Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Lina Simon, 37 Jahre alt, verheiratet und Mutter dreier Kinder, steckt in einer tiefen Lebenskrise. Überfordert von der schwierigen Beziehung zu ihrem mittleren Sohn und ihren gewalttätigen Ausbrüchen ihm gegenüber und ungewollt ein weiteres Mal schwanger, verlässt sie Berlin, um sich für eine Woche in das Ferienhaus der Familie in der Uckermark zurückzuziehen. Dort allerdings bleibt sie nicht lange alleine. Bereits ihr erster Ausflug auf den See lässt sie mit Maik, einem vierzigjährigen Bewohner des Dorfes, kollidieren. Obwohl sein Äußeres auf eine Vergangenheit in der rechten Szene hindeutet, und dies eine starke Reaktion bei Lina hervorruft, lässt sie sich auf ihn ein. Vorsichtig beginnen die beiden, sich einander anzunähern. Lina taucht Stück für Stück ein in Maiks Geschichte und die enge Beziehung zu seiner Mutter Heidi. Dabei zeigt sich schnell, dass weder Maik noch Lina immer mit offenen Karten spielen und es jemanden im Hintergrund gibt, der Maiks Vergangenheit in der rechten Szene in der Gegenwart lebendig hält und damit auch Lina mit einem Abschnitt ihres Lebens konfrontiert, der tiefe Spuren der Angst und Abwehr bei ihr hinterlassen hat. Je näher sie dem Kern der Geschichte von Mutter und Sohn kommt, desto näher kommt sie auch ihrer eigenen Rolle als Mutter und einer Entscheidung, die zu treffen sie sich erst langsam erlauben kann. Dabei ist es vor allem Maiks Umgang mit Gewalt, der sie in einen Spiegel blicken lässt und sie am Ende dazu zwingt, aus der eigenen Angst herauszutreten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Inhaltsverzeichnis
Dienstag
1.
2.
Mittwoch
1.
2.
3.
4.
5.
Donnerstag
1.
2.
3.
4.
5.
Freitag
1.
2.
3.
4.
5.
4.
5.
Samstag
1.
2.
3.
4.
Sonntag
1.
2.
3.
4.
5.
Montag
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
Dienstag
1.
2.
3.
3 Wochen später
14 Monate später:
Das Brett unter mir schaukelt. Ich weiß, das Wetter ist ungünstig, aber der Sommer hat sich bis zum heutigen Tag so übellaunig und unberechenbar gezeigt, dass es keine wirkliche Option darstellt, auf den perfekten Moment zu warten. Im Zweifel warte ich dann solange, bis ich dem Wasser beim Gefrieren zusehen kann.
Durch die Wellen dauert es länger, bis ich ein Gespür für den passenden Seitenwechsel des Stechpaddels finde. Ich ahne, dass sich der Wunsch nach einem gleichmäßigen Rhythmus heute wohl nicht erfüllen wird. Immer wieder dreht sich das Brett blitzschnell, angetrieben durch den einseitigen Kraftaufwand meines Körpers und zusätzlich verstärkt durch den Schub einer Welle, die im genau falschen Moment im genau falschen Winkel auf mein Brett trifft. So entferne ich mich nur sehr langsam vom Ufer. Ein kurzer Blick zurück bestätigt mein Gefühl. Na bitte, wer trotz Wellengang in See sticht, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ungemütlich wird. Nein, denke ich und drücke das Paddel resolut in die unruhige Wasserfläche neben mir. Du tust, was ich sage!
Und tatsächlich – es wird einfacher.
Mittlerweile ist die Entfernung vom Ufer groß genug und gibt mir damit die Möglichkeit, das Brett so auszurichten, dass es unauffällig mit der Kraft der Wellen gleiten kann. Ich muss jetzt nur noch darauf achten, nicht zu nahe ans Ufer zu kommen. Ansonsten lasse ich die Gewalten der Natur für mich arbeiten. Wie bequem. Entscheide ich mich zuerst für die leichte Richtung, so muss ich später umso mehr schuften, um mich gegen den Strom zu stellen. Ich weiß das und handle trotzdem kurzsichtig.
Für den Moment zahlt sich diese Kurzfristigkeit für mein Wohlbefinden allerdings aus. Da das Paddeln nicht mehr ganz so viel Konzentration von mir verlangt, beginne ich langsam den Blick von der Wasseroberfläche zu heben. Und wie erwartet enttäuscht mich das, was ich jetzt sehe, nicht. Die Schönheit des Lichts fährt euphorisierend in meinen Körper. Nie habe ich als Kind verstanden, wenn Erwachsene in meiner Umgebung plötzlich begannen, von den Lichtverhältnissen zu schwärmen. Man muss wohl ein gewisses Alter und damit verbunden ein gewisses Maß an melancholischer Charaktereinfärbung erreicht haben, um diese Schönheit, die ja tatsächlich existiert, sehen zu können. Es ist nicht einfach nur die Sonne, die direkt vor mir, bereits relativ flach stehend, mithilfe ihrer Strahlen der Oberfläche des Wassers ein Glitzern entlockt. Nein, es ist ein Weichzeichner, den irgendjemand da oben vor die gesamte Atmosphäre geschoben hat. Gäbe es diesen Effekt auch für mein alltägliches Leben, so bräuchte ich mich nicht mehr bange machen lassen. Alles wirkt friedlich und ich spüre, wie sich mein Brustkorb beim Anblick dieser Pracht weitet. Der Wind, der über meine Haut streicht, tut sein Übriges.
Ich bin jetzt schon ein ganzes Stück weit gekommen und gleite gerade in den deutlich kleineren, vom Badestrand aus nicht einsehbaren, Nebensee. Dieser hängt wie ein vergessener Zwilling am Hauptsee. Zwar erhält er von den allermeisten Badegästen kaum oder gar keine Aufmerksamkeit. Aber wer den See besser kennt, weiß, dass er die eigentliche Perle ist, die es zu entdecken gilt. An seinem Ufer liegen nur ein paar gut im Schilf versteckte Boote der Dorfbewohner. Einen Strand oder Steg sucht man vergebens und so ist man hier, in der Mitte des kleinen, unbeachteten Bruders, ganz alleine.
Ich stoppe meine mittlerweile automatisch ablaufenden Paddelschläge, setze mich, mein Gewicht vorsichtig ausbalancierend, auf mein Brett und lege das Paddel quer vor mich. Meine Füße tauche ich rechts und links in das kalte Wasser ein. Eine Gänsehaut durchfährt meinen Körper, als ich in genau diesem Moment plötzlich ein Fiiiep, Fiiiep, Fiiiep über mir höre. Das muss er sein, der Fischadler, den ich nun schon zweimal in diesem Sommer seine Kreise über den See habe ziehen sehen. Ich halte meine Hände schützend über meine Augen und lege den Kopf in den Nacken. Tatsächlich, da fliegt er! Direkt über mir gleitet er mit weit ausgestreckten, weiß-braun gefärbten Schwingen. Ich sehe seinen hellen Unterkörper und sogar die gelben Augen kann ich gut erkennen, so tief liegt er über mir in der Luft. Es scheint, als sehe er mich direkt an. Vorsicht, denke ich, als Beute tauge ich nicht.
