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Viele Großeltern müssen miterleben, wie der Glaube, der ihnen wichtig ist, in der Familie abbricht. Das schmerzt sie und lässt sie oft hilflos zurück. Sie fragen sich: Haben wir etwas falsch gemacht? Wie sollen wir uns richtig verhalten im Umgang mit unseren Kindern und Enkeln? Was wird unseren Enkeln fehlen, wenn Gott in ihrem Leben nicht vorkommt? Wunibald Müller zeigt, wie Großeltern diese Trauer zuzulassen und sich von dem verabschieden können, was nicht mehr ist. Die schwierige Situation lädt Großeltern, ihre Kinder und Enkel dazu ein, offen miteinander zu reden, zu versuchen, sich zu verstehen, voneinander zu lernen. Dabei wird sich zeigen, was wirklich zählt, was sie weiterhin miteinander verbindet, auch wenn sie, was Glauben und Kirche angeht, unterschiedlich denken. Das aber ist ihre Liebe, die größer ist als alles. Auch werden sie entdecken, dass vieles von dem, wofür Glauben und Kirche idealerweise steht oder stehen sollte, Werte sind, die für sie alle wichtig sind. Die Auseinandersetzung mit ihren Kindern und Enkeln lädt Großeltern schließlich auch dazu ein, sich zu fragen, wie es um ihren Glauben steht und wo sie ggf. nachsteuern und Neues zulassen müssen. Und bei allem gilt: Es gibt keine Enkel ohne Gott, da Gott es nicht von Taufe, Kirchenzugehörigkeit, einem Glaubensbekenntnis abhängig macht, ob er für jemanden da ist. Darauf zu vertrauen, kann Großeltern am Ende damit versöhnen, dass es in der Familie religiös und kirchlich nicht weitergeht wie bisher. Aber es geht weiter und gut weiter, wenn für sie, ihre Kinder und die Enkel gilt, was für Gott selbstverständlich ist: Größer als alles ist die Liebe.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2026
Wunibald Müller
Wenn der Glaube in Familien verloren geht
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2026
Hermann-Herder-Straße 4, D-79104 Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: © Suleyman Ozkan / GettyImages, KI-modifiziert mit Adobe Firefly
E-Book-Konvertierung: Newgen Publishing
ISBN Print 978-3-451-02553-2
ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-84554-3
Vorwort
I. Der zunehmende Bedeutungsverlust von Religion und Kirche
Religion befindet sich auf dem Rückzug, Kirche in einem rasanten Absturz
Der grundsätzliche Trend zur Säkularisierung ist nicht aufzuhalten, eine partielle De-Säkularisierung nicht auszuschließen
Die „Sache“ mit Gott wird zunehmend auf dem freien Markt angeboten
Die jungen Leute entscheiden heute eigenständig, was sie glauben, wenn das überhaupt eine Option für sie ist
Mit der Kirche darf man nicht scheiße aussehen
Es gibt noch das Alte und es gibt schon das Neue – Beispiele
II. Wie sollen sich Großeltern, Eltern und Enkel verhalten, wenn es um die Weitergabe des Glaubens in der Familie geht?
Die Einstellung der Eltern respektieren
Miteinander Kompromisse finden
Tolerant sein, ohne aufzugeben, was einem wichtig ist
Um Gottes willen nicht agieren
Sich bewusst machen, was verloren geht, wenn der Glaube in der Familie verloren geht
Die Enttäuschung nicht ständig zur Schau tragen
III. Miteinander reden. Wie geht das?
Das Gespräch miteinander suchen und mit dem ganzen Herzen zuhören
Tacheles miteinander reden
Durch das Gespräch miteinander in Kontakt bleiben, statt sich enttäuscht und verbittert zu isolieren
Leitfaden für den rechten Umgang miteinander: die absichtslose Liebe füreinander
IV. Haben wir etwas falsch gemacht bei der Weitergabe des Glaubens?
Eine zu schwer verdauliche Pastoral, die mit der Hölle droht
Sensibel sein für möglichen spirituellen Missbrauch
Nehme ich meinen Enkeln etwas, wenn ich ihnen nicht von Gott erzähle?
