Engel mit Fell - Andrea Prochnow - E-Book

Engel mit Fell E-Book

Andrea Prochnow

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Beschreibung

Die faszinierende Welt der Kommunikation zwischen Mensch und Hund wird hier humorvoll und spannend zugleich beschrieben. Dem Leser ergibt sich die Möglichkeit zu einem besseren Verständnis seines Hundes. Die humorvollen Abenteuer von Anne und ihren Hunden sind informativ und verblüffend zugleich. Mit vielen Fotos ist dieser Roman eine Freude für jeden Tierliebhaber. AHA – Effekte sind garantiert und ein Schmunzeln auf keinen Fall zu vermeiden.

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Andrea Prochnow

Engel mit Fell

AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK

Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

©2018 FRANKFURTER LITERATURVERLAG

Ein Unternehmen der

FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE GMBH

Mainstraße 143

D-63065 Offenbach

Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

E-Mail [email protected]

Medien- und Buchverlage

DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

seit 1987

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

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Dieses Werk und alle seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Nachdruck, Speicherung, Sendung und Vervielfältigung in jeder Form, insbesondere Kopieren, Digitalisieren, Smoothing, Komprimierung, Konvertierung in andere Formate, Farbverfremdung sowie Bearbeitung und Übertragung des Werkes oder von Teilen desselben in andere Medien und Speicher sind ohne vorgehende schriftliche Zustimmung des Verlags unzulässig und werden auch strafrechtlich verfolgt.

Lektorat: Dr. Annette Debold

Herstellung: Anna Maniura M.A.

ISBN 978-3-8372-2172-5

Vorwort

Als Anne und Walter die Entscheidung treffen, einem Welpen ein neues Zuhause zu schenken, können sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, wie sich das Leben der Familie von diesem Tag an verändern wird. Die nächsten Jahre sind geprägt von Überraschungen und Abenteuern.

Den Beginn macht der Airdale Terrier James, ein Familienhund wie er im Bilderbuche steht, auf ihn folgt der Welsh Terrier Ortwin, ein eigenwilliges Kerlchen, und als er nicht mehr da ist und die Familie eigentlich keinen Vierbeiner mehr aufnehmen möchte, klingelt eines Tages das Telefon vom Tierschutz und kündigt die aus einer ungarischen Tötungsstation stammenden Dackel Moon und Sunny an.

Jeder Hund hat seinen eigenen Charakter, auf den sich Anne und Walter einstellen müssen und beide merken im Laufe der Zeit, dass auch sie durch die Ausbildung, die Pflege und das Miteinander persönliche Veränderungen durchleben. Als Anne aufgrund eines Unfalls lange Zeit nicht aus dem Haus kann und in ihrer Mobilität stark eingeschränkt ist, ist es Ortwin, der sie durch Tricks und Kniffs motiviert, ihre krankengymnastischen Übungen durchzuziehen und wieder zu alter Stärke zu finden.

Die Familie, zu der auch Tochter Kim gehört, begibt sich auf eine emotionale Achterbahnfahrt und wird durch die vielen Erlebnisse und Begebenheiten ungemein zusammengeschweißt. Wie das innere Band der Familie durch die „Engel mit Fell“ gestärkt wird, wie sehr sich Zwei- und Vierbeiner umeinander sorgen und kümmern, verdeutlicht dieses Buch auf berührende Weise ohne dabei in sentimentale Anekdoten abzugleiten.

Andrea Prochnow, die bereits in ihrem ersten Buch „Luna die Große“ die tiefe Zuneigung zwischen Mensch und Tier auf einfühlsame Weise beschrieben hat, widmet sich in ihrem neuen Werk einmal mehr diesem wunderbaren Beziehungsgefüge. Über das bunte und turbulente Zusammenleben mit Tieren geht es der Autorin um den Aspekt der Wertschätzung des Menschen für das Tier. Sie findet Worte für die Bindung aus Verantwortung und Fürsorge, die vor allem der Mensch eingeht, den besonderen Blick auf Befinden, Verhalten und Pflege des Tieres, der die Sinne des Halters schärfen kann.

