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In diesem Buch erfahren Sie auf fundierte und praxisnahe Weise, wie Sie die Erkenntnisse der Epigenetik für Ihre persönliche Entwicklung und im Coaching nutzen können. Sie lernen beispielsweise, wie sich Belastungen neutralisieren, die Selbstheilung fördern und die Beziehungsfähigkeit nachhaltig stärken lassen. Die Epigenetik zeigt eindrucksvoll, wie unsere Gedanken, Lebensgewohnheiten und Umwelt unsere Genaktivität und damit unsere Gesundheit beeinflussen. Dieses Wissen ermöglicht es, aktiv Einfluss auf unser Schicksal zu nehmen und nicht machtlos den Genen ausgeliefert zu sein.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2024
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2024 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-559-1
ISBN e-book: 978-3-99146-560-7
Lektorat: Kristina Steiner
Umschlagabbildungen: Ssstocker, Illusart, udall30 | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Christopher Moser
www.novumverlag.com
Wichtige Hinweise
Dieses Buch ist ausschließlich für Informationszwecke gedacht. Es stellt keinen Ersatz für eine individuelle psychosoziale Beratung, Psychotherapie oder gar für eine medizinische Beratung und Behandlung dar. Es sollte auch nicht für solche Zwecke verwendet werden. Wenn Sie gesundheitliche Probleme haben, wenden Sie sich daher bitte an qualifizierte Expertinnen und Experten, bevor Sie selbst irgendwelche Maßnahmen ergreifen. Der Verlag und der Autor haften für keine nachteiligen Auswirkungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit den Informationen stehen, die in diesem Buch enthalten sind.
Die Informationen in diesem Buch wurden sorgfältig erwogen, recherchiert und aufbereitet, um Ihnen ein besseres Verständnis für verschiedenste psychologische und gesundheitswissenschaftliche Themen zu vermitteln sowie Ihnen Ideen für eine mögliche praktische Umsetzung zu liefern. Dabei hat sich der Autor bemüht, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Empfehlungen zu berücksichtigen sowie auf verlässliche Quellen zurückzugreifen. Dennoch kann weder der Autor noch der Verlag eine Garantie für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität der Inhalte dieses Buches übernehmen. Jeder psychosoziale und medizinische Fall ist einzigartig und erfordert eine individuelle Diagnose und Behandlung durch qualifizierte Fachkräfte.
Danksagung
Im Speziellen für meine Oma
Katharina Moser (1927–2022) und
im Allgemeinen für meine Eltern und sonstigen Ahnen
sowie
in Vorfreude für meine Kinder und Enkel
„Für gewöhnlich sieht der Mensch nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit; was er übersieht, sind die vollen Scheunen der Vergangenheit. Im Vergangensein ist nämlich nichts unwiederbringlich verloren, vielmehr alles unverlierbar geborgen.“
Vorwort
Der Titel „Entscheide selbst über dein Schicksal! Und bleib gesund“ hätte für dieses Werk nicht besser gewählt werden können. Denn beim Lesen dieses Buches wird uns Zeile für Zeile bewusst, welch machtvolle Einflussmöglichkeiten wir auf unsere Selbstheilungskräfte bis auf die Ebene der Gene haben. Und das durch die aktive Gestaltung unseres Lebensstils über verschiedenste Bereiche hinweg. Ob über unseren Geist, unseren Schlaf, die Gestaltung unseres sozialen Umfeldes und der familiären Beziehungen oder die Lösung transgenerationaler Übertragungen.
Die Wissenschaft der Epigenetik markiert einen bemerkenswerten Wandel in unserer Denkweise. Lange glaubten wir, den Genen schicksalhaft ausgeliefert zu sein. Als Arzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Einstellung eine ganze Gesellschaft prägt und Menschen dazu bewegt, die Verantwortung an Menschen im Außen abzugeben. Doch nun enthüllt uns die Epigenetik eine erhabene Wahrheit: Wir haben die Macht, unsere Genaktivität zu beeinflussen. Diese Erkenntnis verändert alles. So zeigt uns dieses Buch, dass wir nicht Opfer unserer Umstände sind, sondern Schöpfer unserer Gesundheit und Lebensqualität. Wir können bewusst Einfluss nehmen, unsere innere und äußere Landschaft gestalten und unsere Gesundheit bis auf Genebene aktiv fördern. Die Epigenetik eröffnet uns ein neues Kapitel der Selbstbestimmung und ermutigt uns, mit gestärktem Willen unsere Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen.
In einer Welt, die von den immer komplexeren Herausforderungen der Gesundheit geprägt ist, rückt der Autor mit diesem Buch die notwendige Neuausrichtung unseres Gesundheitsbewusstseins in den Fokus. Die klare Identifikation der gesundheitlichen Probleme der heutigen Zeit unterstreicht die Dringlichkeit eines wandelnden Ansatzes zur Prävention. Und genau das bietet uns dieses Werk.
Wir werden auf eine Reise genommen, die durch eine beeindruckende Tiefe und Klarheit in Bezug auf die komplexen wissenschaftlichen Grundlagen der Epigenetik gekennzeichnet ist. Die strukturierte Abfolge der Inhalte, spiegelt nicht nur die sorgfältige Planung des Autors wider, sondern auch seine profunde Expertise und Leidenschaft für dieses faszinierende Gebiet. Die spannend aufbereiteten und in einer verständlichen Sprache erklärten komplexen Themen machen dieses Buch zu einem Schatz für fachkundige Personen, Fachinteressierte und Personen mit Expertise.
Doch dieses Buch geht über die bloße Wissenschaft hinaus. Es zeigt anwendbare Maßnahmen, um unsere Genregulierung und Gesundheit gezielt zu beeinflussen. Diese ermutigenden Erkenntnisse eröffnen uns eine einzigartige Möglichkeit: Indem wir uns bewusst mit den Mechanismen unserer eigenen Genexpression auseinandersetzen, werden wir zu handlungsfähigen Gestalterinnen und Gestaltern unserer Gesundheit. Wir sind nicht länger passiv den Umständen ausgeliefert, sondern können eigenverantwortlich handeln. Die beschriebenen Strategien und Ansätze geben uns die Werkzeuge an die Hand, um aktiv Einfluss auf unsere Genaktivität und damit auf unser Wohlbefinden zu nehmen.