Unterscheiden zwischen echter Schuld und falschen Schuldgefühlen
Schuldgefühlen keine Hausaltäre errichten
Bedauern und Trauer zulassen
Aussprache mit anderen betroffenen Großeltern
V. Was geht Enkeln, die nicht an Gott glauben, verloren?
Bei der Weitergabe des Glaubens geht es vor allem um eine Erfahrung
Ein Ritual ist das, was einen Tag anders macht
Von der heilenden Kraft des Betens
Es gibt viele Mitspielerinnen und Mitspieler im Team Gottes
VI. Sind die Enkel, die nicht an Gott glauben, keine spirituellen Menschen?
Wo machen Enkel spirituelle Erfahrungen?
Ein Popkonzert als spirituelle Erfahrung
Spirituell musikalisch sein
Die missverständliche Rede vom anonymen Christen
VII. Was können Großeltern von ihren Kindern und Enkeln spirituell lernen?
Von der Position abrücken, denen, die nicht glauben, überlegen zu sein
Alternative Rituale entdecken und würdigen
Gott bei den Enkeln entdecken und sich von ihnen anstecken lassen
VIII. Zu glauben ist eine Lebensaufgabe
Glaubensvermittlung bedarf der Erziehung, der Unterrichtung und des Einübens
Wenn jemand sich nicht entscheidet, ob er glaubt oder an was, an wen er glaubt
Glauben ist kein Hut, den ich mir aufsetze
Glaube in der Kindheit und im Jugendalter
Glaube im Erwachsenenalter
Die Einstellung der Großeltern färbt ab
IX. Meine Glaubensentwicklung
Irrungen und Wirrungen
Zweites Vatikanisches Konzil und spirituelles Erwachen
Gott ist viel, viel mehr als Kirche
Schlussfolgerungen für die Weitergabe des Glaubens in der Familie
X. Was bedeuten Großeltern ihr Glauben und ihre Zugehörigkeit zur Kirche?
Großeltern werden angestoßen, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen
Was bedeutet ihnen ihr Glaube?
Zu glauben bedeutet viel mehr, als sich taufen zu lassen und einer Kirche anzugehören
Sich gegenüber der Kirche emanzipieren und zum wirklichen Gott vordringen
XI. Kirche und andere Orte als spirituelle Heimat erleben
Abschied nehmen von einer Kirche, die es nicht mehr gibt
Ja zu einer erneuerten Kirche
Entscheidend ist, dass die Enkel einen Ort finden, wo sie sich getragen erleben
Mit den Kindern und Enkeln über eigene Glaubenserfahrungen und Erfahrungen mit der Kirche sprechen
XII. Welche Möglichkeiten bleiben, wenn der Glaube in der Familie verloren geht?
Nicht verzagen
Authentisch von eigenen positiven Erfahrungen mit Kirche erzählen
Nicht missionieren
Paten und Freunde sein
Für die Enkel beten
XIII. Gott überall entdecken und beherzigen, dass die Liebe größer ist als alles
Gott innerhalb und außerhalb der Kirche entdecken
Spiritualität breiter verstehen
Ambiguitätstoleranz – Vielfalt und Mehrdeutigkeit akzeptieren und würdigen
„Wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel“
Die Taufe erinnert uns an unsere Gottesebenbildlichkeit und königliche Energie
Von der bedingungslosen, ersten Liebe Gottes
Großeltern im Dienst der überschwänglichen Liebe Gottes
XIV. Loslassen können
Als Großeltern die Eltern der Enkel nicht wie Kinder behandeln
Wenn es Großeltern schwerfällt, ihre Kinder und Enkel loszulassen
Wenn Großeltern ihre Kinder und Enkel loslassen können
Loslassen können – mühevoll und bereichernd
Zu guter Letzt
Es gibt keine Enkel ohne Gott
Literatur
Nachwort
Zuallerletzt – von einer Tochter ohne Gott
Dorothea Laube
Über den Autor
Über das Buch
„Was kann ich denn noch tun? Ich habe so viel gebetet, ihnen alle Möglichkeiten gezeigt, aber keines meiner Kinder und Enkel will mit dem Glauben noch etwas zu tun haben!“, klagt eine liebe alte Dame unter Tränen ihrer Pastorin. Eine Oma erzählt mir, dass ihr Enkel ihr sagte: „Oma, der das mit dem Gott erfunden hat, der muss doch einen Schlag gehabt haben.“
Enkel ohne Gott? Wenn ich dieses Thema erwähne, reagieren vor allem Großeltern sofort darauf und bekunden, dass sie dieses Thema sehr beschäftigt. Sie sind irritiert und enttäuscht, dass im Leben ihrer Enkel Gott anscheinend keine Rolle mehr spielt, überhaupt der Glaube in ihrer Familie verloren zu gehen scheint. Das macht sie traurig, lässt sie hilflos zurück, führt oft zu Konflikten und wirft die Frage auf, ob denn gar nichts mehr erhalten bleibt von dem, was für sie so wichtig war und ist.