Wertvolle Hinweise für Hundehalter im Krankheitsfall des Tieres oder was es generell zu beachten gilt, wenn der Welpe ins Haus kommt, runden die abwechslungsreich geschilderten Erlebnisse aus dem Alltag ab und sorgen für eine unterhaltsame wie informative Lektüre. Man merkt von der ersten Seite an: Hier spricht keine Theoretikerin. Hier erzählt jemand, der mit Tieren lebt, mit ihnen leidet, wenn es ihnen nicht gut geht und sie aus vollem Herzen liebt.

Dr. Matthias Deußer,

Offenbach/Main im Juli 2018

Nach einem Umzug in ein kleines Eigenheim beschlossen Walter und Anne sich ihren Wunsch nach einem Hund zu erfüllen.

Früher als Jugendliche war Anne öfter Hundesitter gewesen. Es waren verschiedene Hunderassen und Mischlinge, die sie betreut hatte. Besonders ins Herz geschlossen hatte sie einen Dackel vom damaligen Nachbarn, aber da sie nun mit Walter in einem kleinen Häuschen wohnte, entschieden sich die beiden doch erst mal dafür, einen größeren Hund anzuschaffen. Es sollte ja auch ein Wachhund sein.

Jetzt wurde ein liebevoller Familienhund gesucht mit positiven Eigenschaften wie z. B. Familienfreundlichkeit und Wachsamkeit. Schnell wurde deutlich, dass der Airedaleterrier die Wünsche von Walter und Anne am besten erfüllte. Anne hatte zwar Erfahrungen in der Betreuung, aber nicht in der Erziehung von Hunden und war sehr gespannt auf dieses Abenteuer. Walter, der Partner von Anne, hatte am Anfang nicht so viel Interesse am Thema Hund, er war eher ein Katzenmensch. Nach einigen Büchern wurde schnell deutlich, dass man sich gerade am Anfang sehr viel Zeit für den Welpen nehmen sollte. Anne suchte im Internet und fand eine Adresse. Sie und Walter vereinbarten einen Besuchstermin, und es stellte sich schon beim Telefonat heraus, dass Herr Spinnrock[1] mit Anne auf einer Linie lag. „Super“, hatte er gesagt, „gut, dass Sie sich schlaugemacht haben, und sicher können Sie die Hündin und zukünftige Mutter Ihres Welpen besuchen. Ich freue mich auf Sie.“ Es sollte sich herausstellen, dass es sich bei diesem Züchter um einen kompetenten und liebevollen Züchter handelte. Also ein Glücksfall.

Es fand vor Ort nicht nur ein langes, informatives Gespräch statt, sondern Anne und Walter konnten auch Bekanntschaft mit der Mutterhündin machen.

Es war gleich Liebe auf den ersten Blick. Die Mutterhündin erfüllte alle Wünsche und Vorstellungen, die Anne hatte. Liebevoll, schmusig und offen für Neues. Wachsam, aber nicht aggressiv, verspielt, aber nicht wild. Was für ein Glücksfall das für Anne und Walter sein sollte, stellte sich erst später heraus. Jetzt ging Anne einfach davon aus, dass dies völlig normal war und es immer so reibungslos und kompetent verlaufen würde. Hier sollten noch einige Überraschungen für sie bereitliegen.

Nach dem Gespräch und dem Spielen mit der Mutterhündin gingen Anne und Walter voller Freude nach Hause. Anne hatte sich Notizen gemacht und eine Bestellliste. Die Wartezeit bis zum ersten Welpenbesuch füllte Anne mit der Suche nach dem richtigen Hundeplatz. Oh Mann, da gab es so viele Angebote mit den unterschiedlichsten Richtlinien, und alles schien so wichtig. Anne nahm sich eine Auszeit, und erst kurz vor dem ersten Welpenbesuch entschied sie sich für den Hundeplatz „Happy Dogs“.

[1]   Züchter Alfons Spinnrock aus Kaarst

Ein Engel namens James

Die Reise zum Züchter verlief ohne jegliches Gespräch. Walter und Anne waren zu aufgeregt und freuten sich riesig auf diesen ersten Moment. Ja, jetzt würde Anne unter den Welpen den ihren heraussuchen. Walter wollte keinen Hund und war daher zunächst nur als Beobachter dabei. Vor Ort beim Züchter angekommen, wurden sie freundlich empfangen. Erst mal eine Tasse Kaffee auf neutralem Boden, das beruhigte die Gemüter. Herr Spinnrock verfügte eben über die Erfahrung, wie es am besten für alle war.

