Engele - Claudia Tieschky - E-Book

Engele E-Book

Claudia Tieschky

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Beschreibung

Vom Rausch der Freiheit und den Abgründen des Glücks. Claudia Tieschkys fesselndes Romandebüt «Ich erzähle dir ihre Geschichte, sagt sie. Sie spürt den Wunsch nach Gefühllosigkeit, nach Brutalität. Sie wird es so berichten, wie es war.» – In größeren Abständen trifft Lotte ihren Liebhaber. Aus einer Laune heraus beginnt sie eines Tages, ihm von ihrer Großmutter zu erzählen. Sie gerät in eine Erinnerung, die sie lange vor sich selber verborgen hat. Ruth benahm sich in Lottes Kindheit oft exzentrisch und rätselhaft, sie war eine dominante, überschäumend lebenslustige, dann wieder harte Frau. Vor dem Krieg arbeitete Ruth als Krankenschwester in Berlin, sie war emanzipiert und hatte Affären. Es folgt das Familienglück mit dem charismatischen Musiker Siegfried in der süddeutschen Kleinstadt, das in den Fünfzigern jäh zerbricht. Siegfried muss ins Gefängnis – ein Sittlichkeitsdelikt, über das Lotte nie Genaues erfährt. Für Ruth ändert sich alles: Mit kalter Kraft bringt sie ihre Kinder durch, erlebt ihr kleines Wirtschaftswunder, sucht Eskapaden … Während Lotte erzählt, begreift sie Ruth immer besser – auch ihre distanzierte Mutter und ihr eigenes Leben, ihre unsteten Lieben. Ein offenes Geheimnis und nebenher ein deutsches Sittenbild, von drei Frauen und verblüffenden Freiheiten. Inspiriert von ihrer eigenen Familiengeschichte, erzählt Claudia Tieschky in ihrem Roman dicht, fesselnd und poetisch von einem unbekannten Deutschland.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Claudia Tieschky

Engele

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Vom Rausch der Freiheit und den Abgründen des Glücks. Claudia Tieschkys fesselndes Romandebüt

«Ich erzähle dir ihre Geschichte, sagt sie. Sie spürt den Wunsch nach Gefühllosigkeit, nach Brutalität. Sie wird es so berichten, wie es war.» – In größeren Abständen trifft Lotte ihren Liebhaber. Aus einer Laune heraus beginnt sie eines Tages, ihm von ihrer Großmutter zu erzählen. Sie gerät in eine Erinnerung, die sie lange vor sich selber verborgen hat. Ruth benahm sich in Lottes Kindheit oft exzentrisch und rätselhaft, sie war eine dominante, überschäumend lebenslustige, dann wieder harte Frau. Vor dem Krieg arbeitete Ruth als Krankenschwester in Berlin, sie war emanzipiert und hatte Affären. Es folgt das Familienglück mit dem charismatischen Musiker Siegfried in der süddeutschen Kleinstadt, das in den Fünfzigern jäh zerbricht. Siegfried muss ins Gefängnis – ein Sittlichkeitsdelikt, über das Lotte nie Genaues erfährt. Für Ruth ändert sich alles: Mit kalter Kraft bringt sie ihre Kinder durch, erlebt ihr kleines Wirtschaftswunder, sucht Eskapaden … Während Lotte erzählt, begreift sie Ruth immer besser – auch ihre distanzierte Mutter und ihr eigenes Leben, ihre unsteten Lieben.

Ein offenes Geheimnis und nebenher ein deutsches Sittenbild, von drei Frauen und verblüffenden Freiheiten. Inspiriert von ihrer eigenen Familiengeschichte, erzählt Claudia Tieschky in ihrem Roman dicht, fesselnd und poetisch von einem unbekannten Deutschland.

Vita

Claudia Tieschky, geboren 1968 in Augsburg, studierte Germanistik und Geschichte und ist seit 2003 Medienredakteurin der «Süddeutschen Zeitung». 2016 wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis, dem Deutschen Preis für Medienpublizistik, ausgezeichnet. Claudia Tieschky lebt in München, «Engele» ist ihr erster Roman.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt,

nach einem Entwurf von Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Umschlagillustration: Thomas Danthony

ISBN 978-3-644-10055-8

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Wir glauben, wenn wir jung sind,

dass jeder Zauber, der uns in die Augen kommt,

für uns gemacht ist und bei uns bleibt.