Manche Großeltern können darüber reden. Oft sprechen sie aber nicht darüber. Sie haben Angst, nicht verstanden zu werden. Andere haben die Erfahrung gemacht, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie darüber sprechen, oder dass sie mit der Antwort abgespeist werden, in welchem Jahrhundert sie denn leben. Ich möchte mit diesem Buch Mut machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und miteinander darüber zu sprechen. Ich bin davon überzeugt, dass das für alle Beteiligten – Enkel, Eltern, Großeltern – von Gewinn ist. Es trägt dazu bei, die Situation zu klären, indem Vorbehalte, Erwartungen, Enttäuschungen benannt werden. Das Thema kann in einem größeren Zusammenhang betrachtet und damit differenzierter angegangen werden. Einmal werden einem dabei die Augen geöffnet, was dazu führt, sie nicht länger vor der Wirklichkeit zu verschließen. Ein andermal wird man mit Erleichterung feststellen, dass manches vielleicht doch nicht so schlimm ist, nicht alles den Bach runtergeht.
Das Thema Enkel ohne Gott? haut rein, zumindest dann, wenn man das Fragezeichen übersieht. Es zu beachten, ist jedoch von großer Bedeutung. Denn, verhält es sich tatsächlich so, dass Enkel, die der vorgegebenen religiösen Spur ihrer Eltern oder Großeltern nicht folgen, ohne Gott auskommen, der Glaube in der Familie damit verloren geht? Geht alles verloren? Was geht verloren, was bleibt aber vielleicht auch, wenngleich nicht unbedingt im kirchlichen oder christlichen Gewand?
Auf diese und ähnliche Fragen stößt man, wenn man sich intensiver damit befasst, dass Enkel und Enkelinnen die religiöse Praxis ihrer Vorfahren nicht übernehmen. Je mehr man sich damit befasst, desto klarer wird einem aber auch, dass es bei diesem Thema nicht nur um die Enkel, sondern auch und vielleicht sogar vor allem um die Großeltern geht. Es geht um ihren Glauben und die Konsequenzen, die sich in dieser spannungsvollen Situation, in der es um die Weitergabe des Glaubens in der Familie schlecht bestellt ist, für ihren persönlichen Glauben und ihr Verhältnis zur Kirche ergeben. Das ist eine große Herausforderung, kann aber auch zu einer Chance werden, in der eigenen persönlichen und spirituellen Entwicklung weiterzukommen.
Was ich zu dieser Auseinandersetzung beitragen möchte, geschieht aus der Sicht eines Psychotherapeuten und Seelsorgers, der Großeltern, Eltern und Enkeln helfen will, die Probleme und die Möglichkeiten, die sich bei dem Thema Enkel ohne Gott? für alle Beteiligten ergeben, besser zu verstehen, zu bewältigen und zu nutzen.
Die Idee zu diesem Buch ging von Clemens Carl vom Verlag Herder aus. Dafür und für seine unterstützende Begleitung ein herzliches Dankeschön. Sein Idee hat bei mir sofort gezündet. Es hat mir viel Freude gemacht, mich mit dieser Thematik zu befassen. Ein großes Dankeschön geht auch an unsere Tochter Dorothea Laube, die das Manuskript kritisch gegengelesen hat und durch ihre Überlegungen und Nachfragen zu einer großen Bereicherung des Buches beigetragen hat. Unserem Sohn Tom danke ich, dass er durch seine spirituelle Weite mir den Blick dafür geschärft hat, das Gold zu entdecken, das oft in sogenannten Häresien verborgen ist und darauf wartet, von uns, von mir, erkannt und geborgen zu werden.
