Endlos - Lorelei Lovely - E-Book

Endlos E-Book

Lorelei Lovely

3,0

Beschreibung

Ist deine Liebe stark genug? Wann immer Daniel Liebe und Zuneigung braucht: Sara ist für ihn da. Nur leider sieht Daniel weder die tiefen Gefühle seiner Freundin, noch weiß er sie zu schätzen. Letzten Endes passiert das Unvermeidbare: Um seinem Glück nicht länger im Weg zu stehen, wendet sich Sara von ihm ab. Die Leere, die sein Leben nun füllt, verdeutlicht ihm: Er braucht und liebt sie über alles. Nun ist Daniel dazu bereit Kopf und Kragen zu riskieren, nur um sie zurückzugewinnen. Alles, was er will, ist sie Endlos glücklich zu machen. Selbst wenn das bedeutet, dass er sein Leben dafür opfern muss.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 1245

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
3,0 (16 Bewertungen)
3
1
8
1
3



Dieses Buch widme ich all denen, die mich in meinem Leben vorangebracht haben.

Inhaltsverzeichnis

Alles Gute zum Geburtstag

Religion und Liebe

Orte, die man für gewöhnlich nicht aufsucht

Eigene Dummheit

Der erste Schultag

Chaos-Club

Freunde der Freunde müssen nicht die Freunde mögen

Kinderzwang

Basis und Grundlagen

Bestärkung durch Verneinung

Zusammenkunft

Loskaufsopfer

Die Wahrheit

Entscheidungen

Zwischen Vertrauen und Misstrauen

Weit, weit weg

Die Qual der Wahl

Schritte

Kompromisse

Warum man Geburtstage nicht feiern sollte

Nur noch eine Sache

Trostpreis

Vorstellungsgespräche

Jahrgangsbeste

Last Summer

Ein neues Leben

Back to school

Zerbrochen und zersplittertet

Organisiert

Traumbilder

Hingabe und Taufe

Dank ist stärker als Frust

Alte Neue Freunde

Das Loch in meinem Herzen

Umzugskisten

Wundervolles Leben

Frühlingsgefühle

Gewissen und Gewissensbisse

Besuchswoche

Die Wirkung von Tieren

Geständnis

Vereinigung

Zeit, um sich kennenzulernen

Ungeduld von allen Seiten

Ich verspreche dir

Ausgeschlossen

Hochzeitsglocken

Motivation

Aufräumen der Unordnung

Peters Beitrag

Wenn die heile Welt bricht

Falsches Spiel

Vollstreckungsankündigung

Kampfansage

Zuwachs

Ein letzter Abend der Freude

Inquisition

Fluchtversuche

Keine Zweifel

Glaubenskrieg

Frieden und Sicherheit

Innerer Frieden

Überleben

System der Dinge

Das Opfer

Endlos

Schlusswort & Danksagung

Quellen

Über mich – Lorelei Lovely

Mit keinem Schritt

1. Alles Gute zum Geburtstag

Es klingelte an der Tür. Warum in aller Welt klingelte es an der Tür? Widerwillig öffnete ich meine Augen und schaute mich etwas verwirrt in meinem Zimmer um. Es herrschte das reinste Chaos. War ich das gewesen? Wann hatte ich das geschafft?

Als ich mich in meinem Bett aufsetzte, breitete sich ein stechender Schmerz in meinem Kopf aus. Vielleicht sollte ich das Klingeln ignorieren. Ich könnte noch weiterschlafen. Eine Weile noch. Es war eine sehr, sehr lange Nacht gewesen. Ich brauchte den Schlaf. Sonst konnte man mich in einen Mülleimer stecken.

Es klingelte erneut.

Nun wurde ich aber wütend. War es denn nicht eindeutig? Wenn jemand die Tür nicht öffnete, dann war er nicht zu Hause. Oder ich schlief und wollte die Tür einfach nicht öffnen. So ungewöhnlich war das am frühen Morgen nicht.

Ich sprang aus meinem Bett. Ich hatte das unglaubliche Bedürfnis diese unverschämten Menschen anzuschreien. So was durfte nicht geduldet werden! Wenn ich ihnen nichts sagte, dann würden sie noch weitere unschuldige Menschen quälen.

Kaum hatte ich einen Fuß auf den Boden gesetzt durchzuckte mich auch schon eine heftige Übelkeit. Ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich so viel am Vortag getrunken hatte. Normalerweise galt für mich nicht mehr zu trinken als mein Körper vertrug. Ich wollte schließlich Spaß haben. Und nicht kotzen.

Aber gestern war ein besonderer Anlass gewesen. Ich war 16 Jahre alt geworden, hatte sturmfrei und musste meinen Geburtstag auf eine besondere Art und Weise feiern.

Es war gar nicht so leicht gewesen ihn dieses Jahr überhaupt feiern zu können. Der Bruder meiner Mutter war krank geworden. Natürlich ist meine Mutter in Panik geraten. Es ist ihr noch einziger, lebender Verwandter. Alle anderen sind nach und nach an irgendwelchen Krankheiten gestorben. Aber um diesen hier würde ich mir keine allzu großen Sorgen machen. Er fing sich ständig irgendetwas ein. Meistens war es tödlich und er stand an der Schwelle des Lebens. Und er überlebte jedes einzelne Mal. Ich war mir sicher, dass es auch dieses Mal so sein würde. Vermutlich wollte er einfach nur meine Mutter dazu bringen zu ihm zu fahren.

Meine Mutter wollte mich zwingen mitzukommen. Ich sah darin keinen Sinn. Generell verstand ich das Theater nicht, dass um Familienbande gemacht wurde. Ich kannte ihn kaum. Er machte sich in der Regel nicht einmal die Mühe anzurufen – oder wenigstens eine Karte zu schicken - wenn ein besonderer Anlass bei mir oder meinen Geschwistern anstand. Weder zum Geburtstag, noch an Weihnachten oder Ostern. Das Gleiche galt auch für meine Eltern. Wenn er mal anrief, dann weil er Geld brauchte oder mal wieder tödlich erkrankt war.

Ich konnte es nicht ändern. Aber ich war definitiv dagegen mit ihnen gerade jetzt dorthin zu fliegen. Es hatte einiges an Überredungskunst gekostet, aber schließlich hatte ich es doch geschafft. Ich durfte zu Hause bleiben. Und ich durfte meinen Geburtstag, ganz alleine feiern. Ich konnte die Party veranstalten, die ich mir zu diesem Anlass mein Leben lang vorgestellt hatte. Zumindest die letzten drei Monate, seitdem ich wusste, dass ich alleine zurückbleiben würde.

Vielleicht war es die Post!

Auf einmal war ich gar nicht mehr so sauer, dass es geklingelt hatte. Ich hatte mir etwas bestellt. Ein Geschenk an mich selbst quasi. Von meinen Eltern konnte ich ohnehin nichts anderes als Geld erwarten. Geld war zwar schön, aber vollkommen dumm, wenn es darum ging Geschenke zu machen. Es war die faule, einfache Lösung. Der Schenker musste nicht nachdenken und ich durfte mir selbst den Kopf darüber zerbrechen, was ich mir davon kaufte. Dabei mussten Geschenke noch nicht einmal etwas Gekauftes sein. Ich grinste bei dem Gedanken an Adrianne. Sie hatte ein ganz besonderes Geschenk für mich vorbereitet. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie gar nicht geblieben war. Gutes Mädchen.

Ich prüfte, ob ich etwas anhatte. Boxershorts. Ja, für die Post war das mehr als ausreichend. Ich beeilte mich, um die Tür zu öffnen, bevor sie wieder gingen. Unser Postbote war nicht gerade dafür bekannt geduldig zu sein.

Vor lauter Eile vergaß ich durch das Guckloch zu schauen. Ein böser Fehler, wie sie gleich rausstellen sollte.

Ich öffnete die Tür und vor mir standen zwei Männer. Beide in Anzug und Krawatte. Und sie hatten ein dickes, schwarzes Buch in ihren Händen. Der eine war maximal 20, der andere mindestens 60.

Oh, nein. Oh, nein. Oh, nein!

Womit hatte ich das verdient? Was hatte ich falsch gemacht? Warum so früh am Morgen?

„Guten Tag, Herr Smirkid. Wir suchen russische, sprechende Menschen. Sprechen Sie zufällig russisch?“, ratterte der Jüngere runter. Oh, je. Sie suchten russische und auch noch sprechende Menschen. Wenn das mal nicht zu viel verlangt war.

„J...“, er ließ mich meine Antwort gar nicht beenden.

„Wir sprechen heute mit Ihren Nachbarn und wollten auch mit Ihnen kurz sprechen. Es geht darum, dass heute so viel Schlimmes in der Welt passiert. Glauben Sie, dass all das jemals aufhören wird?“, sagte der Jüngere auf. Dabei redete er so schnell, dass seine Stimme schon quietschte. Er klammerte sich an seiner Bibel fest und war sichtbar nervös. Ich hätte weiterschlafen sollen. Das wäre sicherer für alle Beteiligten gewesen. Sahen diese Deppen denn nicht, dass ich nichts anhatte? Langsam wurde mir kalt.

