Engel der Dämonen - Michael Dreher - E-Book

Engel der Dämonen E-Book

Michael Dreher

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Beschreibung

Camaela platzt schon vor Freude. Ihr allererstes Weihnachten steht vor der Tür und beschert ihrem Freund Michael damit einige Turbulenzen. Vor allem, da kurz darauf ja dann auch noch ihr Geburtstag ansteht, den sie unbedingt mit Freunden aus der Hölle verbringen möchte. Da taucht unerwartet eine Gruppe selbsternannter Dämonenjäger auf, die sich an ihr rächen wollen. Das Chaos hoch drei nimmt seinen Lauf. Ob das alle Beteiligten überleben werden?

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bisher veröffentlichte Romane von Michael Dreher:

Die Engel der Dämonen-Romane:

Begegnung

Rache

Weitere Romane sind in Vorbereitung.

Diesen Band widme ich meiner lieben Mutter. Danke für alles.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Prolog

Dienstagmorgen. Zwei Tage nach meinem Trip zur Hölle. Gestern lag ich noch im Bett und wurde von meinen beiden Erzengeln angewiesen keine Fragen zu stellen. Oder mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Und heute saß ich, als wäre nichts gewesen, mit meiner Mutter am Frühstückstisch und diskutierte wild gestikulierend mit ihr, über Camis, na sagen wir mal „Wohnsituation.“ Wie schräg ist das denn bitte? Die Welt war einfach so wieder heil und ich durfte nicht fragen wieso und musste es für mich behalten? Warum?

„Du tickst doch nicht mehr ganz richtig. Cami hier einziehen? Wo soll sie denn schlafen?“

„Äh…“

„Okay, blöde Frage. Trotzdem ist es doch viel zu eng dort oben in deinem Zimmer.“

„Wir kriegen das schon hin, keine Sorge. Und wenn der Rest ausgebaut ist, wird das schon passen.“ Mit dem „Rest“ meine ich die andere Hälfte des Dachstuhls, in dem ich wohnte. An dieser Stelle sollte ich vielleicht einmal unsere derzeitige Wohnsituation etwas näher erläutern. Meine Eltern, meine Schwester Maja und ich, wohnten in einem größeren 2-Familienhaus, das allerdings uralt war und bei dem es immer etwas zu tun gab. Momentan war das, das Badezimmer im ersten Stock. Das erst pünktlich zu Weihnachten fertig werden sollte und dann für kurze Zeit in neuem Terrakotta gefliestem Glanz erstrahlte. Mit gemauerten Regalen und selbstverständlich auch einer neuen Tür. Die Alte hatte Cami an ihrem ersten Tag, in ihrer katzenhaften Art, ja zu einem nicht geringen Anteil (geschönt ausgedrückt) in Holzspäne verwandelt. Auf jeden Fall wohnte ich unterm Dach in einem großen Zimmer, dass die Hälfte des Hauses einnahm, während die andere Hälfte einmal meine Wohnsituation mit Bad und Küche vervollständigen sollte. Direkt unter mir wohnte Maja im ersten Stock, in dem sich auch das Esszimmer und die elterliche Küche befand. Darunter wiederum war das große Wohnzimmer mit dem eisernen Ofen, das Schlafzimmer meiner Eltern und deren Bad. Ein Hauswirtschaftsraum, von dem es hinab in den Keller ging, vervollständigte unser Haus. Dahinter kam dann eine überdachte, hölzerne Terrasse zur einen Hälfte, zur anderen eine Fläche aus Waschbetonplatten, von dort aus man in eine kleine, vollkommen von Efeu überwachsene Gartenlaube kam (die auch schon bessere Tage gesehen hatte). Ein kleiner Teich und liebevoll angelegter Garten rundeten das Haus im ländlichen Stil ab.

„Bis das soweit ist, liege ich schon lange unter der Erde. Ich warte jetzt schon seit zwei Jahren darauf, dass dein Vater die Hecke hinterm Haus schneidet. Allein das Bad dauert ja nun auch schon…, ach ich will gar nicht drüber nachdenken.“ Ich verdrehte die Augen und zwickte mich einmal unauffällig in den Unterarm. Nein, immer noch kein Traum und tot bin ich scheinbar auch nicht. Mist.

Verdammt tut das weh!

„Ja, ja, ist ja okay Mama.“

„Ja, ja, heißt… ach was solls. Weißt du was? Sie darf bei dir wohnen. Unter einer Bedingung.“ Oh Gott, jetzt kommts.

„Ja?“

„Sie zahlt ihre Verpflegung selbst.“ Fuck!

„Ähm, aber… ok… ich brauch mehr Taschengeld.“ Ich seufzte und ließ die Schultern hängen.

„Und ich nen Geldscheißer.“ Und ich nen Therapeuten, einen Psychologen, Psychopharmaka und ganz wichtig. Nen Lolli. Danke. Ach nein, sagen wir lieber Zwei. Denn ich bin nämlich hochgradig traumatisiert, weil ich gestern in derHölle fast gestorben wäre! Oder… nein eigentlich dochnicht, oder zumindest fühlt es sich nicht anders an als sonst. Wie fühlt sich denn ein Trauma an? Vielleicht wie leere Batterien in der Maus während eines Counter-Strike Matches? Wenn ja, dann Fuck, bin ich doch traumatisiert!Wenn nicht ist alles in Ordnung. Dennoch sollte ich vielleicht, (nur zur Sicherheit versteht sich) noch ein paar schwarze Klamotten mehr tragen… oder Schwärzere.

„Ach ja, das ist gestern von deiner Schule gekommen.“ Sie hielt mir einen Brief unter die Nase. In dem sicher nichts Gutes drin steht.

„Sie sagen du hättest nun drei Mal unentschuldigt gefehlt.“ Wir hätten die Welt echt untergehen lassen sollen… Sie wedelte mit dem Stück Papier regelrecht vor mir herum und biss herzhaft in einen Marmeladentoast.

„Ah ja, sagen die das ja?“

„Ja. Und weißt du was ich darauf sage?“ Ich ließ den Kopf hängen. Taschengeldkürzung.

„Nein, was?“

„Lass mich meine Zeitung zu Ende lesen, wir reden heut Abend darüber!“ Ich schluckte hart.

„Ja Mama.“ In der Hölle war es wesentlich angenehmer.

Mit hängenden Schultern trottete ich wieder hinauf zu Cami, die alle Füße von sich gestreckt, auf dem Bett lag.

Die Zunge hing ihr aus dem Mund und von der Matratze herunter. Ich schaute mir das ein paar Minuten an, bevor ich mich für die Schule fertigmachte. So stellt man sich den ersten Tag nach der Wiederauferstehung vor. Von der Hölle in die Hölle. Ich wette Jesus musste das nicht.

Ich kam vier Stunden später so fröhlich wie noch nie und mit Flo im Schlepptau wieder zu Hause an. Leicht schwankend zwar, aber wir kamen an, zumindest bei der Haustür. Denn auch nach mehreren Versuchen bekam ich den Schlüssel nicht ins Schlüsselloch. Es war ja auch irgendwie vier oder sogar fünffach vorhanden. Dann kotzte ich einmal in Mamas Buxbaum und auf einmal warens nur noch Zwei. Hey geil! Was grade so zu schaffen war. Ich stieß die Haustür auf und wir schleppten uns ein paar Treppenstufen hinauf. Was schon wesentlich besser gelang als das Verlassen des Busses. Bei dem zuerst Flo mit dem

Gesicht voran auf dem Pflaster landete und danach ich mit der Wange auf seinen Hinterkopf klatschte. Und das, obwohl wir gar nicht so viel getrunken hatten. Glaube ich zumindest. Vielleicht wars auch mehr als gedacht. Oder aber auch weniger als angenommen. Und ich bildete mir das nur ein. Jedenfalls fühlte ich mich schön blau und Florian ziemlich grün. Aber zu meiner Verteidigung muss ich natürlich sagen: Ich bin eventuell doch ein klein wenigtraumatisiert. Ich darf das. Also in der Schule trinken.

Unsere Lehrer sahen das zwar anders. Aber das war uns egal, wir waren fast zeitgleich aus unseren Klassenzimmern eskortiert worden. Das war lustig. Der Brief an unsereEltern wird das wohl eher nicht werden. Aber egal, ein Briefmehr oder weniger macht den Kohl auch nicht fett.

