Engel in schwarzem Leder - Tawny Weber - E-Book

Engel in schwarzem Leder E-Book

TAWNY WEBER

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Beschreibung

Lack und Leder auf nackter Haut: Was Zoe zur Kostümparty beim zehnjährigen Klassentreffen trägt, ist einfach verboten aufregend! Das findet auch ein Mann, der sie mit Blicken auszieht und heiß küsst - während Zoe rätselt, wer hinter der Fantasy-Maske steckt …

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Engel in schwarzem Leder erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2009 by Tawny Weber Originaltitel: „Feels Like the First Time“ erschienen bei: Harlequin Enterprises, Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY HOT & SEXYBand 13 - 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Übersetzung: Dorothee Halves

Umschlagsmotive: Getty Images / nd3000, Allusioni, kowalska-art

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751505215

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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PROLOG

Während ein heißes Privatkino in ihrem Kopf ablief, starrte Josie aus dem Ladenfenster zu einem schnuckeligen Typen in einer braunen Uniform.

Er hieß Tom und lieferte ihr nicht nur die Ware, sondern obendrein noch ganze Lkw-Ladungen von Fantasien. Tom hatte natürlich keine Ahnung, dass er der absolute Star in Josies Träumen war.

Und wie es aussah, würde er es nie merken.

„Eine neue Lieferung für ‚Dressed to Thrill‘“, verkündete Tom, während er eine beladene Sackkarre in den Laden rollte. „Hi, Josie.“

„Hallo, Tom“, sagte sie weich und verfluchte im Stillen ihre Schüchternheit. Aus der Nähe sah er noch toller aus. Welliges braunes Haar, leuchtend blaue Augen und sagenhafte Schultern. Zu Josies großem Bedauern nahte der Herbst. Dann würde Tom nämlich von Shorts zu langen Hosen wechseln, sodass sie seine sexy Beine nicht länger würde bewundern können.

Sie suchte nach einer geistreichen Bemerkung, nach einem Aufhänger für eine Unterhaltung.

Doch wie immer, wenn sie in Toms Nähe war, verabschiedete sich selbst der letzte nur halbwegs vernünftige Gedanke aus ihrem Kopf.

„Wie läuft das Geschäft?“, fragte er, während er die Kartons neben dem Tresen aufstapelte und Josie dann die elektronische Tafel zum Unterschreiben reichte.

„Dressed to Thrill garantiert Erfolg“, antwortete sie automatisch. Toms Augen weiteten sich, und ihr wurde bewusst, was sie gerade gesagt hatte. Zum Glück quittierte sie gerade den Empfang, sonst hätte sie sich die Hände vor den Mund geschlagen.

Tom grinste. „Das ist der Slogan des Ladens, richtig? Ich hab’s auf den Etiketten gelesen. Dies ist anscheinend der Ort, zu dem man gehen muss, um Träume zu verwirklichen, wie?“

Eine Unterhaltung. Wow. Vermassel es jetzt bloß nicht! Josie lächelte und nickte so heftig, dass ihr die blonden Ponyfransen in die Augen flogen. „Ja, dafür ist unser Geschäft definitiv der richtige Ort. Moment, ich zeig’s Ihnen.“

Froh, dass sie endlich Toms Aufmerksamkeit hatte, ergriff sie ein Messer und schnitt das Klebeband auf dem obersten Karton auf. „Wir bekommen viele Anfragen“, erklärte sie. „Die Leute wollen ihre Fantasien ausleben, wissen Sie?“

Josie fragte sich seit zwei Monaten, was für Fantasien Tom wohl hatte. Vielleicht würde sie es ja jetzt herausbekommen.

Sie öffnete den Karton und nahm das oberste Exemplar heraus, ohne hinzusehen, denn ihr Blick war auf Tom geheftet. „Können Sie sich vorstellen, wie sexy dies hier sein könnte? Träumen Sie vielleicht von so etwas?“, fragte sie.

Beide blickten sie auf das Teil in Josies Hand. Ein Häschen-Anzug. Weiß, flauschig – und keine Spur sexy.

Josies Wangen brannten.

Tom lachte. „Ich weiß nicht, Josie. Ich finde, Bunnys müssen Korsagen tragen, um für sexy gehalten zu werden.“ Damit und mit einem freundlichen Winken spazierte er davon. Einfach so.