Wunibald Müller
Enkel ohne Gott? Diese Frage kann nicht ohne Bezug zur augenblicklichen religiösen und kirchlichen Großwetterlage und Situation angemessen beantwortet werden. Es ist unübersehbar: Religion befindet sich in unseren Breiten auf dem Rückzug, die Kirche in einem rasanten Absturz (vgl. Zoch 2025, 4). Die Mehrheit der Menschen in Deutschland – 56 Prozent – bezeichnet sich inzwischen als nicht mehr religiös. Weitere 15 Prozent nennen sich wenig religiös. Nur noch etwa ein Drittel betet gelegentlich oder glaubt an einen Gott, der in Jesus Christus sichtbar ist.
Schneller als erwartet ist in Deutschland der säkulare Kipppunkt erreicht worden. Das heißt, die Anzahl der Konfessionslosen ist größer als die der Menschen, die einer Konfession angehören. Das aber beschleunigt den Prozess der Entkirchlichung. Alte Schätzungen gingen noch davon aus, dass im Jahr 2060 nur mehr 20 Prozent der Bevölkerung einer Kirche angehören. Inzwischen wird damit gerechnet, dass das bereits im Jahr 2040 der Fall sein wird. Dazu kommt: Es ist wie beim Haarausfall. Was weg ist, ist weg und kommt nicht wieder – mit wenigen Ausnahmen.
In diesem Zusammenhang verdienen die sogenannten Nones besondere Aufmerksamkeit, für die nicht nur Kirche, Religion und Spiritualität, sondern alles, was damit an Weltbildern und Wertvorstellungen verbunden ist, ein Niemandsland ist (vgl. Loffeld 2024, 43ff.). Religion und Kirche sind ihnen gleichgültig. Es fehlt ihnen nichts, wo Gott fehlt. Da sie nichts vermissen, empfinden sie auch keinen Verlustschmerz darüber. Sie benötigen keine Institutionen wie die Kirche als Organisation, die gesellschaftlich für diese Wirklichkeiten, für Religion und Glauben stehen. Sie brauchen sie auch nicht in der Form von Gotteshäusern als Orten geteilter spiritueller Praxis oder gemeinsamer Gottesbegegnung, da dies für sie keine Rolle spielt.
Unter diesen Nones befinden sich immer häufiger auch die Kinder und Enkel von Großeltern, denen ihr Glaube und ihre Zugehörigkeit zu einer Kirche wichtig war oder auch weiterhin wichtig ist.
Großeltern sollten ihre Augen vor diesem Trend nicht verschließen und ihn ernst nehmen. Auch müssen sie wissen: So sehr sie sich bemühen, diesen Trend in ihrem Wirkungsbereich zu stoppen, es handelt sich dabei um eine Entwicklung, die sie, auch die Kirche insgesamt, nicht wesentlich beeinflussen können.
Darüber können auch solche Ereignisse nicht hinwegtäuschen, die für den Moment den Eindruck erwecken, dass sich religiös etwas im Aufbruch befindet. Denken wir an eine Papstwahl, bei der die halbe Welt interessiert nach Rom schaut und Hundertausende Menschen sich bei der Inthronisierung des Papstes auf dem Petersplatz versammeln. Oder daran, wie junge Leute sich in einer französischen Kathedrale verabreden, um das Aschenkreuz zu empfangen. Sie haben mitbekommen, wie Muslime den Ramadan miteinander beginnen, und wollen wie sie mit einem Ritual den Beginn der Fastenzeit begehen (vgl. Zulehner 2025, 6). Oder wie sich total aufgewühlte Menschen nach einem Amoklauf, dem viele Menschen zum Opfer gefallen sind, in einer Kirche versammeln. Da zeigt sich, dass es weiterhin von Bedeutung ist, dass es die Kirche, dass es Gotteshäuser gibt, wo Menschen zusammenkommen können, um ihre Solidarität zu bekunden und ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. In einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen gerät, alte Sicherheiten wegbrechen, halten die Menschen Ausschau nach etwas, das trägt und das Halt gibt. Sie sehnen sich nach einer Stimme, die auf etwas Größeres hinweist. Die Trost und Hoffnung vermittelt, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben (vgl. Zoch 2022, 122).
