Enkidu - Oliver Wiaczka - E-Book

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Oliver Wiaczka

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Beschreibung

Stell dir vor, du existierst nur, weil du die Hauptfigur einer Geschichte bist, die jemand über dich schreibt! Auch wenn du auf wundersame Weise real bist, du bleibst trotzdem das Ergebnis eines Geistes, der dich erfunden hat und der über dein Schicksal entscheidet! Diese Vorstellung hat in Enkidu ein Mann, dem alles genommen wurde und der nun dazu gezwungen ist, ein neuer Mensch zu werden. Er verliert seine alte Welt, in der seine Gesellschaft unter der Peitsche der Angst lebt und in der die sieben Todsünden zur gefeierten Präferenz des Erfolgs gehören. Ganz anders sieht er sein neues Leben, wo er als angesehenes Stammesmitglied unter Höhlenmenschen lebt, das ihm im Vergleich zu seinem früheren, geradezu paradiesisch erscheint. Sie zeigen ihm, wie man im Lebensstrom schwimmt, ohne im Leben zu ertrinken, und was ihn im Leben trägt. Aber trotz aller neuer Erfahrungen, bleiben ihm offene Fragen, die ihn quälen. Warum ist ihm das alles passiert und wer oder was ist er eigentlich? Um Antworten zu finden, zieht er in die Welt hinaus, wo er auch gleich Teil eines epischen Abenteuers wird. Als adoptierter Bruder des Größten Menschen, ein antiker Stadtkönig und werdender Gott, transzendiert er zu einem unsterblichen Helden, der am Ende, zusammen mit tausenden Soldaten, sehenden Auges in sein Schicksal marschiert und schließlich sieht, was er ist!

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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1 Woanders und alleine

 

Und jetzt war ich plötzlich hier!

 

Durch die dünne Haut meiner geschlossenen und zittrigen Augenlider schimmerte Licht rötlich hindurch und ich traute mich erst gar nicht sie zu öffnen. Als ich es dann aber tat, brannten meine Augen und tränten. Alles war so grell und ich sah erst nur verschwommene Schemen um mich herum, die sich dann aber schnell zu dem formten, was sie waren.

Klare und frische Luft strömte durch meine Lungen und eine unangenehme warme Flüssigkeit lief an meinen Beinen herunter.

„Das gibt es nicht!“, muss das Erste gewesen sein, das ich laut ausrief. Mir kam es so vor, als würde ich inmitten eines Albtraums erwachen, als ich sah, was ich unmöglich glauben konnte!

Gerade eben noch hatte ich mit meiner Frau in einem hübschen Café in Amsterdam gesessen, wir tranken Kaffee und unterhielten uns, als es plötzlich geschehen war!

„Das ist unmöglich!“, war bestimmt das Zweite, das ich rief, als ich mich vorsichtig umdrehte und gebannt umsah.

Dann erschrak ich, als ein ebenso erschrecktes Tier ganz in meiner Nähe hektisch und schrill zu quieken begann und eilig davonlief, weil es so unerwartet inmitten seines Reviers von mir überrascht worden war. „Ein Schwein?“, und ich fragte mich, wie dieses Tier bloß in das Café gekommen war.

Mein Verstand konnte noch nicht glauben, was er sah und errichtete im Inneren eine Barriere, die mich davor bewahren sollte gleich wahnsinnig zu werden. Doch dieses Geräusch, dieses Quieken, überwand sie und so vermischten sich für eine Sekunde lang meine Bilder der Erinnerung an das Café mit meiner Gegenwart, bis die Barriere schließlich schnell in sich zusammenfiel. Ich verstand jetzt, was ich sah!

„Wo bin ich?“, fragte sich mein überforderter Verstand. Um mich herum sah ich nur Bäume und Büsche und noch mehr Bäume und wieder Büsche und Bäume, dicht an dicht. „Wo bin ich?“, atmete ich die Frage leise aus und glaubte zu sehen, dass ich in einem Wald stand, mit einem Mal und ohne eine sinnvolle Erklärung hierfür, einfach so!

 

Kraftlos sank ich auf die Knie und grub meine sauberen Hände in den dreckigen Boden. Ich fühlte das modernde Laub und die feuchte Erde. Ich griff nach ihr, um sie zu fühlen, sie anzuschauen und sie zu riechen, so als wollte ich dadurch die Bestätigung erhalten, dass dies alles Wirklichkeit sei. Dann drückte ich sie mir in meinen Mund, so als wollte ich es schmecken und in mich aufnehmen, dass ich mich jetzt tatsächlich inmitten eines Waldes befand!

Und als ich die Bestätigung hierfür in mich aufgenommen hatte, spuckte ich sie angewidert aus, schrie verzweifelt und weinte lang und anhaltend. Ich bekam dabei nur schwer Luft und würgte heftig.

Ich sprach mir immer wieder zu, dass ich mich unbedingt zusammenreißen musste, bis ich mich dann endlich ein wenig gefangen hatte und ich trotz des Schreckens, der tief in mir saß, überlegen konnte, was ich tun musste. Orientierung war das erste, das mir einfiel und ich fragte mich erneut, wo ich hier war. Wieder auf meinen Beinen stehend, schaute ich mich um und suchte eine Richtung, an die ich mich halten konnte. Ich brauchte eine Richtung, die mir half zu verstehen, was mit mir geschehen war und die mich wieder zurück in das Café brachte, zurück zu meiner Frau und zurück zu meinem Leben.

 

Auf den ersten Blick sah ich bloß die zahllosen schmalen Bäume um mich herum und erst beim genaueren Hinsehen erkannte ich, dass ich mich auf einer Anhöhe befinden musste, denn hinter mir fiel das Gelände weitläufig ab. Vor mir verlief es ebenerdig und ich glaubte weiter hinten durch die Bäume und Sträucher aufragendes Gestein zu erkennen. Ich konnte nicht genau sehen, ob es ein großer Felsen oder eine Felswand war, dafür war die Sicht zu eingeschränkt und ich zu aufgeregt. Rechts von mir verdichtete sich der Wald, der dort leicht anstieg und dessen Boden durchmischt war von Laub, Gras, Geäst, Wurzeln und Büschen, wie überall um mich herum. Als ich aber zu meiner linken Seite schaute, brauchte ich eine kurze Zeit um zu verstehen, dass ich dort durch die Stämme der Bäume das Blau eines klaren Himmels sah. Mein Herz schlug schneller. War da etwa ein Abhang, eine Aussicht? Vielleicht konnte ich sehen, wo ich war, vielleicht konnte ich mir einen ersten Überblick verschaffen und dann sehen, wie es weiterginge!

