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»Endstation Fichtelgebirge«: Ein Psychothriller voller dunkler Familiengeheimnisse und erschütternder Wahrheiten In Bayreuth verschwindet der Sohn einer alleinerziehenden Mutter unter mysteriösen Umständen aus deren Wohnung. Den einzigen Hinweis liefern Blutspuren, die allerdings nicht von dem Jungen,sondern von dessen Vater stammen – doch der ist vor Jahren gestorben. Kurz darauf wird bei Schweinfurt ein Mann ermordet aufgefunden. Die Spuren führen Kommissar Breuer und seine Kollegin Kristina Herbich zur Ex-Freundin des Toten, die unauffindbar ist. Unaufhaltsam setzt sich ein Drama in Gang, das vor langer Zeit seinen Anfang nahm. Ihr vierter Fall stellt die Bayreuther Kommissare Herbich und Breuer vor eine echte Herausforderung. Stück für Stück entfaltet sich ein Netz aus Lügen, verdrängten Wahrheiten und familiären Verstrickungen. Ein fes-selnder und zugleich berührender Kriminalroman über Schuld, Identität und verdrängte Vergangenheit. Für Fans von Krimis mit Köpfchen, Herz und Sinn für Dramatik – und für alle, die beim Lesen gern mal kurz das Atmen vergessen.
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jacqueline Lochmüller, 1965 in Bayreuth geboren, arbeitet seit 2008 als Autorin. Sie schreibt Krimis, Thriller, erotische Bücher, Kurzgeschichten und Heftromane, teilweise unter Pseudonym. Jacqueline Lochmüller hat zwei erwachsene Töchter.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
www.emons-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: arcangel.com/Gabriela Alejandra Rosell
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept
von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Dr. Marion Heister
E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd
ISBN 978-3-98707-324-3
Originalausgabe
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
1988
Der Säugling im Nebenzimmer schrie sich die Seele aus dem Leib.
Marlies Prechtel war schon zweimal drüben bei dem Kind gewesen, um es zu beruhigen, jedoch vergeblich. Nicht einmal auf den Arm nehmen ließ es sich. Das kleine Gesicht wurde krebsrot, und der Körper des Kindes versteifte sich, sowie sie es aus seiner Wiege nahm. Der Vater musste sich um es kümmern, doch er stand unter Schock.
»Gerhard?« Sanft legte Marlies dem großen, starken Mann die Hand auf den Unterarm.
Gerhard Merten saß mit gesenkten Schultern vor dem großen Esstisch, den er selbst geschreinert hatte. Von der Zimmerdecke hing die einzige Lampe im Raum, mit dem rot-weiß karierten runden Schirm, und verbreitete behagliches Licht, das in völligem Kontrast zu der Erschütterung des Abends stand.
»Soll ich nicht doch einen Arzt rufen?«, fragte Marlies behutsam.
Gerhard schüttelte den Kopf.
»Du kannst nix dafür«, sprach Marlies weiter und zog ihre Hand wieder zurück. »Die Ursel war krank, anders kann ich mir das nicht erklären.«
Gerhard beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und stöhnte unterdrückt auf, als litte er Höllenqualen. So mochte es auch sein.
»Wenn ich dir irgendwie helfen kann, Gerhard, dann sag es mir«, forderte Marlies ihn auf. Sie sah unauffällig auf die große Uhr, die über dem Kühlschrank hing. Jetzt war sie schon zwei Stunden bei dem Nachbarn, dessen Leben in den Grundfesten erschüttert worden war. Drüben, zwei Häuser weiter, wartete Lutz, ihr Mann. Er passte auf die zehnjährigen Zwillinge Martina und Karin auf. Es wurde Zeit, dass sie nach Hause ging.
»Kannst nix machen. Danke, Marlies«, stieß Gerhard mit rauer Stimme hervor. Das Brüllen des Babys ging in kraftloses Wimmern über. Im besten Fall schlief das Kind eine Weile.
Aus geröteten Augen sah Gerhard sie an.
»Wie hat sie mir das antun können?«, fragte er sie, mit solcher Verzweiflung in der Stimme, dass Marlies an sich halten musste, um ihn nicht zu umarmen. Doch sie waren ja nur Nachbarn, nicht einmal wirklich befreundet, und womöglich hätte er sie als zudringlich empfunden.
»Vielleicht hat sie …« Marlies ließ den Satz offen, machte aber eine Handbewegung auf Mundhöhe, als würde sie ein Glas austrinken. Sie schämte sich, noch während sie sprach. Man sollte doch den Toten nichts Schlechtes nachsagen.
»Die Ursel hat fast nie Alkohol getrunken«, wehrte Gerhard ab. Marlies ließ ihre Hand sinken.
»Dann hat sie vielleicht jemand runtergestoßen«, murmelte sie und erschauerte.
»Glaub ich nicht.« Gerhard rang um Fassung. »Die Ursel war mit allen gut. Wer hätt’ das tun sollen?«
»Die von der Polizei werden das schon rausfinden«, versuchte sie, den verzweifelten Witwer zu trösten.
Gerhard nickte schwer. Das Baby fing wieder an zu weinen.
»Geh heim, Marlies. Ich dank dir, dass du da warst. Ich muss …« Er zeigte mit dem Daumen zu der Tür nach nebenan.
Marlies stand auf, froh, dass sie aus der unglückseligen Atmosphäre fliehen konnte. Es war ein nicht zu begreifendes Drama. Der arme Mann, und auch wegen der Kleinen tat es ihr furchtbar leid.
»Du weißt, dass du dich jederzeit melden kannst, wenn du Hilfe brauchst«, versicherte sie noch einmal.
»Ja, danke«, erwiderte Gerhard, stemmte sich in die Höhe und ging an ihr vorbei, zum Nebenraum. Ehe er die Tür öffnete, wandte er sich ihr zu.
»Tschüs, Marlies.«
»Tschüs.«
Sie verließ die Küche, ging den schmalen Hausflur entlang und trat nach draußen in die kühle dunkle Nacht, die nach dem nahenden Herbst roch. Die Feuchtigkeit des Regens, der am späten Nachmittag eingesetzt und am frühen Abend wieder aufgehört hatte, schimmerte im Licht der Straßenlaternen auf dem Gehweg. Am Himmel funkelten ein paar Sterne.
Das zornige Schreien des Babys war bis nach draußen zu hören. Marlies zog ihre Jacke über der Brust zusammen und eilte nach drüben, zu ihrem Mann und ihren Kindern. Dort warteten Wärme, Geborgenheit und Sicherheit.
Gerhards Leben war zerstört. Von solch einem Schlag, wie er ihn heute erlitten hatte, vermochte sich kein Mensch je mehr zu erholen.
***
Gerhard Merten lehnte am Sims des Bürofensters seiner Schreinerei.
Der kleine Raum war randvoll mit Papieren und Akten, größtenteils in einem deckenhohen Regal gelagert. Zwischen dem Regal und dem Fenster fristete eine kümmerliche Yucca-Palme ihr Dasein. Ihre Blätter sahen kraftlos und staubig aus, die Erde war vertrocknet und löste sich vom Rand des Pflanztopfes.
Gerhard beobachtete seine Sekretärin, Betty Steinlein, die konzentriert eine Rechnung erstellte, ohne sich von seiner Anwesenheit stören zu lassen. Wenn es sie nervös machte, dass er nur ein paar Schritte von ihr entfernt stand und schwieg, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken.
Eine Schönheit war sie nicht, die Betty. Ein bisschen zu stämmig für seinen Geschmack. Und Kurzhaarschnitte, so fand er, standen einer Frau auch nicht gut zu Gesicht. Aber fleißig, gepflegt und sympathisch war sie. Und alleinstehend, zumindest soweit er wusste, dafür mit einem unehelichen Kind, das nur wenig älter war als seines.
Gerhard nahm aus seiner Hemdtasche die Packung Zigaretten, in der auch ein Feuerzeug steckte. Er entzündete einen der Glimmstängel, nahm einen tiefen Zug und fasste hinter sich. Irgendwo auf dem Sims stand der Aschenbecher aus blauem Kunststoff mit dem sinnigen Aufdruck »Nur für Raucher«. Ursula hatte ihm das Teil zu Beginn ihres Kennenlernens von einem Flohmarkt mitgebracht. Ursula, die nun schon fast ein Jahr unter der Erde lag.
»Betty?« Gerhard räusperte sich. Seine Sekretärin sah auf.
»Ja, Herr Merten?« Aufmerksam blickte sie ihn an.
»Lassen Sie mal für den Moment die Arbeit liegen.« Er schnippte die Asche in den Aschenbecher und bemerkte dabei ein leichtes Zittern seiner Hand.
Betty legte wunschgemäß die Hände in den Schoß.
»Ich fall jetzt mal gleich mit der Tür ins Haus«, begann Gerhard. »Wie lange arbeiten Sie jetzt für mich?«
»Ein halbes Jahr«, antwortete sie höflich, wirkte aber ein wenig ratlos.
»In der Zeit haben wir uns ja ein bisschen kennengelernt, und ich meine, wir verstehen uns ganz gut«, fuhr er fort, blickte auf seine Zigarette, wandte Betty den Rücken zu und drückte sie im Aschenbecher aus, obwohl er noch nicht einmal die Hälfte geraucht hatte. Stattdessen öffnete er das Fenster und wedelte mit der Hand, als wollte er den Qualm aus dem Zimmer haben.
»Schon«, stimmte seine Sekretärin ihm zu.