Josie stöhnte. Sie brachte nicht mal einen simplen Flirt mit diesem Burschen zustande. Allerdings war der Fell-Overall tatsächlich eher kontraproduktiv gewesen.

Seufzend hängte sie den Häschen-Anzug auf einen Kleiderbügel. „Wenigstens war es kein Schlumpf-Kostüm.“

Der Inhalt des nächsten Kartons war weit besser. Ein Outfit, das Prinzessin Leia in Star Wars getragen haben könnte. Dann ein wundervolles Kostüm im Stil Kabarett-Girl. Und ein neuer Marilyn-Monroe-Dress. Alle drei sehr sexy.

Anders als Plüschhasen. Josie verdrehte die Augen. Wie idiotisch von ihr, so flirten zu wollen. Sie konnte überhaupt nicht flirten, und ein Date könnte sie Tom erst recht nicht vorschlagen. Nicht auszudenken, wie sie das vermasseln würde.

Seufzend begann Josie, einige Kostüme einzupacken. Mehrere Internet-Bestellungen warteten darauf, versendet zu werden.

Eine Domina nach New York. Eine Betty Boop nach Idaho. Der sexy Pirat nach Pittsburgh.

Josie suchte die Outfits zusammen und legte sie in die bereits adressierten Kartons. Sie krauste die Stirn, als sie das Domina-Kostüm vom Ständer nahm. Ob sie wohl je den Mut hätte, so etwas zu tragen?

„Josie?“

Sie wirbelte herum. „Tom? Was gibt’s?“, fragte sie und hoffte, dass er ihre Atemlosigkeit als Verblüffung deuten würde und nicht als Aufgeregtheit.

Sein jungenhaftes Grinsen ließ sie sofort dahinschmelzen. „Ich hab versehentlich ein Paket im Wagen gelassen.“

Er hielt ihr ein Päckchen hin, blickte aber nicht in ihr Gesicht, sondern auf das Kostüm in ihrer Hand. Das Grinsen wich einem frechen Lächeln, als er das dünne Leder betrachtete. „Also das ist ein interessantes Outfit. Ich vermute, dass Sie das nicht …“

Josie blickte auf das lederne Ding und dann wieder zu Tom. Wollte er wissen, ob sie gern die strenge Domina spielte? Sie merkte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

„Das Beste an meiner Arbeit ist, dass man alle möglichen Rollen spielen kann“, antwortete sie und fügte nach einem tiefen Atemzug hinzu: „Wie unser Werbespruch ja schon sagt: Bringt uns eure Träume, und wir machen sie wahr.“

Tom lächelte, doch bevor er antworten konnte, läutete das Telefon. „Wir gehen wohl besser wieder an die Arbeit“, meinte er. „Ich komme morgen vorbei, okay?“

Dieses Mal lächelte Josie, als er ging. Während sie ihre Chefin im Nebenraum telefonieren hörte, tänzelte sie beschwingt zum Packtisch zurück. Tom würde morgen vorbeikommen. Er hatte das gesagt, als ob er sich darauf freute. Vielleicht würde er sie um ein Date bitten. Den Kopf voller Gedanken an Tom, legte Josie das Domina-Kostüm in den nach Idaho adressierten Karton …

War die Liebe nicht wundervoll? Josie strich lächelnd über das schwarze Leder und hoffte von Herzen, dass dieses Kostüm der Trägerin ebenso viel Glück bringen würde wie ihr.

1. KAPITEL

„Das Mädchen, das sein Leben lang eine Jungfrau bleiben wird.“ „So unbeliebt, dass sie beim Abschlussball allein war.“ „Die Königin der Grusel-Eleganz.“

Zoe Gaston schnaubte beim Lesen der Bemerkungen, die irgendwelche Leute unter ihr Schulabgangsfoto gekritzelt hatten. Sie hasste diese Kommentare. Obwohl es manchmal schwer war, sie zu widerlegen. Das musste sie zugeben, als sie das Bild betrachtete. Schwarzes stacheliges Haar, schwarz umrandete Augen, schwarz geschminkte Lippen. Sie war ein pausbäckiges, hochintelligentes Grufti-Mädchen gewesen.

Mit anderen Worten, eine totale Außenseiterin.

„Du findest also, dass ich zu dem Klassentreffen gehen sollte. Jubiläum! Zehn Jahre! Warum?“, fragte Zoe ihre Schwägerin Meghan.