Er gab noch einige Tipps mit auf den Weg. „Gleich gehen wir in den Welpenraum. Bitte setzen Sie sich auf die Couch“, sagte er zu Walter, und nur Anne sollte sich auf den Boden setzen. „Wenn ich dann mit den Welpen in den Raum komme, beachten Sie diese erst mal nicht weiter, und dann nach einiger Zeit rufen Sie den Namen, den Sie sich für Ihren Hund ausgesucht haben. Der Hund, der zu Ihnen kommt, das ist Ihr Hund.“

Das ist der große Vorteil, wenn man als Erster die Welpengruppe besuchen darf und einen Welpen aussuchen kann. Anne hatte das Glück in diesem Fall, Erste gewesen zu sein, und die Mutterhündin hatte Anne ja kennengelernt in der Schwangerschaft. Sie war eine sehr liebe und schmusige Hündin, also genau was Anne auch wollte.

Lieb, zuverlässig und menschenfreundlich. So kam auch Anne auf den Namen – ihr Hund sollte James heißen, und wie sich später herausstellte, war der Name genau richtig und passend.

Es waren acht Welpen, die jetzt herumtollten und spielten. Keiner beachtete Anne, die in dem Raum vor der Gruppe saß – so schien es. Der Züchter nahm auf der Bank neben Walter am Ende des Raumes Platz und beobachtete gespannt, was passieren würde. Anne überblickte erst die Gruppe. Einige rauften oder spielten mit dem Ball und den vielen anderen Spielzeugen im Welpenraum.

Anne holte tief Luft und erinnerte sich an einen Spruch: „Eine Sache ist nur gefährdet, wenn die Menschen nicht mit dem Herzen dabei sind“, und nun konzentrierte sie sich voll auf die Welpengruppe. Anne holte tief Luft und rief den Namen: „James, komm her!“ Die Gruppe stoppte kurz mit dem Spielen, und alle schauten Anne erstaunt an – „Was will die denn?“ –, danach spielten sie weiter, bis auf einen.

Der setzte sich hin und schaute Anne lange an. Anne musste lachen bei dieser Musterung. Nun wiederholte sie nur den Namen „James“ und sagte: „Komm her!“

Der besagte Welpe lief ohne jegliche Zögerung direkt auf Anne zu, in ihren Schoß und spielte mit ihr, als wäre das das Normalste der Welt. „Das ist wohl deutlich“, meinte der Züchter mit einem Lächeln und freute sich, „das ist nicht immer so einfach, aber hier besteht kein Zweifel – das ist Ihr Hund.“

„Ich werde nun James markieren, indem ich eine Ecke vom Fell aus dem Schwanz entferne, sodass es keine Verwechslungen mit den anderen Welpen geben kann. Obwohl, ich denke, dass dies nicht möglich ist“, fügte der Züchter lachend hinzu. James hatte Anne so deutlich ausgesucht, dass der Züchter sich sicher war, er würde zu keinem anderen Fremden laufen.

Es wurden sofort weitere Besuchstermine vereinbart, damit der Welpe James sich mit dem Geruch von Anne und Walter vertraut machen konnte. „So entsteht nicht nur eine bessere Verbindung zu Ihrem Vierbeiner, sondern es kommt auch viel weniger Heimweh bei ihm auf.“

Das sollte sich bestätigen.

Welpe James

Anne hatte vorab einige Hundebücher gelesen und sich deshalb für einen Airedaleterrier entschieden. Der Charakter dieses Hundes ist lieb, treu, zuverlässig, aber auch mit einer gewissen Eigenständigkeit versehen. Der Airedaleterrier ist ein vielschichtiger Hund. Er wurde bekannt durch seine ausgezeichnete Arbeit als Sanitäts- und Meldehund im Krieg. Daher hört man oft noch den Namen Kriegshund. Der Züchter hatte auch Anne darauf aufmerksam gemacht, dass der Airedaleterrier alle acht bis neun Wochen getrimmt werden sollte und dass dies, das erste Mal, erst geschehen darf nach einem halben bis Dreivierteljahr. Dann sollte sich das Fell so entwickelt haben, dass das Trimmen des Hundes keinerlei Schmerzen verursacht. Dies wird das Trimmen in späteren Zeiten sehr erleichtern.

