Enko und seine Freunde - Christine Grosse - E-Book

Enko und seine Freunde E-Book

Christine Grosse

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Beschreibung

Der junge Hund Enko ist gerade erst bei seiner neuen Familie eingezogen. Doch schon bald langweilt er sich. Er will mehr erleben. Als der Nachbarsjunge Max im Haus nebenan einzieht, ändert sich Enkos Leben schlagartig. Der gemütliche Alltag bei Familie Siebenschuh wird zu einer spannenden Achterbahnfahrt. Bei seinen aufregenden Entdeckungsreisen findet der mutige Hund nicht nur neue Freunde, sondern kann Katastrophen oft nur knapp entrinnen. Doch er wäre nicht Enko, wenn er nicht schon einen neuen Plan hätte. Christine Grosse zeigt die Welt aus Enkos Hundeaugen. Mit spritzig-frechen Wortmeldungen bringt die Autorin zum Schmunzeln und beschreibt die eindrucksvolle Suche eines jungen Hundes nach den ganz großen Abenteuern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum 2

1. Mein neues Leben 3

2. Freitag, der 13. 11

3. Freunde braucht der Hund 18

4. Ein böser Tag 24

5. Der Tierparkbesuch 32

6. Max, der Angeber 39

7. Das Lagerfeuer 44

8. Der Zeitungskauf 48

9. Die grunzenden Vampire 55

10. Der Eisbader 59

11. Nachbars Findelkind 65

12. Die missglückte Rettung 69

13. Der letzte Schultag 76

14. Oskar, der Meisterdieb 81

15. Der unheimliche See 87

16. Der glitzernde Karpfenteich 96

17. Bewerbung für einen Film 103

18. Der lustlose Zirkuskünstler 108

19. Wo ist Roy? 115

20. Der Flughund 122

21. Letzter Ferientag 130

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-740-4

ISBN e-book: 978-3-99107-741-1

Lektorat: Hannah Lackner

Umschlagfoto: Flashvector, Maksim Pauliukevich, Agrino | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Christine Grosse

www.novumverlag.com

1. Mein neues Leben

„Peter, Peter, den kleinen Dicken nehmen wir. Das ist ein ganz Süßer!“, schrie der weibliche Zweibeiner aufgeregt und zeigte mit einem langen Finger auf mich. Neugierig tapste ich näher an den Zaun heran, der mich von den fremden Menschen trennte. Ich sah meine Mutter an und fiepte leise. Auch sie verfolgte im Kreis meiner Geschwister aufmerksam das Geschehen.

Vor acht Wochen war ich als kuscheliger Welpe der Neufundländer Hündin Anja von Moorbeck geborenworden. Keiner meiner Schwestern und Brüder war liebenswerter, schlauer und niedlicher als ich, der Enko. Nun allerdings stand ich etwas verwirrt vor unserer Hundehütte. Mir war nicht klar, was die fremden Zweibeiner von mir wollten. Angst kannte ich nicht, denn ich hatte in meinem kurzen Leben noch nichts Schlimmes erfahren. Trotzdem kuschelte ich mich schutzsuchend an das Fell meiner Mutter.

Der Hundezwingerchef kam näher, öffnete das Tor, packte mein Nackenfell und hob mich hoch. Er hatte schon gemerkt, dass die fremden Zweibeiner nicht ohne einen Welpen nach Hause fahren würden.

„Herr Siebenschuh, tausend Euro und Enko gehört Ihnen“, legte der Züchter fest, während er mir zur Beruhigung das schwarze Fell kraulte. Meine Mutter sprang an ihm hoch und protestierte mit lautem Gebell.

„Geht in Ordnung“, erwiderte der Mann, der offenbar Peter Siebenschuh hieß. Er hatte die Geldscheine schon in der Hand.

Als die Besitzverhältnisse geklärt waren, entführten mich die fremden Zweibeiner in einer roten Blechbüchse auf Rädern.

Der Mann setzte mich in ein Körbchen, welches auf dem Boden des Vordersitzes stand. Bevor er die Tür zuknallte, hörte ich noch das traurige Winseln meiner Mutter. Nie hätte ich gedacht, dass die Kindheitstage im Kreismeiner Familie so schnell vorübergehen würden.

Während der langen Autofahrt war mir hundeelend. Ich stützte meinen Kopf auf die Pfoten und winselte mich leise in den Schlaf. Die Ankunft im neuen Zuhause verpasste ich.

Wann kam endlich meine Mutter mit den Geschwistern? In den ersten Wochen wartete ich vergeblich.