„Gut. Danke für Ihren Besuch. Sprechen Sie lieber weiterhin mit meinen Nachbarn. Bei denen laufen sie nicht die Gefahr sich ein blaues Auge zu fangen.“ Ich knallte die Tür zu bevor sie noch irgendwas anderes sagen konnten. Ich war genervt. Vollkommen entnervt. Dabei waren der letzte Abend und die letzte Nacht doch so wunderbar gewesen! Mussten die alles kaputt machen?

Ich war einen Blick auf die Wanduhr im Flur. Es war kurz vor Zwölf. Trotzdem war es zu früh! Ich blieb bei meiner Meinung.

Ich warf mich wieder auf mein Bett.

Aber nachdem ich gesehen hatte wie spät es war, hatte ich keine Lust mehr weiterzuschlafen. Dennoch kuschelte ich mich in meine Decke. Obwohl es ein warmer Tag zu sein schien - immerhin schien die Sonne - war mir kalt.

Nach einer Weile sprang ich doch wieder auf und zog mir etwas an. Wer weiß, wer noch auf die Idee kam, bei mir am frühen Mittag vorbeizuschauen.

Es war Zeit für ein Katerfrühstück. Ich musste meinen Kopf und meine Gedanken klären.

Während ich aß, blickte ich immer wieder auf die Uhr. Um 14 Uhr war ich mit Lucillia verabredet. Lucillia... mein großer Schwarm und das größte Mysterium auf der Welt. Sie war verliebt in mich. Alle wussten es, sie inklusive. Und dennoch wies sie mich immer wieder ab. Ich verstand einfach nicht warum.

Und trotzdem gab ich nicht auf.

Sie war eine ganz besondere, junge Frau. Immer freundlich, immer gut gelaunt. Anständig und keineswegs billig. Schlau. Eines der wenigen Mädchen, das sich blendend mit Technik auskannte.

So waren wir uns auch endlich näher gekommen. Wir mussten ein Projekt in Physik zusammen abschließen und eigentlich hatte ich mich schon darauf gefasst gemacht, die ganze Arbeit alleine zu machen. So wie es meistens war, wenn man mit Mädchen zusammen arbeiten musste. Aber mit Lucillia war es anders. Wir verstanden einander. Wir lachten zusammen. Es war einfach schön in ihrer Nähe.

Obwohl sie zustimmte, mit mir hin und wieder in die Bibliothek zu gehen, konnte ich sie zu nichts anderem überreden. Auch verstand ich nicht, warum sie nach der Realschule nicht das technische Gymnasium besuchte, so wie sie es wollte. Anscheinend hatte sie andere Pläne. Aber zu diesen Plänen wollte sie mir keine nähere Auskunft geben.

Ich hatte sie zu meinem Geburtstag eingeladen. Und – welche eine Überraschung – sie wollte natürlich nicht kommen. Wenn ich all das zuvor irgendwie verkraftet habe, dann ging das hier zu weit. Ich war nun wirklich gekränkt und fast schon sauer auf sie. Und ich ließ sie das spüren.

So hatte ich doch noch meinen Sieg errungen. Zumindest einen Kleinen. Sie bot mir an, sich mit mir zu treffen. Obwohl meine Laune gerettet war, gab ich mich ein wenig schmollend. Nach all meiner Geduld sollte sie es ja auch nicht zu einfach haben. Es war ein schönes Gefühl, dass ausnahmsweise sie sich ins Zeug legen musste und nicht ich.

Bei der ganzen Sache hatte ich aber einen Fehler gemacht. Ich hätte unser Treffen nicht ausgerechnet auf heute legen müssen. Wäre ich schlau genug gewesen, hätte ich mir denken können, in welcher Verfassung ich mich heute befinden würde.

Egal. Jetzt war es zu spät. Und ich hatte keineswegs vor unser Treffen abzusagen. Nicht, nachdem ich so lange dafür gekämpft hatte. Es war ja noch eine Sache, dass sie sich mit mir treffen wollte. Doch die Tatsache, dass sie sich mit mir in den Ferien traf, war doppelt zu bewerten. Das war nämlich ein noch größeres Wunder.

Auf einmal fand ich diesen Zeugenwecker gar nicht mehr so schlecht.

Während ich zu unserem Treffpunkt in der Bibliothek lief, überlegte ich mir – wie schon so oft – womit wohl ihre Zurückhaltung zusammenhängen konnte. Letztendlich kam ich zu einer einzigen logischen Erklärung: Sie hatte noch keinerlei Erfahrungen mit Männern. Sie war rundum jungfräulich. Das musste es sein. Sollten wir zusammenkommen musste ich mich echt ins Zeug legen, damit diese Beziehung funktionierte. Und das sollte in meinem Fall schon etwas heißen.

Wie gewohnt wartete sie innen auf mich. Ich kam herein und wollte sie umarmen. Während ich noch zur Geste ausholte fiel mir ein, dass sie sich vor Umarmungen scheute. Wie eigentlich vor jeder Berührung. Jetzt war es schon zu spät, einen Rückzieher zu machen. Ich nahm die Ohrfeige in Kauf, die ich gleich erhalten würde. Auch daran hatte ich mich gewöhnt. Ihre wohl einzige Macke. Zum Glück hatte sie keinerlei Kraft in den Händen.

Zögernd ließ sie sich von mir umarmen und erwiderte sie sogar. Ein Impuls der Freude erwärmte meinen Körper. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Und ich konnte mich durchaus daran gewöhnen. Es war nur eine kurze Umarmung. Leicht distanziert. Ich wollte mein Glück ja nicht überstrapazieren. Es war mehr als ausreichend.

„Hallo, Daniel. Schön dich zu sehen“, begrüßte sie mich höflich. Ich grinste sie an, glücklich wie ein Honigkuchenpferd. „Lucy, du kannst dir nicht vorstellen, wie schön es für mich ist, dich zu sehen!“ Sie verdrehte ihre hübschen, braunen Augen.

„Wow. Du trägst deine Haare ja gar nicht gebunden. Das steht dir echt gut“, bewunderte ich sie. Ehe ich überlegen konnte, was ich da eigentlich tat, streckte ich meine Hand aus und fuhr ihr durchs Haar. Es war weich, seidig und glatt. Sie waren genauso braun wie auch ihre Augen. Die nächste Überraschung traf mich, weil sie lächelte. Sie schien wesentlich ausgelassener heute zu sein als sonst. Es tat gut, sie so zu sehen.

Wir gingen zusammen hinein. Ich lief die ganze Zeit neben ihr. Dabei hielt ich den gewohnten Abstand ein. Es war echt unglaublich, was ich für sie auf mich nahm. Und das nur um sie zu beeindrucken.

Während sie mir von ihren letzten Ferien erzählte, schweiften meine Gedanken wieder zu Adrianne und ihrem Körper ab. Adrianne war auch sehr hübsch, wenn auch anders als Lucillia. Mit Adrianne hätte ich solch einen Abstand beim Laufen vergessen können. Sie würde an mir hängen.

Zurück zu Lucillia. Einige Fragen brannten mir heute besonders auf der Zunge. Es war ja wohl kein Geheimnis, was sie nun, da die Schule rum war, vorhatte.

„Wir haben die Realschule hinter uns gebracht. Was hast du jetzt eigentlich vor? Du bist doch so ein kluges Köpfen“, fragte ich sie. Ich hatte gelernt, dass man Komplimente am besten mit irgendwas kombinierte bei ihr. Dann fiel es nicht so sehr auf und sie konnte auch nicht sonderlich protestieren. Oder es falsch verstehen.

„Ich beginne am ersten September meine Ausbildung“, antwortete sie ruhig und schaute in eine andere Richtung. Sie ging auf die Treppe zu. Ich hasse diese Treppe, denn sie führt uns rauf zu den Sachbüchern, nach denen Lucillia ganz verrückt war. Jedoch konnte ich nichts gegen das Funkeln in ihren Augen einwenden, wenn sie von einem dieser Bücher erzählte und vollkommen in ihrer Begeisterung aufging. Eine Ausbildung also. Das klang nicht sonderlich spannend.

„Und als was?“, wollte ich weiter wissen. Nun wurde sie etwas zurückhaltender und konzentrierte sich auf den Weg. Als ich geduldig wartete, antworte sie mir schließlich doch noch.

„Als Bürokauffrau.“

Ich fiel aus allen Wolken. Sie? Eine Bürokauffrau? Das war weit unter ihrem Niveau! Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie sonst nichts gefunden hatte.

„Ist das dein Ernst?“ Mehr brachte ich nicht heraus. Ich wollte nicht zu unhöflich sein. Auch wenn ich es absolut nicht verstehen konnte, so war es doch noch ihre Entscheidung.

Wie konnte sie nur ihr Leben wegwerfen?