Anne kam nun mit Walter regelmäßig zum Spielen und Toben zum Züchter. James freute sich schon, und eines war bereits deutlich zu erkennen, im Welpenalter: Er liebte Teppiche. Diese wurden mit einer so großen Leidenschaft zerpflügelt, dass es beinah eine Wonne war zuzuschauen. Anne und Walter richteten sich hierauf ein, und zur Sicherheit entfernten sie zu Hause alle Teppiche und ersetzten diese durch viel Spielzeug und Zeit für den Welpen James.

Der Airedaleterrier zeichnet sich durch sein ausgeglichenes Wesen aus. Aufmerksamkeit und freundlich sowie offen und vertrauensvoll. Er ist wachsam und unerschrocken und liebt Kinder. Er ist ein sehr guter Wachhund, der mit einem entschlossenen, intelligentem und couragierten Wesen handelt. James gab Anne durch sein Verhalten mehr Ruhe und forderte gleichzeitig mehr Geduld. Im Welpenalter zeigte James schon gute Wachhundeigenschaften, die wiederum Walter sehr gut fand. James forderte Anne aber auch jeden Tag aufs Neue heraus, glücklicherweise hatte sie sich Urlaub genommen und Zeit für die Erziehung und Eingewöhnung von James. Eine Vorliebe von James war es, Löcher zu graben im Garten mit und ohne einen Anlass, sondern nur zum Spaß. Hier war Walter gefordert, der manchmal mit seinem Nervenkostüm zu kämpfen hatte. Im Haus war Anne fast ständig im Einsatz. Alles, was einem Teppich ähnelte, wurde in Angriff genommen.

Der Airedaleterrier kann sehr kreativ sein, das musste Anne auch feststellen. Somit waren Anne und Walter echt in Anspruch genommen und gaben ihr Bestes. James wurde immer ruhiger, und auch die überwilden Zeiten normalisierten sich etwas. James entwickelte sich zu einem richtigen Schmuse- und Wachhund, und so waren alle Unannehmlichkeiten schnell vergessen.

Anne und Walter waren glücklich und ahnten nicht, dass jetzt erst die richtige Arbeit begann. Gut, dass im Nachhinein die Unannehmlichkeiten im Welpenalter schnell verblassen.

Jetzt begann das Abenteuer Hundeplatz.

Nach sieben Monaten Häuslichkeit ging es nun zur Hundeschule. James war aufgeregt, fügte sich aber schneller in die Gruppe als Anne. Es waren unterschiedliche Hunde in der Gruppe, von groß bis klein, es waren viele Hunderassen und Mischlinge vertreten. Die Welpen hatten sich schneller untereinander vorgestellt als Frauchen und Herrchen. Unkompliziert und mit Freude musste Anne feststellen, dass der Hundeplatz genau das Richtige war, für sie und James.

James lernte schnell und beherrschte nach kurzer Zeit die Übungen besser als sein Frauchen.

Die Trainer hatten ihren Spaß mit Anne. Geduldig wartete James, bis Frauchen so weit war und die Kommandos gab, auch wenn Frauchen manchmal aufgeregt war und es etwas dauerte, bis das richtige Kommando gegeben wurde. Anne musste über sich selbst lachen, da deutlich zu sehen war, wer von beiden der Ruhigere war.

James ließ auch keinen Zweifel aufkommen, demonstrativ setzte er sich hin und schaute Frauchen an, und jeder konnte erkennen, was James dachte: Mach schon, ich weiß doch, was jetzt kommt.

James, der Genießer

In all den Jahren hatte Anne viel in der Hundeschule gelernt. James spiegelte jede Unaufmerksamkeit und jeden Fehler in den Kommandos wider. Wie oft hatte Anne über sich selbst lachen müssen. Deutliche, klare Kommandos, oh … wie schwer konnte das sein! Aus „Hier!“ wird dann schon mal „Komm her!“ oder „Kommst du jetzt!“ oder „Nun komm schon!“.