„Natürlich um deine ehemaligen Klassenkameraden wiederzusehen. Und um glückliche Erinnerungen an die Highschoolzeit wieder aufleben zu lassen.“

Meghan dachte das wirklich. Sie gehörte zu den Mädchen, die die Schule gemocht hatten. Viele Freunde, viel Spaß, allgemeine Anerkennung. Das genaue Gegenteil von Zoes Erfahrungen. Abgesehen von jenem einen Mal, als ein heißer Footballstar sie um ein Date bat, hatte Zoe ihre Highschooljahre als persona non grata verbracht, als „unerwünschte Person“.

„Ach ja, die gute alte Zeit“, sagte Zoe sarkastisch. „Das muss gewesen sein, als die Cheerleader mich hassten, als die Sportasse Angst vor mir hatten und die Lehrer sich freuten, wenn ich den Unterricht geschwänzt habe.“

Meghan schien zu begreifen, dass das alte Jahrbuch absolut kein Anreiz für Zoe war, an dem Treffen teilzunehmen. Sie nahm ihr das Buch weg und warf es auf die elektroblaue Ledercouch. „Du hast dich über die Cheerleader lustig gemacht“, sagte sie vorwurfsvoll.

Uups. Zoe unterdrückte ein Kichern, als ihr dämmerte, dass die quicklebendige Meghan wahrscheinlich irgendwo ein paar Pom-Poms, diese blöden Jubelbüschel der Cheerleader, aufbewahrte.

„Zach hat mir erzählt, dass du damals dem Quarterback in die Weichteile getreten hast“, fuhr Meghan in gespielt schockiertem Ton fort. Zoe wollte fragen, was daran so schlimm sei, aber sie schaffte es, den Mund zu halten.

„Und er hat gesagt, dass du ständig mit den Lehrern gestritten hast.“

Zoe lachte. „Stimmt. Ich war alles andere als angepasst. Das wollte ich auch nicht sein. Und wenn ich mal einen Versuch machte, mich einzufügen, haben die anderen abgeblockt. Warum um alles in der Welt soll ich dann zu dem Ehemaligen-Treffen gehen?“

„Um allen zu zeigen, wie heiß und erfolgreich du bist und wie sehr sie sich in dir getäuscht haben.“

„Soll das ein Witz sein? Ich sehe noch immer nicht aus wie eine Puppe. Ich wechsele ständig meine Jobs. Und ich hatte so lange keinen Sex mehr, dass ich ebenso gut die ewige Jungfrau sein könnte, die sie mich genannt haben.“

„Na und? Es ist ja nicht so, dass du einen Fragebogen über deine sexuellen Aktivitäten ausfüllen musst, wenn du hingehst.“

Zoe grinste und nahm einen Schluck von ihrer Margarita. Bevor ihr eine geistreiche Antwort einfiel, sagte Meghan: „Wenn du nicht an dem Treffen teilnimmst, werden alle denken, dass sie recht hatten. Willst du sie etwa gewinnen lassen?“

Zoe hätte gern gesagt, dass es ihr ziemlich egal war, ob diese Leute gewannen oder nicht. Aber – sie liebte es zu siegen. Sie musste bei jedem Wettstreit mitmachen und immer das letzte Wort haben. Natürlich verlor sie jegliches Interesse, sobald sie tatsächlich einen Kampf gewonnen hatte. Langeweile war Zoes Hauptproblem.

„Ich kann meinen Drang zu siegen bezwingen, wenn ich erst gar nicht mitspiele“, murmelte sie und nahm die Einladung zu dem Treffen vom Tisch. „Und ein Besuch des Ortes, an dem ich von meinen Mitschülern gequält wurde, ist Grund genug, an diesem Spiel nicht teilzunehmen.“

„Und ein blöder Vorwand für deine Drückebergerei. Du hast Angst, dass sie mit ihrem Urteil recht haben könnten.“

Zoe starrte ihre Schwägerin ärgerlich an. „Warum findest du dies eigentlich so wichtig?“ Sie zeigte auf die pompöse Hochglanz-Einladung, die Meghan ihr mit der Erklärung gebracht hatte, dass sie an Zoes Bruder geschickt worden sei, weil das Planungskomitee Zoe nicht hatte aufspüren können. „Es kann dir doch egal sein, ob ich an diesem Zirkus teilnehme oder nicht. Was also steckt dahinter? Sag mir die Wahrheit!“

Meghan druckste einen Moment lang herum. Dann sah sie mit einem herzzerreißenden Welpenblick zu Zoe und sagte: „Zach hat Probleme.“