Letzteres ist ein Beispiel für ein wertvolles Angebot der Kirche, das jeder und jedem offensteht. Doch Treffen in Gotteshäusern anlässlich trauriger Ereignisse bleiben eine vorübergehende Erscheinung und können nicht als ein Anzeichen dafür verstanden werden, dass der generelle Trend hin zur religiösen Indifferenz nachlässt. Auch wird die Kirche verständlicherweise immer weniger als die Institution gesehen, die eine solche Stimme der Zuversicht sein kann, weil sie als Institution vielfach versagt hat.
Auf der anderen Seite ist das partielle Interesse an Kirche und Religion ein Zeichen dafür, dass die Säkularisierung zwar voranschreitet, manche Essentials, die über die religiösen und kirchlichen Strukturen vermittelt wurden, jedoch überleben. Sie haben unabhängig von institutionalisierter Religion einen Wert. Diese sollen und müssen mit dem Aussterben religiösweltanschaulicher Monokulturen, wie wir sie in einer bisher volkskirchlich geprägten Kirche vorgefunden haben, nicht ebenso verschwinden. Zu ihnen zählen sinnstiftende Rituale und das Befreiende und Tröstende religiöser Sprache (vgl. Prantl 2023, 5).
Einiges davon wird ganz verschwinden, anderes wird übernommen oder ergänzt werden. Es kommt, so Paul Michael Zulehner (ebd.), zu einer „Verbuntung“, die einer partiellen De-Säkularisierung gleichkommt. Es entsteht etwas Neues. Vielfalt und Buntheit nehmen im religiösen Bereich zu – zur Freude der einen, zum Verdruss der anderen.
Auch wenn es teilweise zu einer „Verbuntung“ kommt, wird das jedoch aufs Ganze gesehen nicht viel an der Tatsache ändern, dass die Säkularisierung voranschreitet. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die Kirche „moderner“ wird, zum Beispiel der Pflichtzölibat fällt oder Frauen in der Kirche nicht länger wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Kommt es zu solchen Veränderungen, mag es der einen oder anderen leichter fallen, in der Kirche zu bleiben, aber der große Run auf die Kirche wird ausbleiben.
Die Pastorin, die sich bemüht, einen ansprechenden Gottesdienst zu gestalten, wird damit mehr Menschen, als das sonst der Fall sein mag, anziehen. Es werden aber vorwiegend Menschen sein, die grundsätzlich noch etwas übrig haben für derlei Veranstaltungen. Aufs Ganz gesehen wird ihr Erfolg begrenzt bleiben, insofern sie kaum neue Kirchgänger gewinnen wird. Dass es sich so verhält, liegt indes nicht an ihr. Das zu wissen und zu beherzigen, kann sie erleichtern, sosehr sie das bedauert, frustriert und traurig macht.
Das Gleiche lässt sich auch von den Großeltern sagen, die darum bemüht sind, dass der Glaube in der Familie nicht verloren geht. Sie erzählen ihren Enkeln von Gott und lassen sie an ihrem religiösen Leben und ihrer spirituellen Praxis teilhaben. Sie versuchen ihnen ihren Glauben schmackhaft zu machen. Sie tun, was sie in ihrer kleinen Welt tun können und ihnen erlaubt ist. Aber die Welt um sie herum hat sich verändert. Das wirkt sich auch auf ihre kleine Welt, auf ihre Familie aus.
Großeltern dürfen nicht vergessen, dass ihre Enkel vielen anderen, manchmal auch stärkeren Einflüssen ausgesetzt sind, die sie und die Kirche nicht abwehren und nur begrenzt beeinflussen können. Die „Sache“ mit Gott beziehungsweise das Geschäft mit der Spiritualität wird zunehmend auf dem freien Markt angeboten. Kirche und das, was sie anzubieten hat, ist nur ein Angebot unter vielen. Das Copyright auf das, was Spiritualität meint, hat sie längst verloren (vgl. Loffeld 2024, 41).