Wenn sie aus dem Fenster zu den Hinterhöfen schaut und in die Winternacht hinauf, sieht sie hoch oben den zu einem Rad geformten Neonschriftzug «Berliner Verlag», der sich langsam immer und immer dreht. Es ist Zeitungswerbung aus einer lang vergangenen Zeit, und sie denkt vage an Geschichten über diese Stadt, die man ihr als Kind erzählt hat. Sie streift beim Blick über den Nachthimmel diese Geschichten leicht in Gedanken wie das Fell einer Katze und bleibt dann an einer anderen Erinnerung hängen, einer aus ihrer Kinderzeit. Damals, als dieses Berlin noch so weit weg für sie war und ihr so östlich vorkam wie Warschau oder Moskau.

 

Der Himmel ist von den Lichtern mehr hellgrau als schwarz, dick sieht er aus wie eine Schneewolke. Hinter ihr im Zimmer liegt im Dunkeln der Mann, mit dem sie gerade geschlafen hat. Sie ist aus dem Bett aufgestanden, als sein Atem hinterher tief und regelmäßig wurde, hat ihr Gesicht vorsichtig aus seiner Schulterbeuge gehoben. Eine seltsame Geschichte ist das, es hat vor einer ganzen Weile angefangen, dass sie sich treffen und miteinander schlafen, und dann hat es bis jetzt nicht aufgehört. Sie weiß nicht, was das ist zwischen ihnen, aber es gefällt ihr. Er ist älter als sie, und er führt ein Leben, dessen kompliziertes Gleichgewicht sie nicht versteht. Die Abmachung lautet, die Dinge des anderen nicht durcheinanderzubringen. Sie treffen sich in Berlin, auf neutralem Terrain. Keiner von beiden wohnt dort. Nach und nach wird diese Stadt für sie voll von Souvenirs dieser nicht öffentlichen Liebe.

 

Jetzt ist es Winter geworden, und der Wind reißt ihr den Atem weg, wenn sie in die Stadt kommt. Einmal hat es gefroren, und sie sind am Hackeschen Markt ganz vorsichtig über das Blitzeis balanciert. Es sind wenig Leute auf der Straße gewesen. (Zu der Zeit ist das Viertel noch nicht diese Operettenkulisse, in der wohlhabende Kinder zwischen Markenshops Abenteuer spielen.) Sie sind weitergelaufen zur Tucholsky-Buchhandlung, die Arme ineinander verhakt und sich beim Ausrutschen stützend. Dann suchten sie Unterschlupf in einer Konditorei, so klein, dass man sich darin kaum umdrehen konnte. Wenn jemand zur Tür hereinkam, wurde der Raum vom Luftzug kalt, bis die Wärme der Backstube es wieder ausglich. Eine kleine alte Frau im Kittel verkaufte Biskuitrollen und Torten, der Kaffee war schwarz und der Kuchen sehr süß. Es roch nach all dem Gebäck, und darüber lag ein Aroma von etwas wie Geschmolzenem. Es gibt tatsächlich einen Geruch von gekochtem Zucker, denkt sie und schaut jetzt zurück in das dunkle Zimmer. Er liegt auf dem Bett und atmet gleichmäßig. Es wird nicht von Dauer sein, denkt sie, aber das macht ihr jetzt nichts.

 

Sie liebt den Ausdruck in seinem Gesicht, wenn sie auf ihm sitzt und seine Stimme sanft wie im Traum sagt, beweg dich nicht mehr. So als ob der Moment einfach bleiben könnte.

 

Am Fenster vor dem Nachthimmel sucht sie nach einer Geschichte, die sie ihm erzählen könnte. Vor drei Stunden haben sie sich hier in diesem Zimmer am frühen Abend wiedergetroffen. Er ist hinter sie getreten, hat sie in den Nacken geküsst und gesagt, du riechst gut. Jetzt ist sie entspannt, wünscht sich, ihr würde etwas Besonderes einfallen für ihn. Es ist ein Spiel zwischen ihnen. Wer kann den anderen besser mit einer Geschichte verblüffen. Wie bei Scheherezade. Der Gedanke gefällt ihr, sie findet ihn sogar passend. Solange wir Geschichten erzählen, gibt es die Zukunft nicht, über die wir nie reden. Sie hält es für ein Zeichen von Stärke, dass sie diese Liebe in der Schwebe lassen kann. Manchmal ist sie wütend auf sich und findet: ein Zeichen von Dummheit.