»Würden Sie mich heiraten, Betty?«, fragte er, entschlossen, den zentralen Punkt des Gesprächs sofort hinter sich zu bringen.
»Was?« Entgeistert sah die junge Frau ihn an.
»Verstehen Sie mich nicht falsch«, bat er, ging zu ihr und setzte sich auf den Rand ihres Schreibtisches. »Reden wir einfach offen miteinander. Wir stecken beide in einer Notlage, aus der wir uns gegenseitig heraushelfen könnten.«
Betty gab keine Antwort.
»Wir haben beide ein kleines Kind, das wir versorgen müssen und natürlich auch wollen. Aber wir haben keinen Partner, der uns dabei unterstützt. Meine Frau hat sich vom Siegesturm gestürzt und mich und unser Kind unserem Schicksal überlassen. Sie hatten, wenn ich das so sagen darf, wohl große Hoffnungen daraufgesetzt, dass Ihr Freund für Sie seine Frau verlässt, stattdessen hat er Sie verlassen. Nun stehen wir beide da und müssen irgendwie den Kopf über Wasser halten, nicht wahr?«
Röte war in die Wangen der jungen Frau gestiegen.
»Der Alltag ist ein einziger Kampf, wenn wir ehrlich sind, oder? Ihr Baby ist im Hort, der wohl einen Großteil Ihres Gehaltes verschlingt, außerdem fehlt Ihnen die Zeit, dem Kind die notwendige Mutterliebe zu geben. Und ich habe nun schon das dritte Kindermädchen. Das taugt doch alles nichts, oder?«
»Herr Merten, ich weiß nicht, ob …«
Rasch winkte er ab.
»Ich weiß, das klingt jetzt alles furchtbar nüchtern und sachlich. Wie ein Geschäft.« Nun wurde er doch unsicher. Vielleicht war er zu ehrlich. Frauen wollten umworben werden, aber er wollte Betty auch nichts vormachen.
»Betty, wenn du Ja sagst, ihr sollt es gut bei mir haben.« Er beschloss, zu einer vertraulichen Anrede zu wechseln. »Ich meine es wirklich so. Die Schreinerei läuft gut, das weißt du ja. Du bekommst ja alles mit.«
Sie nickte, und er spürte einen Funken Hoffnung, sie könnte über seinen Vorschlag zumindest nachdenken.
»Du müsstest nicht mehr arbeiten. Ich habe ein großes Haus, da ist Platz für uns alle. Du kümmerst dich um die Kinder und den Haushalt, und ich sorge für euch«, sprach er weiter. »Ich komm dir auch nicht zu nahe, wenn du das nicht willst. Du kannst ein eigenes Schlafzimmer haben.«
»Aber, Herr Merten, das ist doch …«
Wieder winkte er ab. Ihre Wangen wurden noch röter.
»Gerhard«, sagte er. »Bitte, nenne mich Gerhard.«
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, murmelte Betty und betrachtete nun ihre Hände, die noch immer in ihrem Schoß lagen.
»Sag erst mal nichts, bitte. Denk darüber nach. Darf ich dich heute zum Mittagessen einladen? Damit wir uns besser kennenlernen?«, bat er.
So schüchtern und eindeutig von der Situation überfordert, wie sie vor ihm saß, berührte sie etwas in ihm, womit er nicht gerechnet hatte. Beklemmung stieg in ihm auf.
»Wenn du gar nicht magst oder es gar schon jemand anderen gibt, dann bin ich dir nicht böse. Dann machen wir weiter wie bisher. Deine Anstellung ist dir sicher, so oder so«, versicherte er.
»Aber ich hab doch gar nicht gesagt, dass ich nicht mag«, sagte sie leise. »Und es gibt auch niemand anderen. Ich gehe gerne mit Ihnen mittagessen.«
»Schön«, erwiderte er.
Er hätte sie gerne angelächelt, aber sie sah nicht auf.
***
Ein halbes Jahr später, an einem sonnigen, aber kühlen Tag im März, heiratete Gerhard Merten Betty Steinlein. Zwischen ihnen hatte sich eine ruhige und wie ihm schien verlässliche Zuneigung entwickelt. Sie war ihm in den vergangenen Monaten mehr ans Herz gewachsen, als er erwartet hatte. Ein eigenes Schlafzimmer wollte sie auch nicht. Sie lag gerne neben ihm, wie sie ihm erst kürzlich versichert hatte.
Womit er ein unerwartetes Problem hatte, war ihre Tochter. Er empfand keinerlei Sympathie für das Mädchen. Doch sein Entschluss, auch für ihr Kind gut zu sorgen, war unumstößlich. Betty sollte ihre Entscheidung, seine Frau zu werden, nie bereuen.
Juni 2025
Svenja stand über das Waschbecken gebeugt vor dem Spiegel in ihrem Badezimmer und tuschte sich sorgfältig die Wimpern. Nachdem sie fand, es sei nun genug, nahm sie Abstand vom Spiegel und betrachtete das Ergebnis ihrer Bemühungen. Sehr schön. Sie war zufrieden.
Nimm noch etwas Lippenstift, sagte ihre innere Stimme.
Svenja ließ den Blick über die Reihe der Kosmetikstifte gleiten, die im Badregal auf Augenhöhe standen, und entschied sich für den pfirsichfarbenen. Langsam, um nicht zu sagen genussvoll, trug sie die cremige Farbe auf, drehte den Stift zurück in die Hülse und steckte die Kappe wieder auf. Erneut musterte sie sich. Der Lippenstift passte perfekt.
Ihre blonden Haare, zum kinnlangen Bob geschnitten, schmiegten sich wie eine schimmernde Haube um ihren Kopf. Ihre Züge waren ebenmäßig und ihre Haut samtig und matt, ganz ohne jedes Make-up oder Puder. Auf der Iris ihrer blaugrauen Augen funkelten goldene Pünktchen.
Kein Zweifel, sie sah gut aus. Sie musste sich nicht verstecken.
Svenja lächelte sich zu. Vor ihr lag ein schöner Abend, im besten Fall sogar ein wundervolles Wochenende. Sie würde sich auf ein Wochenende vorbereiten, auch wenn das nicht besprochen war. So war sie flexibel.
Svenja hob das feuchte Handtuch vom Boden auf, mit dem sie sich nach der Dusche abgetrocknet hatte. Sie hatte es danach einfach fallen lassen, wie immer. Sie warf es auf den Rand der Badewanne und lief ins Schlafzimmer.
Ihre Reisetasche stand fertig gepackt, aber noch offen auf ihrem Bett, und was sie für den heutigen Abend anziehen wollte, hatte sie auch schon bereitgelegt.
Sie schlüpfte in den schwarzen String aus feiner Spitze, der kaum als Höschen durchging, weil er im Grunde nur aus einem hauchfeinen durchsichtigen Dreieck und ein paar schwarzen Satinbändern bestand, die auf der Hüfte zu binden waren.
Das verführerische Dessous kniff am Po, doch das war es ihr wert. Bedächtig legte sie die dazu passende Büstenhebe an und wandte sich der verspiegelten Tür ihres Kleiderschrankes zu. Ihr Bauch war flach, ihre Beine waren wunderbar gerade, die Hüften sanft geschwungen, nur ihre Brust hätte sie sich größer gewünscht. Man konnte nicht alles haben, und Karsten hatte bisher kein Wort darüber verloren. Leon auch nicht, doch an ihn wollte sie nicht denken. Er hatte ihre Träume zerstört. Doch mit Karsten, da war Svenja sicher, hatte sie wieder eine Zukunft. Eine wundervolle Zukunft. Sie würden heiraten, zwei oder drei Kinder bekommen und vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit, aber doch viele Jahrzehnte glücklich miteinander leben.
Sie sah auf die Uhr, die auf ihrem Nachtschrank stand. Schon kurz nach achtzehn Uhr. Es wurde Zeit. Bis sie bei ihm war, hatte sie über eine Stunde Anfahrt.
Sie schlüpfte in das leichte rote Sommerkleid, das sie sich erst vor wenigen Tagen für dieses Wochenende gekauft hatte, schloss die Reisetasche und nahm ihr Handy, das danebengelegen hatte.
»Ich bin so gut wie unterwegs«, tippte sie eine Nachricht an Karsten und setzte ein Herz dahinter. »Ich freu mich auf dich«, ergänzte sie und schickte den Text weg. Sehnsüchtig sah sie aufs Display, doch Karsten ging nicht online.
Wahrscheinlich kümmerte er sich gerade um das Abendessen. Karsten konnte phantastisch kochen, das hatte er vergangenes Wochenende, als er bei ihr gewesen war, bewiesen.
Svenja griff nach ihrer Tasche. Sicher konnte sie bald bei ihm einziehen. Karsten hatte ein großes Haus mit viel Platz und einen herrlichen Garten. Er hatte ihr davon erzählt und Bilder geschickt. Sie dagegen hatte nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung zur Miete, und in Bayreuth hielt sie ohnehin nichts. Nach der Trennung von Leon war sie nur deswegen zurückgekommen, weil sie kein anderes Ziel gewusst hatte als ihre Heimatstadt.
Noch einmal blickte Svenja auf ihr Handy. Karsten hatte inzwischen ihre Nachricht gelesen. Er hatte sie aber nicht beantwortet und war schon wieder offline.