Noch bevor ich loslief, dachte ich, dass ich hoffentlich Menschen entdecken würde, und wenn es doch bloß die Dächer einzelner Hütten oder aber vielleicht doch die ganzer Dörfer oder sogar die einer Stadt waren. Ich dachte auch, dass ich nicht unbedingt in einem Wald stehen musste, es könnte ebenso gut auch ein großer Park sein. Ich kannte die Dimensionen von dem, was mich umgab noch nicht und so lief ich der blauen Hoffnung entgegen.

Als ich den Rand des Abgrunds erreichte, konnte ich weit bis zum Horizont blicken, ich war weit höher als ich erwartet hatte. Die massive Felsplatte, auf der ich stand, ragte ein wenig wie eine breite Felszunge über den steil abfallenden Abgrund hinaus und ich stand endlich wieder unter freiem Himmel.

Doch als ich das ausgedehnte Land vor mir sah, war ich zutiefst erschüttert! Soweit ich schauen konnte war alles bewaldet, ich stand inmitten eines unendlichen Ozeans aus Bäumen.

Das Land vor mir war uneben und an manchen Stellen waren die Erhebungen zu niedrigen Bergen angewachsen. Es ging auf und ab und die Landschaft schien sich nach Osten hin mehr zu erheben als im Westen, so als wären die Kämme und die Hügel Ausläufer eines weit entfernten und hoch aufsteigenden Gebirges, das ich von hier aus noch nicht ausmachen konnte.

Die Sonne stand mir im tiefblauen und wolkenfreien Himmel hoch gegenüber und als der sommerliche seichte Wind mir durch mein Gesicht strich, spürte ich nach einer Weile, wie warm mir doch war.

Ich hatte einen Pullover an. Für die Jahreszeit war ich eigentlich entsprechend gekleidet gewesen, als ich mit meiner Frau zusammen war und es draußen auf der Straße angefangen hatte zu schneien. Wir fanden beide, dass der Winter in diesem Jahr früh kam. Nachdem ich den Pulli ausgezogen und abgelegt hatte und nur noch in meinem schwarzen T-Shirt dagestanden war, starrte ich eine Zeit lang leer vor mich hin, bis mich diese fremdartige Realität vollständig einnahm und paralysierte.

Erst war da das leise Rauschen des Windes, der über den Wald unter mir dahin wehte und die Kronen in Massen schwer wiegen ließ. Dann drang das Zwitschern hunderter Vögel zu mir hoch, vermischt von gelegentlichem Geheul, Geröhre oder Gebrüll von Tieren, die mich gewöhnlich nicht umgaben. Ich war überwältigt von allem, was mich umgab und dessen Teil ich nun zu sein schien!

Was ich sah, hörte, roch und fühlte, konnte ich nicht verleugnen, es war da und das Unbegreifliche ließ mich fragen, ob ich verrückt geworden war.

„Schatz? Maus?“, ich suchte verunsichert meine Frau, als ich mich drehte und sie nicht fand! Es blieb dabei, ich war hier, scheinbar weit weg von meinem Leben, zu einer anderen Tages- und auch zu einer anderen Jahreszeit!

 

Hatte man mir vielleicht über den Kaffee Drogen eingeflößt? Aber warum gerade in einem Café, das voller Gäste gewesen war? Hätte ich nicht bestimmt alle Aufmerksamkeit auf mich gezogen? Wie stark mussten die Drogen wohl gewesen sein, dass ich alles hier um mich herum so realistisch erlebte? Und wer wollte mir so etwas antun und warum? Mein Leben verlief bis eben eher friedlich und unauffällig und ich hatte keine Verstrickung mit düsteren Menschen, die dazu neigten sich mit drastischen Mitteln zu rächen oder durchzusetzen.

Diese Möglichkeit schloss ich daher aus und musste mich erneut fragen, ob ich tatsächlich verrückt geworden war. Halluzinierte ich? Lag ich in einem Koma oder war ich jetzt gerade am Sterben oder sogar bereits tot? Lachte oder weinte ich vielleicht gerade oder träumte einfach nur unentwegt, ohne es zu wissen, tief in mein Inneres gekehrt und ohne meine Außenwelt wahrzunehmen?

Ich stand hier schon eine ganze Weile und die Sonne hatte ihren Scheitel bereits deutlich überschritten. Weil ich glaubte einmal davon gehört zu haben, dass Menschen im Koma durchaus ihre Außenwelt eingeschränkt wahrnehmen können, schloss ich dies aus, denn ich nahm nichts anderes als diese Welt hier wahr. Auch ein Traum schien mir als Erklärung dafür, wo ich nun war, nicht annehmbar. Wäre es ein Traum gewesen, hätte ich spätestens dann die Kontrolle über ihn erlangt, wenn ich bloß daran gedacht hätte in einem Traum zu sein. Doch ich bekam keine Kontrolle über mein Hier und jetzt! Daher lehnte ich zunächst den Gedanken ab, nicht in der realen Außenwelt zu sein, obwohl ich wusste, dass es nicht abwegig war, doch ein Gefangener meines Inneren zu sein.

Befand ich mich also tatsächlich irgendwo anders in meiner realen Außenwelt und auf meinem Planeten? Möglichkeiten, die Entführungen durch Außerirdische oder Sprünge durch Raum und Zeit einbezogen, ließ ich aus, zumindest so lange, bis es sich als wahr herausstellen würde.

War ich also tatsächlich an einem anderen Ort auf meiner Erde? Ich grenzte meinen Ort zunächst damit ein, dass der Wald einem der gemäßigten Zonen entsprach und hier Sommer zu sein schien. Ich selbst lebte auch bis eben in einer grünen Klimazone, allerdings fing dort gerade der Winter an und es hatte eben schon angefangen zu schneien. Befand ich mich noch auf der Nordhälfte meiner Kugel oder war ich irgendwie auf die südliche gekommen?

Wäre ich noch in meinen heimischen Gefilden unterwegs gewesen, dann hätte ich wenigstens ein halbes Jahr geschlafen haben müssen, um jetzt so plötzlich im Sommer zu stehen. Dass aber konnte ich nicht glauben, dafür war meine physische Kraft viel zu gut erhalten. Daher glaubte ich, dass es die andere Seite sein musste, also Südamerika, Afrika, Australien oder Neuseeland. Weiter konnte ich meinen Ort nicht eingrenzen und es blieb alles so unbeschreiblich absurd!