Alles roch fremd, wenn ich traurig schnüffelnd jeden Winkel meines neuen Zuhauses ergründete. Allerdings gab es viel zu entdecken, da das Grundstück der Siebenschuhs für reichlich Auslauf sorgte.

Schon bald vergaß ich mein früheres Leben. Nach zwölf Wochen hatte ich mich an meine neue Familie gewöhnt, die aus Herrchen Peter, Frauchen Sabine und Oma Anni bestand. Das Ersatzrudel sorgte gut für mich und mein Gewicht verdoppelte sich in kurzer Zeit.

Allerdings war es ein ödes Hundeleben, denn jeder Tag verging gleich. Die Zeiteinteilung bestand aus Fressen, Schlafen und Gassigehen. Auch am heutigen Sonnabend sah ich gelangweilt einer fetten Nacktschnecke zu, die ihre Schleimspur über die Garageneinfahrtzog. Das war lebensgefährlich für das Tier. Wenn Frauchen einkaufen fahren würde, könnte sie den Schleimer überfahren. Vorsichtig schob ich die Schnecke mit meiner Schnauze in Omas Blumenbeet. Igitt, jetzt hatte ich den Schleim an der Nase! Wuff, war das ekelhaft! Ich nieste und rieb mein Maul im Gras, um das klebrige Zeug loszuwerden.

Am Morgen hatte es auf der grünen Wiese kleine Erdhügel gegeben. Herrchenbesah die kleinen Berge, welche kein gepflegtes Gartenbild hinterließen. Ärgerlich rief Peter Frauchen und sagte: „Sabine, wir haben Maulwürfe im Garten. Sie haben mit ihren Grabschaufeln unseren Zierrasen zerstört.“

Als mir das Gespräch wieder einfiel, wollte ich die Tiere unbedingt sehen. Schade, dass Maulwürfe tagsüber schliefen. Meine Pfoten buddelten wie ein Schaufelbagger tiefe Löcher in die weiche Gartenerde. Nach einiger Zeit gab ich atemlos auf, denn die Wohnung der Maulwurffamilie war nicht zu finden.

Plötzlich hörte ich ein vertrautes Geräusch. Ein Auto näherte sich. Wenig später schrillte die Klingel.

Ich liebte Besuch. Von Kopf bis Schwanz mit schwarzer Erde bespritzt, jagte ich zum Gartentor, welches Sabine schon geöffnet hatte. Schwanzwedelnd begrüßte ich den Sohn meines Frauchens.

„Schön, dass du uns auch mal wieder besuchst“, sagte Sabine. André Siebenschuh blieb vor dem Zaun stehen.

„Willst du nicht hereinkommen?“

„Ja, gleich. Ich habe noch Besuch mitgebracht.“

„Wo denn?“, wollte Frauchen wissen und sah suchend die Spatzenstraße entlang. Natürlich hatte ich den Gast längst entdeckt. Was war denn das für einer? Inmitten einer Unmenge Fell hing eine winzige Zunge heraus. Augen, Maul und Nase waren nicht gleich zu erkennen. Prüfend trat ich näher und schnüffelte neugierig. Ja, das schien ein Hund zu sein.

„Da ist der Besuch“, sagte André zu Sabine und zeigte auf das Tierchen am Boden.

„Wo ist denn bei dem Handgestrickten vorn und hinten?“, fragte Oma Anni, die auch zum Gartentor gekommen war.

Mit hocherhobener Nase schnüffelte ich das hüpfende Fellbündel an, während André schwärmte: „Das ist etwas ganz Besonderes. Ein Shi-Tsu.“

„Bibu? Nie gehört“, meinte Anni und schüttelte den Kopf.

„Shi-Tsu, ein chinesischer Palasthund. Jahrhundertelang besaß nur die kaiserliche Familie in China diese Rasse. Willy ist ein ernstzunehmender Wachhund, der mein Eigentum immer verteidigen wird.“

Wäre ich ein Mensch, hätte ich laut gelacht. So konnte ich nur den Kopf schütteln. Ich ging an die Fellkugel heran und besah mir die kleinen Hängeohren, die schwarzen Knopfaugen und die breite Schnauze aus der Nähe.

André betrat die Terrasse.

„Kann ich Willy nächste Woche bei euch lassen? Ich muss sieben Tage auf Dienstreise und möchte ihn nicht in die Hundepension bringen. Hier hat er es schöner und Enko wird sich sicher mit ihm vertragen.“

„Ja, gut“, meinte Sabine, ohne mich zu fragen.