Dieses Buch ist ein Wegbereiter für eine neue Ära des Gesundheitswesens. Es zeigt den Weg hin zu einem Gesundheitsbewusstsein, das auf Ganzheitlichkeit, Prävention und individuelle Anpassung setzt. Indem es Brücken zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischer Anwendung schlägt, trägt dieses Buch dazu bei, die Gesellschaft für eine nachhaltige Veränderung zu sensibilisieren. Die Zukunft des Gesundheitssystems kann und sollte von der Aufklärung und Bewusstseinsbildung profitieren, die durch solche Werke angefacht wird.
In diesem Sinne ist dieses Buch nicht nur eine Bereicherung für die Wissenschaft, sondern auch ein kraftvoller Schritt in Richtung einer gesünderen und bewussteren Zukunft. Es ist eine Einladung, die Kontrolle über unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden in die eigenen Hände zu nehmen und die Potenziale der Epigenetik für unser Leben zu nutzen.
Es freut mich, zu sehen, wie einer meiner Schüler des Epigenetik-Coachings nun zum Lehrer für andere wird. Ich danke für die Hingabe und die großartige gemeinsame Vision, die beim Lesen dieses Buches deutlich wird: „Den Menschen die Eigenverantwortung für ihre Gesundheit zurück in ihre Hände zu legen“.
Dr. med. Manuel Burzler
Arzt und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Naturstoffmedizin, funktionelle Medizin und Epigenetik
TEIL 1: Eine neue Welt der Gesundheitsförderung und Prävention
„Die moderne Medizin ignoriert oft die Macht der Selbstheilungskräfte. Abgesehen von den körperlichen Faktoren kann die Psyche massiv auf die Biologie des Körpers einwirken und so diese Kräfte in Gang setzen.“ Joachim Bauer (*1951)
Bevor Sie in die neue Welt der Gesundheitsförderung und Prävention eintauchen, möchte ich Sie zunächst beglückwünschen, dass Sie dieses Buch in die Hand genommen haben! Sie werden nämlich mit diesem Buch in ein Themenfeld eingeführt, das in der Wissenschaft der letzten Jahre zu einem regelrechten Boom geführt hat. Und dennoch wird es mit Sicherheit erst der Anfang von etwas noch viel Größerem sein. Damit Sie aber erst einmal verstehen, warum ich dieser Auffassung bin, möchte ich Sie im ersten Teil zunächst auf ein paar gesellschaftliche Trends hinweisen und Ihnen ermöglichen, das Themenfeld des Buches im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention einzuordnen. Also, legen wir los und seien Sie gespannt!
KAPITEL 1: Die gesundheitlichen Probleme der Menschen von heute und inwiefern die Epigenetik zu ihrer Lösung beitragen kann
Wie Sie sicher schon selbst festgestellt haben, empfiehlt die Mehrheit aller Programme zur Prävention von Alters- und Volkskrankheiten im Großen und Ganzen ausreichend Schlaf, regelmäßige körperliche Aktivität sowie eine ausgewogene Ernährung. Dies tun sie natürlich nicht aus Jux und Tollerei, sondern durchaus aus gutem Grund: Denn so gut wie alle epidemiologischen Studien lassen keinen Zweifel daran, dass solche Lebensstilfaktoren unsere Gesundheit positiv beeinflussen können. Gleichzeitig ist jedoch erst äußerst wenig über die dabei zugrunde liegenden molekularbiologischen und physiologischen Prozesse bekannt. Das ist angesichts der jahrzehntelangen, ungemein hohen Forschungsaktivitäten in verschiedensten Bereichen aus der Medizin, Gesundheitswissenschaft, Pharmaindustrie, Biologie und weiteren Wissenschaften fast schon unglaublich, finden Sie nicht auch? Doch seien Sie beruhigt, es gibt Hoffnung: Dank einer verhältnismäßig noch recht jungen Wissenschaft scheint sich dieses Bild nämlich nun endlich zu verändern. Denn wie es aussieht, wurde in den letzten Jahren die entscheidende Schnittstelle zwischen Lebensstilfaktoren und Umwelteinflüssen einerseits sowie der Regulation der Gene in den einzelnen Organen und Zellen andererseits gefunden: Die Rede ist hier von der sogenannten Epigenetik. Das bessere Verständnis über die verantwortlichen molekularbiologischen und physiologischen Prozesse ist aber nicht der einzige Grund, warum diese Wissenschaft – vor allem in der Gesundheitsförderung – eine immer größere Bedeutung gewinnen wird. Da nämlich viele wesentliche epigenetische Markierungen bereits in sensiblen Prägephasen unserer Organentwicklung sowie in den ersten Jahren unseres Lebens bis zur Pubertät gesetzt werden, bekommt auch die Familie sowie alle mit ihr zusammenhängenden Faktoren wieder einen höheren Stellenwert im Zusammenhang mit der Gesundheitserhaltung von uns Menschen. Beim Lesen dieses Buches werden Sie feststellen, dass es für die spätere Gesundheit und Persönlichkeit der Kinder und Enkel äußerst wichtig ist, dass nicht nur diese selbst, sondern auch schon deren Eltern einen gesunden Lebensstil pflegen sollten, indem sie beispielsweise ein förderliches psychosoziales Klima unterhalten und sich gesundheitsbewusst ernähren. Denn für eine möglichst erfolgreiche Gesundheitsförderung lautet die Botschaft der Epigenetik klar, dass sich sämtliche gesellschaftlichen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung speziell dann doppelt bis dreifach auszahlen, wenn bereits bei den werdenden Eltern und jungen Familien angesetzt wird und nicht erst später bei den erwachsenen Menschen. Das heißt, werden Eltern schon früh – am besten schon vor oder ab ihrem Kinderwunsch – in deren Gewohnheitsbildung zu einem gesunden Lebensstil unterstützt, ist es gut möglich, dass sich dies sogar noch drei oder mehr Generationen später auszahlt (vgl. Spork, 2019b/2020).