Zoe setzte sich so schnell auf, dass ihre Margarita über den Rand des Glases schwappte. Sie ignorierte das und packte Meghans Arm. „Was ist los? Was ist mit Zach? Ist er krank?“

„Nichts dergleichen“, versicherte Meghan ihr hastig. Sie war wegen der heftigen Reaktion sichtlich geschockt, und Zoe sah ein, dass sie überreagiert hatte. Aber Zach war schließlich das Einzige, was sie hatte. „Es geht ihm gesundheitlich gut. Das Problem ist sein Geschäft.“

Die Angst ließ langsam nach, Zoes Muskeln entspannten sich. „Z-Tech?“, fragte sie, womit sie Zachs Videospiel-Firma meinte, die er während des Cyber-Booms gegründet hatte. Zoe hatte ihrem Bruder mehrmals geraten, sein Angebot zu erweitern, doch all ihr Drängen war vergeblich gewesen. Zach hatte immer wieder behauptet, dass er das überaus gemütliche Gefühl, spezialisiert zu sein, viel zu sehr mochte, um etwas zu ändern. Doch letztes Jahr hatte er beschlossen, noch einmal etwas zu riskieren. Um mit Riesen wie Sony und Microsoft konkurrieren zu können, hatte er das Konzept „preiswert, praktisch, erweiterbar“ gewählt.

„Gibt es mit seinem neuen System Probleme?“

Meghan nickte. „Er hat all unser Geld in diese Idee gesteckt, und jetzt ist keiner daran interessiert. Wenn es nicht bald anläuft, wird Z-Tech bis zum Jahresende eingegangen sein.“

„Verdammt“, murmelte Zoe und sank in ihrem Sessel zurück.

Z-Tech war Zachs Ein und Alles. Oh, sicher, er vergötterte seine Frau. Aber die Firma hatte er schon vorher geliebt. Er hatte bereits als Junge von seiner Idee gesprochen und andauernd Pläne gemacht. Als Zoe fünfzehn war, zogen ihre Eltern nach Bradford in Idaho. Zach, damals achtzehn, blieb in Kalifornien, um sein Glück in Silicon Valley zu versuchen. Als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte Zach seine Träume beiseite geschoben und war in die Kleinstadt Bradford gezogen, um Zoe dort ihren Schulabschluss machen zu lassen. Er suchte sich einen Job in der Internet-Branche, um seine Schwester zu unterstützen.

Zach hatte alles für sie aufgegeben, und das würde Zoe nie vergessen. Sie schuldete ihm eine Menge dafür, dass er sie gedrängt hatte, zu lernen und einen Schulabschluss zu machen, statt sich zu einem Elendsbündel einzurollen. Sie verdankte es Zach, dass ihr bewusst blieb, was eine Familie war und was es bedeutete, geliebt zu werden, als die ganze Welt sich in eine Hölle verwandelte. Nicht dass Zach das auch so sah. Die wenigen Male, die Zoe ihm danken wollte, hatte er die Augen verdreht und das Thema gewechselt.

Und als sie vor drei Jahren wieder einmal einen Job aufgegeben hatte, war es Zach gewesen, der ihr vorschlug, all ihre Qualifikationen in einem Portfolio zusammenzufassen und sich Unternehmensberaterin zu nennen. Genau das war sie seitdem, und sie beherrschte ihren Job. Sie konnte Situationen erfassen, konnte Leute dirigieren, konnte deren Probleme lösen und wieder gehen, bevor sie sich zu langweilen begann. Ihre neue Tätigkeit hatte sich als perfekt und als sehr erfolgreich erwiesen.

Und nun würde der Mensch, der Zoe zu ihrem Beruf verholfen hatte, selbst seine Firma verlieren. Ihr Bruder stand vor der Pleite.

Zoe stellte ihr Glas auf den Beistelltisch. Nichts verdarb eine gute Margarita so gründlich wie der bittere Geschmack von Schulden. „Schlimme Sache.“

„Ja. Allerdings hat Zach eine Idee, von der er glaubt, dass sie die Firma retten kann“, sagte Meghan in gedämpftem Ton, als ob sie ein Geheimnis verriet.

„Was für eine Idee ist das?“

„Zach hat gesagt, dass er etwas Besonderes braucht, einen Knüller.“

„Und dieses besondere Etwas soll Käufer dazu ermuntern, sein System auszuprobieren?“, fragte Zoe.