„Ja. Es ist das, was ich möchte. Ich verdiene genug und kann nach der Ausbildung halbtags arbeiten. Mehr brauche ich nicht.“ Gerade eben hatte ich noch etwas über sie gelernt. Sie war bescheiden. Viel zu bescheiden. Ich wollte noch einige Dinge dazu sagen, aber sie wohl nicht. Sie begann über eines der Bücher zu reden, das sie entdeckte. Ich seufzte und hörte ihr aufmerksam zu. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie jedes Buch in diesem Raum auswendig kannte. So abwegig war der Gedanke eigentlich nicht. Ich traute es ihr durchaus zu.

Wir verbrachten zwei Stunden hier. Dann musste sie los. Sie hatte noch einen Termin. Ich fragte gar nicht erst, was für einen Termin sie in den Ferien haben könnte. 1. Das ging mich nichts an. Und 2. Sie würde es mir ohnehin nicht sagen. Eine ausweichende Antwort. Wenn ich Glück hatte.

Wenigstens durfte ich sie heute nach Hause begleiten. Zumindest bis zum Beginn ihrer Straße. Von dort an – so behauptete sie stur – würde sie alleine nach Hause finden. Ganz wie sie wollte.

Ich war überrascht darüber, wo sie wohnte. Es war das Viertel unserer Stadt, in dem die reichen Leute wohnten. Das Bild fügte sich. Das konnte durchaus ihren Anstand erklären. Leider gab es keine Umarmung zum Abschied.

Naja. Ich hatte heute trotzdem schon viel bei ihr erreicht. Ich musste mich mit dem Wenigen zufrieden geben. Ich wollte nicht, dass mir auch das noch wegnahm.

Erst als ich zu Hause ankam fiel mir auf, dass sie mir gar nicht gratuliert hatte. Der Ärger kehrte zurück.

Es war ja eine Sache, dass sie zu meiner Party nicht kommen wollte. Wahrscheinlich war es unter ihrer Würde. Oder ihre Eltern dachten das von mir. Oder sie würden das von mir denken, wenn sie von mir wüssten, was ich stark bezweifelte.

Sie hätte mir wenigstens gratulieren können. Als Zeichen der Höflichkeit. Warum hatte sie mir nicht gratuliert?

Ich öffnete die Haustür und trat ein. So. Ich hatte genug Entzug. Aus meinem Zimmer holte ich meine Zigaretten und ging auf dem Balkon. Meinen Eltern war es vollkommen egal, ob ich rauchte oder nicht. Anders stand es mit Lucillia. Sie konnte es überhaupt nicht ausstehen, wenn ich rauchte oder nach Zigarettenrauch roch. Wieder einer dieser Wünsche von ihr, die ich meistens respektierte.

Der Rauch füllte meine Lungen und ich drehte mich um. Ich schaute zwar gerne die Stadt unter mir an, aber manchmal war es unglaublich deprimierend. Dieses ewige Grau drückte ganz schön mit der Zeit.

Doch der Anblick der Wohnung war noch schlimmer. Es herrschte das reinste Chaos. Partys waren immer so eine Sache für sich.

Alles war durcheinander. Dinge, die nicht kaputt gehen sollte, hatte ich schon vorher in Sicherheit gebracht. Anschließend lief ich einmal die Wohnung ab. Es hatte sich niemand übergeben. Ein voller Erfolg.

Mein Smartphone vibrierte. Desinteressiert griff ich in meine Tasche. Ich war mir irgendwie sicher, dass es Adrianne war. Sonst konnte mir wohl keiner freiwillig mit mir schreiben. Zumindest nicht, wenn man einen mordsmäßigen Kater hatte.

Doch es war nicht Adrianne.

„Ich habe Freitagabend Zeit. Wenn du Lust hast, können wir zusammen etwas unternehmen. Lucy“, lautete der Inhalt der Nachricht. Für einen Moment setzte mein Herz aus. Freitagabend. Mit Lucy. Zusammen. Ein Date. Sie hatte keine Ausflüchte mehr, es irgendwie zu kaschieren oder anders zu nennen.

Mir wurde noch etwas klar.

Sollte das Date gut verlaufen würde sie eventuell mit zu mir nach Hause gehen. Und so wie es hier aussah, konnte ich sie auf keinen Fall empfangen. Ich musste aufräumen und ich konnte von Glück reden, wenn ich es bis Freitag schaffen sollte.

Ich musste es schaffen! Wenn allein schon die Möglichkeit bestand, dass sie mit hierher kommen würde, musste die Wohnung in einem perfekten Zustand sein!!! Selbst wenn wir nur drei Stunden lang reden sollten, anstatt uns sinnvolleren Sachen hinzugeben.

„Kino?“, antwortete ich ihr schnell und stürzte mich auf den Dreck in der Wohnung. Ich hasste es wie die Pest aufzuräumen. Ich musste da durch.

Jetzt würde ich mich sehr über die Anwesenheit meiner Mutter freuen. Für sie stand es gar nicht zur Debatte, wer den Dreck verursacht hatte. Sie räumte auf. Auch wenn sie etwas dabei jammerte. Etwas mehr. Aber damit konnte ich leben. Ihr Gejammer war noch immer besser, als selber aufräumen zu müssen. Das war einer der Vorteile einer russischen Mutter.

2. Religion und Liebe

Freitag.

Freitag.

Freitag!

Ich stand vor meinem Kleiderschrank und fühlte mich wie eine Frau. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich ansatzweise das verstehen, worüber ich für gewöhnlich spottete.

Während ich mein einziges Hemd aus dem Schrank zauberte, fragte ich mich, ob es Lucillia wohl im Moment genauso ging wie mir. Vermutlich. Ich konnte mir sehr lebhaft vorstellen, wie sie vor ihrem Kleiderschrank stand und verschiedene Sachen anprobierte. Und das nur, um mir zu gefallen.

Ich konnte mir ebenso gut vorstellen, wie wohl ihr Zimmer aussah. Ordentlich. Groß und geräumig. Ihr Bett perfekt gemacht. Ein Arbeitstisch und ein Stuhl. Der Tisch vollkommen leer. Nicht einmal das, was sie gerade im Moment brauchte, würde auf ihrem Tisch liegen. Ein Kleiderschrank mit einem großen Spiegel. Auf dem Boden ein kleiner, runder Teppich. So stellte ich mir ihr Zimmer vor. Ob ich wohl eines Tages erfahren würde, ob ich mit meiner Vermutung Recht hatte?

Letztendlich trug ich eine schwarze Hose und ein weißes Hemd dazu. Ich fand, dass ich sehr gut aussah. Ich war mir sicher, dass es Lucy genauso sehen würde.

Ich begab mich etwas früher auf den Weg. Ich wollte heute alles perfekt gestalten. Wenn sie mir schon eine Gelegenheit bot, dann wollte ich sie vollständig davon überzeugen, dass ich es wert war.

Ich ging noch in einen Laden und kaufte Blumen und After Eight, ihre Lieblingsschokolade. Mit den Blumen war ich mir nicht sicher gewesen, bis sie mir zugesagt hatte, dass ich sie an ihrer Haustür abholen durfte. Sie wollte nicht alleine abends unterwegs sein. Ich schwieg über die Tatsache, dass es im Sommer um diese Uhrzeit noch hell war.

Im Hemd fühlte ich mich in ihrer Straße deutlich wohler. So sah ich etwas vornehmer aus und keiner ihrer Nachbarn würde auf die Idee kommen, dass ich nicht gut für sie war und es ihren Eltern erzählen.

An ihrer Haustür angelangt, atmete ich erst einmal tief durch. Ich klingelte und überlegte, ob ich irgendetwas übersehen oder vergessen hatte. Die Wohnung war in einem tadellosen Zustand. So sauber bekam es noch nicht einmal meine Mutter hin. Morgen Abend kamen sie nach Hause. Ich wusste, dass eine saubere Wohnung den Vorstellungen meiner Eltern widersprach. Es würde eine gute Überraschung sein. Dass sie eine Überraschung für mich hatten wagte ich zu bezweifeln. Die Überraschung bestand mit hoher Wahrscheinlichkeit aus 100 Euro in Bar.

Mir fiel auf, dass vor der Garage kein Auto stand. Ihre Eltern waren wohl unterwegs. So kam es also dazu, dass sie an einem Freitagabend Zeit für mich fand! Und die Bestätigung darin, dass ihre Eltern der Grund waren, warum sie solch eine Distanz zu mir wahrte.

Lucillia öffnete die Tür. Sie lächelte. Ich glaubte nicht daran, dass ihr Lächeln noch strahlender werden konnte. Ich hatte mich geirrt. Als ich ihr die Blumen und die After Eights reichte, stieß sie einen Kleinen Freudenschrei aus. Sie nahm ihre Präsente entgegen und bat mich darum, draußen zu warten, während sie kurz die Blumen versorgte. Geduldig wartete ich vor der Tür, bis sie fertig war. Ich wurde ungeduldig und schaute auf die Uhr. Wir hatten noch mehr als genug Zeit. Also hatte ich keinen Grund, mich über ihr Trödeln aufzuregen. Wahrscheinlich wusste sie genauso gut wie ich, dass sie noch genug Zeit hatte.

Während wir zum Kino liefen unterhielten wir uns über die Faszination der Physik - eines unserer Lieblingsthemen. Meistens unterhielten wir uns über Elektrotechnik, mein Spezialgebiet. Heute schien es sie aber in die Richtung der Atom- und Quantenphysik zu ziehen. Genau das war der Grund, warum ich diese Frau so sehr vergötterte.