Unter den anderen spirituellen Anbietern außerhalb des kirchlichen und christlichen Spektrums gibt es viele, die sich nicht hinter der Kirche verstecken müssen, ja die manchmal sogar ein Vorbild für sie sein können. Ich denke an viele caritative Organisationen oder Gruppen, die sich für die Menschenrechte und die Gleichberechtigung aller Menschen, Rassen und Geschlechter einsetzen. Sie sind ein Beispiel dafür, dass die Kirche nicht der einzige Player im Dienst der Leidenschaft Gottes für die Welt ist, sondern Gott auch andere in seinen Dienst nimmt (vgl. Zulehner 2025, 6).
Was den anderen außerkirchlichen spirituellen Anbietern – oft – fehlt, ist, so Heribert Prantl (2023, 5), das durchdringende, transzendente Prinzip, das die Kirchen das Göttliche nennen. Spiritualität kann man beim Yoga, Gemeinschaft kann man in der Amnesty-Gruppe erleben, doch den Raum, der Zeit und Ewigkeit verbindet und in dem man seine Seele spürt, können sie seiner Ansicht nach nicht ersetzen. Ob es sich tatsächlich so verhält, wage ich zu bezweifeln. Aber die Kirche, besser ein Gottesdienst, könnte ein Ort sein, wo die Sehnsucht nach einem solchen Raum, der Himmel und Erde verbindet, gestillt wird.
Die Kirche ist nur ein Anbieter unter vielen. Hinzu kommt: Das spirituelle Angebot wird nicht, wie das früher der Fall war, wie selbstverständlich mit in die Wiege gelegt. Den Großeltern wurden durch die christliche Sozialisation Gemeinde, Glaubenswelt und religiöse Rituale in einem Paket serviert (vgl. Bauer 2024, 14). Das hieß aber auch oft: „Friss oder stirb“. Die damit verbundenen Restriktionen kennen alle, auf die das noch zutraf. Der sonntägliche Gottesdienst war ein Muss, Sex vor der Ehe ein No-Go etc.
Jugendliche haben heute in vielen Bereichen ihres Lebens die Chance, manchmal aber auch die Qual der Wahl, sich für das „Richtige“ zu entscheiden. Diese Ausgangssituation unterscheidet sich oft von der ihrer Eltern und Großeltern. Das betrifft auch ihre Entscheidung, wie sie es mit Religion halten wollen. Diese ist mit einer größeren Freiheit und Autonomie verbunden.
Für die Großeltern war vieles selbstverständlich vorgegeben. Bei den Enkeln verhält es sich oft anders. Es liegt jetzt mehr an ihnen, wofür sie sich entscheiden oder auch nicht entscheiden (vgl. Striet 2025, 8). Das ist ein Plus gegenüber einer Zeit, in der die Weitergabe des Glaubens selbstverständlich ablief. Den Enkeln stehen dadurch mehr Möglichkeiten zur Verfügung, was ihr religiöses Leben betrifft, als dies in der Kindheit und Jugend ihrer Großeltern der Fall war.
Das sollten Großeltern mitbedenken und berücksichtigen, wenn sie bei ihrem Bemühen, zu verhindern, dass der Glaube in der Familie verloren geht, an ihre Grenzen stoßen. Auch sollten sie sich nichts vormachen, was die Zukunft der bisherigen Glaubenstradition in der Familie betrifft. Der Einfluss anderer Influencer, auch wo es um Spiritualität oder überhaupt um weltanschauliche Fragen geht, wird noch stärker werden. Ihre Möglichkeiten, auf den Glauben ihrer Enkel, ihre Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Glauben, Einfluss ausüben zu können, werden immer weniger.
Genau das aber bereitet vielen Großeltern Bauchschmerzen. Wer, wenn nicht sie, erzählt dann den Enkeln noch von Gott, wenn wegfällt, was früher selbstverständlich war? Von wem erfahren sie von diesem Angebot? Geht dieses nicht mit der Zeit einfach unter, wenn sie es nicht einbringen?