Ein heftiger Stoß, der das Brett unter mir zum Wanken bringt, reißt mich aus meiner Versunkenheit. Für einen Augenblick verliere ich fast das Gleichgewicht, obwohl ich sitze. Ich sammle mich und versuche zu begreifen, was passiert ist. Direkt vor mir erblicke ich ein altes Holzboot. Die Kollision mit diesem hat die Erschütterung ausgelöst. Das Boot versteckt sich vollständig im Schilf und auch ich selbst stecke mit meinem Brett schon zur Hälfte darin. Als mein Blick weiter nach oben wandert, sehe ich direkt in das Gesicht eines Mannes, dessen Anblick mich zusammenzucken lässt. Ein massiger, muskulöser Körper, millimeterkurz geschorene Haare, mit Tattoos übersäte Oberarme, die aus einem Muskelshirt hervorragen und ein unbeweglicher, ernster Blick. „Typisch“, ist das einzige, was ihm entfährt.
„Tut mir leid. Ich war in Gedanken. Alles in Ordnung bei Ihnen?“ Ich versuche es mit einem Lächeln, auch wenn ich ahne, dass mein Gegenüber dafür nicht empfänglich ist. Und wie erwartet bleibt eine Antwort aus. Stattdessen taxiert er mich weiter ohne ein erkennbares Anzeichen von Regung. Ich suche nach etwas, womit ich das Schweigen, das er mir entgegenschleudert, parieren kann. Ich entscheide mich dafür, seinem Schweigen mit meinem zu begegnen. Wir sehen uns in die Augen. Er weicht nicht aus. Das, was mich daran allerdings am meisten irritiert ist die Tatsache, dass auch ich den Blick nicht senke. Etwas fesselt meine Aufmerksamkeit und lässt mich vergessen, klein beizugeben. Das Martialische seines Äußeren passt nicht so recht zur Wachheit seines Blickes und dieser Gegensatz gibt der Situation etwas Unberechenbares.
„Rein oder raus?“ fragt er. Dabei deutet er mit einem leichten Kopfnicken auf mein Brett.
„Was?“
„Willst du an Land oder wieder zurück auf den See? Davon würde ich dir allerdings abraten. Es fängt gleich an zu regnen. Gibt´n heftiges Gewitter.“
„Ja, glauben Sie?“ Kaum habe ich diese Frage ausgesprochen, spüre ich Verärgerung über meine Reaktion. Was rede ich da?
„Nein. Das glaube ich nicht, das sehe ich.“ Die Klarheit seiner Worte rüttelt an mir und ich reagiere endlich. Mein Blick geht zum Himmel, an dem sich mittlerweile dunkle Wolken zusammengezogen haben und kaum noch Platz für romantisches Abendlicht lassen.
„Also, was is jetzt?“ Hinter seinen Worten liegt weniger Ungeduld, als sie vermuten lassen. Er scheint es nicht eilig zu haben. Die Wellen, die immer fordernder gegen den Bauch des Bootes klatschen, unterstreichen seine Empfehlung, das Wasser zu verlassen. Die Strähnen, die der Wind aus meinen zusammengebundenen Haaren zerrt, kitzeln mich. Ich muss unsortiert wirken, denke ich.
„Ja, sieht irgendwie echt nicht gut aus. Raus wäre gut. Können Sie mir helfen?“ Ich lächle ihn auffordernd an und bin mir diese Mal sehr sicher, dass er genau dies tun wird. Ohne weitere Worte erhebt er sich und streckt mir seine Hand entgegen. „Komm rein.“ Ich reiche ihm zuerst mein Paddel, welches er behutsam in sein Boot legt. Dann löse ich die Fangleine von meinem rechten Fußgelenk und stehe auf, wobei ich mir viel Zeit lasse, denn die Wellen werden immer stärker. Als ich einen kurzen Moment lang schwanke und es aussieht, als könne ich ins Wasser fallen, beugt er sich blitzschnell nach vorne und packt hart nach meinem Handgelenk. Mit einem Ruck holt er sowohl mich als auch sich selbst wieder in die Aufrechte zurück. Der Druck seiner Hand deutet mir an, in sein Boot zu klettern. Ich setze einen Fuß auf die Sitzbank und lasse mich von ihm nach oben ziehen. Plötzlich stehen wir dicht beieinander und die Wärme, die von seinem Körper ausstrahlt, erinnert mich daran, dass die Temperatur um mich herum in den vergangenen Minuten deutlich abgefallen ist. Ich bekomme eine Gänsehaut und trete schnell an ihm vorbei in die Mitte des Bootes. Unschlüssig schaue ich in Richtung des Brettes. „Ziehen?“ Automatisch habe ich mich seiner reduzierten Kommunikation angepasst. Das scheint ihn nicht zu stören. Im Gegenteil. Er nickt, kniet sich hinunter und greift nach der Fangleine. Ich nehme sie entgegen und setze mich in die meinem Brett nahe Ecke des Bootes. Er nimmt mir gegenüber Platz und beginnt, uns mithilfe seiner Ruder sachte durch das Schilf zu manövrieren. Rechts und links bietet sich kaum Platz zum Rudern, deshalb gleichen seine Bewegungen mehr denen eines Stocherkahnfahrers als denen eines Ruderes.
Da der Sommer seinem Ende zugeht, ist das Schilf bereits sehr hoch und dicht gewachsen. Für mich ist keine Schneise erkennbar, die mir einen Weg hindurch andeuten würde. Aber er scheint sehr genau zu wissen, in welche Richtung das Boot zu wenden ist. Es erstaunt mich, wie tief das Schilf hier im Wasser steht. Den Weg zum Ufer hätte ich mir kürzer vorgestellt. Ich wende mich um und hinter mir und dem Brett, das ich mit mir ziehe, hat sich die Pflanzenwand wieder geschlossen. Sehr schnell ist es dadurch noch dämmriger um uns geworden. Neben mir höre ich die Stimmen der zahlreichen Schilfbewohner, die sich selten zeigen, dafür aber umso lautstarker ihre Anwesenheit akustisch demonstrieren. Mein Blick wandert zum Himmel. Der Greifvogel über uns hat sich schon längst verzogen. An seiner statt fliegen nun Schwalben aus und sichern sich ihre Abendmahlzeit. Wie sie da so über unseren Köpfen vorbei huschen ahne ich, wie sie jenseits des Schilfes mit ihren gegabelten Schwänzen, voller Lebensenergie die Luft immer haarscharf über der Wasseroberfläche zerschneiden, um anschließend triumphierend nach oben zu entkommen.
