morgendliche Wegreißen meiner Bettdecke begleiten, nicht zum ersten Mal. Ich liebe meine Mutter und weiß eigentlich genau, dass ich mich auf sie verlasse. Wahrscheinlich aus reiner Bequemlichkeit. Ich habe das Bedürfnis, ihr von den erneuten Albträumen zu erzählen, lasse es letztendlich, weil ich ihr nicht unnötig Sorgen bereiten möchte. Stattdessen quäle ich mich unter dem Kissen hervor und öffne langsam die Augen: „Wenn ich ohne dich aufstehen muss, werde ich den Wecker hören, Mama! Da mach dir keine Gedanken!“, ich zwinkere ihr bestätigend zu. Meine Mutter hebt ihre Augenbrauen und verzieht zweifelnd den rechten Mundwinkel: „Hoffentlich! Ich werde dich sicher jeden Morgen anrufen müssen. Höchstwahrscheinlich hast du dann wieder den Flugmodus eingeschaltet und dann erreiche ich dich nicht.“
„Was aufgrund der Strahlung existenziell ist. Also nicht zu ändern!“
„Wodurch aber die Wahrscheinlichkeit des Verschlafens steigt!“
„Hast du schon mal was von Helikopter-Eltern gehört?“
Meine Mutter verdreht die Augen: „Sei froh, dass ich mich kümmere! Jetzt beeile dich! Rana steht in dreißig Minuten vor der Tür!“ Sie geht zum Fenster und lässt ohne Rücksicht die kühle, frische Luft ins Zimmer. Ich beobachte sie dabei und bewundere gleichzeitig ihr strukturiertes Vorgehen. Sie war bereits im Badezimmer, hat ihre mittellangen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt die Uniform, die sie als Stewardess ausmacht und ihrer schlanken Figur vorteilhaft schmeichelt. Ich stelle erneut fest, dass sie trotz ihrer 45 Jahre eine attraktive Frau ist. Nach meiner Geburt beschloss sie, ausnahmslos Inlandsflüge anzunehmen, was wahrscheinlich dem geschuldet ist, dass sich auchmein Vater öfter auf Dienstreise befindet. Erst seit kurzem nimmt sie vereinzelt Überseeflüge an. Dadurch ist sie gelegentlich für wenige Tage nicht zu Hause. „Wo fliegst du diesmal hin?“ Sie dreht sich zu mir um. „Singapur! Montag schmeiß ich dich wieder aus dem Bett!“, sie meint es scherzhaft und zwinkert mir zu. Mit zuckenden Schultern bewege ich mich in die Senkrechte. Ich necke sie: „Gut, dann ist das Aufstehen für diesen Tag gerettet!“ Sie schaut mich mit gespielt aufgerissenen Augen an und kurz darauf fangen wir beide an zu lachen. „Du bist unverbesserlich!“, sie schüttelt lachend den Kopf und verlässt das Zimmer mit den Worten: „Sieh zu!“
Als die Türglocke anschlägt, habe ich äußerlich alles erledigt. Meine hellblonden Haare, die mir bis zum Po reichen, sind ordentlich in einem französischen Zopf gebändigt. Die Wahl des Outfits fiel auf ein kurzes blaues Kleid, das meine blauen Augen betont und sich eng um meine schlanke Figur legt. Unten höre ich Ranas Stimme, die langsam Richtung Küche abebbt. Zufrieden verlasse ich das Bad, greife nach der Schultasche und eile die Treppe hinunter. Rana ist im Gespräch mit meiner Mutter. Es dreht sich um den Abiball und ob ihre Mutter dabei sein wird. Ich setze die Tasche ab und begrüße sie mit einer Umarmung: „Guten Morgen, Rana“, und wende mich um: „Mama, bis zum Abiball dauert es ein Jahr. Bis dahin müssen wir erst einmal die Prüfung machen.“ Anstatt auf meine Anmerkung einzugehen, fragt sie mich: „Hast du alles?“
„Nur noch einen Moment!“, ich haste zum Wasserhahn und fülle etwas Wasser in mein Glas.
Rana blinzelt meiner Mutter zu. „Same procedure as every day?“
Ich stemme die Hände in die Hüften: „Jetzt verschwört ihr euch gegen mich. Das ist nicht fair! Ich bin bereits fertig!“
„Gib es auf! Pünktlichkeit gehört nicht zu deinen Stärken!“
Meine Mutter steckt mir die Brotdose zu, während mir das neue Kleid von Rana ins Auge sticht. „Wow, das steht dir! Wo hast du das denn her?“
„Selbstgeschneidert! Gefällt es dir?“
Mit einem Nicken bejahe ich es: „Schade, dass ich dazu nicht in der Lage bin!“
Rana lacht: „Wer es glaubt. Wie oft habe ich dir angeboten, es dir beizubringen?“
„Ich weiß, aber es ist definitiv zu zeitaufwendig.“
Äußerlich ähneln wir uns kaum. Rana hat eine tiefschwarze Mähne und braune Augen, mit meinen blonden Haaren und den blauen Augen bin ich die helleAusgabe von uns. Gemeinsam haben wir die langen Beine und die bis zum Po reichenden Haare, die meistens lose über die Schultern hängen. Während ich mich lieber sportlich anziehe, bevorzugt sie schicke Kleider, was wahrscheinlich ihrer italienischen Herkunft geschuldet ist.
Meine Mutter drängt zur Eile: „Ihr müsst los, sonst seid ihr zu spät!“
„Stimmt! Wir sollten starten!“ Ich nicke und öffne die Haustür: „Komm heil zurück, Mama!“ Ich drücke ihr zum Abschied einen Kuss auf die Wange und umarme sie dabei.
Dann machen wir uns auf den Weg und gehen die ersten Schritte schweigend nebeneinander her. Meine Gedanken wandern wieder zu dem nächtlichen Traum.
Rana unterbricht die Stille: „Hast du wieder schlecht geschlafen? Du bist furchtbar blass!“
Ich schaue sie von der Seite an und nicke. Wir kennen uns seit frühester Kindheit, da unsere Mütter Arbeitskolleginnen sind und sich daraus ebenfalls eine Freundschaft ergeben hat. Wir haben keine Geheimnisse voreinander, wodurch wir alles in endlosen Diskussionen miteinander besprechen. Rana ist stets auf dem neuesten Stand.
Besorgt fragt sie mich: „Es ist komisch, dass es immer wieder derselbe Traum ist.“
„Nicht ganz derselbe! Was sich gleicht, ist das Gefühl der Bedrohung und dass ich verfolgt werde. Kurz bevor ich aufwache, sehe ich ein helles Licht. Dann fühle ich Hoffnung und möchte darauf zu laufen. Stattdessen wache ich jedes Mal schweißgebadet auf!“
„Komisch! Das hört sich an, als wenn du dich sperrst, den Rettungsanker zu ergreifen.“
Ich lache auf und schüttle den Kopf: „Das heißt, dass ich mich in der Dunkelheit mit meiner schrecklichen Angst sicherer fühlen würde als am Ende des Tunnels?“
Ranas Gesichtsausdruck ist ernst: „Ja, ich denke, das könnte sein!“
Ich grüble: „Doch diesmal war da diese Person, die sich mir in den Weg stellte und mir eine höllische Angst machte.“
„Womit eine neue Komponente in deinen Traum Einzug gehalten hat. Wirklich furchterregend!“
Sie fühlt mit mir, das ist mir klar, und eine Stimme, ganz tief in mir, stimmt ihr zu und lässt mir einen kalten Schauer den Rücken runterlaufen. Ein Gedanke schleicht sich in meinen Kopf: „Fehlt mir der Mut?“
Ich bleibe stehen: „Warum bin ich so? Ich bin behütet aufgewachsen. Meine Eltern haben eine harmonische Beziehung und alles ist gut.“
Ranas Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig.
Ich stöhne auf: „Oh, Rana, ich wollte dich nicht deprimieren! Tut mir leid! Manchmal bin ich ein Volltrottel!“
Ihr Vater hat sich erst vor einem Jahr von ihrer Mutter getrennt. Er teilte seiner Familie von einem Augenblick auf den anderen mit, dass er sich neu verliebt habe. Das hat Ranas Welt auf den Kopf gestellt. Sie ist mit ihrer Mutter auf dem riesigenBauernhof wohnen geblieben. Den Betrieb haben sie aufgegeben und das Land verpachtet.
Ihr Vater ist mit der neuen Liebe in die Nähe seiner Eltern nach Italien gezogen. Er war froh, der Landwirtschaft entfliehen zu können. Jetzt arbeitet er in seinem ursprünglichen Beruf und schreibt für die Zeitung seines Vaters.
„Hey, fass mich nicht mit Weichspül-Händen an! Ich kann damit umgehen, ja?“
Ich nicke: „Du bist stärker als ich!“
Rana bleibt stehen: „Das glaube ich nicht! Es ist nicht Stärke. Das Leben ist turbulent und wir müssen lernen, damit umzugehen.“
„Wow, wo hast du das denn gelesen?“ Sie boxt mir in die Seite. Wir lachen und sind beide erleichtert über den Stimmungswechsel.
