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In vielen Ländern rund ums Mittelmeer und in Osteuropa haben sich Tierschützer zur Aufgabe gemacht, Streunerhunden und Hunden aus schlechter Haltung zu einem artgerechteren Leben zu verhelfen. Dazu zählt in erster Linie die Überzeugungsarbeit bei der örltichen Bevölkerung und bei der Politik, um einen tiergerechten Umgang mit den Haustieren zu erreichen. Natürlich werden auch in die Auffangstationen und Tierheime aufgenommene Tiere an tierliebe Menschen vermittelt. Ziel ist es jedoch, die Vermittlung in erster Linie im jeweiligen Land voran zu bringen. Allerdings werden auch enige Hunde nach Deutschland vermittelt. Das Buch soll helfen, ein wenig Verständnis für die Belange der Haustiere in dem uns umgebenden Europa zu vermitteln. Sofern man aber die Absicht hat, einen Auslandshund zu adoptieren, werden recht bald eine Vielzahl von Fragen auftauchen. Das Buch soll den Vermittlungsprozeß eines zu adoptierenden Hundes begleiten und möglichst transparent machen, um vorhersehbare Fehler zu vermeiden. Desweiteren soll über die prinzipielle Arbeit der Tierschutzorganisationen vor Ort und einige der unzähligen Schwierigkeiten, die immer wieder dabei auftreten, informiert werden. Auch wenn dabei immer wieder Spanien und speziell Mallorca auftaucht, so sind die Umstände anderenorts meist nicht viel anders.
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Frank Siegert
Endstation Son Reus?
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Dankeschön an meine drei wundervollen Südländer.
Gebet eines Streuners 1
1. Vorwort
2. Endstation Son Reus4 – oder doch nicht?5
3. Das Schicksal der Hunde im Süden
3.1 Woher kommen die Tierschutzhunde?
3.1.1 Die Streuner
3.1.2 Abgabehunde
3.1.3 Beschlagnahmte Hunde
3.2 Wie behandeln die Behörden das Problem Tierschutz?
3.3 Wie behandeln die Tierschützer das Problem?
4. Zurück im Tierheim von MADRA
5. Vor der Anschaffung eines Hundes
6. Welcher Hund für welchen Menschen?
7. Woher bekomme ich einen Auslandshund?
7.1 Die spontane Anschaffung
7.2 Die geplante Anschaffung
7.2.1 Hunde im Ausland
7.2.2 Hunde auf einer Pflegestelle
7.3 Die seriöse Tierschutzorganisation
8. Hurano fasst vorsichtig Vertrauen
9. Die Vermittlung eines Auslandshundes
9.1 Wer die Wahl hat, hat die Qual
9.2 Erste Kontaktaufnahme
9.3 Die Vorkontrolle
9.4 Der Tierschutzvertrag
9.5 Einreisebestimmungen
9.6 Bevor der Hund ins Haus kommt
9.7 Der Transport
9.7.1 Hund von der Pflegestelle
9.7.2 Hund aus dem Ausland
9.7.2.1 Transport mit dem Auto
9.7.2.2 Transport mit dem Flugzeug
9.8 Abholung vom Flughafen
9.9 Ankunft zu Hause
10. Notruf aus S’Arenal
11. Krankheiten und andere Faktoren
11.1 Sogenannten Reisekrankheiten
11.1.1 Leishmaniose
11.1.2 Ehrlichiose
11.1.3 Babesiose
11.1.4 Hepatozoomose
11.1.5 Dirofilariose
11.1.6 Zusammenfassung Reisekrankheiten
11.2 In Deutschland kaum noch auftretende Krankheiten
11.2.1 Tollwut
11.2.2 Parvovirus
11.2.3 Staupe
11.3 Würmer
11.4 Zusammenfassung
12. Die ausgemusterten Jagdhunde
13. Der neue Hund – das unbekannte Wesen
13.1 Ehemaliger Abgabehund oder Streuner
13.2 Umwelterfahrungen des Hundes
13.3 Von Regeln und Grenzen
13.4 Der Klimawechsel
13.5 Test auf Krankheiten nach der Adoption
14. Kinder. Kinder
15. Vom Streuner zum Familienhund
15.1 Allgemeines zur Hundeerziehung
15.2 Rassespezifische Besonderheiten
15.3 Sozialkontakte
15.4 Stubenreinheit
15.5 Kommunikation mit dem Hund
15.6 Probleme rund ums Futter
15.7 Der Jagdtrieb
15.8 Aggression beim Hund
15.9 Hundeschule, privater Hundetrainer, Eigentraining
16. Post aus Deutschland
17. Rechtliche Hinweise
18. Ein dauerhaftes Zuhause für Hurano
19. Sonstige Hilfemöglichkeiten
19.1 Sach- und Geldspenden
19.2 Patenschaften über Tiere
19.3 Mitgliedschaft in einer Tierschutzorganisation
19.4 Hilfe vor Ort im Tierheim
19.5 Praktikum bei den Tierschützern
19.6 Flugpatenschaften
19.7 Pflegestelle
19.8 Sonstige Hilfen
20. Schlusswort
Endnotenverzeichnis
Anhang
Impressum neobooks
Timmi aus Berga / Barcelona (gest. 2009)
Kuno aus Cala d‘Or / Mallorca (gest. 2008)
Fido aus Paphos / Zypern
Lieber Gott hilf mir bei meiner Qual,
der ganzen Welt bin ich egal,
niemand da, der an mich denkt,
der mir ein wenig Liebe schenkt.
So müde von der Streunerei,
zieht keine Hoffnung mehr vorbei.
Vor Schmerzen kann ich kaum noch stehen,
muss trotzdem durch den Regen gehen.
Bei meinem schweren Gange hier,
verzweifle ich und bet‘ zu Dir:
um jemand, der mich wirklich liebt,
mir eine warme Obhut gibt.
Mit einem schönen, warmen Bett.
