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Anspannung. Entspannung. Vertiefen. Neue Welten entdecken. Das habe ich versucht, in diesem Buch zu verarbeiten.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Schon als junges Mädchen habe ich in meiner eigenen Welt gelebt und kleine Geschichten geschrieben. Diese entstanden im Unterricht, während diverser Busfahrten oder einfach bei guter Musik zu Hause. Nach und nach wurden die Geschichten umfangreicher, ich entwickelte meinen eigenen Stil. Brach ihn, baute ihn aus. Und dann überwand ich mich endlich nach dem gefühlt hunderte von Menschen (in Wirklichkeit waren es vielleicht 5) mir sagten, ich solle es mit der Welt teilen. Und hier ist das Rasultat.
Zu aller erst möchte ich dir danken, dass du dieses Buch liest. Es ist eine Ansammlung aus Kurzgeschichten, die ich so ab der siebten Klasse aufwärts geschrieben habe. Sie sind in der Reihenfolge, in der sie fertiggestellt worden sind. Ich danke dir, dass du dir Zeit nimmst und dir meine Worte zu Gemüt führst!
Außerdem möchte ich noch meiner lieben Lena danken, dass sie mich zu dem einen Schreibkurs geschleppt hat, immer fleißig mit meinen Geschichten mitgefiebert hat und auch immer wieder meinte, wie toll doch meine Geschichten seien. Auch wenn ich ihr nie richtig geglaubt habe.
Vielen lieben dank an Laura, die es immer gar nicht abwarten konnte „Zugewuchert“ weiter zu lesen und ich im Unterricht immer den schon geschriebenen Text zuhalten musste, damit sie am Ende alles in einem Stück lesen kann.
Vielen dank an meinen Tobi, der mich unabhängig von Lena überredet hat meine Geschichten nicht nur mit meinen Freunden zu teilen. Und obwohl er kein großer Leser ist, sich trotzdem von „Schatten“ hat fesseln lassen. Ich liebe dich mein Krümelmonster!
Und auch noch vielen Dank an meine kleine Schwester Rebecca, die immer wissen wollte, wie „Schatten“ weiter geht, obwohl sie Bücher lieber als ganzen Baum sehen würde, als als Lesematerial.
Ich hoffe du hast genauso viel Spaß beim Lesen, wie ich beim Schreiben!
Zugewuchert
Das Leben und Leiden des Gale Pamy
Der Schatten
Novumurbis
Eins
Sie saßen am Esstisch. Sie warteten auf den Vater. Er müsste jeden Moment von der Arbeit kommen. Sie Sonne schien. Warm. Es war Sommer. Plötzlich stürmte der Vater durch die Tür. Er zog seine Frau und Tochter kommentarlos aus der Wohnung. Hinein ins Auto. Er startete den Wagen. Und auf einmal begann es zu regnen. Erst nur leicht aber bald platschten dicke Tropfen auf das Autodach. Es zischte. Die Tochter sah nach oben. Langsam brannte sich ein Loch in das Dach. Es wurde größer und größer. Die Tochter sagte nichts. Hatte Angst. Starrte auf das Loch. Ein Tropfen fiel hindurch. Landete auf ihrer Haut. Es brannte. Sie sog scharf die Luft ein. Sie waren am Bahnhof angekommen. Der Vater sprang aus dem Wagen. Er hob seine Tochter hinaus. Er nahm sie an die Hand und zog sie zur U-Bahn Station. Die Kleine wusste nicht was geschah. Der Regen brannte auf der Haut. Es juckte und zischte. Sie weinte, aber ihr Vater zog sie weiter in die Station hinein und die Treppen hinunter. Ihre Haut war gerötet und gereizt. An einigen Stellen sogar offen. Die Mutter nahm sie vorsichtig in den Arm. Ihre Kleider waren kaputt. „Liebling, was geht hier vor?“, fragte sie ihren Mann. Er begann zu erklären: „Der Regen ist eine Säure. Durch die ganzen Abgase, die der Mensch in den Himmel ausgestoßen hat, hat sich eine Säurewolke gebildet. Sie verätzt irgendwie alles, was menschlich und von Menschenhand geschaffen ist. Mein Labor hat ja schon lange daran geforscht, aber wir durften nichts sagen. Wir konnten nichts tun. Und als heute klar wurde, dass der Regen ausbrechen wird, wurden wir sofort nach Hause geschickt, um unsere Lieben zu retten. Ich habe eine SMS an alle meine Kontakte geschickt, dass sie sich so schnell wie möglich unterirdisch verschanzen sollen, aber ich weiß nicht, wie viele mir Glauben geschenkt haben. Ich weiß nur, dass wir unterirdisch sicher sind und hier bleiben müssen, um nicht veräzt zu werden. Es tut mir Leid.“
„Und wie sollen wir das ohne Essen überleben? Unsere kleine Maus ist erst 7! Und du hast uns gerade vom Esstisch weggerissen!“, stellte die Mutter fest. „Ich werde uns jetzt Vorräte besorgen!“ „Bist du des Wahnsinns? Ich habe gerade versucht zu erklären, dass der Regen ätzend ist und den sicheren Tod bedeutet, wenn man draußen herum läuft! Er zerstört alles, was das moderne Leben ausmacht!“, schreit er sie an. Das Mädchen hielt sich die Ohren zu. Die zwei sollten nicht streiten!