Sie beschloss, sich das nicht zu Herzen zu nehmen. Bestimmt hatte er alle Hände voll zu tun, um sich auf ihre Ankunft vorzubereiten. Außerdem waren sie jetzt schon eine Weile zusammen. Leider fuhren die meisten Männer das Werben um eine Frau ja wieder herunter, sobald sie sich ihrer sicher waren.
Svenjas Herz schlug ein paar Takte schneller. Sie waren ein Paar. Das fühlte sich phantastisch an.
***
Juli 2025
Lucy Metz parkte ihren betagten VW Käfer, Baujahr 2001, am Hintereingang des Hofgartens, wuchtete ihre Fototasche vom Beifahrersitz und stieg aus. Mit dem Ellbogen stieß sie die Fahrertür zu, umrundete das Fahrzeug und nahm über die zweite Seitentür das Stativ vom Rücksitz.
Ehe sie sich mit ihrer Ausrüstung auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt im Park machte, nahm sie ihren Kaugummi aus dem Mund. Kaugummi machte sich bei Treffen mit der Kundschaft nicht gut.
Erst vor Kurzem hatte sich ein Kunde deswegen über sie beim Chef beschwert. Verärgert war Peter Willick deswegen nicht gewesen, aber er hatte sie gebeten, in Zukunft während der Arbeit auf den kleinen Genuss zu verzichten.
Sie mochte Peter. Er hatte ihr damals eine Chance gegeben. Sie wollte ihn nicht verärgern, schon gleich nicht wegen eines Kaugummis.
Lucy rollte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer Kugel und warf ihn in ein Büschel aus Gras und Gestrüpp, das links vom torbogenartigen steinernen Eingang wucherte. Er blieb mittig auf einem kleinen Blatt kleben, das sich unter seiner Last senkte. Sie trocknete ihre Finger an ihrer Jeans.
Lucy betrat den Park. Das Wetter war perfekt für die angedachten Aufnahmen. Die Vormittagssonne schien durch das grüne Blätterdach des alten Baumbestandes, und noch waren die Temperaturen des Sommertages angenehm. Zweiundzwanzig Grad hatte das Display auf ihrem Handy angezeigt, als sie sich vorhin auf den Weg zu ihrem ersten Termin gemacht hatte.
Das zukünftige Brautpaar erwartete sie an der Brücke. Sie sah schon von Weitem ein Pärchen dort stehen, das sich an den Händen hielt. Die Frau, schlank und mit schulterlangen dunklen Haaren, sah verliebt zu dem Mann auf, der einen Kopf größer war als sie. Er küsste sie und drückte sie an sich.
Junges Glück, dachte Lucy, mit einem Anflug von Frust. Ihr war das irgendwie nicht beschieden, wie so vieles im Leben. Gerade drei Wochen war es her, dass Marco ihre noch recht frische Beziehung wieder beendet hatte, weil er meinte, es würde doch nicht so mit ihnen passen. Kurz darauf hatte sie ihn mit einer anderen gesehen. Wahrscheinlich passte es mit ihr besser. Lucy verdrängte den unschönen Gedanken.
Sie war nun schon fast bei der Brücke. Das Paar sah ihr entgegen. Beide lächelten. Ehe Lucy zurücklächeln konnte, fiel die Miene des Mannes in sich zusammen, während seine Zukünftige weiterhin freundlich blickte.
»Hallo«, sagte sie und kam ihr entgegen. Der Mann folgte ihr. »Sie sind von der Firma Foto-Träume, nicht wahr?« Sie hielt ihr die Hand hin.
Lucy war wie gelähmt. Es war Jahre her, doch sie erkannte die Frau und auch deren Verlobten sofort. Beide waren sie, unabhängig voneinander, für den schlimmsten Schicksalsschlag ihres noch jungen Lebens verantwortlich.
Sie umklammerte ihre Fototasche und das Stativ, sodass sie keine Hand frei hatte. Die Frau ließ den noch immer zur Begrüßung ausgestreckten Arm sinken, und auch ihr Lächeln erlosch.
»Marie Zester«, stellte sie sich vor.
»Hallo. Ich bin Lucy«, nuschelte Lucy. Zester. Damals hatte sie Stolze geheißen.
»Steffen Siebert«, sagte nun auch der Mann. Er bot ihr gar nicht erst die Hand an.
Lucys Puls begann zu rasen.
»Hallo«, würgte sie hervor.
»Ja, dann … wollen wir mal, nicht wahr?«, fuhr er fort.
Ihre Nerven lagen blank. Sie hätte ihn anspringen, am Kragen seines blütenweißen, sorgfältig geplätteten Hemds packen und schütteln mögen. Sie wollte ihn anschreien, warum er ihr das angetan hatte, damals. Sie ahnte, dass er sie erkannt hatte, trotz aller Veränderungen. Marie Zester, damals Stolze, war dagegen völlig ahnungslos, das war ihr anzumerken. Auch ihr hätte sie ins Gesicht schlagen wollen. Vor ihr standen zwei der drei Menschen, die ihr Leben zerstört hatten. Es war Jahre her, doch die Wunde brannte und schmerzte, als wäre es eben erst geschehen.
»Lucy?«, sprach Marie sie an und lächelte nun doch wieder. »Ist alles in Ordnung? Können wir anfangen?«
»Natürlich.« Sie zog die Mundwinkel auseinander, hoffte, dass der Versuch, freundlich zu wirken, als solcher ankam, und fragte sich, wie sie den Auftrag professionell bewältigen sollte.
Vielleicht war es aber auch Schicksal, dass sie einander gegenüberstanden. Vielleicht sollte es so sein, und vielleicht war es eine Chance, etwas von dem zu erfahren, was sie seit Jahren quälend begleitete.
***
Steffen Sieberts Hände waren kalt und feucht. Sein Puls mochte auf hundertachtzig sein, und in seinem Magen drückte es. Die Fotografin stellte ihr Stativ auf, schraubte ein Objektiv auf die Kamera und positionierte sie. Sie arbeitete ruhig und professionell. Nur wenn er genau hinsah, meinte er, ihre Hände würden ein ganz klein wenig zittern. Doch das mochte er sich vielleicht auch einbilden.
Oder er bildete sich gar nichts ein. Kalter Schweiß brach ihm aus sämtlichen Poren.
War sie es, oder war sie es nicht? Der Name konnte passen, wenn sie ihn jetzt abkürzte. Sie trug die Haare anders. Damals waren sie schulterlang gewesen und von hellem Braun. Jetzt waren sie raspelkurz geschnitten und rot gefärbt. Früher war sie schlank gewesen, aber mit hübschen Rundungen, dort, wo sie hingehörten. Jetzt war sie hager, beinahe knochig. So, wie sie jetzt aussah, sprach sie ihn als Frau überhaupt nicht mehr an. Keinen zweiten Blick hätte er ihr damals geschenkt, hätte sie sich da schon so präsentiert. Apropos Blick. Der Blick, mit dem sie ihn angesehen hatte, war eigentlich Auskunft genug gewesen. Sie musste es sein.
Sie hatte eine Brille getragen. Vielleicht trug sie jetzt Kontaktlinsen. Er durfte nicht beständig zu ihr sehen, ehe es auffällig wurde.
»Lieber, ist dir nicht wohl?« Besorgt blickte Marie zu ihm auf. Sie hatte leise gesprochen, sodass die Frau hinter der Kamera ihre Worte wohl nicht hatte verstehen können.
»Doch«, versicherte er rasch und küsste sie flüchtig auf den Mund. »Ich bin nur ein wenig nervös.«
Marie lachte leise.
»Das brauchst du doch jetzt noch nicht zu sein. Wir machen doch nur die Fotos, um unsere Verlobung bekannt zu geben.«
»Du hast recht.« Er rang sich ein Schmunzeln ab.
»Bitte mal hierher zu mir schauen«, ließ sich die Fotografin vernehmen und hob dabei die rechte Hand. Die rechte Hand. Er hätte sie sich gerne genauer angesehen. Wenn er ein winziges Muttermal zwischen Zeige- und Mittelfinger entdeckte, dann hatte er Gewissheit.
***
Sebastian Kemper fuhr mit gemäßigten achtzig Stundenkilometern die A 9 Richtung Berlin entlang. In seinem kleinen roten Fiesta staute sich die Hitze. Er ließ die Seitenscheibe des Wagens komplett herunter, und nun flatterte der Fahrtwind in das Auto, das er bis unter das Dach mit seiner Habe vollgepackt hatte sowie mit einer Kiste seiner letzten Lebensmittel. Er setzte den Blinker und drosselte die Geschwindigkeit auf sechzig Stundenkilometer. Gleich kam die Ausfahrt nach Bad Berneck.
Sebastian fuhr von der Autobahn ab und über den Zubringer Richtung B 303. Er setzte den Blinker nach rechts und warf sicherheitshalber einen Blick in den Rückspiegel. Hinter ihm hielt ein Lkw. Der würde ihn kaum verfolgen. Außerdem gab es gar keinen Grund, ihn zu verfolgen. Er schob unnötige Ängste ob seines gesetzeswidrigen Vorhabens.
Ihm brach der Schweiß aus, und das hatte nichts mit der Hitze des Sommertages zu tun.
Der Lkw-Fahrer hupte, und Sebastian zuckte zusammen. Er sah nach links, stellte fest, dass er freie Fahrt hatte, und gab Gas. Bis Bad Berneck waren es noch vier Kilometer, doch dorthin wollte er gar nicht. Links der Bundesstraße, zwischen der kleinen Ortschaft Gössenreuth und Bad Berneck, war sein Ziel, versteckt zwischen den Bäumen des Waldstücks.