Ja - und mit `nem Knochen – das wär nett!
Beim letzten Herrchen war es schlimm,
bin froh, dass ich dort nicht mehr bin.
Ohne Wasser, angekettet,
hat mich nur die Flucht gerettet.
Meine Leine hab ich durchgebissen,
und bin von dort dann ausgerissen.
Lieber ein Streuner! Lieber allein!
Als ewig eingesperrt zu sein.
Jetzt, lieber Gott, bin ich geschafft.
Ich kann nicht mehr, mir fehlt die Kraft.
Bin müde, hungrig – mir ist kalt.
Ich fürchte, Gott, ich werd‘ nicht alt.
Mit Stöcken jagt man mich und Steinen,
doch mir bleibt keine Zeit zum weinen.
muss durch die Straßen – Knochen finden –
Obwohl stetig meine Kräfte schwinden.
Hab’s nicht verdient, bin eigentlich gut,
will nicht, dass man mir böses tut.
Vorn Würmern geplagt, von Flöhen gebissen,
lieber Gott, ich möchte von Dir wissen,
ob’s jemanden gibt auf dieser Welt,
dem ich und der auch mir gefällt?
Sollt es diesen jemand geben,
so würd‘ mein Herz vor Freude beben.
Ja! Alles würd‘ ich für ihn machen
Und kau auch nicht auf seinen Sachen.
Ihm lauf ich ganz bestimmt nicht fort,
Ich liebe ihn und hör auf’s Wort.
Doch so schwach, allein wie ich jetzt bin,
macht Weiterleben keinen Sinn.
Schmutzig und unendlich mager
Weine ich jede Nacht in meinem Lager,
weil ich mir solche Sorgen mache,
ob ich am nächsten Tag erwache.
Soviel Liebe und Treue kann ich geben,
will deshalb eine Chance zum Leben.
Oh, lieber Gott erhör mich gleich,
bevor die letzte Hoffnung weicht
und schicke jemand, der mich liebt.
Ende Februar / Anfang März 2013 erhielt ich nach einen Aufruf bei Facebook, mit welchem wir Flugpaten für Spanien und Zypern suchten, ein paar E-Mails, die mich anfangs sehr verärgerten, die aber nach längerem Nachdenken dazu führten, dieses Buch zu schreiben. In den E-Mails wurden Vorwürfe laut, wie: „in Deutschland gäbe es genug Hunde, die Tierheime seien voll, die Tierschutzorganisationen im Auslandstierschutz machten ohnehin nur falsche Versprechungen, weil die vermittelten Tiere meist krank oder psychisch stark gestört seien usw.“. Das Übelste, was ich lesen musste, war, dass den Tierschützern Gewinnstreben und Uneigennützigkeit vorgeworfen wurde. Sicher, schwarze Schafe gibt es leider überall und ich möchte auch nicht behaupten, dass es nicht vereinzelt Personen oder Gruppen gibt, die sich als „Tierschützer“ ausgeben, in Wirklichkeit aber skrupellose Tierhändler sind. Die meisten im Auslandstierschutz arbeitenden Organisationen sind aber seriös und verdienen es nicht, in diese Schublade gesteckt zu werden.
In Deutschland jedenfalls haben Tiere im Allgemeinen und Hunde im Speziellen einen recht guten gesetzlichen Grundschutz. Dass es auch hierzulande gelegentlich zu schweren Rechtsverletzungen kommt, ist eher die Ausnahme. Es kommt aber leider vor. In sehr vielen Ländern unserer Erde jedoch genießen Hunde absolut keinen gesetzlichen Schutz, im Gegenteil, wie im Herbst 2013 aus Rumänien bekannt geworden ist, wo nunmehr Hunde, vorrangig Streuner, offiziell per Gesetzt getötet werden dürfen. Nicht für umsonst wird vermutet, dass jährlich weltweit mehr als 10 Millionen Hunde2 getötet werden. Dies geschieht nicht, weil sie vielleicht krank oder alt und schwach wären. Nein, dies geschieht, weil es zu viele sind, weil sie keiner haben möchte und weil sie stören, den Tourismus, den Sport, den Kommerz im Allgemeinen usw.. Getötet werden sowohl junge, alte, kranke sowie völlig gesunde Hunde, selbst Welpen.
Die Hunde können nichts dafür, dass die Menschen mit ihrer großen Zahl nicht mehr zurecht kommen. Einzig wir, die Menschen, haben dafür gesorgt und sorgen leider auch weiterhin dafür, dass immer und immer weiter unzählige Hunde in die Welt gesetzt werden, von denen ein großer Teil ein jämmerliches Dasein fristen muss, das sie dann oft noch unnötig mit dem Leben bezahlen müssen.