Meinen Kopf leicht in den Nacken gelegt sehe ich ihnen zu und merke dadurch erst mit ein paar Sekunden Verzögerung, dass das Boot still an seiner Position verharrt. Er hat aufgehört zu rudern und sich einen Rucksack zu seinen Füßen gegriffen. Mit einem Griff in die Außentasche fördert er sowohl ein Päckchen Tabak als auch Blättchen hervor.
„Hast du´s eilig?“, fragt er, wobei ich mir nicht so ganz sicher bin, ob er sich von meiner Antwort in irgendeiner Weise beeinflussen lassen würde.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. Ich bin ja hier, um mir Zeit zu lassen. Einzig diesem Zweck dient mein Aufenthalt. Von mir aus auch gerne mitten im Schilf. Die Situation ist für mich sowieso schon so ungewöhnlich, dass ich mich von Anfang an entschlossen habe, mich ganz darauf einzulassen.
„Wenn ich auch eine haben darf?“, füge ich noch hinzu, denn alleine der Anblick des Tabakbeutels hat mein Suchtzentrum aufgeschreckt. Es meldet sich zu Wort und verlangt nach Beachtung.
Er reicht mir Tabak und Blättchen rüber und beobachtet, wie ich ungeschickt versuche, mir eine Zigarette auf meinem nackten Oberschenkel zu drehen. Ich war noch nie gut im Drehen, aber der Wind gibt meinen Bemühungen den letzten Rest.
„Ist ein guter Ort zu Rauchen.“, stellt er sachlich fest. Ich widerspreche nicht, gebe ihm Tabak und Blättchen zurück und deute gleichzeitig mit einer Handbewegung das Entzünden eines Feuerzeuges an. Er greift in die rechte Seitentasche seiner Jogginghose und reicht mir eines in schlichtem Hellblau. Ich nehme es entgegen und lasse das Feuer aus der Zündung schnippen. Da der Wind schonungslos an uns zerrt, reicht ein Versuch nicht aus. Erst beim dritten Mal gelingt es mir, das Zigarettenende zu entzünden. Schon lange habe ich keine Selbstgedrehte mehr geraucht. Meist katapultiert mich der Geschmack in ein konserviertes Gefühl aus einer anderen, vergangenen Zeit.
Während ich den ersten Zug einatme, schweift mein Blick zu seinen Händen, die routiniert den Tabak einrollen. Meine Augen wandern weiter und bleiben an einem der Tattoos hängen. Sofort beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Auf der Innenseite seines rechten Unterarmes erkenne ich in nur noch sehr schwacher Farbe das Bild eines Keltenkreuzes. Warum ich das jetzt erst sehe frage ich mich noch, dann spüre ich meinen Puls plötzlich so heftig, dass mir scheint, auch er müsse ihn hören. Und tatsächlich huscht sein Blick blitzschnell nach oben und registriert genau, wohin meine Augen gerade eben noch gerichtet waren. Er klemmt sich die fertige Kippe in den Mundwinkel, dreht die tätowierte Unterarminnenseite zu sich und betrachtet sie, ohne eine Miene zu verziehen. Dann nimmt er das Feuerzeug von mir entgegen, benutzt es und schaut mich direkt an. „Lange her.“
Ich beschließe, es dabei zu belassen. Die völlige Fremdheit zwischen uns und die Wucht der Geschichte, die hinter der Tätowierung lauern muss, stehen in keiner Relation zueinander. Ihn darauf anzusprechen kommt für mich deshalb nicht in Frage.
Schweigend ziehen wir an unseren Zigaretten und aschen neben das Boot ins Wasser. Ich lasse mich in die Beobachtung der Aschekörnchen, die augenblicklich nach ihrem Auftreffen auf der Wasseroberfläche von dem Sog der Flüssigkeit erfasst werden, gefangen nehmen und bin fast erschreckt, als ich ihn wieder sprechen höre.
„Warum zieht ihr nicht hierher?“
„Wie bitte?“
„Ihr seht glücklich aus, wenn ihr hier seid.“
Aufgrund meines nun wohl doch sehr fragenden Gesichtsausdruckes lässt er sich - fast widerwillig - auf eine Art Erklärung ein: „Ich wohne direkt an der Straße zum See. Jeder läuft irgendwann an meinem Fenster vorbei.“
„Naja“, ich zögere und nehme zuerst den letzten Zug meiner Zigarette. „Die Kinder gehen in Berlin zur Schule und wir arbeiten dort. Unser Leben ist dort.“
Es ist kaum der Bruchteil einer Sekunde, die er dazu nutzt, um seine Augenlider zu verengen und mich auf diese Art zu fokussieren. Sein Gesicht verrät mir nicht, was er von meiner Antwort hält, wohl aber der Klang seiner Stimme:
„Ach so, darauf hätte ich natürlich kommen können.“
Auf mich wirkt meine Antwort jetzt ebenfalls seltsam schal, obwohl ich sie schon oft gegeben habe – vor allem mir selbst. Erneut entschließe ich mich, nichts hinzuzufügen. Der Mann, dessen Namen ich immer noch nicht kenne und den ich bis vor 20 Minuten noch nie wahrgenommen habe, gibt mir so sehr das Gefühl, jeder Form von Unwahrheit augenblicklich auf die Schliche zu kommen, dass die Menge an Worten, die man an ihn richten kann, ohne durch seinen intensiven Blick enttarnt zu werden, sich zwangsläufig radikal reduziert.
Immer noch halte ich den Stummel der aufgerauchten Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand. Ich schaue fragend hoch. Auch er hat seinen letzten Zug inhaliert und den Zigarettenrest an der Innenseite der Bootswand ausgedrückt. Ich gehe fest davon aus, dass er nicht zu der Kategorie von Menschen gehört, die Müllreste, und seien sie auch noch so klein, in einen See schmeißen. Diese Gewissheit verwundert mich.
Wieder greift er in seine Hosentasche. Diesmal ist es eine kleine, rechteckige, silberne Dose, die er daraus hervorholt. Sie ist nicht größer als seine Handinnenfläche und trägt die Initialen M.K. in feiner Gravur auf ihrem Deckel. Sie wirkt zwar alt, aber nicht abgegriffen oder beschädigt. Eher so, als hätte man sie behutsam behandelt und auf sie geachtet. Er nimmt den Deckel ab und legt seinen Zigarettenstummel neben zwei andere, die sich bereits darin befinden. Ich schließe mich an und nehme die Dose samt Deckel aus seiner Hand. Nachdem ich den Deckel wieder verschlossen habe betrachte ich sie näher.
„M.K.?“
„Manfred Kursawe“, antwortet er ohne zu zögern.
„Sind Sie das?“
„Nein, das ist mein Vater. Ich heiße Maik.“
„Ich bin Lina.“ Ich strecke ihm meine Hand entgegen. Er ergreift sie mit festem, verbindlichem Druck. Einen Moment lang verharren wir so, dann lösen wir unsere Hände wieder und er greift nach den Rudern.