Natürlich war ich nicht einverstanden. Meine Nackenhaare sträubten sich. Jetzt schüttelte ich den Kopf so sehr, dass meine Ohren durch die Luft flogen. Aber meine Meinung interessierte in dieser Runde keinen einzigen Zweibeiner.

„Das ist doch ein ganz liebes Tierchen. Enko wird sich über etwas Gesellschaft freuen.“

Wie kam Frauchen auf diese Idee? Was sollte ich mit so einer Fünfhundert-Gramm-Portion anfangen? Genau in dem Moment sprang Willy an mir hoch und leckte mit seiner rosa Zunge über meine Schnauze. Dabei wackelte er wie verrückt mit seinem Stummelschwänzchen. Plötzlich ließ er sich auf den Rücken fallen und streckte die Pfötchen in die Luft. Eine Geste der Unterwerfung. Da ich ein gutmütiger Riese bin, dachte ich:„Von mir aus kann er bleiben. Ich werde es mit der Freundschaft versuchen.“

„Schon gut, Kumpel, komm mit“, bellte ich ihm zu. Wir tobten mit fliegenden Ohren durch den Garten, sodass die Grasbüschel wie Raketen durch die Luft flogen.

Plötzlich war der Kleine weg. Naja, dachte ich, der ist bestimmt schon müde. Es war sowieso erstaunlich, dass er mit seinen kurzen Beinen so schnell rennen konnte.

Genau in dem Moment hörte ich aus der Garage schmatzende Geräusche. Ich lief hin und traute meinen Augen nicht. Willy fraß ungeniert mein Dosenfutter. Ganze Hühnerherzen schwammen mit breiten Nudeln und roten Möhrchen in einer saftigen Soße. Frauchen hatte, wie jeden Abend, das Futter für mich hingestellt. Und es reichte auch immer nur für Enko. Ich konnte keinen Mitfresser gebrauchen. Hatte dieser Kaiserhund kein Benehmen? Soviel Frechheit verschlug mir das Bellen.

Der Mini-Willy ließ sich beim Fressen nicht stören. Obwohl ich drohend knurrte, schlang er alles in sich hinein. In seinem Schnauzbart hing noch ein halbes Hühnerherz, während er laut rülpste. Wie erstarrt stand ich vor dem leeren Napf. Nur langsam löste sich mein Schock. Ich knurrte: „Wenn du willst, dass wir Freunde werden, klaust du nie wieder etwas aus meinem Futternapf. Ist das klar?“

Als wirkungsvollen Ordnungsgong bekam er einen unsanften Schubs mit meiner Vorderpfote.

Der Abschied von André fiel kurz aus. Er würde Willy in einer Woche wieder abholen. Mein neuer Freund fühlte sich von Anfang an bei uns wie zu Hause. Da wir schließlich Freunde wurden, vergingen die Tage mit dem Palasthund viel zu schnell.

Wir langweilten uns nie. Manchmal rannte der Kleine im Kreis, drehte sich um die eigene Achse und wollte seinen Schwanz fangen, als wäre der kleine Stummel eine Blutwurst. Oft schoss er durch den Garten, überschlug sich und blieb auf der Wiese liegen. Ich wälzte mich dann vor Heiterkeit im Gras.

Einmal buddelte Willy neugierig Omas Tulpenzwiebeln aus. Anni kam ärgerlich aus dem Haus gerannt und rief: „Du undankbarer Palasthund aus dem fernen China, wirst du wohl die Pfoten von meinen gelben Königstulpen lassen?“

Omas lautes Geschrei lockte Sabine in den Garten. Als Frauchen Willy sah, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. Das weiße Fell des Mini-Hundes hatte eine schwarzgraue Färbung bekommen. Als er sich schüttelte, flogen Grashalme, Tannennadeln und ein paar Ameisen durch die Luft.

Obwohl Willy lautstark protestierte, landete er in der großen Menschenbadewanne. Sabine klatschte ihm eine ganze Flasche Ringelblumen-Shampoo aufs Fell, woraufhin der kleine Hund wie ein Seifenblasenmonster aussah. Er jaulte leise, aber Frauchen kümmerte sein Protest nicht. Erst nach dem Abduschen war er wieder als Willy zu erkennen.

2. Freitag, der 13.

Missmutig stand ich am Gartentor und reckte meine Spürnase in die Luft. Wieder war nichts los in der Spatzenstraße.

Endlich kam Frauchen vom Einkaufen zurück. Sie zog ihre Jacke aus und stellte die vollgepackte Tasche in die Küche.