Im Auslandstierschutz geht es vor allem darum, bei den Menschen vor Ort ein Bewusstsein für die Tiere zu schaffen. Natürlich werden auch einige Hunde nach Deutschland oder in andere Länder vermittelt. Frank Weber vom Franziskaner Tierheim in Hamburg hat dazu folgende, völlig plausible Erklärung geäußert: "... an Staffordshire, Rottweiler, Dobermann, Schäferhund und Herdenschutzhunden herrscht meistens kein Mangel. An Interessenten, die mit solchen Hunden umgehen können, aber schon. Was nur noch selten im Tierheim abgegeben wird, sind gesunde, sozialverträgliche und freundliche Hunde. Und eben diese Hunde sind es, die der normale Hundehalter gerne in seine Familie holen würde. Wohin kann man denn eine sympathische Familie mit Kindern schicken, wenn man keinen im Tierschutz geeigneten Hund hat? Soll man ihnen sagen, sie sollen sich mal im Internet umschauen oder gleich beim nächsten Hundehändler - da ist es billiger? Und gleichzeitig sitzen in Tierheimen und Tötungsstationen im uns umgebenden Europa Tausende von armen Seelen unter erbarmungswürdigen und lebensbedrohlichen Bedingungen. Darunter Hunderte unkomplizierte freundliche Hunde, die in ihren Herkunftsländern ein grausamer und schmerzhafter Tod erwartet. Da wundert man sich immer wieder über die Argumentation, wegen dieser Hunde würden die deutschen Hunde im Tierschutz kein Zuhause finden. Das ist ein Trugschluss. In der Realität ist das Gegenteil der Fall. Wenn man nette, gut vermittelbare Tiere aus dem seriös praktizierten Auslandstierschutz hat, kommen mehr Interessenten in die Vermittlung. Wie die Erfahrung zeigt, erhöht das definitiv auch die Chancen der „schwierigen Hunde", unter diesen tierlieben Menschen ein neues Herrchen oder Frauchen zu finden".3
Was nun sollte man über ausländische Hunde, insbesondere aus dem Süden wissen? Auf den folgenden Seiten möchte ich versuchen, möglichst umfassende Informationen zu vermitteln, die die Entscheidung für einen Auslandshund erleichtern und ein glückliches, gemeinsames Leben mit dem neuen Familienmitglied ermöglichen sollen. Viele dieser Informationen orientieren sich an meinen Erfahrungen, die ich auf Mallorca gesammelt habe. Sie gelten im Wesentlichen aber auch für Hunde aus anderen Regionen. Überall in Europa gibt es mittlerweile zahlreiche engagierte Menschen, die damit befasst sind, allmählich und kontinuierlich Veränderungen im Tierschutz herbei zu führen. Dabei ist zu beobachten, dass eine zunehmende Zahl, insbesondere junger Leute, überall in Spanien sich um die Belange des Tierschutzes kümmert. Auch in Rumänien, wo gerade eine unvorstellbare Jagd auf alle Hunde stattfindet, und auf Zypern werden zunehmend junge Menschen einbezogen, um aus den Fehlern der älteren Generationen zu lernen und den Hunden wieder ein tiergerechtes Leben zu ermöglichen.
Es ist noch früh am Morgen, als ich mit meinen 6 Hunden, 4 Leinenhunden und 2 „Freigängern“ von unserem langen Spaziergang in die Hügel und Wiesen hinter dem kleinen Tierheim von MADRA6 im Südosten von Mallorca zurückkomme. Die Hunde haben einen langen Spaziergang gemacht, konnten sich lösen und miteinander spielen, soweit sie ableinbar sind. Zurück im Tierheim, ist jetzt erst einmal Ruhen angesagt. Die Hunde werden in ihre Zwinger gebracht, denn heute gibt es für mich noch viel zu tun. Während Maria die Tiere füttert und Jose noch ein paar Transportboxen in unserem kleinen Transporter verstaut, trinke ich schnell einen Kaffee. „Hast Du für Carlito alles zusammen, Box, Kissen, Ausweis und Flugbestätigung?“, frage ich Jose und der nickt nur schräg rüber schauend. Carlito ist ein Brackenmischling, der uns von irgendjemand „freundlicherweise“ eines Nachts über den Zaun geworfen wurde. Er hat schon einige Monate hier im Tierheim zugebracht, doch nun hat er Interessenten in der Nähe von Dresden gefunden, geht aber erst einmal auf eine Pflegestelle.
Mittlerweile ist die Sonne schon ein Stück hoch über dem Horizont aufgestiegen und wir, Jose und ich, sitzen in unserem kleinen Transporter auf der Fahrt in Richtung Palma. In Llucmajor biegen wir auf die Autobahn und nun geht es geradewegs zum Flughafen Son Sant Joan (Palma International). Dort haben wir uns mit den Flugpaten, einem jüngeren Ehepaar aus Dresden, verabredet. Sie werden Carlito mitnehmen und in Dresden zunächst an eine Pflegestelle übergeben. Während ich mit Carlito an der Leine, seiner Transportbox, dem europäischen Tierausweis und der Buchungsbestätigung von Air Berlin die Abreisehalle betrete, versucht Jose, den Wagen irgendwo zu parken. Mit den Flugpaten habe ich mich am Schalter 128 verabredet. Bei den vielen Menschen hier die Richtigen zu finden, ist gar nicht so einfach. Aber die beiden haben mich schon entdeckt, wahrscheinlich weil sie dachten, der da mit dem Hund wird schon der vom Tierschutz sein. „Wie war Euer Urlaub hier auf der Insel?“, frage ich. Ein wenig Smalltalk, bevor es ans Einchecken von Carlito geht. Am Counter wird die Buchungsbestätigung vorgelegt und dafür bekommen wir einen Gepäckanhänger. Dann gehen wir zum Schalter für Sperrgut. Dort wird Carlitos Box, natürlich ohne ihn, durch den Röntgenapparat geschoben und mir zurückgegeben. Nun noch ein paar Schmuseeinheiten für Carlito und schon ist die Zeit ran, dass er in die Box muss. Diese wird von einem Flughafenangestellten vorsichtig nach hinten getragen. „Guten Flug, Carlito und ein schönes neues Zuhause“, wünsche ich ihm noch, als er schon fast nicht mehr zu sehen ist. Nun zeige ich den beiden jungen Leuten noch, was im Tierausweis eingetragen ist, die Angaben zum Tier, die Impfungen, der Leishmaniose-Test und die Chipnummer und gebe ihnen das wertvolle Dokument. „Das ist alles?“, fragt die junge Frau. „Hier ja. In Dresden müsst Ihr die Box nur beim Sperrgutschalter entgegen nehmen und in die Ankunftshalle bringen. Dort wartet dann schon die Pflegefamilie auf Euch und Carlito.“ Die Beiden sind zum ersten Mal Flugpaten. Kein Wunder, dass sie dachten, sie müssen mehr tun. Ich wünsche auch ihnen einen guten Flug und treffe Jose lässig an einem Pfeiler nahe der Eingangstür lehnend. „Carlito ist auf dem Weg in eine sichere Zukunft“, sage ich zu ihm, „und wir beide machen uns jetzt auf nach Son Reus.“
Weiter geht unsere Fahrt über die Autobahn Richtung Palma. Nördlich der Stadt biegen wir nach rechts auf die Straße in Richtung Soller und nach einigen wenigen Kilometern geht es wieder nach rechts über die Gleise vom „Roten Blitz“. Begleitet werden wir hier von einem Müllauto, das zur nahe gelegenen Müllverbrennungsanlage fährt. Nach ein paar hundert Metern erreichen wir die weißen Mauern des CSMPA7 Son Reus, dem städtischen Tierheim von Palma de Mallorca. Jose stellt den Wagen in den Schatten, denn es ist schon wieder recht warm geworden. Kurze Verschnaufpause, denn der Gang durch Son Reus ist immer ein anstrengender Spießrutenlauf der Gefühle. Es gibt 120 Zwinger zu besichtigen, in denen teilweise mehrere, miteinander verträgliche Hunde sitzen. Wir können aber nur 3 Hunde mitnehmen, mehr freie Plätze haben wir zurzeit nicht.