Wir sind inzwischen am Burggymnasium angekommen. Vor uns erstreckt sich der Neubau, der in den letzten Sommerferien fertiggestellt wurde. An diesen Anblick kann ich mich nur schwer gewöhnen, es wirkt befremdlich auf mich. Ich vermisse das alte Gebäude, obwohl das neue moderner und höchstwahrscheinlich energetischer ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt mir, dass wir durch unsere Unterhaltung die Zeit verbummelt haben. In den ersten zwei Stunden haben Rana und ich den gleichen Kurs, Chemie bei Herrn Packeiser.
Meine Freundin stöhnt: „Warum muss sich der Chemieraum im dritten Stock befinden?“
Ich nicke: „Wenn wir wenigstens den Lehrerfahrstuhl benutzen dürften.“ Die anderen Schüler sind bereits in den Klassenräumen verschwunden. Auf der Treppe begegnet uns Frau Schmal, die mit ihrer hageren Figur ihrem Namen die volle Ehre gibt. Die grauen, zu einem Dutt hochgesteckten Haare, die schwarze Brille auf der spitzen Hakennase und der ständig grimmig zusammengekniffene Mund strahlen eine Autorität aus, die ihre Funktion als Direktorin des Gymnasiums unterstreicht. Ich mag sie. Sie setzt sich für jeden einzelnen Schüler ein und gibt jedem eine zweite Chance. Gleichzeitig lässt sie sich nichts gefallen, wodurch ihr Unterricht ohne Störungen abläuft.
Wir werden mit einem knappen Nicken begrüßt, bevor sie mit kurzen Schritten eilig an uns vorbeihuscht.
„Sie ist scheinbar auch zu spät. Warum benutzt sie nicht den Aufzug?“
Ich krause meine Stirn: „Entweder macht sie Fitness, der Fahrstuhl ist kaputt oder es dauert ihr zu lange, bis der Fahrstuhl kommt!“
„So genau wollte ich das gar nicht wissen, Vania!“
Lachend kommen wir beim Chemieraum an. Herr Packeiser nimmt unsere Verspätung nicht wahr. Er ist mit den Händen auf der Lehne seines Stuhls in ein Gespräch mit jemandem vertieft, der uns den Rücken zuwendet. Wir nutzen die Gelegenheit und begeben uns eilig auf unsere Plätze. Erleichtert über das unbemerkte Hineinkommen, lehne ich mich zurück. Mein Blick fällt auf unseren Lehrer. Er wirkt wieder angespannt und scheint verunsichert. Herr Packeiser ist eigentlich Biologielehrer. Aber da Herr Albers schwer erkrankt ist, musste er kurzfristig einspringen, was ihm nicht behagt. Seine ihm eigene ständige Unruhe, die ihm die Zuordnung in die Kategorie zerstreuter Professor einbrachte, hat sich in Chemie gesteigert. Ich beobachte, wie er wiederholt den Scheitel seines dürftigen Haarwuchses aus dem Gesicht streicht, und muss grinsen. Die Diskussion in der Klassen-App über die Echtheit seiner extrem schwarzen Haare fällt mir ein. Ich stelle fest, dass ich ihn vermissen werde, wenn ich die Schule verlasse. Dieser Mann ist ein Genie in seinem Fachbereich Biologie, was ihm nicht bewusst ist. Ich befürchte, dass er nicht viele Freunde hat. Dazu fehlt ihm die Aufgeschlossenheit. Er klopft mit dem Zeigestock an die Tafel, um unsere Aufmerksamkeit zu erhalten. Dabei dreht sich sein Gesprächspartner ebenfalls um. Neugierigbetrachte ich ihn. Mein Blick streift sein blondes Haar, das trotz der Kürze eigene Wege geht und ihm einen Lausbub ähnlichen Charakter verleiht. Über einem weißen T-Shirt trägt er ein kariertes Hemd, das lässig über seine Jeans fällt.
Herr Packeiser räuspert sich: „Meine sehr verehrten Schüler. Es ist mir eine Ehre, Ihnen heute den neuen Chemielehrer vorzustellen. Dies hier ist Herr Kairo Schläfer. Er ist nicht nur neu auf dieser Schule, sondern auch neu in der Stadt. Ursprünglich wohnten Sie in Hamburg. Das darf ich doch sagen, oder, Herr Schläfer?“
„Das ist kein Geheimnis!“, die Stimme löst ein eigentümliches Gefühl bei mir aus. Ich kann es nicht zuordnen. Es fühlt sich nicht gut an und lässt mein Herz schneller schlagen. Erneut fällt mein Blick auf ihn. Ich bleibe an seinen extrem blauen Augen hängen. Augenblicklich schaue ich wieder weg. Irgendetwas stimmt nicht.
Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, bin nur noch anwesend. Wie in einer durchsichtigen Kapsel nehme ich die Umgebung wahr. Herr Packeiser hat kurz nach der Vorstellung den Raum verlassen. Aus weiter Ferne höre ich meine Mitschüler lachen und sich rege am Unterricht beteiligen. Zum Glück gibt es keine Vorstellungsrunde. Ich hätte nicht ein Wort herausgebracht. Das Klingeln der Schulglocke reißt mich aus der Teilnahmslosigkeit. Ich lege meine unbenutzte Federtasche und den Block wie automatisiert zurück in den Rucksack.
„Rana, mir geht es nicht gut! Könntest du mich bitte entschuldigen?“
„Klar, mache ich! Was hast du denn? Soll ich dich nach Hause bringen?“
„Nein, das schaffe ich! Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich glaube, der Kreislauf. Ich brauche sicher nur etwasRuhe! Habe letzte Nacht wenig geschlafen!“
Rana sieht mich skeptisch an, legt dann aber den Arm über meine Schulter: „Ja, schlaf ein bisschen! Das ist eine gute Idee! Ich melde mich später bei dir!“
Mit weichen Knien, was ich mir nicht erklären kann, verlasse ich den Raum. Ich würde ihr gern sagen, was los ist. Aber ich habe keine Antwort und wie soll sie verstehen, warum die Stimme und die Augen unseres Lehrers bei mir eine unerträgliche körperliche Reaktion auslösen, wenn ich es selber nicht kann? Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Automatisch nehme ich den Weg in den Schlosspark. Nahe der Graft setze ich mich und starre auf die Enten, die harmonisch übers Wasser gleiten. Nicht der mangelnde Schlaf hat mich aus der Schule getrieben. Es ist ein Gefühl der Unruhe, eine Panik, die ich nicht einordnen kann.
Lyra
(Forschungslabor in Hamburg)
Die Glaskugel muss unter meiner Wut leiden. Sie landet mit einem lauten Knall in der Ecke meines, steril in Weiß gehaltenen, Büros. Ein Splitter springt ab. Die Wut kriecht meinen Hals empor. Ich muss sie irgendwie herauslassen. Es ist schier zum Verzweifeln und es geht mir nicht in den Schädel, warum ich trotz jahrelanger Forschungen und trotz meines überragenden Intellektes keinen Schritt weiterkomme. Ich strecke meine Arme über die weiß lackierte Tischplatte meines langgestreckten Schreibtisches und lege meinen Kopf auf den kühlen Untergrund. Mir gegenüber befindet sich eine Spiegelwand, die den weiten Raum noch größer erscheinen lässt. Normalerweise befriedigen mich die klare Struktur und die kühlen Farben meiner Umgebung. Das passt zu mir. Aber heute kann rein gar nichts meine Stimmung heben. Der innere Sturm holt mich vom Stuhl, ich trete vor den Tisch und betrachte mein Gegenüber. Die Gestalt, die mir entgegenblickt, ist mein erwähltes Ich, oder besser gesagt, Tyrans Werk. Kaum etwas hat, dank unserer Leidenschaft, Ähnlichkeit mit dem Mädchen oder mit dem Jungen unserer ersten 15 Jahre in diesem Leben. Mit 16, gleich nach der Umstellung, fingen Tyran und ich an, unsere Körper nach unseren Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Das ist Wissenschaft und Körperkult in einem. Ich bastle an seinem inneren Outfit und er an meinem Äußeren. So, wie wir unsere Prioritäten eben setzen. Tyran liebt die Erweiterung der Körpersinne, während ich meine Schönheitsideale verwirklicht haben möchte. Es ist schon fast eine Sucht. Wir durchbrechen die Grenzen der Wissenschaft und experimentieren mit einer perversen Leidenschaft. Eine Tätigkeit, die wir mit einer Besessenheit ausführen.