„Oma, hast du meine Pantoffeln gesehen?“, rief sie.

„Die stehen neben der Haustür, Sabine.“

„Stehen“ war falsch. „Standen“ wäre richtig gewesen, denn sie waren nicht mehr da. Im Frust hatte ich die Leisetreter nämlich versteckt. Erwartungsvoll lugte ich unter dem Esstisch hervor und beobachtete Sabines aufgeregtes Suchen. Endlich fand Frauchen den ersten Pantoffel unter dem Sofa. Nun machte sie sich auf die Suche nach dem zweitenSchuh. Ich wartete gespannt. Das konnte dauern. Einige Zeit verging, bis er im Wintergarten unter dem Wedel einer Palme gefunden wurde. Aufatmend setzte sich Sabine aufs Sofa, um die Latschen anzuziehen.

Jetzt konnte der Spaß richtig anfangen. Ich schoss wie eine Rakete auf sie zu und klaute den roten Pantoffel. Rasend schnell hastete ich mit meiner Beute die Treppe hoch, während Frauchen hinter mir her keuchte.

„Enko, bitte sei ein liebes Bärchen und gib mir den Pantoffel zurück“, bettelte Sabine, während sie wackelnd auf einem Bein stand. Was für eine Spaßbremse! Kapierte sie denn nicht, dass ich nur spielen wollte? Nach Luft ringend kam Frauchen die Treppe hoch. Bevor sie mich erreicht hatte, schlug ich einen Haken und verschwand im Schlafzimmer. Dort wartete ich reglos, bis sie ins Zimmerkam. Aber als Sabine nach ihrem Schuh griff, sprang ich mit meiner Beute in den rosa Kissenberg. Verärgert schrie sie: „Raus aus dem Bett! Sofort!“

Blitzschnell griff Frauchen nach dem Hausschuh. Eine Weile kämpften wir verbissen. Erst sah es aus, als würde Sabine siegen, aber in einem Moment der Unachtsamkeit sprang ich mit dem Leisetreter aus dem Bett. Ich stemmte die Pfoten auf den Boden, zerrte am Pantoffel, schnaufte und knurrte. Da hatte Sabine das Beutestück plötzlich gepackt. Sie zog mit aller Kraft. Vergeblich. Noch ein letzter Ruck und ich jagte, mit dem Pantoffel im Maul, die Treppe hinunter.

Zurück ins Wohnzimmer. Dort schlug ich einen Haken in Richtung Wintergarten. Durch mein Tempo verschob sich der kleine Läufer auf dem glatten Parkett, der Fernsehtisch kippte und – oh Schreck – die Glotz-Kiste flog durch die Luft, prallte gegen mein Hinterbein und warf mich zu Boden.

Sabine kam näher. Einen Moment stand sie wie erstarrt und betrachtete die Scherben der Mattscheibe. Dann öffnete sie die Tür zum Wintergarten und schrie: „Raus, du kleiner Teufel! Es reicht. Du hast heute genug Schaden angerichtet.“

Gern hätte ich das Weite gesucht, aber ich konnte nicht aufstehen. Der Schmerz im Hinterbein pikte mich wie tausend Nadeln. Ich winselte kläglich, während meine Augen Sabine vorwurfsvoll ansahen. Nun hatte Frauchen bemerkt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Sie beugte sich zu mir herab und fragte: „Bist du verletzt? Wo hast du denn Schmerzen?“

Da ich nicht aufstehen konnte, streichelte sie tröstend meinen Kopf. Plötzlich stand Oma Anni in der Tür und fragte kopfschüttelnd: „Was ist denn hier los?“

„Wonach sieht es denn aus?“, antwortete Sabine genervt, während sie vor mir kniete. Oma betrachtete die Scherben der Mattscheibe und meinte: „Oh Gott, der teure Fernseher. Hat es in den letzten Minuten in Biesdorf ein Erdbeben gegeben? Was wird Peter dazu sagen?“

„Nein, Oma, hier hat die Erde nicht gebebt. Das war Enko. Der Hund kann nicht aufstehen, denn sein Hinterbein ist stark angeschwollen. Wahrscheinlich ist es gebrochen.“

Oma stöhnte und fuhr mit der Hand durch ihre graue Löckchen. „Kein Wunder, dass heute so etwas Schlimmes passiert. Schließlich haben wir Freitag, den 13.“

Sabine schniefte verächtlich. „Du immer mit deinem Aberglauben. Komm, fass mal mit an. Wir müssen den Hund zum Auto tragen. Enko hat ein verletztes Bein. Er muss zum Tierarzt.“

Nach kurzer Fahrt hielt Frauchen die Blechbüchse vor der Tierarztpraxis an. Nun musste ich im Zeitlupentempo undauf drei Beinen ins Haus humpeln. An einer weißen Tür hing ein großes Schild auf dem stand: Dr. Bella Löwe, Tierärztin.