„Komm lass uns anfangen.“, sage ich zu Jose. Mit einem Zettel und einem Stift bewaffnet schreiten wir die Zwinger ab. Viele der Hunde schauen uns mit erwartungsvollen, großen Augen an. Manche springen an den Gitterstäben hoch, manche lecken uns die hingestreckte Hand, als wollten sie sagen: „Nehmt mich doch mit.“ Die Auswahl fällt uns auch dieses Mal so unendlich schwer. Wir versuchen, solche Hunde aufzuschreiben, bei denen wir vermuten, dass sie kaum eine Chance der Vermittlung durch das CSMPA haben. Außer uns laufen noch ein paar wenige andere Leute an den Zwingern entlang. Ein junger Mann berichtet uns, dass ihm sein Hund kürzlich beim Spaziergang in El Molinar weggelaufen ist und er hofft, ihn hier zu finden. Wir wünschen ihm viel Erfolg und gehen weiter. Nach 10 notierten Hunden machen wir Schluss. Nun geht es ins Büro, um die Liste abzuarbeiten. Wir haben uns dieses Mal ganz schön getäuscht, denn für 9 der ausgesuchten Vierbeiner gibt es keine Möglichkeit, sie mitzunehmen. 8 der ausgesuchten Kandidaten dürfen nicht mitgenommen werden, weil die vorgeschriebene Wartezeit noch nicht abgelaufen ist. Für einen Hund soll schon eine Reservierung vorliegen. Ob das alles wirklich so stimmt, wissen wir nicht, müssen es aber hinnehmen. Also haben wir einen einzigen Hund gefunden, den wir mitnehmen können. Damit gebe ich mich aber nicht zufrieden. Schließlich wollten wir den langen Weg nicht für nur einen Hund gemacht haben. Der junge Angestellte kommt hinter dem Tresen hervor und meint, wir sollten doch mit ihm mitkommen. Er habe da noch zwei Kandidaten für uns. Und in der Tat, die haben wir vorhin nicht gesehen, weil sie sich wohl im Haus versteckt haben. So, nun haben wir drei, Doch was ist das da drüben? Da ist doch ein so hübscher brauner Cocker Spaniel Mischling, an dem ich einfach nicht vorbei gehen kann. Der junge Mann sagt uns: „Den würde ich nicht nehmen. Der ist sehr menschenscheu und so schreckhaft. Ihr werdet mit ihm wirklich keine Freude haben.“ Aber gerade das ist es, was mich heraus fordert. Ich nenne ihn Hurano, was auf Deutsch so viel heißt, wie „Der Menschenscheue“. Nun haben wir vier Hunde und Jose schüttelt nur mit dem Kopf. „Lass gut sein. Wir schaffen das schon.“, ist meine Antwort. Wir holen die Boxen aus dem Auto und der junge Angestellte hilft beim Verstauen der Hunde. Der mir am ausgeglichensten erscheinende Podenco-Mix wird zum „Leinenhund“. Er wird während der Rückfahrt bei mir vorn im Fußraum untergebracht und dort hoffentlich auch ruhig bleiben. So, nun noch schnell den Papierkram und die Bezahlung der wirklich niedrigen Abgabegebühr und schon geht es wieder Richtung Autobahn.
In Höhe S’Arenal sage ich zu Jose: „Lass uns hier mal kurz rausfahren. Ich habe Hunger und will beim „Grillmeister“ eine Riesencurrywurst essen.“
„Die Currywurst müsste Dir eigentlich schon aus den Ohren hängen!“, meint Jose spöttisch zu diesem Vorschlag. Wir halten in einer schattigen Nebenstraße zwischen dem „Oberbayern“ und dem „Megapark“, von wo laute Blasmusik und Stimmengewirr herüberschallt. Ende September – Oktoberfest auf Mallorca, ideal für die vielen Kegelklubs, die in dieser Zeit gern auf die Insel kommen. „Wenn die nur 10 ct pro Bier uns für die Hunde geben würden …“, denke ich laut und Jose meint nur, „Du bist immer noch so ein Träumer.“
Wir haben heute 4 Hunden das Leben gerettet. Ob der Reservierte wirklich abgeholt wird? Zu wünschen wäre es ihm. Immer noch werden in Son Reus viele Hunde getötet, nur weil sie keiner haben will. Hierüber gibt es aber keine konkreten Angaben. Die Offiziellen schweigen sich aus. Inoffiziellen Schätzungen zu folge sollen es jährlich zwischen 2000 bis 4000 Tiere sein, die alleine in Son Reus eingeschläfert werden. Aber immerhin werden auch immer mehr vermittelt. Es dauert eben lange, für viele leider zu lange, dass die Menschen hier auf der Insel wenigstens ein wenig Verständnis für die Hunde bekommen.