James blieb bei Fehlkommandos demonstrativ stehen und schaute Anne keck an. In diesem Moment wusste sie, dass sich in der Kommunikation ein Fehler eingeschlichen hatte.

Also nachdenken: Was habe ich falsch gemacht?, und dann – deutlich – ein kurzes Kommando: „HIER!“

So kam James demonstrativ als Gentleman angelaufen, und es schien Anne, als hörte sie: Gut so!

Anne hatte eine sehr enge Verbindung mit James entwickelt und diese gemeinsam mit ihm erarbeitet. Anne und Walter genossen es, und beide lernten viel dazu. Was hatten Sie nicht alles erlebt in dieser Zeit!

Nach fünf Jahren intensivem Hundetraining entschloss man sich zum sportlichen Teil überzugehen.

Walter hatte alles live miterlebt, und Anne sowie Walter wussten, dass eigentlich die Besitzer des Hundes am meisten auf einer Hundeschule lernen. Rückblickend erinnerte Anne sich noch sehr gut an den ersten Unterricht, bei dem die Übung nur daraus bestand, lauter und deutlicher zu sprechen und zu kommunizieren. Ein bleibendes Problem beim Homo sapiens.

Inzwischen waren Anne und James so ein gutes Team, dass sie gefragt wurden, ob sie für den Verein „Happy Dogs“ antreten wollten. Hier sind nur drei Kommandos erlaubt für eine Übung, dazu gehören auch Arme und Beine und Laute jeglicher Art.

Das heißt, wenn man z. B. einen Arm hochhält und dann seinen Hund ruft, dabei den Arm runternimmt, ergibt dies insgesamt drei Kommandos. Da bei jeder Übung nur drei Kommandos erlaubt sind, ist das Potenzial direkt erschöpft, und man hat keine Möglichkeit, nochmals zu rufen. Muss man dann doch nochmals rufen, wird die Übung mit null Punkten bewertet. Also hier war Anne gefragt.

Oh, oh … Niemand machte sich Sorgen über James, der bis dahin immer einwandfrei mitgearbeitet hatte, aber Anne bekam genaue Instruktionen, und es wurde noch eine Extrastunde Training nachgelegt.

Wie schwer es doch sein kann, deutlich ein Kommando ohne Körpersprache auszuführen, das durfte Anne jetzt erfahren.

Diesmal handelte es sich um einen Gehorsamkeitswettstreit. Die Disziplinen waren: „Bei Fuß!“, „Sitz!“ und fünf Minuten ruhig liegen bleiben auf dem angewiesenen Platz.

Des Weiteren sollte sich danach der Hundebesitzer vom Hund entfernen und nach drei Minuten erst den Hund wieder zu sich rufen.

Dies erfordert viel Geduld für den Hund, aber auch für den Hundebesitzer. Anne wusste, wie lang diese fünf Minuten sein konnten, wenn man warten musste.

Diesmal handelte es sich um einen Teamstreit unter den Vereinen. Anne war sehr aufgeregt und James die Ruhe selbst. Er strahlte Selbstbewusstsein aus, und Anne meinte zu hören: Das machen wir schon!

Der Start war spannend, und der Verein „Happy Dogs“ hatte mit einem Favoritenverein die gleiche Punktzahl.

Jetzt waren auch noch James und Anne die Letzten in der eigenen Gruppe, die noch Punkte holen konnten. Der Druck und die Erwartungen der Vereinsmitglieder waren groß. Der letzte Teilnehmer aus dem Favoritenverein war so aufgeregt, dass ihm einige Fehler unterlaufen waren, Kleinigkeiten.

So ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, von „Happy Dogs“ den Pokal zu holen, das würde allerdings einen fehlerfreien Lauf von James und Anne voraussetzen.

Anne bekam einen Schweißausbruch.

Funktionierte die Atmung noch?

Nun stellten sich die ersten Fragen bei ihr ein – warum tue ich das eigentlich? Keine Zeit, am Rand hinter einer Hecke, abgegrenzt von dem Trainingsfeld, standen die anderen Vereinsmitglieder und diskutierten intensiv mit Walter. Der arme Kerl, dachte Anne – sollte James jetzt diesen Durchlauf fehlerlos laufen, hatte „Happy Dogs“ gewonnen. James und Anne hatten die volle Aufmerksamkeit des Publikums – Spannung pur. Am Rand stand und glänzte schon mal der Pokal. Nicht gerade beruhigend, dachte Anne. Im Kopf ging sie das gesamte Programm nochmals durch. Jetzt ruhig bleiben und keine Fehler machen. Es ging los.

