Engel ohne Flügel - Cora Wegner - E-Book

Engel ohne Flügel E-Book

Cora Wegner

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Beschreibung

Samantha ahnt nicht, dass ihr Leben an diesem Abend eine ungeahnte Wendung nehmen wird. Von einem Moment auf den anderen steht die 17jährige zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ihres noch jungen Lebens. Während die Ärzte mit aller Macht um ihr Leben kämpfen, geht die Existenz der jungen Frau auf einer anderen, kaum greifbaren Ebene weiter. Sie befindet sich auf einer himmlischen Reise zwischen Fragen und Antworten, Träumen und Hoffnungen, Tod und Leben.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Engel ohne Flügel

Engel ohne FlügelWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Impressum

Engel ohne Flügel

nach einer Idee von Cora Wegner

"Angel without Wings"

2005

Widmung

für 

Helmut und Charlotte Schneider

Kapitel 1

Samantha trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, während Richard die Zeilen, die aus ihrer Feder stammten, las. Wie immer verzog er nicht ein einziges Mal seine Miene. Seine graublauen Augen flogen ausdruckslos über das Papier. Nervös kaute Sam – wie immer – auf ihrem Daumen herum.  Das Büro, in dem sie stand, war hell und sehr geräumig. Es gehörte Richard Temple, ihrem Chef. Er hatte nicht viele Möbel aufgestellt, nur das Nötigste, einen einfachen Schreibtisch und ein passendes Bücherregal, das dank vieler Geschenke von Freunden und Kollegen schon fast aus den Nähten zu platzen drohte. Nicht zu vergessen, der bequeme Bürosessel. Richards einziger Luxus, den er sich gönnte. Die Glasscheibe, die seines von den restlichen Büros trennte, war mit einer einfachen Plastikjalousie verhangen. Diese Jalousie war, so, wie jeden Mittwoch, ausnahmsweise geschlossen, weil der Chef jeden seiner Mitarbeiter in sein karges Büro mit dem wunderschönen Ausblick auf den Pier zu sich bat.  

Mittwoch war der Tag vor Redaktionsschluss. Donnerstags früh am Morgen musste alles stehen, damit der Druck über Nacht in Auftrag gegeben werden konnte. Jeder einzelne seiner 34 Mitarbeiter, von denen er keinen bevorzugte oder benachteiligte, musste antreten und das vorzeigen, was er im Laufe der Woche erarbeitet hatte. Richard allein entschied, welcher Artikel würdig war, in Druck gegeben zu werden. 

Richard Temple war ein jung gebliebener Mittvierziger, der die kleine Chicagoer Zeitung vor fünf Jahren gekauft hatte. Sie erfreute sich auch nach so vielen Jahren noch wachsender Beliebtheit und sicherte die Jobs seiner Angestellten. Ewiger Single, obwohl gern unter Leuten und vor allem auf Partys ein gern gesehener Gast. Richard war es damals auch, der Samantha aufgrund ihres Talentes zu schreiben eingestellt hatte.  Er bat sie nicht um viel, nur darum, ihn davon zu überzeugen, sie einzustellen und nicht jemand anderen mit mehr Erfahrung. Samantha war zwanzig, als sie sich bei ihm vorstellte. Das war vor einem Jahr.  Sich zu verkaufen, das war Samantha schon fast gewöhnt. In der High School versuchte sie hartnäckig, ein Mitglied im Drama Kurs zu werden. Ihr damaliger Lehrer Adam Spencer, auch gleichzeitig der Leiter des Kurses, war nicht gerade begeistert von ihrem Vorhaben. Doch alles, was Sam wollte, war eine Chance, um zu zeigen, was sie konnte. Von da an stand sie fast täglich vor seinem Büro, bis er ihr entnervt ein Script von „Das Geisterhaus“ nach dem Roman von Isabel Allende in die Hand drückte.  Fassungslos über ihr Glück, arbeitete Samantha damals zwei Tage lang intensiv an dem Text. Es war von Vorteil, dass es eines ihrer Lieblingsbücher war und sie den Film bereits vier Mal gesehen hatte.  

Verblüfft, dass seine Schülerin nach diesen zwei Tagen wieder vor ihm stand, nahm sich Adam sofort die Zeit für eine Spielprobe. Er war skeptisch, dass ausgerechnet Samantha McGregor in seinen Kurs wollte. Sie, die kein einziges Wort im Unterricht von sich gab, wenn es nicht unbedingt nötig war, die nie mit anderen Mitschülern durch die Gegend zog, sich nie an irgendwelchen Verschwörungen beteiligte und auch sonst eher unbehelligt durch die Gänge der Schule wandelte. Sie war nicht die Art von Mensch, die man auf die Bühne stellte, um ein breites Publikum anzusprechen, vielmehr anzuziehen. Viel zu ruhig war sie und zum übersehen Werden prädestiniert.  

Samantha hatte dieses nette, unschuldige Image. Sogar eine ganz spezielle Art von Unnahbarkeit ging von ihr aus, die sie liebenswert und gleichzeitig zauberhaft zu machen schien. Nur leider sahen das die wenigsten Menschen, wenn sie ihre ersten Eindrücke von Samantha sammelten. Sie rannte keiner Etikette nach, lebte das, was sie wollte, so, wie sie es wollte, ohne auf die Meinung von anderen zu hören.  Man konnte absolut nicht einschätzen, was die anderen Leute von ihrer Mitschülerin dachten und hielten. Wie sollte so jemand Menschen anziehen können, die zu Aufführungen kamen, um sich verzaubern zu lassen? Doch was nützten einem die schönsten Menschen, wenn sie kein Talent hatten?  Spencer machte es verdammt neugierig, wie jemand in dieser kurzen Zeit von nur 48 Stunden ein Script von immerhin 37 Seiten beherrschen sollte. Zögernd, aber fest entschlossen, ihm den Part der „Blanca“ vorzuspielen, klopfte Samantha an die Tür. Stotternd fragte sie nach Adam, da sie mit dem älteren Mr. Bernstein, bei dem sie ebenfalls Unterricht hatte, nicht rechnete.  Er bat sie um einen Moment Geduld, schloss die Tür, ohne sie einzuklinken, während Samantha das Herz wie wild in ihrer Brust schlug. Sie war nicht mehr so nervös seit … sie konnte sich nicht erinnern.  