Sie beobachtete, wie ihre Mutter die Treppe hinauf stieg. Ihr Vater rannte ihr schreiend hinterher. Das Mädchen weinte. Sie hörte die Schritte in der Halle verklingen. Dann herrschte Stille. Sie sah sich um.
Ganz alleine saß sie in der U-Bahn Station auf einer Bank. Sie baumelte mit den Beinen und beruhigte sich etwas. Auf einem Fernseher, der von der Decke hing, standen lange Wörter in orange und eine 1. Die 1 sprang um in eine 0 und sie hörte gruselige Geräusche. Ein Zug rollte ein und kam zum Stehen. Drölf große Menschen kamen heraus und liefen die Treppen hinauf. Der Zug rollte wieder an und verschwand im nächsten Tunnel. Sie war wieder alleine. Die Stille war bedrohlich. Das dunkle Licht war gruselig und in den Ecken saßen bestimmt Monster. Sie begann zu zittern. „Mami? Papi?“, aber ihre Stimme hallte nur in die leere der Station. Sie setzte sich auf ihre Hände und wippte hin und her. Es war kühl. Ihr wurde kalt. Die kaputten Kleider wärmten nicht mehr. Ihre Arme brannten. Sie wollte zu ihrer Mami auf den Arm.Sie hatte Angst. Große Angst.Wo war ihre Mama? Wo war ihr Papa? Wo blieben die so lange? Was würde passieren, wenn sie sich weg bewegte? Würden sie sie finden? Dann hörte sie Schritte. Auf der Treppe konnte sie Füße sehen. Den Füßen wuchsen Beine und schon bald war es ein ganzer Mann. Ihr Papa! Aber der Mann war alleine. Das registrierte das Mädchen jedoch nicht. Sie sprang auf und rannte zu ihm hinüber. Tränen liefen ihre Wangen hinunter und sie schlurchzte laut. „Papi!“, rief sie und umarmte seine Beine. Er beugte sich zu ihr runter und nahm sie in den Arm. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte und sah ihren Vater an. Er hatte nasse Wangen. Sie legte ihre Hand darauf. Dann sah sie sich um. „Papa? Wo ist Mama?“ Der Mann zitterte. Er schaute auf den Boden, seine Augen füllten sich mit Tränen. Seine Stimme bebte. Die Traurigkeit darin erfüllte den ganzen Raum: „Lisa, Mama ist Tod!“
Zwei
...10 Jahre später...
Ich sehe ihn an. Er brät gerade eine Ratte, die wir in dem Tunnel fangen konnten. Sie schmecken widerlich. Aber was sollen wir anderes essen? Mein Vater traut sich die Treppen nicht hoch. Zu viele schreckliche Erinnerungen. Und dann noch die Angst, dass der Regen auch mich töten könnte. Also ernähren wir uns seit Ewigkeiten von diesen dreckigen Viechern. Das Problem ist, wenn ich hier nicht bald raus komme, gehe ich ein. Ich will nicht hier unten sterben.