Ich hatte sie den Film aussuchen lassen, weil ich dachte, dass ich so zusätzliche Punkte sammeln konnte. Ich bezahlte die Kinokarte und kaufte ihr eine Cola Light. Mit selbst holte ich ein Bier, alkoholfrei. Dabei verstand ich weder wie man Cola Light noch alkoholfreies Bier trinken konnte. Das alkoholfreie Bier trank ich auch nur, weil ich unbedingt den Geschmack von Bier im Kino wollte. Und alkoholfrei, weil sie ein alkoholhaltiges Getränk nicht gutheißen würde. Sie musste es mir nicht sagen, damit ich es wusste. Ich hatte genug Zeit mit ihr verbracht.

Der Film war wirklich nicht mein Fall. Es war eine selten langweilige Liebeskomödie. Aber ihr schien er zu gefallen, also sagte ich nichts. Suchte sogar noch nach Momenten in dem Film, die mir gefielen. Wenigstens ansatzweise.

Meine Gedanken drifteten an das Gespräch vorhin ab. Sie hatte mich tatsächlich zum Nachdenken gebracht. Ich glaubte weder an Gott noch an sonst irgendeinen Schöpfer. Zu viele Grausamkeiten und zu viel Wissenschaft sprachen gegen die Existenz eines Gottes.

Um den Frieden zu wahren hatte ich am Ende eingeräumt, dass es eventuell einen Intelligenten Designer geben könnte. Sie glaubte an Gott. Daran bestand nach unserem Gespräch kein Zweifel.

Jetzt fragte ich mich, ob es vielleicht wirklich einen Designer im Universum gab. Nicht nur die Religion, auch die Esoterik schwor darauf, dass es ein Universum, einen Gott gab, der unsere Wünsche und unser Flehen erhörte. Ich beschloss es auszuprobieren.

„Lieber Gott. Liebes Universum. Lieber ID. Lieber Beobachter. Ich werde an dich glauben, wenn ich sie heute küssen darf“, schickte ich meine Bestellung ab. Auf einen Versuch kam es an. Verlieren konnte ich nichts.

Nach und nach schien auch sie sich zu langweilen. Das beruhigte mich ein wenig. Ich legte meinen Arm um sie und sie kuschelte sich an mich. Die Dunkelheit des Kinos beschützte uns vor den Augen der anderen. Ich schaute zu ihr und sie erwiderte meinen Blick. Sie lächelte. Dieses unwiderstehliche Lächeln. Und egal, was ich mir vorgenommen hatte, ich konnte mich nicht mehr daran halten.

Ich beugte mich zu ihr vor und ehe ich mich versah, lagen meine Lippen auf den ihren. Sie waren klein und spröde, auf ihre Art sanft und weich. Ich schloss meine Lippen. Falls ich mir eine fing, wollte ich zumindest den Augenblick bis dorthin genießen.

Doch ich fing mir keine.

Unsere Lippen verharrten auf einander, begannen sich zu bewegen, öffneten sich und ebneten so den Weg für unsere Zungen. Ich verlor mich darin. Dabei bemerkte ich gar nicht, dass der Film nun schon zu Ende war und wir den Abspann „anschauten“.

„Ich störe Sie wirklich ungern, aber der Film ist zu Ende. Sie müssen gehen.“

Ich zuckte zusammen. Lucy ebenso. Ich genoss diesen Moment. Sie schien bedrückt zu sein. Das ärgerte mich wieder. So empfindlich könnte sie nicht sein. Obwohl... Sie war immerhin weiblich.

Und das war auch so etwa das Erlebnis, nachdem sie wie ausgewechselt war. Man sollte meinen, dass sie sich nun freuen sollte. Glücklich sein. An mir dranhängen. Noch mehr von dem wollend, was sie vorhin erhalten hatte.

Aber sie war vollkommen anders. Selbst von ihrem normalen Charakter konnte ich nicht viel entdecken.

Ich wollte wissen, wie ihr der Film gefallen hatte. Dazu konnte sie nicht wirklich was sagen. Vielleicht war das auch eine etwas ungerechte Frage. Ich hatte selber nicht sonderlich viel vom Film mitbekommen.

Ich wollte wissen, was sie heute Abend noch vorhatte. Aber auch dazu sagte sie nichts.

Ihre Augen waren glasig, als würde sie jeden Moment weinen. Sie ließ meine Umarmung zu. Ließ zu, dass ich ihre Hand hielt. Ließ sich von mir nach Hause begleiten. Aber sonderlich glücklich sah sie bei alldem nicht aus.

War ich denn so ein schlechter Küsser?

Also irgendwann sagte ich gar nichts mehr. Sie wollte alleine nach Hause laufen, aber das konnte ich nicht verantworten. Es war inzwischen dunkel. Und es war ihr eigenes Argument gewesen, warum ich sie hier hatte abholen sollen.

Der Abend war wirklich nicht so verlaufen wie ich es mir vorgestellt hatte. Dass all das zu schnell gegangen war, schließe ich auch mal aus. Sie hat mich immerhin nahezu ein Jahr lang hingehalten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit der Stille, waren wir an ihrer Haustür angelangt. Still schweigend standen wir da.

„Es war ein schöner Abend“, meinte ich schließlich ruhig. Es war nicht gelogen. Zumindest der Abend im Kino selber war schön gewesen.

Von ihr kam keine Reaktion, außer einem kurzen Nicken. Ich wollte ihr einen Abschiedskuss geben, doch sie drehte ihr Gesicht bei Seite, so dass ich nur ihre Wange erwischte. Mehr als nichts. Dabei wäre ein kleiner Kuss nach solch einem Abend das mindeste gewesen. Ich habe schließlich alles für sie bezahlt!

„Daniel. Ich fand auch, dass es ein schöner Abend war.“ An ihrer Aussage war nichts auszusetzten. Doch ihre gebrochene Stimme ließ deutlich hören, dass gleich ein „Aber“ folgen sollte. Mein Verstand kam mit dem gesamten Verlauf nicht mehr mit. Keine logische Erklärung wollte mir einfallen. Außer, dass sie einen Freund hatte. Aber das konnte ich mir noch weniger vorstellen. Lucillia würde niemals niemanden hintergehen. Darin war ich mir absolut sicher!

„Wir sind heute Abend etwas zu weit gegangen. Nicht du. Du hast alles richtig gemacht und ich kann dir keinen Vorwurf machen. Du hast dich immer so sehr um mich bemüht. Es ist einfach unfair, was ich mit dir gemacht habe. Gerade weil ich in dich verliebt bin, habe ich mich falsch verhalten. Ich bin zu weit gegangen.“ Nun weinte sie beinahe. Die Theorie mit dem Freund schien mir nun gar nicht mehr so unwahrscheinlich zu sein.

Ein Freund war zwar ein Hindernis, aber kein Grund für mich, aufzugeben. Außer er war ein Russe.

„Es wird für dich wie eine lasche Ausrede klingen. Aber für mich ist es wichtig. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ein sehr gläubiger Mensch. Und du bist genau das Gegenteil. Eine Beziehung auf dieser Basis kann nicht gut gehen“, versuchte sie mir zu erklären.

Im ersten Moment hörte es sich wirklich wie eine sehr, sehr, sehr schlechte Ausrede an. Adrianne glaubte auch an Gott. Aber das störte sie keineswegs mit jedem im Bett zu landen, der sich ihr erbot. Oder ihr die passenden Geschenke machte.

Und auf einmal fügte sich das Bild.

Sie hatte mir nicht zum Geburtstag gratuliert, wollte nicht zu meiner Party kommen. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte sie noch nie jemanden gratuliert. Sie nahm weder an der Weihnachtsfeier noch an anderen Festlichkeiten in der Schule teil. Sie hielt sich von den meisten in der Schule fern, blieb aber immer höflich und taktvoll. So viel Kontakt wie nötig, so wenig möglich.

Und da war da noch ihr Vortrag gewesen. Ihr Vortrag in Ethik, über eine ganz bestimmte Religions-„Gruppe“, in der sie all das in aller Ausführlichkeit erklärt hatte.

„Du gehörst zu dieser Sekte. Du bist eine von diesen Zeugen Jehovas“, stellte ich tonlos fest. Ich war in diesem Moment so geschockt, dass ich noch einmal wütend werden konnte.

Allerdings. Sie war viel zu weit gegangen. Es war alles andere als nett, mit mir so zu spielen. Als wäre ich eine billige Abwechslung. Nichts weiter. Und niemand musste je von mir erfahren, weil es mich in ihrer Welt nicht gab. Kein Platz für mich. All die Gefühle, die ich so lange für sie gehegt hatte, waren mit einem Schlag ausgelöscht. Enttäuschung machte sich breit, obwohl ich wütend sein sollte. Ich wurde so leicht wütend. Und ich hatte in dieser Situation wirklich das Recht darauf. Aber die Wut blieb einfach aus.