Ständig wiederholten sich die Fragen, wie ich hierhin gekommen war, wer dafür verantwortlich sei und warum er es getan hatte. Dann kam mir der Gedanke, dass ich bei wachem Bewusstsein auch selbst hierhin gekommen sein könnte und erst hier einen Abschnitt meines Lebens vergessen hatte. Es fehlte ausgerechnet nur der Teil, der meinen Weg hierher erklärte. Ich fragte mich kurz, ob es wohl möglich war, bei einem Menschen gezielte Zeitlücken entstehen zu lassen?

 

Schließlich hing die Sonne nur noch dicht über dem Horizont und ihr Licht warf bereits lange Schatten. Ich machte mit mir aus, dass ich jetzt keine Antworten auf meine Fragen finden würde und wollte nur noch schlafen. Vielleicht würde ich ja wieder in unserem Bett zu Hause aufwachen und alles war doch nur ein Traum gewesen! Dann suchte ich am Waldrand des Felsvorsprungs zwischen Büschen und dünnen Bäumen einen Schlafplatz, wo ich auch gleich erschöpft im Gras einschlief.

 

Meine Träume waren wirr und erzählten davon, dass ich weit weg von allem war, was ich kannte und was zu mir gehörte. Ich war jetzt woanders und alleine!

2 Für alle Zeiten verloren

 

Leider war es kein Traum gewesen und ich wachte am nächsten Morgen wieder dort auf, wo ich eingeschlafen war. Ich brauchte lange, um mich wieder zu beruhigen. Ich schrie und stöhnte, weinte ohne Tränen, lachte wie ein Durchgedrehter und wusste nicht, wie ich meine Umwelt annehmen sollte. Alles war für mich so unerklärlich und ich kam mir so verloren vor.

Dann aber, bevor ich mich erneut in meiner Gedankenspirale nach dem Wie und warum verlieren konnte, verkrampften sich meine Waden und mein Herz begann zu rasen. Kopfschmerzen breiteten sich in mir aus und ich hatte das Gefühl, dass meine Zunge und mein Mund austrockneten. Mir war fürchterlich heiß.

Ich dehydrierte und musste schnell etwas trinken, ich brauchte Wasser! Beinahe hysterisch spähte ich von meinem Felsvorsprung aus auf den Wald hinunter und glaubte ein rettendes leises Rauschen zu hören. Meine Augen folgten dem Geräusch und fanden dann auch bald ein glitzerndes Flackern zwischen den unzähligen Ästen und Blättern. Ich sah Sonnenlicht, das sich in fließendem Wasser flackernd spiegelte und wusste, dass dort unten ein Bach floss. Aufgewühlt versuchte ich herauszufinden, welchen Weg ich nehmen musste. Die Schmerzen, die der Wassermangel in meinem Körper verursachte, trieben mich an, keine Zeit zu verlieren. Und so ging ich rasch zu meiner Schlafstätte zurück, griff meinen Pullover, der mir in der Nacht als Unterlage für meinen Kopf gedient hatte und lief den abfallenden Wald hinunter.

Ich lief und fiel immer wieder und lief weiter, während mein Schädel dröhnte und der ganze Körper schmerzte und krampfte, bis ich schließlich das erlösende Tosen des Baches ganz in meiner Nähe hörte und hastig weiter stolperte, bis ich ihn endlich auch sah!

Als ich die ersten Schlucke des kalten Wassers in mich aufgenommen hatte, dachte ich nur daran, wie gut das tat! Schon bald wurden die Schmerzen erträglich und alles in meinem Körper beruhigte sich wieder und ich fuhr herunter. Ich trank weiter und kühlte immer wieder meinen Kopf in dem kalten und rasch dahin strömenden Wasser, setzte mich an das Ufer ins Gras und genoss den Moment der Ruhe, den ich jetzt hatte, alles andere wollte ich ignorieren.

Mich umgaben hier unten Bäume, die wesentlich massiver waren als die auf der Anhöhe, von der ich gekommen war. Hier ragten sie mit breiten Stämmen vielleicht zwanzig oder dreißig Meter mächtig in die Höhe und trugen jeder ein ungeheures Kleid aus unzähligen Blättern, die leise im seichten Wind raschelten. Manchmal hörte ich auch das schwere Knacken alter Äste.

 

Wohin würde ich wohl kommen, wenn ich einfach dem Bach folgte? Bestimmt würde ich irgendwann Menschen begegnen, schließlich gab es doch Menschen überall! Vielleicht würde ich auf eine lange Straße stoßen, die sich einsam durch den Wald zog und der ich bloß folgen musste, bis ich einen Ort erreichte, in dem man mir helfen würde. Von dort aus wäre mein Weg nach Hause nicht mehr weit und unklar.

Da hatte aber bloß meine verzweifelte und naive Hoffnung in mir gesprochen! Ich widersprach ihr gleich, in dem ich sie fragte, wie groß dieser Wald wohl sei und wie lange ich unterwegs sein müsste, bis ich tatsächlich auf eine Straße stoßen würde. Wenn sie denn überhaupt existierte und sie vor mir lag! Ich hätte ebenso gut auch stückweise parallel zu ihr laufen können, ohne es zu merken. Ich glaubte nicht, dass alles so einfach verlaufen werde, wie ich es mir eben ausgemalt hatte und fragte mich, wie es nun weitergehen sollte. Was musste ich jetzt tun, um hier nicht zu sterben? In diesem Moment glaubte ich mich in einer Zwickmühle zu befinden. Einerseits konnte ich nicht einfach dem Bach folgen, denn ich wusste ja nicht einmal, wie ich hier Nahrung finden konnte. Andererseits konnte ich unmöglich bleiben und einfach nur darauf hoffen, dass man mich hier finden würde, wenn man mich denn überhaupt suchte.

Zunächst schien es richtig zu sein, in der Nähe vom Wasser zu bleiben, nach etwas Essbarem und nach einem sicheren Platz zu suchen, auch wenn ich noch nicht wusste, wovor man sich hier in Sicherheit bringen sollte.

Doch als ob der Wald mir hierauf sofort eine Antwort geben wollte, sprang nicht weit von mir aus dem Dickicht ein Reh heraus, um im nächsten Moment wieder zwischen den Bäumen zu verschwinden. Seiner panischen Flucht folgte auch gleich der Grund, als ein großer Wolf aus dem Dunkel des Waldes angelaufen kam. In der Hoffnung, er würde mich nicht bemerken, blieb ich still sitzen und betete zu allem Möglichen, er würde schnell weiterlaufen. Doch beten alleine hatte mir noch nie geholfen und so hatte ich es schon fast erwartet, als dieser gefährliche Koloss langsamer wurde, stehenblieb und mir den Kopf zuwandte! Als er zu mir herüberschaute, schnürte sich mir der Hals zu. Mir wurde heiß, als kochte ich aus meinem Inneren heraus. Schweiß lief mir am ganzen Körper herab. Ich fühlte wieder meine Hose nass werden und roch meinen eigenen Gestank.