Die ersten Jahre waren erträglich. Ich war aber auch klein und fand alles aufregend und spannend. Ich bin mit meinem Papa durch die Tunnel gelaufen und hatten nach Essen gesucht. Manchmal sind uns kleine Grüppchen begegnet, aber mein Vater wollte sich ihnen nie anschließen. Er hatte Angst um mich. Gefunden haben wir manchmal Chipstüten oder alte Burger in den Kiosks gefunden. Aber auch die wurden irgendwann schlecht und wir hatten angefangen diese schrecklichen Viecher zu jagen. Am Anfang war es noch erträglich sie jeden Tag zu essen. Morgens Ratte, mittags Ratte, abends Ratte. Aber immer noch besser, als nichts.
Mittlerweile will ich nur noch wieder etwas normales Essen. Nudeln, Reis oder sogar Brokkoli. Ich will hier raus. Koste es, was es wolle. Ich will endlich raus aus dieser verdammten Hölle aus Dunkelheit und Enge. Ich stehe auf und laufe ein wenig hin und her.
Dann sage ich: „Ich gehe. Ich werde mir ein bisschen die Beine vertreten.“ Ich habe einen Entschluss gefasst und er wird mich nicht daran hindern. „Wo willst du hin?“, fragt er mich. „Raus!“ „Du gehst da nicht raus! So habe ich schon deine Mutter verloren!“, er brüllt mich an. Er schreit mich tatsächlich an. Ich versuche ruhig zu bleiben: „Ich werde aber nicht hier unten in dieser gottverdammten Hölle bleiben und mich von Tauben und Ratten ernährend auf meinen Tod vorbereiten! Ich will Leben, das Gras unter den Füßen spüren, die Sonne auf der Haut, den Wind in den Haaren und die Luft riechen. Nicht hier unten im Dreck sitzen und auf dem zähen Zeug rum kauen!“ „Na gut, dann gehe ich und suche uns etwas richtiges. Und du bleibst hier am Feuer und passt auf, dass nichts anbrennt.“ Er gibt auf. Er gibt tatsächlich auf, wenn auch nur so halb. Ich muss ihn weiter bearbeiten. „Nein! ICH gehe jetzt da hoch und zurück in das Leben, dass mir genommen wurde! Ich hasse es hier unten! Ich hasse dieses Essen! Ich halte das nicht mehr länger aus! Ich gehe jetzt hoch, egal, was du sagst!“ Damit renne ich die Treppen zum Ausgang hoch. Ich höre, dass er mir folgt. „Warte Lisa! Ich komme mit! Ich dich nur nicht verlieren. Du bist das Einzige, was ich noch habe!“ Das bewegt etwas in meinem Bauch und ich bleibe stehen. Ich spüre, dass er seine Hand auf mein rechtes Schulterblatt gelegt hat. Er zeiht mich in eine Umarmung. „Ich habe dich so lieb!“ Das hat er schon lange nicht mehr gesagt.
Wir stehen in der Eingangshalle. Lauschen gespannt. Es ist still. So unheimlich still. Wenn es doch noch regnet und wir es nur nicht hören?
Die Tür ist kaputt und geht nicht mehr mit dem Bewegungsmelder auf. Wir müssen sie seitwärts aufschieben. Wie wir vorher auch schon sehen konnten, stehen wir vor dem nächsten Problem. Ein Wald aus wurzeln ist über die Treppe gewachsen. Die dicken Knorrigen zweige der Wurzeln lassen kaum Licht durch. Nur einen leichten Schimmer aus grün-goldenen Sonnenstrahlen. Mit vereinter Kraft müssen wir die Wurzeln auseinander drücken und zwängen uns durch die entstandene Lücke.