Mein Herz pochte ganz doll und plötzlich war der Schmerz weg. Ich blieb auf drei Beinen stehen und wollte nicht in die Arztpraxis hinein.

„Wir haben nicht ewig Zeit, komm jetzt endlich“, forderte Frauchen. Nein, ich wollte nicht. Doch dann fielen mir die letzten Worte meiner Mutter zum Abschied ein: „Ein echter Neufundländer fürchtet sich nie.“ Und ich bin ein echter Neufundländer. Also folgte ich Frauchenmutig in das pieksaubere Wartezimmer der Tierärztin. Ein komischer Geruch nach Desinfektionsmittel drang in meine empfindliche Nase.

Hier gab es viel zu sehen: Drei piepsende Vögel im Käfig, ein müder Stubentiger in einer Transportbox, ein Goldfisch im Marmeladenglas und eine fette Ratte mit dunklen Knopfaugen, die an einemBindfaden auf der Schulter eines Mannes saß, dessen Bäuchlein nicht zu übersehen war.

Auch ein Artgenosse in Form eines Dackels mit grauem Bart, der Waldemar hieß und die zulässige Gewichtsgrenze seiner Rasse weit überschritten hatte, wartete mit seinem dicken Frauchen auf seine Behandlung.

Stöhnend legte ich mich neben Sabines Stuhl, da mein Bein wieder zu schmerzen begann.

Nach einer längeren Wartezeit ging die Tür zum Behandlungszimmer auf. Ein weiblicher Zweibeiner rief: „Der Nächste, bitte.“

Das war ich.

Eine Minute später standen wir vor der Löwin. Sie hatte eine gelbe Haarmähne und ein rot angemaltes Maul. Auf der Nase saß eine große schwarze Brille. Löwe? Der Name Uhu hätte viel besser zu ihr gepasst, dachte ich.

Der weibliche Zweibeiner beugte sich über den Schreibtisch und sagte: „Na, wen haben wir denn hier? Der ist aber süß.“

Süß? Achtung! Die soll mich kennenlernen. Ziemlich sauer zog ich die Lefzen hoch, zeigte meine prachtvollen Zähne und knurrte. Aber ich konnte die Löwin nicht beeindrucken. Sie lachte nur und steckte mir ein Leckerli ins Maul. Angst hatte der weibliche Zweibeiner nicht.

Frauchen erzählte von meinem Pech und Frau Doktor untersuchte das Hinterbein. Ich jaulte kurz auf, als sie die schmerzende Stelle berührte. Dann nahm sie die Brille ab und sagte: „Der Kleine hat Glück gehabt. Wahrscheinlich ist nichts gebrochen. Genaueres kann ich erst nach dem Röntgen sagen. Schwester Gerlinde, bitte die Spritze.“

Die Arzthelferin namens Gerlindeging zum Medikamentenschrank. Sie füllte die Spritze und übergab sie Frau Doktor. Mein Schwanz begann ungewollt zu zittern. Bloß keine Angst zeigen, dachte ich. Als mir richtig mulmig wurde, kroch ich unter den dunklen Schreibtisch.

„Komm raus“, rief Sabine vergeblich und beugte sich zu mir herunter.

Auch die Löwin und ihre Assistentin krochen nun auf dem Fußboden herum. Es dauerte eine Weile, bis Frau Doktor mein Hinterteil doch noch erwischte und den Inhalt der riesigen Spritze entleerte. Im gleichen Moment verschwand das Uhu-Gesicht im wallenden Nebel und ich fiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich endlich wieder erwachte, strich mir Frauchen liebevoll über den Kopf. Ein straffer Verband zog sich um mein verletztes Bein.

Nun raus aus der Höhle der gefährlichen Löwin, sagte ich zu mir. Ziemlich wacklig stand ich auf drei Beinen.

„Kühlen und das Bein ruhigstellen. Am Mittwoch sehen wir uns wieder!“, rief die Frau mit der Mähne, als Frauchen schon die Tür geöffnet hatte. Das konnte Frau Doktor unter Ulk verbuchen. Ich würde mir eher den Schwanz abbeißen, als die Löwenhöhle noch einmal zu betreten.