In fast allen Ländern des Mittelmeerraumes und in Südost- und Osteuropa, aber auch in ganz vielen anderen Ländern unserer Erde, genießen die Hunde keineswegs eine auch nur annähernd ähnliche Bedeutung und Beachtung, wie in den nördlichen und nordwestlichen Ländern Europas. Ich erinnere mich an einen Ausspruch, den ich irgendwo einmal gelesen habe, der da so ähnlich lautete: Im Süden ist es zwar warm, aber die Herzen der Menschen sind kalt. Im Norden ist es umgekehrt.
Tierschutzgesetze existieren zwar in einigen Ländern mehr oder minder rudimentär, eingehalten werden sie aber überwiegend nie. Selbst die örtlichen Behörden zeigen wenig Interesse an der konsequenten Verfolgung von Rechtsverletzungen im Zusammenhang mit Nutz- und Haustieren.
Im Prinzip gibt es drei Arten von Hunden, die in die Tierasyle und Tierheime der Tierschützer gelangen: 1) ganz viele Streuner, 2) einige Abgabehunde und 3) einige beschlagnahmte Hunde. Auf die drei Gruppen soll nachstehend detailliert eingegangen werden.
Ein Streuner ist nichts anderes, als ein Obdachloser mit Fell auf 4 Pfoten. Er lebt im Freien, also auf der Straße, im Park, im Wald, am Strand, also überall, wo er für sich Platz findet. Seine Nahrung beschafft er sich planlos gerade dort, wo er etwas Fressbares findet. Das können Mülltonnen eines Hotels, eines Supermarktes, einer Wohnsiedlung oder die Abfalleimer am Strand sein. Er frisst aber auch Kadaver anderer Tiere, buddelt nach Mäusen, fängt Eidechsen und wenn er Glück hat, auch Vögel. Er frisst also alles, was seiner Meinung nach fressbar ist. Wenn er Pech hat, findet er tagelang nichts. Das ist auch der Grund, warum man viele, sehr abgemagerte Tiere unter den Streunern findet. Der Streuner ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein echter Überlebenskünstler. Draußen auf der Straße oder in der Natur schläft, vermehrt, spielt und stirbt der Streuner meistens auch, es sei denn, er wird vom Hundefänger erwischt oder von Tierschützern in ihre Obhut genommen.
Streuner sind ständig unterwegs, um sich zu versorgen. Oftmals geschieht dies in Gruppen mit wechselnden Gruppenmitgliedern. Dabei entwickeln viele Streuner eine bemerkenswerte Selbstständigkeit, aber auch eine sehr gute Sozialverträglichkeit zu Artgenossen.
Auf Mallorca gab es bis zum Ende des vergangenen Jahrtausends überall Streuner, auch in den Touristenhochburgen wie an der Playa de Palma, in Alcudia, in Pollenca, in Cala d‘Or, in Magaluf, einfach überall. Da aber in dieser Zeit die Reiseveranstalter den rapiden Rückgang der hohen Zahl der Mallorca-Touristen hauptsächlich mit den vielen Straßenhunden in den Touristenzentren begründeten, sah sich die Balearenregierung genötigt, zu handeln. In vielen Gemeinden wurden Perreras, also Tierauffangstationen, die auch die Funktion einer Tötungsstation hatten, eingerichtet und die Hundefänger hatten Hochkonjunktur. Zu Tausenden wurden die eingefangenen Hunde teilweise grausam getötet, nicht etwa von Tierärzten. Nein, sie wurden von Zivilpersonen oder Polizisten vergast, erschossen, vergiftet, erschlagen, erhängt usw., also wahrhaft grausam umgebracht. Heute sieht man, von Ausnahmen abgesehen, in den Touristenzentren der Insel kaum noch Straßenhunde. Das bereits oben erwähnte Tierheim in Son Reus spielte lange Zeit eine sehr unrühmliche Rolle. Wenngleich dort auch heute noch viel zu viele Hunde eingeschläfert werden, so geschieht dies nun durch Tierärzte, was zumindest den Sterbeprozess für den Hund ein wenig erleichtert, an der Situation, dass überwiegend völlig gesunde Hunde getötet werden aber im Wesentlichen überhaupt nichts ändert.
Streuner sind nicht zwangsläufig nur Hunde, die im Freien gezeugt und geboren wurden. Eine Vielzahl dieser Tiere hatte einmal ein Zuhause und wenn es nur für kurze Zeit war. Da hat z.B. eine Hündin einen Wurf mit 5 Welpen, von denen nur ein Tier behalten werden sollte. 4 waren also zu viel und wurden daher einfach irgendwo in der Natur ausgesetzt. Niemand fragt da, ob die Trennung von der Mutter eventuell zu früh geschah. Das ist den Einheimischen völlig egal.
Oder es wurde ein Welpe angeschafft, der aber nicht immer klein und niedlich blieb. Plötzlich machte er zu viel Arbeit oder richtete Schaden an den Sachen der Halter an, also muss er weg. Er wird einfach aus dem Haus gejagt, ohne dass auch nur irgendjemand sich fragt, was aus dem Tier wird.
Oder ein anderes, ganz großes Problem stellen die Tausenden von Jagdhunden dar. Bloodhounds, Pointer, Podencos, Galgos sind wunderschöne, menschenbezogene und sehr freundliche Tiere. Dennoch ist ihr Schicksal besonders in Spanien, Zypern, Griechenland und in anderen südlichen Ländern oftmals ein schlimmes. Ein Teil von ihnen wird nur für die Jagdsaison, also für ein paar Monate im Herbst angeschafft. Ist diese Zeit um, lohnt es nicht, den Hund bis zur nächsten Saison zu behalten und durchzufüttern. Also muss er fort. Oder der Hund stellt sich als nicht schussfest heraus. Auch dieser Hund ist nur im Wege. Mein erster Hund Tim war ein solcher Kandidat. Allerdings wurde er glücklicherweise nicht weg geschickt. Sein Schicksal war aber trotzdem nicht viel besser. Er lebte ca. 5 Jahre lang mit seinem Kumpel Tom in einem Keller bei seinem Herrchen, bis dieser dann verstarb. Immerhin, die beiden Hunde wurden mehr oder minder schlecht als recht versorgt.