An wen sich das Buch richtet und was Sie sich als Leserin und Leser davon erwarten dürfen
Dieses Buch setzt daher bei all diesen Erkenntnissen der Epigenetik an und richtet sich grundlegend an alle Menschen, die etwas für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden tun wollen. Ganz speziell ist dieses Buch aber Familien gewidmet, die präventiv Maßnahmen ergreifen wollen, die die Resilienz, Lebenserwartung, Gesundheit und Persönlichkeit ihrer Liebsten steigern und fördern. Und da sich die österreichische Lebens- und Sozialberatung (LSB) im Sinne der Salutogenese genau an den Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen der Gesundheit orientiert und insbesondere die psychosoziale Beratung dazu da ist, um zwischenmenschliche Beziehungen zu fördern, die Persönlichkeit zu entwickeln sowie Lebensstil und Umwelt zu gestalten, sehe ich es nicht nur als große Chance für die Gesellschaft, sondern als essenziell notwendig und wichtig an, dass sich die LSB der Erkenntnisse der Epigenetik annimmt und mit diesem neuen Wissen die Menschen dabei unterstützt, nachhaltig gesund zu bleiben. Aus diesem Grund richtet sich mein Buch besonders auch an meine Kolleginnen und Kollegen, die in psychosozialen Berufen oder Heilberufen tätig sind und in ihrer beruflichen Praxis gerne die Erkenntnisse der epigenetischen Forschung integrieren möchten. Die von mir vorgestellten praxisorientierten Gestaltungsideen sollen ihnen als eine Art Leitfaden dienen, wie sie die Erkenntnisse der Epigenetik bestmöglich an die Menschen vermitteln können, die sie auf dem Weg zu einem gesünderen Leben unterstützen.
Falls Sie sich nun als Leserin oder Leser fragen, warum ich meine diesbezüglichen Ideen in aller Öffentlichkeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen teile, so möchte ich nochmals auf meine vorige Einleitung in den ersten Teil meines Buches hinweisen: Ich sehe die Epigenetik als den entscheidenden Schlüssel für eine neue Welt der Gesundheitsförderung und Prävention. Sie zeigt uns, dass wir selbst die Kontrolle über unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden haben und die Potenziale der Epigenetik für unser Leben und das unserer Liebsten nutzen können. Sie ist es, die uns Menschen den Weg für eine neue Ära des Gesundheitswesens bereitet. Und durch sie kann es uns gelingen, eine Bewegung hin zu verstärkter Prävention und einem tieferen Verständnis für unsere eigene Gesundheit anzufachen. Um allerdings so ein neues Gesundheitsverständnis in der Gesellschaft zu verankern und eine Welt zu schaffen, in der sich jeder Mensch bis ins hohe Alter gesund und glücklich halten kann, in der es jede Familie schafft, ein stabiles, liebevolles und erfülltes Familienleben zu leben und in der sich alle Menschen ihrer einzigartigen Identität und Schöpferkraft bewusst sind, ist es nötig, dass dieses Wissen geteilt wird. Deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, nicht nur interessierten Laiinnen und Laien einen Einblick in die Wissenschaft der Epigenetik zu gewähren, sondern auch meinen Kolleginnen und Kollegen einen Leitfaden an die Hand zu geben, der ihnen hilft, andere Menschen professionell und mit Herz unterstützen zu können. Nur gemeinsam können wir eine Revolution unseres Gesundheitsbewusstseins entfachen. Ich freue mich, wenn Sie Teil dieser Revolution werden – ob als Mensch mit allgemeinen Interesse an Epigenetik oder als Fachexpertin oder Fachexperte, die bzw. der andere Menschen unterstützt, dieses Wissen in die alltägliche Praxis umzusetzen!
Bevor ich mich als Epigenetik-Coach allerdings selbst an die Umsetzung eines solchen Programms gemacht und als Autor ans Schreiben dieses Buches gesetzt habe, stellte ich mir zu Beginn vor allem folgende zentrale Frage:
„Wie lassen sich die Erkenntnisse der Epigenetik, Neurowissenschaft und Psychologie in einem Coaching wirksam in die Praxis umsetzen, um Einzelpersonen und Familien nachhaltig gesund zu halten?“
Wie Sie als Leserinnen und Leser dieses Buches bemerken werden, habe ich mich zur Beantwortung dieser Frage verschiedenster Ansätze und Modelle angenommen und daraus einen neuen Ansatz konzipiert. Dieser Ansatz integriert sowohl die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, Neurowissenschaft und Psychologie als auch einige etablierte Ansätze und Modelle aus dem Coaching, der psychosozialen Beratung sowie der Psychotherapie.
Sofern Sie also mit Ihrer beruflichen Tätigkeit einer psychosozialen, gesundheitswissenschaftlichen Berufsgruppe oder einem Heilberuf angehören, freut es mich außerordentlich, dass Sie dieses Buch nun in Ihren Händen halten. Die Unterstützung, die Sie Menschen mit Ihrem daraus gewonnenen Wissen und mit Ihrer professionalen Arbeit geben können, ist von unschätzbarem Wert. Ich danke Ihnen daher schon jetzt dafür. Das Buch soll und wird Ihnen ein in sich schlüssiges und dennoch umfangreiches theoretisches Konzept bieten, das die Grundlage für die praktische Umsetzung dieses neuen Wissens schafft. Für eine glückliche und friedvolle Gesellschaft im Allgemeinen und für gesunde Familien im Speziellen.
Sollten Sie sich aus einem anderen Grund für das Lesen dieses Buches entschieden haben, beispielsweise weil Sie sich für die Wissenschaft der Epigenetik interessieren oder Sie einfach „nur“ ein langes, gesundes, glückliches und erfülltes Leben führen möchten, darf ich Ihnen ebenso gratulieren: Sie werden in diesem Buch nicht nur einen guten, ersten Überblick über die Themenfelder der Epigenetik bekommen, sondern auch viele nützliche Tools und Hinweise erhalten, die Sie selbst für sich und Ihre Familie anwenden können, um Obiges zu erreichen.
Generell ist das Buch dazu gedacht, dieses großartige Wissen in das Bewusstsein möglichst vieler Menschen – insbesondere in jenes von angehenden und jungen Eltern – zu bringen, damit ihnen zurückgegeben wird, was ihnen lange Zeit genommen wurde: ihr Schöpfertum.
Das heißt, Sie werden auf den nächsten paar Hundert Seiten Antworten auf vielerlei zentrale Problem- und wissenschaftliche Fragestellungen in diesen Bereichen bekommen. Um Ihnen allerdings schon jetzt eine Vorstellung zu geben, was Sie beim Lesen dieses Buches noch alles erwarten wird, hier ein paar beispielhafte Fragen, die Sie auf weiterführende Ideen bringen werden. Außerdem werden Sie wahrscheinlich sogar konkrete Antworten von mir bekommen.