Sebastian blinkte wieder, diesmal nach links. Dass der Lkw-Fahrer ihn bei seinem Tun beobachtete, war nicht zu ändern. Er hoffte sehr, es war dem Mann gleichgültig.
Er bog in einen schmalen geteerten Weg ein und musste bremsen. Zwei Jungen von etwa zehn Jahren kamen ihm entgegen, beide auf Fahrrädern. Neugierig betrachteten sie ihn. Sebastian durchlief es heiß. Er wollte nicht gesehen und schon gar nicht gemustert werden. Die beiden Jungen fuhren so knapp an seinem Auto vorbei, dass er um die ohnehin nicht mehr allzu gute Lackierung fürchtete. Mit einem Blick in den Rückspiegel vergewisserte er sich, dass sie sich davonmachten. Er legte den ersten Gang ein und fuhr weiter.
Rechts des Weges befand sich ein Waldstück, links erstreckte sich eine weitläufige Wiese. An deren Rand, nahe den Bäumen, parkte ein altertümlicher Traktor mit einem Anhänger. Nervös ließ Sebastian, der nur mehr Schrittgeschwindigkeit fuhr, den Blick über die Landschaft gleiten. Ein Bauer war nirgends zu sehen. Er machte sich zu viele Gedanken.
Nach wenigen Metern mündete die geteerte Straße in einen Feldweg, der in den Wald führte. Die Bäume standen noch so licht wie früher, lediglich die Stämme schienen ihm dicker geworden. Die letzten Strahlen der Abendsonne warfen Lichtreflexe durch die Zweige von Tannen und Kiefern. Die Grasnarbe schabte am Unterboden seines Fahrzeugs entlang, und der Wagen holperte über die unebene Zufahrt zu dem Ort, an den er wollte.
Nach höchstens zehn Metern erblickte er die helle Fassade des kleinen Hauses, das sein Ziel war. Ein Haus, das schon lange nicht mehr bewohnt war.
Sebastian hielt vor dem niedrigen Jägerzaun, der das Grundstück umschloss. Durch ihn wucherten Gräser und Gestrüpp, als wollten sie ihn verschlingen. Er schaltete den Motor des Wagens ab und stieg aus. Sein Gepäck ließ er für den Moment im Auto. Erst musste er nachsehen, ob er überhaupt ins Haus kam.
Wenn er ein wenig Glück hatte, und darauf hoffte er, dann lag der Schlüssel zu dem Anwesen noch immer unter der Fußmatte. Nicht etwa unter der vor der Haustür. Nein, die gute Rudolfa hatte ihn hinter dem Haus auf der Terrasse unter einem Abstreifer deponiert. Zur Sicherheit, falls sie sich einmal aussperrte, wie sie ihm anvertraut hatte.
Die hölzerne Gartenpforte hing schief in den Angeln und brach heraus, als er sie öffnen wollte. Er stieg darüber hinweg und stapfte durch vertrocknete Gräser, die ihm teilweise bis zu den Knien und teilweise bis zur Hüfte reichten. Er ging an der rechten Seite des Hauses vorbei. Hier gab es einen maroden Schuppen, dessen Tür einen Spalt offen stand. Er schenkte ihm keine Beachtung.
Das Haus selbst wirkte längst nicht so baufällig, wie er erwartet hatte. Immerhin stand es schon etwa fünfzehn Jahre leer. Der kleine Garten, der das Anwesen umschloss, schien mit der Zeit den Mauern des Gebäudes näher gekommen zu sein. Die Äste von Kirsch- und Apfelbäumen erweckten den Eindruck, als wollten sie nach den Wänden und Dachziegeln greifen. Nicht mehr lange, und sie hatten es geschafft, wenn ihnen niemand mit Astschere und Säge Einhalt gebot.
Doch Sebastian war nicht hier, um die Natur zurückzudrängen. Was ihn hierhertrieb, war schlicht eine Notlage. Er brauchte ein Dach über dem Kopf.
Er ging weiter zu der kleinen Terrasse hinter dem Gebäude. Sie wurde von einem schmutzigen gläsernen Dach vor der Witterung geschützt. Braunes Laub haftete darauf, dazwischen klebten Reste von Blütenstaub, sodass trotz des sonnigen Tages das Licht auf der Veranda trüb war. Zwischen den Steinplatten der Terrasse ragte Unkraut hervor. Ein rostiger Gartenstuhl, dessen Kunststoffbespannung Löcher aufwies, lehnte in Kippstellung an einem alten Tisch. Am Boden und direkt an der Hausmauer lag eine zusammengefaltete graue Plane, auf der Blätter und tote Fliegen klebten. Vor der Terrassentür, deren Glasscheibe so blind war, dass man kaum mehr hindurchsehen konnte, sah er einen abgetretenen Vorleger aus Kokos.
Mit spitzen Fingern hob Sebastian ihn an. Ein paar Kellerasseln traten die Flucht an. Tatsächlich lag unter dem Abstreifer noch der Haustürschlüssel von Rudolfa Wenniger, der überraschend sauber war. Nachdem er ihn gründlich inspiziert hatte, ob irgendwelches Ungeziefer an ihm hing, wischte er ihn am Saum seiner Hose ab.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Für Sekunden hielt er den Atem an. Sein Herz pochte hart gegen die Rippen. Sebastian war überzeugt, er war kein Feigling. Doch das Haus lag einsam, geschützt vor Blicken, was ihm eigentlich sehr recht war, und hinter ihm erstreckte sich der Wald. Doch wenn sich hier Gesindel herumtrieb … Oder auch die Jungen mit ihren Rädern zurückgekommen waren …
Sebastian wandte sich um. Hinter dem Zaun, zwischen den Stämmen der Bäume, stand ein junges Reh und beäugte ihn. Er merkte, dass er den Atem angehalten hatte, und holte Luft. Das Tier drehte sich um, sprang in den Wald und verschwand.
Sebastian warf den Haustürschlüssel in die Luft, fing ihn auf und versicherte sich, dass alles bestens lief.
An die Gesellschaft von ein paar Waldtieren würde er sich gewöhnen müssen, wenn er eine Weile hierbleiben wollte. Und etwas anderes blieb ihm gar nicht übrig.
Er ging wieder um das Anwesen zur Eingangstür und steckte den Schlüssel ins Schloss. Er ließ sich problemlos drehen.
Sebastian betrat das Haus. Muffige Luft schlug ihm entgegen. Einen Moment verharrte er im Flur. Zumindest hier, im Erdgeschoss, war noch alles so, wie er es in Erinnerung hatte. Die Türen zum Wohnzimmer, zum Schlafzimmer und zur Küche standen offen. Sein Blick ging ins Wohnzimmer. Er betrachtete die dicken, kostbaren Teppiche, die die alte Dame so geschätzt hatte. Die vornehmen Möbel aus dunklem Holz, mit Intarsien verziert. Die Ölgemälde an den Wänden. Den kleinen Kristalllüster über dem Couchtisch. Die schwere Truhe mit den Schnitzereien im Flur.
Sebastian betätigte den Lichtschalter neben der Haustür. Nichts geschah. Der Strom war wohl abgestellt worden. Wasser gab es sicher auch nicht. Aber das war nicht schlimm, er würde sich schon behelfen. Hauptsache, er stand nicht auf der Straße.
***
Tina Reil stand im Supermarkt an dem Regal mit den Aktionsartikeln aus dem Tchibo-Sortiment und betrachtete, scheinbar interessiert, die im Preis reduzierte Bademode. Eine Armlänge von ihr entfernt musterte ein älterer Herr die ebenfalls heruntergesetzten Schmuckstücke, die hinter einer Verglasung vor Diebstählen geschützt waren. Ohrstecker, Halsketten, Ringe und Armbänder, teils mit winzigen Edelsteinen besetzt. Ob die funkelnden Steine echt waren, wusste Tina nicht. Manche waren gar nicht billig, trotz der Preissenkung.
An den Schmuck kam sie jedenfalls nicht ran.
Der ältere Herr nahm seine Geldbörse aus der hinteren Hosentasche. Sie war aus braunem Leder und schon recht abgegriffen, dafür aber ziemlich dick. Wenn er nicht seit Langem alle möglichen Kassenzettel und Quittungen sammelte, mochte einiges an Geldscheinen darinnen stecken.
Tina senkte den Kopf und schielte, so gut es ging, zu dem Kunden rüber. Ein Bündel aus grünen, braunen und blauen Scheinen befand sich in dem Portemonnaie. Bedächtig begann der alte Mann, seine Barschaft zu zählen.
Eilig lugte Tina nach allen Seiten. Um die Uhrzeit, kurz vor Ladenschluss, war kaum noch Betrieb in dem Geschäft. Dass eine der Überwachungskameras auf sie gerichtet war, war ungünstig. Aber dank ihrer Sweatjacke, deren Kapuze sie über den Kopf gezogen hatte, mochte von ihr nicht viel erkennbar sein.
Weit bis zur Kasse, und damit auch zum Ausgang des Marktes, war es nicht, und sie war schnell.
Ein kleines Mädchen kam mit einem Kindereinkaufswagen um eine Ecke des Regals.
»Opa?«, sprach es den Mann an, der zu der Kleinen blickte.
