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ER HAT IHR DIE FREIHEIT GENOMMEN! TROTZDEM IST ER IHRE EINZIGE HOFFNUNG!In Sofias Leben ist schon seit einiger Zeit nicht mehr alles so normal, wie es einmal war. Als sie und ihr Freund Timo plötzlich auch noch von unerträglichen Schmerzen heimgesucht werden und ihre Körper sich auf beängstigend mysteriöse Weise verändern, droht Sofia, endgültig den Verstand zu verlieren. Doch woher soll sie auch wissen, dass Tausende Kilometer entfernt, in schwindelerregender Höhe, ein ganzes Königreich auf sie hofft? Endova! Plötzlich weiß sie nicht mehr, wer Feind, wer Freund und wer etwas völlig anderes für sie ist.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Endova
Ein Roman von
Lara Elisabeth Lützen
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Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2021.
Lektorat + Herstellung: CAT creativ - www.cat-creativ.at
Titelbild: © Atelier Sommerland (Elfe), © provectors (Grafikelemente) - Adobe Stock lizienziert
ISBN: 978-3-96074-513-6 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-514-3 - E-Book
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Prolog
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Buchtipp
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Für alle,
die an Magie glauben,
auch wenn man sie nicht sofort bemerkt oder gar sieht.
Nur wenn du fest an das Magische in jeder Pflanze,
in jedem Menschen, jedem Tier und jedem Gegenstand glaubst,
wird sie sich dir zeigen und offenbaren, wer sie wirklich ist.
*
Gedanke
Nun ist es passiert.
Ich bin anders.
Meine Gefühle, mein Aussehen.
Alles ist neu.
Bedeutet das etwas Gutes oder sollte ich mich in acht nehmen?
Vor nichts bin ich sicher, dessen muss ich mir bewusst sein.
*
Montag früh
Oh Gott! Ich habe einen Brummschädel, richtig festes, dummes Kopfweh. Das weiß ich, aber spüren tue ich nichts. Ich habe keinerlei Schmerzen oder Ähnliches. Keine Ahnung, wie sich so ein Schmerz anfühlt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich so etwas schon mal gespürt habe. Aber Kopfweh, das habe ich trotzdem, ich weiß es einfach. Außerdem muss ich heute in die Schule und es ist Montag, das bedeutet, ich muss noch die ganze Woche durchhalten.
Der Einzige, der mich jetzt noch aufheitern kann, ist Timo, mein Freund. Es fühlt sich komisch an, das zu sagen, da ich noch nie zuvor einen Freund hatte und noch ein wenig unwissend auf diesem Gebiet bin.
Sofia: Hey, kann ich heute Abend zu dir kommen? Wir könnten uns einen Film anschauen?
Obwohl, hilft Film schauen gegen Kopfweh? Nicht wirklich. Egal, ich gehe jetzt einfach in die Schule und versuche, irgendwie zu überleben. Mal schauen, ob ich das schaffe.
Langsam stehe ich auf und schlurfe schlaftrunken ins Badezimmer. Unser Badezimmer ist nicht sehr groß und wir teilen es uns zu fünft. Man kann kaum länger als fünf Minuten alleine sein, ohne gestört zu werden. Ich putze mir die Zähne und wasche mich ausgiebig. Ich liebe es, mir am Morgen eiskaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen.
Danach gehe ich die Treppe runter und hole mir eine Banane, Milch und Cornflakes. Aus diesen drei Zutaten mache ich mir ein einmaliges Frühstück (ironisch gemeint). Vielleicht denkt ihr jetzt: „Wow, wie lecker, ich esse jeden Morgen nur ein Butterbrot.“ Aber mal ehrlich: Eigentlich ist es total egal, was ich esse, nichts schmeckt sonderlich gut und ich kriege das Essen nur schwer hinunter. Am liebsten würde ich gar nichts essen, aber meine Mutter sagt, ich solle mich nicht so anstellen. Frühstück sei schließlich die wichtigste Mahlzeit des Tages. In ihrem Job als Ernährungsberaterin muss sie es immer besser wissen. Also gehorche ich. Warum sollte ich auch widersprechen?
Nachdem ich den letzten Bissen endlich hinuntergeschluckt habe, sprinte ich schnell nach oben und ziehe mich an. Jetzt nur noch den Rucksack auf und ab in die Schule.
Draußen angekommen, schnappe ich mir mein Rad und fahre los. Mein Schulweg dauert so circa 40 Minuten. Ja, ich weiß, das ist unheimlich lang, aber in diesem Kaff, in dem ich lebe, fährt kein Bus oder Zug.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass in einer Woche Sommerferien sind? Trotzdem machen die Lehrer noch vollen Schulstoff und es ist richtig anstrengend.
Aber danach, nach dieser Woche, nach diesem Horror, dann gehts für mich ab nach Spanien. Meine Vorfreude ist auf 120 Prozent. Das erste Mal mache ich Ferien ohne meine Familie. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Familie und ich verbringe auch gerne Zeit mit ihr, aber es fühlt sich schon cool an, mal selbstständig zu sein. Zusammen mit meiner besten Freundin Polly, ihrem Freund Tobias und Timo wird das bestimmt eine tolle Zeit.
Nun bin ich an der Schule angekommen und lehne mein Rad neben das Tor. Einen weiteren Schultag gilt es, zu überstehen.
*
Donnerstag
Heute ist der zweitletzte Schultag. Ich stehe gerade auf unserem riesigen Schulhof und wir haben Pause. Lustlos beiße ich in mein Sandwich, das mir meine Mutter vorsorglich in das rosa Lillifee-Böxchen meiner kleinen Schwestern gepackt hat. Klasse, ich bin doch kein Baby mehr. Obwohl ich Lillie ziemlich süß finde.
Gleich habe ich Bio. Irgendwie freue ich mich darauf.
Ich höre die Glocke und ströme mit tausend anderen Schülern ins Gebäude. Im letzten Jahr kommen mir die so klein vor. Als ich in ihrem Alter war, habe ich geglaubt, ich wäre schon richtig groß und erwachsen. Oh Gott, ich klinge wie meine eigene Mutter. Dabei bin ich erst siebzehn.