Aber auch ältere, z.T. kranke Hunde werden ausgesetzt, weil die Halter die Kosten für den Tierarzt und die Medikamente nicht aufbringen wollen bzw. teilweise auch nicht können.
Es gibt natürlich auch Streuner, die ihren bisherigen Besitzern weg gelaufen sind. Das kann passieren, wenn der Hund z.B. einer läufigen Hündin kopflos hinterher rennt oder ein Tier versucht, zu jagen und dann den Rückweg nicht mehr findet. Nicht selten suchen die Besitzer dann auch gar nicht mehr nach ihrem Tier, sondern kaufen einfach einen neuen Hund. Obwohl die meisten Hunde, die ihr Leben lang gequält werden, oftmals immer noch ihrem Besitzer treu sind, gibt es natürlich auch Tiere, die gerade deshalb weglaufen und so zu Streunern werden.
Streuner sind keinesfalls Wildhunde, wie es sie z.B. in Namibia gibt oder wie die Dingos in Australien. Es sind verwilderte Haushunde und das bleiben sie und ihre Nachkommen auch ihr Leben lang. Gelegentlich entwickeln sie jedoch mit zunehmender, Generationen übergreifender Entfernung vom Menschen, eigenständige Sozialverbände, ähnlich denen der Wolfsrudel. Eine absolute Identität mit den Wolfsrudeln tritt jedoch nicht ein, weil Hunde keine solchen Familienverbände, wie die Wölfe kennen.8
Streuner halten sich in der Regel dort auf, wo sie ein vermeintlich einigermaßen störungsfreies Leben führen können. Die massiven Verfolgungen in den Touristenhochburgen haben dazu geführt, dass sich die Hunde mehr ins Hinterland zurückgezogen haben. Sie sind aber weiterhin vorhanden, nur an anderen Orten. Das Problem Streuner wurde mit der Vertreibung von bestimmten Orten bzw. mit der massenhaften Tötung also keinesfalls gelöst. Dieses Phänomen kann man durchaus mit ähnlichen Phänomenen in der menschlichen Gesellschaft vergleichen. Haben sich z.B. in Berlin früher die illegalen Drogenhändler rund um den Kottbuser Platz aufgehalten, sind sie später in die Hasenheide oder in den Görlitzer Park abgewandert, weil massive Polizeipräsenz am Kotti sie von dort vertrieben hat. Das Problem des illegalen Drogenhandels wurde damit aber keineswegs beseitigt, nur der Aktionsort wurde verschoben.
Auch wenn die Streuner von den touristischen Zentren ferngehalten werden, bedeutet das nicht, dass sie nicht die Nähe des Menschen suchen. Menschliche Abfälle oder z.T. auch das gezielte Füttern durch vereinzelte Einheimische oder Residenten machen den Hunden den täglichen Überlebenskampf leichter.
Da die Hunde tagein tagaus im Freien leben, suchen sie sich meist Schutz vor Regen oder der heißen Sonne des Sommers unter Bäumen, in Gebüschen, unter Brücken oder in Erdhöhlen. Dort verstecken und betreuen die Hündinnen auch ihre Welpen. Streuner sind meist sehr vorsichtige Tiere, die ihre Kräfte einteilen müssen. Ernsthafte Krankheiten, eine Rauferei oder ein Zusammenstoß mit einem Auto können sie sich nicht leisten. Passiert es doch einmal, sterben viele Tiere daran und das oftmals recht qualvoll und langsam. Von den meisten Einheimischen, die einen verletzten oder kranken Streuner sehen, können sie keine Hilfe erwarten. Diese Tiere sind den meisten Menschen schlichtweg egal.
Streuner werden leider nicht selten sogar von der einheimischen Bevölkerung mit Steinen beworfen oder es wird auf sie mit Schrot geschossen. Streuner auf der Straße sind z.B. in der Türkei ein beliebtes Ziel von Autofahrern, die, anstatt zu bremsen, lieber einmal mehr auf das Gaspedal treten.
Straßenhunde sind oftmals recht menschenscheu. Die meisten von ihnen meiden den Kontakt zum Menschen, weil sie entweder mit ihnen schlechte oder gar keine Erfahrungen gemacht haben. Nur dort, wo die Streuner gezielt von Menschen gefüttert werden, sind die Hunde weniger scheu, aber dennoch überwiegend sehr vorsichtig.