 

Sie erinnert sich plötzlich an eine Derbheit, die sie als Kind gehört hat. Die Begebenheit ist als Zote einmal in der Küche der Großmutter in R. erzählt worden, die eng war und mit Linoleum am Boden, zwischen Zwiebeln und Fleisch erzählt von Großmutter und Großtante mit diesem irren Lachen. In der winzigen Parterrewohnung der Neuen Heimat kam die Familie in den siebziger Jahren zusammen, wenn die Großmutter kochte, Klöße, Soße und Fleisch. Da saßen, auf dem niedrigen Sofa im kleinen Wohnzimmer, die erwachsenen Kinder, die selbst längst zu Wohlstand gekommen waren und stolz darauf, moderner und größer in neuen Häusern zu wohnen. Alle redeten und lachten sehr laut, brüllten manchmal beinah und tunkten dazu mit Behagen das Brot noch in den letzten Rest Soße. Im zweiten, ebenso kleinen Zimmer aßen die Enkelkinder auf einer Schlafcouch sitzend und hüpfend, für sie hatte die Großmutter in dem Raum einen alten Kaufladen aufgestellt. In der schmalen Küche beschlugen die Scheiben, und es roch nach Kartoffelmehl und dem mürben, mit Kümmel gewürzten Fleisch. Kochen und essen lagen räumlich unmittelbar zusammen, form- und umstandslos. Das gefiel ihr. Sie hatte keine Ahnung, dass die Umstandslosigkeit von der Armut kommt und das Brüllen vom wehrhaften Spotten über alle anderen.

 

Die Geschichte, an die sie sich jetzt erinnert, hat einen ordinären Beigeschmack, vergleichbar mit dem von starkem Schnaps. Wie gierig hatten Großmutter und Tante damals an diesem Vormittag nach dem Einkaufen in der Stadt die großen Wurstpakete aufgerissen und sich Scheiben von Kalbfleischwurst, Bierschinken oder Kochsalami in den Mund geschoben! So eine Art zu essen hat sie später nie wieder gesehen. Auch ihre Mutter war dabei, eine hübsche junge und dünne Frau, die größer war als die beiden Älteren und teurer zurechtgemacht. Die braunen Haare hatte sie apart seitlich gescheitelt, aber hätte ein Fremder sie gesehen, wäre ihm an ihrem Blick aufgefallen, wie unsicher sie war. Das Enkelkind stand zwischen den dreien, den Kopf auf Rockhöhe, aber keiner achtete auf es, was angenehm war. Seine Mutter versuchte mitzuhalten, bei der Wurst und beim Witzereißen.

 

Aber wie konnte man das? Wenn die beiden lachten, die Großmutter und ihre kurzhaarige Schwester, der wegen einem Krebs die Brüste abgenommen worden waren, dann schüttelte es sie so sehr, dass sie in die Knie gingen. Dass sie die Knie zusammenpressten, als müssten sie verhindern, dass sie sich vor Lachen einpissten. Die Luft blieb ihnen weg, sie konnten kaum weiterreden.

 

Die Jüngere von beiden war schon immer die Unverschämtere gewesen. Sie traute sich als junges Mädchen auch fort nach Berlin und wurde Krankenschwester. Die andere blieb im schlesischen Kohlerevier. Die Kecke in der Großstadt lernte in der Ausbildung, wie alle erdenklichen Haut- und Geschlechtskrankheiten aussahen, aber sie lernte auch, fünfundzwanzig Jahre vor Erfindung der Pille, wie sie mit Männern schlafen kann, ohne schwanger zu werden. Sie kann es tun, einfach so, weil sie es möchte.

 

Die Geschichte, die also in der Küche beim Wurstkauen erzählt wurde und die sie jetzt an diesem Winterabend in ihrer Erinnerung wiedergefunden hat, ist alles andere als anständig. Aber was war schon anständig an ihrer Großmutter? Die Geschichte ging so: Die Ärzte ihrer Berliner Jahre hatten häufig Verwendung für Präservative, die man damals schon recht preiswert kaufen konnte. Als die Schwesternschülerin einmal in Kropps Arbeitszimmer einbestellt wird, bemerkt sie eine, wie sie nicht nur aus hygienischen Gründen feststellen muss, «sagenhafte Sauerei» des Herrn Doktor Kropp, aber von der Frechheit der Sache ist sie dann doch beeindruckt: Zum Trocknen zwecks weiteren Gebrauchs hing der Gummi sauber ausgewaschen und mehr oder weniger demonstrativ am Becken über der Zahnbürste, für den Damenbesuch deutlich sichtbar; möglicherweise sogar extra dafür platziert, als Aufforderung. Wie ein Ausrufezeichen, wenn auch ein reichlich schlaff gewordenes. Natürlich begriff das Kind in der Küche gar nicht, worum es überhaupt ging.