Ich konnte nicht mehr. Das war zu viel. So viel konnte im Moment nicht aushalten. Ich drehte mich um und ging. Ich ließ sie einfach so an der Tür stehen. Etwas, was meinen gesamten Prinzipien widersprach. Wie konnte sie nur so mit mir spielen?

Eine Weile lang ging ich einfach so umher. Ich hatte keine Ahnung, wo ich hingehen sollte. Auf jeden Fall wollte ich nicht nach Hause. Dort würde mich absolut alles an sie erinnern. Schließlich hatte ich die Wohnung auch dafür vorbereiten. Vielleicht würden sich ja wenigstens meine Eltern darüber freuen.

Ihr zu Liebe hatte ich die Zigaretten zu Hause gelassen. Ich suchte mir eine kleine Tankstelle und kaufte mir eine Schachtel LM. Nicht gerade meine Präferenz, aber günstiger als das, was ich sonst rauchte. Wenn auch nur ein wenig. Ich wurde nur sehr selten nach dem Ausweis gefragt. Die meisten schätzten mich auf etwa 20. Was ein klarer Vorteil für mich war.

So fand ich mich an einer Bushaltestelle wieder, starrte auf die Autos auf der Straße und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Ich war es nicht gewohnt, solche Gefühle wegen einer Frau zu fühlen.

Nein. Sie war ganz sicher keine Frau. Sie war eine kleine, dumme Göre, die mit mir gespielt hat. Eine Frau, eine erwachsene, reife Frau, würde genau wissen, wo ihre Präferenzen liegen und sich nicht so nah ans Feuer begeben. Jetzt wurde ich sauer.

So konnte man mich nicht durch die Gegend laufen lassen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es erst elf Uhr abends war. Und mit einiger Gewissheit: Oleg war noch wach.

Oleg war ein Nerd. Aber ein Nerd, der gerne trainierte und auf seinen Körper achtete. Wenn normale Menschen an einem Freitagabend ausgingen, verbrachte Oleg ihn in seinem Keller. Entweder war er in einem Raum, der vollgestopft war mit Computer und Hardware-Teilen aus allen Zeiten war, oder aber er befand sich in dem anderen Raum, in der er eine riesige Trainingsstation aufgebaut hatte. Selbst wenn heute sein Computer-Abend war, würde er mich sicherlich trainieren. Vor allem, wenn ich ihm meine Geschichte erzählte.

Ich schrieb ihm eine kurze Nachricht. Prompt kam die Antwort, ich könne jederzeit vorbeikommen. Die Tür zum Keller war offen. Auch das war typisch Oleg. Er war so vertrauensselig, dass er seine Heiligtümer selten unter Verschluss stellte. Und das Ironische daran war, dass bei ihm noch nie jemand eingebrochen ist.

Olegs Heim war schnell erreicht. Er wartete draußen auf mich, mit einer Zigarette im Mund. Oleg schaute mich besorgt an. „Freitagabend und du bist bei mir. Klingt nach einem gebrochenen Herzen“, stellte er mitfühlend fest, während er einen tiefen Zug nahm.

Ich sagte nichts dazu, sondern holte mir stattdessen erneut eine Kippe zum Rauchen. Verdammt! Die Schachtel leerte sich mit Lichtgeschwindigkeit.

Oleg grinste hämisch. Ich wusste, dass er gleich etwas sagen würde, was ich nicht hören wollte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Tag erlebe, an dem dir jemand das Herz bricht. Normalerweise brichst du allen Weibern das Herz. Also: Wem kann ich gratulieren? Lucy?“

3. Orte, die man für gewöhnlich nicht aufsucht

Ich ging in den Trainingsraum, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Zielgerichtet begab ich mich zum Schrank und holte die Boxhandschuhe heraus. Genau genommen wollte ich gar nicht trainieren. Ich wollte meiner Wut freien Lauf lassen.

Kaum hatte ich den ersten Schlag am Boxsack platziert, überrollte mich die echte Wut, auf die ich vorhin so sehnsüchtig gewartet hatte. Es war wohl doch ganz gut, dass Lucy nicht in der Nähe war, als der Ausbruch über mich kam.

Oleg setzte sich auf eine Trainingsbank und schaute mich zu. Er gehörte zu den Freunden, die normalerweise einen nicht dazu drängen, etwas zu erzählen. Heute schien die Neugier in ihm stark zu sein, was mich nur noch fester zuschlagen ließ.

„Eine grobe Zusammenfassung reicht aus. Damit tust du dir und dem armen Sack einen Gefallen.“ Ich hielt kurz inne. Er hatte ja Recht. Davon, dass ich den unschuldigen Boxsack verschlug half ich keinem.

Und doch war es enorm beruhigend.

„Ich war mit Lucy aus“, begann ich, da ich der Meinung war, dass das schon das meiste erklären würde. Und ich hatte Recht. Oleg zog verblüfft die Augenbrauen hoch. Er war wohl überrascht, dass er mit seinem ersten Tipp gleich richtig lag. „Lucy?“, hackte er nach. „Lucy“, bestätigte ich. „DIE Lucy?“ – „Genau die Lucy.“

Ich hatte Recht. Mehr musste ich zu der ganzen Angelegenheit nicht sagen. Oleg hat genau von meinem Interesse zu ihr gewusst. Jedoch hat er es immer für eine Jagd gehalten. Er glaubte nicht daran, dass ich wirklich in sie verliebt war. Seiner Meinung nach begründete sich mein Interesse für sie darin, dass ich sie nicht haben konnte. Ich wünschte, er hätte Recht. Ich schlug wieder fest auf den Sack zu.

Aus irgendeinem Grund schien Oleg der Meinung zu sein, dass ich darüber reden müsste. Dabei war er absolut nicht der Typ, der so viel auf reden setzte. Er gehörte zu denen, die dich in solch einer Situation einfach zum Trinken ausführten und gleichzeitig eine Neue suchten. Wenn auch nur für eine Nacht. Ich wusste echt nicht, was mit ihm heute nicht stimmte.

„Mach dir nichts draus. Ohne Sie bist du ohnehin besser dran. Mit Nonen auszugehen ist immer sehr anstrengend. Vor allem für den männlichen Körper“, versuchte er mich zu beruhigen.

„Du hast es gewusst?“ Ich unterbrach die Schlagwelle und sah ich fassungslos an. Er nickte unbeeindruckt. Ich setzte meinen Angriff fort.

Nun wurde mir auch das klar. Nicht ohne Grund hatten die Zicken in der Schule sie None genannt. Schade, dass die Schule nun rum war. Ab nächsten Montag würde ich das technische Gymnasium besuchen und sie hoffentlich nie wieder sehen müssen. Zu ihrem Glück hatte sie sich diese lächerliche Karriere als Bürokauffrau ausgesucht. Selbst das ergab nun einen Sinn. Sie suchte sich einen Job, bei dem sie später weniger arbeiten musste, um später die Leute an der Tür besser terrorisieren zu können. Wie erbärmlich.

Nach einer Weile wurde es mir zu blöd, sinnlos auf etwas einzudreschen, das nicht Lucy war, und Olegs Philosophie mir anzuhören.

Ich kam nun in die nächste Phase meines Liebeskummers. Ich wollte all das einfach hinter mir lassen. Alles vergessen. Und nichts eignete sich besser dazu als Alkohol. Leider wusste ich nicht, wo ich mich betrinken könnte. Ich verspürte noch immer nicht das Verlangen, nach Hause zu gehen.

„Ich glaub, ich geh was trinken“, sagte ich aus meinen Gedanken heraus. Oleg zog eine Augenbraue hoch. Es war sichtbar, dass er mich für undankbar hielt. Auch das was mir im Moment egal.

„Schau mich nicht so an. Du weißt, dass ich momentan nichts trinke. Sonst ist mein Trainingsplan hinüber“, redete er sich raus, noch ehe ich ihn dazu auffordern könnte, mit zu kommen. Ich seufzte genervt. Rauchen konnte er. Aber trinken nicht. Logisch.

„Das weiß ich doch. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast“, erwiderte ich etwas sarkastisch. Oleg nickte mir zufrieden zu. Er war ja so leicht, ihn zufriedenzustellen. „Immer wieder gerne. Falls du einen Ort zum Pennen brauchst, weil deine Wohnung nach Kotze rieht oder dich alles an sie erinnert: Die Tür ist offen.“ Und genau aus diesem Grund war er mein bester Freund. Dummer Spruch hin oder her.

Ich machte mich wieder auf dem Weg. Kaum war ich an der frischen Luft realisiert ich wie müde ich eigentlich war. Das Klügste, was ich eigentlich im Moment tun konnte, war direkt umzudrehen und zurück zu Oleg zu gehen.

Aber etwas in meinem Inneren wehrte sich dagegen. Etwas in mir wollte abschalten, wollte trauern. Also folgte ich meinem Weg, ohne ein konkretes Ziel vor Augen zu haben.

Ich lief die Straße entlang und prüfte mit meinem Blick jedes Lokal, an welchem ich vorbeilief. Die meisten kannten mich. Und würden mich wieder rausschmeißen. Ich musste dringend lernen, auf mein Benehmen im betrunken Zustand zu achten.