Trotzdem lachten wir, als wir die erste Treppe geschafft hatten (was eine Schnecke sicherlich schneller bewältigt hätte). Zumindest, bis wir einen spitzen durchdringenden Schrei hörten, dass uns die Ohren klingelten, und zumindest ich das Gefühl bekam auf einen Schlag wieder nüchtern zu sein. Ich hickste einmal und kicherte allerdings immer noch recht dämlich. Trotzdem bekam ich relativ viel mit, vom kurz darauf stattfindenden Gespräch zwischen Cami und meiner Mutter. Aber das natürlich auch nur, weil ich Flos Mund zuhielt. Manchmal sollte man einfach den Mund halten.

„Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Goooooott!“

„Was ist denn los Camaela?“ Fragte sie erschrocken und stürmte vom Esszimmer in die Küche.

„Wir, wir… haben keine Erdbeermarmelade mehr da…“ Ich lugte vorsichtig über den Treppenabsatz. Meine Mutter hielt sich entnervt die Stirn und schüttelte den Kopf. Moment, warum ist die um die Uhrzeit zu Hause?

„Und deshalb schreist du am frühen Vormittag die ganze Straße zusammen? Wenn Michi aus der Schule kommt, soll er dir Geld geben, dann kannst du dir ja selbst beim Edeka Eine kaufen.“

„Selbst…“, flüsterte sie zu sich selbst und lies winkend die Frau einfach stehen. „… kaufen?“ Kopfschüttelnd ging Die zurück ins Esszimmer, in dem sie, den Geräuschen nach, ihr Bügelbrett aufgestellt hatte. „Camaela, Camaela, Camaela…“ Während Cami ganz in Gedanken verloren die Esszimmertüre nahm und die Treppe zu meinem Zimmer hinauf stieg. Vorsichtig schlichen wir hinterher. Meiner Mutter wollte ich jetzt schließlich nicht begegnen. Wobei Flo mir immer wieder ein wenig zu dicht auf die Pelle rückte.

„Alter?“ Er sah mich ahnungslos an und zuckte mit den Schultern.

„Was? Ich will nur schnell hoch und mich in deinen Sessel pflanzen, das ist alles.“ Ich rollte mit den Augen.

„Damit es dich doppelt dreht und du mir erst recht alles vollreiherst?“ Er grinste dümmlich, wobei sein Kopf leicht wippte, als würde er nicken.

„Du kennst mich so gut.“ Oh man. Ich sagte nichts mehr und drückte die Türklinke nach unten, da wurde die Türe plötzlich aufgerissen und wir polterten Beide total überrascht zu Boden.

„Hi Schatz.“ Grinste ich Cami an, die uns mit den Händen in den Hüften anschaute und die Zähne bleckte.

Während Cami und ich einige Minuten später auf dem Bett saßen, und sie mir noch einmal gründlich die Situation vorkaute, war Flo schon nach ein paar Sekunden in meinem Sessel eingedöst und schnarchte seelenruhig vor sich hin.

„Also noch mal bitte? Warum soll ich dir Geld geben?

Hattest du nicht vor kurzem noch 500 Euro herumliegen?“

Cami zuckte unschuldig mit den Schultern und spielte abwesend mit ihrem Schweif.

„Weiß nicht. Ist vermutlich weg. Aber deine Mutter hat gesagt du sollst mir was geben, also gibs mir.“ Ich grinste verstohlen und überhörte den ersten Teil des Satzes gekonnt.

„Ich solls dir geben ja?“

„Ja hat deine Mutter gesagt. Sie ist voll nett.“ Ich begann lauthals loszulachen. Cami war doch manchmal ganz schön naiv für ihre 2517 Jahre.

„Meine Mutter hat also gesagt ich solls dir geben ja?“

„Ja. Also los. Ich brauchs ganz dringend.“ Erneut lachte ich und Cami sah mich schon ganz verwirrt an.

„Na dann komm.“ Wir gingen zum Schreibtisch, an dem Flo mittlerweile ziemlich schief hing… und auf einen Block sabberte. Na lecker. Flink klaute ich ihm aus seiner Hose einen Fünf Euro Schein und gab ihn ihr. Sie sah mich bestürzt an.

„Was?“

„Du kannst doch nicht?“

„Klar kann ich, den hat er mir nämlich mal beim Popcorn kaufen geklaut. Da warens allerdings noch zehn Euro.“ Sie grinste breit und klatschte aufgeregt in die Hände.

„Dankeschön. Ich machs auch ganz bestimmt wieder gut.

Versprochen.“ Ich weiß auch schon genau wie… Ich grinste gemein und dreckig.

„Kein Problem. Soll ich mitkommen? Du warst ja noch nie allein einkaufen.“

„Nö nö, deine Mutter hat gesagt ich soll sie mir selbst kaufen.“

„Ok, na dann. Halt, warte, was willst du eigentlich kaufen?“

Sie grinste breit, dass ihre Fangzähne gruselig aufblitzten und mich überbekam das Gefühl, es mit einem Junkie zu tun zu haben. Ah, alles klar. Erdbeermarmelade…

„Äh, ich glaube ich sollte doch mitkommen.“

„Und ich glaube, ich bin schon groß und schaff das allein.“

„Wenn du meinst.“ Sie gab mir einen innigen Kuss und ging stolz zur Tür. Auf halbem Weg blieb sie stehen und drehte sich um.

„Was ist ein Edeka?“

„Schatz, das ist ein Edeka.“ Erstaunt schaute Cami auf das Gebäude, das kaum so groß wie ein kleines Fußballfeld war. „Jetzt bin ich da schon so oft drüber geflogen. Aber das wusste ich nicht. Und da drin gibt’s Marmelade ja?“ Flo schnaubte genervt und rieb sich demonstrativ die Ohren, die durch Camis „Wiedergutmachung“ ordentlich gelitten hatten.

„Und zum Glück Alkohol.“ Er schaute mich finster an.

„Das zahl ich euch noch heim. Ihr Verrückten.“

„Jammer nicht, Cami hat dich doch nur wachgeflüstert.“ Ich hielt mir lachend den Bauch.

„Kann dich doch nicht seelenruhig pennen lassen, wenn sich mir hier die einmalige Chance bietet, mit euch einkaufen zu können? Niemals.“ Er knurrte und warf seine Zigarette auf den Boden.

„Aber wir waren doch…“

„Das Klamottending zählt nicht.“

„Menno, warum nicht?“

„Da hatten wir Geld.“ Flo lachte gut gespielt. Eigentlich hatten wir da ja auch kein Geld, aber ein Kleinganove schon, der für uns allerdings eher unfreiwillig bezahlte.

„Haha, Schenkelklopfer… los lass mal gehen. Und bitte schnell.“ Oh ja ganz bestimmt. Ich lachte innerlich teuflisch und ging den Beiden hinterher. Na das kann was werden.

Die Leute schauen ja schon mich allein an. Wie schauen Die erst, wenn ich da mit Flo und Camaela auftauch? Manche davon kennen mich schon, da konnte ich noch nicht einmal laufen. Ich stolperte. Also bevor ich als Kind laufen konnte. Camaela kicherte und nahm mich an die Hand. Flo schaute mich abfällig an. Er wirkte eifersüchtig. Wie immer.

„Schatz, ich glaube dein Freund will auch an die Hand genommen werden.“ Ich sah Flo an, und dann seine Hände, die tief in den Hosentaschen vergraben waren.

„Denk nicht mal dran. Du nimmst niemanden an die Hand außer mir!“ Dann sah ich sie grinsend an und trat einen Schritt zurück. Cami legte den Kopf schief und zeigte bestürzt auf sich.

„Ich? Nein, nein, nein, er ist dein Kumpel. Nicht in zweitausend Jahren.“ Flo streckte motzig die Zunge heraus und nahm Tempo auf. Meine Freundin lachte triumphierend.

„So, endlich allein. Dann erzähl mal, wo ist die Marmelade?“ Soso, zweitausend Jahre, dann nimmt sie ihn an die Hand? Das muss doch zu schaffen sein.

„Also links von uns ist erst mal der Bäcker.“

„Gibt’s da Marmelade?“

„Nein.“

„Dann will ichs auch gar nicht wissen.“ Grinsend und unter mehreren entrüstet dreinschauenden Augenpaaren gingen wir durch ein kleines Drehkreuz hinein. Ja ja, kuckt nur, auf dem Dorf kriegt man so was nicht oft zu sehen und ihrbraucht ja etwas, über das ihr euch das Maul zerreißenkönnt. Während Cami total erstaunt das Obst und Gemüseregal bewunderte, schaute ich sie an. Ich schluckte. Da blieb absolut kein Raum für Spekulation oder Fantasie. Ihr kleiner schwarzer Faltenmini entblößte fast zur Gänze ihren wundervoll knackigen Po, während ein viel zu knappes Top knapp ihren Bauchnabel bedeckte. Im tiefsten Winter. Hui, das gibt Gerede. Und jetzt bückt sie sich auch noch. Oh mein Gott. Am liebsten hätte ich ihr den Rock tiefer gezogen. Begnügte mich aber für den Augenblick damit, mich hinter sie zu stellen. Was, im Nachhinein, nicht weniger anzüglich aussah.