Wir stehen im Schatten eines großen Baums. Seine Äste streckt er majestätisch der goldenen Sonne entgegen. Der leichte Wind rauscht spielerisch durch seine Blätter und wiegt sie vorsichtig hin und her. Wie sind mitten in der Ruine der ehemaligen Bahnhofshalle vom Fernverkehr. Der ganze Boden ist mit weichem Moos zugewuchert und Kletterpflanzen haben den Rest der Wände, die der Regen heile gelassen hat, bewachsen. In einiger Entfernung stehen weitere kleiner Bäume. Und Ich bin der Meinung auch etwas Buntes zu sehen. Eine Blume wahrscheinlich. Wie in Trance drehe ich mich um mich selbst. Rieche die frische Luft. Sie strömt mir durch die Lungen. Löst all den Staub aus der Tunnelluft aus ihr heraus. Meine viel zu blasse Haut spürt die wärmende Sonne und nimmt jeden Strahl dankend an. Es kribbelt wohlig. Es ist wie in einem Märchen, dass mir meine Mutter erzählt hatte, als ich noch… bevor es passierte. Es fühlt sich so richtig an. Als wäre die Welt da unten nur ein Alptraum gewesen, aus dem ich nun erwacht bin.
Mein Vater tritt auch aus dem Schatten des Baumes. „Wow, wie schön. Ich wusste gar nicht mehr, wie schön Mutter Natur ist.“, sagt er und schließt die Augen. Ich höre ein Rascheln im Baum. Vermutlich ein Vogel. Ich sehe nach oben. Hoffe ihn zu entdecken, aber durch das dichte Geäst und die vielen Blätter ist mir die Sicht auf jeden Vogel versperrt.
Ich drehe mich wieder um. Mein Vater sieht auf einmal so glücklich aus. Als hätte er endlich seinen inneren Frieden gefunden. Etwas surrt an meinem Kopf vorbei. Ich realisiere nicht, was es ist. Ich kann es nicht fassen. Begreife nicht, was ich da sehe. Was gerade vor meinen Augen passiert ist.
Mein Vater öffnet schockiert die Augen und sackt zusammen. Ich bin wie erstarrt. Wie kann so etwas schreckliches an einem so schönen Ort passieren? „Papa?“, meine Stimme ist kaum mehr als ein Wispern. „Papa?“ Angst liegt darin. Sie kommt in mir hoch. Trifft mich mit einem Schlag. Tränen schießen in mein Gesicht. „P-Papa?“, stottere ich. Vorsichtig gehe ich auf ihn zu. Stolpere über das Moos. Es erscheint mir auf einmal nicht mehr strahlend. Es ist auf einmal schreckliches Unkraut, dass anderen Pflanzen den Platz zum Leben nimmt. Bräunlich. Widerlich. Ich achte auf nichts um mich herum. Falle neben meinem Vater auf den Boden. „Papa?“, meine Stimme ist kraftlos. Seine Augen bewegen sich. Voller Schmerz und Angst sieht er mich an. „Versteck dich! Pass auf dich auf. Ich bin stolz...“, seine Stimme bricht ab. Ich kann es nicht fassen. Mein Blick schweift über seinen Körper. Übelkeit kommt in mir hoch, als ich den Pfeil in seinem Bauch stecken sehe. „Nein!“, flüstere ich. Ich knie neben ihm. Völlig eingefroren. Seine starren Augen schauen direkt durch mich hindurch. Er ist nun bei meiner Mutter. Das weiß ich. Und trotzdem. Ich bin jetzt alleine. Man hat meinen Vater umgebracht. Man hat mir meinen Beschützer und Lehrer genommen! Und viel wichtiger. Jemand hat es getan, als mein Vater endlich mit sich im Reinen war. Es hätte nur noch Berg aufgehen können! „Nein! Nein! Papa? Warum?