Der Wolf reckte mir seine schwarze Schnauze entgegen, wobei er seine Lefzen leicht zurückzog und dabei ein wenig seine schrecklichen Zähne zum Vorschein brachte. Er wollte gerade einen ersten vorsichtigen Schritt in meine Richtung machen, als ein weiterer Wolf angelaufen kam, ohne mich jedoch zu bemerken und unbeirrt seiner Jagd folgte. Sofort ließ der Wolf von mir ab und lief eilig seinem Jagdgefährten hinterher.

 

Gerade als ich einen großen Schluck aus dem Bach nehmen wollte, um mich von dem Schrecken zu erholen, hörte ich in der Ferne die letzten verzweifelten Schreie des Rehs.

Die Schreie bewirkten endlich, dass ich mich mit einem Mal nicht weiter um die Zwickmühle kümmerte, in der ich mich gesehen hatte und lief einfach los ohne lange nachzudenken oder abzuwägen. Die Gewissheit, dass hier Wölfe jagten, reichte aus, um mich zu konditionellen Höchstleistungen anzuspornen.

Ich lief schnell die lange und mühsame Strecke zu meiner Anhöhe wieder hinauf. Je steiler sie anstieg, desto mehr benutzte ich meine Arme zum Fortkommen, bis ich schließlich wie ein flüchtendes Tier lief, auf allen Vieren hastend, Schutz suchend, ängstlich auf der Flucht. Endlich oben angekommen, rannte ich aufrecht dem Gestein entgegen, das ich bei meiner Ankunft durch das Gestrüpp gesehen hatte und sah nun, dass es ein großer Felsen war. Als ich das Gestein schließlich erreichte, klatschten meine Hände hart auf ihm auf. Nach Luft ringend stand ich nun oben, eine gefühlte Ewigkeit vom Bach entfernt, der nun weit unten war, und dachte nur, dass ich jetzt wieder großen Durst hatte.

 

Meine richtungsweisende Angst hatte mich hierhin getrieben und ich stand nun vor dem Felsen. Ich ging ein Stück zurück, um ihn in seiner Gesamtheit besser sehen zu können. Er war vielleicht fünfzig Meter breit und an seiner höchsten Stelle waren es vielleicht dreißig Meter. Das linke obere Viertel schien wie von gewaltigen Kräften herausgebrochen worden zu sein. Dort konnte ich eine Art Plattform erkennen, die ich mir genauer ansehen wollte. So lief ich um den Felsen herum und suchte einen einfachen Weg, um möglichst schnell hoch zu steigen. Das Gelände um diesen Brocken war überwiegend mit Gras bewachsen und meist frei von Bäumen. Es dauerte nicht lang, bis ich eine passende Stelle gefunden hatte und schnell hochkletterte bis ich schließlich auf der flachen horizontalen Ebene stand, die jeden Baum um sich herum überragte.

Meine Hoffnung brachte sich wieder ein und ich dachte, dass ich hier oben sicher sein könnte. Doch meine Skepsis ließ mich noch zweimal rund um mein Plateau herum jede noch so geringe Möglichkeit des Eindringens wilder Tiere inspizieren. Aber tatsächlich schien die Hoffnung diesmal Recht gehabt zu haben. Ich war zufrieden, als ich feststellte, dass es für mich keine große Herausforderung gewesen war, mit meinen Händen und Füßen hier herauf zu klettern. Für einen Vierbeiner war das aber unmöglich und ich schien für das Erste sicher zu sein!

Wie eine Terrasse lag mein sicherer Ort ausgebreitet vor mir. Er war übersät mit Kuhlen, Furchen und scharfkantigen Unebenheiten, aber auch mit verschiedenen größeren flachen Stellen, auf die ich mich setzen konnte, ohne mich dabei zu verletzen. Die Kuhlen waren unterschiedlich breit und tief und würden mir als Wasserreservoir dienen können. In den größeren von ihnen befanden sich noch Überreste von Regenwasser, das allmählich unter der Sonne verdunstete. Die Wand, an der diese Ebene endete, ragte ungleichmäßig senkrecht hoch und wölbte sich an manchen Stellen nach außen und an anderen nach innen.

Mein Puls stieg schnell an, als ich langsam auf sie zuging und dort eine große Mulde sah. Würde ich in sie hineinpassen und konnte ich darin sogar die Nacht verbringen?

Tatsächlich war sie groß genug, so dass ich in ihr sitzen und ausgestreckt liegen konnte und dabei noch genug Platz hatte, mich im Schlaf zu drehen, ohne mich zu stoßen. Als ich mich darüber freute, dass ich eine kleine Höhle entdeckt hatte, bemerkte ich erst nicht, wie sehr sich mit dem Ausdruck der Freude hierüber, mein Bedarf und meine Ansprüche insgesamt reduziert hatten. Doch dann schien mir die Freude unpassend zu sein und ich wurde wütend darüber, dass ich keinen Weg sah, der mich zurück nach Hause brachte. Die Wut aber zeigte mir wiederum nur meine Hilflosigkeit auf und so bekam ich schließlich Angst, als ich dachte, ich wäre für alle Zeiten verloren.

3 Das unheimliche Wesen

 

Als ich neugierig auch den restlichen Felsen erklommen hatte und jetzt auf seiner höchsten Stelle stand, hatte ich zwar nicht erwartet, das zu sehen, was ich gehofft hatte, dennoch war ich enttäuscht zu sehen, was ich nicht sehen wollte. Doch die Enttäuschung übermannte mich diesmal nicht, denn ich wusste, dass ich damit anfangen musste, das alles hier hinzunehmen!

Ein lauer Wind strich mir über mein Gesicht und ich nahm noch einmal ganz intensiv wahr, dass sich alles so echt anfühlte. Nicht nur der seichte Abendwind, der ein wenig Abkühlung brachte, die an Kraft abnehmende Sonne, die schon bald hinter dem Horizont verschwunden sein würde oder der Duft des Waldes und alle seine Geräusche, sondern auch die Schmerzen, die mich in meinem Geist und in meinem Körper quälten, ließen mich spüren, dass ich lebte. Ich fühlte es ganz deutlich und sprach mir immer wieder zu, dass ich es hier nur herausschaffen konnte, wenn ich die Dinge um mich herum weder ablehnte, noch mich ihnen ergab. Das Gefühl nicht aufzugeben, gab mir die Kraft unbedingt einen Weg zu finden, um bald wieder daheim zu sein.