Wie bereits weiter oben erwähnt, genießt der Hund in vielen Ländern dieser Erde nicht das Ansehen und den Respekt, der ihm z.B. in Deutschland i.d.R. entgegen gebracht wird. Bis vor wenigen Jahren war es auf Mallorca z.B. noch offiziell zulässig, Hundewelpen auf Wochenmärkten zu verkaufen. Aber das mittlerweile eingeführte Verkaufsverbot führte nur zu einer Verlagerung der Verkaufsplätze weg von den Wochenmärkten auf private Anwesen. Der profitable Welpenhandel floriert nach wie vor. Die Leute kaufen sich einen süßen Welpen und denken nicht daran, dass ein solches Tier 10 bis 15 Jahre alt werden kann. Welpen werden schnell größer und sie untersuchen ihre Umwelt mit der Nase und den Zähnen. Wenn es dann passiert, dass der Welpe Möbel anknabbert, mit Kissen Frau Holle spielt und die Schuhe der Halter anknabbert, ist schnell Schluss mit lustig, denn dass dies passieren kann, haben die wenigsten Leute beim Kauf bedacht. Niemand hat es ihnen gesagt. Die Verkäufer wollten ja ihre Ware Hund so schnell wie möglich loswerden. Einen randalierenden Hund will man dann doch nicht im Hause haben. Wenn er nicht ausgesetzt und zum Streuner wird, was die meisten Hunde erwartet, wird er abgegeben, im schlimmsten Fall aber auch getötet. Manchmal wird er einer Tierschutzorganisation übergeben, oftmals auch des Nachts bei dieser über den Zaun geworfen oder am Tor angebunden. Manche Hunde werden bei Tierärzten, bei der Polizei oder direkt bei örtlichen Tierauffangstationen, wie z.B. in Son Reus abgegeben. Abgabehunde kommen aber viel seltener vor, als Streuner. Das liegt u.a. auch daran, dass für die Abgabe oftmals eine Gebühr erhoben wird, die diese Leute aber nicht bezahlen wollen. Die preislich günstigste Variante ist demnach das Aussetzen. Wie die Einstellung der Ordnungshüter zu Hunden generell ist, konnte ich selbst auf der Polizeistation in Cala d’Or im Osten Mallorcas erleben. Ich hatte dort zufällig eine nicht mit Hunden zusammenhängende Sache zu regeln, als ein Mann mit einem mittelgroßen Mischlingshund in die Amtsstube kam. Er wollte einen Hund, den er gefunden haben wollte, wahrscheinlich eher seinen eigenen, abgeben. Der Polizeibeamte nahm den Hund das Halsband ab und gab es dem Mann zurück. Dann packte er das Tier im Genickt und schleifte es wie einen nassen Sack hinter sich her in einen Nachbarraum. Der Hund winselte bei dieser Prozedur fürchterlich. Auf meinen Einwand, ob man mit dem Hund nicht ordentlich umgehen könne, wurde mir nur entgegnet, ich solle mich da raus halten. Dies hier sei eine Amtshandlung und man könne mich leicht der Behinderung der Amtstätigkeit anzeigen. Die Spur dieses Tieres war ab hier nicht mehr weiter verfolgbar. Es dürfte kein Zweifel daran bestehen, was dem Tier dann widerfahren sein wird.
Insbesondere, wenn Hunde bei der Ausführung von Straftaten verwendet wurden, können diese Tiere beschlagnahmt und in die lokalen Tierheime gebracht werden. Oftmals sitzen sie dann Monate, teils Jahre lang dort herum und vereinsamen, weil das Strafverfahren gegen Herrchen oder Frauchen noch nicht abgeschlossen ist und über das Schicksal des Tieres nicht entschieden werden kann. Nicht einmal eine Abgabe an eine Tierschutzorganisation ist möglich. Es gibt aber, wenn auch eher selten Fälle, dass Hunde wegen ersichtlich sehr schlechter Haltung oder offensichtlicher Tierquälerei beschlagnahmt werden. Dies bedarf aber der Mitwirkung von wenigstens im Ansatz tierfreundlichen Polizisten und Richtern, die u.U. die Qualen, die Wunden und den oft katastrophalen körperlichen Zustand der betroffenen Tiere erkennen (wollen) und die dann eine dem Tier dienliche Entscheidung treffen. Hierbei muss man aber viel Glück haben und beharrlich am Ball bleiben.
Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Gesellschaft der südlichen Länder. Hunde sind überwiegend nichts wert. In Spanien z.B. gibt es zwar Tierschutzgesetze, die allenfalls einen schwachen Schutz bieten, aber fast niemand beachtet sie. In anderen Ländern, insbesondere in Südost- und Osteuropa sieht es noch schlimmer aus. Selbst Hunde von Behinderten, z.B. Blindenführhunde genießen kaum Schutz. So ist es auf Mallorca nicht möglich, dass ein Blinder mit seinem Hund im Bus, in der Eisenbahn oder in der U-Bahn mitgenommen wird. Die Fahrt mit dem Taxi geht nur, wenn man einen tierlieben Taxifahrer findet. Die Mitnahme des Blindenhundes in ein Restaurant, zum Einkaufen oder beim Behördengang - in Deutschland eine Selbstverständlichkeit - ist völlig undenkbar. Kleine, bescheidene Fortschritte tun sich aber dennoch auf. So ist im Februar 2013 dem Parlament der Balearen ein Gesetzesentwurf vorgelegt worden, wonach zumindest Behindertenhunde in öffentlichen Einrichtungen zu tolerieren sind. Die zigtausenden Streuner haben davon aber absolut gar nichts. Kommen sie einmal in eine Tötungsstation, sind ihre Tage meist gezählt und das abgesegnet durch die örtlichen Volksvertreter. Werden sie nicht innerhalb von i.d.R. 2 oder 3 Wochen abgeholt oder adoptiert, werden sie ohne Ansehen von Rasse, Alter oder Gesundheitszustand eingeschläfert. Das Straßenhundeproblem ist dauerhaft aber nicht mit massenhaften Einschläferungen zu lösen. Es ist nur zu lösen, wenn sowohl die Politik als auch die Bevölkerung endlich aufwachen und verstehen würden, warum es so unendlich viele Streuner gibt. Das Elend dieser Hunde ist vom Menschen gemacht. Es hat sich an vielen Orten, sei es in Barcelona, in Athen, in Kiev oder sonst wo, bewiesen, dass Massentötungen das Problem als solches allenfalls lokal und zeitlich begrenzt, keinesfalls aber dauerhaft lösen können. Auch in Rumänien wird man über kurz oder lang zu dieser Erkenntnis kommen müssen. Die Streuner werden allenfalls an bestimmten Orten verschwinden, aber nicht überregional. Solange Menschen die unkontrollierte Vermehrung von Hunden nicht eindämmen, wird es auch in Zukunft immer noch Streuner geben. Die Regierungen und Behörden sind hier gefragt, mit massiven Aufklärungsaktionen ein Bewusstsein für die Tiere zu schaffen. Wenn dies bei den Erwachsenen vielleicht noch recht schwer fällt, Kinder sind empfänglich für Veränderungen. Es wäre also äußerst sinnvoll, in Schulen und anderen Kindereinrichtungen mehr und intensive Aufklärung über die Haustiere und wie man sie behandelt, zu betreiben. Gesetzesänderungen zugunsten der Tiere, nach denen immer wieder gerufen wird, sind solange wirkungslos, wie die Gesetze mangels der Konsequenz der Behörden nicht angewandt und durchgesetzt werden. Eine weitere, probate Möglichkeit wäre, die zum Einschläfern vorgesehenen Hunde lieber zu kastrieren und dann wieder in die Natur zu entlassen. Dann würde zumindest die wilde Vermehrung stark eingedämmt werden können. Leider wird auch dies mal wieder am fehlenden Willen der Politik und am lieben Geld scheitern.