“ Ich weine. Still rinnen mir die Tränen hinunter. Nicht aus Trauer. Nein aus Wut. Sie tropfen mir auf das Shirt. Meine Augen brennen. Aber es ist mir egal. Ich gebe keinen Laut von mir. In meinem Kopf rattern die Gedanken. Um uns...um mich herum ist alles still. Totenstill. Als wüsste die Natur, was gerade eben passiert ist. Ich stehe auf, sehe mich um. Aus irgendeinem Grund ist das grün immer noch zu fröhlich. Es trauert nicht mit. Das macht mich noch wütender. Ich gehe ein wenig umher. Starre immer wieder zum Baum. Überall leuchtet es grün. Die Natur will mich aufheitern, aber ich will keinen Trost. Ich will Rache. Es wird etwas düsterer. Ein paar Tropfen fallen vom Himmel. Treffen auf meine Haut. Erst sind sie kühl, erfrischend, dann werden die Stellen heiß und brennen kurz. Sie zeigen mir, dass ich noch am Leben bin. Das ich noch die Möglichkeit habe etwas zu bewirken. Ich höre auf zu weinen und Lächle. Ich stehe in dem Säureschauer und lächle. Es hört wieder auf und die Wolken sind weg. Hinter mir raschelt es. Ich fahre herum und schreie das Gebüsch in dieser Richtung an: „Weißt du, was du mir angetan hast? Ich werde nicht eher ruhen, bis ich dich gefunden habe! Bis ich meinen Vater rächen konnte. Ich bin Lisa! Lisa Rachel! Und du wirst es noch bereuen mich gekränkt zu haben! Das schwöre ich dir!“
Drei
Da stehe ich nun. Ganz allein. Eigentlich nicht überlebensfähig. Meine Augen brennen. Ich weiß nicht, ob das von dem ungewohnt hellen Licht kommt oder vielleicht doch von den Tränen. Meine Haut ist leicht gerötet von dem kurzen Schauer. Meine Kleider sind zu klein. Die kurze zerrissene Hose und das schmutzige Shirt, dass wir irgendwann in einer leeren U-Bahn gefunden hatten. Ich versuche mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Als erstes würde ich einen Unterschlupf brauchen. Und ich muss mir was essbares suchen oder viel mehr fangen. Ich habe das zwar oft mir meinem Vater getan, aber er hat fast immer dabei aufgepasst, dass ich nichts falsch mache. Es fühlt sich nicht richtig an einen Platz für eine Falle zu suchen, ohne, dass er dabei ist. Außerdem kannte ich unten die Stellen, wo man oft Ratten finden konnte. Hier ist alles neu und ich bin unerfahren im Fährtenlesen.
Meine Beine tragen mich aus der Halle hinaus. Über zugewucherte Straßen. Vorbei an Ruinen. Mein Vater hat mir oft Geschichten erzählt, wie er mit meiner Mutter mit dem Auto oder Zug irgendwo hingereist ist. Ich kann mich nur noch schwer an mein Leben vor dem Regen erinnern. Ich war sechs, als er mein Leben zerstört hat. Mein Vater hat immer versucht die Zeit nicht zu verlieren, aber letzen Endes ist es im nicht gelungen. Ich habe keine Ahnung wie alt ich bin. Ich weiß nur ich habe zu viel Zeit in Schächten und Tunneln verbracht. Ich kann mich nur noch Vage an unser altes Wohnzimmer erinnern.Man konnte aus dem Fenster einen Park mit Spielplatz sehen, auf dem ich oft mit anderen Kindern gespielt habe. Ich würde es niemals wieder erkennen. Es ist alles bewachsen. Die Natur hat wieder überhand genommen. Ich biege hier und dort ab. Klettere über Ruinen. Ich habe keine Ahnung, was diese Gebäude mal gewesen sein konnten. Die größten Hindernisse sind etwa doppelt so hoch wie ich.
Auf einmal stehe ich vor einer Tür. Oder vielmehr vor dem, was mal eine Eingangstür war. Die Wand um sie herum ist nun von Efeu übernommen worden und wahrscheinlich die Heimat von unzähligen kleinen Tieren. Die ehemalige Tür ist offen. Irgendwas zieht mich in das Gebäude. Es ist recht heile und hat noch so etwas wie eine zweite Etage.
Mit jedem Schritt, den ich mache, rasen mir Bilder durch den Kopf. Meine Einschulung. Mit der riesigen Tüte, in der ich beinahe verschwunden bin. Wie meine Mutter und ich einkaufen waren. Mein Vater und ich, wie wir die Treppe hoch rannten. Um die Wette. Ich hatte ihn so oft besiegt. Heute bin ich mir sicher, er hat mich gewinnen lassen. Dann wie ich einmal gegen die Glastür zum Balkon gerannt bin. Mein Kopf hatte höllisch weh getan.