Ich drapiere meine langen schwarzen Haare auf den Rücken und betrachte meinen makellosen Körper. Ich sehe heute mit 35 wie eine knackige 25-Jährige aus. Die grünen Augen sind geschlitzt, wie bei den Asiaten, dabei war das Ursprungsmaterial eher europäischer Natur. Das rote Etuikleid endet kurz unter dem Po und betont meine schlanken, langen Beine. Doch all das langweilt mich heute Morgen. Es ärgert mich, dass wir trotz unserer Fähigkeiten keine Fortschritte bei der Verarbeitung der Transmittorstoffe im hirnorganischen Material machen. Dort kommen wir nicht weiter. Über dieses Wissen verfügt ausschließlich Askia. Doch die Närrin weigert sich, ihre Erkenntnisse zu teilen. Inzwischen beherrscht mich die Gier, Askias Geheimnis zu lüften und meine Erfolglosigkeit bewirkt, dass nur der Gedanke an Askia Gefühle wie Hass und sogar Ekel in mir hochkochen lassen. Wie schaffte sie es, Tyrans und meine kognitiven Fähigkeiten und nicht zu vergessen, die der Uninteressanten Mona, Kairo und Cara, um 40 Prozent zu steigern? Und dies einzig und allein durch die Gabe einer einzelnen Mixtur. Ich denke nicht, dass sie bezweckte, eine erweiterte Bewusstseins-Ebene,nämlich die Erkenntnis der Wiedergeburt, zu schaffen. Das war eine Nebenwirkung der Pille, welche Askia als Einzige von uns bedauerte. Würde Askia nicht so stur sein, bräuchte ich nicht über Leichen gehen.
„Du hast die Büchse der Pandora geöffnet, Askia!“, ich schreie es meinem Spiegelbild entgegen und ein aggressives Kribbeln fließt durch meine Adern. Ich pfeffere einen weiteren Gegenstand durch den Raum. Alles in mir sehnt sich danach, Askias Geheimnis zu enthüllen! Ich erinnere mich an die kleine blaue Pille, die wir von ihr, nachdem wir die Wirkung entdeckten, gefordert haben. Dieses runde Ding brachte die rasante Entwicklung ins Rollen. Doch welches Geheimnis steckt in dieser Tablette? Wie konnte sie vor Jahren im Alleingang Derartiges erschaffen, während ich dies mit einem exorbitanten Forschungslabor, einer großen Anzahl an Material und Fachpersonal nicht auf die Reihe kriege? Wütend schlage ich mit der Faust auf den Tisch.
Ungefragt öffnet Yen die Tür. Er trägt einen blauen Laborkittel, auf den mein Markenzeichen, eine schwarze Rose, eingestickt ist. Yen ist für einen Mann zu zierlich. Aber dies würde ich über viele Asiaten sagen. Was ihn herausstechen lässt, sind seine hohen Wangenknochen und ein Gesicht, das eher feminine Züge aufweist.
Er schaut sich im Raum um und hebt die Glaskugel auf: „Was ist los? Wünscht du eine Auszeit?“
Mein wütender Blick trifft ihn und ich explodiere:
„Ist das ein Wunder? Es geht einfach nicht voran. Ihr seid allesamt einfallslos und untalentiert.“
„Das sagtest du mehrfach! Du musst mehr Geduld haben!“ Er will mich in den Arm nehmen.
„Lass deine Finger von mir!“, gifte ich ihn an.
Beschwichtigend hebt er die Hände: „Du hast demnach das Ergebnis der letzten Testung auf dem Tisch liegen?“
„Allerdings! Keine Veränderungen der Gehirnkapazität!“ Ich muss mich bewegen. Ruhelos laufe ich, die Geräumigkeit meines Büros nutzend, hin und her.
„Wir haben irgendetwas nicht bedacht. Irgendwo steckt ein Fehler. Tauscht die Versuchsserie aus. Wir brauchen 20 neue Exemplare!“
„Das ist nicht so einfach. Unter den Mitarbeitern rumort es, sie entwickeln Skrupel. Sie sehen in unseren Versuchsobjekten die Säuglinge, die sie nunmal sind. Ich befürchte, dass sie sich weigern, die Todesspritzen zu setzen!“
„Das interessiert mich nicht und es ärgert mich, damit belästigt zu werden. Es bestätigt mir allerdings wieder einmal, mit welch unfähigem Personal ich arbeite.“ Ich atme tief durch und Yen ist klug genug, zu schweigen. Es ist mir schleierhaft.
Warum muss ich ihm erklären, wie man mit dem Personal umzugehen hat?
„Yen, es ist immer dasselbe. Gib den Leuten das doppelte Gehalt. Ein jeder ist käuflich!“
Yen zuckt mit den Schultern: „Ich werde es versuchen!“
Das Telefon klingelt, ich greife nach dem Hörer. Die Stimme einer der Wachleute meldet sich: „Entschuldigen Sie, Frau Nixon. Eine Cara ist mit drei weiteren Männern hier erschienen und befindet sich bereits im Aufzug. Sollen wir sie aufhalten?“
Ich schließe entgeistert die Augen. Cara! Was will sie von mir? Beim letzten Treffen haben wir uns im Streit über die Sinnhaftigkeit meiner Forschung getrennt. Ich schreie in den Hörer: „Super Arbeit! Das nächste Mal fragen Sie, bevor Sie den Aufzug betritt. Wofür werden Sie sonst so exorbitant bezahlt?“
Er beginnt zu stottern: „Äh, äh … die Dame behauptete, zur Verwandtschaft zu gehören.“
„Das lassen Sie meine Sorge sein, wer zur Familie gehört!“
Ich knalle den Hörer auf und gleichzeitig fliegt die Tür auf. Cara tritt mit ihren drei Muskelprotzen ein. Meine Toleranzgrenze ist überschritten und ich fauche sie an: „Wie wäre es mit Anklopfen!“
Cara grinst und weist mit der Hand aufs Telefon: „Lass deinen Wachhund zufrieden, er hat sein Möglichstes versucht!“
Ich gehe nicht darauf ein. Denn ich kann nicht umhin, die Stirn zu kräuseln und den Kopf zu schütteln. Der Anblick, den sie liefert, ist grauenerregend. Sie hat ihren fülligen Körper in einen knallig blauen Sack gesteckt, der zum Überschuss mit großen, orangenen Blumen versehen ist. Ihr Pfannkuchengesicht wird spärlich von roten Haaren umrandet und zu guter Letzt sitzt auf ihrer Schulter ein Adler. Auf ein Kopfnicken von ihr erhebt er sich und fliegt dicht an Yens Kopf vorbei, auf das hinter ihm stehende Sideboard. Cara folgt ihm und greift gleichzeitig in die Taschen ihres Kleides, um eine Futterdose hervorzuziehen. Aus dieser reicht sie dem Adler eine tote Maus. Es ist mir unbegreiflich und es ekelt mich, wie wenig sie sich um ihr äußeres Erscheinungsbild kümmert: „Seit unserem letzten Treffen bist du dicker geworden!“
Sie antwortet, ohne mich anzusehen: „Stimmt! Das Gleiche trifft auf deine Brust zu. Hast du keine Sorge, Übergewicht zu bekommen?“
Dieser Frau gelingt es, mich mit ihrer Gleichmütigkeit binnen weniger Sekunden aus der Haut fahren zu lassen. Dafür hat sie sich den falschen Tag ausgesucht. Ich gifte sie an: „Was willst du?“
Sie schreitet hinter den Schreibtisch und setzt sich auf meinen Stuhl. Sie will mich provozieren, ich spüre es. Dochdiesen Gefallen werde ich ihr nicht tun. Ich setze mich auf den Tisch und genieße, dass ich dadurch von oben auf sie herabsehe.
Sie lehnt sich gemütlich zurück, stützt ihre Ellbogen auf die Lehne und verschränkt ihre Finger ineinander. Dabei schaut sie mich nachdenklich an. „Lyra, ich muss etwas wissen und meist bist du diejenige, die mir weiterhelfen kann!“
Ich spüre, wie ich meinen Schutzmantel hochfahre, und erwarte insgeheim nichts Gutes.
Sie fährt fort: „Hast du schon mal von den Stifalas gehört?“
Ich schüttle überrascht den Kopf und versuche, mein Erschrecken über diese Frage nicht zu zeigen.
Sie fährt fort: „Ich habe Informationen, dass die Gruppe uns nachstellt!“
Ich muss diesmal nicht überrascht tun, ich bin es: „Wie kommst du darauf?“
Sie steht auf. „Ich sortiere Suchanfragen im Internet – sowie im Darknet! Dabei ist mir aufgefallen, dass sich hier in der Nähe Anfragen häufen, die sich nach uns erkundigen.“
Ich lache nervös auf: „Wie nach uns? Wie soll das denn funktionieren? Nach was suchen sie denn? Seelenwanderung oder Leben nach dem Tod? Darauf hat nicht einmal Google die korrekte Antwort.“
Ich bemerke mit einem Seitenblick das amüsierte Gesicht von Yen. Er ist zwar mein Liebhaber. Aber er weiß von nichts, dabei soll es bleiben. Deswegen sollte er jetzt besser gehen: „Yen, kümmerst du dich bitte um unsere Versuchsreihe, wie wir es besprochen haben?“ Ich sehe ihm den Unwillen an. Trotzdem verlässt er uns ohne einen weiteren Kommentar.
Cara fährt fort: „Verdammt, Lyra, schalte dein Gehirn ein. Sie sammeln Daten einflussreicher Persönlichkeiten!“
„Sollen sie! Nicht mein Problem. Du hast mich gerade ein klein wenig beunruhigt, Cara. Ich dachte schon, dass sie wirklich von uns wissen würden. Aber Persönlichkeiten gibt es wie Bäume im Wald.“ Ich muss ihr glaubhaft machen, dass ich noch nie von den Stifalas gehört habe. Es ist nicht gut, wenn sie mich mit ihnen in Verbindung bringt.