Die Tür öffnete sich erneut. Adam Spencer sah sie fragend an.  „Sam, ich meine, Samantha. Was kann ich für dich tun?“  Er trat heraus und zog die Tür hinter sich zu. Mit einem leichten Knacken schloss sie. In ihren Händen erkannte der Lehrer das Textbuch mit den bunt angestrichenen Sätzen auf den Seiten. „Ich hoffe, das ist nicht meine Kopie“, sagte er mit einem schelmischen Grinsen zu seiner Schülerin.  „Oh, nein. Ich habe es mir kopiert. Ihrem Heft geht es gut“, versicherte sie ihm, während er beruhigt mit dem Kopf nickte. „Wie kann ich dir helfen? Hast du Fragen bezüglich der Szene, die du mir vorspielen sollst?“ Adam deutete mit einer ausholenden Armbewegung an, dass sie doch ein Stück gehen könnten. „Ich weiß nicht, warum Sie mir ausgerechnet dieses Buch gegeben haben.“ Sie sah in seine Richtung. Unweigerlich trafen sich ihre Blicke. Spencer versuchte, in ihrem Blick zu lesen, nur einen Hinweis zu finden, um sich für Samantha entscheiden zu können.  „Ich wollte sagen, die zwei Wochen, die Sie mir Zeit gegeben haben – so lange kann ich nicht mehr warten.“ Das Textbuch wanderte von einer Hand in die andere.„Ich meine, ich würde gern, wenn es Ihre Zeit erlaubt, ich würde es gern schon heute versuchen.“  Adam blieb stehen. Er sah aus, als würde er angestrengt nachdenken, ehe er fragend auf sie schaute.  „Wie? Ich habe dir das Buch vor zwei Tagen gegeben. Es sind mehr als dreißig Seiten mit einer Menge an Text für die Rolle.“ Er war sprachlos. „Du bist dir sicher, dass du dir den richtigen Text angeschaut hast?“  Sein Blick auf das Buch verriet, dass Samantha die korrekten Textstellen markiert hatte. „Bitte! Wenn Sie Zeit haben, dann würde ich Ihnen gern zeigen, dass es möglich ist, diese Zeilen in der kurzen Zeit zu lernen, zu fühlen und auch …“ Sie sah ihm in die Augen. „… zu spielen.“  Er wich ihrem Blick nicht aus, was sie unsicher werden ließ. Sie zwang sich, seinem Blick dennoch standzuhalten. Sie wollte ihm nicht den geringsten Zweifel daran lassen, dass sie es wert sei, sich die Zeit zu nehmen, sie anzusehen. „Es ist dir also ernst?“, fragte er nach einer Weile.  Samantha nickte nur leicht mit dem Kopf.  „Es war mir noch nie ernster.“ Sie schlug nervös mit dem zusammengerollten Script gegen ihren Oberschenkel.  „Na dann …“ Wieder deutete er ihr an, ein paar Schritte zu gehen. „Worauf warten wir noch?“  Das war es, was Samantha hören wollte! Ihre Nervosität würde sich legen, sobald sie ihn von der Idee, sich für sie zu entscheiden, überzeugen konnte. Der Weg zum Probenraum kam ihr endlos weit vor. Eine Treppe noch und sie würden endlich da sein. Samantha holte tief Luft, während Adam die Tür zu ihrer Zukunft öffnete. Er sagte, er habe den Schlüssel immer bei sich. In den Pausen und Freistunden, in denen er sich nicht weit von der Schule entfernen konnte, oder einfach wenn er ein wenig Kraft sammeln wollte, würde man ihn oft hier oben antreffen können.  Der Probenraum lag in der obersten Etage des Schulgebäudes direkt unter dem Dach. Es befanden sich keine weiteren Lehrräume auf diesem Gang, deshalb war es in den Pausen immer ruhig. Man konnte somit ganz gut für sich allein sein, neue Energie tanken und für ein paar Minuten dem hektischen Alltag entfliehen. Nachdem er den Raum betreten hatte, zog Adam die Jalousie auf. Sonnenstrahlen ließen das Zimmer sofort in einem warmen Licht erstrahlen. Es war natürlich und angenehm zugleich. Hier und da legte Adam Spencer Hand an, ohne dass Sam genau definieren konnte, was er da eigentlich tat. Sie gestand sich ein, dass ihr das Beobachten von Adam Spaß machte. Sie fühlte sich sicher. Sicher genug, um ihm in den nächsten 10, 15 oder 30 Minuten ihr Innerstes zu zeigen. Zunehmend wurde sie ruhiger anstatt nervöser.  Adam rückte einige Stühle von einer Seite auf die andere, stemmte dann die Arme in die Hüfte und sah sich um, ehe er sich zufrieden zu Samantha herumdrehte. Sie zog die Augenbrauen nach oben und schaute erwartungsvoll in seine Richtung. Erwartungsvoll im Sinne der Frage, was würde er als nächstes noch beiseite räumen wollen?  „Keine Angst!“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken lesen können. „Ich wüsste nicht, was ich sonst noch umstellen sollte.“  Samantha trat in die Mitte des Raumes. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Es schien, als würde sie die Lichtstrahlen, die auf dem Boden ruhten, nicht verletzen wollen. Sie sah sich aufmerksam um und bemerkte nicht, dass Adam nun sie beobachtete.  

Er vernahm aufmerksam jeden ihrer Schritte und sah sie in einem völlig neuen Licht. Dies war nicht mehr die Einzelgängerin mit den sonst so oberflächlichen Bewegungen. Sie wirkte zerbrechlich und doch stärker als je zuvor. Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten. Mit sichtlicher Verwunderung stellte er fest, dass ihr Atem völlig ruhig ging. Keine Spur von Aufregung oder Nervosität. Adam erwischte sich sogar bei dem Gedanken, dass er sie mit einem Puma oder einer ähnlich großen Wildkatze in ihren Bewegungen verglich. Schien sie sonst eher wie auf der Jagd, so waren ihre Bewegungen in diesem Augenblick ruhig und entspannt, so, als würde sich die Katze in Sicherheit wiegen, sich wohl und geborgen fühlen, jedoch immer aufmerksam allem Neuen gegenüber. Adam lachte, als er sich seiner absurden Gedanken bewusst wurde.  Sam wandte sich ihm zu. Sie stand im Sonnenlicht, ihre Augen strahlten darin heller denn je. Sie sahen aus wie zwei funkelnde Edelsteine, die nur in der Sonne ihre wirkliche Schönheit offenbarten.  Er konnte seinen Blick nicht so leicht abwenden. Adam war sich seiner Entdeckung bewusst. Plötzlich konnte er etwas in seiner Schülerin sehen, was er nie zuvor für möglich gehalten hatte. Er fühlte, dass er einer von wenigen Menschen war, die Samantha je so gesehen hatten. Es war mehr als nur dieser Augenblick, der sie so erstrahlen ließ. Adam wusste, dass er mehr von ihr sehen, mehr von ihr hören und vor allem mehr von ihr spüren und fühlen wollte.  

Er räusperte sich und bat um Verzeihung.  Er ging auf sie zu, während sie sich nicht auch nur einen Schritt von ihrem jetzigen Standort entfernte. Auf dem Stuhl, der nur wenige Schritte von Samantha entfernt stand, nahm er Platz.  Er begann mit seiner Befragung, so, wie er es bei allen anderen Kandidaten vor ihr ebenfalls getan hatte.  „Wieso möchtest du vorsprechen?“ Samanthas Augenbrauen hoben sich erneut. Was denn normalerweise die Beweggründe der Menschen seien, die sich bei ihm um eine Rolle bewarben, unter seiner Regie, in seinem Kurs, entgegnete Samantha dieser ihr nur allzu lächerlich vorkommenden Frage.  „Sie würden alles tun, um eine Rolle bei mir zu bekommen.“  „Alles?“, wiederholte Samantha nachdenklich.  „So ziemlich alles“, antwortete Adam mit einer gewissen Ernsthaftigkeit.  Als Samantha durch den Raum lief, während er ihr die nächste Frage stellte, beobachtete er sie erneut. Aus einem rein beruflichen Grund, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Er müsse sich immerhin davon überzeugen, dass diese Schülerin auch die Richtige für die zu vergebende Rolle war.  Nie im Leben hätte er daran gedacht, jemals einer Schülerin wie Samantha die Chance zu geben, sich für eine Rolle bei ihm vorzustellen, geschweige denn, dass sie überhaupt in der Lage war, einen von ihm erfundenen Charakter auszufüllen mit allen möglichen und unmöglichen Bedingungen, die sich ihr boten.  Für die Beantwortung der Frage, warum Samantha sich für die Aufnahme in diesen Kurs so „ins Zeug lege“, ließ sie sich Zeit. Sie wollte ihm so antworten, dass er keine Zweifel mehr an ihr und ihrer Willenskraft zu haben brauchte. Hierbei vermied sie es, allzu persönlich zu werden, machte aber deutlich, dass es mehrere Gründe gab.  Sie erzählte ihm, dass sie – ganz klassisch – schon als kleines Mädchen im Kindergarten gern die anderen unterhalten hatte. Das würde man ihr zumindest immer bei den Familienfesten vorhalten. Sie selbst könne sich nicht mehr daran erinnern. Selbst beim Kartenspielen konnte man ihr nicht nachweisen, dass sie schummelte. Natürlich nur, weil sie zu gut von ihrem Großvater in diese Kunst eingeweiht wurde. Den Rest konnte sie durch ihre schauspielerischen Leistungen wettmachen. Samantha gestand, dass alles, was sie je werden wollte, jemand war, der die Menschen zum Lachen und gleichzeitig zum Weinen bringen konnte, so, wie ein Clown. Sie liebte den Zirkus, das Kino und das Theater, große Gefühle im richtigen Moment so gut herüberzubringen, dass es auch der letzte Mensch verstand.  