Ich stehe oben an der eingestürzten Wand. Ich schaue nach unten. Es wäre so einfach zu springen. Aber ich habe meinem Vater die Rache geschworen. Also drehe ich mich um. Etwas knirscht unter meinen Füßen. Ich bücke mich und finde unter dem sporadisch gewachsenen Gras etwas metallisches. Es ist sehr schmutzig. Als ich den Dreck abgewischt habe, sehe ich, dass es ein Bilderrahmen ist. Das Foto in dem Rahmen ist vergilbt, verblichen und an den Seiten schon kaputt. Ich schiebe die Klemmen beiseite und nehme die Rückwand heraus. Da stehen Wörter in einer sehr sauberen geraden Schrift. Das muss die Schrift meiner Mutter sein, denn als mein Vater mir versucht hat die Buchstaben beizubringen, sahen seine Zeichnungen immer viel unordentlicher aus. Ich konzentriere mich. L-i-s-a, J-o-n-a-t-h-a-n u-n-d- i-c-h 20.07.50. Ich weiß, dass ich 46 geboren bin. Ich muss auf dem Bild also... 4 sein. Ich drehe es um. Es scheint sonnig gewesen zu sein. Im Hintergrund ist ein großes halb eingefallenes rundes Gebäude mit vielen Bögen. Ich kann mich nicht mehr an den Urlaub erinnern. Meine Mutter steht rechts neben meinem Vater und umarmt ihn halb. Er hat seinen linken Arm um sie gelegt. Mit dem Anderen hält er mich. Meine krausen blonden Haare kitzeln in seinem Gesicht. Aber er hat seine Züge einigermaßen unter Kontrolle. Er lächelt, meine Mutter lächelt und ich grinse. Ich lasse den Rahmen fallen und behalte das Bild.
Ich gehe in das „Zimmer“, dass ich als das meiner Eltern in Erinnerung habe. Ein großer Holzschrank steht an einer Wand, die noch so heile ist, dass man ihn von der anderen Seite nicht hätte sehen können. Er ist komplett heile. Echtes Holz. Nicht vom Menschen erschaffen. Verrückt. Ich öffne die Tür. Der Knauf bricht ab, aber immerhin ist sie offen. Ich krame die Sachen durch. Fühle mich schlecht meine Eltern auszurauben. Ich weiß sie sind tot, aber das ist trotzdem kein Grund ihre Sachen zu durchwühlen. Ich finde ein paar Sachen von meiner Mutter, die nicht zu Löchrig sind und stecke sie in eine Tasche. Eines der Kleider ziehe ich an. Es ist etwas groß, aber besser, als zu klein. Ich will gerade das, was von unserer Wohnung übrig geblieben, weiter durchsuchen, da höre ich Geräusche, die ich nicht zuordnen kann. Dann wispern mehrere Stimmen und eine fährt sie an, sie sollen leise sein. Es sind Männer. Da bin ich mir sicher. Ich schaue mich nach einem Versteck um. Da schallt die Stimme durch die Räume. Die Stimme ist beruhigend, aber ihre Worte machen mich wütend: „Lisa? Oder soll ich Rachel sagen? Wo bist du? Ich weiß, dass du hier bist! Ich dachte, du wolltest dich an mir rächen! War der Tod deines Vaters doch umsonst?“ Ich glaube er lügt. Trotzdem kribbelt es in meinem ganzen Körper. Ich will mich auf ihn stürzen. Seine Augen auskratzen. Ihm das Gesicht zerstechen. Die Hände abschneiden. Seine Stimme verstummen lassen. Damit er nie wieder jemanden töten kann. Aber mein Kopf, meine Vernunft schreit in mir. Versteck dich! Es sind zu viele! Sonst siehst du deinen Vater eher wieder, als dir lieb ist!
Ich klettere in den Schrank und ziehe die Tür so doll zu, wie es geht. Ein kleiner Spalt bleibt. Aber so kann ich sehen, was vor sich geht. Sollten sie hier her kommen, würde ich es zumindest sicher sehen. Schritt nähern sich. Er bleibt in der Tür stehen. Starrt in das Zimmer.Ich halte die Luft an. Habe Angst es könne meinen Herzschlag hören. Er dreht sich um, sodass er mir dem Rücken zu mir steht, und ruft: „Der Tod deines Vaters hatte einen Sinn. Komm zu mir! Ich will ihn dir erklären! Ach Rachel! Wo bist du? Komm raus. Ich tue dir nichts.“ Als er geht, sehe ich sein Gesicht noch einmal von der Seite. Er Lächelt, aber nicht aus Freude!