Erst bei Fuß laufen – gar kein Problem für James. Freudiges Gelächter gab es bei einer Wendung, an der James durch das Wasser laufen musste. Er hasste nasse Füße. Also lief er brav weiter bei Fuß (Müssen wir ja jetzt!), und James schüttelte nebenbei demonstrativ seine Füße, um das Wasser loszuwerden.

Der Schiedsrichter schmunzelte und wartete dann auch eine trockene Stelle ab für die Kommandos „Steh!“ und „Sitz!“. Anne blieb stehen und gab das Kommando „Sitz!“. Alles einwandfrei, hier war es ja trocken.

Anne entfernte sich nun von James und drehte sich um. Nun kamen die nervenaufreibenden fünf Minuten warten. Klingt einfach, oder? Es handelte sich nun um die letzte Übung, und die Spannung war zu fühlen.

Die Zuschauer schienen den Atem anzuhalten, aber James zeigte keine innerliche Unruhe, im Gegensatz zu Anne. Atmen und Atmen, dachte Anne, jetzt keinen Fehler machen, denk an die drei Kommandos, nicht mehr.

Es durfte jetzt kein Fehler unterlaufen, und James sollte dann einwandfrei kommen und vor Frauchen Sitz machen, dann hätten sie volle Punktzahl, und der Pokal wäre nach fünf Jahren erstmals wieder im Besitz von „Happy Dogs“. Aber so weit waren die beiden noch lange nicht.

James saß wie eine Eins und hatte nur Augen für sein Frauchen. Jetzt nur noch „Hier!“, das wird kein Problem sein, dachte Anne.

Der Schiedsrichter gab endlich das Zeichen, die fünf Minuten waren um, und sie rief deutlich und klar: „HIER!“.

James hatte das wahrgenommen, genoss aber eben noch die volle Aufmerksamkeit des angespannten Publikums. Anne brach der Schweiß aus, und sie musste sich beherrschen, um nicht noch ein Kommando zu verschwenden oder mit ihrer Körpersprache das Kommando zu unterbauen.

James erhob sich und genoss die Situation. Er schien sich lustig zu machen über so viel Tamtam. Langsam ging er auf Anne zu, denn es ging ja schließlich nicht um Schnelligkeit.Anne warf James einen Blick des Todes zu. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen und rief nochmals deutlich und mit einem Blick des Nachdrucks „HIER!“.

Der Schiedsrichter beobachtete James genau, denn solange der Hund in Bewegung war, gab es keine Fehlerpunkte; die Schnelligkeit war nicht entscheidend, sondern die Ausführung des Kommandos. Jetzt hatte Anne nur noch ein Kommando und musste genau auf ihren Körper achten, um nicht einen Fehler zu machen. James schien zu grinsen.

Die anderen Vereinsmitglieder konnten sich nicht mehr beherrschen und mussten vom Schiedsrichter ermahnt werden.

„James, vorwärts, nun mach schon“, riefen die Vereinskollegen.

Im Blickwinkel konnte Anne den engagierten Walter erkennen, der mit sämtlichen Körperteilen agierte, um diese Situation positiv zu beeinflussen.

Alle, aber auch alle hatten nur noch Augen für James. Verzweifelt rief Anne nochmals „HIER!“.

Ihre Gefühlswelt durchlief einige Stadien. Wut, Verzweiflung, Traurigkeit, Wut und Ohnmacht. Was soll’s, dachte sie, dann eben nicht, und entspannte sich. Genau in diesem Moment gab James Gas, setzte sich wie eine Eins vor Anne und schaute sie an.

„Volle Punktzahl!“ Der Applaus war riesig und die Freude am Rand des Feldes ebenfalls. Lediglich Anne und James hatten Augenkontakt und nahmen das Außenfeld nur scheinbar wahr.

Was war das?, dachte Anne, und bevor sie die Antwort von James erhalten konnte, stürmte Walter hinzu und gratulierte. Jetzt kamen auch die anderen Vereinsmitglieder hinzu und gratulierten James und Anne ebenfalls zum Pokalsieg.