Aber wie? Von hier oben aus konnte ich in alle Richtungen schauen und sah dabei nichts anderes als das, was ich bereits gestern am Abgrund gesehen hatte!

Wie sollte ich den richtigen Weg finden? Sollte ich doch einfach dem Bach folgen, ohne zu wissen, wo ich mich befand und wohin er mich führte? Es war ebenso gut möglich, dass er mich nicht heraus, sondern bloß noch tiefer in den Wald hineinzog, um vielleicht mitten drin einfach zu versiegen und mich dort meinem Schicksal zu überlassen. Und wenn ich Wölfen, Raubkatzen, Wildschweinen oder Bären begegnen würde, so war ich mir sicher, dass ich einen schrecklichen Tod erleiden würde.

Als der Abend hereingebrochen war, saß ich in meiner kleinen Höhle, als mich plötzlich ein Geistesblitz durchfuhr, worauf ich aufgeregt und umständlich in meiner Hosentasche herumkramte und etwas Bestimmtes suchte, an das ich bis jetzt vor lauter Aufregung nicht gedacht hatte. Ich hatte ein Feuerzeug bei mir! Als ich es dann in meiner Hand hielt, wurde mir aber klar, dass ich heute Nacht im Dunklen sitzen bleiben musste. So vertrieb ich mir die Zeit damit, zu überlegen, was ich für ein Feuer so alles brauchen würde, damit es nicht gleich wieder ausging.

 

Ich sah auf die große Plattform und mir kam es so vor, als würde der Mond nur meinen Felsen beleuchten, wie ein Scheinwerfer hoch oben aus dem Nachthimmel. Alles außerhalb des Lichtkegels lag in tiefem Schwarz.

Irgendwann wurde es mir zu eng und ich konnte aus Sorge, dass irgendeine Gefahr doch einen Weg hier herauffinden könnte, nicht einschlafen und setzte mich raus. Ich lehnte an der Wand gleich neben meiner Höhle, um in den Wald zu lauschen. Dabei hörte ich immer wieder das hektische Rascheln von Blättern am Boden, das wahrscheinlich von Mäusen, Ratten, Mader, Katzen, Wieseln, Hasen oder anderen Kleintieren verursacht wurde. Manchmal hörte ich die Tritte von größeren Vierbeinern, vielleicht Rehen oder Schweinen, von denen es einige offensichtlich eilig hatten.

Ich blickte lange wie ein Blinder in die Dunkelheit, bis ich plötzlich heftig erschrak und mir das Herz beinahe stehengeblieben wäre!

Meine kleine Höhle lag etwa drei Meter vom Rand entfernt, der dort steil abfiel. Aus dieser Richtung hörte ich plötzlich Schritte, die erst in leichtem Lauf durch den Wald dem Gestein näherkamen, dann langsamer wurden, bis sie gleich unten am Felsen neben mir stehen blieben. Das Besondere an diesen Schritten war, dass ich glaubte, nicht die Tritte eines Tieres auf vier Beinen zu hören, sondern die eines Wesens auf zweien. War dort ein Mensch?

Ich erstarrte und wusste nicht, ob ich mich freuen durfte oder Angst haben musste.

Erst schien es zu lauschen bis es schließlich ein lautes Schnaufen und Grunzen von sich gab. Es hatte mich gewittert wie ein Tier und ich dachte daran, dass ich fürchterlich stinken musste, ich trug schließlich ein unangenehmes Gemisch aus Schweiß, Urin und Sonstigem an mir.

Sollte ich mich zeigen und rufen? Oder sollte ich doch lieber ganz still bleiben? Wenn das dort tatsächlich ein Mensch war, dann musste ich mich fragen, wer hier in der Nacht, in der die Raubtiere unterwegs waren, so leichtfertig allein herumlief? Ich hatte Angst und so blieb ich still.

Dann entfernten sich die Schritte wieder leise in den Wald zurück und ich atmete auf, als das fremde Wesen wieder verschwunden war. Schnell kroch ich in meine Höhle zurück, als würde sie mich beschützen können, sollte es wiederkommen, um mich zu holen.

An Schlaf war jetzt erstmal nicht zu denken und so trudelte ich noch lange durch meine Gedanken und Gefühle hindurch, die immer wieder meinen Verstand peinigten, weil er nach wie vor nicht verstehen konnte, was geschehen war.

Wenn das eben ein Mensch gewesen war, dann würde er doch sicherlich nicht alleine hier leben! Vielleicht würden mir diese Menschen helfen? Oder war er doch nur einer? Einer, der wie ich einfach so hier erschienen war und herausfinden wollte, wer dort oben auf dem Felsen saß? Aber wäre ich er, hätte ich bis zum Tag gewartet. Denn selbst abgesehen davon, dass die Möglichkeit sehr hoch war, von Tieren angegriffen zu werden, wäre ich zudem in der Nacht blind im Wald gewesen und hätte mich verlaufen! Der Mensch eben war aber zielstrebig zu mir hin und von mir weggelaufen und hatte mich gewittert. So war niemand den ich bisher kannte und wog daher die Wahrscheinlichkeit ab, wie groß sie sein konnte, in einem Wald mit solchen Ausmaßen genau hier auf den Einen

zu stoßen.

Wesentlich wahrscheinlicher war hingegen die Annahme, dass hier viele Menschen lebten. Waren sie vielleicht Menschen, für die der Wald ihr zu Hause war, also Eingeborene? Lebte hier in der Nähe ein Stamm? Stämme hatten unter guten Umständen oft weitere Stämme um sich herum. Waren sie also vielleicht sogar über den ganzen Wald verteilt? Dass jedenfalls konnte ein Grund dafür sein, dass ich entdeckt worden war. Die Möglichkeit, dass sie eingeborene Waldmenschen waren, konnte ich nicht von mir weisen!

Aber waren sie mir gefährlich?

Auch wenn ich jetzt keine Antwort darauf fand, konnte ich mich doch wenigstens von dem ganzen Schmerz ablenken, den ich immer hatte, wenn ich an alle die von mir so innig vermissten Menschen dachte, deren Nähe mir hier in meinem dunklen Loch so sehr fehlte.

4 Robinson Crusoe

 

Gleich am nächsten Morgen versuchte ich meine ganze Wäsche unten im Bach zu waschen. Ich tunkte sie immer wieder in das kalte Wasser ein und hoffte, dass die Sachen aufhören mögen so abscheulich zu stinken.