Angekommen im Klassenzimmer, sehe ich Herrn Schrackmann. Der hat mir gerade noch gefehlt. Mit seiner Glatze, dem viel zu engen Hemd und dem Bierbauch ist er echt ein grässlicher Anblick. Er tritt vor seinen Tisch und sagt: „Hallo, meine lieben Schüler und Schülerinnen, ich freue mich, dass ihr alle hier in diesem wunder-, wunder-, wunderschönen Klassenzimmer sitzt und wir jetzt mit der Biologiestunde beginnen können. Ihr fragt euch sicherlich, warum Frau Blume nicht erschienen ist. Sie ist krank und ich bin für die letzten zwei Tage ihre Stellvertretung. Ich vertrete sie außerdem in allen anderen Fächern, die sie normalerweise unterrichtet. Hoffentlich werden wir ganz viel Spaß miteinander haben. Beziehungsweise ich bin mir sicher, dass wir den haben werden. Nun beginnen wir. Nehmt alle eure Hefte raus, wir schreiben jetzt einen Text ab.“
Habt ihr das gehört? Der Horror auf Erden ist eingetreten. Herr Schrackmann ist mit Abstand der schlimmste und komischste Lehrer, den ihr je gesehen habt. Mit seinem Geschleime geht er mir auf die Nerven. Angeblich hat er sogar was mit unserer Direktorin, was ich fast nicht glauben kann, da sie die Sonne auf Erden ist. Und die beste Direktorin der Welt. Ich meine, stellt euch den mal beim Flirten vor. Da krieg ich das Kotzen.
Frau Blume ist unsere Klassenlehrerin und sehr nett. Polly neben mir verzieht auch unmotiviert das Gesicht. Aber da kann man wohl nichts machen, gemeinsam beginnen wir mit der Arbeit.
Abends
Jetzt habe ich auch diesen Donnerstag überstanden. Fragt mich nicht, wie ich das hingekriegt habe. Zu Hause schmeiße ich mich erst mal aufs Bett. Um 17:00 Uhr bin ich noch mit Timo verabredet. Jedes Mal stellt sich die Frage, was ich anziehen soll. Schwarz, weiß, rot, Rock, Hose oder doch lieber eine Jeans? Wenn ich am Morgen aufstehe, verschwende ich keinen unnötigen Gedanken an mein Outfit und greife mir einfach das erstbeste aus meinem Schrank. Für wen sollte ich mich auch fertig machen? Timo geht nicht mehr zur Schule. Bevor ich einen Freund hatte, habe ich nie verstanden, wie man sich extra für jemanden Mühe geben kann. Nun verstehe ich es, obwohl ich mich selbst dafür hasse. Man sollte mich in Schlabbershirt und Jogginghose akzeptieren. Aber heutzutage wird vieles oberflächlich betrachtet, was sehr schade ist. Außerdem muss die Kleiderwahl auch mit der Wetterstimmung harmonieren. Wie sind die Vögel heute gestimmt? Würden sie eher ein Kleid oder einfach eine Jeans und T-Shirt wählen? Haben sie gute Laune? Am Ende entscheide ich mich für ein rotes Shirt mit Shorts. Ich meine, wir treffen uns nur zum Eisessen.
Pünktlich um 16:55 Uhr stehe ich vor der Eisdiele Milano. Eigentlich bin ich immer die, die zu spät kommt, aber diesmal hat Timo Verspätung.
Bei Milano hat jede Sorte einen speziellen Geschmack (den ich nicht schmecke) und meine Lieblinge sind (nehme ich einfach immer) Karamell und Mango. Obwohl Erdbeere auch ganz gut schmeckt (sagt Timo).
Langsam werde ich ungeduldig und wippe aufgeregt mit meinen Füssen. Ich schaue auf mein Handy, um mich abzulenken. Da kommt Timo um die Ecke. Ich kriege heute noch Herzflattern und Schmetterlinge im Bauch, wenn ich ihn sehe (obwohl wir jetzt schon 8 Monate zusammen sind.) Apropos Schmetterlinge – die müssen sich doch ganz schön langweiligen und einzwängen da unten in meinem Bauch. Gefällt ihnen das? Sicherlich tragen sie nicht ihre Lieblingskleider, denn das würde ja gute Stimmung bedeuten.
Timo ist ein Jahr älter als ich, aber wir waren mal in derselben Kindergartengruppe. Wir haben uns dann allerdings aus den Augen verloren und sind uns letztes Jahr im November wieder begegnet. Er ist ungefähr einen Kopf größer als ich, hat braune Haare und die tollsten Augen der Welt. Sie sind blau wie ein Ozean und man kann sich in ihren verlieren.
Wenn ich ihn in drei Wörtern beschreiben sollte, dann wären diese: süß, hilfsbereit, verständnisvoll. Ich weiß nicht, was ich ohne ihn machen würde. Natürlich kann ich mit ihm nicht über alles reden, ich meine, so manche Mädchenthemen muss ich einfach mit Polly besprechen, aber er ist wundervoll.
Jetzt steht er vor mir, er umarmt mich und wir küssen uns. Wenn ich ihn küsse, fühle ich mich unbeschreiblich.
Wir gehen händchenhaltend zum Eisdielenverkäufer, er nimmt Karamell, ich Mango. Natürlich im Becher, wer nimmt heutzutage schon noch eine Waffel? (Außerdem ist es viel besser, den Becher zu nehmen, da ich sonst nur die Waffel runterwürgen müsste, das Eis rutscht wenigstens schön.) Nur Spaß! Nehmt natürlich eine Waffel, wenn ihr sie wollt.
Timo und ich passen einfach gut zusammen. Was uns auch noch verbindet, sind das Zeichnen und der Sport, wir sind beide im gleichen Schwimmteam und er malt genauso gerne wie ich. Wir beschließen, uns nicht an einem kleinen Tisch vor die Eisdiele zu setzen, sondern ein wenig durchs Dorf zu schlendern. Immer mal wieder stibitzen wir uns aus dem anderen Eisbecher einen kleinen Löffel (am meisten er von mir, ich meine, warum sollte ich mir noch weiteres Essen antun?).
Wir trennen uns schweren Herzens voneinander. Nach dem Abschied winkt er mir noch mal zu und lacht so, dass seine weißen Zähne blitzen. Oh, meine Knie werden weich.