Meine Gedanken rasen. Er hat mir das Einzige genommen, was mir Lieb war. Er hat meinen Vater erschossen! Wut überschwemmt meine Angst entdeckt zu werden. Ich balle meine Hände zu Fäusten zusammen. In mir sind nur noch zwei Gedanken: Rache und Flucht. Mit aller Kraft springe ich aus dem Schrank. Durch das Schlafzimmer und den Flur in den großen Raum, der einst unser Wohnzimmer war. Ich halte meine Tasche umklammert und schleudere das mit Kleidung gefüllte Ende gegen den Kopf des Sprechers. Der Mann fasste sich verwirrt an den Kopf. Seine vier Kumpanen stehen irritiert in den Ecken. Mein Gegner ist nur kurz abgelenkt. In diesem Moment trete ich ihm mit aller Macht in den Schritt. Er stöhnt auf und sackt zusammen. Ich springe weg und haste die Treppe hinunter.
Ich renne weiter und weiter. Laufe und laufe. Ich weiß nicht wohin. Meine Beine tragen mich irgendwo hin. Die Männer haben bestimmt die Verfolgung aufgenommen. Ich traue mich nicht mich umzusehen. Ich laufe instinktiv durch enge Gassen und quetsche mich durch schmale Spalten, um meine Verfolger abzuhängen. Völlig außer Atem halte ich an einem Waldrand an. Ich keuche heftig. Mir ist schwindelig. Meine Beine sind schwer. Ich setze mich auf einen umgefallenen Baum. Im Anschluss atme ich tief durch. Versuche einen Fokus zu bekommen und sehe mich um. Er ist mir nicht gefolgt. Zumindest kann ich ihn nicht entdecken. Das Blut pocht in meinen Ohren. Ich sitze noch einen Moment, bis es leiser wird und schließlich ganz aufhört. Dann stehe ich auf und trete erleichtert in den Wald ein. Die Stimmung hier drin ist erfrischend, kühlend und vor allem frei. Es ist so friedlich. Man hört nur das Rascheln des Windes und vereinzelt einen Vogel schreien. Die Luft ist so klar. Ich habe das Gefühl total berauscht von ihr zu sein.
Ich fühle mich erlöst von all dem Schrecken, der mir heute schon widerfahren ist. Man kann den Wind mit den Blättern spielen hören. Es ist so beruhigend. Ich laufe durch diese Harmonie hindurch. Fühle mich unverwundbar. Auf dem weichen Boden liegen kleine Zweige und Äste, die bei jedem Schritt knacken. Trotz der nackten Füße, tut es nicht weh. Mein Blick schweift über die Bäume. Sie sind groß und grün und mächtig. Ich kann nicht glauben, dass Menschen sie einfach abgeholzt haben. In einem spielen zwei Eichhörnchen miteinander.
Jeglicher Gedanke an das Böse ist aus meinem Kopf geweht. Ich sehe mich genau um. Suche nach einem möglichen Unterschlupf und entdecke eine Höhle. Dort müsste man doch die Nacht überleben können. Jetzt müsste ich mir nur noch etwas zu Essen organisieren. Und das erweist sich als schwieriger, als ich ohnehin schon dachte.
Letzten Endes finde ich kurz vor Sonnenuntergang einen Strauch mit Beeren und einen Apfelbaum. Einige Äpfel bekomme ich noch in meiner Tasche unter. Die Beeren esse ich auf dem Rückweg zur Höhle. Als diese alle sind, sammele ich Stöcke, um mir ein Feuer zu machen. Nach jahrelanger Erfahrung entzünden die Flammen sich fast von selbst. Warm und rot lodern sie in der kalten Höhle auf. Ich nehme einen der Äpfel aus der Tasche und beiße hinein. Er ist sauer. Aber es ist ein schöner, ungewohnt guter Geschmack. Diese saftige saure Süße. Es fühlt sich so unglaublich an, an der Oberfläche herum zu rennen und etwas richtiges zu Essen. Auch wenn mein Vater nicht bei mir sein kann. Je weiter ich den Apfel esse, desto mehr Tränen rinnen mir über meine Wangen. Am nächsten Morgen werde ich vom Vogelgezwitscher geweckt. Mein Rücken schmerzt, trotzdem stehe ich auf und und sammle mein Proviant auf. Ich muss unbedingt weiter! Die Männer dürfen mich nicht finden, bevor ich nicht auf ihn vorbereitet bin. Und das bin ich noch lange nicht. Auf meiner Weiterreise halte ich nach spitzen Steinen und und stabilen Stöcken Ausschau. Aus ihnen will ich mir Waffen bauen oder schnitzen.