Mein eigener Geruch nervte mich so sehr, dass ich hinuntergelaufen war, ohne die Gefahren zu beachten, die hier überall lauern konnten. Doch gerade als ich dabei war fest zu schrubben, hörte ich durch die zahlreichen Bäume hindurch ein entferntes wildes Fauchen. Aufgeschreckt zog ich mir die Schuhe an, griff meine Sachen und lief so schnell ich konnte,

zurück zu meiner Anhöhe hinauf. Erst oben vor dem Felsen zog ich meine nassen Hosen und das T-Shirt wieder an, um so meine Hände freizuhaben und besser hochklettern zu können. Später musste ich feststellen, dass meine Klamotten jetzt schlimmer rochen als vor dem Waschgang.

 

Noch am selben Tag trug ich Äste, Steine und Laub unten am Felsen zusammen, um alles nach und nach hoch an meine Höhle zu schaffen. Solange ich mein Feuerzeug hatte, trug ich von nun an jeden Tag aufs neue Brennmaterialien hinauf und lernte im Laufe der kommenden Zeit, mit dem kleinen Lagerfeuer vor meinem kleinen Loch in der Wand, in dem ich zu wohnen lernte, umzugehen.

In den nächsten Tagen war ich ständig damit beschäftigt Essbares zu finden, das ich bloß zu pflücken brauchte, jagen konnte ich nicht. Und so graste ich in der Umgebung des Felsens die Gebüsche ab, um Beeren zu essen, die mir wenigstens bekannt vorkamen und lernte schnell, welche die falschen und welche die richtigen waren.

Daher kam auch schon bald der Tag, an dem mein spärlich gefüllter Darm sich wässrig entleeren wollte. Ich dachte noch, wie wenig ich mir vorstellen konnte, dabei nicht auf einer Toilette zu sitzen, gemütlich mit einer Zeitschrift oder einem Handy in der Hand, in einem separierten Raum. Aber hier gab es keine Toiletten. Wo sollte ich bloß hinmachen?

Ich hatte keinen abgeriegelten Raum, der es möglichen Feinden schwermachte, mich in diesem schutzlosen Moment hinterhältig anzugreifen! Sich einfach im Wald zu entledigen war zu gefährlich, weil der Vorgang an sich mich daran hindern würde, sofort zu reagieren und auf meinen Felsen zu flüchten, sollte etwas auf mich zugelaufen kommen. Allein die kurze Zeit, die ich brauchen würde, mir meine Hosen wieder hoch- oder auszuziehen um laufen zu können, hätte entscheidend für mich sein können. So beschloss ich, die Abfälle auf meiner sicheren Plattform loszuwerden. Angewidert schob ich dort oben am Rand meine stinkenden Hosen unter die Knie, streckte hockend meinen Hintern heraus und ließ es fließen.

 

Nach nur wenigen unbequemen Nächten, denen immer ein schmerzhafter Rücken folgte, hatte ich meinen Schlafplatz komfortabler ausgestattet, indem ich ihn mit jeder Menge Laub und Erde ausgelegt hatte, um so die ungemütlichen Unebenheiten auszugleichen. Selbst für meinen Pullover hatte ich eine grandiose Verwendung gefunden, als ich ihn mit Laub vollgestopft und die Öffnungen zu knotet hatte. Ich hatte jetzt ein Kopfkissen, über das ich mich so sehr freute, dass mich meine möglichen Beobachter wahrscheinlich für durchgedreht hielten, weil ich anfangs immer wieder übertrieben laut und zufrieden stöhnte, wenn ich meinen Kopf darauflegte. In Wirklichkeit aber war ich einfach nur ungemein stolz auf mich, weil ich mir etwas Nützliches geschaffen hatte, das mein Leben verbesserte.

Als ich mich oben ein wenig eingerichtet hatte, versuchte ich schon bald Steine, die ich überall um den Felsen herum fand, so zu schlagen, dass ich aus einem abgebrochenen Stück vielleicht eine scharfe Kante oder gar eine Klinge gewinnen konnte.

Mir war die Idee gekommen, dass ich mir mithilfe scharfer Steinkanten einen Speer schleifen könnte, ich hatte genug geeignete Äste in der Umgebung am Boden herumliegen gesehen. So saß ich auch gleich unten am Felsen mit zwei handgroßen Steinen in meinen Händen und schlug sie aufeinander. Nach einigen Versuchen einen Schlag so auszuführen, dass ein größeres Stück abbrach und eine scharfe Kante freigab, gelang es mir auch schon bald. Aber ich hatte dabei nicht bedacht, dass mich Splitter in meinem Gesicht treffen könnten. Einer der Splitter traf mich direkt neben meinem Auge und verursachte neben dem Schmerz auch einen großen Schrecken in mir.

Ich durfte mich hier nicht verletzen! Nicht auszudenken, wenn der Splitter mich in meinem Auge getroffen hätte! Aber auch schon jede andere kleinste Verletzung konnte zu einer Infektion führen, die mich dahinraffen würde. Von schweren Verletzungen, wie einen Beinbruch, ganz abgesehen, ich wäre dem hungrigen Wald ausgeliefert gewesen und würde einen langsamen Tod erleiden müssen. Bis zum Abend hatte ich mich wieder beruhigt, saß an meinem Feuer und begann mir einen Speer mit einem Stein zu schleifen. Nach zwei Abenden war er fertig.

 

An einem der darauffolgenden Tage regnete es vom Morgen bis zum Abend. Zu Beginn des Regens nutzte ich die Gelegenheit mich nackt zu duschen und mich Best möglich von meinem Dreck zu befreien. Doch als der Regen kein Ende fand und immer stärker zu werden schien, verkroch ich mich für den Rest des Tages in meinem Felsen.

Zu meinem Glück war meine Mulde nicht ebenerdig, sondern lag einen knappen halben Meter über dem Boden, so dass sie nicht überspült wurde, als das Wasser in Strömen über die Terrasse floss, um an den Rändern herabzustürzen.

Einen Teil meiner Äste und meines Laubes hatte ich eilig in der Höhle nach außen hin so angehäuft, dass ich beinahe eine Wand nach außen schuf, die mich vor schräg einfallender Nässe schützte. Doch der eigentliche Sinn lag darin, das meiste Brennmaterial trocken zu halten, damit ich hoffentlich in der Nacht mein Feuer entzünden konnte.

Den Rest des Tages lag ich nur da und dachte einmal, dass ich mir wünschte, ich wäre jetzt an Robinson Crusoes Stelle!