Zuhause angekommen, sitze ich, wie immer nach einem unserer Treffen, auf dem Bett und denke erst mal 20 Minuten darüber nach, wie schön alles ist. Wie so oft in meinem Leben bin ich in meiner eigenen kleinen und geheimen Traumwelt gefangen. Ich werde dann entweder durch mich selbst, durch das Gekreische meiner zwei kleinen Schwestern oder durch meine Mutter, die die Zimmertür aufmacht und sagt, ich müsse mal aufräumen, aus den Gedanken wieder in die Realität zurückgeholt.
Samstag
Endlich Ferien! Und das bedeutet: Spaß, Freiheit, kein Schulstress, kein Herr Schrackmann und alles, was super ist.
Am Mittwoch geht es los nach Spanien. Bis dahin kann ich chillen, Fernseh schauen und packen. Eigentlich liebe ich es zu packen, eine Reise zu planen und mich auf all das zu freuen, was kommen wird. Doch ich habe schreckliche Angst vor dem Flug. Ich bin noch nie geflogen und nachdem ich Tausende Zeitungsartikel mit Berichten von Flugzeugabstürzen gelesen habe, ist meine Angst bis zum maximalen Punkt gestiegen. (Das war nicht das Schlauste.)
Sonntag
Das Packen haben Polly und ich erledigt. Dabei haben wir beide fünf Cupcakes verspeist (bis uns schlecht wurde) und uns kringelig gelacht. Mehr gibt es heute nicht zu berichten.
*
Montag
Gerade habe ich mich noch am Strand in der Dominikanischen Republik gesonnt und im nächsten Moment weckt mich ein lautes brummendes Geräusch. Die Sonne ist noch nicht mal richtig aufgegangen. Eigentlich bin ich die totale Nachteule und komme morgens fast nicht aus dem Bett. Verwundert blicke ich aus dem Fenster und sehe einen Bagger auf unserer Straße stehen. Auf unserem Nachbargrundstück steht lediglich ein altes und vermodertes Haus, umgeben von einem verwucherten Garten. So wie es scheint, soll es abgerissen werden. Kriegen wir dann vielleicht Nachbarn?
Als könnte meine graue Perserkatze Emily Gedanken lesen, hüpft sie auf mein Bett und streicht ihren weichen Kopf sanft an meine Wange. Ich streichle sie behutsam und sie beginnt augenblicklich, zu schnurren. Wie ein kleiner Rasenmäher.
Nach einiger Kuschelzeit muss ich aber auch mal aufstehen. Ich kann ja nicht den ganzen Tag im Bett verbringen. Also, was könnte ich heute unternehmen? Gepackt habe ich schließlich schon, für die Reise bin ich also vorbereitet. Am besten schnappe ich mir mein Lieblingsbuch und lege mich damit und mit einem meiner heiß geliebten Smoothies in die Hängematte unter unserer Eiche. Doch mein Plan wird schon wenige Minuten später durchkreuzt.
Meine Mutter ruft hoch: „Schätzchen, wir gehen heute an den See. Mach dich fertig, es geht gleich los. Wir warten schon auf dich.“
„Okay, bin gleich da.“ Schnell schnappe ich mir meine Tasche und werfe meinen Badeanzug, ein Handtuch und meine Haarbürste hinein. Dann renne ich in die Küche und fülle meine Trinkflasche voll mit Wasser. Normalerweise stressen und nerven mich solche Familienausflüge ziemlich. Meine zwei kleinen Schwestern sind manchmal (oder meistens) unausstehlich. Aber da ich heute sowieso nichts anderes vorhabe, stört es mich wenig.
Am See setze ich mich auf die rot gepunktete Picknickdecke, die Mama freundlicherweise für mich ausgebreitet hat. Nach einigen Minuten bereue ich es schon, dass ich kein Buch eingepackt habe. Das wird ein langweiliger Tag … Da winkt Papa mir mit einer kleinen Pumpe vom Ufer des kleinen Sees aus zu, neben ihm liegt ein riesen Plastikteil, das mal ein Schlauchboot werden soll. Ich gehe zu ihm und helfe, so gut es eben geht. Ist ganz schön anstrengend, das kann ich euch sagen. Als wir das Aufpumpen geschafft haben, hüpfen meine zwei Schwestern Lisa und Susi mit ins Boot. Papa holt noch schnell die Schwimmwesten für die beiden. Sie sind nun erst vier Jahre alt und niemand außer Mama, Papa und mir kann sie auseinanderhalten. Wir drehen ein paar Runden am Seeufer entlang. Dann landen wir wieder an und stürzen uns auf die Sandwiches, die Mama bereithält. Der Tag verläuft nicht weiter aufregend. Wir reden, entspannen und lassen den kleinen Drachen steigen, den Susi von Oma bekommen hat.
Später zu Hause kümmere ich mich ums Abendessen. Ich tische eine meiner Spezialitäten auf: Lasagne a la Sofia. Danach verkrieche ich mich relativ schnell in mein Zimmer. Als ich schließlich einschlafen will, merke ich, dass mein Rücken Schmerzen bereitet. Wahrscheinlich ein Muskelkater (obwohl ich das noch nie hatte). Trotzdem kann ich recht schnell einschlafen.
Nacht auf Dienstag
Mitten in der Nacht schrecke ich auf. Mein Rücken schmerzt höllisch. Ich habe Schmerzen und diesmal weiß ich es nicht nur, sondern spüre es auch! Nie konnte ich mir vorstellen, wie sich der Begriff Schmerz anfühlt. Doch nun weiß ich es haargenau. Es ist fast nicht zum Aushalten. Was ist nur los mit mir? Ich rapple mich auf und laufe, so gut es geht, humpelnd in die Küche, um mir ein Glas Wasser einzuschenken. Das wirkt ja bekanntlich Wunder. Nur dieses Mal nicht. Ich humple wieder hoch in mein Zimmer und stelle mir eine beruhigende CD an. Irgendwann falle ich in einen unruhigen Schlaf.