Cara verzieht das Gesicht: „Versteh doch! Es reicht ihnen nicht, diese Personen zu entschlüsseln. Sie forschen nach denjenigen, die die Politiker lenken. Deswegen durchforsten sie mit einer speziellen Software die Bankkonten einflussreicher Persönlichkeiten. Ich mache mir Sorgen, dass sie irgendwann eure Namen in Erfahrung bringen.“
Ich schüttle den Kopf: „Das ist gelogen. Du hast dich noch nie um uns gesorgt! Außerdem ist es unmöglich, uns auf die Spur zu kommen und das weißt du auch. Sag mir die Wahrheit. Was ist los?“
Cara zuckt die Schultern und seufzt: „Okay, war einen Versuch wert! Ich mache mir Gedanken, welchem Zweck sie dienen. Dann überlege ich, woher sie das Geld haben, dass sie über eine Technologie und ein Know-how verfügen, das zu keiner Privatgruppe passt. Um ehrlich zu sein, frage ich mich, ob einer von euch ihnen Informationen zusteckt, mit der Absicht, eine Privatarmee zusammenzustellen!“
Ich schaffe mir Zeit, indem ich einen Lachkrampf vortäusche. „Jetzt geht deine Fantasie mit dir durch. Warum sollte einer von uns danach streben?“
„Diese Frage habe ich mir ebenfalls gestellt. Dann dachte ich an Tyrans und deine Forschungsmanie. Ist inzwischen einer von euch in der Lage, die Wirkung von Askias Pille rückgängig zu machen? Wenn ja, möchte dieser oder diese uns anderen ausschalten?“
Ihre Worte lassen die uralte Angst in mir lebendig werden. Denn es ist ein Leichtes, jeden Einzelnen von uns auszuschalten, wenn man ihn in den ersten 15 Jahren antrifft. Denn das ist die Zeit, in der keiner von uns in der Lage ist, auf das Wissen der vergangenen Leben zurückzugreifen. Bis hin zur Pubertät sind wir ahnungslos und schutzlos wie ein frisch geborenes Kind.
Cara bemerkt meine kurze Panikattacke nicht und fährt fort: „Doch wie passt eine Armee da hinein? Damit wir das Gegenmittel einnehmen, reicht das Untermischen in einen Tee, nicht wahr?“
Ich weite gekonnt meine Augen: „Na ja, eine Arme ermöglicht einen Plan B!“, ich lache gekünstelt auf, um mich dann besänftigend zu korrigieren: „Quatsch, Cara, du leidest eindeutig an Paranoia.“
Ich bemerke, wie es in ihr arbeitet. Mit abgewandtem Blick steht sie auf und verabschiedet sich überraschend: „Lyra, es war mir eine Freude, mich mit dir zu unterhalten!“ Auf einen Fingerzeig von ihr fliegt der Adler zurück auf ihre Schulter.
„Prima Gertrud, braver Vogel!“
Auf dem Weg zur Tür dreht sie sich nochmal um: „Bis bald, Lyra!“
Ihre Leibgarde öffnet die Tür. Binnen weniger Sekunden hat die Truppe den Raum verlassen. Zurück bleibt der Gestank des Vogels. Ich schalte die Lüftungsanlage an. Der Besuch ärgert mich. Was ist, wenn ein Funken Wahrheit in ihrer Logik steckt? Was weiß ich über Tyrans Forschung? Ich zerschlage diesen Gedanken, denn Tyran braucht mich. Wer sonst hilft ihm, seinen Körper zu perfektionieren und etwas gegen seine andauernde Langeweile zu unternehmen? Etwas Schadenfreude steigt in mir auf, besitze ich nicht weit mehr Infos über die Stifalas als sie? Die Erkenntnis, dass sie kaum etwas weiß, hebt meinen Gemütszustand augenblicklich. Ein gehässiger Gedanke kommt mir in den Sinn. Sie mag Ansätze des Plan A und B vermuten, aber dass ich seit längerem an Plan C arbeite und erste Erfolge verzeichne, wird sie nicht in Erfahrung bringen. Zufrieden lehne ich mich zurück.
Vania
(zuhause, ein paar Tage später)
Die Sonne strahlt durchs Fenster und zaubert helles Licht in die Küche. Ich bemerke es kaum. Stattdessen starre ich eine gefühlte Ewigkeit auf das Cover des Buches vor mir. Der in Schwarz und dicken Buchstaben geschriebene TitelPsychische Erkrankungenfrustriert mich. Alles, was ich seit dem Ausleihen des Buches in der Bücherei vor zwei Tagen gelesen habe, trifft nicht auf mich zu. Okay, vielleicht ein bisschen von allem, dochnichts formt sich zu einem einheitlichen Bild oder besser gesagt zu einer spezifischen Störung.
Meine Mutter betritt den Raum. Ich lasse das Buch unter meiner Chemiemappe verschwinden.
„Hallo, meine Kleine! Wie geht es dir heute Morgen? Immer noch Kopfschmerzen?“
Ich schaue nicht auf: „Leider ja!“
Sie seufzt: „Eine Woche krank, du solltest den Arzt aufsuchen. Trinkst du mit mir einen Kaffee?“
„Gern!“ Sie befüllt die Kaffeemaschine mit Wasser. Croissants, Marmelade und Butter wandern ebenfalls auf den Tisch. „Gestern ist ein Päckchen für dich angekommen. Es landete im Briefkasten, als du schon geschlafen hast. Hast du was bestellt?“ Ich versuche, mich zu erinnern: „Nicht, dass ich wüsste! Wo liegt es?“
Mama weist mit dem Finger in den Flur: „Ich habe es auf die Garderobe gelegt.“ Ich stehe auf, um es zu holen. Beim Anfassen bereits merke ich, dass es sich um ein Buch handelt. Ich öffne es beim Gehen und setze mich zu meiner Mutter an den Tisch. Verblüfft blicke ich auf einen abgenutzten Ledereinband, der vom vielen Anfassen Fettflecke aufweist. Da ist es wieder. Das unbehagliche Gefühl, das mir inzwischen bekannt vorkommt. Wie eine kalte, trockene Dusche läuft es mir den Oberkörper hinunter. Ich muss mich zwingen, das Buch zu öffnen. Seite für Seite blättere ich um und entdecke mehrere mit der Hand geschriebene Notizen, viele chemische Formeln.
Meine Mutter blickt mir über die Schulter: „Wo hast du denn diesen alten Einband aufgetrieben? Ist eine klasse Idee, es als Chemieheft zu benutzen, hat etwas Hexenmäßiges!“ Sie lacht, während sie unbewusst meine Entdeckung bestätigt und mein Grauen verstärkt. Derjenige, der das geschrieben hat, hat meine Handschrift. Wie eine heiße Kugel lasse ich das Heft fallen. Ich rühre mich nicht, wodurch meine Mutter es für mich aufhebt. „Alles in Ordnung? Vania, du solltest doch zum Arzt gehen.“
Ich schüttle den Kopf und schiebe das Buch beiseite, wobei ich meine Mutter anlächle: „Kein Grund zur Sorge. Hast du gesehen, wer es in den Briefkasten geworfen hat?“
„Ne, ich habe die Klappe gehört, konnte mich aber nicht aufraffen, aufzustehen!
Weißt du denn nicht, wem du es geliehen hast?“
„Ehrlich gesagt habe ich keinen blassen Schimmer. Entweder habe ich es liegen lassen oder …“, ich zermartere mir das Hirn.
„Oder deine Chemieunterlagen wurden geklaut!“, sie lacht unbeschwert über ihren eigenen Witz. Hinter der Kaffeetasse verberge ich mein Erschrecken. Warum bekomme ich ein Heft in meiner Handschrift geschrieben mit einem Inhalt, der wie Hieroglyphen auf mich wirkt? Ist es eine Botschaft? Von wem? Ich muss mit Rana reden. Entschlossen stehe ich auf. „Mama, ich gehe doch zur Schule. Ich verpasse sonst zu viel.“
„Deine Gesundheit ist mir wichtiger als das Abi!“
„Ich pass schon auf mich auf und es geht mir besser!“, ich strahle sie an, um mit meinen Worten Glaubhaftigkeit zu vermitteln. Mit erzwungener Energie drehe ich mich um und hole den Rucksack für die Schule aus meinem Zimmer. Bevor ich das Haus verlasse, stecke ich das Buch ein.
Kairo
(an seinem Lieblingsplatz im Wald)
In den letzten zwei Jahrhunderten habe ich diesen Ort gemieden. Doch heute drängte es mich, hierher zu kommen. Ich stehe mitten auf einer Wiese, umgeben von vieljährigen Laubbäumen. Das Gras ist hoch. Mich zieht es zu der uralten Eiche. Inzwischen hat sich ihr Umfang gewaltig erweitert. Ehrfürchtig betrachte ich sie und meine, ihre Energie zu spüren. Ich hätte schon eher kommen sollen. Der Ort vermittelt Ruhe, doch gleichzeitig reißt er schmerzhafte Erinnerungen wach. Ich setze mich auf einen umgekippten Baumstamm und reise gedanklich in die Vergangenheit.