„Was ist das denn Schatz?“ Fragte sie mich da und hielt mir eine Salatgurke vors Gesicht. Ich wurde knallrot.

„Sieht voll eklig aus. Und so was esst ihr?“ Ich riss sie ihr aus der Hand und legte sie schnell zurück.

„Ja, manchmal.“

„Marmelade?“ Schon fast wehleidig schaute sie mich an, als Flo um die Ecke geschlendert kam. Eine Dose Bier in der Hand. Und die Gurke war vergessen.

„Nein, Bier.“ Er öffnete sie und nahm einen Schluck.

„Marmelade ist zwei Regale weiteeeeerrr...“ Da hatte sie ihn schon umgerannt und war verschwunden. Leider war unser kleiner Dorfedeka nicht besonders groß und Camis Schwanz dafür sehr ausladend. Klimpernd und krachend fiel ein Getränkeständer zu Boden und eine große Anzahl an PET Colaflaschen rollte umher. Ah ja, sie ist beim falschenRegal. Ich half Florian auf und ging Richtung Süßigkeiten. Schon aus der Entfernung war ihr Schwanz zu sehen, der über den Regalen wie ein Periskop stand. Als ich bei ihr ankam, schaute sie mich traurig an.

„Er hat mich angelogen.“

„Hab ich gar nich, selbst Schuld, wenn du in den falschen Gang rennst wie eine Gestörte.“ Sie fauchte ihn lautstark an. Er schaute nur in seine Bierdose, drehte sie um und warf sie weg. Derweil zog ich Cami schnell weiter zum richtigen Regal. Augenblicklich loderten ihre Augen heller, als hätten wir den heiligen Gral entdeckt. Ihr Grinsen zog sich von Ohr zu Ohr. Und dann… rutschte mir das Herz in die Hose. Denn wie aus dem Nichts schob sie auf einmal ihren Kopf ins Regal und rieb sich wie eine Katze an den Marmeladengläsern. Morgen in der Zeitung: Freundin geht mit Marmeladenglas fremd.

„Erd… beer… marmelaaaaaaade.“ Sie begann zu schnurren und ihr Schweif fegte über meinen Kopf hinweg durch ein Regal mit verschiedensten Teebeuteln.

„Sag mal, irgendwie riechts hier verschmort, oder bin ich das?“ Flo roch an seiner tarnfarbenen Jacke, wobei er sich einen großen Schwall Bier in den Kragen kippte. Hat der sich jetzt tatsächlich noch eine Dose geholt?!

„Nö, bins nicht. Ich riech geil.“ Er grinste breit und ich schüttelte den Kopf, bevor auch mir der Geruch in die Nase stieg.

„Schatz ich glaube du kommst jetzt besser da raus.“

„Nö. Marmelaaaaaade.“

„Ich glaub du hast mit deinen Augen eben was angezündet.“ Ruckartig zog sie ihren Kopf heraus, taumelte zurück und landete mit dem Gesicht voran im Teebeutelregal.

„Aber keine Marmelade oder?“ Ich half ihr auf und schüttelte den verneinend den Kopf, nur um sie direkt erneut an das Marmeladenregal zu verlieren.

„Erdbeermarmelade ist die supertollste Erfindung überhaupt.“ Plötzlich stoppte sie ihre Marmeladenliebkosung und schaute mich schräg aus dem Regal an. Ihre Nase zuckte über alle Maßen süß.

„Ich glaube du hattest Recht, es riecht doch verbraaa…“ Da explodierte mit lautem Knall ein Glas Erdbeermarmelade unter der Hitze. Augenblicklich fiel Cami theatralisch auf die Knie.

„Neeeiiiiiin!“ Im selben Augenblick tauchte da Flo grinsend neben mir auf, eine 2L Coke in der Hand.

„Ich hab gehört du hast was angezündet?“ Da drehte er schon den Deckel auf.

„Rache ist süß!“ In einer explosiven Fontäne schoss die Cola Richtung Cami, doch die glitschige Flasche wehrte sich vehement, sodass sie schließlich wie ein Feuerwerksvulkan zur Decke spritzte. Wie ein Blitz stand meine Freundin wieder und kreischte schrill, bevor sie einen großen Satz nach hinten machte, gegen ein Regal mit Schreibwaren fiel und zur Kasse stürmte. Mit Leichtigkeit sprang sie auf das Warenband, von dort zur Decke um dann wie ein Gecko durch die automatische Türe zu krabbeln, die in einem Scherbenhaufen zusammen fiel. Ich sah Flo mit versteinerter Miene an. Dem fiel die Flasche aus den Händen.

„Dude, dein rechtes Auge zuckt.“ Ähm ja…

„Ich hätte vielleicht besser ne Pepsi genommen was?“

Eigentlich wollte ich ihm in dem Moment eine klatschen, aber ich war zu geschockt mich zu bewegen.

„Ich stell die vielleicht mal besser hin, und dann sollten wir gehen.“ Er hob die leere Coke vom Boden auf und stellte sie in ein Regal. Ich sah mich verstört um. Es war ein völliges Chaos. Ich schluckte. Da schlug mir Flo auf die Schulter und ich schüttelte mich erschrocken.

„Au!“

„Können wir?“ Ich sah ihn verwirrt an, griff mir völlig neben der Spur ein unversehrtes Glas Erdbeermarmelade, nickte und rannte mit ihm hinaus. Auf dem Weg fingen wir beide an, hysterisch zu lachen. Kaum zur Tür hinaus, übersah ich dann noch einen Mann, prallte von ihm ab, als wäre ich gegen einen Elefanten gelaufen, und fiel zu Boden. Ich rieb mir den Kopf und blickte in einem Anfall von Panik auf das Marmeladenglas. Erleichtert streichelte ich Es und warf dann einen flüchtigen Blick auf einen stämmig gebauten Mann, kaum dreißig Jahre alt, in einer Bundeswehruniform. Sein Gesicht kam mir irgendwie seltsam bekannt vor, doch ich hatte keine Zeit ihn danach zu fragen.

„Kommst du?“ Hastig rappelte ich mich auf und rannte hinter ihm her. Ungläubig schaute ich noch einmal zurück, als der Unbekannte im Edeka verschwand. Seltsam. Ich schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. Déjà-vu.

Der Mann stand einige Sekunden vor dem Eingangsbereich des kleinen Lebensmittelmarktes. Sein kantiges Gesicht war von tiefen Gedankenfalten durchzogen, die kleinen grünen Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Dieser Junge… Er drehte sich noch einmal um und blickte zur Decke. Und was war eben an der Fassade des Marktes nach oben verschwunden? Konnte das ein Mädchen gewesen sein? Er rümpfte die Nase und warf einen Blick in den Laden. Es war ein heilloses Durcheinander. Verkäuferinnen huschten kopflos umher und andere telefonierten völlig aufgelöst.

Misstrauisch beäugte er den Gang aus der Ferne, der aussah als hätte ein Massaker darin stattgefunden. Und plötzlich fand er sich wieder in der städtischen Leichenhalle, sah die grauenhaften Bilder wieder aufflackern, die sich so sehr in seine Gedanken und Gefühle gebrannt hatte. Wie sein Bruder vollkommen zerfetzt und regelrecht zerstückelt auf dem kalten Metalltisch lag, kaum noch identifizierbar.

Er schüttelte die Bilder ab und wischte sich mit dem Zeigefinger übers Gesicht. Ungläubig betrachtete er eine salzige Träne. Als würde ein Schalter umgelegt werden, erfüllte ihn auf einmal ein Gefühl der Freude. So sehr, dass er sogar lautstark zu lachen begann. Die unzähligen kleinen Puzzleteilchen, die er seit Wochen gesammelt hatte, die Vielzahl an schlaflosen Nächten schienen sich mit einem Mal bezahlt zu machen. Und das nur aufgrund seiner neu entwickelten Traubensaftsucht. Wer hätte das gedacht. Der Junge mit dem eigenwilligen Kleidungsstil, das Mädchen mit dem Minirock, das Blut. Das konnte kein Zufall sein.

Wie groß war die Chance, diese Beiden zusammen in einem Kaff wie Diesem zu finden? Es gab keinen Zweifel, nein, es durfte keinen Zweifel geben, ER durfte nicht zweifeln.