Während er das Boot geschickt die letzten Meter durch das Schilf lenkt und dabei leicht schräg über seine Schulter nach hinten schaut, beobachte ich ihn. Ich tue dies nicht verstohlen sondern direkt. Eine andere Art erschiene mir bei ihm unangebracht.
Ich suche auf seinen Armen nach weiteren Tattoos, die mir ähnlich vertraut sind wie das Kreuz, aber auf die Schnelle erkenne ich nichts vergleichbar eindeutiges zwischen den zahlreichen, mal mehr oder weniger verblassten Bildern, deren Bedeutung sich mir allerdings auch nicht bei allen gleich erschließt.
Plötzlich reißen mich zwei Ereignisse gleichzeitig aus meinen Gedanken. Kalte, harte Tropfen schlagen auf meinen Oberschenkeln, Schultern und im Nacken auf und im selben Moment setzt das Boot mit einem leichten Ruck am Ufer auf. Es scheint, als hätte der Regen mit vornehmer Zurückhaltung darauf gewartet, uns unsere Zigaretten zu Ende rauchen zu lassen. Aber jetzt kennt er kein Erbarmen mehr. Das hier ist kein langsames Rantasten – das ist eine klare Ansage. Viel Kleidung habe ich mit Badeanzug und T-Shirt sowieso nicht an – aber diese ist sofort komplett durchnässt.
Allerdings bringt auch dieser Regensturz meinen Begleiter nicht aus der Ruhe. Ohne jegliches Anzeichen von Beschleunigung steigt er aus und lässt sich von mir das Brett, das ich am Bauch des Bootes vorbei nach vorne ziehe, anreichen. Mit einem Griff hebt er es aus dem Wasser und legt es, fachmännisch mit der Unterseite nach oben, um die Finne nicht zu beschädigen, am Ufer ab. Ich greife mir das Paddel sowie seinen Rucksack und wate damit den kurzen Weg durchs Wasser ans Ufer. Die Kälte des Wassers setzt mir sowohl unten als auch oben mit schmerzenden Stichen zu, der Wind treibt die gefühlte Temperatur zusätzlich runter. Trotzdem bleibe ich in seinem Tempo. Unsere Bewegungen haben sich inzwischen so angeglichen, dass wir keine Worte benötigen, um die Handgriffe gemeinsam zu erledigen, die getan werden müssen, um Boot und Ruder an ihrem Anlegeplatz zu sichern.
Ich habe mich daran gewöhnt, dass es hier keine offiziellen Anlegestellen gibt. Jeder Bootsbesitzer hat sich im Laufe der Zeit seinen eigenen Platz gesucht und entsprechend präpariert. Auch Maiks Boot lässt sich an einem eigens dafür in die Erde geschlagenen Pflog festbinden. Durch die Lage mitten im Schilf sind umfassendere Sicherungsmaßnahmen nicht notwendig. Während Maik sich das Brett greift, übernehme ich weiterhin den Transport von Paddel und Rucksack. Schweigend gehen wir nebeneinander am Ufer entlang, bis wir auf den Weg treffen, der vom Hundestrand ab in Richtung Dorf führt. Wir biegen auf diesen Kiesweg ein und nehmen auf ihm die leichte Anhöhe, die den See vom Ort trennt. Da ich barfuß bin und Maik Badelatschen trägt, ist er zwar im Vorteil, verlangsamt seine Schritte allerdings sofort, als er bemerkt, dass ich zurückfalle. So bleiben wir dicht beieinander und es stellt sich in mir das beruhigende Gefühl ein, die Kälte und Nässe nicht alleine aushalten zu müssen. Was für Herdentiere wir doch sind, fährt es mir unvermittelt durch den Kopf und ich muss lächeln.
Ich spüre, dass der Mann neben mir mein Lächeln bemerkt hat. Seine Reaktion ist ein kaum merkliches Kopfschütteln.
„Ihr seid schon ein komisches Völkchen.“
Diesmal weiß ich, was er meint. „Du meinst uns Buletten?“ Der Wechsel vom Sie zum Du scheint mir an dieser Stelle selbstverständlich, fast hätte ich ihn selbst nicht einmal wahrgenommen.
„Kommt hierher, mit euren Brettern, fahrt raus, wenn sich gerade ein Gewitter anbahnt, behaltet eure Richtung nicht im Blick und lauft dann lächelnd durch Sturm und Regen nach Hause.“
Ich betrachte ihn von der Seite, um zu überprüfen, ob das verschmitzte Lächeln, das in seiner Stimme mitschwingt, auch in seinem Gesicht zu entdecken ist. Fehlanzeige.
Seine Schritte werden langsamer, um schließlich vor einem der Häuser auf der linken Seite ganz zum Stehen zu kommen. Ich bin mir nicht bewusst, ob ich es bereits einmal zur Kenntnis genommen habe. Im Zweifel eher nicht. Das Nachbarhaus daneben, das schon seit Jahren leer steht und immer mehr verwildert, hat meine Aufmerksamkeit bisher eher auf sich gezogen.
Maik lässt das Brett zu Boden sinken und lehnt es gegen mein Bein. Dann streckt er mir seine Hand entgegen und ich lasse den Rucksack von meinem Rücken gleiten. Er nimmt ihn entgegen, geht ein paar Schritte in Richtung Hauseingang, legt den Rucksack vor der Tür ab, um daraufhin zurück zu mir und dem Brett zu kommen. Als er es aufnimmt und weitergeht, unterlasse ich die sonst üblichen Abwehrhöflichkeitsfloskeln. Ich bin im Moment einfach nur dankbar, dass er mir das Brett offensichtlich bis vor die Haustür tragen wird. Soll er, es ist schwer genug.
Die Entfernung von seinem zu meinem Haus ist nicht weit – wir wohnen beide auf der Dorfseite, wo die Häuser sich im Besitz der Bewohner befinden. Auf der anderen Seite prägen überwiegend Mehrfamilienhäuser, in denen zur Miete gewohnt wird, das Dorfbild. Man sieht den Unterschied nicht sofort, so gravierend ist er nicht. Aber er ist da.
Wir sind angekommen. Maik bleibt stehen und hebt fragend die Augenbrauen. Ich gehe voraus, durch das Gartentor in Richtung des Nebengebäudes. Mit dem Schlüssel, den ich hier draußen immer an einem langen Band um den Hals trage, öffne ich das Vorhängeschloss der mittleren Tür und halte sie offen. Maik ist mir gefolgt und trägt das Brett an mir vorbei in den Raum, der als Lagerfläche für Gartengeräte, Rasenmäher und anderem mehr oder weniger Notwendigem dient. Er lehnt das Brett vorsichtig an die noch freie Seite des Raumes und entfernt die Finne aus ihrer Verankerung. Während ich gleichzeitig das Paddel an den dafür vorgesehenen Hacken hänge, berührt mich die Umsichtigkeit, die er schon seit meiner Karambolage mit seinem Boot an den Tag legt. Er tritt in den Garten und reicht mir die Finne. Immer noch regnet es heftig, aber ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt und empfinde den Regen im Vergleich zum schmerzenden Wind fast als wärmend.