Tina nutzte den Moment der Ablenkung. Blitzartig entriss sie ihm den Geldbeutel, wandte sich um und rannte in entgegengesetzter Richtung davon. Im Laufen stopfte sie ihr Diebesgut unter die Sweatjacke, deren Reißverschluss nur halb zugezogen war. Die gummierten Sohlen ihrer Turnschuhe boten guten Halt auf den steinernen Bodenfliesen.
»Hilfe!«, hörte sie den alten Mann rufen.
Seine Stimme klang schwach, wahrscheinlich vor Entsetzen. Das kleine Mädchen fing an zu schreien. Dort vorne war die Kasse. Der füllige Kassierer ließ sich gerade von einem grinsenden Teenager, der eine Flasche Schnaps kaufen wollte, den Ausweis zeigen.
Tina rannte an der Kasse vorbei und nach draußen. In dem Moment begann der Alarm zu schrillen. Hektisch blickte sie nach links und rechts. Schon wandten sich die Blicke der wenigen Passanten, die unterwegs waren, ihr zu.
An der roten Ampel, die nur wenige Schritte von ihr entfernt den Verkehr des Wittelsbacherrings regelte, stand ein dunkler Wagen. Eben sprang das Licht von Rot auf Rot-Gelb. Tina sprintete zu dem Fahrzeug, riss die Beifahrertür auf und sprang in das Auto. Die Ampel wurde grün.
»Fahr!«, herrschte sie den Mann an, der hinter dem Steuer saß.
Er wandte ihr den Blick zu. Sein Gesicht hatte einen gelblichen Farbton und war schweißüberzogen. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, dass der füllige Kassierer sowie zwei Passanten zu dem Fahrzeug rannten, in dem sie nun saß.
»Jetzt fahr doch«, brüllte sie.
Der Mann sah zur Straße. Er gab Gas, jedoch bei Weitem nicht so nachdrücklich, wie sie gehofft hatte.
»Schneller!«, fuhr sie ihn an.
Tatsächlich schoss der Wagen nun nach vorne. Die Fahrbahn machte eine leichte Biegung nach rechts. Tina warf dem Fahrer einen schnellen Blick zu. Es war dumm und unüberlegt von ihr gewesen, einfach in das Auto zu springen. Gut möglich, er erkannte sie wieder. Seine Hände umklammerten das Lenkrad. Hätte sie selbst nicht so viel Angst gehabt, erwischt zu werden und die Konsequenzen für den Diebstahl tragen zu müssen, hätte sie sich über den Mann amüsiert. Verrückt, wie viel Angst der Kerl vor ihr hatte.
Plötzlich schnellte der Wagen quer über die vierspurige Straße, direkt auf die Mauer links der Fahrbahn zu. Ein Lkw kam ihnen entgegen. Der Fahrer hupte anhaltend.
»He«, rief Tina schockiert, umklammerte mit einer Hand den Rand des Sitzes und sah wieder zu ihrem unfreiwilligen Chauffeur. Panisches Entsetzen durchjagte sie, als ihr klar wurde, warum der Mann fuhr, als stünde er unter Drogen. Auch seine offenbar geschockte Verfassung war nicht ihr geschuldet, das war jetzt völlig klar.
Der Wagen krachte gegen den Lkw, und Tina verlor das Bewusstsein.
Kriminalhauptkommissarin Kristina Herbich saß hinter ihrem Schreibtisch im Präsidium. Der kleine Ventilator, der rechts neben dem Bildschirm des Computers stand, gab sein Bestes, um für ein kühles Lüftchen zu sorgen.
Aufgeschlagen vor ihr lag eine zehn Jahre alte Akte. An einem kühlen Herbsttag war damals im Bayreuther Stadtpark, dem Hofgarten, ein Obdachloser tot aufgefunden worden. Allem Anschein nach hatte man ihn zu Tode geprügelt. Es hatte reichlich Spuren und auch einige Verdächtige gegeben, doch sämtliche Ermittlungen hatten zu keiner Festnahme führen können.
Wie immer, wenn kein aktueller Fall ihre ganze Aufmerksamkeit forderte, kümmerten sich Kristina und ihr Mitarbeiter Konrad Breuer um ungelöste Fälle der Vergangenheit.
Auch Breuer, dessen Schreibtisch ihrem gegenüberstand, hatte eine Akte vor sich liegen. Er sah jedoch nicht hinein, sondern blickte geistesabwesend Richtung Fenster.
Kristina griff in ihre Handtasche, die unter dem Schreibtisch stand, und zog ihr Handy heraus. Obwohl sie dem stummen schwarzen Display ansehen konnte, dass keine WhatsApp-Nachricht für sie eingegangen war, schaltete sie den Bildschirm ein. Manchmal funktionierte die Meldung einer Nachricht ja auch nicht, die sowohl per akustischem Signal als auch durch das Aufblinken eines kleinen roten Lichts in der oberen rechten Ecke des Mobiltelefons angekündigt wurde.
Nichts. Keine Nachricht von Philipp. Schon wieder nicht. Seit Tagen schon hatte er ihr nicht mehr geschrieben. Resigniert schob sie das Telefon von sich, ließ es aber mit dem Display nach oben auf der Akte »Kroll Georg« liegen. Es war jetzt halb neun. Seit siebzehn Uhr hatten Breuer und sie Feierabend. Doch es zog sie beide nicht nach Hause, wo niemand auf sie wartete.
Ihr Blick ging wieder zu ihrem Kollegen. Er sah schlecht aus. Mager war er geworden, sein Teint hatte eine ungesunde, fahle Farbe, und seine Mundwinkel tendierten nach unten.
Von dem verheerenden Vorfall im vergangenen Herbst, als ihn ein geistig behinderter Mann im Keller eines verlassenen Bauernhofes gefangen gehalten hatte, hatte er sich bislang nicht erholt. Dazu kam der Bruch mit seinem Lebensgefährten Dennis, der ihn betrogen hatte. Was Breuer mehr zusetzte, die tagelange Gefangenschaft oder die Trennung von Dennis, hätte Kristina nicht sagen können.
Sowohl die Ärzte im Klinikum, in das er sofort, nachdem er gefunden worden war, gebracht wurde, als auch ihr gemeinsamer Vorgesetzter Torsten Willbrandt hatten sich dringend und nachdrücklich dafür ausgesprochen, dass Breuer psychologische Behandlung in Anspruch nahm – die er verweigert hatte.
Stattdessen hatte er zeitnah wieder arbeiten wollen.
Nachdem Breuer das Attest eines in Bayreuth neu niedergelassenen Allgemeinarztes vorgelegt hatte, der ihm bescheinigte, wieder einsatzfähig zu sein, hatte Willbrandt schließlich nachgegeben und ihn wieder an seinen Schreibtisch gelassen.
Dabei hatte er allerdings wiederholt betont, dass er damit, ungeachtet des Attestes, große Verantwortung auf sich lud. Seiner Meinung nach war der Kommissar nämlich alles andere als dienstfähig.
Breuer sah noch immer Richtung Fenster, mit seinen Gedanken offenbar weit weg vom Präsidium und von der Akte, die er vor sich liegen hatte.
Kristina dachte, dass er trotz allem noch immer ein attraktiver Mann war. Seine dunklen, sorgfältig frisierten Haare schimmerten. Wahrscheinlich war er beim Friseur gewesen und hatte die ersten grauen Härchen übertönen lassen. Sein weißes Hemd war ordentlich gebügelt, und seine männlich markanten Gesichtszüge sprachen Kristina noch immer an, so wie damals, als sie einander in einer Bar kennengelernt hatten.
Dass Breuer ihr als Mann gefiel, führte zu nichts, das hatte Kristina bereits am Abend ihrer ersten, zufälligen Begegnung erfahren müssen. Doch das hatte sie längst akzeptiert. Sie schätzte ihn sehr, als gewissenhaften, pflichtbewussten Kollegen, auf den sie sich verlassen konnte.
Was seit dem Vorfall im letzten Herbst brüchig geworden war, war die Souveränität, mit der er bis dahin stets aufgetreten war.
Das Läuten des Telefons riss sie aus ihren Erinnerungen. Im selben Moment begann auch ihr Handy zu klingeln.
Breuers Blick ging zu ihr.
»Machen Sie nur«, sagte er ruhig. »Ich geh ran.« Schon streckte er die Hand nach dem Diensttelefon aus.
»Breuer«, meldete er sich.
Kristina sah auf ihr Handy. Ihr Herz machte einen Satz. Philipp rief an. Sie wusste nicht, ob Freude oder Anspannung überwogen. Ob sie sich überhaupt freuen durfte. Zwischen ihnen war in den letzten Monaten mehr und mehr Distanz entstanden.
»Hey«, sagte sie rasch mit gesenkter Stimme und schwenkte ihren Drehstuhl herum, um Breuer bei seinem Telefonat so wenig wie möglich zu stören. Und auch, wie sie sich im selben Moment eingestand, um ihn so wenig wie möglich von ihrem Gespräch mitbekommen zu lassen.
»Hey«, sagte Philipp. Die frühere Zärtlichkeit war aus seiner Stimme verschwunden. »Wie geht’s dir?«, fragte er. Er sprach höflich und durchaus interessiert, jedoch ohne Herzlichkeit. Die Freude verflog. Zu ihrer Anspannung kam bange Nervosität.
»Gut so weit«, behauptete sie und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was sein Anruf bedeuten konnte. »Und dir?«
»Passt schon, wie du sagen würdest«, antwortete er. Jetzt klang er ernst, nicht wie sonst amüsiert, wenn er fränkische Redewendungen aufgriff.