Es ist neun Uhr morgens und ich bin soeben erwacht. Als ich aus dem Fenster blicke, sehe ich, dass das Nachbarhaus schon geschrumpft ist. Ich versuche, mich aufzusetzen, doch mein Rücken denkt gar nicht daran und die höllischen Schmerzen bringen mich dazu, einen kleinen Schrei auszustoßen. Was ist nur los mit mir? Es sind fast keine Schmerzen mehr, es ist eher, ich weiß nicht, wie man es beschreiben könnte, ein Brennen, Stechen, Ziehen, keine Ahnung. Also aufstehen kann ich schon mal nicht, na toll.
Meine Mutter klopft an und tritt dann ein. „Warum hast du ebenso geschrien?“
„Hab Muskelkater“, erwidere ich mit zusammengebissenen Zähnen.
Meine Mutter schaut mich zweifelnd an. „Na, das muss ja ein schlimmer Muskelkater sein. Soll ich dir was bringen?“
„Einen Tee vielleicht?“
„Mach ich. Bin sofort wieder da.“
Warum habe ich bei dieser verdammten Hitze Lust auf Tee? Nachdem der Tee angekommen ist, motiviere ich mich, ruhig zu atmen und auf dem Rücken ausgestreckt liegen zu bleiben. Es hilft nichts. Nach einer Weile mit unerträglichen Schmerzen schreibe ich Timo.
Sofia: Hey, hab höllische Rückenschmerzen. Hoffe, die sind weg, bis wir nach Spanien fliegen. Wahrscheinlich ein harmloser Muskelkater. Wie gehts dir? Miss u. xx Sofia.
Eine Ewigkeit später (genauer gesagt zwei Minuten später) bingt mein Handy.
Timo: Hi, mir gehts auch nicht blendend. Liege mit Rückenschmerzen im Bett und schaue irgendwelche unnötigen Fernsehshows. Gute Besserung.
Sofia: Hast du dich gestern überarbeitet?
Timo: Ehrlich gesagt nicht wirklich. Hab mit meiner Mutter telefoniert, was gegessen und Bücher verschlungen.
Langsam frage ich mich, ob auf uns beiden ein Fluch liegt. Was stimmt nicht? Am besten, ich mach mir jetzt keine Gedanken mehr und versuche, noch ein bisschen zu dösen, immerhin sind beim Schlafen die Schmerzen erträglich. Bis morgen muss ich wieder fit sein. Dann gehts nach España.
Als ich um die Mittagszeit wieder aufwache, fühlt sich mein Rücken brandheiß an. Meine Hand wandert zu meinem Handy.
Sofia: Fühlt sich dein Rücken auch heiß an?
Timo: Ja … creepy.
Sofia: Was geht hier vor sich?
Timo: Gute Frage …
Ich überwinde mich, aufzustehen und zu meinem Schrank zu laufen, damit ich mir etwas Richtiges anziehen kann, dann plane ich gleich, in die Badewanne zu hüpfen. Irgendwie habe ich überhaupt keinen Hunger.
Ich suche mir ein schlichtes Sommerkleid raus und gehe damit ins Bad. Habe ich schon erwähnt, dass jede Bewegung schmerzt und brennt? Ich hole mir ein Handtuch aus dem Regal und lasse mir kaltes Wasser ein. Normalerweise bin ich ein richtiger Warmduscher und Warmbader. Warmbader? Gibt’s das Wort überhaupt?
Meine Mutter kommt ins Badezimmer und mir ist das Ganze ein bisschen peinlich. Sie fragt, wie es mir geht und ich sag einfach, dass ich müde bin und jetzt in die Badewanne gehe. Sie findet das okay und steckt ihre Hand ins Wasser. Sie sagt: „Brrrr, Sofia, das ist aber kalt!“
„Ja, mir ist ziemlich heiß“, antworte ich beklommen.
Meine Mama schüttelt den Kopf und verschwindet wieder. Ich strecke meinen Fuß aus und tunke meinen Zeh in das eiskalte Badewasser, das mir komischerweise gar nicht kalt erscheint. Ich setze mich hinein und gieße einen Badeschaum ins Wasser. Nach zwei Stunden ist meine Haut ganz aufgeweicht, ich steige aus der Wanne, trockne mich ab und wickle meine Haare zu einem Turban. Danach creme ich mein Gesicht mit Feuchtigkeitscreme ein und trage etwas Pflegelippenstift auf. Die Haare nehme ich jetzt wieder aus dem Handtuch und flechte sie zu einem wirren Zopf. Ich beschließe, da ich ja Zeit habe, auch noch meinen ganzen Körper einzucremen. Als ich beim Rücken angelangt bin, drehe ich mich so, dass ich ihn sehe. Doch was erblicke ich da im Spiegel? Ich bin so erschrocken, dass ich mich erst mal auf den Badewannenrand setzen muss. Auf meinem Rücken … Ich muss mir das noch mal anschauen. Vorsichtig drehe ich mich nochmals mit dem Rücken zum Spiegel. Und was ich da sehe ist furchterregend und gruselig. Am oberen Rücken zwischen den Schulterblättern, über die Schulterblätterränder hinaus, breitet sich eine grüne Schleimschicht aus. Sie blubbert und wächst. Zuerst denke ich, da ist sicher noch ein wenig Schaum oder so an meinem Rücken, obwohl der Schaum eigentlich rot war?! Ich schnappe mir mein Handtuch und rubbele und rubbele, aber es geht nicht weg. Was ist hier los? Schnell ziehe ich meinen Bademantel an und renne in mein Zimmer. Ich habe solche Angst! Was soll ich nun unternehmen? Meinen Eltern kann ich es auf jeden Fall nicht zeigen. Wem dann? Polly? Nein, die erklärt mich ja für verrückt. Dann halt Timo, sicher versteht er mich am ehesten. Puuh, also zieh ich das jetzt durch.
Sofia: Hey Schatz, gerade war ich in der Badewanne und als ich mich abgetrocknet habe, habe ich bemerkt, dass auf meinem oberen Rücken eine grüne Schleimschicht wächst, und ich kriege sie nicht abgerubbelt. Schau bitte schnell auf deinen Rücken und sag mir, dass es bei dir nicht genauso aussieht. Schreib schnell zurück! Was ist los? Ich mach mir Sorgen. xx Sofia
Keine drei Minuten, da kommt diese Nachricht zurück:
Timo: Oh nein, Sofia. Um mich von den Rückenschmerzen abzulenken, habe ich bis gerade noch gegamt. Nach deiner Nachricht habe ich nachgeschaut. Und zu meinem großen Erstaunen muss sich dir mitteilen, dass sich eine blaue Schleimschicht auf meinem Rücken ausbreitet. Wir müssen uns treffen. Wann hast du Zeit? Dein Timo.