 

Er war als Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel in der Karibik in einem Paradies gestrandet und hatte eine ganze Schiffsladung Vorräte bei sich gehabt, die vor der Küste lagen. Bei mir hingegen war die Verwaltung übersichtlicher. Ich hatte nichts außer meinem Feuerzeug, das bald aufgebraucht sein würde, meinen wenigen Klamotten, die immer mehr Löcher und Risse aufwiesen, und meinen Schuhen, die hoffentlich noch lange halten würden. Robinson hatte wirklich alles, womit man gut und bequem überleben konnte, so zum Beispiel verschiedene Werkzeuge, wachsendes Obst und Gemüse in Hülle und Fülle, zahlreiche Fischbestände, in die er nur sein Netz zu werfen brauchte, und umherlaufende Säugetiere, die er ganz leicht mit seinem Gewehr erlegen konnte. Sogar für Milch und Käse war gesorgt. Ich dagegen kam nicht über meine Beeren und Würmer hinaus, denn ich konnte nicht jagen und wusste nicht, wo ich hier war. Erst gestern hatte mich mein schmerzhafter Hunger dazu gebracht auch unter dem alten Laub am Boden nachzuschauen und fand dort fette Würmer, Proteinbomben, die mich auf den Beinen halten sollten. Die ersten waren noch ekelhaft und ich hatte mich angewidert überwinden müssen, mir einen in den Mund zu legen, um ihn zu zerbeißen und die gallertartige Masse, die aus seinem Körper quoll, schnell herunterzuschlucken, ohne zu würgen und mich zu übergeben. Doch von Wurm zu Wurm fiel es mir immer leichter, denn ich entdeckte von Mal zu Mal ihren besonderen und leicht süßlichen Eigengeschmack, an den ich mich gewöhnen konnte. Aber konnte ich auch davon leben, würden allein Beeren und Würmer dazu ausreichen? Ich glaubte es nicht und dachte, dass ich lernen musste zu jagen, einen Speer hatte ich ja schon. Doch wie und was sollte ich jagen? Kleine Tiere waren zu flink für mich, größere Tiere zu schnell und ausdauernd. Ich brauchte jetzt nicht zu versuchen einen Hasen zu fangen oder einem Reh hinterherzulaufen. Meine Lage schien aussichtslos, bis ich mich daran erinnerte, dass auch Robinson erst lernen musste, wie er sein Paradies nutzen konnte. Er wusste, dass er niemals aufhören durfte etwas zu tun, dass er sich beschäftigen musste und niemals den Glauben daran verlieren durfte, eines Tages gefunden zu werden, was dann auch nach unglaublichen sieben- oder achtundzwanzig Jahren geschah! Was das Zeitliche betraf, war ich vielleicht besser dran als er, denn ich durfte hier nicht darauf warten abgeholt zu werden, ich musste selbst einen Weg finden, und der würde hoffentlich nicht so viele Jahre brauchen, wie bei ihm.

Immer wieder dachte ich daran, was wohl wäre, wenn ich Jahre brauchen würde, um zurückzukehren. Je länger ich brauchen würde, desto mehr würde meine Frau annehmen ich sei tot! Und je mehr sie das glaubte, desto mehr würde sie sich von mir entfernen. Sie würde ihr Leben neu ausrichten und ich würde für sie von einer zunächst ständig präsenten Erinnerung, zu einem Teil ihrer Vergangenheit verblassen. Auch wenn sie die Vergangenheit in ihrem Herzen hielte, so wäre sie dennoch vergangen und so wäre ich bei ihr vergangen! Damit ich nicht verging, musste ich mich beeilen!

Auch hier war Robinson Crusoe bessergestellt als ich, denn die menschlichen Veränderungen, die die Zeit und Erfahrung einem zufügen, schienen in seiner Geschichte eher zweitrangig, dafür war er in seiner alten Welt scheinbar zu unabhängig gewesen.

Zuletzt kam ich zu dem Ergebnis, dass ich meinen Weg erst gehen konnte, wenn ich gelernt hatte hier zu überleben, ansonsten würde ich niemals ankommen.

Als der Regen am frühen Abend endlich sein Ende gefunden hatte, schob ich das Geäst heraus, um zu sehen, wie es nach dem großen Regen draußen aussah. Auf meinem Plateau hatte der Regen kleine ruhende Seen und plätschernde Bäche hinterlassen und ich hörte überall Wasser den Felsen herabfließen. Der Boden um das Gestein herum war schlammig und mit zahlreichen großen und kleinen Pfützen überzogen. Dennoch stieg ich vorsichtig hinunter, um vor der Nacht noch ein paar Beeren von den Ästen und reichlich Würmer aus dem matschigen Boden zu pflücken.

Am Feuer dachte ich immer wieder darüber nach, dass Robinson sich gesagt hatte, dass er sich immer mit etwas beschäftigen sollte. Dabei war es nicht wichtig, ob es einem Zweck diente oder sinnvoll war.

So begann ich am nächsten Tag damit, unten an dem Felsen eine Art Unterstand für meine Brennmaterialien zu errichten, sodass sie bei weiterem Regen möglichst trocken lagerten. Dazu stellte ich zuerst einen Holzrahmen aus herumliegenden größeren Ästen her, die ähnlich groß waren, indem ich ihre Ecken mit elastischem Pflanzenmaterial aneinander befestigte, das in Form dünner Äste in allen Gebüschen wuchs. Innerhalb des Rahmens verflechtete ich so viele schmale Äste und große Blätter, bis ich mir sicher war, dass das Dach kaum mehr Regen einlassen würde. Abschließend stützte ich das Gestell schräg gegen den Felsen und verkantete es mit dem Boden. Nach vier Tagen, die ich gebraucht hatte, den Regenschutz zu errichten, konnte ich nun Vorräte an Holz und Laub für gut zwei Abende weitgehend trocken lagern. Auch wenn der Stand das Material nicht vor starkem Regen schützen konnte, so schützte er es wenigstens vor dem immer wieder kehrenden leichten Regen.