Adams Blick ruhte auf ihr, als sie sich ihm zuwandte. Ihr Schweigen deutete er als das Ende der Beantwortung seiner Frage, doch er hatte noch weitere.  „Welcher Film hat bei dir einen bleibenden Eindruck hinterlassen?“, wollte er als nächstes wissen. Sie wusste jedoch nicht, ob sie über die Frage oder über die Art und Weise, wie er sie zu stellen vermochte, lachen sollte. Sie musterte ihn, antwortete jedoch geduldig, als sei sie in einer dieser Quiz-Shows, die das Fernsehen täglich sandte:  „The Kid – Charlie Chaplin und Jackie Coogan, Amerika 1921.“ Warum er dieses wissen wolle?  „Nicht schlecht!“, erkannte er begeistert an. Er machte sich Notizen auf einem Block, den er sich zwischenzeitlich genommen hatte.  Samantha hätte nur allzu gern gewusst, was er sich notierte.  Auf diese Fragen folgten noch weitere, zu denen Mr. Spencer sich immerzu Notizen machte.  Als er endlich am Ende der Fragerei angekommen war, klatschte er nur ein Mal kräftig in die Hände, was seine Schülerin erschrocken zusammenzucken ließ.  Samantha legte das Textbuch, sie hatte sich die ganze Zeit daran festgehalten, auf einen der freien Stühle. Sie entledigte sich ihres blau karierten Hemdes, das sie über einem eng anliegenden Shirt trug. Adam entgingen die nun nur noch schwer zu übersehenden weiblichen Rundungen von Samantha nicht. Noch nie zuvor hatte sie sich so offen präsentiert.  „Ich würde sagen, wir beginnen mit der Szene, in der Blanca von der Polizei entführt wird, da die herausfinden wollen, was sie weiß.“  Sam nickte als Zeichen, dass sie wusste, worum es ging.  Aus einer Textvorlage von etwas mehr als zehn Seiten, sie hatten die Szenenauswahl eingegrenzt, wofür Adam eigentlich eine Spieldauer von knapp 15 Minuten einplante, wurden zwei Stunden. Sie lachten über ihre Versprecher, verbesserten sich gegenseitig oder diskutierten über die Darstellung einzelner Szenen.  Hätte gegen viertel vor neun nicht jemand beherzt an die geschlossene Tür geklopft, hätten die beiden wohl noch die ganze Nacht in dem Probenraum gesessen und diskutiert.  Adam bat denjenigen herein, der geklopft hatte. Es war der Hausmeister, der sich sogleich für sein Stören entschuldigte. Da es schon spät war und er bei seiner obligatorischen Runde Stimmen gehört hatte, wollte er nach dem Rechten sehen. Es sei für gewöhnlich niemand außer ihm um diese Uhrzeit mehr im Gebäude. Er war im Begriff, die Tür zu schließen, als er noch einmal seinen Kopf in das Zimmer steckte. Er teilte ihnen mit, dass er die Schule spätestens halb zehn absperren müsse, aber sie hätten ja noch ein wenig Zeit bis dahin. Dann ließ er die Tür ins Schloss fallen.  Da Samantha und Adam über sein plötzliches Auftauchen erschrocken waren, verfielen sie nun in einen Lachanfall. Adam erhob sich, reichte Samantha seine Hand und half ihr auf die Beine. 

Als Samantha später nach Hause kam, war sie allein. Ihre Mutter Debbie arbeitete in einem Pflegeheim für behinderte Kinder. Dort war sie fast rund um die Uhr beschäftigt, ohne dass sie je darüber nachdachte, dass sie ihr eigenes Kind dadurch in gewisser Weise vernachlässigte. Dennoch verbrachten die beiden ihre freie Zeit miteinander.  So war ihnen zum Beispiel der Samstag heilig. Es wurde zusammen gefrühstückt, bevor der Tag für sie begann. Sie unternahmen Ausflüge mit unbekannten aufregenden Zielen. Meistens zog es sie am späten Freitagabend jedoch nach Wisconsin wo Debbie ein renovierungsbedürftiges Ferienhaus von ihren Eltern geerbt hatte.  Unter dem Verlust ihrer Großeltern litt Samantha am meisten. Es störte sie nicht, dass sie ohne Vater aufgewachsen war, aber es brach ihr das Herz, es ohne ihre Großeltern schaffen zu müssen. Daniel, ihr Großvater, war ihr Ein und Alles. Sie liebte ihn abgöttisch und verstand nicht, warum er und ihre Mutter sich ständig über die Art und Weise stritten, wie er sich angeblich in die Erziehung ihrer Tochter einmischte. Die meiste Zeit, die sie bei den Großeltern verbrachte, teilte Samantha mit Daniel.  Er zeigte ihr, wie man Baumhäuser baute oder wie man sich vor imaginären Feinden versteckte. Er brachte ihr heimlich das Autofahren bei (aus diesem Grund bestand Sam die Prüfung auch gleich beim ersten Mal) ebenso das Fischen. Die beiden verbrachten oft Stunden am Fluss und kehrten erst tief in der Nacht zurück. Manchmal nahmen sie sich ein Zelt mit, um auch über Nacht am See bleiben zu können. Samantha war in gewisser Weise sein Leben, nachdem seine eigene Tochter erwachsen war.  Als seine Enkelin älter wurde, verschwand ihre Lust, mit ihm durch den Wald zu robben, immer darauf bedacht, vom „Feind“ nicht gesichtet zu werden und sich so gut wie möglich und so lange wie möglich versteckt zu halten. So verbrachten sie ihre Zeit mit Schach und Karten spielen. Ab und zu lagen sie einfach nur faul in der Hängematte herum, die sie kurz zuvor von einem Baum zum anderen gespannt hatten, in der Hoffnung, dass diese ihnen standhalten würden. Daniel war ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Wenn er einmal angefangen hatte, seine Storys zu erzählen, dann fand er nur sehr schwer ein Ende. Aber das war nicht so schlimm, denn alle hörten ihm von der ersten bis zur letzten Minute gespannt zu.  Von all seinen Geschichte war die vom „Holz Holen in Kanada“ diejenige, welche er immer und immer wieder erzählte. Jedes Mal, wenn er sie zum Besten gab, war sie spannender, länger und interessanter als noch zuvor. Man musste sich einfach freuen, dass er sie der Welt nicht vorenthielt.  Mit Daniel hatte Samantha auch ihre erste durchzechte Nacht in der Kneipe um die Ecke des Großelternhauses hinter sich gebracht. Wie oft saßen die beiden danach noch an ihrem Stammplatz gegenüber der Bar, spielten gegen die anderen Dorfbewohner Karten und gewannen ein Spiel nach dem anderen, ohne dass sich jemand zu fragen begann, warum das Glück ständig nur auf ihrer Seite war.  