Jetzt ist es mir egal, ob mein Rücken brennt und sticht. Ich schlüpfe schnell in eine Jeans und ein T-Shirt. Ganz kleine Frage am Rande: Ist euch aufgefallen, wie komisch er sich ausdrückt? Wie ein Professor Doktor Doktor …
Sofia: In fünf Minuten bin ich bei dir.
Ich schwinge mich aufs Rad und fahre los. Angekommen schauen wir gegenseitig unsere Rücken an und setzen uns erschöpft auf zwei Küchenstühle. Gemeinsam überlegen wir, was wir gegen diese komische Schicht unternehmen könnten. Abrubbeln funktioniert ja nicht. Wir probieren es mit Wasser, mit kaltem und mit heißem Wasser, beides hilft nicht. Wir googlen es, aber natürlich kann Google uns in dieser Situation nicht weiterhelfen. Mittlerweile ist es schon spät und ich muss langsam nach Hause. Aber morgen geht der Flug – was sollen wir machen? Wir beide stehen ratlos da. Wenigstens bin ich nicht die Einzige, die das Problem hat. Versteht mich nicht falsch, natürlich wünsche ich Timo nicht so etwas, aber ... ach ja, ihr wisst schon.
Schließlich beschließen wir, dass wir uns beide einen Wecker auf 2:00 Uhr nachts stellen und uns dann eine SMS schreiben, ob das Problem weggegangen ist.
Um 1:58 Uhr klingelt mein Wecker. Ich schrecke auf. Beinahe traue ich mich nicht, mein Pyjama Oberteil auszuziehen. Aber ich muss nun mal. Ich knipse meine Nachttischlampe an und schaue mir langsam meinen Rücken an. Ich sehe jetzt zwar keine Schleimschicht mehr, aber nicht gerade etwas Beruhigenderes: Zwischen meinen Schulterblättern sind zwei senkrechte Schnitte – oder was es auch immer ist – in meiner Haut drinnen. Aber es kommt kein Blut raus und auf meinem Pyjama sind auch keine Flecken. Schnell schreibe ich Timo, was ich entdeckt habe.
Sofia: Bitte komm! Ich lasse dir die Strickleiter runter. In meinem Fenster brennt Licht.
Timo: Klar komme ich. Verhalte dich ruhig, bis gleich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit prasselt ein Kiesel gegen die Außenseiten meines Fensters. Rasch öffne ich es und lasse die Leiter nach unten. Timo klettert mit geschickten Griffen hinauf. Er hat noch seine Pyjamahose und einen großen Pullover an. Eine Minute stehen wir schweigend da. Dann zeigt er mir seine Schnitte. Langsam fahre ich mit meinem Zeigefinger darüber.
Er stößt einen Seufzer aus und sagt ganz zu meinem Erstaunen: „Du hast Zauberhände oder was machst du da? Die Schmerzen sind wie weggefegt.“ Rein aus meinem Gefühl presse ich nun meine gesamte Handfläche auf die Risse. Da kitzelt plötzlich etwas. Ich hebe meine Hände und sehe zwei feine Spitzen aus den Schnitten ragen. Schnell drücke ich meine Hände wieder auf seinen Rücken. Der blau schimmernde Stoff (keine Ahnung, was das ist) kommt immer weiter hinaus.
Timo fragt: „Was machst du da Sofia? Warum schweigst du?“
„Ttttiiiimo, aus deinem Rücken wachsen Flügel oder wie man das nennen kann!“ Ich bin selber so erschrocken über meine Worte und die Feststellung, dass dieser Stoff genau meiner Vorstellung von Flügeln entspricht.
„Sofia, bitte sag jetzt nicht, dass das wahr ist?!“
„Leider doch.“ Mir schießen viele Gedanken durch den Kopf und mir wird schwindelig. Ein Gedanke wiederholt sich immer wieder: „Habe ich das auch? Wächst bei mir auch etwas aus den Rissen?“ Schnell bitte ich Timo, nachzusehen.
Er legt seine Finger auf meinen oberen Rücken. Plötzlich verspüre auch ich keinen Schmerz mehr. Er drückt die Handflächen fest auf meine nackte Haut. „Sofia, bei dir kommt ein grün schimmernder Stoff heraus. Ich habe keine Ahnung, was das ist. Glaubst du, es wird wieder weggehen? Wir fliegen doch heute nach Spanien! Was sollen wir unternehmen?“
Ehrlich gesagt, habe ich auch gar keinen Plan! Was soll ich jetzt antworten, damit ich nicht so verzweifelt wirke? „Timo, ich weiß, das klingt dumm, aber versuche, dich zu beruhigen. Zum Glück sind wir nicht allein mit unserem Problem. Denken wir mal scharf nach. Uns fällt schon noch eine Lösung ein. Hast du eine Idee?“
Wir beide setzen uns auf mein Bett und sind in Gedanken versunken. Da kommt plötzlich Susi ins Zimmer gestürmt. Als sie Timo sieht, erschrickt sie und rennt schreiend aus dem Zimmer. Meine ersten Gedanken sind: „Oh nein, was denkt die Kleine sich jetzt bloß? Sie weckt mit ihrem Gekreische sicher Mama und Papa auf!“ Hilfe suchend blicke ich zu Timo, der natürlich mal wieder die Ruhe in Person ist. Mit geschmeidigen Schritten läuft er Susi hinterher. Ich stehe ebenfalls auf und laufe hektisch los.
Wie erwartet, steht Susi vor der Zimmertür meiner Eltern. Gerade kann Timo sie noch zurückhalten, an die Tür zu klopfen. Puh, Glück gehabt. Er nimmt sie auf den Arm und trägt sie liebevoll in ihr Bettchen zurück. Dabei schläft sie auch schon wieder ein. Morgen wird sie alles vergessen haben. Die ganze Zeit denke ich nur, wie liebevoll mein Freund doch ist. Wir schließen leise die Zimmertür, nachdem ich Susi noch mal übers Köpfchen gestreichelt und ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt habe. Obwohl Susi und Lisa manchmal nerven, sind sie wirklich supernette, süße und großartige Schwestern. Ich würde sie auf keinen Fall eintauschen wollen.