»Ich muss dir was sagen«, fuhr er fort. Ihr Herz pochte hart gegen die Rippen. Nicht hier, nicht jetzt. Doch er wusste ja nicht, dass sie noch auf der Arbeit war. Wobei eine Nachfrage legitim gewesen wäre. Sie machte ja oft Überstunden.
»Ja?«, presste sie hervor, und ein Zittern durchlief sie.
»Ich fahre morgen eine Woche an den Bodensee, zu einem Discofox-Camp.«
Ein Anflug von Erleichterung schob sämtliche Furcht, er könnte ihre Beziehung beenden wollen, ein Stück zur Seite.
»Ah ja«, erwiderte sie.
»Ich habe dich nicht gefragt, ob du mitkommen willst, weil du ja eh nicht gerne tanzt«, erklärte er sich. Dass sie die Freude an seiner liebsten Beschäftigung, dem Tanzen, nicht teilte, war ein steter Stresspunkt zwischen ihnen. Während Philipp völlig im Tanzen aufging, jeden Workshop belegte, der irgendwo greifbar war, zwei Tanzkreisen angehörte und sämtliche Veranstaltungen anfuhr, die ihn interessierten, fühlte sie sich auf dem Parkett unbeholfen und fehl am Platz.
Er wiederum war enttäuscht von ihrer mangelnden Begeisterung, hatte sie schon häufig kritisiert, sie lasse sich nicht führen und habe kein Taktgefühl, und hatte auch nicht damit hinter dem Berg gehalten, lieber mit anderen Frauen zu tanzen als mit ihr.
»Doch wohl nicht alleine«, sagte sie, was ihr durch den Kopf ging.
»Was?«, fragte er irritiert.
»Ich meine, du fährst doch wohl nicht alleine an den Bodensee.« Quälende Eifersucht stieg in ihr auf. Er machte Urlaub, ohne sie. Und überhaupt, die Camps am Bodensee dauerten doch in der Regel nur ein Wochenende? Er hatte gesagt, er fuhr eine ganze Woche!
»Ich mache die Workshops mit Melanie«, erwiderte er ruhig. »Jeder fährt selber. Wir treffen uns dort.«
Das machte es nicht besser.
»Wer ist Melanie?« Es schnürte ihr die Kehle zu.
»Ich habe sie vor ein paar Wochen in der Pyramide kennengelernt«, gab Philipp Auskunft.
Die Pyramide. Sie sah die Veranstaltungsstätte vor sich, die in Mainz nahe der A 60 lag. Sie waren schon gemeinsam dort zum Tanzen gewesen.
»Und da fährst du gleich mit ihr …«
Es schnürte ihr die Kehle zu. Sie dachte, dass Breuer dennoch mithören konnte, obwohl sie sich abgewandt hatte und obwohl er selbst noch telefonierte, wie sie gelegentlichen Worten von ihm entnehmen konnte.
»Melanie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr Mann tanzt auch gerne, kann aber beruflich nicht weg. Deswegen machen jetzt wir den Workshop zusammen«, erläuterte Philipp. Das machte es nicht besser.
»Und wieso eine Woche? Du hast doch immer gesagt, das Bodensee-Camp ist immer von Freitag bis Sonntag.« In ihr brannte und nagte es, dass er sie von vorneherein ausgegrenzt hatte.
»Ich will noch ein paar Tage ausspannen«, erwiderte er. »Die Gegend dort ist sehr schön.«
»Die Gegend dort ist schön? Seit wann interessiert dich das?« Sie konnte sich kaum mehr beherrschen, wütend und unglücklich, wie sie nun war. Philipps einziges Hobby war das Tanzen. Bereits der Vorschlag eines Spaziergangs stieß bei ihm auf wenig Gegenliebe.
»Kristina, ich muss hier mal raus«, sagte er. »Ich sitze ständig in meiner Wohnung, und wir sehen uns kaum noch. Wenn ich bei dir bin, geht immer die Arbeit vor. Und zu mir ins Saarland kommst du ja auch nicht mehr, und wenn, dann höchstens für zwei Tage. Und das auf die Entfernung. Das führt doch alles zu nichts.«
Also doch. Ihr Puls hämmerte.
»Was soll das heißen?« Am liebsten wäre sie in Tränen ausgebrochen. Breuers Anwesenheit hinderte sie daran.
»Dass ich nachdenken muss. Das kann ich von zu Hause aus nicht«, sagte er ruhig.
»Frau Herbich?«, hörte sie Breuer sagen.
»Warte kurz«, wies sie Philipp an und wandte sich zu ihrem Mitarbeiter um.
»Wir müssen«, ergänzte Breuer.
»Was?« Sie fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen.
»Wir müssen los. Ein Kind wird vermisst, und es gibt Blutspuren vor der Wohnung der Mutter«, informierte Breuer sie.
»Ja, sofort.« Sie drehte ihm wieder den Rücken zu. »Ich muss los. Wir haben einen Fall.«
»Wie immer. Wir können nicht einmal telefonieren.« Er sprach sachlich, nicht resigniert oder unglücklich wie früher. »Kristina, es ist halb neun, und du bist auf der Arbeit. Du verpasst das Leben.«
»Ich ruf dich später noch mal an«, sagte sie eilig.
»Nein. Ich fahre jetzt gleich nach St. Ingbert in die Alte Schmelz. Da ist Ü30-Party«, wies er sie zurück.
»Na dann, schönen Abend und schönen Urlaub!« Sie drückte das Gespräch weg, ehe Philipp sich verabschieden konnte.
Breuer, der schon bei der Bürotür stand, hob die rechte Hand, in der er seinen Schlüsselbund hielt.
»Ich fahre«, sagte er. »Und unterwegs erzähle ich Ihnen, was wir schon wissen.«
Sie nickte nur. Ungeachtet dessen, dass sie seine Vorgesetzte war, war sie froh, dass er im Moment die Regie übernahm.
Kristina legte den Sicherheitsgurt an.
»Wohin müssen wir?«, fragte sie. Ihre Gedanken waren bei Philipp und dem eben geführten Telefonat.
»In die Gravenreuther Straße«, erwiderte Breuer, setzte den Blinker und fuhr vom Parkplatz des Präsidiums auf die Werner-Siemens-Straße.
»Wo ist die?«
»Beim Festspielhaus«, antwortete der Kollege und warf ihr einen schnellen Blick zu.
Kristina beschloss, diesen Blick zu ignorieren. Einer ihrer Schwachpunkte war, dass sie sich in ihrer Heimatstadt Bayreuth zwar bestens auskannte, aber nur die Straßen namentlich zuordnen konnte, die gewissermaßen zu ihrem Alltag gehörten.
»Und was ist passiert?«, fragte sie und sah geradeaus durch die Windschutzscheibe. Sie standen jetzt in der Romanstraße an der Ampel, die rotes Licht zeigte. Breuer hatte den Blinker gesetzt, um nach links in den Hohenzollernring abzubiegen.
»Eine völlig aufgelöste Mutter hat angerufen. Die Frau heißt Olivia Heinke. Ihr Sohn ist verschwunden. Der Junge war offenbar alleine in der Wohnung, und als sie nach Hause gekommen ist, stand die Tür offen, und eine Blutspur führt bis auf die Straße«, setzte Breuer sie ins Bild.
»Lieber Himmel«, murmelte Kristina, die das Blut jetzt schon vor sich sah. »Wie alt ist der Junge?«
»Sieben Jahre.«
Die Ampel schaltete auf Grün, und Breuer legte den ersten Gang ein. Er fuhr ein paar hundert Meter den vierspurigen Hohenzollernring entlang, auf dem um diese Uhrzeit nicht viel Verkehr herrschte, und bog am Annecyplatz nach rechts in die Bahnhofstraße ein. Schon jetzt waren links und rechts der Straße die Flaggen gehisst anlässlich der Richard-Wagner-Festspiele, die in einigen Tagen beginnen sollten.
Die Bahnhofstraße ging über in die Bürgerreuther Straße, von der aus man direkt auf das Festspielhaus sehen konnte. Der kleine gepflegte Park davor, mit dem alten Baumbestand und den sorgfältig geschnittenen Rasenflächen, wurde von einer breiten Zufahrt zweigeteilt. Oben auf dem Grünen Hügel ragte das altehrwürdige Festspielgebäude empor, eingerahmt von prächtigen Laubbäumen. Ein paar letzte Strahlen der Abendsonne tauchten es in goldenes Licht.
Auf einer gar nicht mal sehr großen Rasenfläche davor war ein Emblem aus einer Vielzahl von leuchtend bunten Sommerblumen gepflanzt, so angeordnet, dass sie das Hauswappen der Familie Wagner darstellten.
»Immer wieder beeindruckend«, bemerkte Breuer, der ob eines vor ihnen fahrenden Microcars, dessen Höchstgeschwindigkeit auf fünfundzwanzig Kilometer pro Stunde beschränkt war, ebenfalls sehr langsam fahren musste.
»Was?«, fragte Kristina.
Breuer zeigte zum Festspielhaus mit seinen hohen, vorwiegend bogenförmigen Fenstern und der roten Backsteinfassade.
»Das Haus, der Park, die Blumen. Alles«, sagte er.
»Ja«, stimmte Kristina zu und dachte, dass sie nie mit Philipp hier gewesen war.
Doch, korrigierte sie sich gleich darauf. Sie waren ein Mal im Wald der Hohen Warte spazieren gegangen, der gleich hinter dem Grünen Hügel begann. Doch damals war es Herbst gewesen und die Festspiele vorbei und die Blumenpracht verblüht.