Anschließend wurde ausgelassen gefeiert.

Vergessen war diese peinliche Situation schnell, und so war es auch keine Überraschung, dass James und Anne bei einem Fernsehauftritt für den Verein antreten sollten. Gleiche Spielregeln, diesmal nur vor laufender Kamera.

Der Fernsehauftritt sollte die Wende bringen für Anne und James, aber keiner ahnte es.

Da es sich um mehrere Disziplinen handelte, ging jeder Verein mit mehreren Hunden an den Start. Es war eine beliebte Fernsehsendung, die Anne und Walter selbst schon des Öfteren an einem Samstagnachmittag angeschaut hatten. So etwas wie Länderspiele, aber mit einigen Hundevereinen des Landes.

Entschieden hatte der Vereinsvorstand Folgendes: Belgischer Schäferhund – Gehorsamkeit, Labrador – apportieren aus dem Wasser nach Zeit, Cockerspaniel und Shetland Sheepdog – Ballspiele mit und ohne Hindernisse auf Zeit, Airedaleterrier – Geschicklichkeitstraining.

Das Geschicklichkeitstraining (Agility) kommt aus dem englischen Bereich, es bedeutet Gewandtheit und Aufgewecktheit. Der Parcours mit bis zu zwanzig Hindernissen trainiert die Konzentration und Beweglichkeit des Hundes und Besitzers sowie die geistige Fitness.

Hier ist echte Teamarbeit gefragt, und diese intensive Zusammenarbeit bringt Vertrauen. Die Kommunikation, also die Kommandos müssen deutlich und kurz sein sowie auf den Hund und seine Stärken zugeschnitten werden. Wie immer ist Lob und Belohnung der Schlüssel zum Erfolg.

Falsch war die Entscheidung des Vorstandes von „Happy Dogs“ nicht gewesen, denn den Geschicklichkeitsparcours absolvierte James ungeschlagen im Verein in Bestzeit. Auf Abstand konnte Anne James von einem Hindernis zum nächsten schicken, ohne jegliche Fehler, und in einem hohen Tempo legte er mit Freuden und vollem Elan den Geschicklichkeitsparcours ab.

James hatte immer viel Spaß. In so einem Geschicklichkeitsparcours befinden sind Stangenhürden in verschieden Abschnitten, eine Hürde mit Bürste, ein Reifen zum Durchspringen, einer oder mehrere flexible Plastiktunnel zum Durchlaufen, Kontakthindernisse – wo der Hund auch mit Elan gezielt die Kontaktflächen berühren muss, eine Wippe und Brücke zum Überqueren, ein Slalomparcours und ein Tisch mit Wartezeit, um nur einige zu nennen.

Aber der Ablauf und das Ergebnis dieses Tages sollten alles verändern.

Diesmal empfand Anne den Stress noch stärker, jetzt würde alles gefilmt und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Viele würden sie kennen und erkennen.

Noch einige Jahre nach dieser Sendung sollten andere Menschen sie daraufhin ansprechen. Diesmal war auch deutlich die Anspannung bei James zu spüren.

So viele Hunde und leider oft nicht genug erzogen, einiges Chaos und Unruhe drum herum.

Anne musste feststellen, dass Sie ein völlig falsches Bild von Fernsehaufnahmen hatte. Man sollte meinen, dass eine derartige Veranstaltung gut geplant ist und das Fernsehteam für Ordnung sorgt, aber was hier so alles schieflief, kaum zu glauben.

Nach einer Stunde stand für alle Teilnehmer von „Happy Dogs“ fest: Das machen wir nie wieder!

Alle Teilnehmer sollten sich mit Hund (!!) in einem Gymnastikraum umziehen.

Keine Aufenthaltsmöglichkeiten für die Hunde sowie Hundeboxen, damit sich jeder in Ruhe auf seinen Start vorbereiten konnte. Es herrschte Chaos, und jeder war darauf bedacht, dem anderen nicht zu nahe zu kommen. Deutlich, wie schwierig alles war, zeigte sich bei der Gruppenaufnahme der einzelnen Vereine, auch bei den „Happy Dogs“.