Was ist überhaupt Epigenetik und warum sollte sich die LSB der neuesten Erkenntnisse dieser Wissenschaft bedienen?Welche Themenfelder kann und sollte ein Epigenetik-Coaching-Programm in der LSB behandeln?Inwiefern und wie wirkt sich ein Epigenetik-Coaching auf Körper, Geist und Seele aus?In welchem Setting könnte ein Epigenetik-Coaching aufgebaut sein, um möglichst vielen Menschen, insbesondere Familien, eine Unterstützung zu sein?Welche Tipps und Tricks sowie Werkzeuge kann ich selbst jederzeit für meine Familie und mich nutzen, um möglichst lange gesund zu bleiben?Die heutigen Trends in der Gesellschaft und welch ein großes Geschenk die Epigenetik für uns Menschen ist
Die vorhin erläuterte zentrale Frage, die ich mir als Autor dieses Sachbuches gestellt habe, erscheint aufgrund zahlreicher Trends höchst aktuell. Denn im Gesundheitswesen und in der Gesellschaft ist der Drang nach einer Entlastung der Ärzteschaft immer spürbarer und Eigenverantwortung und Prävention gewinnen immer mehr an Bedeutung. Zudem wünschen sich viele Menschen eine ganzheitlichere, verständlichere Betrachtung von Gesundheit und Krankheit, als es die Schulmedizin in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Generell wird das Verlangen nach einem bewussteren Umgang mit Lebensressourcen immer lauter. Innerhalb der einzelnen wissenschaftlichen Strömungen kommt es immer häufiger zur Forderung, wieder mehr Synergien unter den Wissenschaften zu bilden (vgl. Bauer, 2018; Covey, 2020; Dahlke, 2014; Hertz, 2018; Janisch, 2020; Noonan Gores, 2019; Lipton, 2021; Zander-Schreindorfer, 2021).
Welch großes Geschenk also, dass die Epigenetik seit den letzten zwanzig Jahren solch einen Aufschwung erlebt und uns seither Dutzende bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse geliefert hat. Sie stößt auf Grundlage neuester, molekularbiologischer und psychologischer Erkenntnisse die etablierte Überzeugung um, dass das Genom ein unabwendbares Schicksal ist, und ermöglicht ein besseres Verständnis davon, welche konkreten Auswirkungen unsere Umwelt und unser individuelles wie kollektives Verhalten auf unsere Gesundheit haben. Sie erlaubt zudem eine genauere Bestimmung der Ursachen unterschiedlichster Volkskrankheiten und zeigt auf, wie wir durch unseren Lebensstil und durch ein gutes soziales Umfeld die Aktivität unserer Gene steuern und damit uns und unseren Nachkommen den Weg für ein gesundes und zufriedenes Leben ebnen können. Denn gute Gene sind kein Zufall – wir können selbst über unser Schicksal entscheiden und gesund bleiben (vgl. de Rosnay, 2020; Mansuy et al., 2020).
KAPITEL 2: Was ist Epigenetik-Coaching? Einordnung des interdisziplinären Ansatzes zur Gesundheitsförderung und Prävention in die österreichische Lebens- und Sozialberatung
Da Epigenetik-Coaching Disziplinen wie Biologie, Genetik, Gesundheitswissenschaft, Medizin, Psychologie, Salutogenese, Psychosomatik, Soziologie, Diätologie, Physiologie, Neurowissenschaft, Quantenphysik sowie systemische Beratung und Coaching miteinander verbindet und es sich bei dieser Form des Coachings um einen äußerst neuen Coaching-Ansatz handelt, nach dem in der Praxis noch kaum gearbeitet wird, nehme ich an, dass Sie sich als Leserin und Leser womöglich noch kaum etwas darunter vorstellen können. Deshalb möchte ich Sie auf den nächsten Seiten zunächst an diesen neuen Begriff heranführen. Es wird Ihnen dadurch möglich werden, diesen neuen Coaching-Ansatz in die bestehende Coaching-Landschaft einzuordnen (vgl. Bauer, 2018; De Rosnay, 2020; Kegel, 2021; Lipton, 2021; Mansuy et al., 2020; Spork, 2019a; Stöcher, 2020a; Zander-Schreindorfer, 2021). Sie werden erfahren, wie die LSB und Coaching – hier insbesondere Epigenetik-Coaching – zusammenhängen, warum Epigenetik-Coaching enorme Chancen und Möglichkeiten im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention bietet und warum ich der Auffassung bin, dass dieses Themenfeld nicht nur für Heilberufe spannend ist, sondern speziell die österreichische LSB dafür prädestiniert ist, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und sie in ihre berufliche Praxis zu integrieren. Beginnen wir also zunächst mit einer Vorstellung der österreichischen LSB.
Die österreichische Lebens- und Sozialberatung und wie sie sich mit ihrem Fokus auf Salutogenese von Heilberufen unterscheidet
Die LSB gilt in Österreich neben der Medizin, Psychotherapie und Psychologie als die vierte Säule der Gesundheitsvorsorge und bietet in ihren drei zentralen Fachbereichen, der ernährungswissenschaftlichen, sportwissenschaftlichen und psychosozialen Beratung, eine Vielfalt an Leistungen an. Im Gegensatz zur Schulmedizin und anderen Heilberufen fokussieren sich jedoch alle drei zentralen Beratungsfelder der LSB nicht auf die Pathogenese, also die Entstehung und Behandlung von Krankheiten, sondern auf die durch den israelisch-amerikanischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky geprägte sogenannte Salutogenese, die sich an den Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen der Gesundheit orientiert (vgl. Janisch, 2020; Schiffer, 2001; Spork, 2019a; Steinmaurer, 2020).
Was Gesundheit ist und warum die Lebens- und Sozialberatung die Erkenntnisse der Epigenetik miteinbeziehen sollte
Wir Menschen sind lange Zeit davon ausgegangen, dass unsere Gesundheit schlichtweg da ist, so als ob unsere Biologie von selbst für unser Gesundsein sorgt. Doch diese Sichtweise würde bedeuten, dass wir unseren Genen ausgeliefert sind, ganz im Sinne alter Sprüche wie „Da kannst du nichts machen. Das hast du von deinen Eltern geerbt. Das liegt in deinen Genen“. Diverse Krankheiten und der Charakter eines Menschen sind aber nicht nur das Ergebnis aus Zufall, gegenwärtigem Lebensstil und genetischem Schicksal. Ebenso wenig ist Gesundheit ein starrer, unflexibler Zustand. Und ganz und gar nicht ist Gesundheit lediglich die Abwesenheit oder das Gegenteil von Krankheit. Solche Beschreibungen bringen unsere Gesellschaft lediglich in eine Opferhaltung. Sie tragen jedoch nicht dazu bei, dass wir selbst pro-aktiv in ständiger Auseinandersetzung mit unserer Lebenswelt die besten Voraussetzungen für ein freudiges, gesundes Leben mit reichlich konstruktiven sozialen Kontakten bis ins hohe Alter gestalten. Denn wenn wir glauben, dass wir unseren Genen ausgeliefert sind, gibt es ja schließlich nichts, was wir in unserem Leben zu verändern brauchen. Wir tauschen mit so einer grundlegend destruktiven Einstellung unsere Verantwortung gegen ein paar Tabletten, die zwar die Symptome von Krankheiten bekämpfen, deren Ursache wir aber häufig ignorieren (vgl. Burzler & Janisch, 2021; Spork, 2019a).