Ich war häufig mit Askia an diesem Ort. Es war unser gemeinsamer Lieblingsplatz. Hierher hatte sie mich nach einem halben Jahr Beziehungspause eingeladen. Ich war voller Vorfreude auf das Treffen. Gleichzeitig hatte ich Sorge, dass ihre Krankheit, die der Arzt vor 6 Monaten als unheilbar einstufte, sichtbar sein könnte. Doch ich war mir sicher, egal was auf mich zukommt, ich werde ihr beistehen. Meine starken Gefühle haben sich bis heute nicht geändert. Ich bemerke, dass ich vor mich hinlächle.
Die Bilder von damals werden vor meinem inneren Auge lebendig.
Ich war 5 Minuten vor ihr an unserem Treffpunkt angekommen. Sie betrat mit einem blauen Kleid die Lichtung und trug einen Korb am Arm. Ich eilte ihr entgegen, um ihn ihr abzunehmen.
Doch sie lachte: „Auf gar keinen Fall! Wie du siehst, bin ich fit und kann das allein.“
Ich betrachtete sie von der Seite. Sie hatte an Gewicht verloren und unter ihren Augen zeigten sich dunkle Ränder, ansonsten schien sie voller Lebensenergie zu stecken. Ihre langen blonden Haare trug sie offen. Ich half ihr, die Decke auf dem Boden auszubreiten. Wir setzten uns. Anfänglich fanden wir beide keine Worte. Was soll man jemandem erklären, der nicht mehr lange zu leben hat und den man über alles liebt?
Sie unterbrach die Stille: „Willst du nicht wissen, warum ich dich treffen wollte?“
„Nein, ich bin einfach glücklich, hier mit dir zu sein. Es hat mir so weh getan, dass du mich nicht sehen wolltest. Hast du Schmerzen?“
Sie griff nach meinen Händen: „Das darfst du nicht falsch verstehen! Ich hatte keine Zeit, mich zu bemitleiden. Ich habe gearbeitet. Ich bin mir sicher, dass in ein paar Jahren ein Mittel gegen diese Erkrankung zur Verfügung steht. Ich musste es nur beschleunigen. Denn ich will leben, Kairo!“
Mein Gesichtsausdruck hat sie zum Lachen gebracht.
„Hast du …?“, ich konnte keine Worte für meine Frage finden. Ich bewunderte ihre Kraft und ihre Fähigkeiten in der Heilkunde, aber war sie in der Lage, derart Großes zu vollbringen? Ihr Vater war Apotheker und hat sie schon früh in die Kräuterkunde eingewiesen. Sie experimentierte, als andere Mädchen mit Puppen spielten.
„Schau mich nicht so verwundert an. Ja, ich glaube, ich habe ein Gegenmittel. Ich nahm es vor einer Woche und fühle mich besser.“
Dann prasselten Erklärungen, Namen von Heilkräutern und Dosierungen auf mich ein, von denen ich nicht einmal die Hälfte verstand. Heute ärgere ich mich, nicht besser aufgepasst zu haben. Aber anno Tobak sprach sie für mich in Hieroglyphen. Es kostete mich in den letzten Jahrhunderten eine Menge Zeit, die Vorgänge im Gehirn nur halb so gut zu verstehen, wie sie es bereits damals konnte. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der mit so großer Leidenschaft und Hingabe auf diesem Gebiet gearbeitet hat wie Askia.
Sie strahlte mich an: „Ja, ich habe ein Gegenmittel. Aber das ist es nicht allein. Schau!“
Sie zog aus ihrem Korb eine Karaffe und goss den Inhalt in zwei Krüge. Den einen reichte sie mir. „Ich habe weiterexperimentiert und ein Mittel entdeckt, dass unser Leben sogar verlängern kann! Ich war wie in einem Sog!“
Ich schaute sie skeptisch an, sodass sie lachte, und sagte: „Du glaubst mir nicht!“ Ich muss wie ein verliebter Gockel gewirkt haben, denn ich versicherte ihr, ohne nachzudenken: „Doch, doch!“
Sie lächelte nur und erinnerte mich an mein Getränk: „Trink!“
Automatisch führte ich den Krug an die Lippen und trank. Es schmeckte bitter. „Ist es das?“
Sie nickte und war so voller Stolz. Ich verbat mir den Selbstvorwurf, erst zu denken, dann zu handeln. Sie blickte mich erleichtert an und richtete sich auf: „So! Eine Dosis müsste reichen, um unserer Zellerneuerung die maximale Leistungsfähigkeit zu vermitteln, die möglich ist. Das reduziert das Altern der Zellen, verstehst du?“
Zur damaligen Zeit wusste ich nicht einmal, was eine Zellalterung war. Mein Verständnis beruhte auf einer vagen Ahnung.
In Erinnerungen versunken bemerke ich nicht, dass sich hinter mir ein Kraftfeld öffnet. Erst das Knacken eines Zweiges verrät mir die Anwesenheit einer weiteren Person. Ich schaue mich suchend um und erblicke Cara Us, die mit ihrem Adler auf der Schulter strahlend auf mich zueilt. Es ist ihr im Gesicht abzulesen, wie sie den Triumph, mich entdeckt zu haben, feiert. „Kairo, endlich! Fleiß zahlt sich aus. Ich dachte mir, ich muss es nur immer wieder hier versuchen! Irgendwann treffe ich dich hier!“
„Hast du nicht verstanden, dass ich den Kontakt zu euch nicht will?“
Sie hebt kurz ihre Schulter. Der Adler hebt sich daraufhin in die Luft, ohne dass seine weiten Flügel sie treffen. „Ich weiß, es ist viel passiert. Aber wir sind nicht alle gleich!“ Sie setzt sich zu mir auf dem Baumstamm.
„Mag sein, aber ich möchte mich damit nicht beschäftigen!“
Ihr Blick wird ernst: „Aber das ist leider unmöglich! Der große Nachteil unserer erweiterten Fähigkeiten. Es gibt kein Vergessen.“ Stillschweigend stimme ich ihr zu.
„Was willst du von mir?“
Sie seufzt: „Für den Anfang wissen, warum deine Aura so intensiv leuchtet?“
Diese Frage trifft mich, denn sie weist mich auf meine Nachlässigkeit hin. Dabei habe ich so lange an einem Tarnhemd für das mich umgebende Energiefeld gearbeitet und dann trage ich es nicht. Laut spreche ich die Gedanken aus: „Wie blöd! Unter Umständen hättest du mich gar nicht erkannt. Nur meine individuelle Ausstrahlung hat mich wie ein Fingerabdruck verraten. Stimmt es?“
Sie nickt zur Bestätigung und ich fahre fort: „Eure Strahlkraft verändert sich aber nicht. Sie stagniert. Doch darauf blicke ich nicht, ich erkenne euch am Aussehen, welches eurem vorherigen Ich stark ähnelt.“
Für einen Moment schweigen wir.
„Duwürdest es mir nicht sagen, wenn du Askia gefunden hättest, nicht?“
„Was Askia betrifft, würde ich euch gar nichts sagen!“
Sie nickt: „Verstehe!“
„Ihr stellt eine Gefahr für sie da. Hinzu kommt, dass sie sich nicht erinnern will, was ihr gut gelingt!“
Sie kräuselt ihre Stirn: „Fragst du dich nicht manchmal, was sie uns angetan hat?“
„Ihr wolltet es alle. Ich war der Einzige, dem sie das Mittel untergeschoben hat! Ihr wolltet unbedingt maximale Leistungsfähigkeit erreichen und habt Askias Skrupel nicht verstanden!“
Sie erhebt sich nickend und schaut mich eindringlich an: „Sie könnte es rückgängig machen, oder?“
Ich lache: „Willst du das? Das glaube ich nicht! Ihr habt alle Angst davor, dass Askia euch eurer Macht beraubt. Ihr fürchtet, dass sie ein Gegenmittel zaubern könnte und es euch unterschiebt. Bei dem, was ihr anrichtet, würde ich ihr sogar meine Unterstützung anbieten!“
„Ich bin nicht wie die anderen, Kairo. Ich will wieder vergessen. Neu starten und nicht nach 15 Jahren in den alten Trott fallen. Es ändert sich nichts. Ein Leben ist wie das andere! Deine Aura zeigt, dass du dich entwickelst. Meine stagniert, was einen Entwicklungsstopp verdeutlicht. Ich will dazulernen, aber meine früheren Erfahrungen lassen es nicht zu!“
Ich schaue sie zweifelnd an: „Das Einzige, was ich dir glaube, ist, dass du anders bist als Tyran und Lyra. Ja, und als Mona natürlich!“
„Tyran und Lyra sind eine besondere Marke. Ihre Abscheulichkeit hat kein Maß. Sie forschen in alle Richtungen und nutzen dafür alles und jeden. Doch erst Askias Know-how hat dies ermöglicht. Die beiden sind grenzenlos. Ihnen ist jede Ethik abhandengekommen. Es ist gruselig. Sie testen an lebenden menschlichen Produkten und züchten sie sogar.“
Ihre Erzählung löst bei mir ein Kopfkino aus und schlägt mir auf den Magen. Ich schlage automatisch die Arme um mich, um den Ekel und dieses Entsetzen in den Griff zu bekommen. Heftig schüttle ich mich, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich muss mich ablenken: „Ich nehme an, dass Mona Tyran weiterhin wie ein Schoßhund folgt.“
Sie seufzt: „Leider ja. Ihre einzige Chance wäre die gewesen, wenn du ihre damaligen Annäherungsversuche erwidert hättest. Aber so blieb ihr nur Tyran.“
Ihre Schuldzuweisung nervt mich. Sie nervt mich. „Sag endlich, was du willst?“
„Ich möchte dich warnen. Such Askia und pass auf sie auf. Tyran und Lyra forschen nach ihr. Die Digitalisierung bietet ihnen dazu erstaunliche Möglichkeiten. Wenn sie sie haben, werden sie keine Mittel scheuen, um an ihr Wissen zu kommen. Du weißt, was ich meine, Kairo.“
Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Dies ist das, was mein allgegenwärtiger Lebenssinn ist. Askia aus der Ferne zu schützen.