Ihre Enkel sind vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, aber solange sie kleine Kinder sind, sind sie nicht in der Lage, eine eigene Entscheidung zu treffen. Die eigene, freie Entscheidung war ihnen ja in der Vergangenheit mit der Kindertaufe „erspart“ geblieben. Sollen die Großeltern aber jetzt, wo sie sich selbst entscheiden können, was sie glauben oder nicht glauben, das Feld ganz den anderen Influencern überlassen und sich zurückhalten, um die Enkeln nicht einseitig zu beeinflussen? Oder sollen sie unbeeindruckt davon ihren Enkeln von Gott erzählen, solange und soweit das möglich ist?
Die Großeltern können entsprechend ihren Möglichkeiten weiterhin ihren Beitrag dazu leisten, dass der Glaube in ihrer Familie nicht verloren geht. Sind sie nicht länger darauf fixiert, dass ihre Nachkommen ihren Glauben übernehmen, können sie ihre Enkeln darin unterstützen, sich frei zu entscheiden, wie sie es mit dem Glauben halten wollen, wenn das überhaupt eine Option für sie ist.
Sie können ihren Enkeln zugleich Appetit machen auf die Vielfalt an spirituellen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Auch können sie sich darüber freuen, wenn es im spirituellen Bereich zu einer „Verbuntung“ kommt, bei der Altvertrautes kombiniert mit Neuem auftaucht. Das setzt voraus, dass sie ihren Enkeln die „Verbuntung“ nicht madig machen, weil diese angeblich nicht dem gleichwürdig sei, was sie als Ideal vor Augen haben.
Wenn Großeltern das bedenken und würdigen, können sie erkennen, dass nicht alles, was Glaube und Kirche betrifft, den Bach runtergeht. Auch dürfen sie sich, wenn sie offen dafür und fähig dazu sind, die Situation so einzuschätzen, zugestehen, dass es nicht an ihnen liegt, ob sich der gewünschte Erfolg ihrer Bemühungen, den Glauben in der Familie aufrechtzuerhalten, auch tatsächlich einstellt.
Sie können das weiterhin bedauern. Sie dürfen und müssen sich aber zugestehen, dass sie in ihren Kindern und Enkeln nicht eine Sehnsucht nach Gott wecken können, die vielleicht gar nicht da ist.
Das schließt aber nicht aus, dass ihre Kinder und Enkel irgendwann bei sich ein Interesse nach Spiritualität entdecken und ihnen ein Angebot auf dem Markt der spirituellen Möglichkeiten zusagt.
Entscheiden sich die Enkel für ein christliches oder kirchliches Angebot, können die Großeltern zur Verfügung stehen, sollten die Enkel Fragen haben, die mit der Kirche oder Gott zu tun haben.
Was heißt das für die Kinder, die Enkel, wenn die Kirche nur ein Player unter vielen anderen spirituellen und quasispirituellen Anbietern ist? Die Enkel, die an religiösen Angeboten interessiert sind, können auswählen, wofür sie sich entscheiden, wenn sie sich denn für einen Anbieter entscheiden. Viele entscheiden sich dafür, sich für nichts zu entscheiden. Entscheiden sie sich für einen spirituellen Anbieter, dann auf alle Fälle nicht für einen, mit dem man scheiße aussieht.
Mit dem Satz „Mit Kirche darf ich nicht scheiße aussehen“ bringen inzwischen nicht nur junge Menschen ihre Vorbehalte gegenüber der Kirche auf den Punkt. Man sieht scheiße aus mit Kirche. Denken wir an die sexualisierte Gewalt in der Kirche und deren Vertuschung durch die Verantwortlichen. Für immer mehr Menschen ist es ferner unerträglich, dass Frauen in der Kirche nach wie vor wie Personen zweiter Klasse behandelt werden. Auch stören sie sich zunehmend an einem klerikalen Verhalten, für das ein Oben und Unten typisch ist und das in einer hierarchisch strukturierten Organisationsform wie der Kirche anscheinend nicht auszumerzen ist.