Gesundheit kann und sollte daher viel mehr als die Anpassungsfähigkeit von Körper und Geist an eine sich stets verändernde, nicht selten gefahrvolle und angriffslustige Umwelt gesehen werden: sprich als eine prozesshafte, aktive Leistung unseres Organismus, positiv auf Belastungen zu reagieren, damit wir für künftige Herausforderungen besser gewappnet sind. Denn aus der neuesten Forschung – insbesondere aus den Erkenntnissen der Epigenetik – wissen wir mittlerweile, dass sich molekularbiologische Strukturen in den Zellen unentwegt als Reaktion auf Umwelteinflüsse verändern, sich unsere Zellen an Umwelteinflüsse und die Folgen des eigenen Lebensstils erinnern und wir neben unseren Genen sogar erworbene Umweltanpassungen vererben (vgl. Spork, 2019a). Das heißt, die Epigenetik liefert uns Antworten, die die Genetik bisher nicht liefern konnte. Sie wird federführend durch die Umwelteinflüsse eines Individuums geprägt. Dies ist eine äußerst aufbauende Erkenntnis der Wissenschaft, denn die Gestaltung unserer Umwelt können wir beeinflussen (vgl. Burzler & Janisch, 2021).
Doch obwohl sich in unserem Gesundheitswesen und in der Gesellschaft zwar ohnehin bereits ein gewisser Perspektiven- und Paradigmenwechsel hin zu mehr Eigenverantwortung und Prävention sowie hin zu einem bewussteren Umgang mit Lebensressourcen vollzieht (vgl. Herz, 2018), liegt der Fokus der Schulmedizin leider nach wie vor auf der Erkennung und Behandlung von Krankheiten. Auch in den Köpfen der Menschen ist diese Wahrnehmung fest verankert. Die neuen Erkenntnisse aus der Epigenetik, die den Menschen wieder ihr für lange Zeit genommenes Schöpfertum zurückgibt, sind bisher leider noch nicht zu allen Menschen durchgedrungen. Auch nicht beim Großteil der Schulmediziner. Das ist schade, denn der Medizin fällt es noch immer nicht leicht, Volkskrankheiten zu verstehen oder gar effektiv zu behandeln. Viele Risikofaktoren für solche komplexen Krankheiten – wie die geerbten Genvarianten, unausgewogene Ernährung, mangelnde Bewegung, geringer Wohlstand sowie Alkohol- und Nikotinkonsum – sind zwar schon sehr lange bekannt, doch es wurden bislang besonders wichtige Faktoren weitgehend übersehen, und zwar die Art und Weise, wie die Gene in den einzelnen Zellen unseres Körpers reguliert werden sowie die frühe Prägung und die generationsüberschreitende Vererbung von Umweltanpassungen. Genau diese Erkenntnisse aus der Epigenetik und Genregulationsforschung sind es aber, die die Biomedizin und die Psychologie gerade so grundlegend verändern und uns zum Umdenken veranlassen sollten. Wenn wir uns diesen neuen Begriff von Gesundheit zu eigen machen, werden wir auch einen anderen Kurs in unserer Gesundheitspolitik einschlagen, den Fokus auf die Salutogenese verlagern und vielleicht sogar unser Leben ändern (vgl. Spork, 2019a).
Ich sage damit nicht, dass die Pathogenese unwichtig ist oder durch die neuen Erkenntnisse unwichtig werden wird. Ganz im Gegenteil. Selbstverständlich werden die Schulmedizin und andere Heilberufe für ein solides und funktionierendes Gesundheitssystem und ein möglichst langes Leben der Menschen nach wie vor notwendig und wichtig bleiben, denn vor allem akut lebensbedrohliche Krankheitsbilder sind oft sofort allopathisch zu behandeln; beispielsweise durch Medikamente, die durch Unterdrückung der Krankheitssymptome die Gefahr bannen, das Leben erhalten und dies in aller Regel auch verlässlich schaffen. Dennoch bin ich wie Antonovsky der Auffassung, dass der Fokus zuerst auf die gesunde Entwicklung allen Lebens – also auf die Salutogenese – gelegt werden und erst im zweiten Schritt die Pathogenese ergänzend hinzugezogen werden sollte. Ich plädiere daher nicht für eine Alternative zur Medizin, sondern für eine Synthese der unterschiedlichsten Fachdisziplinen, die es schafft, auf Basis einer gemeinsamen Philosophie von Krankheit und Gesundheit die verschiedensten Methoden zu kombinieren und so dem Menschen in seiner jeweiligen Situation am sinnvollsten und effektivsten dient (vgl. Dahlke, 2014; Petzold, 2010; Spork, 2019a).
Gerade weil uns die sensationellen Forschungsergebnisse der letzten Jahre eine völlig neue Sicht auf unsere Gesundheit bieten und sich die LSB der Vorbeugung von Krankheiten und Förderung der Gesundheit widmet, spreche ich mich auch stark dafür aus, dass sich Lebens- und Sozialberaterinnen bzw. Lebens- und Sozialberater diese neuen Erkenntnisse aus der Epigenetik zunutze machen sollten, um Coachees noch zielgerichteter dabei unterstützen zu können, zu einem gesunden Lebensstil zu finden und diesen nachhaltig zu bewahren. Die Chancen, die sich uns allen damit bieten, sind jedenfalls überwältigend. Wir können durch die Integration dieses Wissens in unser Handeln nicht nur unsere eigene Gesundheit und die unserer Coachees ein Stück weit selbst erschaffen, sondern auch schon heute eine ganze Menge für die Gesundheit der Gesellschaft von morgen tun. Denn die Molekularbiologie konnte Zellen mittlerweile so genau erforschen, dass sich in jeder Zelle ein Gedächtnis und eine Identität nachweisen lässt. Sprich, unsere Widerstandskraft und Persönlichkeit wird Stück für Stück durch die äußerst geschäftige und effizient organisierte Gemeinschaft unserer intelligenten Zellen aufgebaut. Sie arbeiten ebenfalls in Synergie miteinander und erinnern sich an Umwelteinflüsse und die Folgen des eigenen Lebensstils. In ihnen sind die Erfahrungen unserer Vorfahren ebenso gespeichert wie die Erlebnisse aus der Zeit unserer Geburt und weitere Gegebenheiten unseres bisherigen Lebens. Das erklärt, warum uns manche Einflüsse aus der Vergangenheit für den Rest unseres Lebens prägen und wie es möglich ist, dass der Lebensstil unserer Vorfahren – etwa ihre seelischen Belastungen oder ihre Ernährungsgewohnheiten – auch über unser eigenes Wohlergehen mitentscheidet. Durch diese und weitere wissenschaftliche Erkenntnisse ist es daher nun mehr denn je möglich zu zeigen, wie das Leben unsere Gene prägt und warum unsere Persönlichkeit und Widerstandskraft Produkte der permanenten Erbe-Umwelt-Interaktion sind (vgl. Spork, 2019a). Speziell psychosoziale Berufsgruppen sollten diese Erkenntnisse den Menschen, mit denen sie arbeiten, vermitteln, um ihre menschlichen Selbstheilungskräfte zu stärken und ihre Selbstheilungskompetenz nach Kräften zu fördern. Einer, wenn nicht der beste Ansatz dazu, ist meines Erachtens ein Epigenetik-Coaching.