Nicht jetzt. Nicht bei einer so wichtigen Sache, wie Dieser. Seine Gedanken überschlugen sich. Es gibt sie wirklich... Und die Polizei hat die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen und unglaubwürdigen Zeugenaussagen eingestellt. Es gebe keine verwertbaren Spuren, keine DNA oder Fingerabdrücke. Zudem wäre ein Mensch körperlich angeblich gar nicht in der Lage gewesen, vier Männer auf solch unfassbar bestialische Art und Weise zu töten. Die Suche eingestellt. Bei einem verfluchten Vierfachmord?! Pah! Er schlug wütend und gleichermaßen vom Glück überwältigt, gegen den Rahmen der automatischen Schiebetür. Dann sah er wieder zur Decke und verfolgte die, kleinen, gleichmäßig angeordneten Löcher bis zur Kasse zurück. Er knirschte mit den Zähnen, schob den Unterkiefer nachdenklich nach vorn und begann zu überlegen. So schnell hatte er gar nicht damit gerechnet, sie zu finden.

Man hatte ihm zwar gesteckt, dass sie möglicherweise in diese Richtung davon geflogen wären, doch das er sie ausgerechnet in diesem winzigen Kaff entdecken würde, überstieg seine Gedanken. Zackig drehte er sich auf dem Fuß und holte noch auf dem Parkplatz ein Handy hervor. Er wählte eine Nummer und eine Männerstimme meldete sich. „Du wirst es nicht glauben. Ich hab sie tatsächlich gefunden. In einem kleinen Ort namens Sulzdorf. Kaum ein paar Kilometer von Schwäbisch Hall entfernt. Ruf die Anderen an, sie sollen sich die nächsten Monate nichts vornehmen.

Es gibt viel zu tun, sollte sie wirklich so stark sein, wie ich vermute.“

„Geht klar.“

„Ach und, such mir mal die Nummer raus von dem Kerl mit den Antiquitäten.“

„In Ordnung.“

„Oh, und ruf deinen Bruder an.“

„Welchen, du weißt, ich hab Vier.“

„Den in Polen.“ Der Angerufene schwieg.

„Der mit den Waffen…“

„Sag das doch gleich.“

„Ja, ja, tus einfach.“ Damit legte er auf und schob es zurück in die Hosentasche. Er massierte sich den Nasenrücken und schüttelte genervt den Kopf. Heutzutage lassen die beim Bund echt jeden rein.

„Na warte du Monsterschlampe, dich kriegen wir und dann schick ich dich höchstpersönlich zur Hölle.“

„Hey sie da, gehen sie aus dem Weg, hier möchten vielleicht noch Leute einparken!“ Er schreckte aus seiner Welt auf und sprang zur Seite, um dem alten Opa mit seinem Mercedes Platz zu machen.

„Man man, die Jugend von heute. Lernt beim Bund auch Nix mehr.“ Er ignorierte den alten Mann und ging zu seinem Wagen, einem älteren, schwarzen Jeep, den er an der Straße abgestellt hatte. Nicht mehr lange, dann wird die Rache mein sein, Miststück!

1

Einen Monat später. Zwei Tage vor Heiligabend. Elf Uhr Morgens.

„Ist jetzt Weihnachten?“

„Nein, noch nicht.“

„Wann gibt’s endlich Geschenke?“

„An Heiligabend.“

„Wann ist Heiligabend?“

„An Weihnachten. Sag mal ist dir schon wieder langweilig? Keine Lust mehr auf fernsehen?“ Fragte ich Camaela, die gerade auf dem Bett lag und mit ihrem Schwanz spielte.

„Nö eigentlich nicht. Du siehst doch, ich bin schwer am Zocken.“

„Zockst du mit Dem etwa um Geld?“

„Nö, um Erdbeermarmelade. Was soll ich denn mit Geld?

Tz tz, du solltest mich echt besser kennen.“ Ja, was sollst du mit Geld. Vielleicht mich unterstützen? Schatz du bist nämlich nicht billig. Ich schüttelte den Kopf, während ein Ellenbogen auf dem Schreibtisch ruhte und meinen Kopf mit der Faust stützte.

„Sag mal kann dein Anhängsel auch noch was anderes außer Stein-Schere-Papier?“

„Öhm, keine Ahnung, ich hab noch nie was anderes mit ihm gespielt. Außerdem gewinne ich da immer. Wieso sollte ich deswegen was anderes spielen?“ Recht hatte sie, auch wenn ich mich erinnern konnte, dass sie ein einziges Mal verloren hatte. Wie kann man gegen seinen Schwanz, an dessen Ende eine knöcherne Schere sitzt, verlieren? Ich mein, wenn man weiß, dass mein Gegenüber nur Schere machen kann, kann man ja nur Stein machen und gewinnen. Oder? Camaela war manchmal schon ein seltsames Ding.

Gedankenversunken sah ich ihr bei ihrem Spiel zu. Sie sah süß aus, in ihrem schwarzen Nachthemd, das sich von ihrer sanften ockerfarbenen Haut abzeichnete. Gut, ihre Hörner und Klauen verliehen dem Ganzen etwas Surreales. Ihre leeren, von Flammen erfüllten Augenhöhlen etwas Makaberes, dennoch war sie süßer als eine Tonne Zuckerwatte. Selbst als sie doch wieder den Fernseher anschaltete und sich erneut durch irgendwelche kitschigen Weihnachtsfilme zappte. Bei denen mir grundsätzlich erst einmal schlecht wird. Ihr aber offenbar bei Jedem, die Freude der ganzen Welt aus den langen spitzen Ohren quillt.

Plötzlich vibrierte mein Handy neben mir und weckte mich aus meinen Gedanken auf. Manno, ich träum doch so gerne. Etwas widerwillig nahm ich es in die Hand und wollte es gerade entsperren, als ich eine, etwas ungewöhnliche Bewegung in Camaelas Richtung registrierte. Sofort legte ich es zurück.

„Hast du dich da grade etwa mit dem Fuß hinter deinem Ohr gekratzt Schatz?“ Hastig warf sie die Fernbedienung vor sich auf das Laken.

„Was? Nein, warum? Hab doch zwei Hände und sogar nen Schwanz dafür.“

„Na dann, ich dachte ich hätte etwas in der Richtung gesehen.“ Ich zuckte mit den Schultern und wandte mich wieder dem Handy zu. Wer mir wohl gesimst hat? Doch kurz darauf konnte ich diese Bewegung aus den Augenwinkeln erneut sehen.

„Aha, ertappt! Äh?“

„Ift waf?“

„Warum hast du die Fernbedienung im Mund Schatz?“

„Keine Hand frei. Muffte miff krapfen.“

„Also hast du dich doch mit dem Fuß hinterm Ohr gekratzt?“ Sie spuckte die Bedienung aus.

„Schon möglich.“

„Halt, warum kratzt du dich? Hast du Flöhe?“ Sie streckte mir die Zunge so weit heraus, dass sie mich damit fast an der Hand berührt hätte.

„Flöhe? Wo? Nein, bin ja nicht Strolchi.“ Wieder kratzte sie sich mit dem Fuß hinterm Ohr. Naja, solang sie nicht anfängt sich abzulecken…

„Was, Strolch hat Flöhe?“ Halt nein, geht ja gar nicht. ImWinter gibt’s keine Flöhe.

„Nein, ich wollte dass meine Haare so gut riechen wie Deine. Wegen Weihnachten und so. Seitdem beißt es mich überall.“ Ich begann zu lachen.

„Du hast dir die Haare gewaschen?“ In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich sie noch nie bei der Körperpflege angetroffen hatte. Ich schluckte, der Gedanke war doch ein klein wenig verstörend. Aber vielleicht brauchte sie das auch gar nicht? Sie riecht ja auch nicht einmal schmutzig, zwar verwesend, aber nicht schmutzig.

„Ja, mit dem Zeug, das auf deinem Waschbecken steht, das so schön blau leuchtet.“ Blau leuchtet?

„Oh scheiße Schatz, das war mein Mundwasser. Kein Wunder das dich das beißt, da ist Alkohol drin!“

„Ups. Deshalb roch das nach deinen Küssen und nicht nach deinen Haaren.“ Ich schüttelte den Kopf. Das konnte man auch zweideutig verstehen.

„Wird Zeit, dass du lesen lernst Liebes.“ Sie winkte ab, kratzte sich aber in derselben Sekunde.

„Ach was. Ich brauch das nicht, hab doch meinen Lieblingsvorleser immer bei mir.“

„Ja das sehe ich. Aber jetzt waschen wir dir erst mal mein Mundwasser raus ja?“ Sie nickte energisch und stand auf.