„Genau.“

„Das ist eine tolle Idee.“ Zoe hatte dasselbe vor einigen Monaten vorgeschlagen, aber Zach war damals in einer seltsamen Macho-Stimmung à la selbst ist der Mann gewesen, sodass ihre Idee nicht bei ihm angekommen war. Nun begriff sie Zachs Ich-krieg-meinen-Kram-allein-hin-Gebaren. Was für Zoe Langeweile war, war für ihren Bruder das Scheitern: die reine Hölle. „Was ist denn nun das Problem?“

„Zach meint, dass er nur ein einziges Killer-Spiel braucht. Etwas Exklusives, das an sein System gekoppelt ist. Und es gibt nur einen einzigen Mann im Land, der solche Spiele entwickelt und wirklich exklusiv ist, weißt du? Einer, von dem schon jeder gehört hat, der aber noch nie für die großen Unternehmen gearbeitet hat – ein Einzelkämpfer.“

Zoe ahnte, dass diese Einleitung irgendwann bei dem Klassentreffen enden würde, und wartete ab.

„Dieser Typ nennt sich ‚Gandalf der Zauberer‘. Er gestaltet und designed die aufregendsten Videospiele in der Branche und ist ein totales Mysterium. Keiner weiß, wer er wirklich ist. Zach hat versucht, ihn durch Leeton zu erreichen, das Unternehmen, für das Gandalf arbeitet. Vergebliche Mühe.“ Meghan stand mit einem ärgerlichen Schnauben auf, stelzte zu dem Panoramafenster und blickte auf die Skyline von San Francisco. „Ich habe Zach beim Recherchieren geholfen, aber das ist wie eine Suche im Dunkeln. Nichts zu finden, außer ein paar Gerüchten.“

Dies war der Startschuss für das Ehemaligen-Treffen. Zoe griff nach ihrem Glas und kippte den Rest ihrer Margarita hinunter. Oh ja, auch sie hatte Gerüchte über Gandalf gehört.

Meghan drehte sich zu ihr und entdeckte offenbar etwas in ihrem Gesicht. „Du kennst ihn, stimmt’s?“

„Nein.“ Es war nicht gelogen. Zoe hatte keine Ahnung, wer Gandalf war.

„Aber er kennt dich. Er ist heiß auf dich. Das sagt Zach auch. Seine Erkenntnis beruht auf Gandalfs Spiel ‚Klassenkampf‘.“

„Unbedeutend“, winkte Zoe ab, obwohl sie genau wusste, dass Zach recht hatte. Vor fünf Jahren, als sie ihn über das Spiel schimpfen gehört hatte, probierte sie es selbst aus. Der Designer hatte offenkundig mal in Bradford gewohnt. Die Ähnlichkeiten waren verblüffend: Sehenswürdigkeiten, Redewendungen, Schülerslogans.Sie.

Zoe hatte nie sagen können, ob sie sich geschmeichelt fühlte oder darüber entsetzt war, dass die Hauptfigur, eine vollbusige Heldin namens SweetCheeks, nach ihr geschaffen worden war. Nicht so sehr bezüglich des Aussehens oder der BH-Größe, sondern in punkto Gebaren. Etliche Sprüche stammten von ihr. Auch ihre Gewohnheit, beim Nachdenken an ihre Lippe zu klopfen, hatte der Designer für seine Figur übernommen. Dann die stacheligen schwarzen Haare mit den lila Spitzen und sogar das außergewöhnliche Tattoo zwischen ihren Schulterblättern. Diese Engelsflügel hatte Zoe sich mit sechzehn zum Gedenken an ihre Mutter auf den Rücken tätowieren lassen.

Das Spiel ‚Klassenkampf‘ war wie eine Huldigung an ihr Teenager-Ich. Ein erfreuliches Gegenstück zu der ewigen Jungfrau. Dieser Gandalf kannte sie offensichtlich. Aber wer kannte ihn? Soweit Zoe wusste, hatte kein Mensch eine Ahnung, wer er war.

„Von wegen unbedeutend“, gab Meghan zurück. „Die Antwort auf Zachs Gebete stammt aus deiner Stadt. Und wahrscheinlich war Gandalf in deiner Klasse, da er dich immerhin gut genug kannte, um zu wissen, wie dein nackter Rücken aussieht. Demnach wird er zu dem Ehemaligentreffen kommen. Warum wohl? Kommst du drauf? Verdammt, das ist doch so leicht wie Malen nach Zahlen. Sogar du kannst dich lange genug konzentrieren, um zwei Punkte zu verbinden, oder?“

„Keiner mag Klugscheißer“, murmelte Zoe.