Peter, der Besitzer der Kneipe, war ein stolzer grauhaariger Mann mit einem extremen deutschen Akzent, welchen er sich nach fast vierzig Jahren, in denen er nun schon in den USA lebte, einfach nicht abgewöhnen konnte. Abend für Abend stand er hinter seinem Tresen und grinste jedes Mal über das ganze Gesicht, wenn Daniel wieder einmal vor Nervosität nicht still sitzen konnte. Nämlich immer dann, wenn Sam am Zug war. Dank Daniel war seine Enkelin nach nur wenigen „Trainingsstunden“ zu einer sehr guten Pokerspielerin geworden. Alle Tricks und Feinheiten in Bezug auf „das ehrliche Gewinnen eines Pokerspieles“ hatte er ihr beigebracht.  Samantha war seit dem Flugzeugabsturz, bei dem ihre Großeltern ums Leben kamen, nur noch ein Mal bei Peter gewesen.  Auf der Beerdigung hatten sie sich das letzte Mal gesehen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht nahm er sie ganz fest in seine Arme und sagte schluchzend, dass seine Tür jederzeit für sie offen stünde. Sie sei jederzeit ein herzlich willkommener Gast.  Doch Sam war seit diesem Tag nicht mehr auch nur in der Nähe des Heimatortes ihrer Mutter gewesen. Wie schnell das Leben von heute auf morgen vorbei sein konnte, wurde Samantha in diesen Tagen schmerzlich bewusst. Dementsprechend versuchte sie, ihr Leben zu leben, jeden Tag so zu erleben, als sei es der letzte.  Man kann so viele Dinge verpassen, wenn man plötzlich aus dem Leben gerissen wird, deswegen sollte man die Dinge so nehmen, wie sie kommen, und das Beste aus allen Situationen, seien sie auch noch so schrecklich, immer und jederzeit machen.  Das Leben birgt eine Menge schöner Dinge in sich, welche es zu erfahren gilt, doch manchmal kommt man nicht mehr dazu. Dann ist es zu Ende, noch bevor es überhaupt richtig begonnen hat.  Samantha wollte alles erleben, bevor man sie in eine neue unbekannte Welt holen würde, also versuchte sie, aus jedem neuen Tag, an dem sie erwachte, das zu machen, was sie für das Beste hielt. Liebend gern hätte sie die Schule geschmissen und endlich zu leben begonnen. Doch damals stand sie noch nicht auf eigenen Beinen und musste sich daher geschlagen geben, wenn ihre Mutter ihr wieder einmal einen Vortrag über das Leben hielt. Samantha hörte beim zehnten Mal schon gar nicht mehr hin, da sie alle Argumente bereits auswendig kannte, es waren immer dieselben. Debbie konnte stundenlang erzählen – etwas, was sie von ihrem Vater geerbt hatte, doch bei Daniel war es tausend Mal interessanter. Nichts und niemand konnte sie in ihrem Redeschwall unterbrechen.  

Irgendwann schlief Samantha, den Kopf auf ihre Arme gestützt, am Küchentisch ein. Und irgendwann hatte Debbie es aufgegeben, Vorträge zu halten.  Sie fand sich mehr und mehr damit ab, dass ihre Tochter so schnell, fast ein bisschen zu schnell für ihren Geschmack, erwachsen und verständnisvoll wurde.  Ihren Vater hatte Samantha nie kennen gelernt. Debbie ging den Fragen, als ihre Tochter irgendwann einmal den Drang verspürte, darüber zu reden, zwar nicht aus dem Weg, aber sie antwortete auch nicht viel sagend. „Irgendwo unterwegs verloren gegangen“, waren Debbies Worte, mit denen sie ihren und Samanthas Schmerz stillen wollte. Für einen lebenslangen Zusammenhalt zwischen Debbie und Samanthas Vater standen die Sterne von Anfang an nicht gut. Er war Debbies Chef, als sie noch in einem Büro in New York arbeitete und andere Dinge wichtiger waren als eine Familie.  Es waren nicht die Gefühle, die sie von ihm weg trieb, doch am liebsten hätte sie alles zerstört, was ihm lieb gewesen war. Immerhin war auch er für sie verantwortlich gewesen. Doch Debbie entschied sich für die Vernunft, die es ihr verbot, egoistisch zu sein.  Sie hatte Verantwortung übernommen, lange bevor Samantha auf die Welt kam.  Ohne jemals wieder miteinander gesprochen zu haben, packte Debbie ihre Sachen und verließ den Mann, den sie liebte, ohne den sie nicht sein konnte, aber es dennoch sein musste. Nach nur wenigen Monaten war ihr klar geworden, dass sie das einzig Richtige getan hatte. Allein eine räumliche Trennung hätte es nicht einfacher gemacht.  Er konnte sein Leben, seine Familie, seine Träume nicht aufgeben, also tat es Debbie für ihn – ohne irgendwelche Verpflichtungen von ihm zu verlangen, auf die er mit Sicherheit eingegangen wäre. Dafür war er ein zu herzlicher Mensch mit Verstand. Positive Eigenschaften, die er ihrer gemeinsamen Tochter vererbt hatte.  Zurück in Chicago, hatte Debbie sich und Samantha ein Nest gebaut, in das sie immer zurückkehren konnte und wusste, dass jemand da war, der auf sie wartete, der sie brauchte, ohne Ansprüche zu stellen: ihre Tochter. Auch wenn die beiden manchmal nicht so gut miteinander klar kamen, sie schafften es immer wieder, sich zusammenzuraufen und sich in allen Dingen zu unterstützen – fast bedingungslos und selbstverständlich, je älter und bewusster sie wurden, je besser sie sich kennen lernten. Schnell vergessen waren die Streitereien vom Vortag. Nichts war so wichtig, wie ihr Zusammenhalt.  

Nach dem Vorsprechen, das der Hausmeister jäh unterbrochen hatte, begleitete Adam Spencer Samantha bis vor die Haustür. Die Hände verlegen in den Hosentaschen versteckt, wippte sie auf und ab.  „Ich werde jetzt nicht fragen, ob Sie noch auf eine Tasse Kaffee mit hinaufkommen wollen“, scherzte sie, um die Situation nicht noch peinlicher werden zu lassen, als sie ohnehin schon war.  Die Straßen rings um sie herum waren menschenleer, nur alle 50 Meter leuchtete eine Straßenlaterne. Nach 22 Uhr wurden jeweils die Zweiten aus Stromspar-Gründen abgeschaltet.  „Wie haben Sie sich entschieden?“, wollte Sam zögerlich wissen.  „Wofür entschieden? In Bezug auf die Tasse Kaffee?“, scherzte Adam, der nur erahnen konnte, wie nervös und gespannt Samantha war.  „Nein.“ Sie war sich sicher, dass er genauestens wusste, was sie meinte.  „Ich gebe dir morgen Bescheid. Einverstanden?“  Als sie die Tür aufschloss, hielt er ihr diese auf. Natürlich befriedigte Samantha seine Antwort keinesfalls. Am liebsten hätte sie so lang gewartet, bis er das sagte, was sie hören wollte. Das Treppenhaus wurde hell erleuchtet, als sie die erste Stufe nahm – Bewegungsmelder sei Dank. Sam lag in ihrem Bett, den Kopf auf den Arm gestützt, doch sie fand keinen Schlaf. Sie sah unentwegt auf die Uhr. In der Dunkelheit leuchteten die Zahlen noch aufdringlicher. 11:04 zeigten sie an, bis sie auf 11:05 weiterklickten.  Das Licht, welches der Mond durch die halb geschlossenen Jalousien fallen ließ, erhellte einen großen Teil von Samanthas Zimmers. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis.  Allmählich jedoch wurde es selbst Samantha zu bunt, sich weiterhin darüber den Kopf zu zerbrechen, wie ihr Lehrer sich entscheiden würde. Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand. Er würde schon wissen, was er tat.  Sie wälzte sich in ihren Kissen hin und her. Als sie endlich Schlaf fand, leuchteten die Ziffern auf dem Radiowecker eine Zeit von 01:48 in den frühen Morgen. 