Sie sah wieder das Herbstlaub vor sich, das an jenem sonnigen, aber kühlen Tag von leichtem Wind getrieben über die Straße getänzelt war, und in ihrer Erinnerung spürte sie Philipps Hand, der ihre genommen hatte. Er war dabei, sich aus ihrem Leben zu verabschieden. Das tat richtig weh, und es machte ihr Angst.
Der Fahrer des Microcars war verschwunden, wohin, wusste sie nicht.
Breuer bog nach rechts ab in die Tristanstraße, von der aus es nach wenigen Metern wieder nach rechts in die Gravenreuther Straße ging.
»Wir sind da«, verkündete er und hielt am Straßenrand.
Sie löste ihren Sicherheitsgurt und stieg gleichzeitig mit ihrem Kollegen aus.
Die Blutspur, die in Tropfen über den Gehweg von der Haustür zur Straße hin verlief, war längst nicht so auffällig, wie sie gedacht hatte. Am Straßenrand brach die Spur ab.
»Holen Sie gleich mal die Spurensicherung dazu«, wies Kristina Breuer an.
»Mach ich«, erwiderte er, zog sein Mobiltelefon aus der Brusttasche seines Hemds und führte ein kurzes Telefonat.
Währenddessen ließ Kristina den Blick durch die Wohngegend schweifen. Ein Haus ähnelte dem anderen, in Sichtweite gab es einen Supermarkt der Edeka-Gruppe. Auf dem fast verlassenen Parkplatz davor standen ein schwarzer VW Golf älteren Baujahres und ein kleiner weißer Kastenwagen.
»Wir können«, sagte Breuer und steckte sein Telefon wieder ein.
Kristina ging vor ihm zur Haustür, zu der die Blutspur führte. Beide achteten darauf, nicht hineinzutreten.
Drei Klingeln waren neben der Tür angebracht. Bei der untersten stand »Heinke«, in der Mitte stand kein Name und oben »Guntram«. Noch ehe Kristina geläutet hatte, ertönte der Türsummer. Sie drückte mit der Schulter die Tür auf. Eine steinerne Treppe führte ins Hochparterre, auch auf ihr waren Blutstropfen zu sehen.
Unter der geöffneten Wohnungstür stand eine schlanke Frau mit schulterlangen braunen Haaren und vom Weinen verquollenem Gesicht. Sie trug eine dünne hellgraue Strickjacke, die sie mit beiden Händen so fest um ihren Körper zerrte, dass durch das Material an manchen Stellen ihr weißes T-Shirt durchschimmerte. Auch im Flur ihrer Wohnung vor ihren Füßen waren Blutflecke zu sehen, nicht allzu groß.
»Frau Heinke?«, fragte Kristina und tastete bereits nach ihrem Ausweis, der in der hinteren Hosentasche hätte stecken sollen. Er war nicht da. Sie erinnerte sich, ihn in die oberste Schublade ihres Schreibtisches im Präsidium gelegt zu haben, und ließ die Hand sinken.
Die Frau nickte heftig.
»Mein Name ist Kristina Herbich. Ich bin Kriminalhauptkommissarin, das ist mein Kollege Konrad Breuer. Sie haben Ihren Sohn als vermisst gemeldet«, sagte sie.
»Ja«, stieß die Frau hervor. »Kommen Sie herein, aber … hier …« Sie machte eine Kopfbewegung zum Fußboden hin.
Kristina und Breuer stiegen über das Blut. Der Flur war schmal, rechts stand ein halbhohes Schuhregal. Auf ihm saß die Figur einer Eule, etwa fünfzehn Zentimeter hoch, vermutlich aus Gusseisen.
Frau Heinke eilte vor ihnen her in ein kleines Wohnzimmer.
»Bitte.« Sie zeigte zu einem hellblauen zweisitzigen Sofa und nahm selbst auf einem runden Hocker in gleicher Farbe Platz.
»Was ist passiert?«, fragte Kristina, noch während sie sich setzte. Da ihr klar war, dass sie und Breuer sich das schmale Sofa teilen mussten, nahm sie so dicht wie möglich am Rand Platz.
»Ich war bei meinem Nachbarn«, begann Olivia Heinke zu erzählen. »Es ist später geworden, als ich dachte, und als ich wiederkam, da … da war überall Blut, auch auf der Straße, und die Tür war nur angelehnt und Lenni verschwunden.« Sie sprach abgehackt und brach unvermittelt in hysterisches Schluchzen aus.
»Bitte, versuchen Sie, sich zu beruhigen«, sagte Breuer. »Brauchen Sie einen Arzt?«
»Ich brauche keinen Arzt! Mein Kind ist weg«, stieß sie hervor. »Suchen Sie Lenni, bitte! Was ist, wenn …? Das Blut! Das muss doch wo herkommen!«
»Wir geben Ihren Sohn in die Vermisstenfahndung«, versprach Kristina. »Aber dazu brauchen wir noch einige Angaben von Ihnen. Haben Sie ein Foto von Lenni?«
Olivia Heinke nickte. Sie stand auf, verließ das Wohnzimmer und kam gleich darauf mit einem gerahmten Foto zurück. Ein kleiner Junge lächelte ihnen entgegen. Er hatte die gleiche Haarfarbe wie seine Mutter und eine Zahnlücke. Neben seinem Gesicht war der Teil einer Schultüte zu sehen.
»Das Bild ist ein knappes Jahr alt«, sagte die Mutter des Kindes mit heiserer Stimme. »Die Zahnlücke hat er nicht mehr.«
»Wie groß ist er ungefähr?«, fragte Breuer.
»So, in etwa.« Olivia Heinke hielt ihre Hand auf Höhe ihrer Taille. »Er ist klein für sein Alter. Er wurde ein paar Wochen zu früh geboren.«
Mit der Größenangabe war wenig anzufangen.
»Können wir das Foto behalten? Vorübergehend?«, fragte Kristina.
»Natürlich.« Die Frau setzte sich wieder.
»Wissen Sie, was Ihr Sohn zum Zeitpunkt des Verschwindens anhatte?«, erkundigte sich Breuer.
»Als ich nach drüben zu meinem Nachbarn gegangen bin, hatte er eine Jeans an und ein gelbes T-Shirt mit einem Bagger darauf«, flüsterte Olivia Heinke. Sie hielt wieder die Arme vor dem Bauch verschränkt und sah zu Boden, während sie sprach. Eine Träne lief über ihre Wange.
»Hat Lenni irgendwelche besonderen Merkmale?«, fragte Kristina.
»Er hat ein winziges Muttermal hinter dem rechten Ohr«, presste die Mutter des Jungen hervor.
Das war nicht wirklich hilfreich. Ein solches Muttermal fiel kaum auf.
»Wie lange war Ihr Sohn hier in der Wohnung allein?«, erkundigte sich Kristina.
»Zwei Stunden … etwa …«, murmelte Olivia Heinke, und ihre bleichen Wangen röteten sich.
»Zwei Stunden? Ganz allein?«, forschte Kristina und dachte, dass die zwei Stunden womöglich untertrieben waren.
»Es ging nicht anders. Und ich wollte ja auch viel früher zurück sein«, presste die junge Frau hervor.
»Von wann bis wann waren Sie bei Ihrem Nachbarn?«, wollte Kristina wissen.
»Ich muss gegen achtzehn Uhr zu ihm gegangen sein. So genau kann ich es nicht mehr sagen. Es war kurz vor halb neun, als ich zurück war«, gab sie Auskunft.
»Was ist mit dem Vater von Lenni?«, erkundigte Kristina sich.
»Mein Mann ist vor sechs Jahren verstorben. Seither sind mein Sohn und ich allein«, gab Frau Heinke Auskunft.
»Ich kümmere mich schon mal um die Fahndung, okay?«, unterbrach Breuer das Gespräch und sah Kristina an.
»Ja, danke. Und fragen Sie bitte nach, wo die Spurensicherung bleibt«, sagte Kristina.
Breuer nickte. Er stand auf und verließ den Raum. Kristina hörte, dass er in den Hausflur trat.
»Wozu die Spurensicherung?« Verängstigt sah Olivia Heinke sie an. »Wegen dem Blut?«
»Ja. Wir lassen untersuchen, ob es von Ihrem Sohn ist.«
»Lieber Himmel, bitte nicht«, flüsterte die Frau. »Wenn es von ihm ist und wenn er verletzt ist … er kann längst verblutet sein.«
»Davon sollten wir nicht ausgehen«, bemühte Kristina sich, sie zu beruhigen. Zwar wies die Blutspur durchaus auf die Möglichkeit einer Verletzung hin, doch nach der Menge des Blutes drohte vermutlich keine Lebensgefahr für das Kind. Wobei ja noch gar nicht gesagt war, dass es von Lenni stammte.
»Wir brauchen für einen Abgleich die Zahnbürste Ihres Jungen«, sprach Kristina weiter. »Oder ein paar Haare.«
»Ich gebe Ihnen seine Zahnbürste«, erwiderte die Mutter. Ein Zittern durchlief sie.
»Sie sagten vorhin, die Wohnungstür wäre nur angelehnt gewesen?«, fragte Kristina.
»Ja«, flüsterte Olivia Heinke.
»Das heißt, entweder jemand besitzt einen Schlüssel zu Ihrer Wohnung, oder Ihr Sohn hat jemandem geöffnet«, schlussfolgerte Kristina.