„Hast du noch Zeit für eine Zigarette?“ Ich weiß, dass er den Tabak und die Blättchen nicht zurück in den Rucksack gesteckt hat, sondern zusammen mit dem Feuerzeug in seine ausgeleierte Hosentasche.
„Du lädst mich ein?“, fragt er zurück.
Mir entfährt ein Lachen.
„Entschuldige die unklare Frage, ich präzisiere: Hast du noch eine Zigarette für mich?“
„Schnorren könnt ihr ja, das muss man euch lassen.“
Nebeneinander steigen wir die Steinstufen unseres Eingangsvorsprungs hoch und stellen uns unter das Vordach. Maik holt den Plastikbeutel hervor, in dem sich der Tabak befindet. Auch die Blättchen hat er darin verstaut, sie sind auf diese Art geschützt tatsächlich trocken geblieben. Schweigend drehen wir uns unsere Zigaretten und zünden sie an. Beide lehnen wir unsere Oberkörper auf das Geländer vor uns.
Es ist Maik, der das Wort ergreift: „Ihr wollt nicht, dass eure Kinder unter uns aufwachsen. Deshalb zieht ihr nicht her.“ Seine Worte treffen mich unvorbereitet, auch wenn sie mich nicht überraschen. Ich brauche ein paar Sekunden, bevor ich zu einer Erwiderung finde. „Wahrscheinlich hast du Recht.“
Schweigend rauchen wir unsere Zigaretten zu Ende. Als wir beide unsere Kippen ausgedrückt haben, strecke ich ihm erneut meine Hand entgegen. „Danke für die Hilfe.“
„Bitte.“
Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um und verschwindet in der Dunkelheit. Auf einmal wird mir kalt.
Mein Smartphone ruht in meiner rechten Hand. Im Hintergrund höre ich das Zischen des Wasserkochers. Hinter mir liegt das obligatorische Morgentelefonat, bei dem wir uns gegenseitig versichern, dass wir aneinander denken und am Tag des jeweils anderen Anteil nehmen. Trotz dieses Telefonates fühle ich mich nicht wach, die Erschöpfung der Nacht überwiegt. Verantwortung dafür trägt, wenig erstaunlich, mein Schlaf. Wieder einmal fordert er mich heraus, seit Jahren tut er das. Manchmal mehr, manchmal weniger. Die zurückliegende Nacht gehörte nicht zu den harmonischen zwischen uns. Ich bin sauer. Arschloch, denke ich. Du könntest dich ruhig auch mal bemühen. Ich tue es schließlich auch!
Klack – der Regler des Kochers schnappt nach oben. Ich lege das Handy zur Seite und lasse das heiße Wasser langsam über die Teebeutel in die Kanne laufen. In dem Moment, in dem ich den Kocher zurück auf seine Station gleiten lasse, fallen auch meine Augen zu und ich stütze mich auf der Küchenplatte vor mir auf, um die Schwere meiner Glieder und das aufkommende Schwindelgefühl abzufangen. Einige Sekunden verharre ich in dieser Position, dann erhebe ich mich und gieße mir Tee in eine Tasse.
Als ich den Garten betrete, empfängt mich eine angenehme Kühle. Die frische Luft empfinde ich als willkommenen Gegensatz zur Muffigkeit des abgedunkelten Schlafzimmers und einer ungelüfteten Küche. Ich bin hier nicht gerne drinnen, dafür umfangen die Räume mich nicht heimatlich genug.
Mit der wärmenden Tasse in der Hand begebe ich mich zum Beet im hinteren Teil des Gartens. Hier habe ich gestern mit dem Umgraben begonnen. Das Entfernen aller Pflanzen inklusive Wurzeln und das Auflockern der Erde haben sich als mühevolle Arbeiten herausgestellt. Zumindest für mich, die ich damit keinerlei Übung habe. Dass ich dabei trotz allem viel Freude empfunden habe, liegt an meinen reizenden Nachbarn. Sie stehen auch jetzt schon erwartungsvoll vor dem Zaun Spalier, der ihr Revier von meinem trennt. Acht Hühner und ein Hahn blicken mir entgegen. Dass umgegrabene Erde eine wundersame Vermehrung von Regenwürmern zur Folge hat – diesen Konditionierungsprozess haben sie in ihrem kurzen Leben bereits durchlaufen. Ich lächle in ihre Richtung.
Den Tee stelle ich auf halbem Weg zum Schuppen auf dem Deckel des Brunnens ab. Als ich nach dem Schlüssel um meinen Hals fasse, um die Tür aufzuschließen, sehe ich plötzlich Maiks taxierenden Blick vor mir. Das Brett, das er gestern für mich nach Hause getragen hat, lehnt still an der Wand. Der Geschmack von Tabak liegt mir auf der Zunge und ich ziehe in Gedanken ein Echo des Qualms durch meine Lungen.
Ausgerüstet mit Gartenhandschuhen, einem Spaten und einer Handgabel, mache ich mich an die Arbeit. Während ich mich langsam, Spatenstich für Spatenstich, vorarbeite, laufen die Hühner samt Hahn aufgeregt vor dem Maschendraht auf und ab. Die Erde ist feucht und schwer. Ein ziemlich verregneter Sommer liegt hinter uns, der das Grundwasser hat soweit ansteigen lassen, dass wir in den vergangenen Monaten tatsächlich nie gießen mussten. Das Umgraben wird dadurch deutlich einfacher und die Anzahl der Regenwürmer, die ich mit meinem Spaten nach oben befördere, freut meine neuen Freunde. Ich schmeiße die Würmer einzeln rüber und versuche dabei, mein menschliches Verständnis von Gerechtigkeit durchzusetzen. Die Hackordnung der Gruppe auf der anderen Seite des Zaunes lässt sich mit meiner Vorstellung allerdings nicht wirklich vereinbaren. Irgendwann gebe ich mich geschlagen und schmeiße die Beute ohne weitere Verteilungsambitionen hinter mich.
Das Wetter an diesem Tag zeigt sich nach den gestrigen Unruhen aufgeräumt. Während mir die Sonne aufs Gesicht scheint, finde ich langsam zu einem fließenden Arbeitsrhythmus. Hin und wieder ziehen Gruppen von Zugvögeln über mir vorbei. Ob die Kraniche und Gänse nun schon aufbrechen oder diesen Aufbruch erst noch einstudieren, erschließt sich mir dabei nicht. Ein sehnsüchtiges Gefühl hinterlassen sie so oder so.
Der gleichförmige Ablauf meiner Handlungen gibt mir Raum zum Denken. Eine Woche – dieser Zeitraum schwebt über mir und ich weiß noch nicht genau, ob er mir weit oder eng erscheint.