Ich blieb stehen und atmete den intensiven Geruch von Rauch ein. Mein Blick wanderte zu meiner Linken. Eine schwarze Glastür lächelte mich an. „Café Rock“ stand groß drauf. Ich starrte die Tür eine Weile lang an. Dann starrte ich die Fenster an. Ich zog beide Augenbrauen hoch, da eine zu wenig wäre, um meine Verwirrung auszudrücken.

„Zutritt ab 18“, stand groß und klar dran.

Ich konnte es nicht fassen.

Eine Raucherbar. Eine echte Raucherbar. Wir hatten in unserer Stadt eine Raucherbar. Und ich habe nichts davon gewusst. Wie konnte mir das entgehen?

Ob sie mich wohl reinlassen würden, obwohl ich noch nicht volljährig war?

Ich kramte meine Taschen durch. Nein. Natürlich hatte ich ausgerechnet heute meinen gefälschten Ausweis nicht dabei. Es war so selten, dass ich ihn benutze. Für gewöhnlich kam ich auch so überall rein. Ich sah ja schließlich alt genug aus. Für gewöhnlich machte ich mir aber auch nicht solche Sorgen deswegen. Es war mir egal, wenn etwas nicht klappte.

Aber hier wollte ich unbedingt rein!

Ich atmete tief durch und schritt langsam und gemächlich auf das Lokal zu. Ich versuchte meine gewöhnliche Selbstsicherheit wieder hervorzuzaubern, was gar nicht so einfach war, wenn man erst einmal verunsichert war. Ich brauchte mir keinen Kopf zu machen. Meine Sorgen waren unbegründet. Es würde keine Kontrolle für mich geben.

Obwohl ich dieses Mantra immer und immer wiederholte, klopfte mein Herz viel zu schnell, als ich die schäbige, schwere Tür öffnete und das Lokal betrat. Obwohl mich hier noch erst mal ein Gang erwartete, knallte mir eine dicke, fette Rauchwolke mitten ins Gesicht. Ich musste mich zurückhalten, nicht zu husten. Unbeirrt ging ich weiter, als wäre ich hier ein Stammgast.

An der anderen Tür erwartete mich ein Türsteher. Er sah ziemlich russisch aus. Das war schon einmal beruhigend, auch wenn ich das sicherlich nicht erwartet hätte. Er würdigte mich nur eines kurzen Blickes, nickte mir dann zu und öffnete mir die Tür. Erleichtert trat ich ein. Gut, dass es solche Leute nicht so ernst mit ihren Pflichten nahmen.

Nachdem sich meine Erleichterung gelegt hatte, blickte ich mich erst einmal in aller Ruhe in dem Raum um. Das Lokal war von innen größer als es von außen den Anschein erweckte. Und es war dunkel. Ich fühlte mich ein wenig wie in einer Absteigerbar. Oder eben wie in einer Gothic-Bar, was es vermutlich auch sein sollte.

Vor mir war ein großer, weiter, dunkler Raum. An den Wänden brannte rot-gelbliches Licht. Es erinnerte mich ein wenig an eine Abenddämmerung. Über dem Raum schwebte ein dichter Nebel aus Rauch. Direkt vor mir, am Ende des Raumes, befand sich eine riesige Bühne. Momentan war sie leer. Aber es war gut zu wissen, dass hier offensichtlich gelegentlich Bands spielten. Zu meiner Linken sah ich eine Bar-Theke.

Ich trat etwas weiter hinein. Auf der weiten Fläche von mir bis zur Bühne befanden sich Tische. Ein Blick nach links zeigte mir, dass es nach hinten auch noch weiterging. Doch dort schienen einzelne Kabinen zu sein, die ebenfalls Tische enthielten. „Kuschelecken!“, schoss mir sofort durch den Kopf. Das Lokal war wirklich gut durchdacht.

In dem Moment wurde mir auch klar, dass das hier eigentlich ein Ort war, den ich für gewöhnlich niemals im Leben freiwillig besuchen würde. Doch nun war ich schon einmal hier und ich war fest entschlossen, das Beste daraus zu machen.

Ich war kein Freund von Tischen. Zumindest wenn ich alleine unterwegs war. Alleine machte sich die Bar wesentlich besser. Und an der Bar war nicht sonderlich viel los. Ich konnte nur einen versifften Kerl ausmachen und der störte mich nicht sonderlich. Ich nahm den Platz in der Mitte der Theke ein. Hier fühlte ich mich am wohlsten.

Der Barkeeper grinste mich fröhlich an. „Was darf’s sein für den jungen Herrn?“, wollte er wissen. Mein erster Impuls wollte Wodka bestellen. Mein zweiter Impuls wehrte sich dagegen. Ich betrank mich hier wegen einer Frau! Es war mir nicht wichtig, ob es mir hinterher besser ging oder nicht. Ein anderes Getränk musste her.

„Einen Scotch“, sagte ich ruhig und packte meine Zigarettenschachtel aus. Der Rauch nervte, wenn man gerade nicht selber rauchte. Der Mann nickte mir zu, stellte ein Glas auf den Tisch und holte eine Whiskyflasche hinterm Tresen hervor. Ich kannte mich mit Whisky nicht aus. Aber einen „Scotch“ zu bestellen klang einfach cooler und reifer als einen „Whisky“ zu ordern.

Mein Scotch war fertig. Ich nippte vorsichtig daran, da ich nicht glaubte, dass man ihn auf ex trank. Ein modriger, alter Geschmack breitete sich in meinem Mund aus und trocknete meine Zuge aus. Es erinnerte mich an Cognac. Nur weniger süß. Und Cognac schmeckte bei weitem weniger nach altem Fass. Bis gerade eben hätte ich nicht geglaubt, dass es noch ein schlimmeres Getränk als Cognac gab.

Eine Zeit lang saß ich, trank und rauchte. Ich erzählte dem Barmann von meinen Problemen und von der jungen Frau, die mit mir so kaltherzig gespielt hatte. Es fiel mir wesentlich leichter, diesem Fremden all das zu erzählen als meinem besten Freund.

Der Mann hörte mir aufmerksam zu, zeigte an den passenden Stellen Entrüstung oder Mitgefühl und schenkte mir regelmäßig nach. Und ich fühlte mich wesentlich besser als zuvor.

Nach etwa einer Stunde fiel mir eine junge Frau an der Bar auf. Ich konnte nicht genau sagen, wann sie aufgetaucht war oder woher sie auf einmal kam. Ich hätte schwören können, dass die ganze Zeit nur der versiffte Mann mit mir an der Bar war.

Aber sie saß da. Trank offensichtlich ebenfalls Whisky, lachte viel und kokettierte mit dem zweiten Barkeeper. Mein Blick blieb an ihr haften als wäre ich hypnotisiert worden.

Sie hatte sehr, sehr lange schwarze, glatte Haare. Selbst in dem dunklen Licht schienen sie zu glänzen. Ihre Haut war recht blass und ihre Augen ein zartes, tiefes Blau.

Unwillkürlich fragte ich mich, ob es ihre echte Haarfarbe war. Sie war sehr schlank, fast schon zu schlank, auch wenn es zu ihrem Körperbau passte. Ihre Brüste waren in jedem Fall nicht zu schlank. Sie trug kniehohe Stiefel, erstaunlicherweise ohne einen Absatz. Die Stiefel waren zum Schnüren. Der schwarze Faltenrock reihte ihr bis knapp über die Knie und war damit leider nicht zu kurz. Obenrum trug sie einen einfachen Top. Obwohl ihr Outfit reizend war, sah sie nicht billig oder zu düster aus.

Ich war begeistert.

Eine Weile gab ich mich damit zufrieden, sie einfach nur zu begutachten. Sie war schön und blies meine letzten Gedanken an Lucillia vollständig weg. Vielleicht zeigte auch der Alkohol seine Wirkung. Ich sollte vielleicht etwas langsamer machen.

Nach einer Weile trafen sich unsere Blicke. Sie lächelte mich an und mein Herz setzte einen Moment aus. Beinahe glaubte ich schon, dass von ihr ein Zauber ausging. Aber es gab keine Zauberei und auch keine Magie. Ihr Charisma war schlicht und ergreifend umwerfend.

Sie sah mich an. Ich sah sie an. Ich wollte nicht blinzeln, aber ich musste. Also blinzelte ich. Und als ich meine Augen wieder öffnete, war sie verschwunden. Meine unausgesprochene Angst, dass sie eine Alkoholeinbildung war, schien sich zu bewahrheiten. Ich spürte die Enttäuschung, die zum Glück durch den Alkohol gehemmt wurde.

„Hallo. Ich hab dich hier noch nicht gesehen“, ertönte eine zarte, helle Stimme neben mir. Erschrocken zuckte ich zusammen und ließ mein Glas fallen. Ich wartete auf das verräterische Klirren, doch es kam nicht. Sie reichte mir grinsend das Glas. Häh? Wieso war mein Glas in ihren Händen? Ich hatte wirklich zu viel getrunken.