Timo und ich laufen zurück in mein Zimmer. Auf dem Weg finden sich unsere Hände wie von selbst. Ich bin so froh, ihn zu haben. Da flüstert er: „Ich bin so froh, dich zu haben!“
„Gerade habe ich genau dasselbe gedacht und es stimmt total!“
Wir entscheiden uns, noch kurz eine halbe Stunde Verschnaufpause einzulegen, schließlich sind wir hundemüde und überfordert von der ganzen Situation. Gemeinsam kuscheln wir uns unter meine hellblaue Decke und halten Händchen. Schnell bin ich eingeschlafen. Ich merke noch, wie Timo meinen Wecker auf 3 Uhr stellt.
Um exakt 3 Uhr höre ich das Geräusch von leisem Vogelgezwitscher (mein Klingelton). Neben mir setzt sich auch Timo auf. Langsam findet er die Sprache wieder: „Hey, gut geschlafen, meine Süße?“
Ich schmelze immer förmlich dahin, wenn er mich so nennt. „Ja, und selbst?“
„Auch. Aber lassen wir den Small Talk.“ Damit trifft er es mal wieder auf den Punkt.
„Wo waren wir stehen geblieben, bis Susi in mein Zimmer gestürzt ist?“, frage ich.
„Wir wollten uns einen Plan einfallen lassen bezüglich Spanien und dieser komischen Schleim-Riss-Sache.“
„Genau … aber leider ist mir bis jetzt noch nicht die richtige Idee gekommen.“
„Ich weiß, Sofia, das ist jetzt nicht besonders originell, aber: Sagen wir unseren Eltern, dass die ganze Sache abgeblasen wurde, und Polly und Tobias sagen wir, dass unsere Eltern uns die Reise kurzfristig verboten hätten. Damit gewinnen wir Zeit.“
Ist das der Plan, den wir bis jetzt gesucht haben? Nicht wirklich. Ich bin es gar nicht gewohnt, mich mit Timo so ernst zu unterhalten. „Mir fällt im Moment leider auch nichts Besseres ein. Machen wir es so. Obwohl es riskant ist.“
„Okay, abgemacht. Wir stehen das zusammen durch. Erst einmal würde ich allerdings vorschlagen, dass du für ein paar Tage in meine Wohnung ziehst.“
Ich hatte noch nie bei ihm übernachtet. Sollte ich mich darauf einlassen? Aber wenigstens würde ich dann nicht die ganze Zeit mit meinen Eltern auf einem Fleck sitzen. „Okay, das klingt gut. Hoffentlich erlauben es meine Eltern. Ich will dich ja nicht verscheuchen, aber bitte, geh nun nach Hause. Morgen erzähle ich dann meinen Eltern die Geschichte und am Nachmittag komme ich zu dir. Aber wann sagen wir es Polly und Tobias?“
„Oh Shit. Entschuldige meine Wortwahl. Schreiben wir ihnen doch eine Nachricht!“
Entschuldige meine Wortwahl – really? Welches männliche Wesen in seinem Alter drückt sich so aus?
Sofia: Hey Tobi und Polly, es tut uns furchtbar leid, aber unsere Eltern haben kurzfristig gesagt, dass wir nicht mitkommen dürfen. Wir haben auch keine Ahnung, was los ist. Trotzdem wünschen wir euch einen schönen Urlaub. LG Timo & Sofia
Puh, erledigt. Ob sie uns das abnehmen werden?
„Es hat gerade erst begonnen“, flüstert mir mein Inneres Ich zu. Und wie immer hat es recht. „Ich bin echt gespannt, was die zu unserer Nachricht sagen werden. Begeistert werden sie ganz sicher nicht sein.“
„Ja, aber wir mussten es tun. Ich gehe dann mal.“
Gesagt, getan.
Er steigt die Leiter wieder nach unten und ich lege mich zurück ins Bett.
Am Morgen wache ich gegen 8:00 Uhr auf. Habe ich euch eigentlich schon berichtet, dass ich, seit Timo mich berührt hat, keine Schmerzen mehr habe? Wenigstens eine gute Sache. Ich blicke auf mein Handy und sehe eine SMS von Polly und Tobias.
Polly: Oh, warum das denn plötzlich? Könnt ihr sie nicht überreden? Wir haben beschlossen, dennoch nur zu zweit zu fliegen. Wir verstehen das gerade gar nicht. Einfach so? LG Polly & Tobias
Schnell leite ich die Nachricht an Timo weiter und schreibe zurück.
Sofia: Ja, keine Ahnung warum. Ein Anflug von elterlicher Strenge? Tut uns echt leid. Aber wir können nichts mehr ändern. Wir haben es schon versucht. LG Sofia
Es fühlt sich so schlecht an, meine beste Freundin anlügen zu müssen. Ich war nie eine, die jemanden belügt. Meine Meinung habe ich immer klar gesagt. Wie heißt das Sprichwort so schön: Lügen haben kurze Beine? Ich hoffe, das bewahrheitet sich in diesem Fall nicht. Warum hat mich Timo dazu überredet? Aber jetzt komme ich nicht mehr aus der Sache raus. Pollys Antwort kommt sofort.