„Das ist nicht wahr. Zach und ich lieben dich.“

Zoes Gewissen regte sich. Weil sie sich unbedingt bewegen musste, stand sie auf und ging in die Küche. Der Druck auf den Knopf des Mixers erzeugte eine schöne geräuschvolle Ablenkung, so wie auch das Mixen einer weiteren Ladung Margaritas.

Central Highschool. Cliquenhaft, arrogant, voreingenommen. Zoe hatte nie hineingepasst. Sie hatte diese exklusive Kleinstadt und ihre snobistische Highschool gehasst wie eine Katze das Wasser. Glücklicherweise hatte sie Dex gehabt. Dank Dex, ihrem einzigen Freund, hatte sie ignorieren können, wie erbärmlich sie dort aufgenommen worden war. Und nachdem ihre Eltern tödlich verunglückt waren, musste sie mit einer weiteren kleinstädtischen Realität fertig werden: dem Klatsch. Während sie um ihre Mutter und ihren Vater trauerte und versuchte, den Schock zu verkraften, lief die Klatschmühle bereits auf Hochtouren. An jeder Ecke wurde über die geplante Scheidung ihrer Eltern getuschelt, die angeblich wegen einer Affäre ihrer Mutter mit dem Schulleiter eingereicht worden war.

Zoe hatte aus der Stadt verschwinden wollen, um sich irgendwo zu verkriechen. Doch Zach bestand darauf, dass sie ihren Abschluss machte. Er schob seine großen Berufspläne beiseite, um Verantwortung zu übernehmen. Und trotz ihrer schlimmen Highschool-Erfahrungen war Zoe ihm dankbar, dass er sie nicht hatte ausreißen lassen. War es jetzt nicht an ihr, den Zorn auf die Vergangenheit beiseite zu schieben, um Zachs Träumen eine Chance zu geben? Schließlich wollte sie, dass er Erfolg hatte. Und, noch wichtiger, sie wollte sich beweisen. Ihrem Bruder und sich selbst.

Zoe seufzte. Welch ein Stress! Sie brachte den Krug mit den Margaritas ins Wohnzimmer und füllte beide Gläser.

„Du weißt doch, dass Zach sauer wäre, wenn er rauskriegen würde, dass du dies hinter seinem Rücken gemacht hast“, murmelte sie, als sie sich hinsetzte. Trotzdem nahm sie die Einladung wieder hoch. „Kein Mensch weiß, ob Gandalf aus Bradford stammt. Das weißt du, ja? Es besteht kein Grund zu glauben, dass er zu dem Treffen erscheinen wird.“

„Zach ist davon überzeugt. Er hat sich das Gehirn zermartert, um auszutüfteln, wie er den Burschen finden kann.“

Zoes Schuldgefühle wurden nun zu einem Wasserfall.

Als Meghan den Riss in Zoes Schutzpanzer erkannte, setzte sie zum Todesstoß an. Mit einem vergnügten Lächeln zog sie einen dicken Umschlag aus ihrer Handtasche. „Sieh mal, hier sind noch mehr Informationen zu dem Treffen. Ich bin auf den Link gestoßen, als ich mir die Website anschaute. Die über die Klassenkameraden. Als ich sah, dass deine Klasse demnächst ein Wiedersehenstreffen hat, hab ich dem Komitee gemailt, mir eine Einladung zu schicken.“

Zoes Brauen schossen hoch. So war das also gelaufen. Sie hatte sich schon gefragt, wieso das Planungskomitee so mühsam nach ihrer Adresse geforscht hatte und die Einladung dann an Zach schickte. Als ob diese Leute besonders scharf darauf wären, das Grufti-Mädchen in ihrem erlauchten Kreis dabei zu haben.

„Im Forum gab es übrigens auch Spekulationen über Gandalf“, fuhr Meghan fort, sobald sie sicher war, dass Zoe sie wegen ihrer heimlichen Aktion nicht ausmeckern würde. „Einige Leute bezweifeln, dass er an eurer Schule war. Andere fragen sich, in welcher Klasse er gewesen ist. Und ob er wohl zu dem Treffen kommt. Diese Art Dinge.“