»Außer mir hat niemand einen Schlüssel«, erwiderte Olivia.
»Wem könnte Ihr Sohn geöffnet haben?«
»Ich weiß es doch nicht!« Verzweifelt sah sie sie an. »Er weiß, dass er niemandem öffnen darf. Bisher hat er sich immer daran gehalten.«
Oder es hat nie jemand geklingelt, dachte Kristina.
»Wissen Sie von jemandem, der versucht hat, Lennis Vertrauen zu gewinnen? Hat Ihr Sohn in der Hinsicht mal etwas erzählt?«, fragte Kristina.
»Sie denken an ein Sexualdelikt?«, sprach die Mutter direkt aus, was Kristina nicht so deutlich hatte äußern wollen, und sah sie entsetzt an. Unvermittelt fing sie wieder an zu schluchzen.
»Ich denke an nichts Konkretes«, erwiderte Kristina sanft. »Wir dürfen aber natürlich auch nichts außer Acht lassen.«
Olivia nickte und presste die Hände zusammen.
»Nein, nein, er hat nie etwas gesagt. Wir leben relativ zurückgezogen. Lenni hat zwei gute Freunde, mit denen er manchmal spielt. Entweder hier bei uns oder bei seinen Freunden. Die wohnen aber beide nicht ums Eck, sondern in Heinersreuth. Tim und Jonas. Oft treffen sie sich zu dritt zum Spielen bei Tim«, gab Olivia Auskunft.
»Warum gerade bei Tim?«, fragte Kristina.
»Weil seine Eltern einen großen Garten haben und die von Jonas eine Wohnung ohne Balkon«, erwiderte Olivia.
»Und woher kennen die Kinder sich?«
Sie würden wohl kaum gemeinsam eine Grundschule besuchen. Oder doch? Heinersreuth lag etwa vier Kilometer von Bayreuth entfernt. Mit der Einteilung der Schulsprengel kannte sie sich nicht aus.
»Aus einer Kinderspielgruppe, die ich mit Lenni einmal in der Woche besucht habe, ehe er in den Kindergarten gekommen ist«, erwiderte Olivia.
»Ich brauche die Nachnamen der Kinder und die Telefonnummern. Wir müssen mit ihnen reden«, sagte Kristina.
»Sicher«, murmelte Olivia.
Kristina tippte die Angaben in die Notizbuchfunktion ihres Telefons.
»Gibt es irgendjemanden, an den Sie im Zusammenhang mit dem Verschwinden Ihres Jungen denken müssen? Jemand, der extrem wütend auf Sie ist, zum Beispiel?«, fuhr sie danach mit ihren Fragen fort.
»Sie meinen, ob ich Feinde habe?« Olivia schüttelte den Kopf. »Ich wüsste niemanden.«
»Was machen Sie beruflich, Frau Heinke?«
»Ich bin Apothekenhelferin, in der St.-Johannis-Apotheke in Hummeltal.« Olivia presste die Handflächen aneinander. »Ich arbeite nur halbe Tage, wegen Lenni. Ausschließlich vormittags.«
»Kommt es öfters vor, dass Ihr Sohn allein zu Hause ist?« Die Frage konnte sie der schockierten Mutter nicht ersparen.
»Ab und zu«, gab sie zu.
»Warum?«
»Ich muss ja auch mal einkaufen oder so. Lenni mag nicht immer mitgehen. Außerdem kümmere ich mich um Gustav Schlesing, den Nachbarn, bei dem ich war. Er ist neunundachtzig Jahre und wohnt zwei Häuser weiter«, erklärte Olivia.
»Sie pflegen ihn?«, fragte Kristina.
»Pflegen ist übertrieben. Zweimal am Tag kommt ein Pflegedienst und hilft ihm beim Waschen und Anziehen und so weiter. Aber das reicht doch nicht. Er ist ganz allein. Ich lese ihm vor, bringe in der Wohnung was in Ordnung oder kaufe etwas für ihn ein. Solche Dinge eben«, berichtete Olivia.
»Gegen Vergütung?«, fragte Kristina.
»Nein. Ich mache das gerne. Wir kennen uns schon lange. Ich kann Lenni aber nicht mit zu ihm nehmen.«
»Warum nicht?« Wahrscheinlich langweilte sich der Junge, wenn seine Mutter den betagten Nachbarn unterstützte.
»Herr Schlesing hat einen Kater, an dem er sehr hängt. Lenni hat eine Katzenhaarallergie«, erwiderte Olivia.
Breuer betrat wieder das Zimmer.
»Die Fahndung läuft, und die Spurensicherung ist eben angekommen. Ich könnte mich bei den Nachbarn erkundigen, ob jemand etwas mitbekommen hat«, schlug er vor.
»Hier im Haus sicher nicht«, warf Olivia ein, ehe Kristina etwas sagen konnte. »Die Wohnung über uns steht leer, und der Mieter ganz oben ist Student und macht eben ein Auslandssemester.«
»Ich nehme an, Herr Schlesing kann bezeugen, dass Sie in der fraglichen Zeit bei ihm waren?«, fragte Kristina und stand auf.
»Bezeugen?« Fassungslos sah Olivia sie an. »Verdächtigen Sie etwa mich, ich könnte meinem Kind etwas angetan haben?«
»Das ist reine Routine, Frau Heinke«, versicherte Kristina. Die Mutter des vermissten Jungen stand ebenfalls auf.
»Ich weiß nicht, ob er es bezeugen kann«, stieß Olivia hervor. »Herr Schlesing ist dement.«
Für Sekunden wurde es still im Raum.
»Wir werden trotzdem mit ihm sprechen«, beschloss Kristina. »Sie halten sich bitte zur Verfügung, Frau Heinke. Falls Ihnen noch irgendetwas einfällt, egal was, melden Sie sich bitte bei uns.«
»Ich soll mich zur Verfügung halten?« Die Stimme der Frau bebte. »Was denken Sie denn? Mein Sohn ist verschwunden, und hier scheint das reinste Massaker abgelaufen zu sein! Natürlich bleibe ich hier!«
»Selbstverständlich«, sagte Breuer ruhig. Er nestelte eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines Hemds und reichte sie Olivia. »Sie können uns jederzeit erreichen.«
»Holen Sie uns bitte noch die Zahnbürste Ihres Jungen«, erinnerte Kristina sie.
Olivia verließ mit hektischen Schritten den Raum.
Kristina trat nach Breuer aus dem Haus. Mittlerweile war das Tageslicht in abendliche Dämmerung übergegangen.
»Massaker ist gnadenlos übertrieben«, raunte sie Breuer zu.
»Bei ihr liegen die Nerven blank. Das verzerrt die Wahrnehmung«, raunte ihr Kollege zurück.
»Wahrscheinlich«, erwiderte Kristina, nun wieder in normaler Lautstärke.
Alexander Forsch, der Leiter der Spurensicherung, saß in seinem weißen Schutzanzug in der Hocke und entnahm eben eine Probe von dem Blut am Boden. Auf dem Kopf trug er eine Stirnlampe.
»Guten Abend, Herr Forsch«, begrüßte Kristina den Kollegen. Breuer schloss sich mit einem Gruß an.
»So gut ist der Abend nicht«, bemerkte Forsch, richtete sich auf. Geblendet sah Kristina zur Seite. Forsch knipste die Stirnlampe aus. »Wisst ihr schon etwas Wesentliches?«
»Nicht viel«, gab Kristina zu und setzte ihn mit wenigen Worten ins Bild. »Nehmen Sie bitte auch Proben von dem Blut im Hausflur und im Eingangsbereich der Wohnung«, sagte sie abschließend.
»Sie meinen, das Blut könnte von zwei Personen stammen?«, mutmaßte Forsch.
»Ich meine gar nichts. Aber was können wir schon ausschließen?«, erwiderte Kristina.
»Vielleicht hat sich der Junge selbst verletzt. Aus Versehen, meine ich«, überlegte Forsch. »Dann hat er Angst bekommen und die Wohnung verlassen, um Hilfe zu holen. Vielleicht wollte er zu seiner Mutter, die war ja nicht weit weg.« Flüchtig blickte Forsch in die Richtung, aus der Olivia Heinke gekommen sein musste.
»Das ergibt keinen Sinn«, widersprach Breuer. »Die Blutspur bricht genau hier ab.« Er zeigte auf eine Stelle zwischen Gehweg und Straßenrand, wenige Meter von Forschs Wagen entfernt. »Entweder, er wäre hier zusammengebrochen, und dafür reicht mir die Blutmenge nicht, oder er hätte umkehren und zurück ins Haus laufen müssen. Dann hätten wir eine Art doppelte Blutspur, die quasi wieder zurückverlaufen müsste.«
»Verstehe«, murmelte Forsch nachdenklich.
»Es kann auch sein, dass hier ein Passant vorbeigekommen ist, zum Beispiel mit seinem Auto, und den Jungen bemerkt hat. Vielleicht hat er ihn umgehend in die Klinik gebracht«, setzte Kristina die Gedankengänge ihrer Kollegen fort.
»Bei einer vermutlich nur kleinen Verletzung?«, fragte Breuer. Er klang nicht überzeugt. »Und selbst wenn«, fuhr er fort. »Ich denke, jeder, der dem Jungen zu Hilfe gekommen wäre, hätte uns von dem Vorfall verständigt.«
»Es sei denn, derjenige ist in irgendeiner Form in die Angelegenheit verwickelt«, bemerkte Forsch.
Wir spekulieren, dachte Kristina.