Polly: Okay, also wenn das so ist. Echt komisch?! Aber ist jetzt halt so. Bis nach den Ferien und schreibt mal, was ihr so macht. Ich bin echt enttäuscht. Ich habe mich so auf unseren ersten gemeinsamen Urlaub gefreut. LG Polly
Sofia: Euch eine schöne Reise. Und klar schreiben wir. Wir sind auch enttäuscht. LG Sofia
Ich habe echt ein schlechtes Gewissen! Aber es bringt nichts. Noch verschlafen gehe ich in die Küche. Papa trinkt Kaffee und Mama schneidet gerade das Brot auf. In meinen Gedanken lege ich mir Wörter zurecht. Dann fange ich an, die Lüge zu erzählen: „Ich wollte euch nur schnell sagen, dass die Sache mit Spanien abgeblasen wurde.“
Papa und Mama schauen mich erstaunt an. Mama sagt: „Aber, Sofia, irgendwie klingst du gar nicht enttäuscht? Du hast dich doch so auf die Reise gefreut. Was ist los? Aber natürlich ist das schade.“
„Ja, Mama, ich finde das auch schade. Ich habe mich echt darauf gefreut, aber man kann ja nichts daran ändern.“
„Klar kann man daran etwas ändern. Nicht wahr, Schatz?“
Papa meint: „Ja, da stimme ich zu. Irgendeine Lösung werden wir schon finden.“
Oh nein, unser Plan scheitert gerade ... was soll ich denn jetzt machen? Schnell sage ich: „Ja, aber ... macht doch nichts.“
Mama erwidert entrüstet: „Doch, Sofia, wir haben doch extra wegen deines Spanien-Urlaubs unsere Familienferien ausfallen lassen und das weißt du auch ganz genau!“
„Ach, Mami, es lässt sich nun mal nichts daran ändern, also lass es bleiben. Wir machen uns einfach einen schönen Urlaub zu Hause. Ich würde jetzt gerne für ein paar Tage zu Timo gehen, darf ich?“
„Sofia, du weißt ganz genau, dass du nicht einfach bei ihm übernachten darfst. Du hast das Ganze auch überhaupt nicht mit uns abgesprochen. Fräulein, das geht so nicht.“
Schnell renne ich hoch in mein Zimmer. Wenn ich manchmal nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, mache ich das einfach.
Mama ist jetzt so sauer. Sorry, aber ich habe jetzt echt Dringenderes zu tun. Da höre ich auch schon ihre Schritte auf der Treppe. Schnell schnappe ich mir die wichtigsten Sachen aus meinem Zimmer. Lisa ruft nach meiner Mutter und die Schritte entfernen sich wieder. Ich sprinte ins Bad und packe meine Zahnbürste und so ein. Dann husche ich zurück in mein Zimmer und lasse mich an der Leiter runter.
Auf der Straße klemme ich meine Tasche am Gepäckträger fest und schwinge mich auf mein Rad. Zum Glück fährt man mit dem Fahrrad nur zehn Minuten bis zu Timo. In rasendem Tempo sause ich um die Straßenecken, als wäre ich vom Teufel gejagt. Ehrlich gesagt, ein bisschen überflüssig, aber ich will einfach schnell zu ihm. Dann biege ich rechts ab in eine Einbahnstraße und – oh nein, da kommt mir ein Lieferwagen entgegen. Wie in Zeitlupe sehe ich, wie er immer näherkommt. Bremsen kann ich nicht mehr. Ich stürze und der Wagen überrollt mein Bein. Zum Glück verspüre ich keinerlei Schmerz, noch nicht mal bei so etwas Drastischem!
Im nächsten Moment starre ich auf mein platt gedrücktes Bein. So etwas Ekliges habe ich noch nie gesehen, langsam probiere ich, mich zu erheben, und tatsächlich schaffe ich es. Der Mann steigt aus seinem Fahrzeug. Ohne zu überlegen, setze ich mich auf meinen Sattel und fahre weiter. Es ist ziemlich komisch, mit platt gedrücktem Bein Fahrrad zu fahren. Das ist echt beängstigend. Ich habe nichts gespürt, aber habe trotzdem ein verletztes Bein. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und ich werde zusammen mit Timo herausfinden, was es ist. Darauf könnt ihr wetten ...
*
Mittwoch
Timo erschreckt sich heftig, als er mein Bein sieht. „Was ist mit deinem Bein passiert?“
„Ach, mir ist nur ein Lieferwagen darübergefahren“, gebe ich gelassen zurück und grinse dabei schelmisch.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst? Hast du keine Schmerzen? Wir müssen sofort ins Krankenhaus.“
Boa, der gibt ja richtig Gas. Für meinen Geschmack zu viel. „Mach mal langsam. Ich habe nämlich überhaupt keine Schmerzen.“ Wie kann man nur so erschreckend fürsorglich sein?
„Was? Wie kann das denn sein? Aber ist ja eigentlich gut. Dann leidest du wenigstens nicht.“
„Was machen wir jetzt? Ich meine, ich will nicht mein ganzes Leben lang so aussehen!“
„Zeig mal her. Ich schaue mir das mal an.“
Ich setze mich auf einen Barhocker und kremple meine Hose hoch. Timo fasst ganz behutsam mein Bein an. Und plötzlich sieht es wieder wie vorher aus! Timo hat Zauberhände (ein weiteres Mal)! „Was hast du gemacht?“
„Ich weiß auch nicht. Das klingt jetzt echt verrückt, aber mit den Rückenschmerzen war das doch genau dasselbe. Sie waren, sobald wir uns gegenseitig dort berührt haben, wie weggeblasen.“
„Du hast vollkommen recht. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns verwandelt haben, sozusagen …“
„Das ist krass, aber ja, irgendwie ist das die einzige Erklärung für das alles hier. Jetzt würde ich aber vorschlagen, dass wir etwas essen und dann weiter nachdenken. Einverstanden?“
„Einverstanden. Ich bin so froh, dich zu haben.“
„Ich doch auch.“
Mein Kopf rattert, aber ich finde keine logische und wissenschaftliche Erklärung für das, was mit uns passiert. Ich hätte jetzt richtig Lust auf Pizza (obwohl ich nie Bock auf Essen habe.)
„Können wir beim Italiener bestellen?“
„Klar doch.“
Schnell bestellen wir uns per Smartphone Pasta (für Timo) und Pizza (für mich). Da durchzucken plötzlich Stromstöße meinen ganzen Körper. An Timos Gesicht merke ich, dass es ihm genauso geht. Da ahne ich, was los ist: „Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass wir uns wahrscheinlich verwandeln. Und ich denke, dass wir diesen Prozess abschliessen müssen. So dumm das jetzt auch klingt.“
„Sofia, du könntest recht haben. Übrigens haben sich meine Flügel im Laufe des Tages wieder eingezogen. Bei dir auch?“
„Ja, bei mir auch. Wie wollen wir das jetzt anstellen?“
„Ich fürchte, ich muss wieder meine Zauberhände benutzen.“ Er grinst, obwohl wir in so einer komischen Situation sind. Das schätze ich auch so sehr an ihm.