Eine Woche, um ein Gefühl für die neue Situation zu bekommen und eine Idee davon, wie es gehen kann.
Eine Woche, um atmen zu können und frei zu sein von dem, was sich so hinterlistig harmlos Alltag nennt. Mich erholen soll ich, Kraft tanken – was man eben so sagt, wenn man auch keine wirkliche Lösung hat.
Kurz unterbreche ich das Graben und trinke meinen Tee, der leider schon kalt ist. Ich lege mein Werkzeug zur Seite und laufe in Richtung Hintereingang, um mir einen neuen zu holen, bevor auch der in der Küche abgekühlt ist. Ich steige aus meinen Gartenschuhen und lasse sie hinter mir auf der Steintreppe liegen. Als ich mich vom hinteren Teil des Hauses aus dem Wohnraum, der gleichzeitig auch Küche ist, nähere, vernehme ich ein Geräusch. Etwas scheint drinnen um sich zu schlagen. Hektische Laute dringen durch die geschlossene Tür. Für einen Augenblick erschreckt mich das, was ich höre. Schließlich bin ich alleine hier. Doch dann ahne ich, was sich auf der anderen Seite der Tür abspielt. Behutsam drücke ich die Klinke nach unten und öffne die Tür.
Das, was ich vorfinde, nachdem ich mich durch die leicht geöffnete Tür hindurchgeschoben habe, bestätigt meine Vermutung. Ein Vogel hat sich verflogen und versucht nun panisch, Orientierung und Ausgang zu finden. Es ist eine Rauchschwalbe. Im Frühjahr und Sommer brüten sie unter dem schmalen Terrassenvordach. Offenbar hat sich eines der Tiere beim Anflug auf sein Nest im Weg geirrt. Es flattert völlig außer sich vor Angst durch den Raum und stößt dabei immer wieder gegen Wände oder Möbelstücke.
Ich bleibe erstmal ganz ruhig in der Mitte des Raumes stehen. Ich möchte die Schwalbe mit meinen Bewegungen nicht noch weiter verunsichern. Aber ihre Aufregung ist bereits jetzt schon so groß, dass meine Anwesenheit hier wohl kaum einen Unterschied macht. Die größte Panik löst die Tatsache bei ihr aus, dass sich ihr keine vertraute Landemöglichkeit auftut. Als sie versucht, auf dem schmalen Rand eines Topfes zu landen, gerät sie aus dem Gleichgewicht und rutscht ab. Sie stürzt nach unten und prallt auf die Kante unseres Tritthockers, bevor sie auf dem Boden aufschlägt. Am Ende der Karambolage, die mit Flügelschlagen und Fiepen einhergeht, bietet sich mir ein mitleiderregendes Bild. Mitten auf dem Küchenboden sitzt flach atmend das Vögelchen und wirkt zerrupft. Als ich einen vorsichtigen Schritt in seine Richtung wage, reagiert es erneut gehetzt und flüchtet zu Fuß in die ihm nächst gelegenste Zimmerecke. Dabei wird ersichtlich, dass die Schwalbe einen Flügel nachzieht, aus dem einzelne Federn schief hervor stehen. Das sieht ganz nach einem Bruch aus, denke ich und mein Blick geht automatisch durch das Küchenfenster in Richtung Seeweg.
Ein paar Atemzüge gebe ich mir und dem Vogel. Dann verlasse ich das Zimmer und suche im Rest des Hauses nach einem Behälter, der sich für einen Transport eignen würde. Fündig werde ich in einer der Ferienwohnungen. In ihr haben meine Schwiegereltern nach ihrem letzten Besuch einen Schuhkarton mit Pinseln und Lack zurück gelassen. Ich kippe den Inhalt aus und renne damit die Treppe hinab. Plötzlich habe ich es eilig, schließlich ist es durchaus denkbar, dass das Tier sich in seiner Panik weitere Verletzungen zuzieht. Als ich aber ins Wohnzimmer trete, ist es ruhig. Die Schwalbe sitzt unverändert in ihrer Ecke und wirkt mittlerweile eher lethargisch als aufgeregt. Während ich mich ihr vorsichtig nähere, gehe ich in Gedanken die Bewegungen durch, die ich als Kind beim Einfangen meines Wellensittichs ausgeführt habe. Ich spüre das Gefühl, das der federleichte Körper dem Druck meiner Hand abverlangt. Nicht zu sanft, sonst kann ich ihn nicht halten und er entwischt mir. Nicht zu fest, sonst breche ich ihm die zarten Rippen. Bewaffnet mit dieser Vorstellung hocke ich mich dem Vögelchen gegenüber.
Nach einer Weile beginnt das Tier wieder etwas lebhafter zu wirken und versucht, mit den Flügeln zu schlagen. Jetzt muss ich schnell sein und darf nicht zögern, sonst kann es sich quälend in die Länge ziehen. Meine Hände schnellen nach vorne, drängen den Vogel noch weiter in die Ecke, dann greife ich zu. Tatsächlich gelingt es mir erstaunlich gut, den Körper gleich beim ersten Mal festzuhalten. Noch ein Versuch des Tieres, den Flügel wieder frei zu bekommen – dann liegt die Schwalbe fest in meinen beiden Händen. Ich warte erneut etwas ab, damit sich das Herz meines Gefangenen erholen kann. Dabei gebe ich leise Schhhh-Laute von mir. Langsam begebe ich mich so zum Esstisch, auf dem der offene Schuhkarton bereit steht. Ich lege meine Hände in den Karton und verringere Stück für Stück den Druck auf den Körper. Eine Hand öffne ich und lege sie schützend über den Schwalbenkopf, dann lasse ich auch mit der anderen los und stülpe rasch den Deckel auf den Karton. Das alles passiert ohne große Gegenwehr. Im Inneren des Kartons breitet sich eine irritierende Geräuschlosigkeit aus. Das Tier hat fürs Erste aufgegeben. Hoffentlich lohnt sich diese Kapitulation.
Den Schuhkarton so vor mir haltend, dass er möglichst geringen Erschütterungen ausgesetzt ist, laufe ich fünf Minuten später den Weg in Richtung See hinunter. Mir scheint es nach gestern aus irgendeinem Grund die einzig logische Entscheidung, den Vogel zu Maik zu bringen. Er lebt auf dem Land, ich komme aus der Stadt – sein Erfahrungsvorsprung in Bezug auf verletzte Tiere sollte ein beträchtlicher sein. Außerdem gehen mir seine ruhigen, überlegten Bewegungen nicht aus dem Kopf und rufen in mir das Bild von Ziel gerichteter Inobhutnahme hervor.
Als ich vor dem schlichten Haus stehe, breitet sich ein Gefühl von Anspannung in mir aus. Ich trete die Flucht nach vorne an und drücke auf den Klingelknopf. Augenblicklich ertönt ein aggressives Bellen, was mich überrascht. Das Wüten des Hundes klingt so dumpf, dass er nicht direkt hinter der Haustür zu stehen scheint. Ich tippe darauf, dass er in einem Zimmer des Hauses eingesperrt ist und daher seine Empörung über das Klingeln noch größer ausfällt.