 

Pfui, denkt sie jetzt, das kann sie ihm doch nicht erzählen. Als sie halblaut ins Zimmer hineinkichert, reißt Frieder, der doch nicht geschlafen hat, die Augen auf. Ihm hängt von eben selbst noch der Gummi über dem hübschen Schwanz, mit einer Blase voller Flüssigkeit vorne. Sie erzählt ihm, warum sie gelacht hat, und er sagt: Ich glaub dir kein Wort.

 

Es war aber so, sagt sie. Ihre Gedanken sind jetzt woanders. Irgendwo in der Nacht da draußen. Sie wird diesen Mann gehen lassen. Wie merkwürdig, ihre fast zwanghafte Vorstellung, dass sie alles gehen lassen muss, dass nichts bei ihr bleibt. Manchmal, wenn sie allein ist, übt sie das. Loslassen. Sie stellt sich etwas vor, das ihr wichtig ist, macht dann eine Faust, öffnet sie und stellt sich vor, wie alles weggleitet.

 

Es war aber so, sagt sie. Es war noch viel mehr.

 

Ruth. Ihr Name war Ruth.

Es gibt eine gewisse Kälte der Erinnerung, wenn wir geliebt haben und verloren. Man kann aber weiterleben, mit der Sehnsucht als taubgewordener Stelle.

 

«Ich erzähle dir ihre Geschichte», sagt sie. Sie spürt den Wunsch nach Gefühllosigkeit, nach Brutalität. Sie wird es so berichten, wie es war.

 

Von vorne. Fangen wir von vorne an. Sie weiß, dass da von Kindheit an der Name dieser Stadt war, wie eine Verheißung. Berlin.

 

Das Berlin, das sie selbst kennt, hat sie von Anfang an geliebt. Nicht wegen der Mädchen mit dem aufgetürmten Dutt auf dem Kopf, die Berge von Kinderkuchen in der Oderbergerstraße aßen und so unverletzbar ausschauten, dass es sie rührte. Auch nicht wegen der automatisch öffnenden Glastüren im Regierungsviertel, das nachts wie ein leises, ferngelenktes Raumschiff wirkte, oder wegen des kitschigen abgelebten Durcheinanders im alten West-Berlin. Das alles kam später.

 

Nein, sie hat es geliebt wegen der polnischen Namen, wegen des weiten Himmels, der ihr bekannt vorkam, obwohl das nicht sein konnte. Berlin nahm ihr den Hass aus den Segeln, den sie in sich hatte, weil in Süddeutschland jeder wegen ihres fremd klingenden Namens komisch schaute und alle immer aus derselben dummen Ortschaft kommen mussten, damit die Leute Ruhe gaben. Berlin war die Wiederentdeckung dessen, was sie aus Erzählungen kannte. Es gab eine östliche Welt mit großen blanken Horizonten. Sie fühlte sich nicht fremd. Es war wie Heringe essen. Es machte sie lustig.

 

Warum nur hat das Erinnern heute plötzlich begonnen? Bevor sie mit Frieder verabredet war, hatte sie am Nachmittag einen Fernsehproduzenten interviewt. Das Heitere war aus seinen Augen fort gewesen, als sie ihn zuletzt gesehen hatte. Jetzt fand sie es wieder und freute sich. Danach nahm sie kein Taxi, sondern sagte: «Zu Fuß ist es doch nicht weit.» Er beschrieb ihr einen Nebenweg durch Schrebergärten und Brachland, und sie war im Kleid und mit Cowboystiefeln unter ihrem Regenschirm zum Hauptbahnhof gestapft. Statt dann den Bus zu nehmen, ist sie immer weitergegangen, aufs Geratewohl zwischen Regenjackenträgern und Hundeausführern. Irgendwann bog sie, einem vagen Orientierungssinn folgend, in das Areal der Charité ein. Jeder Schritt hat dann ihr Staunen größer gemacht. Obwohl sie nie zuvor hier gewesen ist, kennt sie die Gebäude. Sie haben sich kaum verändert. Es sind sepiafarbene kleine Fotos mit gezackten Rändern, durch die sie geht. Fotos, die sie zu Hause im Schwäbischen in ein Album eingeklebt gesehen hat. In den Backstein-Nischen der Balkone sitzt Ruth an einem sanften Herbsttag mit ihren Freundinnen, aufgemotzt bis in die Haartolle über der Stirn, alle Mädchen mit Taille und Lippenstift. Es ist ihr freier Tag, und sie werden gleich ausgehen. Sie winken hinunter auf die Nachfahrin im Regen. Es ist Krieg, und sie sind noch so voller Hoffnung.