Viele Kirchenmitglieder fragen sich, ob sie einer solchen „Organisation“ weiter angehören wollen oder ob es für sie nicht ehrlicher wäre, der Kirche den Rücken zuzukehren. Denn in ihr zu bleiben, ist für sie oft nicht nur peinlich, sondern bringt sie in Gewissensnot. Manche entscheiden sich, aus der Kirche auszutreten. Sie tun das oft schweren Herzens, weil sie damit ihre spirituelle Beheimatung verlieren, die ihnen trotz vorhandener Mängel und erlebter Enttäuschungen auch viel bedeutet hat. Für andere kommt der Austritt aus der Kirche einem Befreiungsschlag gleich. Dieser Schritt ist für sie notwendig geworden, um mit sich ins Reine zu kommen und ihren Glauben an Gott nicht zu verlieren. Ihr Glaube ist durch die Kirche so sehr verdunkelt worden, dass er erst durch eine Distanzierung von der Kirche wieder unverstellt, in seiner Reinheit von ihnen erfahren werden kann und so zu einer Bereicherung ihres Lebens beiträgt.
Andere entscheiden sich dafür, in der Kirche zu bleiben. Ihnen würde etwas fehlen, auf das sie bei allen Vorbehalten, die sie angesichts vieler Missstände gegenüber der Kirche haben, nicht verzichten möchten. Sie denken dabei an die vielen Erfahrungen und Begegnungen, die sie mit dieser Kirche verbinden. Dabei haben sie vor allem die Erfahrungen im Blick, die sie konkret vor Ort mit Kirche gemacht haben. Darunter gibt es zwar solche, auf die sie gut verzichten können. Aber es gibt auch viele schöne Erfahrungen, die sie nicht missen wollten.
Lassen sie diese Erfahrungen auf sich wirken, können sie Kirche nicht auf die schäbige Kirche reduzieren, als die sie heute in den Augen vieler erscheint. Sie unterschlagen dabei nicht, dass sie das auch ist. Aber Kirche lässt sich in ihren Augen nicht darauf reduzieren. Bei der Abwägung, was für und was gegen einen Austritt aus der Kirche spricht, kommen sie zu dem Schluss, in der Kirche zu bleiben, weil in ihren Augen das Positive überwiegt.
Kinder und Enkel haben oft nicht erlebt, was ihre Eltern oder Großeltern in ihrer Jugend als spirituell heimatstiftend in ihrer Gemeinde erlebt haben. Seien es schöne Erfahrungen als Ministranten, bei gemeinsamen Zeltlagern, in begeisternden Jugendgottesdiensten. Oder es gab den Kaplan, der es verstand, die Jugendlichen zu inspirieren. Die jungen Leute kennen auch nicht die Zeiten, auf die die Alten zurückschauen können, in denen Kirche „in“ war und eine Aufbruchsstimmung in der Kirche zu spüren war.
Die positive Habenseite, auf die ihre Eltern oder Großeltern bei allen auch vorhandenen Vorbehalten zurückgreifen können, ist bei ihnen nicht in derselben Weise vorhanden. Bei ihrer Entscheidung, ob sie Mitglied der Kirche werden oder – sind sie es bereits – in der Kirche bleiben oder doch lieber austreten sollten, schlägt die Waage in ihrem Fall daher schneller als bei den Älteren zur anderen Seite aus.
Die Entscheidung der jungen Leute gegen Kirche hängt auch damit zusammen, dass sie in der Kirche oft nicht den Raum vorfinden, in dem sie sich verstanden und wohl fühlen. Auch treffen sie dort nicht auf die Menschen, mit denen zusammen zu sein für sie interessant wäre und ihr Leben bereichern würde. Die Älteren treffen dagegen in der Kirche immer noch Leute, darunter Freunde und Bekannte, mit denen man in der Kirche alt geworden ist.
Aber auch die Älteren merken zunehmend, dass sie sich nicht länger in ihren Gemeinden wohlfühlen, die manchmal nur noch verwaltet werden und aus denen der lebenspendende, aufbauende und mutmachende Geist entschwunden zu sein scheint. Da fällt ihnen dann auch manchmal gar nicht so viel ein, mit dem sie ihre Kinder und Enkel für die Kirche begeistern könnten.