Ich höre Schritte hinter der Tür. Sie sind leichter als Maiks. Als sich die Tür vor mir öffnet, stehe ich einer kleinen, schmächtigen Frau gegenüber. Sie sieht erschöpft aus, und zwar auf eine Art und Weise, die nichts mit einer kurzen Phase, sondern eher mit einer allumfassenden Lebensmüdigkeit zu tun hat. Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, ihr Alter einzuschätzen. Zwischen 45 und 65 scheint mir alles möglich.
„Guten Tag.“
Sie mustert mich schweigend. Als sie damit fertig ist, schleicht sich eine wärmende Veränderung in ihr Gesicht. Sie lächelt mich verhalten, fast zögerlich fragend, an.
„Sie wollen bestimmt zu Maik! Ich hol ihn, er arbeitet im Garten.“
Da der Hund immer noch kläfft und sich seine Wut sogar noch weiter steigert, habe ich sie kaum verstanden.
Gerade, als sie sich umdreht und gehen will, öffnet sich hinter ihr eine Tür und Maik tritt in den dunklen, engen Hausflur. Sein Blick registriert sofort den Karton in meinen Händen. Genau wie gestern lässt sich seiner Miene weder etwas entnehmen noch entlocken. Er trägt dieselbe Jogginghose, dazu jetzt allerdings schwere Arbeitsschuhe und einen warmen, blauen Wollpullover. Seine Hände stecken in Gartenhandschuhen, an denen feuchte Erde klebt.
Er streift sich die Handschuhe ab und legt sie auf eine Kommode, neben eine stattliche Anzahl von Porzellanfröschen. Die Frösche und der daneben stehende Mann passen auf so eklatante Art und Weise nicht zusammen, dass ich mich zwingen muss, nicht zu grinsen. Maik geht wortlos an der Frau vorbei und begrüßt mich mit einem Handschlag. Dann dreht er sich zu ihr um: „Lass uns alleine und geh mit Daland in den Garten. Er muss raus.“ Die Frau wendet sich sofort in Richtung der Tür, hinter der ich den erzürnten Hund vermute. Nicht allerdings, ohne mir vorher noch einmal einen verhuschten Blick zuzuwerfen. Ich nicke ihr zu. Als sie die Tür öffnet und sich hindurchzwängt, bietet sich mir ein Blick auf den Hund, der versucht, an ihr vorbei zu gelangen. Es ist ein American Pit Bull Terrier. Bevor es ihm tatsächlich gelingt, aus dem Zimmer auszubrechen, erhebt die eben noch verschüchtert wirkende Frau ihre Stimme und ich bin von deren plötzlicher Festigkeit und Lautstärke überrascht. „Ab, Platz!“ Der harte Befehl wirkt sofort. Das Tier lässt ab und verzieht sich in das Innere des hinter der Türe liegenden Raumes. Mehr bekomme ich nicht zu sehen, denn jetzt schließt sich die Tür.
Während ich die Szenerie verfolge, spüre ich, dass ich ebenfalls beobachtet werde. Maik lehnt mit verschränkten Armen an der Froschkommode und mustert mich. Jetzt springt mir die Ähnlichkeit der beiden Blicke, die mich so kurz hintereinander derselben Musterung unterzogen haben, entgegen. Ich bin mir nun ziemlich sicher, dass ich soeben Maiks Mutter kennen gelernt habe.
„Ich hoffe, du hast keine Angst vor Hunden.“ Was ich hinter seinen Worten verspüre, verärgert mich.
„Nein, ganz sicher nicht.“
„Was ist da drin?“
Ich zögere kurz – das reicht aus, um bei Maik eine Reaktion hervor zu rufen. Er löst seine Armhaltung und nickt in Richtung des Raumes, aus dem er selbst vor einigen Minuten in den Flur getreten war.
„Komm rein, ich schau´s mir an.“
Er geht voran. Als er die Tür, die bisher angelehnt stand, weit öffnet, blendet mich die Helligkeit des Raumes für einen kurzen Moment. Ich trete in das Zimmer und bin überwältigt. Nach der völligen Schmucklosigkeit der Hausfassade und der drückenden Enge des Eingangsbereiches, strahlt dieser Raum Wärme und Weite gleichzeitig aus. Zum Garten hin ist die komplette Wand verglast und mit einer Verandatür versehen. Dementsprechend flutet die Sonne den Raum, vor allem heute, wo sie noch einmal zeigen will, was sie zu bieten hat.
Der Raum ist groß und recht spärlich möbliert. Trotzdem geht kein Gefühl von Leere von ihm aus. Im Gegenteil. Jedes der Möbelstücke wirkt auf mich einladend. Ich wette, sie sind alle selbst gebaut oder restauriert. Dazu sind alle drei übrigen Wände mit Bildern bestückt, die offensichtlich selbst aufgenommen wurden und die Schönheit der hiesigen Landschaft zeigen. Alles zusammen ergibt eine Gesamtkomposition, die ich hier in Verbindung mit der vor mir stehenden Person so nicht vermutet hätte.
Natürlich sieht Maik mir diesen Gedanken an. Und ebenso selbstverständlich lässt er ihn kommentarlos im Raum stehen.
„Na, dann zeig ma´.“ Er nimmt mir den Karton ab und stellt ihn auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes steht. In diesem Moment fällt mir auf, dass das Vögelchen in den vergangenen Minuten keinen einzigen Laut von sich gegeben hat. Es scheint in seinem schwarzen Gefängnis erneut in eine Art Schockstarre verfallen zu sein. Maik nimmt den Deckel ab und bevor das Tier irgendeine Reaktion zeigen kann, hat er bereits seine rechte Hand über den Rücken der Schwalbe gelegt und drückt sie nach unten.
„Sie ist mir ins Wohnzimmer geflogen. Ich glaube, ihr Flügel ist gebrochen.“ Ich bin nah an Maik und den Karton heran getreten. Der Erdgeruch, den ich an ihm wahrnehme, lässt mich sofort an mein eigenes Beet denken und ich frage mich, welchem Ziel wohl seine Grabarbeiten dienen. Mein Blick geht durch die Glasfront nach draußen. Dort kann ich auf den ersten Blick nichts erkennen, was mir eine Erklärung liefern würde. Vor meinen Augen liegt ein unauffälliger Garten, typisch für die Umgebung. Nicht zu ordentlich, ein Gemüsebeet, eine Feuerstelle, zahlreiche Obstbäume und die obligatorische Magnolie. Ich schrecke kurz auf, als der Hund auf einmal um die Ecke wetzt. Er jagt einem Spielzeug hinterher, das ihm offensichtlich von Maiks Mutter geworfen wurde. Die Aufregung um mein Erscheinen ist völlig vergessen. Er genießt seine Bewegungsfreiheit und birst fast über vor Lebensfreude. Bei jeder Bewegung zeichnen sich seine Muskeln unter dem braunen Fell ab. Ein wunderschönes Tier, wie es dort auf dem Rasen selbstvergessen eine Art Tanz mit seinem Quietschetier aufführt.