 

Hör zu, sagt die Erzählerin, die übrigens Lotte heißt, jetzt aus einem plötzlichen Gedanken heraus zu Frieder, Liebe ist ein großer Unsinn. Man sollte es besser lassen. Sie hört ihn im Dunkeln auf dem Bett leise und zufrieden lachen. Sie hat an Ruth gedacht, aber er versteht, dass auch sie beide gemeint sind.

 

Lachen ist genau die richtige Reaktion, denkt sie, man müsste einfach lachen können über die Zerstörung, gegen die man machtlos ist.

 

Dann erzählt sie weiter von Ruth.

 

Berlin also. Eines Tages steht Ruth nach einer Fahrt mit der Schlesischen Eisenbahn und dem neugekauften Koffer in der Hand hier auf der Straße. Sie ist siebzehn, und sie hat wirklich noch Zöpfe. Es gibt viele Mädchen wie sie, sie sind nicht zu übersehen, sie sind überall. Sie wollen alle das Glück finden oder wenigstens einen Kavalier. Es summt in der Stadt, so viele sind sie.

Ihr Leben hat weiter im Osten begonnen, die Stadt Beuthen gehört zum Kohlerevier an der polnischen Grenze, nicht weit von der Wallfahrt zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau. In den Taschen der Leute stecken katholische Talismane: Kleine, aufklappbare Blechbüchsen, kaum größer als eine Briefmarke, darin liegt die Muttergottes als Bleifigur mit dem Kind auf dem Arm, die Vorderseite glatt gewetzt vom Berühren. Ruth hat es nicht mit dem Beten. Sie fängt als Schwesternschülerin im Virchow-Krankenhaus an, die Arbeit entspricht ihrem Wesen. Sie ist praktisch und bis zu einem gewissen Punkt furchtlos. Sie hätte es weit bringen können, aber vielleicht dachte sie gar nicht so.

 

Ruth hat noch in Beuthen eine zweijährige Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht; dazu gehört es, sich im Haushalt der Geschäftsleute Seibold um die Kinder zu kümmern. Die Arbeit mit den Kindern gefällt ihr, aber sie ist hier Bedienstete, und es ist doch längst eine neue Zeit angebrochen, in der man nicht mehr unter einer Herrschaft stehen muss. Außerdem ahnt sie, dass es Ärger geben wird, weil der Hausherr ihr nachstarrt. Sie will weg. Viele Leute gehen jetzt aus Oberschlesien fort nach Berlin und erzählen zu Hause von der Großstadt und dem Fortschritt, vom Tempo auf den Straßen und vielleicht von ihrem Traum, weiter nach Amerika zu gehen. Ruth will nicht nach Amerika. Sie will ihr eigenes Geld verdienen, schöne Kleider tragen. Und vor allem will sie etwas erleben. Sie hat glücklicherweise gerade einen Verehrer, der nicht besitzergreifend ist, sondern einfach nur herzensgut. Denn er hilft ihr, ein Bewerbungsschreiben an das Virchow-Krankenhaus aufzusetzen. Weil sie die Arbeit in der Kinderpflege vorweisen kann, gilt sie als qualifiziert und wird vom Fleck weg genommen.

 

Und dann, nur fünf Jahre später, sind da am Winterbeginn diese Augenblicke, wenn die Sonne früh mit einem roten Lodern im Westen untergeht und die Stadt wie einen Köder im Dunkeln zurücklässt. Die Bomber werden auch in dieser Nacht kommen, es ist noch nicht der große Luftkrieg von 1943, aber das Gefühl, dass es einen jederzeit treffen kann, ist schon da. Das ist die Zeit, in der diese Liebe beginnt, die so groß war und alle ins Unglück stürzen wird. Ruth behauptet, der Krieg juckt sie nicht, und verlangt umso mehr von der himmlischen Zerstreuung in den Varietés, dem Geruch von parfümiertem Puder, der leichten Aufregung vor dem Ausgehen, wenn man in die Nacht hinaustritt, dem ständigen Nachschub an Schlagern und überhaupt nicht müde werden. Für dieses Gefühl und nichts anderes hat sie das Kohlerevier verlassen, wo man müde wurde, lange bevor man alt oder der Tag zu Ende war.