Ich fahre Cara ungehalten an: „Ich weiß um die Bedrohung. Aber glaube mir, solange ich es verhindern vermag, werden sie sie nicht finden, Cara! Ihre Aura ist glücklicherweise aus irgendeinem Grund für uns alle nicht sichtbar. Da unterscheidet sie sich von uns“, ich lüge sie bewusst an.
Sie geht darauf nicht ein, sondern entgegnet: „Sie suchen auch dich und hoffen, über dich an sie heranzukommen.“
„Den Gefallen werde ich ihnen nicht tun!“
Wir schweigen und hängen jeweils eigenen Gedanken nach. Nach einer gefühlten Ewigkeit erhebt sie sich: „Wir sollten in Kontakt bleiben“, und steckt mir eine Visitenkarte zu, „falls sie an sie herankommen, holen wir sie da gemeinsam raus, verstanden?“
Ich nehme die Karte an und werfe einen kurzen Blick darauf. Trocken erwidere ich: „Hoffentlich wird es nie dazu kommen.“
Sie nickt.
Die Gelegenheit nutzend, etwas über unsere ehemaligen Freunde zu erfahren, frage ich nach: „Ist Tyran immer noch im politischen Weltgeschehen aktiv?“
Sie prustet verächtlich: „Was glaubst du denn! Wenn du irgendetwas Dramatisches in den Nachrichten hörst, kannst du davon ausgehen, dass er seine Finger im Spiel hat. Lyra ebenfalls. Sie brauchen das Geld für ihre Forschungen und sehen sich gern als die Weltpolizei!“ Sie ruft ihren Adler: „Gertrud!“ Sofort kommt der Vogel herbeigeflogen.
Ich betrachte den Vogel: „Sprichst du mit den Tieren?“
„Ja! Genau wie Mona. Komisch, dass du das nicht kannst! Es ist so hilfreich. Gertrud beispielsweise ist eine gute Wächterin. Sie sagt mir, falls sich eine Bedrohung nähert.“
Ich zucke mit der Schulter: „Das war früher mal vorteilhaft. Mit der Entwicklung der Technik hat sich dies relativiert.“
Cara nickt bestätigend: „Deswegen brauchst du jetzt meine Hilfe.“ Sie macht eine Pause, bevor sie fortfährt: „Übrigens, kennst du die Stifalas?“
Ich versuche, meine Überraschung zu verbergen. „Was soll das sein?“
Sie streicht mit einer Hand ihr spärliches Haar hinter ihr Ohr. Ihre Antwort ist mehr ein Seufzen: „Keinen blassen Schimmer! War nur so eine Frage!“, sie wendet sich ab und öffnet ein Kraftfeld. „Ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen! Du bist nicht allein, Kairo.“
Sie zwinkert mir zu und ist Sekunden später verschwunden.
Ich werde aus ihrem Verhalten nicht schlau. Was weiß sie von den Stifalas?
Diese Vorahnung eines Spinnennetzes, in das ich hineintappen könnte, macht mich nervös. Reicht es nicht, dass ich mir Sorgen um Askia mache? Ich kicke eine Kastanie weg. Die Idee mit den Stifalas hätte ich meinem Bruder austreiben müssen. Er hat keine Ahnung, mit wem er sich anlegt. Es ist zum Verrücktwerden. Der Zweifel daran, die Menschen, die mir etwas bedeuten, schützen zu können, nagt in meiner Brust. Sobald ich mich Askia nähere, bringe ich sie in Gefahr, und halte ich mich fern, kann ich ihr keinen Schutz bieten. In der Vergangenheit habe ich Letzteres vorgezogen, aber bei den technischen Möglichkeiten wird ein Verstecken in der Menge für Askia immer schwieriger werden. Ein Bündnis mit Cara sollte ich nicht vollständig verwerfen.
Vania
(Burggymnasium)
Ich bin erleichtert, als ich endlich im Physikraum angekommen bin. Der Raum wimmelt von Schülern, die aufeinander einreden und scheinbar keine Notiz von mir nehmen. Alles erscheint mir irgendwie unwirklich, als wenn ich durch einen Schleier blicke. Der Drang, diesen beängstigenden Gefühlen zu entfliehen, wird riesengroß. Mit Kraft drücke ich meine Fingernägel in die Handoberfläche. Der Schmerz hilft, den Druck abzubauen.
Als sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legt, zucke ich leicht zusammen: „Hey, Vania. Geht es dir besser? Ich dachte, du bleibst heute zu Hause.“
Ich drehe mich zu Rana um: „Sagen wir, ich halte es in meinem Zimmer nicht mehr aus. Es ärgert mich, dass ich die ersten beiden Stunden Chemie verpasst habe.“
„Das ist unnötig, denn wir haben hauptsächlich über andere Dinge gequatscht. Unter anderem hat Herr Schläfer uns seinen Bruder vorgestellt.“ Sie zieht einen muskulösen, großen Mann am Arm, der sich fragend zu uns umdreht. Er ist gut gebaut, trägt das blond-gelockte Haar kinnlang. Seine braunen Augen blicken mich offen an.
„Das ist Hektor, er besucht den gleichen Jahrgang wie wir.“
Ich höre mich „Hallo Hektor!“ sagen und „Ich bin Vania!“, aber gleichzeitig frage ich mich, ob sich die Reaktion, die sich bei seinem Bruder einstellte, auch bei ihm entwickelt. Erleichtert stelle ich fest, dass ich keine Panikreaktion in Hektors Gegenwart bekomme. Er spricht mich an: „Rana erzählte gerade, dass du krankwärst!“
Ich nicke: „Es geht mir aber schon wieder besser. Das Wetter hat meinem Kreislauf zugesetzt.“
„Verstehe! Ich mag die Hitze ebenso wenig!“
Ich schmunzle und freue mich, dass ich aus dieser Starre erwache. Nach Kreislaufschwäche sieht er gar nicht aus. Er strotzt regelrecht vor Kraft und Energie und ist sehr sexy. Meine eigenen Gedanken bringen mich in Verlegenheit, sodass ich unbeholfen an dem Reißverschluss meines Rucksacks rumfummle. Rana setzt sich und Hektor, wie ich im Augenwinkel registriere, macht es sich neben ihr bequem. Dadurch sitzt sie in unserer Mitte. Mir fallen ihre roten Flecken im Gesicht auf und ich kann ein Grinsen nicht verkneifen. Scheinbar hat sein Äußeres sie ebenso angesprochen wie mich. Sie scheint meine Gedanken zu lesen, denn sie warnt mich zischend: „Hüte dich, eine Bemerkung fallen zu lassen!“
Ich mache eine symbolische Bewegung mit meiner Hand, als ob ich den Mund abschließe. Dafür ernte ich einen seitlichen Hieb mit ihrem Ellbogen. Sie grinst schadenfroh. Die Normalität entspannt mich, sodass sich die Nebelwand lichtet und ich mich auf den Unterricht von Herrn Packeiser konzentrieren kann. Nebenbei bemerke ich, dass Hektor sich kaum für den Unterrichtsstoff interessiert. Rege tippt er Nachrichten in sein Smartphone. Mir kommt der Gedanke, dass das dem Bruder sicher nicht gefallen würde. Ich grinse. Es tut gut, wieder in der Schule zu sein. Die letzte Woche zu Hause hat mich verunsichert und nur tiefer ins Grübeln hineingezogen. Die Schulglocke beendet meine Gedanken und den Unterricht.