Warum auch die psychosoziale Beratung mit Epigenetik zu tun hat
Wenn von Epigenetik die Rede ist, würde wahrscheinlich keiner als Erstes daran denken, dass diese Wissenschaft mit psychologischer Beratung oder Psychotherapie in Verbindung gebracht werden kann. Tatsächlich wird der Einfluss von psychosozialen Faktoren auf diverse epigenetische Phänomene auch erst seit ein paar Jahren untersucht. Allerdings mit bahnbrechenden Erkenntnissen: Denn Dutzende psychische Erkrankungen – von einer erhöhten Anfälligkeit für Stress über Angststörungen und Depressionen bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) – sind seither durch epigenetische Ursachen erklärbar. Sie ergeben sich in der Regel durch nachteilige Lebensumstände, wie aufgrund einer Traumatisierung oder Vernachlässigung (vgl. Röntgen, 2017). Zudem konnte in den letzten Jahren anhand diverser Studien gezeigt werden, dass Psychotherapie tatsächlich sowohl auf die Seele als auch auf unzählige neurobiologische Strukturen wirkt (vgl. Bauer, 2018; Mansuy et al., 2020). So schreibt etwa der angesehene Internist, Psychiater und Professor für Psychosomatische Medizin des Universitätsklinikums Freiburg, Joachim Bauer, in seinem Buch „Das Gedächtnis des Körpers“ Folgendes:
„Psychotherapie kann dazu führen, dass sich neurobiologische Veränderungen, die sich begleitend zu einer seelischen Gesundheitsstörung entwickelt haben, zurückbilden.“
(Bauer, 2018, S. 220)
Wenn also die pathologische Psychotherapie dazu führt, dass sich neurobiologische Veränderungen, die sich bereits zu einer psychischen Erkrankung entwickelt haben, zurückbilden, so kann meines Erachtens auch die These aufgestellt werden, dass eine salutogene psychosoziale Beratung das Entstehen neurobiologischer Veränderungen verhindert und damit eine seelische Gesundheitsstörung gar nicht erst aufkommen lässt. Denn wie in der psychotherapeutischen Behandlung geht es auch in der psychosozialen Beratung, wie der Name schon vermuten lässt, um dieselben Phänomene, die mit psychischen und sozialen Themen behaftet sind: Probleme im Umgang mit Gefühlen, Trauer um geliebte Menschen, Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder Familie, Herausforderungen bei der Erziehung der Kinder, Hürden im Umgang mit Sexualität, Verlust des Selbstwertes, mangelnde Selbstliebe, Angst, seelische Erschöpfung, Verlust der Lebensfreude, psychische Belastungen durch körperliche Erkrankungen oder körperlich ausgelöste seelische Störungen. Sprich, sämtliche psychosozialen Phänomene haben in aller Regel mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun. Die Symptome stehen in zweifacher Hinsicht mit zwischenmenschlichen Beziehungen in einem Zusammenhang: Einerseits beeinflussen die genannten Symptome, so sie denn vorhanden sind, immer und unvermeidlich die Beziehungen zu anderen Menschen. Andererseits ist es beim Großteil der Fälle aber auch so, dass Erfahrungen in sozialen Beziehungen an der Entstehung seelischer Symptome beteiligt waren (vgl. Bauer, 2018).
Da diese zwischenmenschlichen Beziehungen erheblich in uns hineinwirken, beeinflussen sie nicht nur die seelische Sphäre von uns Menschen, sondern – über unser Gehirn – auch unsere Gene, biologischen Funktionen sowie sämtliche körperlichen Strukturen unseres Organismus. Es sollte uns daher nicht verwundern, dass soziale Beziehungen sowohl zur Entstehung und Aufrechterhaltung diverser Symptome beitragen als auch einen wesentlichen Ansatzpunkt in der psychosozialen Arbeit darstellen (vgl. Bauer, 2018). Für die Gesundheit und das Wohlbefinden von uns Menschen ist es deshalb essenziell, Probleme und Symptome frühzeitig, am besten gleich beim ersten Auftreten wahr- und wichtig zu nehmen und sie – im Sinne der Psychosomatik – über ihre (Be-)Deutung einer Lösung zuzuführen, bevor das Thema, für das sie stehen, sich verkörpern kann und in unseren Zellen gespeichert bleibt (vgl. Dahlke, 2014). Genau in einer solchen vorbeugenden Gesundheitsfürsorge sehe ich Lebens- und Sozialberaterinnen bzw. Lebens- und Sozialberater in der Verantwortung, ihre Coachees professionell zu unterstützen.