So subtil ich konnte, versuchte ich an ihr zu riechen. Konnte aber nichts Besonderes feststellen. Wie immer roch sie nach Erdbeeren und einem starken Hauch Verwesung. Und ausnahmsweise auch nach einer starken Note Menthol.

„Hast du da grade eben an mir gerochen?!“

„Was? Äh, nö, ach quatsch. Pff. Warum sollte ich…“ Mist ertappt.

„Na dann.“ Ich schloss zu ihr auf und nahm sie an der Hand, an der ich sie ins Bad führte. Kaum drinnen schloss ich unter den misstrauischen Blicken Camis ab, drehte die Brause auf und bat sie, sich über die Badewanne zu beugen.

„Was gibt das, wenns fertig ist?“

„Na ich spül dir die Haare aus.“

„Mit Wasser?“

„Ja?“

„Äh, das Beißen ist schon viel weniger geworden. Ich, äh, ich brauch das nicht.“

„Oh doch, das brauchst du.“ Leicht in Panik schaute sie sich um. Es gab kein Entkommen vor der Brause.

„Wag es nicht die Tür kaputtzumachen, um abzuhauen Schatz.“ Sie knurrte verhalten, nachdem ich ihren verdächtigen Blick auf die Türe bemerkt hatte.

„Du bist doof. Ok, w, warte. Ich hab ne Idee. Mit Feuer wird immer alles sauber.“ Wie bitte? Bevor ich reagieren konnte, hatte sie eine Hand vor den Mund genommen und einen Feuerstrahl nach oben umgeleitet. Augenblicklich standen die, in Alkohol getränkten Haare lichterloh in Flammen. Ah, so brät, äh putzt man sich in der Hölle.

„Mist… aaaaaaaahhh ich brenne! Schatz tu was, ich brenne!“ Und die Einrichtung ebenfalls…

„Ja ich sehe es…“ Wie ein kopfloses Huhn rannte sie im Badezimmer herum. Wobei der Badezimmerschrank Feuer fing. Ein Handtuchregal ebenfalls. Das Bambusrollo, die Bromelie. Wie kann denn die Bromelie brennen?! Der Badvorleger, meine Hose und die Holzdecke. Ihr Nachthemd und ihre Augen. Ach halt, die brennen ja schon immer. Ich sah mich völlig irritiert um. Gut, es brennt einfach alles. Das eskalierte jetzt aber schnell. Zum Glück hatte ich die Duschbrause noch in der Hand und spielte Feuerwehrmann. Bis das ganze Bad unter Wasser stand.

Dampfend und nach Rauch stinkend, bis ich kaum die Hand vor Augen sah. Mittendrin Camaela, die mich anschaute wie ein begossener Pudel, von dem gerade die letzten Fetzen eines schwarzen Nachthemds abfielen. Sie spuckte eine kleine Fontäne heißen Wasser in die Luft.

„War es echt nötig mich nass zuspritzen?“ Ohhh jaaaaa.

Mit Freude betrachtete ich Camis Brüste, von denen vorwitzig die Tropfen herab perlten. Augenblicklich sah sie mich versext an und biss sich sinnlich auf die Unterlippe, bevor sie mir staubtrocken entgegnete:

„Klar, mich kann der Herr nass machen, aber sich selber vergisst er zu löschen.“ Wie? Ja ich vergess mich zu lö… oh scheiße! Panisch sprang ich von einem Bein auf das Andere, während Cami mir zurief: „Zieh sie aus, zieh sie aus!“ Und dann stand ich plötzlich ohne Hose da und aus irgendeinem Grund auch ohne Boxershorts. Erleichtert blies ich die Luft aus meinen Lungen und sah in die lüstern geschlitzten Augen meiner Freundin, die mich total scharf musterten.

„Hat die etwa auch gebrannt?“

„Oh ja Schatz das hat sie und jetzt brenne ich.“

Plötzlich presste sie ihre Lippen wild auf Meine und drückte mir ihr Becken entgegen. Ich wurde gegen die Badewanne gepresst. Wie ein rolliger Puma blickte sie mich an und griff nach meinem besten Stück, das sie mit wenigen Bewegungen für sich bereit machte. Fauchend schob sie ihr Becken auf ihn, das ihre Flammen für einen Moment wild flackerten. In eleganten, schlangenartigen Bewegungen waren ihre Beine neben mir und sie saß auf mir. Schlimmer als Kreide auf einer Tafel schabte ihre Schwanzschere über die Fliesen, bevor unsere Finger zueinanderfanden und sich ineinander gruben. Es war als würde Das ihn beruhigen, denn er fuhr plötzlich um uns herum und wickelte uns komplett in sich.

„Oh ja Schatz nimm mich“, hauchte sie mir zischend ins Ohr und ich stieß sie hart und schnell. Ungezügelt trieb sie sich meinen Aufstand immer tiefer in ihr Intimstes, als wollte sie mit mir verschmelzen. Ihr Schwanz drückte uns dabei immer wieder enger zueinander, dass ich kaum Kontrolle über unsere Bewegungen hatte. Sie kontrollierte uns.

„Nicht so schnell, nicht so schnell, ich komm sonst gleich.“

„Ja Schatz ich weiß.“ Ich konnte kaum etwas erwidern, da war es schon um mich geschehen. Ich stöhnte laut auf, als ich all meine Kraft in ihr entlud und erschöpft nach hinten sackte. Sie lächelte mich überglücklich an und ich konnte nur zurücklächeln. Wow, das war mal ein Quickie.

„Und wie erklären wir das nun deinen Eltern?“ Völlig verausgabt blickte ich mich um und zuckte mit den Schultern.

„Strolch wars.“

Leider hätte uns das niemand geglaubt. Nicht mal Flo hätte das. So standen wir Zwei extrem widerwillig in frischen Klamotten wieder im Bad und putzten und trockneten und improvisierten so gut wir konnten. Was uns auch recht gut gelang. Obwohl ja eigentlich ich die meiste Arbeit machte. Camaela saß nur im Schneidersitz auf der Toilette und schaute mir zu. Aber gut, das wars auf jeden Fall wert. Und die Schäden waren auch nicht so gravierend wie erwartet und würden sich mit etwas Geld und Spucke. Viel Geld und Spucke. Sicher bald in Luft aufgelöst haben. Die Bromelie hatte das übrigens schon.

Wir waren kaum eine Minute zurück in meinem Zimmer, da klingelte das Handy auch schon auf dem Schreibtisch. Und ich wurde das Gefühl nicht los, das es das schon länger tun musste. Wobei es natürlich nicht klingelte. Vielmehr rockte es.

„I will be King, I will be King,I will be King, I'll rule forever…“ Ja ich stand neuerdings auf eine Band, die Kissin Dynamite hieß. Kann ich ja Nix dafür, dass das Lied so klasse ist. Gut, der Songtext tut natürlich sein Übriges. Ich gebs ja zu.

„Willst du da nicht mal ran gehen Schatz? Ich glaub das Lied läuft jetzt schon zum dritten Mal.“

„Oh, äh ja.“ Schnell schob ich es auf und ein ziemlich genervter Florian schallte aus dem Lautsprecher.

„Jo, Alter wo warst du denn? Ich versuch dich bestimmt seit ner Stunde zu erreichen. Hab dich sogar angesimst, obwohl du weißt, wie ich das hasse.“

„Sorry, kleiner Badnotfall.“

„Hast du wieder mal Bananensaft getrunken?“

„Wie? Hä? Nein. Außerdem war das Bananennektar.“ Wie immer vergisst der mal wieder nur das Falsche. Nie das Richtige.

„Klugscheißer. Also nicht?“

„Nein.“

„Super, also dann… hast du Zeit?“

„Wofür?“

„Weihnachtsgeschenke kaufen.“

„Soso, seit wann hast du denn Geld?“

„Was glaubst du, warum ich dich anrufe und frage, ob du Zeit hast?“ Florian war wie immer chronisch pleite.

Zigaretten und Alkohol waren eben nicht billig.

„Für wen willst du denn bitte Geschenke kaufen? Soviel ich weiß ist dein Vater auf Geschäftsreise. Außerdem, seh ich etwa aus wie n Geldautomat?“ Und seine Mutter war schon gestorben, als er gerade mit mir zusammen das Laufen lernte.

„Du musst dir auch alles merken. Ja gut ok, ich hab mir gedacht ich kauf eine Kleinigkeit für…“, er machte eine kurze Pause, „…ist Ela in der Nähe?“

„Das hab ich gehört, das gibt Prügel mein Fröschchen“, rief Cami mir sofort vom Bett zu. Ihren übergroßen Elfenohren entging nichts. Vor allem nicht Florians Spitzname für sie, den sie überhaupt nicht mochte.