Maik hat unterdessen die Schwalbe aus dem Karton herausgenommen. Der Griff, mit dem er sie in einer Hand festhält, wirkt – genau wie ich es erwartet habe – äußerst professionell. Mit der anderen untersucht er vorsichtig den lädierten Flügel. Das Tier verhält sich immer noch erstaunlich ruhig. Ich habe dein Eindruck, als bestünde zwischen dem Mann und dem Vogel eine Übereinkunft. Gerade als ich ansetzen will, um nach den Möglichkeiten zu fragen, dem Tier zu helfen, verändert sich der Griff von Maiks Hand um den Körper des Tieres. Er drückt blitzschnell zu und unterstützt seine Handlung noch mit der anderen Hand, die sich um den Hals des Vogels legt und ebenfalls zupresst. Das ganze dauert nur ein paar Sekunden, dem Tier bleibt nicht einmal mehr Zeit, einen Laut von sich zu geben.
Mein Herz überschlägt sich und das Bild vor mir beginnt sich radikal zu fokussieren, auf den Mann, der neben mir steht und den toten Vogel in seinen Händen hält. Ich blicke ihn an, unfähig, auch nur ein Wort zu formulieren. Er dreht sein Gesicht zu mir und schaut mir direkt in die Augen. Die Härte, die mich in diesem Moment fast physisch anspringt, lässt mich schwindeln. Ich ringe nach Luft, stolpere rückwärts und nehme hastig die kurze Strecke zur Tür. In der Dunkelheit des Flures stoße ich gegen die Kommode voller Frösche. Entfernt nehme ich wahr, dass einige von ihnen umfallen, irgendwo zersplittert Glas. Meine Hand greift nach der Haustür, ich falle fast die Eingangsstufen hinab. Dann beginne ich zu rennen.
„Scheiße!“
Ich trete mit Wucht gegen den Korb voller Äste und Holzscheite, der neben dem Kamin im Wohnzimmer steht. Mit einem heftigen Ruck rutscht er ein Stück über den Boden und hinterlässt eine Spur an kleinteiligen Holzabfällen. Mein rechter großer Zeh rächt meinen Wutausbruch sofort mit pochenden Schmerzen. Seufzend knie ich mich vor die Kaminluke und blicke durch die verrußte Scheibe ins Innere. Das Feuer, das soeben noch verheißungsvoll züngelte, ist erneut ausgegangen. Das Holzscheit, das jetzt, nachdem die Flammen Papier, Äste und Tannenzapfen gierig verschlungen haben, völlig nackt und verloren auf dem Aschegitter liegt, produziert nur noch Qualm.
Bevor ich die Luke öffne, stelle ich alles auf Durchzug. Trotzdem schlägt mir sofort eine beißende Rauchwolke entgegen. Mit der rechten Hand, die in einem Kaminhandschuh steckt, greife ich nach dem Scheit und hebe es auf. Hastig laufe ich zur Balkontür, öffne sie und werfe das Stück Brennholz auf die Holzplanken der Veranda. Als ich die Tür wieder schließen will, bleibt mein Blick an etwas auf der anderen Straßenseite hängen. Jemand steht neben der Straßenlaterne, die dort an der Straßenkreuzung nachts verunsicherten Ortsfremden den Weg weist. Da ich aus meinem Blickwinkel nicht erkennen kann, wer es ist, verändere ich meine Position leicht, achte allerdings darauf, nicht zu auffällig nach draußen zu schauen. Ich ahne, wer da steht und als ich endlich volle Einsicht habe, weiß ich nicht, ob es Verärgerung oder Erschrecken ist, was in mich fährt.
Maik lehnt an der Laterne und schaut in meine Richtung. Unbeweglich, außer der Hand, die eine Zigarette zum Mund führt. Eigentlich ist er zu weit weg, als dass ich es wirklich sehen könnte – trotzdem bin ich mir sicher, dass er, während seine Augen mein Haus ins Visier nehmen, nicht einmal blinzelt. Ich entferne mich langsam, ohne Hast, von der Tür und damit aus Maiks Sichtfeld. Als ich sicher bin, dass er mich nicht mehr sehen kann, setze ich mich auf den Fußboden und lege beide Hände schützend vor mein Gesicht. Diese Begrenzung hilft mir, meinen Atem zu spüren und drosselt ihn damit automatisch herunter. Mit wird warm. Ich fühle mich wie ein Tier in der Falle und habe keine Idee, wie ich dieser Ohnmacht begegnen soll. Also atme ich ruhig weiter und bleibe vorerst in meinem Versteck.
Irgendwann merke ich, wie sich aus meiner jämmerlichen Verzagtheit etwas herausschält, das ich ebenso gut kenne. Trotz. Steh auf, befehle ich mir selbst. Ich tue es, lasse meine Hände sinken und beginne, die Situation zu analysieren. Ich bin erwachsen, ich habe seine Nähe gesucht, trotz des Tattoos. Trotz dessen, was meinen Körper auch nach all der langen Zeit noch so stark reagieren lässt. Als mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, bemerke ich, wie sich mein Trotz in Richtung Wut aufmacht. Ohne mir groß im Klaren über meinen nächsten Schritt zu sein, verlasse ich das Wohnzimmer, schlüpfe in meine Gartenschuhe und reiße die Haustüre auf. Ich bin bereit, loszubrüllen, wenn es sein muss, ihn zu beschimpfen oder sogar auf ihn einzuschlagen. Aber der Impuls, der mich so plötzlich gepackt hat, verpufft auf der Stelle, als ich sehe, dass die Straßenecke sich mir menschenleer präsentiert. Weg. Die Laterne steht wieder verlassen da, wie ein Mahnmal einer langsam verschwindenden Infrastruktur in einer sterbenden Gegend. Ich verharre, meine rechte Hand umklammert noch immer den Türgriff. Langsam löst sich die Anspannung. Was willst du? Meine Augen suchen die Fassade seines Hauses, als könnte mir von dort eine Antwort entgegenschallen.
Mein Blick löst sich von Maiks Haus und wandert erneut mein näheres Umfeld ab. Noch einmal muss ich mich vergewissern, dass ich wirklich alleine bin. Da entdecke ich vor mir auf dem Boden etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein zusammengeschlagenes Taschentuch liegt vor meiner Tür, auf einer Seite mit einem kleinen Stein beschwert. Ich bücke mich und nehme den Stein auf. Dann schlage ich die eine Hälfte des Tuches zur Seite. Darunter finde ich, akkurat gerollt, eine selbstgedrehte Zigarette.