Was man in Österreich unter psychosozialer Beratung versteht
Psychosoziale Beraterinnen und Berater – früher auch psychologische Beraterinnen und Berater genannt – bieten Menschen, die in schwierigen Situationen stecken oder von Entscheidungsproblemen geplagt werden, eine professionelle Beratung, Betreuung und Begleitung zu allen Themen und Problemen des täglichen Lebens an. Sie unterstützen ihre Coachees bei einer aktiven und positiven Lebensgestaltung, der Stärkung von Widerstandskraft und Resilienz, der Prävention von Stress und Burnout sowie bei der generellen Steigerung von Wohlbefinden und Glück. Es handelt sich somit um eine verantwortungsvolle und äußerst vielschichtige Tätigkeit, die verständlicherweise eine längere, gesetzlich klar vorgeschriebene, teils universitäre wie auch praxisorientierte Ausbildung erfordert, die vor der selbstständigen Ausübung auch von der Gewerbebehörde überprüft wird. Daher darf erst nach der Befugnis lt. § 119 der Gewerbeordnung in Österreich das gebundene, reglementierte Gewerbe der LSB ausgeübt werden. Die geschützte Berufsbezeichnung bietet den Coachees somit Klarheit und Transparenz, denn sich im Dschungel der Soziallandschaft mit all den psychosozialen und gesundheitsbezogenen Angeboten zurechtzufinden, ist gar nicht so einfach. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es noch keine gesetzlichen Vorschriften zur Ausbildung und Ausübung in der psychosozialen Beratung gibt, können sich also Coachees bei österreichischen psychosozialen Beraterinnen und Beratern darauf verlassen, dass sie eine qualitativ hochwertige und professionelle Unterstützung bekommen, die wissenschaftlich fundiert ist, bei der nach ethischen Standesregeln gearbeitet wird und bei der die Privatsphäre der Coachees aufgrund strenger gesetzlicher Regeln geschützt bleibt (vgl. Janisch, 2020).
Was Coaching bedeutet und in welchem Zusammenhang es zur Lebens- und Sozialberatung steht
Im Gegensatz zu den Berufsbezeichnungen „Psychologin/Psychologe“, „Psychotherapeutin/Psychotherapeut“, „Psychiaterin/Psychiater“ und „psychosoziale Beraterin/psychosozialer Berater“ ist „Coachin/Coach“ ein nicht geschützter Titel ohne einheitlich geregelte Ausbildung und daher ein recht inflationärer Begriff. Er stammt vom englischen Wort „coach“ ab und bezeichnete zunächst tatsächlich nur eine Kutsche. Etwas später war mit dem Wort der Kutscher selbst gemeint. Er hatte die Aufgabe, die Pferde zu betreuen und sie schnellstmöglich und sicher ans Ziel zu lenken. Diese Beschreibung eines Coaches trifft im Allgemeinen auch heute noch zu. Kurz gesagt ist eine Coachin bzw. ein Coach jemand, der eine Person begleitet, um auf dem effizientesten Weg von A nach B zu kommen. Das Ziel gibt jedoch die bzw. der Coachee selbst an. Daher kam Coaching lange Zeit vor allem im (Leistungs-)Sport zur Anwendung, denn beim Coaching geht es nicht um das Training an sich, sondern es bietet den Coachees eine sehr umfangreiche und intensive Betreuung, Beratung und Motivierung an, damit sie Spitzenleistungen erbringen können. Es verwundert daher nicht, dass dieses Konzept in der heutigen Wettbewerbsgesellschaft auch auf viele andere Bereiche übertragen wird und sich die Anwendungsformen immer stärker diversifizieren (vgl. Roth & Ryba, 2022).
Generell kann Coaching nicht frei angeboten werden, wenn es im Zusammenhang mit einer Tätigkeit steht, die klar gesetzlich geregelt ist. Somit kommt es beim Coaching auf die Tätigkeit an, die ausgeübt wird, um zu bestimmen, in welchen Kompetenzbereich es fällt. Innerhalb dieses Bereichs ist es dann den jeweiligen Berufsgruppen vorbehalten. Neben dem Psychotherapiegesetz und dem Psychologengesetz ist Coaching in Österreich gewerberechtlich auch in der LSB verankert. Somit kann Coaching als eine Subkategorie der LSB angesehen werden und fällt klar in deren Kompetenzbereich (vgl. Prohaska, 2016).
Wenn ich daher in der Folge schlicht von „Coachin“ bzw. „Coach“ spreche, meine ich damit immer Personen, die – zumindest in Österreich – entweder der Berufsgruppe der LSB, der Psychotherapie, der Psychologie oder der Psychiatrie zugehören und ein solches hier vorgestelltes Epigenetik-Coaching auch gesetzlich klar anbieten dürfen.1 In anderen Ländern, in denen die gesetzlichen Regelungen nicht so streng sind wie in Deutschland, gelten andere Rahmenbedingungen. Grundsätzlich befürworte ich aber die österreichische, strengere Gesetzeslage stark. Denn wer mit Körper, Geist und Seele der Menschen arbeitet, sollte auch das nötige Rüstzeug besitzen, das nötig ist, um Menschen in sämtlichen psychologischen und gesundheitlichen Belangen professionell zu unterstützen. Strenge gesetzliche Vorgaben sowie eine gesetzliche Regulierung, die dafür sorgt, dass nur jene Menschen solche Dienstleistungen anbieten dürfen, die die dafür vorgeschriebene Ausbildung absolviert haben, erachte ich daher als wertvolles Qualitätsmerkmal und als wichtigen Hinweis für Menschen, die nach einer solchen Unterstützung suchen. Besonders betonen möchte ich natürlich, dass speziell jene Professionistinnen und Professionisten, die sowohl ein umfassendes und tiefes Verständnis über die molekularbiologischen und physiologischen Abläufe unseres Körpers verfügen, als auch eine fundierte, psychosoziale Ausbildung absolviert haben, ganz besonders dafür prädestiniert sind, als Epigenetik-Coachin bzw. Epigenetik-Coach tätig zu werden. Warum? Weil speziell sie es sind, die das nötige Gespür und Können haben, das erforderlich ist, um Menschen bei Veränderungsprozessen professionell zur Seite zu stehen. Sie sind Profis darin, ihre Coachees bei deren Weg zu einem gesünderen und selbstwirksameren Selbst zu unterstützen. Dies ist zentral, denn ohne ein gesundheitsförderliches Verhalten steigt das Risiko für mögliche Krankheiten.