Jetzt, da ich sie aus der Nähe begutachten konnte, wurde mir klar, dass sie maximal so alt war wie ich. Sie konnte nicht älter sein. Das sprach nicht unbedingt für dieses Lokal. Doch es sprach für mich, dass sie mich angesprochen hatte und nicht ich sie.

„Wäre auch komisch, wenn du mich hier schon gesehen hättest. Ich bin zum ersten Mal hier“, erwiderte ich ruhig. Sie reichte mir mein Glas und ich nahm es entgegen. Ihre Reflexe waren mir noch ein wenig unheimlich.

Noch immer lächelte sie. Wie oft hatte ich mir schon gewünscht, dass mich eine Frau anlächelt. Als Zeichen dafür, dass ich sie ansprechen durfte. Jetzt, wo sie mir genau das bot, war ich jedoch verunsichert.

„Also ein Neuer. Hast du auch einen Namen?“, wollte sie wissen und ihre blauen Augen musterten mich aufmerksam.

„Äh, ja. Ich bin Daniel. Dany“, stellte ich mich vor. „Sara“, sagte sie ruhig und streckte mir ganz förmlich die Hand entgegen. Irritiert schüttelte ich ihre Hand. Solche Manieren waren nicht unbedingt üblich in unserer Generation.

„Du bist kein Whisky-Trinker. Das sieht man an deinem Gesichtsausdruck beim Trinken. Also stellt sich die Frage: Welche Frau hat dich warum verlassen?“ Himmel. Die war aber direkt. Und sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass das eine gute Masche war, um mit hübschen Frauen ins Gespräch zu kommen.

Ich hatte doch genug schon darüber geredet. Und ich wollte mit ihr das nicht auch noch besprechen.

In dem Moment winkte sie den Keeper, der zuvor mich bedient hatte, zu sich her. Keine Sekunde später war er da. Sie beugte sich über die Theke und flüsterte ihm etwas zu. Und ehe ich mich versah wurden unsere Gläser wieder aufgefüllt.

„Aber am besten, wir reden gar nicht erst darüber. Solche Sachen sollte man schnell hinter sich lassen, bevor sie einen runterziehen.“ Sie hob ihr Glas hoch und wieder traf mich der Blick ihrer blauen Augen. „Auf das Single-Sein!“, prostete sie mir zu und ich stieß mit ihr an. Damit wäre diese Frage auch schon geklärt.

Und ehe ich mich versah, steckten wir mitten in einem Gespräch über Musik und Bands. Über dieses Thema hin gelangen wir zu Verstärkern. Irgendwie landeten wir bei Programmierung. Diese Themen waren weit entfernt von der Thematik Frauen und schlampiges Verhalten. Ob das wohl ein negatives Omen war bei Weibern? Nach Lucy war ich ein wenig traumatisiert.

Ihr Musikgeschmack war eher etwas zu rockig und düster für meinen Geschmack.

Meine Güte, einen Tod musste man sterben.

Die Bar lehrte sich zunehmend, aber mir fiel das kaum auf. Die Zeit verflog wie im Flug und obwohl neben mir eine heiße Braut saß, hatte ich viel eher das Gefühl, dass es Oleg war. Sehr schnell merkte ich, dass sie von mir nichts erwartete. Und das war so unglaublich wohltuend. Ich konnte etwas sagen, was ihr komplett gegen den Strich ging, doch sie versuchte mich nicht von ihrem Standpunkt zu überzeugen. Sie nahm es einfach hin. Es war ok für sie. Ob sie wohl auch so war, wenn man sie schon etwas länger kannte? Ich konnte durchaus ein paar normale Freunde vertragen.

Wir redeten gerade von Autos und sie erzählte mir von ihrem Hang zu BMW, als mitten im Gespräch ihre Stimmung umschlug.

„Oh, nein!“, rief sie auf einmal aus. Ich zuckte zusammen, auch wenn sie keinen Kraftausdruck verwendete. Nachdem ich mich seit vier Stunden anstrengen musste, um ihre leise Stimme durch die laute Rockmusik hindurch wahrzunehmen, war es verstörend, sie ihre Stimme erheben zu hören.

„Was ist?“, erkundigte ich mich sofort. Nach den letzten Erlebnissen hatte ich wirklich die Befürchtung, dass ich sie verstimmt haben könnte. Oder das sie doch zu dem Resultat war, dass ich nicht gut genug für sie war. Nicht einmal, um einen Abend lang mit mir zu reden.

Suchend blickte sie sich im Raum um. Dann wandte sie sich an den Barkeeper. „Hey, Kev. Ist Mike schon weg?“, wollte sie wissen.

Irgendwie war ihre Frage verletzend. Wenigstens wusste ich nun den Namen des Barkeepers. Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Du solltest weniger trinken. Er kam vor zwei Stunden zu dir und hat dir gesagt, dass er geht.“ Sie verzog ihr Gesicht.

„Das ist überaus schlecht. Ich will jetzt nicht zwei Stunden lang nach Hause laufen. Mike ist meine Mitfahrgelegenheit“, jammerte sie ein wenig rum.

„Du kannst bei mir pennen. Ich wohne hier in der Nähe“, sagte ich mehr zum Scherz als ernst gemeint.

Es war undenkbar, dass sie mit jemanden mitging, den sie an solch einem Ort kennenlernte. Dafür war sie viel zu schlau. Und nicht so leichtsinnig und so lebensmüde.

„Das wäre eine wirklich gute Lösung. Meine Eltern bringen mich um, wenn ich jetzt daheim aufkreuze.“ In ihrer Stimme lag Erleichterung und Begeisterung. Ich hatte mich schon wieder geirrt. Irgendetwas stimmte mit diesem Weib nicht.

„Ja, klar. Das ist kein Problem“, bestätigte ich etwas zögerlich meinen Vorschlag. Ehe ich einmal geblinzelt hatte, hatte sie ihre Arme um mich geschlungen und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Vielen Dank. Du rettest mein Leben.“

„Äh. Ja. Gerne“, brachte ich mühsam hervor. Dieses Mädchen raubte mir den Atem. Wie machte sie das so mühelos?

Erst jetzt fiel mein Blick auf die Uhr. Es war später als ich gedacht hatte: Wir hatten kurz vor vier. Und ich konnte noch immer auf beiden Beinen stehen und laufen. Ich war mächtig stolz auf mich.

Unterwegs unterhielten wir uns noch ein wenig. Keinerlei Anstrengungen waren nötig, um das Gespräch aufrecht zu erhalten. Es lief einfach.

Wir kamen bei dem Haus an, in dem sich meine Wohnung befand. Wir liefen die Treppen hoch. Ich schloss die Wohnung auf. Wir traten ein. Ich führte sie in mein Zimmer. Für einen kurzen Moment kamen mir gewisse Gedanken, als wir vor meinem Bett standen, einander anblickten und kein Wort mehr sagten. Das Licht war aus und ihre blauen Augen reflektierten das Licht des Mondes. Dieses Blau...

Ich legte meine Hände um ihre Hüfte und zog sie an mich. Sie ließ es zu. Leider hatte ich meine Kapazitäten überschätzt und als ich ihren Körper, vor allem den Druck durch ihr leichtes Gewicht, an mir spürte, verlor ich den halt und taumelte nach hinten. Wir fielen auf mein Bett.

Einen Augenblick lang ruhten meine Augen noch auf ihr. Doch eigentlich wollte ich nichts von alldem. Der Abend war viel zu schön gewesen, um ihn nun mit Frustsex zu zerstören. Sie könnte wirklich eine Freundin für mich werden. So hoffte ich jedenfalls in meinen nebligen Gedanken.

Ihr Blick wandelte sich auf einmal. Sie lächelte mich süß an, legte sich normal hin, kuschelte sich unter die Decke und streckte ihren Arm so aus, dass ich mich darauf legen konnte. Was ich auch ohne zu zögern tat.

In Seelenruhe schlief ich ein.

4. Eigene Dummheit

M. E. I. N.

K. O. P. F.

!

Ich. Muss. Dringend. Weniger. Trinken.

!!

Das Licht leuchtete viel zu hell in mein Zimmer. Irgendetwas stimmte nicht.

Langsam setzte ich mich auf. Und kaum hatte ich mich aufgesetzt bemühte ich mich darum, gegen eine Wand zu lehnen. Übelkeit überkam mich. Ich schwor, nie wieder in meinem Leben auch nur einen einzigen Whisky anzurühren.

Whisky. Alkohol. Whisky. Bar. Whisky. Rauchen. Whisky. Whisky. Whisky. Bett. Whisky. Arm. Whisky. Whisky. SARA!

Mit einem Mal waren alle Sorgen, jeder Schmerz und auch die Übelkeit wie weggeblasen. Sie war hier gewesen. Ich hatte sie mir nicht eingebildet. Aber jetzt war sie nicht mehr da. Sie lag nicht mehr neben mir. Hatte ich im Schlaf etwas Unanständiges versucht? Hatte ich sie vertrieben?

Ich stand auf und taumelte zur Tür. Noch immer trug ich die Kleidung vom Vortag. Und ich hatte ein wenig das Gefühl, dass ich stank. Was soll’s. Es war ja eh keiner da, den es stören könnte.