Kapitel 2

„Jeder Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag.“ 

Sir Charles Chaplin 

Das Telefon schrillte nervend. Verschlafen langte eine Hand nach dem Hörer, der achtlos auf dem Nachttisch gelegen hatte. Es dauerte zwei Klingeltöne, ehe der Anruf angenommen wurde.  „Ja!“, war das Einzige, was Steven verschlafen hervorbrachte.  Er lauschte, dann stieß er Samantha an, während er versprach, dass sie da war. Noch verschlafener als er griff sie nach dem Hörer.  „McGregor?“ In ihrer Stimme schwang Verachtung für den morgendlichen Anrufer unüberhörbar mit. „Kann das nicht jemand anderes übernehmen? … Ja, Sir. Ich bin in einer halben Stunde da … Auch in einer Viertelstunde … Bye!“  Steven konnte das Telefon gerade noch retten, als Sam es gegen die Wand werfen wollte.  „So ein Penner!“, schimpfte sie, während sie sich in die Kissen kuschelte, um wieder einzuschlafen.„War das dein Boss?“, wollte Steven wissen, nachdem er alles in Sicherheit gebracht hatte, was eventuell zu Bruch gehen konnte. Er kuschelte sich an seine Freundin, die als Antwort nur stumm nickte. „Dann solltest du besser zusehen, dass du dich auf den Weg machst!“ Steven küsste Samantha liebevoll, ehe er ihr die wärmende Decke entriss und ihr einen Stoß gab, so dass sie aus dem Bett fiel.  Erschrocken und all ihrer Sinne für einen kurzen Moment beraubt, rappelte sie sich auf. „Du bist so herzlos!“ Sie zupfte ihr T-Shirt zurecht.  „Das weiß ich schon lange!“ Steven sprang auf und schnappte sich Samantha. Auf seiner Schulter trug er die sich Wehrende ins Badezimmer, stellte sie unter die Dusche und drehte das Wasser auf, welches kälter nicht hätte sein können.  Samantha schrie erschrocken auf, als sie der Strahl mitten ins Gesicht traf. Steven konnte sich vor lachen nicht halten. Als sie nach seinem Arm griff und ihn zu sich heranzog, ließ er es zu.  In weniger als zehn Minuten war Samantha auf dem Weg in ihre Redaktion, wo sie bereits erwartet wurde. Steven und Samantha waren seit vier Jahren ein Paar. Sie lernten sich auf dem Polizeirevier kennen, auf das Samantha „eskortiert“ wurde, nachdem sie einen der Cops an seinem schlechten Tag erwischt hatte.  

Ausgerechnet an diesem Tag fuhr sie in ihrem 74er Chevrolet durch die Straßen, ohne wirklich ein Ziel zu haben. Das Radio spielte einen um den anderen Titel, bei dem Sam die Lautstärke hochdrehte und im Duett mitsang.  Hinter ihr heulte nur ein Mal kurz die Sirene des Polizeiwagens auf. Im Rückspiegel sah sie die beiden Officers in ihrem Nobelschlitten mit Festbeleuchtung, die ihr folgten. Sich keiner Schuld bewusst, lenkte Samantha den Wagen auf den Seitenstreifen. Ihre Hände ruhten auf dem Lenkrad, als einer der Officer ausstieg, um sich langsam ihrem Wagen zu nähern. Eine Hand lag an dem Holster, das an seinem Gürtel befestigt war.  „Guten Abend, Miss“, sagte er durch das geöffnete Fenster.  Samantha nickte ihm freundlich entgegen.  „Kann ich bitte Ihre Papiere sehen?“ Es war keine Bitte, vielmehr eine Aufforderung.  Den Blick aus dem Fenster gerichtet, griff sie auf den Beifahrersitz nach ihrer Brieftasche.  „Sie sind zu schnell gefahren.“ Der Officer warf flüchtig einen Blick auf die Zulassung sowie ihren Führerschein.  „Wenn Sie das sagen …“ Samantha hatte keine Lust, sich mit ihm darüber zu streiten, ob sie nun zu schnell unterwegs war oder nicht. Lächelnd nahm Sam den auf sie ausgestellten Strafzettel entgegen.  „Vielen Dank, Officer!“ Sie wollte gerade weiterfahren, doch der Mann in Uniform war anscheinend noch nicht am Ende.  „Steigen Sie bitte aus!“ Er griff durch die noch geöffnete Scheibe und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Sein Kollege stieg nun ebenfalls aus dem Streifenwagen, der hinter ihren Chevy stand. „Was in aller Welt soll das denn jetzt?“ Widerwillig verließ Sam ihren Wagen, um weiteren Ärger zu vermeiden.  Der zweite Officer kam mit schweren Schritten auf sie zu. Als ob sie aussah wie eine Schwerverbrecherin! Die beiden hatten wohl sonst nichts zu tun? Der erste forderte sie auf, ihm zu seinem Wagen zu folgen. „Schließen Sie bitte meinen Wagen ab“, bat Sam den Officer, der mit ihren Schlüsseln in der Hand unfreundlich auf sie herabblickte. Er reagierte nicht auf ihre Bitte, sondern lief hinter ihr her, um jede ihrer Bewegungen kontrollieren zu können. Samantha dachte sich ihren Teil, von wegen schlechter Scherze und so.  

„Bevor ich einsteige, würde ich doch gern wissen, warum Sie mich abführen!“ Die Beamten hatten ihr einen Platz auf der Rückbank angeboten. Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Sein Kollege sah ihn ebenso gespannt an, wie es Samantha tat. Er nickte als Zeichen, sie solle einsteigen. Widerwillig und sichtlich ratlos leistete sie Folge. Gemeinsam mit den beiden Polizisten fuhr sie mehr oder minder freiwillig zum Revier. Niemand sagte etwas. Der Kollege wusste wohl genau, dass er seinen Partner besser nicht ansprechen sollte, wenn ihm etwas nicht bekommen war. 