 

Vielleicht spüren sie, dass sie jetzt in Berlin lauter vorletzte Tage erleben, aber ich frage mich, ob sie auch nur annähernd eine Vorstellung von der kommenden Zerstörung hatten. Manchmal sind junge Ärzte dabei, wenn sie ausgehen, sehr oft einfach nur Männer, die die Mädchen an dem Abend kennenlernen. Ein paar sind ihnen geblieben und zu Freunden geworden. Ruth mag es nicht, wenn Freunde verschwinden, aber genau das geschieht. Einige ziehen in den Krieg, einige verlassen Deutschland. Der Kreis zerstreut sich, manche tauchen ohne jede Nachricht plötzlich nicht mehr auf, und keiner weiß, was aus ihnen geworden ist. Wenn es gutgeht, kommt irgendwann eine Postkarte. Sehr oft kommt keine mehr.

 

Ruth misst Männer nur daran, ob sie gute Typen sind, was dazu führt, dass sie Bekanntschaft mit durchaus ungewöhnlichen Milieus schließt. Einmal hing sie wochenlang an einem österreichischen Ringer aus dem Zirkus, der trotz seiner enormen Kraft im Anzug fast zart wirkte, schrägstehende Augen hatte und Rainer Maria Rilke zitieren konnte. Oft kommt Ruth erst zurück, wenn die Pforte im Schwesternheim schon geschlossen ist, satt im Bauch wie ein weiblicher Baal. Dann steigt sie im Nachbarhaus die Treppen bis ganz oben hoch und nimmt den Weg über die Dachböden, die praktischerweise miteinander verbunden sind.

 

Gut, nicht wahr?, hört sie Ruth sagen. Es ist diese Stimme, die sie von früher kennt und die immer alles anders aussprach als die Leute im Süden. Sie lernte es nie, ihr Mund brachte das Süddeutsche nicht heraus. «Nichwaah?», sagt Ruth. «Und du hast Anton Moll vergessen, Kind! Kleiner, machtbewusster Mann mit Mundwerk wie Dauerfeuer. Die Überraschung, wenn man ihn besser kennenlernte, dass er mit so einer Feinheit schweigen konnte. Steht eines Tages in meinem Dienstzimmer, im grauen Anzug, keine Ahnung, wo er plötzlich hergekommen ist, die Haare zerzaust wie blondes Stroh, in das Sommerlicht fällt, stellt mir eine Schale Himbeeren auf den Tisch, sagt kein Wort, schaut nur leise und geht wieder.»

 

Du mochtest das, du mochtest die Himbeeren, denkt sie. Er schenkte dir etwas, er huldigte dir, nur darum ging es doch. Dann horcht sie ins Zimmer, ob Frieder die Stimme von Ruth auch hört, aber das tut er nicht, weshalb sie laut zu ihm sagt: «Sie mochte das Gefühl, dass sie jeden haben konnte, und sie legte es darauf an, es auszuprobieren.»

 

Frieder hat sich im Bett aufgesetzt und den Gummi auf den Fußboden geworfen. Er sagt nichts, aber sie merkt, dass er neugierig wird auf die Geschichte. Und auf einmal fragt sie sich, was sie da eigentlich macht. Nur weil das alles heute an der Charité plötzlich wieder da war? Berlin, der Himmel, Ruth, an die sie jahrelang nicht mehr gedacht hat. Als hätte sie die Erinnerung weggesperrt. Auch die Erinnerung an den Tag, an dem sich das Bild, das sie von Ruth hatte, mit einem Schlag für immer änderte. Aber da war Ruth schon tot.

Sie überlegt, wie kann sie Frieder das erzählen, in klaren Sätzen. Was soll sie ihm sagen? Dass Ruth sie als Kind gerettet hat vor den ständig brüllenden Eltern? Vor dem neuen Haus am Ortsrand, das jahrelang neu blieb, weil sich keiner dort einwohnte? Wie sie ihre Zuflucht war und trotzdem so furchteinflößend hart sein konnte? Wie ihr die Männer nachliefen noch mit fünfzig? Wie sie dann eine alternde Frau mit radikalem Gehabe und einem kugeligen Bauch unter dem Rock wurde und sich die Haare ganz kurz schnitt? Dass sie sich manchmal vorstellt, welches Leben Ruth geführt hätte, wenn sie Siegfried nie begegnet wäre, sondern einen ihrer reichen Verehrer geheiratet hätte und mit ihm eben doch an die amerikanische Pazifikküste gezogen wäre? Sie hätte ein ganz anderes, ein undramatisches Leben haben können, das sie mit ihrem Temperament locker für alle als Drama inszeniert hätte – als herrschsüchtige Ehefrau mit Führerschein, einer Schwäche für frühe Drinks, teure Seidenschals und Europareisen. Soll sie ihm erzählen, wie Ruth dann gestorben ist und die Enkelin ihr vollkommen nutzlos zuflüsterte, so als wäre das ein Trost oder ein Versprechen: Ich lebe für dich mit! Sie fühlt, dass sie etwas mit großer Wucht packt. Wie fürchterlich sie Ruth doch plötzlich vermisst.