Herr Packeiser, eiskalt in seinen Erklärungen unterbrochen, ist irritiert: „Ist die Stunde bereits zu Ende?“
Er erntet ein Lachen der Schüler, das er mit einem Schulterzucken quittiert: „Na, dann müssen wir wohl in die Pause!“
Sofort erheben sich alle und drängen zum Ausgang. Ich beeile mich, die letzten Infos stichpunktartig festzuhalten. Rana wartet an der Tür. Es überrascht mich nicht, dass Hektor wieder neben ihr steht. Er grinst sie an, während er an ihren Lippen hängt. Ich vernehme ihren Kommentar: „Das stimmt leider. Mit Hamburg kann unsere Kleinstadt nicht konkurrieren! Ich glaube, es gibt nur ein Lokal, das bis tief in die Nacht geöffnet hat! Das ist ganz nett.“
Ich erreiche Rana und sie hakt sich bei mir ein. „Du siehst immer noch sehr blass aus. Lass uns in die Sonne gehen!“
Ich nicke: „Gute Idee!“
Wir schreiten an Hektor vorbei. Sogleich ruft er hinter uns her: „Darf ich euch begleiten?“ Rana blickt lächelnd zurück und er fügt hinzu: „Nur, wenn ich keinem von euch auf den Wecker falle!“
Ich spüre, wie Rana sich freut. Ihr Grinsen zieht sich übers ganze Gesicht. Sie beachtet mich gar nicht, als sie ihm flirtend antwortet: „Um uns auf den Wecker zu gehen, müsstest du dich aber sehr anstrengend. Wir freuen uns, wenn du mitkommst!“
Ich bemühe mich mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Dabei hatte ich die Absicht, mit Rana die Sache mit dem Buch zu besprechen, das ich in der Tasche meiner überweiten Strickjacke verstecke. Ein Seufzen entschlüpft mir und steht im Gegensatz zu meiner Äußerung: „Klar, kein Problem!“
Das Problem muss warten. Wir gehen auf den Schulhof und setzen uns auf eine Sitzbank, die rund um eine alte Eiche verläuft.
Hektor erzählt fortlaufend von Hamburg. Dabei ist er witzig, sodass sogar ich lache. Er gefällt mir. Neugierig frage ich nach: „Warum bist du denn nicht in Hamburg geblieben?“
„Kairo, mein Bruder, wollte raus aus der Stadt und hat sich hier beworben. Er ist klasse auf seinem Gebiet, weshalb man ihn mit Kusshand genommen hat. Es gibt nur uns. Unsere Eltern sind vor vier Jahren gestorben und er hatte dann die Vormundschaft übernommen.“
„Bist du nicht volljährig?“
„Doch, klar! Aber ich bin lieber hier mit Kairo als in Hamburg ohne ihn!“
Rana nickt: „Das kann ich verstehen.“
Ich sehe es ihr an, sie denkt an ihren Vater. Auf der einen Seite ist sie wütend auf ihn, auf der anderen vermisst sie ihn.
Hektor schüttelt die unliebsamen Gedanken ab: „Alles gut. Es ist schon eine Weile her!“ Er lenkt das Gespräch in eine andere Richtung: „Habt ihr schon diesen Flyer gesehen?“, mit der rechten Hand zieht er ein zerknittertes Schriftstück aus seiner hinteren Hosentasche und reicht es uns.
Rana wirft einen Blick drauf: „Ein Bundeswettbewerb für den Fachbereich Chemie? Wahnsinn! Schau, Vania, der Hauptpreis sind 100 000 Euro, die aber den Schulen zugutekommen!“
Ich zucke mit den Schultern:„ Ich denke, da werden wir keine Chance haben und Frau Schmal hat Wichtigeres zu tun, als sich um so etwas zu kümmern!“
„Laut Kairo hat Frau Schmal feste Absichten, daran teilzunehmen!“
Ich schaue ihn überrascht an: „Kairo, dein Bruder?“
„Ja, sie hat dafür gekämpft, dass er an ihre Schule kommt, weil sie weiß, dass er ein Genie auf diesem Gebiet ist.“
Ich nehme Rana die Broschüre aus der Hand und studiere sie genauer: „Hier steht, dass jeder Jahrgang die Jahrgangsbeste, den Jahrgangsbesten ermittelt und diese ein vorgegebenes Thema bearbeiten. Was für ein Quatsch. Dazu habe ich während des Abis gar keine Zeit!“
„Wie ich meinen Bruder verstanden habe, wird Frau Schmal sich davon nicht abbringen lassen! Damit wird diese Person ihre Abinote machen.“
Rana lacht: „Chemie ist nicht mein Lieblingsfach, ich bin raus, das wäre etwas für dich, Vania! Schließlichwarst du in den letzten Jahren Jahrgangsbeste in Sprachen und Naturwissenschaften!“
„Musst du mich gleich als Nerd denunzieren?“, ich werfe ihr einen genervten Blick zu.
Doch sie lacht nur und lenkt ein: „Du weißt genau, dass du die Charakteristika eines Nerds nicht erfüllst! Also reg dich nicht auf!“
Während Rana und Hektor das Thema wechseln, wandern meine Gedanken zu dem Buch. Unbewusst lasse ich den Handzettel in der Hosentasche verschwinden. Hat Herr Schläfer, oder meinetwegen Kairo, deswegen das Buch vorbeigebracht? Das würde Sinn machen. Frau Schmal weiß, dass mir die Naturwissenschaften angeboren sind, ich brauche nicht zu lernen und beeindrucke sogar Herrn Packeiser damit.
Die Schulglocke ertönt und die Schüler bewegen sich wieder auf ihre Klassenräume zu. Rana hat mich wieder untergehakt und plaudert dabei weiter mit Hektor. Ich freue mich, dass die beiden sich gefunden haben. Dies ist das erste Mal, dass meine beste Freundin Interesse an einem Jungen zeigt. Hinter mir höre ich schnelle Schritte auf uns zukommen. Ich drehe mich um und sehe Kairo Schläfer auf uns zu eilen. Verrückt, sofort spüre ich, wie mir die Röte ins Gesicht steigt und mein Herzschlag sich erhöht. Warum hat dieser Kerl, mit dem ich bisher nicht einmal gesprochen habe, eine solche Wirkung auf mich? Das macht alles keinen Sinn.
Erleichtert stelle ich fest, dass er kaum Notiz von mir nimmt.
Stattdessen wendet er sich seinem Bruder zu: „Einen Moment, Hektor, ich habe tolle Nachrichten. Am Samstag spielt Blue Kate auf so einer Landjugendfete! Soll ich uns Karten bestellen?“
Hektor runzelt die Stirn: „Nicht dein Ernst? Blue Kate auf einer Landjugendfete? Zwischen Strohballen und Kuhdung?“
Rana boxt ihn in die Rippen: „Mind your language!“
Ich kichere, als ich die Worte von Frau Schmal aus dem Mund meiner Freundin höre. Mein Chemielehrer schaut mich von der Seite an, sodass ich augenblicklich verstumme.
Zum Glück fällt meine stupide Reaktion wenig auf, da Rana gleich auf Hektor eindrischt: „Mein lieber Freund. Du solltest dir erst einmal eine Landjugendfete anschauen, bevor du dir ein Urteil erlaubst. Die Bauern säubern ihre Ställe bis in die kleinste Ecke. Das sind Feten, von denen können die Hamburger nur träumen. So etwas kennt ihr gar nicht. Und falls du es nicht weißt, Blue Kate stammt von hier, darum treten sie hier auf. Das hat was mit Freundschaft zu tun!“
Hektor hebt abwehrend die Hände: „Ho, ho, fahr wieder runter! Okay, Kairo! Wir fahren da hin, wenn diese zwei Damen uns begleiten!“
Rana lacht auf: „Nur, wenn ihr die Karten besorgt und uns abholt!“
Ich traue meinen Ohren nicht: „Hallo, ihr beiden, habe ich ein Mitspracherecht?“
Rana legt einen Arm um mich und flüstert mir ins Ohr: „Da wären wir doch sowieso hingegangen, oder?“
Ich schaue in Kairo Schläfers Gesicht und sehe das gleiche Überrumpelungsgefühl, das sich meiner bemächtigt.
Doch er nickt: „Dann besorge ich vier Karten. Abgemacht!“ Er eilt zur Treppe und hebt zum Abschied die linke Hand.
Ich schüttle den Kopf: „Rana, wir können doch nicht mit unserem Chemielehrer auf eine Fete spazieren? Da dürfen wir ja nicht einmal ein Bier trinken!“
Hektor klopft mir auf die Schulter: „Da kennst du Kairo nicht! Der interessiert sich für deine Leistungen in der Schule. Alles andere ist ihm total egal. Kannst mir vertrauen! Ich bin sein Bruder! Außerdem bist du doch volljährig!“
„Aber warum will er mit seinen Schülern abhängen?“
„Er will mit mir abhängen und – er hat ein schlechtes Gewissen, dass wir von Hamburg hierhergezogen sind.“
Rana flankiert mich von der anderen Seite: „Ist doch spannend? Das können wir noch unseren Enkelkindern erzählen!“
Typisch Rana! Im Augenwinkel bemerke ich, dass die Tür von unserem Klassenzimmer geschlossen wird. „Hey, warte! Wir kommen!“ Eilig rennen wir darauf zu. Es scheint, als ob ich in letzter Zeit ständig zu spät zum Unterricht erscheine. Mit dem Vorsatz, daran zu arbeiten, lasse ich mich auf den Stuhl fallen.