Auf dem Revier angekommen, nahm sich Leutnant White ihrer an. Auch wenn er ihr eine seiner Standpauken hielt, mit ihr über das Benehmen den Mitmenschen gegenüber sprach und darüber, dass man niemals zu schnell fahren und sich bei Officer Grace auch niemals für einen Strafzettel bedanken sollte, so meinte er dies alles nur mit einem Augenzwinkern.  Leutnant Benjamin White war ein Nachbar sowie ein guter Freund von Debbie.  Er versprach, nachdem er seinen Vortrag beendet hatte, doch noch bevor sie endlich gehen konnte, nichts von dem Vorfall ihrer Mutter gegenüber zu erwähnen. ‚Wie reizend‘, dachte Samantha. ‚Als ob dies etwas an meinem Strafzettel ändern würde.’ Sie vermied es jedoch, auch nur irgendeine Bemerkung zu machen – außer dass sie dem Team noch eine gute Nacht wünschte, in der Hoffnung, nicht wieder für ihre Höflichkeit abgeführt zu werden.  Zu allem Überfluss schickte sich Leutnant White an, seinen „fähigsten“ Mitarbeiter, Officer Steven Delon, zu beauftragen, er solle Samantha zu ihrem Wagen bringen. Das Lächeln fiel ihr schwer, aber angesichts des Vortrages des Leutnants wusste sie, was sich gehörte, zumindest wollte sie daran glauben. Vielmehr er sollte daran glauben, dass sie es glaubte.  Es dauerte nicht lange, da stand der „fähige“ Kollege bereit. Steven war nicht viel älter als sie selbst, zumindest sah er relativ jung aus. Doch für die anderen, die attraktiven Details hatte Sam an diesem Abend kein Auge. „Wo haben sie dich abgeschleppt?“, wollte er wissen, noch bevor er hinter dem Steuer Platz genommen hatte. Die Schlüssel schob er zielsicher und ohne einen Blick in das Zündschloss.  „Wie bitte?“ Samantha sah ihn fassungslos an.  „Ich meine …“ Er begann, ein wenig verlegen darüber, dass sein Witz nicht so gut angekommen war, den Motor zu starten.  „Wo steht dein Auto?“, wiederholte er seine Frage.„Oh …“ Sie zog es ein wenig lang, da sie ihm andeuten wollte, dass sie es jetzt begriffen hatte.  „Das meinst du.“ Sie tat so, als überlege sie, wo die beiden Officer sie angehalten hatten.  „Auf dem Seitenstreifen.“ Sie nickte, während sie zu ihm hinüber sah.  Er grinste. Hätte er keine Ohren gehabt, dann hätte Officer Delon im Kreis gegrinst. Aber genau das war irgendwie süß an ihm. „Touché!“  „Irgendwo auf dem Freeway im East End“, sagte sie lächelnd. „Ich kann mir keine Straßennamen merken, aber es war in der Gegend. Ich erkenne meinen Wagen dann schon. Er ist auch eigentlich gar nicht zu übersehen, er ist nämlich schon so alt. Mein Großvater hat ihn mir vererbt. Ein alter Chevy. Aber er fährt noch! Immerhin.“ Samantha schielte zu Steven hinüber. Sie konnte es nicht fassen, dass sie ihm eine so ausführliche Antwort gegeben hatte. Ihn wiederum schien es gar nicht gestört zu haben, dass sie so viel plapperte. Sie hätte ihm vielleicht sogar ihr ganzes Leben erzählen können, er hätte ihr einfach nur zugehört. Dennoch war es ja nicht gerade ihre Art, einfach die Leute vollzuquasseln, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie genau so etwas jetzt brauchte.  „Welches Baujahr?“, wollte Officer Steven wissen.  „Hä? Oh! Ähm, der ist Baujahr 74. Oder war das doch sein Alter?“  Erneut lachte Steven über ihren Scherz. Jetzt wurde es Sam langsam unheimlich. Warum lachte dieser Kerl über alle ihre blöden Witze? Warum heuchelte er ihr Interesse an – was auch immer – vor? Vielleicht hatte sie auch einfach Angst, dass er nicht über ihren Witz, sondern über sie lachen könnte – weil eigentlich sie der Witz war. „Stopp!“  Steven trat erschrocken auf die Bremse, als sie schrie. Entgeistert sah er zu ihr hinüber.  „Was? Was ist los?“ Er sah sich auf der Straße um. Nirgends war der Chevy zu sehen. Deswegen konnte sie ihn nicht angehalten haben. Noch einmal ließ er den Blick durch die Straße wandern.Samantha beobachtete ihn.  „Sind wir denn schon im East End?“  Stevens Blick blieb auf ihr haften, als er über ihre Frage nachdachte.  „Nein. Weswegen halten wir?“ Steven sah erneut in ihre Richtung.  „Du hast den Wagen angehalten!“, sagte Samantha vorwurfsvoll. „Aber da wir schon einmal hier sind … Du kannst den Wagen dort drüben parken und ich lade dich zu einem Kaffee ein.“ Im selben Moment, da sie ihm den Parkplatz deutete, fragte sie sich, was sie hier eigentlich tat.  „Samantha“, unterbrach Officer Steven sie in ihrer verqueren Gedankenwelt. „Ich kann leider nicht.“ Er entging ihrem Blick.  „Oh … Verstehe schon.“ Er hatte also doch über sie, den Witz Samantha, gelacht.  „Aber ich hätte nach Dienstschluss Zeit. Und das Beste ist, ich habe auch noch nichts vor“, fügte er hinzu, als er ihre Enttäuschung sah.  Und ehe sie antworten konnte, war Steven schon wieder losgefahren.

Als Officer Steven Delon an der Wohnungstür klingelte, war es Viertel nach acht. Debbie, die eben erst nach Hause gekommen war, hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und die Fuße auf dem Tisch abgelegt. Mühsam erhob Debbie sich, um zu öffnen.  „Guten Abend. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie und begutachtete Steven mit einem freundlichen Gesichtsausdruck, der ehrlich gemeint war. Jetzt verstand sie, warum ihre Tochter schon seit Stunden das Badezimmer blockierte.  Der junge Mann trug Jeans, T-Shirt, darüber ein passendes Sweatshirt mit V-Ausschnitt. Zudem wählte er Turnschuhe, die sein Outfit abrundeten.  „Guten Abend, mein Name ist Steven Delon. Ich bin mit Samantha verabredet.“ Er wippte auf und ab. Die Hände hatten sich hinter seinem Rücken ineinander gefasst.  Debbie bat ihn herein und meinte, dass sie Samantha über sein Eintreffen Bescheid geben würde. Er solle sich nur wie zu Hause fühlen, sie würde gleich wieder da sein.  Debbie schloss die Tür hinter ihm. Auf dem Weg zu Samanthas Zimmer sah sie sich lächelnd um. Den guten Männergeschmack, befand Debbie, musste ihre Tochter eindeutig von ihr haben. Im Anklopfen öffnete sie die Tür, schloss sie von innen wieder und grinste breit. Sam huschte aufgeregt durch ihr Zimmer. Sie war gerade erst bis in ihre Unterwäsche gekommen.  „Willst du so ausgehen?“ Debbie setzte sich auf das Bett ihrer Tochter, wo sie zwischen all den Sachen noch einen winzigen Platz gefunden hatte.  Sam blieb mitten im Sprint von einem Schrank zum nächsten stehen.  „Er ist schon da?“ Sie fluchte und warf einen Blick auf die Uhr. Ungeachtet ihrer Mutter kramte sie in den Sachen nach etwas Passendem.  „Willst du mir nicht sagen, wo du ihn kennen gelernt hast?“, fragte Debbie neugierig.  „Ähm, er ist Polizist und er hat mich heute Morgen zu meinem Auto gebracht, nachdem ich mir von Leutnant White einen Vortrag darüber anhören musste, dass man sich nicht bedankt, wenn man einen Strafzettel bekommt, und schon gar nicht zu schnell auf der Straße unterwegs zu sein hat.“  Samantha stand vor dem Spiegel und hielt eine Hose vor sich, um zu sehen, wie diese zu dem Oberteil aussah, das sie unbedingt tragen wollte.  „Er ist Polizist?“, fragte Debbie nach, als ob sie es dann besser verarbeiten könnte.  Samantha nickte als Antwort, während sie nach einer anderen Hose kramte.  „Er sieht gar nicht aus wie ein Cop.“  Sam nickte erneut zustimmend – eher darüber, dass sie die passende Hose gefunden hatte, als über die Bemerkung ihrer Mutter.  „Ich weiß noch nicht, wann ich zurück bin.“ Sie küsste ihrer Mutter zum Abschied auf die Wange, als sie zusammen ihr Zimmer verließen.  „Hi!“, winkte sie Steven entgegen, als sie ihn im Eingangsbereicht stehen sah, auch wenn er mit dem Rücken zu ihr stand und sich gerade die Familienfotos an der Wand ansah. Schnappschüsse von Sam und Debbie, die sie irgendwann einmal aussortiert und die besten an die Wand gehängt hatten.  Diese Bilderwand war immer etwas, was die Menschen anzog, wenn sie die McGregors besuchten. Mit den Jahren waren auch Postkarten, Konzerttickets und andere Andenken hinzugekommen. Diese hingen alle mehr oder weniger Platz sparend übereinander.  „Hallo!“ Steven drehte sich zu ihr herum.  Plötzlich hörten sie Debbies verwunderte Stimme aus dem Hintergrund.  „Du hast dich bei einem Cop für ein Ticket bedankt?“  „Ich habe gerade gebeichtet“, nickte Samantha Steven mit einem Augenzwinkern zu.  „Mom, ich erzähle dir das alles morgen noch einmal, ja? Wir müssen jetzt nämlich los.“ Sie gab ihr erneut einen Kuss auf die Wange, schob Steven aus der Wohnung und ließ die Tür hinter sich, nachdem sie noch schnell nach dem Schlüssel gegriffen hatte, ins Schloss fallen.  