Also fängt sie lieber an einem der Ränder an, die sie von der Geschichte leichter zu fassen bekommt. Sie sind jetzt ausgegangen, in ein Café gegenüber der Volkbühne mit großen Fensterscheiben in die Nacht hinaus. Vögeln macht hungrig. Sie haben sich ordentlich gewaschen, sind in die Kleider gestiegen und ein paar hundert Meter die Straße entlanggegangen. Es gibt schwäbisches Büble-Bier in dem Lokal. Schwäbisch passt, denkt sie und schaut in der Spiegelung der Fensterscheibe nach, wie ihr Lippenstift aussieht. Frieder hat unterwegs ihren Arm genommen. Er ist verliebt, das merkt sie an seinem leichten, schnellen Gang und trotz des von ihr abgewandten Blicks nach vorne. Sie sind an Leuten vorbeigelaufen und spüren noch ihre Unterleiber und die kusswunden Münder. Sie sind in aller Öffentlichkeit mit sich allein, und in diesem Moment hat sie eine fast panische Angst, dass dieses Verschworensein aufhören könnte. Sie wehrt sich auf einmal mit aller Kraft, ihn morgen wieder fortzulassen. Sie merkt, dass sie gleich heulen wird. Sie reißt sich zusammen. Als die Soljanka kommt, ist es nach ein paar Löffeln besser. Wenn sie Hunger hat, wird sie immer dünnhäutig.

 

Es ist so: Wenn sie von der Berliner Nacht aus ganz weit zurückgeht in ihrer Erinnerung, findet sie zuerst die großen Papierbögen in der Wohnung von Ruth und Siegfried, die ihr als Kind so unnütz vorkamen. Das Wohnzimmer der Großeltern ist fast immer überheizt, oft läuft der Fernseher. Die Lineatur auf dem Papier ist nicht so, wie sie es aus der Schule kennt, wo sie die katholischen Schwestern immer wegen ihrer Schrift tadeln. Sie kriegt es einfach nicht hin, sie ist das einzige Mädchen, das keine Eins in Schönschreiben hat. Sie krakelt, es lässt sich nicht ändern. Genauso wie es sich nicht ändern lässt, dass sie in dem großen, neuen Haus, das der Vater gebaut hat, nachts nicht schlafen kann. Dann zieht sie vor die Schlafzimmertür der Eltern, die zugesperrt ist und es auch bleibt. Das auf dem Papier ist keine Lineatur für Wörter, es ist eine Lineatur für Töne. Bei den Großeltern im Wohnzimmer ist es klein und warm, und Ruth lässt sie, das Enkelkind, seine Krakeleien auf die Notenblätter malen. Siegfried, dem das Papier eigentlich gehören muss, wird nicht mehr gefragt, Siegfried existiert nicht mehr für Ruth. Und doch, er ist da und spielt auf dem Pfeiffer-Klavier, das neben der bequemen, billigen Couch steht. Das Kind darf sich oben auf den Klavierkasten legen, die Töne vibrieren im Körper. Der längst kahlköpfige Siegfried, der nach bitteren Kräuterbonbons riecht und immer eine angebrochene Tafel weiße Schokolade mit sich trägt, wiegt den Oberkörper beim Spielen. Auf einem Stapel liegen altmodisch gebundene Notenalben. Die bollernde Wärme aus dem Kohleofen steigt nach oben, wo auf dem Klavier das Kind ist, das in diesem Zimmer keine Kälte und keinen schreienden Jähzorn des Vaters fürchten muss. Das Klavier ist ein Schiff aus Tönen, das es in Sicherheit bringt.

Der und kein Anderer. Ruth hat Siegfried ihrer Freundin Elly buchstäblich ausgespannt, obwohl das sonst nicht ihre Art war. Warum so viel Drama um einen Mann? Der und kein Anderer. Diese Gewissheit. Was für ein Wahnsinn.