Am selben Abend dachte ich am Feuer noch darüber nach, was ich als Nächstes herstellen könnte. Es sollte etwas sein, das mir half voranzukommen oder die Zeit an diesem Ort sicherer zu verbringen, die das Schicksal für mich vorbestimmt hatte. Sollte ich vielleicht ein kleines Gebiet vor dem Felsen mit Ästen und Gestrüpp so abgrenzen, dass ich mir ein kleines sicheres Terrain schaffen konnte? Sollte ich mich einzäunen und damit mein Handeln darauf auslegen, länger hier zu bleiben, denn anders machte ein Zaun keinen Sinn! Würde es dabei bleiben oder würde ich mich schon bald von dem Gedanken verführen lassen, mehr Platz für mich zu beanspruchen, bis ich schließlich den ganzen Felsen abgrenzen wollte? Aber auch der Aufwand für einen solchen Grenzwall musste abgewogen werden und so stellte ich mir vor, wie ich mühselig Äste herbeischaffte, die wenigstens zwei Meter lang sein mussten. Die meisten von ihnen mussten erst aus dem Unterholz herausgerissen oder geschlagen werden, weil sie nach langem Herumliegen immer stärker mit ihm zusammengewachsen waren. Das Unterholz bettete alles herum Liegende erst ein, um es dann langsam zu umwuchern und es schließlich zu seinem Bestandteil zu machen. Die meisten großen Äste waren von Ranken umschlungen und wurden festgehalten, während bei anderen der Prozess bereits fortgeschritten war, indem sie von Moosen und Pilzen überzogen wurden, um später in den Prozess der Fäulnis einzutreten und zu zerfallen, sich aufzulösen und in das Gesamte um sie herum einzugehen.

Ich würde viel Energie aufbringen müssen, mehr als ich zurzeit durch meine spärliche Nahrung aufnehmen konnte! Auch die Zeit, die ich brauchen würde, die Äste mit geschlagenen Steinen zu bearbeiten, bis hin zum Versenken, in mit meinen Händen gegrabenen Löchern im Boden, schien mir bei all dem Aufwand verschwendet. Ich wollte mich schließlich hier nicht häuslich einrichten! Ich lehnte also den Zaun als Projekt ab. Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, beschloss ich, mich voranzubringen und nicht an diesen Ort zu binden. Der Bau eines Zauns würde meine Zeit alleine schon deshalb bloß vergeuden, weil ich mich auf meinem Felsen ja bereits in Sicherheit befand. Dabei wunderte ich mich über mich selbst, als ich erkannte, dass ich mich gedanklich fehlgeleitet hatte! So etwas sollte ich mir aber nicht erlauben, denn jeder falsche Schritt könnte hart bestraft werden und die Geschichte meines Erschaffers früh beenden!

Da fiel mir wieder Robinson Crusoe ein, der Äxte, Nägel, Hämmer, Spaten und Sägen bei sich hatte und sich damit schnell ein nettes Domizil mit Meerblick auf einem hoch gelegenen Felsen einrichten konnte. Im Außenbereich errichtete er Palisaden um seinen Felsen, die ihm das Gefühl von Schutz geben sollten, denn natürliche Gefahren gab es auf seiner Insel die meiste Zeit nicht. Im Innenbereich schuf er für seine Wohnung sogar Möbel, die alles erst so richtig behaglich werden ließen.

Warum war es ihm so viel besser gegangen, als mir? Wollte sein Erschaffer deshalb nicht zu hart mit seiner Figur umgehen, weil er ihm die Möglichkeit geben wollte, erst ein Geläuterter zu werden, einer, der die Sünden seines alten Lebens bereute und wenigstens eine Zeit lang auf seiner Insel Gott annahm und ihn sogar um Hilfe bat, um dann aber nach seiner Rettung zu erkennen, dass sein Gott ein falscher Gott war? Oder wollte er ihm deshalb so vieles mit auf die Insel geben, damit ausreichend Zeit blieb, den Willen zum Überleben auszudrücken, indem der Gestrandete sich ständig mit etwas beschäftigen sollte und nie aufgeben durfte?

Ich hoffte, nicht auch bloß eine erschaffene Figur zu sein, über die ein anderer entschied, der wie ein Gott mit mir machen konnte, was immer ihm so einfiel und schicksalhaft meinen Weg bestimmte. Jede meiner Handlungen und jeder meiner Gedanken, wären dann nie meine gewesen, sondern die eines anderen. Ich wäre dann schon immer nichts als ein Abbild der Gedanken meines Schöpfers gewesen, der es offensichtlich bis hierhin nicht gut mit mir meinte!

 

Es lag für mich auf der Hand, dass ich schnell lernen musste, Tiere zu erlegen. Als einzige Möglichkeit dieses jetzt zu bewerkstelligen, fiel mir nur das Errichten einer Falle ein. Man konnte eine Falle auf verschiedene Arten bauen, wobei mir zuerst welche mit Schlingen und Käfigen einfielen, die in verschiedenen Variationen gut getarnt im Ungewissen lagen und auf ihre Opfer warteten. Doch auch wenn ich solche Fallen immer wieder in Dokumentationen gesehen hatte, hatte ich mir niemals versucht zu merken, wie man sie baute. Es hatte bisher nie einen Grund dafür gegeben, denn ich hatte bisher in dem Schutz meiner Stadt gelebt. Ich beschloss am Waldrand einfach ein Loch zu graben und dachte gleich wieder an Robinsons Spaten, den ich nicht hatte. Gleich nach dem Frühstück am nächsten Morgen, fing ich mit den Vorbereitungen an und suchte zuerst einen passenden Stein, den ich als Schaufelblatt benutzen konnte. Nachdem ich ihn endlich gefunden hatte, suchte ich einen möglicherweise geeigneten Platz und begann zu graben. Das Loch sollte eine Armlänge tief wie breit sein und am Boden mit aufragenden Spießen bestückt werden. Die Spieße schnitzte ich abends am Feuer und nach drei Tagen hatte ich die Falle fertiggestellt. Zuletzt bedeckte ich sie mit Ästen und Zweigen und fügte hoffnungsvoll noch eine Handvoll Beeren als Lockmittel hinzu.

 

In den folgenden Tagen entwickelte sich ein geregelter Tagesablauf, der darin bestand, dass ich mir nach dem Aufstehen Nahrung im umliegenden Wald suchte, dabei Äste sammelte und anschließend Zeit mit dem vorsichtigen Erkunden meiner Umgebung verbrachte, in die ich mit jedem Tag immer ein wenig tiefer eindrang, um zu lernen mich zu orientieren.

Zur Mittagszeit versuchte ich, mit dem Speer im umliegenden Wald Kleintiere zu erbeuten. So erfolglos meine Jagd zunächst auch blieb, so sah ich aber, dass ich dank meiner täglichen Übungen der Beute immer ein kleines Stück näherkam.

Am frühen Nachmittag kehrte ich regelmäßig zurück, um weiter nach Beeren, Nüssen, Würmern und anderen essbaren Insekten zu suchen, um dann nach meiner Falle zu schauen. Es hatte drei Tage gedauert, bis ich ein qualvoll verendendes Tier darin vorfand.

---ENDE DER LESEPROBE---