Kaum hatte ich die Tür aufgerissen, drang ein sehr angenehmer, vertrauter Duft in meine Nase. Der Duft von gebackenem Teig in der Pfanne. Allein bei dem Gedanken daran, was für gewöhnlich so roch, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Konnte es sein, dass meine Eltern schon wieder zu Hause waren? War ich so betrunken gewesen, dass ich das nicht mitbekommen hatte?

Ich torkelte zur Küche. In meinem Kopf überlegte ich schon, was ich meiner Mutter sagen sollte. Welche Ausreden ich für meinen Zustand verwenden konnte.

Doch ich fand in der Küche nicht meine Mutter vor.

Fassungslos starrte ich Sara an. Mein Mund klappte auf. Sie hatte sich eine Schürze übergezogen, stand am Herd und backte wirklich Blinis für mich. Blinis waren russische, dünne Pfannkuchen. Das beste Frühstück, das es auf der Welt gab!

Ich war unfähig zu sprechen, am Boden versteinert.

Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sie kurz den Kopf über ihre Schulter und lächelte mich an. Ihre Augen waren noch immer so blau wie am Abend zuvor. Wieso fesselten mich ihre Augen bloß so sehr?

„Guten Morgen, Daniel. Ich dachte mir, du könntest ein gutes Frühstück nach gestern Abend gut gebrauchen. So als kleine Revanche, dass ich hier schlafen durfte“, erklärte sie mir fröhlich und ich konnte mich endlich vom Boden losreißen. Dabei stürzte ich fast. Sie hatte es zum Glück nicht gesehen.

Ich ging zum Schrank und holte Teller heraus.

„In der Tat. Blinis sind das ideale Katerfrühstück. Danke schön. Das wäre wirklich nicht notwendig gewesen.“ In dem Moment, in dem ich das sagte, meinte ich es auch. Vor allem, weil ich bis gerade eben noch gedacht hatte, dass sie einfach so weggelaufen war.

Sie war wirklich anders. Und ich hatte mich offensichtlich in ihr geirrt. Mal wieder. Andererseits - so mahnte mich mein Gehirn - war das hier vielleicht eine einmalige Angelegenheit, bei dem sie gut dastehen wollte. Wer wusste schon, ob sie wirklich jeden Tag solch einen guten Charakter an den Tag legte.

Auf einmal fiel es mir wie Schuppen vor den Augen. Etwas, was ich gestern den ganzen Abend über tatsächlich nicht bemerkt hatte. Und das, obwohl ich einen Sensor dafür hatte!

„Nur für’s Protokoll: Sind das Pfannkuchen oder Blinis?“, erkundigte ich mich unschuldig. Sie schaltete den Herd ab, nahm den großen Teller, voll beladen mit Blinis, und stellte ihn auf den Tisch. „Russische Pfannkuchen alias Blinis“, antwortete sie mir zwinkernd und setzte sich auf den anderen freien Stuhl, gegenüber von mir.

„Wo kommst du her? Ich bin aus Kasachstan“, versuchte ich das Gespräch aufrecht zu erhalten. „Moskau“, war ihre knappe Antwort. Vermutlich hatte sie selbst einen größeren Kater als sie zugeben wollte. Dieser Gedanke beruhigte mich ungemein.

Ich hatte nur zwei Jahre in Kasachstan verbracht. Daher fühlte ich auch kaum Verbundenheit zu diesem Land. Ich war hier aufgewachsen. Bei Sara sah es anders aus. Sie hatte immerhin sechs Jahre dort gelebt.

Manchmal vermisste sie ihre Heimat. Aber vor allem vermisste sie ihre Tante, mit der sie sehr viel Zeit in ihrer Kindheit verbracht hatte. Gleichzeitig erzählte sie mir auch von ihrer Angst, zurückzukehren. Wenn es nun nicht mehr so schön war wie früher, dann wäre die Enttäuschung größer als wenn sie immer nur in ihren Erinnerungen lebt. In gewisser Weise hatte sie Recht. Wenigstens hatte sie solche Erinnerungen.

Eine Stunde etwa blieb sie noch bei mir daheim, bis sie sich mit einer Umarmung verabschiedete und ging. Gedankenleer und voller Gefühle schlenderte ich zurück in mein Zimmer und ließ mich auf mein Bett fallen.

So viel war in so kurzer Zeit passiert. Dinge, die ich mir gewünscht hatte. Und Dinge, die ich sicher nicht erwartet hatte. Und die Anzahl der Abenteuer schien nicht abnehmen zu wollen. Meine Eltern sollten in nur wenigen Stunden nach Hause kommen. Was hatte ich mir eigentlich bei alldem gedacht? Hatte ich überhaupt über irgendetwas in den letzten Tagen nachgedacht?

Das Schöne an Sara war, dass sie die Küche hinter sich aufgeräumt hatte. Die Wohnung war noch von meiner Putzaktion sauber. Ich hatte also nichts Wichtiges zu tun. Eine Weile lang blieb ich noch einfach auf meinem Bett liegen und starrte an die Decke. Doch nach und nach wurde mir klar, dass ich vielleicht einkaufen und für meine Eltern etwas kochen könnte.

Ja, die Idee gefiel mir. Ich kochte sehr gerne. Aber meine Mutter und Schwester ließen mich diese angebliche Frauenarbeit machen. Aber wehe, man sagte ihnen, dass es Frauenarbeit war.

Im Laden konnte ich mich erst einmal nicht entscheiden. Das lag daran, dass ich nicht wusste, was ich kochen sollte. Ich hatte keine Lust auf ein typisch russisches Gericht. Ich wollte irgendetwas zubereiten, was meine Mutter nicht konnte. Etwas Ausgefallenes. Etwas Besonderes.

Letztendlich entschied ich mich für Ente, gefüllt mit Reis. Ich kaufte alles dafür Notwendige und machte mich auf den Weg nach Hause. Gut. Ente war jetzt nicht wirklich was Ausgefallenes. Meine Schwester bereitete sie einmal im Jahr zu.

Ich beeilte mich. Die Ente würde eine Weile brauchen. Und wenn ich schon kochte, dann sollte alles rechtzeitig fertig sein.

Ich wurde tatsächlich rechtzeitig fertig. Nur die Reaktion meiner Eltern war etwas anders als ich mir erhofft hatte.

Meine Mutter war vollkommen am Ende. Der erste logische Gedanke war, dass ihr Bruder gestorben ist. Oder was ähnlich Schlimmes passiert ist. Wie ich im Laufe des Abends von den anderen erfuhr ist was viel, viel Schlimmeres passiert.

Sie wollte sich an ihre Jugend erinnern und hatte ein sehr großes Stück Bauchspeck, geräuchert nach russischer Art, gekauft. Und das Stück war nicht günstig gewesen. Und wer hätte es gedacht: sie durfte es nicht über die Grenze mitnehmen. Die Kontrolle am Flughafen hat beim Scan ihrer Handtasche dieses Stück entdeckt und sie musste es auspacken. Und es wurde einfach so in den Müll geworfen. Vor ihren Augen. Ihr Herz blutete noch immer davon. Es ist ja nicht so, dass es unbekannt war, dass man Fleisch und andere Lebensmittel nicht über die Grenze transportieren durfte. Nein. So war es wirklich nicht. Und es war ja auch nicht so, dass sie sich vor dem Urlaub darüber aufgeregt hätten. Nie im Leben.

Ich ließ das Ganze unkommentiert. Ich hatte einfach nichts dazu zu sagen.

Eigene Dummheit.

Doch auch die Trauer verflog mit der Zeit. In diesem Fall dauerte diese unglaubliche Trauer zwei Stunden. Ich ignorierte all das, deckte den Tisch, bereitete noch einige Salate zu und backte einen Kuchen. Einfach nur um all das nicht mitzubekommen. Ich vermisste die Ruhe, die ich in letzter Zeit gehabt hatte.

Die Trauer endete damit, dass meine Schwester Hunger bekam und sich erkundigte, ob es denn nicht noch irgendetwas zum Essen gäbe.

„Ich habe Ente zubereitet“, beantwortete ich ihre Frage, die eigentlich an meine Mutter gerichtet war. Es ist ja nicht so als wäre ich die letzte Zeit alleine zu Hause gewesen. Undenkbar. Wie hatte ich nur überlebt?

„Leute, hört mal her. Daniel hat Essen gekocht!“, rief sie durch den Raum und schlagartig wurde es still. Alle drehten sich zu mir um und starrte mich an als hätte gerade verkündet, dass ich meine nicht vorhandene Freundin - oder noch besser: eine Unbekannte - geschwängert hätte.

Zunächst traute sich keiner etwas zu sagen. Doch dann begann Vitalij, mein älterer Bruder, zu kichern. „Ernsthaft? Dany, du hast gekocht?“, wollte er lachend wissen. Und ich fühlte in diesem Augenblick nichts außer Reue über die Tatsache, dass ich gekocht hatte.

„In der Tat“, antwortete ich ruhig. Ich stand auf, holte die Ente aus dem Offen und stellte sie auf den Tisch. Ich organisierte eine Küchenschere und begann die Ente zu schneiden.