„Sag ihr, sie soll herkommen, wenn sie was will. Und im Moment sind meine Haare blau, nicht grün.“

„Nein, das sag ich ihr nicht sie soll schön hier bleiben bis Heiligabend. Also für wen willst du was einkaufen?“

„Das sag ich dir, wenn du kommst, das muss unser Grillanzünder nicht wissen.“

„Ey!“

„Cami aus, sitz, platz.“ Schmollend setzte sie sich wieder im Schneidersitz aufs Bett und verschränkte die Arme noch zusätzlich. Ihr Schwanz schwang allerdings noch länger bedrohlich erhoben hinter ihr, wie eine Kobra, bereit tödlich zuzuschlagen.

„Musste das echt sein? Du weißt, es war mein Fehler, und nicht Ihrer.“ Kurz herrschte Stille in der Leitung. In der ich nachdachte wie Cami nach dem Genuss von Alkohol ein Lokal fast komplett niedergebrannt hatte. Nur weil ich sie überredet hatte, mit uns anzustoßen. Tja, Höllenfeuer plus Alkohol… ganz schlechte Mischung. Wie man ja eben auch wieder gesehen hat. Getrunken oder in den Haaren. Macht keinen Unterschied.

„Ja, gut ok. Tut mir Leid. Kommst du jetzt oder was?“ Ich seufzte kurz, warf einen Blick zu Cami und sagte ihm zu, nachdem wir noch ein paar belanglose Worte gewechselt hatten. Wortlos schob ich es zu und setzte mich zu Cami an die Bettkante.

„Alles klar bei dir?“ Fragte ich meine Freundin und nahm sie in den Arm.

„Ja, es geht schon, das wird er mir büßen, sobald du mich wieder raus lässt.“

„Oh man. Wäre es nicht langsam mal besser, ihr würdet euch vertragen?“

„Wir? Niemals!“

„Sag niemals nie, du dachtest schließlich auch wir besiegen den Golgathaner nie. Und, sieh uns an, wir haben ihn abserviert.“

„Das ist was Anderes, das ist ein Flo! Ein Floho!“ Sie schüttelte sich und schauderte demonstrativ.

„Jetzt reicht es aber mal, er ist eben mein Bester und obendrein auch noch mein einziger Kumpel. Was wäre wohl, wenn ich nur mit Frauen und Erzengeln rumhängen würde? Vermutlich würde ich dann voll verweichlichen, und eher ne beste Freundin, als nen Freund abgeben. Wär dir das lieber?“

„Gutes Argument, aber eine beste Freundin bist du ja schon. Du warst schließlich mit mir einkaufen. Zwei Mal.“ Cami kicherte und ließ sich nach hinten fallen.

„Mist. Aber würde eine beste Freundin das machen?“ Ich beugte mich über sie und drückte ihr einen liebevoll sinnlichen Kuss auf, während ich meine Hand auf ihren Bauch legte und sanft darüber strich. Sie legte ihre Arme um meinen Nacken und blinzelte verführerisch.

„Vermutlich nicht.“ Sie grinste und zog mich näher an sich. Ihre Zunge fand den Weg in meinen Mund und wand sich um Meine. Seltsam, vorhin schmeckte sie nicht so stark nach Erdbeeren.

„Wann hast du, wie…?“ Ihr Schwanz verschwand hinter dem Nachttisch und erschien wieder mit einem leeren Glas Erdbeermarmelade. Sie zuckte keck mit den Schultern.

„Also du telefoniert hast, dachte ich, genehmige ich mir ein Glas.“

„Seit wann bunkerst du denn Marmelade hinter unserem Nachttisch?“

„Och, schon ne ganze Weile. Tja, wenn du nicht zur Verfügung stehst, brauche ich eben einen ebenso süßen Ersatz.“ Sie grinste mich breit an und warf mir einen betörenden Augenaufschlag entgegen. Ich grinste zurück.

„Ach ja, brauchst du den?“

„Ohhh, ja!“

„Und was soll ich essen, wenn ich süßen Ersatz brauche? Ne` Tafel Schokolade?“

„Iiih Schatz, du bist eklig. Schokolade. Bäh. Nimm lieber Marmelade. Da du mich ja aber immer vernaschen darfst, brauchst du keinen Ersatz.“ Ich lachte auf und schüttelte den Kopf.

„Aber, aber nicht böse sein Schatz. Auch wenn du Schokolade isst. Ich liebe dich trotzdem.“

„Ich dich auch, und das, obwohl du mir gerade wieder Löcher in die Matratze machst.“

„Ups.“ Schnell zog sie ihre Hörner aus der Matratze und legte den Kopf auf die Seite. Reumütig schaute sie mich an, als ich mich für einen Moment neben sie legte. Sie rutschte näher und küsste mich flüchtig auf die Nasenspitze.

„Wann kommst du wieder?“ Fragte sie mich plötzlich.

„Ich, äh…“

„Ich hab doch jedes Wort gehört, angefangen vom Jo, über seine Beleidigung bis hin zur Uhrzeit. Und blind bin ich auch nicht. Also tu nicht so überrascht.“

„Ich, äh…“

„Hör auf so zu tun als wärst du sprachlos, rück sofort raus mit der Uhrzeit.“

„Naja, ich schätze ich bin so gegen Fünf wieder da, ist das ok für dich?“

„Lass mich überlegen… Hmm… NEIN!“

„Vier?“ Sie kniff die Augen zusammen.

„Drei?“ Sie überlegte kurz, starrte mit dem Blick ins Leere und kam dann wohl zu dem Schluss, dass es ok war.

„Ok, ist gebongt, aber du musst mir etwas mitbringen. Und wehe du kommst mir mit leeren Händen nach Hause.“

„Du klingst als wären wir schon zehn Jahre verheiratet.“

„Zehn Jahre sind zwar nicht lange, aber der Gedanke ist schön.“ Sie grinste abwesend. Und mir wurde etwas mulmig. An so etwas hatte ich noch gar nicht gedacht.

„Ähm, ähm, und was hättest du denn gerne?“ Versuchte ich schnell das Gespräch in eine hoffentlich bessere Richtung zu lenken.

„Was hätte ich wie?“ Oha, sie hat überhaupt nicht zugehört. „Äh ja. Tja, das wüsstest du wohl gerne.“ Weiß sie es gerade nichteinmal mehr selbst?

„Ja.“

„Ich sags dir aber nicht. Überrasch mich.“

„Toll.“

„Hey, etwas motivierter bitte. Du weißt was dich erwartet, wenn du das richtige Geschenk mitbringst.“

„Wir hatten doch grade erst?“ Wortlos setzte sie auf, spreizte die Beine etwas und hob ihren ohnehin schon knappen Rock an. Sodass ich einen Blick auf die hervorblitzenden Knochenplatten zwischen ihren Beinen erhaschen konnte, die im Spalt vor Feuchtigkeit glänzten. Ok überredet.

„Ok, ich bin dann mal weg.“ Hastig warf ich mich vom Bett, knallte auf den Boden, sprang auf und knallte mit der Nase gegen das Aquarium, drehte mich um 180° und stolperte dann durch das Zimmer zur Türe. Halleluja.

„Männer. So leicht um den Finger zu wickeln.“

„Das hab ich gehört.“

„Ups, ach egal, du magst es ja schließlich.“ Schon schloss ich die Tür hinter mir und stieg durch den noch unfertigen Dachstuhl, die Treppe nach unten in den ersten Stock.

Durch den Flur ging es eine weitere ziemlich abgelaufene Holztreppe nach unten zur Haustüre. Mit Schwung öffnete ich das schwere Ding und starrte sogleich in das verdutze Gesicht von Raphaela, die gerade mit dem Finger auf die Klingel drücken wollte.

„Hi Raphaela, ich wette du willst zu Cami.“ Der Erzengel nickte.

„Da hast du völlig Recht, zu wem sollte ich auch sonst. Zu dir? Sicher nicht.“ Gehässig wie immer. Sie schüttelte ihre platinblonden Locken und versuchte mich nicht anzusehen.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen. Gibt’s einen bestimmten Grund, dass du schon so früh hier auftauchst?“

„Nicht wirklich. Flo hat mich eben angerufen und gemeint Cami könnte etwas Gesellschaft gebrauchen, da du ja offenbar einkaufen musst. Warum du das nicht selbst kannst, muss ich glaube ich gar nicht wissen.“ Seit wann muss ich einkaufen? Offenbar hatte er ihr nicht gesagt, dass er Derjenige war, der einkaufen ging. Oh Gott, hat das Geschenk vielleicht etwas mit ihr zu tun? Unweigerlich musste ich grinsen, während sie sich an mir vorbei durch die Eingangstüre zwängte.