Tyran
(Anwesen auf Island)
Heute Nacht zeigen sich viele Sterne am Himmel. Doch ich merke, wie mich dies sowie der pure Luxus um mich herum langweilt. Die Anlage, die mich umgibt, gleicht einem antiken römischen Thermalbad. Ich liege im Pool und höre diesen grässlichen Heavy Metal-Krach, der aus meinem Landhaus dröhnt. Durch die bodentiefen Fenster sehe ich die Partygäste, die nach der Musik durch die Räume torkeln. Wieder eine von Monas Drogenpartys. Aber ohne Drogenkonsum könnten in diesem Haus keine Veranstaltungen stattfinden. Denn ein Zusammentreffen mit der Dienerschaft, die allesamt Produkte meiner ideenreichen Gen-Zusammensetzungen sind, ist nicht mit dem normalen Menschenverstand zu erklären. Die Konsequenz ist, dass jeder Besucher nur im vollgedröhnten Zustand das Haus betritt. Ich lächle bei der Erinnerung an diesen Georg, dessen Mund beim Anblick meines treuen Gefährten Tiguan offen stehen blieb und dessen Beine sichtbar an Standhaftigkeit einbüßten. Ja, Tiguan ist mir gelungen. Aus der Entfernung wirkt er wie ein übergroßer Mensch. Sein Kopf ist allerdings riesig im Vergleich zum Unterbau. Sein ständiger Begleiter ist eine Ratte, die auf seiner Schulter turnt und wie ein Leibwächter fortwährend schnuppernd in Alarmbereitschaft ist. Aber das Geniale an ihm ist seine Loyalität mir gegenüber. Denn ich bin sein Vater.
Mona kommt aus dem Haus. Ihre langen schwarzen Haare trägt sie offen. Im Schlepptau hat sie einen Jüngling, dessen Blicke fasziniert an ihr kleben. Beide sind bekifft, wie ich ohne Emotionen schlussfolgere. Es ist ein Zustand, der bei ihr in den letzten Monaten normal geworden ist. Trotz der erbärmlichen Verfassung ist ihr Körper das Bild einer Frau. Kurven da, wo sie hingehören. Ich gratuliere mir insgeheim für mein Werk. Zum Glück ist sie ein williges Opfer, sodass ich meine medizinischen Künste an ihr ausprobieren kann. Ich erinnere mich an früher. Da waren wir ein Liebespaar. Jetzt lässt es sich eher als Wohngemeinschaft bezeichnen. Sie sucht mich. Ihr Blick wandert den Wasserlauf entlang.
„Tyran, du Langweiler! Keine Lust, dich zu amüsieren?“
Ich hebe die Augenbrauen und antworte höhnisch: „Das nennst du Amüsieren? Deine Spielchen sind eintönig geworden, meine Liebe!“
Mona stellt sich vor ihre Eroberung, hängt sich an seinen Hals und küsst ihn auf den Mund. Sie stahlt ihn an und kommentiert: „Das sehe ich anders! Er schmeckt warm und lebendig!“
Der junge Mann, angespornt durch ihre Nähe, umarmt sie mutig. Ihr Verhalten nervt mich und langweilt mich gleichermaßen. „Lass ihn abschwirren. Es ist nötig, zu sprechen!“
Ohne sichtbares Bedauern stößt sie ihn von sich und verspottet ihn: „Du bist unbeholfen! Verschwinde!“
Überrascht und gekränkt von dieser Aktion gerät er ins Stolpern und verlässt verlegen den Steg. Sie beachtet ihn nicht weiter. Stattdessen setzt sie sich zu mir an den Beckenrand und lässt ihre Beine ins Wasser baumeln. „Was gibt es?“
Langsam bewege ich mich aus dem Becken, greife nach dem Handtuch und trockne mich ab. Dabei wandern meine stechenden Augen, die ich einem Adler entnommen habe, über die schwarze, steinige, aber wenigstens hügelige Umgebung. Mein Sehvermögen jetzt ist viermal größer als zuvor. Kein Mensch ist in der Lage, so zu sehen. Zum Glück, oder besser aufgrund ihres Drogenkonsums, hat Mona keine Ahnung von der Herkunft der neuen Implantate. Die habe ich aus Gründen der Bequemlichkeit einem ihrer Jungvögel entnommen. Ich konzentriere mich wieder auf das Gespräch: „Wir haben Kairo entdeckt!“
Die Bedeutung des Satzes dringt trotz der Drogen zu ihr durch.
Sofort ist sie hellwach. „Das ist ein Joke? Nach so langer Zeit?“
„Wir haben ihn. Hier ist seine Adresse.“
Ich schiebe ihr einen Zettel zu und fahre fort: „Ich brauche Informationen! Du reist dorthin und schickst deine Vögel vorweg!“
Damit ist für mich das Gespräch beendet. Ich lege mich zufrieden auf den Rücken und schließe die Augen. Mona krabbelt zu mir und setzt ihre Hände rechts und links neben meinen Kopf. Ich sollte jetzt die Lider geschlossen halten, sonst ist es mit ihrer Mithilfe vorbei.
„Ich werde die Vögel nicht in Gefahr bringen.“
Ich greife nach ihrer Hand und schubse sie von mir weg: „Du wirst sie schicken. Du hast eine Woche Zeit, um clean zu werden. Dann reist du ihnen nach. Sieh es als eine Chance, der Langeweile zu entfliehen!“
Sie starrt mich an. Vom Haus her ertönt die Musik herüber. Monas Spielgefährten sind außer Rand und Band. Ein Glas scheppert zu Boden.
Ich bemerke, wie ich wütend werde: „Schmeiß die Bagage aus dem Haus! Sie nerven! In einer Stunde erwarte ich Besuch und dann will ich niemanden mehr sehen.“ Ich schnappe mir das Handtuch und wende mich von ihr ab. Ich weiß, dass sie meinen Anordnungen nachkommen wird. So war es immer.
Eine Stunde später höre ich vom Schlafzimmer aus Frank Liebigs schwarzen Porsche auf den Hof fahren. Ich habe mir lässige Freizeitbekleidung angezogen. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir mein tadelloses Aussehen. Die langen schwarzen Haare habe ich zu einem Pferdeschwanz gebunden. Das weiße T-Shirt betont meine breiten, muskulösen Schultern. Die Gedanken wandern zu Frank. Er hat als junger Mann eine Ausbildung beim amerikanischen Geheimdienst genossen, ist Spezialist im Nahkampf und in Spionagetechniken. Ich habe aus Eigennutz für seine ehrenlose Entlassung dort gesorgt. Das weiß er nicht. Aber seitdem habe ich endlich die Fachkraft für die Erfüllung meiner nicht immer moralisch vertretbaren Ziele und er hat Geld und meinenSchutz. Eine Win-Win-Situation für uns beide. Zufrieden begebe ich mich in die Bibliothek. Ich höre, wie meine Haushälterin die aus massivem Holz hergestellte Haustür öffnet und ihn hereinbittet. Ihr Anblick wird ihn nicht erschrecken. Frank Liebig kennt die Kreaturen aus dem Forschungslabor. Leider ist er von ihrem andersartigen Aussehen nicht so begeistert wie ich, aber dafür habe ich ihn auch nicht eingestellt. Als Frank den Raum betritt, muss ich schmunzeln. Wieder erinnert er mich an James Bond: „Hallo Frank, werde ich Sie jemals ohne einen Anzug sehen? Wechseln Sie doch wenigstens mal die Farbe. Immer dieses ständige Blau ist doch langweilig!“
„Guten Abend, Tyran! Und nein! Ich bleibe dem Outfit treu, es sei denn, der Auftrag erfordert es.“
„Keine Sorge! So etwas würde ich Ihnen nicht zumuten.“ Ich stelle ihm ein Glas Whisky auf den Glastisch und weise mit der Hand auf das Canapé, das meinem Sessel gegenübersteht. Er nimmt Platz.
„Diesmal habe ich eine schlichte Aufgabe für Sie! Ich möchte, dass Sie eine gewisse Cara Us beobachten. Entdeckt sie Sie, verschweigen Sie ihr unter allen Umständen meinen Namen, sonst war es Ihr letzter Auftrag. Verstanden?“
Ich sehe seinen erstaunten Gesichtsausdruck.
„Sie wird mich nicht bemerken. Ich bin Profi! Soll ich Sie eliminieren?“
Ich lache über die Unwissenheit. „Nein, das wird nichts bringen! Nein! Ich will Informationen, mit wem sie sich trifft und was sie so treibt! Klar?“
„Das ist alles? Und dafür brauchen Sie mich?“
„Abwarten, ich will Sie dort in der Nähe wissen. Eventuell gibt es Folgeaufträge. Das entwickelt sich derzeit.“
Ich schiebe ihm eine Mappe mit der Adresse, einigen Infos, Bildern von Cara und einem Bündel Geldscheine zu.
Gierig zählt er die Scheine und lässt sie in die Innentasche seines Anzugsjacke verschwinden. Er hat keine Skrupel. Ihn interessiert das Geld und das ist alles.
Nach einer Weile des Schweigens, in der er die Mappe studiert, stürze ich meinen Whisky runter und erhebe mich: „Ruhen Sie sich im Gästezimmer aus, bevor Sie wieder fahren. Ich erwarte, dass Sie schnellstmöglich Position beziehen.“
Er erhebt sich ebenfalls und kippt den Whisky in einem Zug hinunter. Ich bemerke seine Verärgerung über diese Abfertigung, aber das ist mir egal. Mit der Mappe unter dem Arm verlässt er den Raum.