„Aber, Timo, vorher würde ich die Pizza und die Nudeln essen. Nicht, dass irgendetwas passiert und dann kommt gerade der Pizzalieferant. Er sollte übrigens in fünf Minuten da sein.“
„So machen wir es.“ Er läuft zum Küchenschrank und holt zwei Gläser hinaus.
Dabei schießt mir durch den Kopf, wie sexy er doch ist mit seiner Jogginghose und dem eng anliegenden T-Shirt, das seinen Sixpack perfekt in Szene setzt. Sein Dreitagebart gibt ihm die gewisse Härte und das Grinsen lässt die Wärme, die er ausstrahlt, überall spüren. Er wohnt alleine in dieser kleinen Wohnung. Alles ist perfekt eingeräumt, um ihn und an ihm scheint alles perfekt zu sein. Fast zu perfekt, außer ich. Die Ironie dieser Tatsache bringt mich immer wieder zum Nachdenken.
Nach ein paar Minuten kommt unser Essen. Wir setzen uns an den Tisch und Timo schiebt sich genüsslich einen Löffel Pasta in den Mund. Er verzieht das Gesicht und rennt zum Waschbecken. Er hält seinen Kopf darüber und würgt sein Essen wieder hervor. Was ist denn mit ihm los?
„Gehts dir gut?“
„Oh Gott, das ist so eklig. Es hat sich angefühlt, als hätte ich Steine verschluckt.“
Das Gefühl kenne ich, aber ich konnte trotzdem ohne Probleme essen, es war nur nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. „Du Armer.“ Ohne zu überlegen, beiße ich geistesgegenwärtig in meine Pizza. Iiihhhh. So grausam. Es fühlt sich an, als senkten sich harte Brocken in meinem Magen ab, als hätte ich, wie Timo schon gesagt hatte, Steine verschluckt. Also, da könnt ihr euch sicher sein, von dieser Pizza esse ich keinen Bissen mehr. Nachdem ich ihn verständnislos angeblickt hatte, merke ich, dass er verstanden hat. Wir beide vertragen das Essen nicht. Aber ich habe so krassen Hunger, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.
Als würde er meine Gedanken aussprechen, sagt er: „Aber, Sofia, ich habe so großen Hunger. Ich muss irgendetwas zu mir nehmen.“
„Mir geht es doch genauso. Aber ich fürchte, dass wir das erst mal vergessen können. Oder hast du vielleicht Lust auf Pizza?“
„Nicht wirklich. Warten wir doch so ein zwei Stunden und probieren es dann noch mal.“
„Das klingt vernünftig.“ Was hatte ich anderes erwartet?
„Es ist unausweichlich Timo, wir müssen den Prozess jetzt weiterführen.“ Ich ziehe mein Oberteil aus (wobei er mir übrigens direkt auf meine Oberweite starrt, was mich so gar nicht nervös macht, dummerweise trage ich heute auch noch den hässlichsten und kindischsten BH, den ich besitze) und er presst seine Hände abermals auf meine Risse im Rücken. Ein eiskalter Schauer läuft über meinen Rücken und auf meinen Armen macht sich Gänsehaut breit. Ich spüre, wie meine Augenlider schwer werden, und langsam sinke ich zusammen. Es fühlt sich an, als würden in meinem ganzen Körper sämtliche Blutgefäße platzen und dann neu zusammengeschweißt werden. Es rumort in meinem Magen und mir wird übel. In meinen Gedanken zieht mein komplettes Leben an mir vorbei. Ich sehe Mum, Dad, Susi, Lisa und Polly, die mir zuwinkt. Jetzt sehe ich, wie sich unter mir eine Schlucht auftut, und ich stürze Hilfe schreiend hinab. So muss es sich anfühlen, zu sterben. Dann sehe ich nur noch Schwarz und breche zusammen.
Ich blinzle und sehe eine weiße Wand, eine kahle, weiße Wand. Auf meiner Stirn spüre ich etwas Nasses und Kaltes. Die Müdigkeit überkommt mich wieder und ich schließe meine Augen und schlummere weiter. Im Himmel ist es gar nicht so schlecht (bestätigt zumindest mein erster und kurzer Eindruck).
Vor drei Stunden / Timo
Langsam presse ich meine Hände auf Sofias warmen und weichen Rücken. Sie zuckt zusammen, aber ich mache trotzdem weiter. Da bricht sie plötzlich zusammen und sackt in die Knie, ich will meine Hände von ihrem Rücken wegziehen, aber es geht nicht. Ein Stöhnen kommt aus ihrem Mund und im nächsten Moment schreit sie, als hinge ihr Leben davon ab. Als Nächstes, als ich gerade dachte, sie hätte sich beruhigt, bricht sie in Gelächter aus und ein paar Sekunden später heult sie wie ein Schlosshund. Aber ich weiß, ich kann ihr nicht helfen. Hoffentlich tat das nicht so weh, wie es aussah. In meinem Hinterkopf wird mir nämlich bewusst, dass ich das alles nachher auch durchstehen muss.
Abermals probiere ich, meine Hände von ihr zu lösen, und dieses Mal funktioniert es. Doch eine unsichtbare Kraft drückt meine Hände nun auf ihre Ohren und ich kann sie ihr nicht lösen. Es beginnt zu sprudeln und zu rauschen. Und die ganze Zeit hält Sofia die Augen geschlossen.
Ich versuche, auf sie einzureden: „Sofia. Wir überstehen das. Ich lasse dich nicht im Stich. Gemeinsam schaffen wir alles.“
Doch von ihr kommt kein Mucks zurück. Sie lässt alles still über sich ergehen. Ich frage mich, was gerade in ihrem Kopf vorgeht. Da spüre ich unter meinen Händen, die immer noch auf ihren Ohren liegen, ein Rütteln. Ich sehe, wie ihre Ohren sich oben langsam spitz formen. Im nächsten Moment wandern meine Hände, geführt von der unsichtbaren Macht, weiter zu ihren Füssen. Und diese unsichtbare Kraft lässt meine Hände langsam über ihre Beine entlang nach oben gleiten. Ich höre Knochen knacken. Meine Hände werden heiß und ich kann sie wieder selbst kontrollieren. Nun weiß ich, dass es überstanden ist.