„Ist was?“ Knurrte sie mich an und nahm die ersten Stufen der Treppe.

„Nö, nö, viel Spaß euch Beiden. Und du weißt ja, nichts erzählen. Und nicht rauslassen.“

„Ja, ja, ist schon klar. Ausnahmsweise bin ich da mal einer Meinung mit dir. Aber nur um meiner Süßen willen.“

„Sehr gut, also psssst. Tschau, tschau.“ Mit den Worten schloss ich die Tür hinter mir und dachte wieder über das, was gerade eben passiert war nach. Und mir fiel das Grinsen aus dem Gesicht. Flo, du wirst doch nicht wirklich…

2

„Bevor du etwas sagst. Ja, ich will ein Geschenk für Sarah äh Raphaela kaufen.“ Die ganze Busfahrt über hatte ich an nichts anderes denken können. Zu Recht wie sich gerade herausstellte.

„Oder doch Sarah? Man ist das verwirrend. Und nein, ich versuche damit nicht bei ihr zu landen.“

„Ist egal. Aber puh, hast du ein Glück.“

„Wieso ich?“

„Weil ich dir sonst eine geklatscht hätte.“

„Ach so. Du hast doch nicht ernsthaft gedacht ich würde versuchen sie zu erkaufen oder etwa doch?“ Mist, wie konnte ich nur so blöd sein und überhaupt an so etwasAbwegiges denken? Bei meinem Kumpel der Frauen abfüllt und erst dann mit ihnen ins Bett hüpft.

„Öhm.“

„Du bist mir ja ein toller Freund. Als ob ichs nötig hätte mir so eine olle Kampflesbe anzulachen. Bin doch nicht blöd.“

„Um mal die Tatsache außer Acht zu lassen, das Raphaela soweit ich weiß nicht lesbisch ist, bin ich ja wirklich ein toller Freund. Ich lass dich ja schließlich mit meinem Geld, ich wiederhole mit meinem Geld! Ein Geschenk für die beste Freundin meiner Freundin kaufen, die dich noch nicht einmal mag. Und mich auch nicht.“

„Auch wieder wahr.“

„Also. Warum willst du ausgerechnet Ihr etwas zu Weihnachten schenken? Sie wird dir sicher nichts schenken. Außer vielleicht ihren Fuß in deinen Nüssen.“

„Abwarten. Außerdem, darf ich ihr nichts schenken? Hey es ist Weihnachten, schenken sich da Menschen nicht einfach so etwas?“

„Menschen? Sie ist doch gar keiner. Bist du schon blau?

Wir reden hier über Raphaela. Generalin der himmlischen Heerscharen. Tausende Jahre alte Erzengelfrau und so weiter…“ Flo starrte mich mit finsterer Miene an, während wir lässig in die Einkaufsstraße schlenderten. Plötzlich ging mir ein Licht auf.

„Oh mein Gott, du magst sie? Ist es das?“

„Hä? Am Arsch. Bin ja nicht so ein Masochist wie du. Ich mag meine Frauen vorzugsweise nett und nicht tödlich.“

„Na gut, ok. Warum dann? Raus mit der Sprache.“

„Ja ja, ist ja schon gut. Ok, ich dachte, vielleicht wird sie dann wenigstens etwas netter. Wie Freunde halt sein sollten.“

„Alter, du hast nen Knall. Aber gut, was solls. Wenns funktioniert. Klasse. Wenn nicht, kriegst du eins in die Fresse. Eine Win-win-Situation sozusagen für mich.“

„Ich fass es nicht, dass wir befreundet sind.“ Ich nickte ihm zu.

„Glaub es oder nicht. Ich auch nicht.“ Wir bogen in die Fußgängerzone, die man hauptsächlich unter Gelbinger Gasse kannte.

„Was willst du ihr denn eigentlich schenken?“

„Schmuck.“

„Und wieso sind wir dann gerade in die Fußgängerzone gelaufen? Der Schmuckladen ist doch fast neben der Bushaltestelle.“

„Keine Ahnung, ich dachte du weißt, wo wir hin müssen.“

„Ich kann nicht wissen wo wir hin müssen, wenn du mir gerade erst gesagt hast, dass du Schmuck kaufen willst.“

„Klugscheißer.“

„Ach.“

„Sollten wir nicht mal umdrehen, wir laufen immer noch in die entgegengesetzte Richtung.“

„Das fällt dir aber früh ein. Dann mal Kehrtwendung.“

„Aye, aye Kapitän.“ Wir drehten auf dem Fuß um und trotteten auf dem holprigen Kopfsteinpflaster zurück zum Bushaltehäuschen. Vorbei an geschmückten Tannenbäumen und einer überaus interessant geschmückten Topfpalme. Von dort bogen wir nach links, an der Bäckerei vorbei und um eine Kante. Der Duft von frischen Backfischen lag in der Luft. Sehr weihnachtlich, findet ihr nicht? Überall hingen bunte Lichterketten an den Fassaden, über uns hing eine Girlande, in dessen Mitte ein großer Stern platziert war. So schön es auch nach oben hin aussah, nach unten war es alles andere als weihnachtlich. Das Pflaster war von braunem Schneematsch bedeckt, der jeden Tritt zu einer Schlammschlacht machte. Ganz zu schweigen von nassen Schuhen und dem kalten Wind, der einem um die Ohren pfiff. Oh du, schöne Weihnachtszeit.

„Kommst du langsam mal rein, ohne dich kann ich schlecht einkaufen.“ Ich sah mich verwirrt um, ich hatte gar nicht bemerkt wie Flo in das Geschäft gegangen war. Gedanken verloren hatte ich selbst das Klingeln der Eingangstür überhört.

„Ja, ja, schon da.“ Schnell rutschte ich über den Boden, schlitterte über drei steinerne Treppenstufen, um gegen die gläserne Tür zu donnern, die gerade vor mir zu fiel. Danke Flo. Ich wollte gerade nach dem Türgriff greifen, als diese wieder aufschwang und ich ins Leere fasste.

„Was machst du denn da?“ Starrte Flo mich an. Ich sagte nichts und zwängte mich, leise murrend an ihm vorbei in das Geschäft. Endlich wieder Wärme. Augenblicklich spürte ich, wie sich meine Muskeln entspannten. Und meine Nase lief… Hoffentlich findet er schnell etwas. Je schneller er etwas findet, desto schneller komme ich wieder heim zumeiner heißen Camaela. Camaelas Körpertemperatur lag erheblich höher, als die eines Menschen, von daher war „heiß“ wortwörtlich zu verstehen. Es dauerte keine ganze Minute, da hallte Florians Freudenschrei durch den kleinen Laden. Gefolgt von einem Weiteren und noch Einem.

„Hast dus dann bald?“ Fragte ich ihn schon völlig genervt, während er an den Vitrinen vorbei rutschte. Mir war es offen gesagt peinlich, mit ihm unterwegs zu sein, während er so lautstark seine Freude kundtat.

„Wir sind doch grade erst rein gekommen. Nur kein Stress hier.“

„Ja und? Sag mal wie bist du eigentlich auf die verrückte Idee gekommen, Raphaela Schmuck schenken zu wollen?“

„Ich, äh, ich dachte das passt gut zu ihrer Rüstung.“

„Woher willst du wissen, was zu ihrer Rüstung passt?“

„Ich äh, na gut ok, hab ich geraten. Ich dachte alle Frauen stehen auf Schmuck, da wird das auch bei ihr gut ankommen. Oder kennst du ne Frau, die nicht auf teuren Schmuck abfährt?“ Ich tat so als würde ich überlegen und lehnte mich gegen eine Säule.

„Da fällt mir grad ganz spontan meine Freundin ein, die würde das eher einschmelzen und sich dafür was zu essen kaufen. Ach, jetzt reden wir also von teurem Schmuck auch noch. Sehr interessant.“

„Na gut, die ist aber auch die große Ausnahme. Klaro, mit billigen Klunkern brauch ich doch bei einem Erzengel nicht ankommen oder?“

„Dann, die Kleine in meiner Klasse, du weißt schon, die mit den dunklen Locken. Nein brauchst du nicht, hast schon recht.“

„Siehst, ich denke mit. Ja, ok, die würde nie mit Ohrringen oder Piercings geschweige denn einer Kette in die Schule kommen.“

„Dann die große Dürre mit den kurzen Haaren, die immer so einen langen Rock trägt und eventuell die…“

„Ja, ok ich habs kapiert. Es gibt ein paar mehr unattraktive Frauen, als gedacht. Erzähl mir mal lieber schnell, aus was Raphaelas Rüstung ist, bevor ich den Glauben an die Frauen noch ganz verlier.“ Ich begann zu lachen.