Gegen Mittag finde ich einen langen, dicken und geraden Ast, der sich für einen Kampf eignen könnte. Und einen großen Stein mit einer Spitze und einem schmalen Loch. Ich setze mich auf den Boden und beginne meinen Stock zu bearbeiten. Als er so gut, wie in das Loch passt, reiße ich ein wenig Stoff von meinem Kleid ab und binde damit den aufgesteckten Stein am Stock fest. Ich nehme mir einen Apfel aus der Tasche und den Kampfstab nehme ich in die andere Hand und gehe den Apfel essend weiter.
Nach einer Weile beginnt es zu regnen. Zum Glück ist es nur Wasser, oder aber die Bäume filtern das ätzende aus dem Regen hinaus. Ganz gleich, was es ist, es ist nass. So nass, dass nach nur kurzer Zeit meine Haare an meinem Gesicht kleben. Erbarmungslos prasseln die Tropfen auf mich hinab. Es wird kalt. Matsch und Schmutzbäche erschweren mir das weitergehen. Ich beginne zu zittern. Meine Arme sind eisig, meine Zähne klappern. Ich bebe am ganzen Körper. Immer wieder versuche ich mir über die Arme zu reiben. Es beginnt weh zu tun, den Stock zu halten. So unterernährt, wie ich bin, ist das auch kein Wunder. Durch das Rauschen und Platschen, kann ich meine Umwelt kaum wahrnehmen. Eine warme Hand berührt mich. Eine männliche Stimme fragt mich: „Brauchst du eine Decke?“ Ich kreische vor Schreck. Meine Hände fest um den Kampfstab geklammert, wirble ich herum und richte das steinerne Ende auf seine Brust. Mit aller Kraft versuche ich das Zittern zu unterdrücken. Es gelingt mir nur schwer. Der Stab bebt weiterhin.
Beinahe unmerklich, aber ich wette der Mann hat es bemerkt. Aber ich versuche mir einzureden, dass ich ihm, sollte er sich bewegen, den Stein ins Herz ramme. Aber er steht nur da. Und lächelt. Ja er lächelt. Ich bin verwirrt. Bestimmt ist genau das seine Taktik. Er hofft womöglich darauf, dass ich den Stab senke und er mich ohne Probleme fangen kann. Ich werde ungeduldig. Ich ziehe den Stock leicht zurück, als ob ich ihn wegnehme, doch dann hole ich aus und versuche ihn mit der stumpfen Seite zu erwischen. Er blockt ab. Ich steche mit der steinernen Seite rechts zu, doch er weicht aus und packt meine Waffe. Mit einer geschickten Bewegung dreht er sie mir aus der Hand. Ich bin noch total schockiert von meinem Verlieren, da tritt er auf mich zu. Greift um mich herum. Hebt mich vom Boden. Hinauf auf seine Schulter. Ich strample und schlage auf seinen Rücken. Versuche mich aus seinem Griff zu befreien. Ich versuche mich hinaus zu winden. Zu fliehen. Ich will in die Freiheit. Plötzlich erwische ich ihn so, dass er ins Taumeln gerät. Sein Griff lockert sich. Ich verdrehe mich. Dann bin ich frei. Ich pralle auf dem Boden auf. Ein stechender Schmerz in der Schulter. Egal. Lieber Schmerzen als Gefangenschaft. Ich rapple mich auf. Sehe, wie mein Gegner zu Boden geht. Sofort renne ich los. Die Tasche hatte ich zum Glück um meine Schulter gehängt. Ich stolpere orientierungslos durch den Wald.