Wenn das Problem der verwilderten Haushunde von der Politik schon nicht wirkungsvoll angepackt wird, so haben sich die örtlichen Tierschützer wenigstens die systematische Hilfe für diese Tiere auf ihre Fahnen geschrieben, so gut das für sie machbar ist. Aus eigener Kraft wird man aber leider immer nur Teilerfolge erzielen können. Wie sieht dies konkret aus?
Viele Tierschutzorganisationen unterhalten vor Ort eigene, mehr oder minder große Tierasyle bzw. Tierheime. Hier werden die aufgenommenen Hunde betreut und gepflegt, so weit das eben geht. Auf keinen Fall wird eingeschläfert und wenn der Platz noch so knapp ist. Da diese Einrichtungen von den örtlichen Verwaltungen meistens keine finanzielle oder materielle Unterstützung erhalten, ist die Arbeit nicht selten äußerst kompliziert. Alles, vom Futter über Tierarzt- und Transportkosten sowie Materialkosten wird durch Spenden und die bei der Vermittlung zu zahlende sogenannte Schutzgebühr finanziert. Die Arbeit in den Tierasylen und Tierheimen erfolgt fast ausschließlich ehrenamtlich und die Helfer legen nicht selten noch eigenes Geld hinzu, damit die Einrichtungen erhalten werden können.
Ein Auszug aus einem Brief, den eine Hamburger Tierschützerin an mich schickte, die 2007 in einer Tierauffangstation in Kusadasi / Türkei gearbeitet hat, soll die Situation verdeutlichen, mit der viele Tierschutzorganisationen rund ums Mittelmeer zu kämpfen haben.
„Im Tierheim sind zurzeit um die 250 Hunde, einer schöner als der andere, aber das hilft ihnen überhaupt nicht. Es ist nicht einmal gewährleistet, dass sie jeden Tag etwas zu essen bekommen. Das ist im Moment das größte Problem und natürlich müsste kastriert werden und da sind Mütter mit Welpen in den Holzställen, die nicht geimpft und entwurmt werden können …. Wer helfen möchte, dem sei gesagt, dass alles den Hunden zu Gute kommt. Um die Hunde einen Monat satt zu bekommen, brauchen wir 380,00 €. Dafür bekommen wir Nudeln, kein Futter.“
Die Situation vor Ort ist von Organisation zu Organisation etwas unterschiedlich, aber ein Zuckerlecken ist die Arbeit dort auf keinen Fall. Neben den finanziellen und organisatorischen Problemen ist die Arbeit für die Helfer eine enorme psychische Belastung, denn man wird tagtäglich mit dem akuten Tierelend konfrontiert und kann leider nur in einem sehr kleinem Umfange sofortige Hilfe leisten.
Neben dieser unmittelbaren Hilfe für die Tiere wird zusätzlich vielerorts durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit versucht, die einheimische Bevölkerung über die richtige Haltung von Haustieren aufzuklären. Weiterhin versucht man, so viele Tiere wie möglich vor Ort zu vermitteln. Die Vermittlung nach Deutschland steht an letzter Stelle. Die Vermittlungsarbeit vor Ort aber auch nach Deutschland dient in erster Linie der Schaffung von Platz für nachrückende Notfälle. Jedes Tier, was gerettet werden kann, kann vor der Todesspritze bewahrt werden. Die Tiere, die geretteten und auch diejenigen, die nicht gerettet werden können, weil es einfach viel zu viele sind, können für ihre Situation nichts. Die Streuner sind nicht Streuner, weil sie es so wollten. Sie sind es geworden, weil verantwortungslose Menschen entweder nach schnellem Profit streben, weil viele Halter beim überschnellen Welpenkauf nicht wissen, worauf sie sich einlassen und auch weil viele Jäger mit ihren Hunden völlig verantwortungslos umgehen. Das Problem der Streuner ist einzig und allein vom Menschen gemacht.
Was es in vielen Regionen Süd- und Osteuropas in der Regel noch zu wenig gibt, sind überregionale. den Tierschutz gezielt koordinierender Vereinigungen bzw. Dachverbände der Tierschutzorganisationen. Natürlich gibt es an vielen Orten sehr gut arbeitende mehr oder minder kleine oder große Tierschutzorganisationen. Eine gezielte Zusammenarbeit mehrere dieser Organisationen einer ganzen Region unter einer einheitlichen Leitung würde möglicherweise noch viel mehr bewirken können, als bisher möglich ist. Beobachtet man die Entwicklung in den sozialen Netzwerken, so ist deutlich zu erkennen, dass immer mehr am Tierschutz interessierte Personen an Zusammenschlüssen interessiert zu sein scheinen. Eine, auf die Initiative spanischer Tierschützer gegründete FaceBook-Gruppe9 wies bei Redaktionsschluss bereits knapp 3500 Mitglieder auf. Auch wenn vielleicht nur ein Teil der Mitglieder aktiven Tierschutz betreibt, ist doch deutlich erkennbar, dass die Problematik ganz langsam immer mehr Menschen interessiert. Meistens sind es Jüngere, aber gerade auf diese Generation baut die Zukunft des Tierschutzes.