„Was weiß ich, so wie sie strahlt, gehe ich davon aus, dass sie aus Gold oder Platin ist. An was hast du eigentlich so gedacht, du sagtest etwas von teurem Schmuck. Du weißt aber schon, dass meine Ressourcen so gut wie erschöpft sind? Und das, obwohl mich Camaelas Geschenk nicht einmal etwas gekostet hat.“

„Gold oder Platin? Was denn nun? Das ist ein gewaltiger Unterschied. Öhm ich dachte da so an Ohrringe. Wie viel Kohle hättest du denn noch frei?“

„Oh der Herr kennt sich neuerdings also mit Edelmetallen aus ja? Würde eher auf Gold tippen im Übrigen. Hmm, so an die Fünfzig Euro schätze ich.“

„Perfekt, das müsste reichen.“ Verdammt voll in die Falle getappt. Nur wenige Sekunden nach unserem Gespräch, das wir in voller Lautstärke geführt hatten und somit in dem winzigen Geschäft einem startenden Airbus A 380 gleichkamen, gesellte sich eine Verkäuferin zu uns.

Aufmerksam musterte die ältere Frau in ihrem grauen Blazer mit passendem Rock uns. Offensichtlich entsprachen wir nicht so ganz ihrer Vorstellung von einer perfekten Kundschaft. Was man ihr auch nicht verübeln konnte. Ein Punk und ein halber Goth in einem teuren Juweliergeschäft, wirkten da halt doch recht deplatziert. In etwas herablassendem Ton begrüßte sie uns, zwar freundlich, aber dennoch irgendwie von oben herab.

„Grüß Gott, die Herren, was kann ich für sie tun?“

„Wir, oder viel mehr ich, suche für eine Freundin ein paar passende Ohrringe, haben sie da etwas zur Auswahl da?“

Die Verkäuferin wirkte überrascht angesichts Florians gewählter Ausdrucksweise. Tja, der Herr kann auch anders, wenn er denn nur will. Was ja leider nur nicht so oft vorkommt. Es dauerte eine Sekunde, bis die Verkäuferin ihre Haltung wieder fand, aber seine Ausdrucksweise hatte wohl das Eis gebrochen. Sie wurde zusehends netter und zuvorkommender. Tja man sollte eben nicht vom Äußerenauf das Innere schließen. Das weiß ich nur zu gut. Bereitwillig zeigte sie ihm ein Paar Ohrringe nach den anderen, bis sie schließlich an einem Paar goldener Kreolen längere Zeit verharrten.

„Gold ja?“ Ich nickte und ließ den Kopf auch gleich hängen. „Die sind gut, die nehme ich“, sagte er, kurz bevor er mich am Ärmel meiner Jacke zu sich zog.

„Was meinst du, die würden ihr doch sicher gefallen oder?“

„Klar, wenn sie das Preisschild liest, sicher.“

„Ja, 49,99 Euro sind schon ordentlich. Aber ernsthaft bitte.“

„Ja, sehen schon toll aus, das wird dann wohl nur nen leichten Klaps geben.“

„Haha. Immer noch besser, als ständig beim Vögeln aufgespießt zu werden.“

„Pass auf, du, ich lass dich gleich die Ohrringe abarbeiten.“

„Ich hab nix gesagt.“ Sofort drehte er sich um und pfiff in die Luft. So ists brav. Während die Verkäuferin die schwarze Schatulle in eine kleine Tüte packte, gab ich ihr meinen hart verdienten (geschnorrten) Fünfzigeuroschein und überließ ihr den einen Cent als Trinkgeld. Wow bin ichheut wieder großzügig. Dankend verabschiedeten wir uns und verließen den Laden. Noch einen Moment standen wir auf der kleinen Treppe, und Florian verstaute die Tüte in seiner Manteltasche. Es hatte wieder einmal angefangen zu schneien. Ein leichter Wind blies uns die kalten Flocken ins Gesicht.

„Und jetzt?“

„Jetzt gehen wir noch in einen Imbiss und holen uns ein ganzes halbes Hähnchen für Cami.“

„Ein ganzes halbes?“

„Oder ein halbes Ganzes wie es dir lieber ist.“ Flo verdrehte die Augen. Ja ich kann auch dumme Sätze von mir geben. Dafür bin ich sogar berühmt berüchtigt. Wir schlenderten durch den Schneematsch, bis hin zu unserem Lieblingsimbiss. Der nicht weit von dem Eiscafé lag, in dem Camaela das Blutbad veranstaltet hatte. Tja, Frauen schlägt man eben nicht. Schon gar nicht wenn sie nicht von der Venus, sondern aus der Hölle kommen. Wir machten einen großen Bogen um das Eiscafé, bogen um eine Kurve und standen vor unserem Imbiss. Während Florian ohne zu zögern die Tür aufwarf und die Glocke läutete, verweilte ich einen Augenblick vor dem Geschäft. Zwanzig Meter weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich das

„Alte Schlachthaus“, das bis vor zwei Monaten unser Lieblingslokal war. Bis es komplett ausgebrannt ist, aufgrund eines Alkoholunfalls. Ihr wisst schon. Seit der Neueröffnung waren wir nur einmal darin, es hatte seinen alten rustikalen Charme verloren, was sehr Schade war.

„Kommst du mal endlich rein, ich dachte du musst um drei wieder bei deiner Herrin sein.“

„Wie, wo was?“ Gedanken verloren starrte ich ihn an, dann meine Uhr und dann wieder ihn. Es war nicht mehr lange hin bis zum nächsten Bus.

„Herrin, sehr witzig.“

„Stimmt doch, sie hält dich an einer ziemlich kurzen Leine.“ „Tja was will man machen, sie ist nun mal die Stärkere von uns beiden.“ Florian seufzte nur.

„Du und dein veraltetes Rollenbild wieder.“

„Ja, ja.“

„Tz, tz.“ Wir holten uns das Hähnchen und gingen, uns anschweigend, zurück zur Bushaltestelle.

Kaum hatte ich die Tür zu meinem Zimmer aufgestoßen, quetschte sich Flo an mir vorbei und Raphaela kam auf mich zu.

„Ein halbes Hähnchen, wie originell“, tönte sie geringschätzig und griff sogleich nach der duftenden Tüte.

„Woher weißt du…?“

„Camaelchen hat euch schon gerochen seit ihr durch die Haustür kamt.“ Kaum hatte sie das gesagt, sprang Diese vom Bett auf und riss Raphaela das Hähnchen aus den Händen. Schnupperte kurz daran, stellte die Tüte dann aber doch brav ab und kam überglücklich lächelnd auf mich zu.

„Danke, danke, danke mein Schatz, du weißt immer was ich will.“

„Sag jetzt nicht, dass ist genau das Geschenk, das du wolltest?“ Cami nickte Raphaela zu und fiel mir anschließend um den Hals.

„Mein Schatz weiß immer, mit was er mich rumkriegen kann. Stimmts nicht?“ Ich nickte und grinste, bevor ich ihre Zunge in meinem Mund fühlte. Schnell winkte ich den anderen zu, sie sollten doch bitte verschwinden.

„Muss das jetzt sein?“ Beanstandete Raphaela sofort, die es noch immer nicht leiden konnte, wenn wir uns unsere Liebe zeigten. Auch Flo schien nicht sonderlich begeistert.

„Wofür bin ich denn dann mitgekommen, wenn du uns eh gleich abschieben willst?“ Maulte er und setzte sich in meinen schwarzen Ledersessel.

„Keine Ahnung, war ja nicht meine Entscheidung, du bist halt einfach mitgegangen“, rief ich ihm zu, während ich mit Cami in den Armen Richtung Bett stolperte. Hätte Raphaela Pupillen, sie hätte sicherlich genervt mit ihnen gerollt.

„Gut, ihr habt es geschafft, ich verschwinde. Bevor ich noch kotzen muss.“ Rief sie uns zu und ging ihres Weges.

„Ich, ich komm mit, warte auf mich.“ Hörten wir Flo hinter Ihr herrufen.

„Was willst du denn?“ Bellte Raphaela ihn an und verschwand aus der Tür, mit ihm im Schlepptau.

„Meinst du da läuft irgendwas?“ Fragte ich Cami, die mich soeben aufs Bett gezogen hatte.