Genervt stellten sich die Hundebesitzer und somit auch Anne mit James in eine Reihe.

So wurde jeder Verein (es waren acht am Start) dem Publikum vorgestellt. Alleine bei dem Verein „Happy Dogs“ mussten die Aufnahmen fünfmal erneuert werden, weil der Moderator entweder die Namen vergessen hatte oder die Hunderassen, sodass alleine hierfür Anne und James eineinhalb Stunden stehen und sitzen mussten.

Das war sogar für den gelassenen James zu viel. Er war sichtlich genervt und wollte nach Hause. Nach Hause wollte auch Anne, aber leider ging das nicht. Was man angefangen hatte, sollte man zu Ende bringen, dachte sie. Nun, den Mittag hatten sie frei, und die Wettstreite sollten am Nachmittag aufgenommen werden. Also warten hier im Nichts, wo nichts ist außer vielen genervten Hunden mit ihren Besitzern, die sich diesen Tag anders vorgestellt hatten.

Was tun auf einem Platz mit vielen Unbekannten?

So ist es kein Wunder, dass es hier und da kleine Beißereien gab, und Anne hatte echt Mitleid mit diesen Besitzern, die trotz eines gestörten Hundes an den Start gehen mussten. Da hatte Anne echtes Glück mit ihrem James, der trotz Genervtheit Ruhe behielt und seinem Namen alle Ehre machte.

Beim Fernsehen sah immer alles so toll aus und organisiert, aber das waren natürlich auch nur die Aufnahmen, die gelungen waren.

Endlich kam der Nachmittag und der Zeitpunkt zum Start von Anne und James.

Niemand hatte Anne mitgeteilt, dass der erste Durchlauf nur zur Probe erfolgte, und so gaben James und Anne alles.

Sie hatten eine Bestzeit hingelegt, aber die zählte nicht.

Die Enttäuschung bei Anne war groß. Warum hatte ihr keiner die Information gegeben?

James im Einsatz mit Herz und Seele

James war jetzt müde und hatte auch nicht mehr viel Lust auf diesen Wettstreit.

Beim zweiten Durchlauf nach einer knappen Stunde hatten weder James noch Anne viel Elan zum Laufen und beendeten diesen Tag eher peinlich.

James hatte sich bei all diesem Chaos im ersten Durchlauf auch noch den Fuß vertreten. Die Teamkollegen von „Happy Dogs“ hatten volles Verständnis aufgebracht für die niedrige Punktzahl von Anne und James. Jeder hatte diesen Tag so bewältigt, wie er konnte.

Eins stand für den Verein fest: Das wird nicht mehr wiederholt.

Es dauerte einige Zeit, bis alles verdaut war und man wieder zum Hundetraining fuhr. Anne bemerkte schon, dass James nicht mehr diese Freude und Anteilnahme wie früher zeigte, dachte sich aber erst mal nichts dabei. Am Platz angekommen, wurden James und Anne freudig begrüßt, und man hatte schon die nächsten Pläne geschmiedet.

Anne war zwar auch nicht mehr Feuer und Flamme, wollte aber den Verein nicht einfach so im Stich lassen. Die Hoffnungen für den Geschicklichkeitsparcours lagen bei ihr und James beim nächsten geplanten Landeswettstreit, da sie die Besten im Verein waren.

Nach diesem Event gab es eine Vereinssitzung. Die Vereinsvorsitzende teilte die Punktzahlen der einzelnen Teilnehmer mit. Alle Teilnehmer befanden sich im mittleren Bereich, nur James und Anne stachen durch eine sehr tiefe Punktzahl hervor. Eigentlich wollte Anne erst gar nicht zur Vereinssitzung fahren, aber Walter war sehr dafür und wollte sich auch noch mal ein Bild machen von der derzeitigen Situation.

„Tja“, fügte die Vereinsvorsitzende hinzu, „James läuft ja sonst Bestzeiten, die keiner von uns schlagen kann, aber diese Zeiten hätte beinahe jeder schaffen können. Allerdings, hätte die erste gelaufene Runde zeitlich gezählt, wäre James mit Anne Zweiter geworden in diesem Klassement. Also nachträglich einen großen Applaus für unsere Geschicklichkeitsspezialisten.“