Samantha folgte ihm zu seinem Auto, einem Saab, 80er Baujahr, und ließ sich gern die Tür aufhalten, bevor er sich ans Steuer setzte. Er schaute auf ihre schwarzen Jeans und das T-Shirt mit der Aufschrift *Born in the USA*. Bei diesen Worten huschte ihm ein flüchtiges Lächeln über die Lippen.  Sam sah auf ihr T-Shirt.  „Auch wenn es nicht so aussieht …“ Sie musste ebenfalls lachen. „… als hätte das hier lange gedauert!“ Damit meinte sie ihre Kleidung. Dafür war sie unheimlich stolz auf ihre Haare. Die vielen kleinen Zöpfe zu flechten, hatte Sam schon an die zweieinhalb Stunden gekostet.  „Hier in der Nähe ist ein Club, da spielen sie freitags immer live Musik unterschiedlicher Art.“  Samanthas Vorschlag wurde begeistert entgegengenommen.„Du hast Recht. Der Club ist gut. Die Idee hätte von mir sein können.“  Er startete den Wagen und fuhr los. Sie sah aus dem Fenster und winkte dann fast unsichtbar in Richtung ihrer Mutter. Voller Neugier hatte diese hinter der Gardine gestanden.  „Ich hasse Eltern, die am Fenster stehen!“, zischte sie zwischen ihrem Lächeln hervor. Gegen halb drei parkte Steven den Wagen direkt vor dem Eingang des Hauses.  „Es war ein sehr schöner Abend“, dankte er ihr, drehte sich zu ihr herum und legte den Arm um die Kopfstütze des Beifahrersitzes.  „Fand ich auch.“  „Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen könnten.“ Steven wirkte entschlossen, es mit einem weiteren Date zu versuchen.  „Klar, gar kein Problem. Ich fahre morgen einfach noch einmal zu schnell und bedanke mich für den Strafzettel.“ Samantha fiel nichts Besseres als Antwort ein.„Wann kann ich dich wiedersehen?“ Stevens Hand berührte sanft, fast wie zufällig ihren Hals. Ihre Blicke trafen sich, hielten sich fest, so, als gäbe es kein Morgen.  Samanthas Herz schlug ihr bis zum Hals.  „Wann immer du willst, außer nachts halb drei. Da schlafe ich für gewöhnlich.“  „Morgen habe ich dienstfrei. Ich könnte dich abholen und wir verbringen den Nachmittag zusammen. Ganz spontan. Irgendetwas fällt uns mit Sicherheit ein. Na? Interessiert?“  „Warum nicht?“, war alles, was Samantha in diesem Augenblick von sich geben konnte.  Er überlegte kurz.  „Wie wäre es mit zwei Uhr?“, schlug er vor.  „Klar. Bis dahin müsste ich wieder leben!“ Sie deutete auf die Uhr.  „Oh, ja, es wird Zeit! Dann sehen wir uns morgen?“ Steven zog seinen Arm auf seine Seite zurück.  „In ein paar Stunden.“ Samantha hatte schon den Türgriff in der Hand.  „Warte!“ Steven sprang aus dem Wagen und lief auf die andere Seite, um ihr – ganz Gentleman, der er offensichtlich auch war – die Tür zu öffnen. Sowohl die seines Wagens, damit sie aussteigen konnte, als auch die Eingangstür, die zu ihrer Wohnung führte.  „Danke.“ Samantha huschte an ihm vorbei ins Haus. Als sie kurz daran dachte, wann ihr das letzte Mal jemand die Tür geöffnet hatte, stellte sie fest, dass dies wohl schon in einem ihrer vergangenen Leben passiert sein musste, denn ihr fiel niemand ein.  „Ich muss dir danken.“ Er hielt die Tür noch immer fest. „Für diesen schönen Abend.“ Es schien ihm wirklich gefallen zu haben, denn er wiederholte sich. Dann schenkte er ihr ein bezauberndes Lächeln, ehe er verschwand.  

Sam blieb, unfähig, sich auch nur einen Meter von der Stelle zu bewegen, auf dem Absatz stehen.  Einige Sekunden später öffnete sich die Tür wieder und Steven kam herein. Er baute sich vor ihr auf. Sein Blick suchte ihren. Es war das erste Mal an diesem Abend, dass sie so nah beisammen standen, ohne sich für irgendetwas schuldig zu fühlen. Seine Hände griffen nach ihren. Seine Lippen waren weich und warm, als sie ihre trafen. Sie küssten so gut. Sie küssten vorsichtig, zärtlich, aber dennoch voller Verlangen.  Nach diesem Kuss sahen sie sich lange in die Augen, doch beide wussten, dass es noch nicht an der Zeit war, mehr aus diesem Kuss werden zu lassen. Auch wenn sie sich am liebsten die Kleider vom Leib gerissen hätten …  

Die Haustür öffnete sich und beiden stockte der Atem. Erschrocken sahen sie in Richtung Tür. Es kam jedoch niemand herein. Nur der Wind rauschte durch das Treppenhaus. So schnell, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder.  Steven hauchte ihr einen Abschiedskuss auf die Stirn.  „Bis später dann!“ Mit diesen Worten verließ er sie für diesen Teil des längst angebrochenen Tages. Schon in wenigen Stunden würden sie sich wiedersehen. Samantha konnte es kaum erwarten. Sie sank auf die Stufen der Treppe und verharrte eine Weile, ehe sie sich auf den Weg in ihr Bett machen konnte. 