 

Frieder schaut sie amüsiert an. Was du Wahnsinn nennst, halten die meisten Menschen für die große Liebe. Findest du das nicht etwas spröde, meine Süße? Ausgerechnet er gibt jetzt also den Verteidiger der handelsüblichen Romantik, stellt sie fest, dabei sieht sie sogar hier an den Tischen um sie herum schon wieder diese Paare, die sich nicht mehr ausstehen können, und dafür muss man nicht mal nach Berlin fahren. Und außerdem, wenn er wüsste, wie die Geschichte ausgeht! Na schön, wie er will. Angenommen, schlägt sie vor, ich hätte jetzt und heute die Gewissheit, dass ich dich will und niemanden sonst. Wie fändest du das? «Gut», sagt er, zieht das U ganz lang und den Mund mit ein wenig schwäbischem Büble-Bräu-Schaum drauf zur Schnute und legt noch eins drauf: «Der Wahnsinn.»

 

Siegfried kommt auch aus einer Wahnsinnsfamilie. Der Vater ist Schulrat wie schon der Großvater, und der war zudem ausgestattet mit seinem eigenen Wahnsinn, mit heilenden Händen. Man ist alles andere als abergläubisch, sondern sehr katholisch in der Gegend, aber wenn Mensch oder Vieh krank sind, ruft man ihn, und er legt die Hand auf. Alle drei Töchter der Familie heißen nach Heldinnen in Wagner-Opern. Der einzige Sohn bekommt den Namen Siegfried, und was die wundersamen Hände angeht, immerhin spielt er Klavier. Alle haben sie etwas Spitzbübisches und Heiteres, trotz der dramatischen Namen.

 

Aus Ruths schlesischer Kindheit gibt es nur wenige Fotos. Eines zeigt sie mit der Erstgeborenen Hilde noch ganz klein. Hilde ist ein dünnes Kind in einem Kleidchen und weißer Schürze. Auf ihrem kurzen Haar sitzt eine etwas unordentlich aufgebundene Schleife, und sie sieht aus, als wollte sie gleich auf und ab hüpfen. Ruth ist noch ein Baby und liegt auf einem Bärenfell.

 

Das nächste Foto von Ruth zeigt einen Teenager in BDM-Uniform mit undurchdringlichem Blick. Die Augenbrauen wie zwei Striche unter der runden Stirn, ein tiefer Seitenscheitel und Zöpfe, für die ihr Blick zu erwachsen ist.

 

Ihre Augen werden zeitlebens auf Schwarzweißfotos wie helle Stellen erscheinen, für das leuchtende Blau haben die Filme keine Übersetzung.

 

Auf dem ersten colorierten Foto ist sie dann eine vollkommen elegante Frau ohne jugendlichen Übermut. Sie sitzt vor einem Blumenstrauß auf einer Art Bank und schaut zum Fenster oder jedenfalls ins Licht, dem das Gesicht zugewandt ist. Man sieht es im Halbprofil, dieselben skeptischen Augenbrauen, die runde Stirn, die unten leicht runde Nase. Die Haare, kastanienbraun, hochgesteckt, dazu trägt sie ein dunkelgrünes Kleid bis zum Knie, im Ausschnitt eine große weiße Rüsche – ein unglaublicher Auftritt. Und dann, als Nächstes, das Verlobungsbild mit dem vierundzwanzig Jahre älteren Siegfried. Er in Uniform. Sie in einem eleganten Herrenblazer mit Einstecktuch und Nadelstreifen. Als wäre das Bild ein Witz und eigentlich Ruth der Bräutigam. Beide lächeln versonnen.

 

Es ist fast halb zwei, und sie sind etwas betrunken, als sie wieder in dem Zimmer mit dem zerwühlten Bett sind. Sie zieht sich ganz aus und kommt zu ihm unter die Decke, sie legt sich auf ihn und ihren Mund auf seinen. Sie atmen zusammen. Seine Hand greift sich die Haare zwischen ihren Beinen. Es bereitet ihr eine schwindelig machende Lust, sich vorzustellen, dass er sie schwängern könnte, dann wären sie für immer verbunden. Aber sie will das nicht denken. In vier Stunden muss sie zum Flughafen. Er wird mit ihr noch im Dunkeln aufstehen, zwei Pappbecher heißen Milchkaffee kaufen und sie zur S-Bahn bringen, die sie