 Am Mittag gegen elf Uhr klopfte es an Samanthas Tür. Noch einmal, ehe ihre Mutter die Tür öffnete, ohne eine Antwort erhalten zu haben. Sie setzte sich auf das Bett ihrer Tochter. Wartend sah sie ihr beim Aufwachen zu.  „Guten Morgen“, wünschte sie lächelnd, so liebevoll, wie es eine Mutter nur zu oft machen konnte.  Samantha liebte das Lachen ihrer Mutter. Sie war eine schöne Frau mit braunen Augen und dunkelbraunen schulterlangen Haaren. Nicht groß, aber groß genug, um aufzufallen, während Samantha wohl eher nach ihrem Vater kam mit ihren blauen Augen, den dunkelblonden Haaren und ihren knapp einsfünfundsechzig.„Wann bist du nach Hause gekommen? Ich habe dich gar nicht gehört.“ Debbie fuhr mit ihrer Hand durch Samanthas Haar. Um diese Uhrzeit war es noch keine Frisur.  Halb wach, halb noch schlafend beteiligte sich Sam am Gespräch.  „Halb drei oder so. War ein sehr netter Abend.“ Müde gähnte sie. „Wir treffen uns heute Nachmittag wieder. Steven ist ein sehr netter Mensch.“  „Sehr nett?“, wiederholte Debbie, obwohl sie es verstanden hatte. „Na gut …“ Sie lachte, während sie Sam die Bettdecke wegzog. „So, nun aber raus aus den Federn! Ich habe das Frühstück fertig.“  Samantha stolperte vom Bett in Richtung Bad.  

Frisch geduscht und im Bademantel setzte sie sich zwanzig Minuten später zu ihrer Mutter an den Küchentisch. Ihr reichte nur ein starker Kaffee und die Sonne, welche ihr Gesicht durch das Küchenfenster streichelte. Sie genoss die Gegenwart ihrer Mutter mehr denn je. Ebenso die leise Musik aus dem kleinen Radio, das sie Debbie vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Ein perfekter Samstagmorgen – eher noch ein Samstagmittag.  „Wo seid ihr gestern Abend gewesen?“, fragte Debbie, die gerade dabei war, die Margarine auf der einen Hälfte des Brötchens zu verteilen.  Mit beiden Händen hielt sich Samantha an der Kaffeetasse fest, während ihre Augen das Geschehen auf dem Brötchen aufmerksam verfolgten.  „Da hat eine Band in der neuen Kneipe etwas außerhalb gespielt, so eine Art Blues und Jazz. War echt ganz nett. Sollten wir auch mal hin, wenn du nicht so viel zu tun hast.“ Ihre Augen bewegten sich mit dem Messer, das in der Hand ihrer Mutter hin und her tanzte.  „Das mit dem Officer tut mir leid. Ich war wohl ein wenig zu schnell unterwegs und hab nicht auf den Tacho geschaut. Da haben die mich halt herausgewunken.“ Samantha nahm einen Schluck Kaffee. Schön heiß und schwarz, ohne Zucker. Seit einigen Tagen trank sie ihn nur noch schwarz. Vorher konnte nie genug Milch drin sein. Doch pur, so befand Sam schließlich, schmeckte er um vieles besser.  Debbie hörte ihrer Tochter aufmerksam zu.  „Dann habe ich mich eben für den Strafzettel bedankt.“  Debbie begann zu lachen.  „Tu’ das nie!“, erklärte Sam mit ernster Miene.  „Das mögen die Officers überhaupt nicht, schon gar nicht die von Leutnant White!“  „White? Unser netter Nachbar Benji White?“  Samantha setzte nickend die Tasse für einen weiteren Schluck an.  „Was hältst du davon, morgen Abend mit mir ins Kino zu gehen? Der neue Streifen mit Robert DeNiro soll ganz gut sein.“  „Klar, warum nicht?“ Samantha trank den letzten Rest Kaffee. Sie ging zum Küchentisch, um sich den Becher erneut zu füllen. „Von mir aus, gern.“ „Toll!“, freute sich Debbie, während sie Sam ihre leere Tasse entgegenhielt, damit sie auch ihr noch etwas Kaffee nachschenken konnte.  

Was wäre das Leben ohne Kaffee? Nicht auszudenken! Gepriesen sei der Erfinder des Kaffees und der Kaffeemaschine und überhaupt … Auf dem Weg zurück zu ihrem Stuhl drehte Sam das Radio etwas lauter. Gedankenverloren wünschte sie sich, dass die Zeit endlich vergehen sollte. Sie wollte Steven wiedersehen.  Das Telefon klingelte.  „McGregor?“ Sam nahm den Hörer ab.  „Samantha? Hier ist Adam Spencer. Ich dachte, du wolltest mit mir sprechen. Ich habe dich gestern in der Schule aber nicht angetroffen.“  Adam! Den hatte Sam komplett vergessen.  Was auch immer Adam von ihr wollte, er bemerkte schnell, dass Samantha während des Gespräches nicht bei der Sache war. Überall und nirgendwo waren ihre Gedanken. Sie hoffte, er würde sich alsbald verabschieden und ihr ein schönes Wochenende wünschen.  „Samantha, bist du noch da? Wir müssen noch einmal wegen der Termine für die nächsten Proben sprechen.“  Ein Vorwand, um sie zu sehen? Ein Vorwand, um sie zu nerven! Samantha vertröstete ihn auf Montag früh. Da hätte sie die erste Stunde frei und würde bei ihm im Büro vorbeischauen.  Ihren Kaffeebecher hatte sie gedankenverloren auf den Tisch gestellt.  „Oh!“ Er klang keineswegs enttäuscht. Samantha hatte Wochenende, da wollte sie freiwillig sicher keinen Lehrer sehen.  „Ja, gut, dann bis zum Montag.“  Endlich wünschte er ihr das ersehnte schöne Wochenende, dann legten beide auf. Wer es gewesen sei, wollte Debbie wissen.  Samantha antwortete, während sie die dritte Tasse Kaffee trank.  Was er denn gewollt habe.  „Neugierig bist du wohl gar nicht?“ Samantha rutschte auf dem Stuhl hin und her. Er habe mit ihr noch einige Dinge klären wollen, wegen der Proben und so.  

Adam Spencer hatte sich für Samantha entschieden und ihr auch gleich eine Rolle in seinem neuesten Stück angeboten. Er suchte verzweifelt nach Vorwänden, um sie sprechen zu können. Und jedes Mal liefen die Gespräche auf dasselbe hinaus. Wann würde sie Zeit haben, um mit ihm die Sachen durchzusprechen, um hier und da noch Veränderungen anzupassen, obwohl er genau wusste, dass all das nicht mehr nötig war, weil es eigentlich schon perfekt war, so, wie er es wollte und haben konnte. Doch er suchte nach einem Vorwand, es immer und immer wieder umzugestalten.  Samantha war neu, sie richtete sich nach ihm, doch ihre neuen Freunde aus der Theatergruppe hassten Adams kurzfristig angesetzte Proben, die daraus folgenden Änderungen und ihre Konsequenzen, wie zum Beispiel weitere Proben – bis Adam alles wieder über den Haufen warf und es eigentlich so wollte, wie er es schon am Anfang hatte. „Hat der Mann keinen Kalender? Heute ist Samstag! Diese Lehrer!“ Debbie räumte die Margarine sowie die Konfitüre in den Kühlschrank, da sie das Frühstück beendet hatte. Sie war sich sicher, dass Sam nun auch nichts mehr essen wollte. Debbie hatte es aufgegeben, sich mit ihr darüber zu streiten, wie wichtig ein gutes und ausgiebiges Frühstück war.  „Ich werde in die Stadt fahren“, teilte sie unterdessen mit, während sie sich Notizen auf einem Zettel machte.  „Brauchst du etwas?“  Sam überlegte kurz und verneinte. Debbie verließ daraufhin die Küche, um sich umzuziehen. Sam lauschte der Musik aus dem Radio, während sie den schon kalt gewordenen Kaffee austrank.  Konnte es nicht schon zwei Uhr sein? Es war erst halb zwölf. Noch zweieinhalb Stunden! Da könnte man doch noch ein kleines Nickerchen halten.