Zurück zum Anfang: Der Versuch, Epigenetik-Coaching zu definieren, und warum es so bedeutend für die Gesundheitsförderung und Prävention der Menschen ist
Da es sich beim Epigenetik-Coaching um ein Coaching handelt, das die Coachees dabei unterstützt, einen gesunden Lebensstil zu finden und diesen nachhaltig zu bewahren, ist es aus meiner Sicht ein individuelles und ganzheitliches Gesundheitscoaching, bei dem der Fokus klar auf die Salutogenese gelegt wird und damit speziell in den Aufgabenbereich der LSB fällt. Ähnlich wie Zander-Schreindorfer (2021) ihr systemisches Gesundheitscoaching sieht, stufe ich Epigenetik-Coaching als eine professionelle, ziel- und ressourcenorientierte Förderung gesundheitsförderlicher Kompetenzen ein, das sich zum Ziel setzt, Menschen auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen. Es soll sie dabei begleiten, im Organismus proaktiv eine individuelle und einzigartige Balance (wieder-)herzustellen sowie die Anpassungsfähigkeit von Körper und Geist auf eine sich stets wandelnde Umwelt zu fördern, damit sie und ihre Nachfahren für künftige Herausforderungen besser gewappnet sind. Beim Coaching werden durch die Aktivierung der Potenziale, die Fähigkeiten und inneren Ressourcen der Coachees erlebbar gemacht. Dies dient ihrer Neuorientierung, ihrem Lebenswandel, ihrer Verhaltensänderung und ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Im Einzelnen bedeutet Epigenetik-Coaching demnach
Bewusstmachung, welche Lebensstilfaktoren was im Körper bewirken und wie man negative Belastungen vermeiden oder ausgleichen kann,Gedanken und Gefühlsarbeit,Stärken zu stärken,Schwächen zu schwächen,in Veränderungsprozessen professionell zu begleiten,Entwicklungs- und Wachstumsprozesse zu fördern,Themen, Probleme, Fähigkeiten und Lösungen zu entdecken,innere Konflikte zu lösen,neue Perspektiven zu entdecken,Lösungsbrücken zu bauen,Schritte zum Ziel zu entwickeln,einschneidende Erlebnisse zu entlasten sowietransgenerationale Übertragungen aufzudecken und Maßnahmen für diese abzuleiten, um sie weder für sich selbst noch für nachfolgende Generationen in den Genen zu aktivieren.Kurz gesagt repräsentiert Epigenetik-Coaching also genau den weiter oben beschriebenen Perspektiven- und Paradigmenwechsel, der sich zurzeit in unserem Gesundheitswesen und in der Gesellschaft allgemein vollzieht: und zwar hin zu mehr Eigenverantwortung und Prävention sowie zu einem bewussteren Umgang mit Lebensressourcen (vgl. Herz, 2018).
KAPITEL 3: Exkurs: Worauf sich der Inhalt dieses Buches (nicht) fokussiert
Wie eingangs bereits beschrieben, verbindet Epigenetik-Coaching verschiedenste Disziplinen miteinander, weshalb die Handlungsfelder sehr vielfältig und komplex sind (vgl. Bauer, 2018; De Rosnay, 2020; Kegel, 2021; Lipton, 2021; Mansuy et al., 2020; Spork, 2019a; Stöcher, 2020a; Zander-Schreindorfer, 2021). Es ist daher notwendig, innerhalb des Epigenetik-Coachings zuerst den theoretischen Bezugsrahmen zu präzisieren sowie eine deutliche thematische Eingrenzung zu erreichen.
Hierbei möchte ich Sie zunächst noch einmal explizit darauf hinweisen, dass mit diesem Konzept weder Heilversprechen für Krankheiten gegeben noch solche therapiert werden. Die Form des Epigenetik-Coachings, wie ich es hier in diesem Buch für die LSB beziehungsweise insbesondere für psychosoziale Beraterinnen und Berater konzipiert habe, richtet sich klar an Menschen, die etwas für ihre Gesundheit tun und diese weiter optimieren möchten. Es geht darum, Schwächen und Belastungen zu erkennen, bevor sie zu Problemen werden, sowie darum, Coachees dabei zu unterstützen, einen gesunden Lebensstil zu finden und diesen nachhaltig zu bewahren. Kurz gesagt geht es um die Arbeit mit und am gesunden Menschen im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Da dieses Buch also vor allem auf den Fachbereich der psychosozialen Beratung zielt, ist es des Weiteren notwendig, viele andere Themenfelder innerhalb der Epigenetik außen vorzulassen oder sie allenfalls nur in aller Kürze zu streifen. Eine Verknüpfung sämtlicher Disziplinen würde höchstwahrscheinlich selbst in einer gesundheitswissenschaftlichen Dissertation den Rahmen sprengen. Nicht näher eingegangen wird daher auf die Wissenschaft der sogenannten Nutri-Epigenetik, die sich damit beschäftigt, wie eine vorteilhafte Ernährung im Sinne der Epigenetik konkret aussehen soll. Ebenso verhält es sich mit der Wissenschaft der sogenannten Physio-Epigenetik, die sich – wie der Name schon sagt – mit der Physis, also unserem Körper und unseren körperlichen Interventionen sowie deren positive Wirkung auf unsere Epigenetik beschäftigt. Ich empfehle allerdings sowohl den ernährungswissenschaftlichen als auch den sportwissenschaftlichen Beraterinnen und Beratern, sich in ihren Fachgebieten ebenso mit den neuesten Erkenntnissen der Epigenetik zu beschäftigen und diese in ihre Beratungen mit Coachees einzubeziehen, denn es gibt auch hier bereits bahnbrechende neue Erkenntnisse und Tools, durch die Menschen beim Gesundbleiben unterstützt werden können. So ist es heutzutage beispielsweise bereits möglich, aufgrund von DNS-Testergebnissen das individuelle Trainingsprogramm zu optimieren und/oder viel zielgerichtetere, personalisierte Empfehlungen hinsichtlich Ernährung und Gewichtskontrolle zu geben, als dies noch ohne die Erkenntnisse aus der Genetik und Epigenetik der Fall war. Auch das sogenannte Biohacking empfinde ich als einen äußerst spannenden Teilbereich innerhalb der Physio-Epigenetik, auf den jedoch hier in dieser Arbeit nicht eingegangen wird. Ebenso nicht Teil dieses Sachbuches sind Vitamin D und dessen Bedeutung für diverse Prozesse im Körper sowie die Themen rund um die sogenannte mitochondriale Medizin2, Entgiftung und Umweltmedizin. In diesen Bereichen sind großteils labordiagnostische Untersuchungen sowie ärztliche Therapien notwendig, weshalb Coachees im Rahmen eines Epigenetik-Coachings auf diese Themen zwar hingewiesen werden, die Diagnostik und Therapie sollte bzw. muss jedoch in Kooperation mit darauf spezialisierten Labors sowie Ärztinnen und Ärzten vorgenommen werden.
1 Ebenso möchte ich hier erwähnen, dass ich in der Folge auch den Begriff „Coachee“ als Synonym für „Klientinnen und Klienten“ (von solchen spricht man in der LSB) sowie für „Patientinnen und Patienten“ (von solchen spricht man in Heilberufen, wie in der Psychotherapie) verwende. Mir ist bewusst, dass dies fachlich nicht ganz korrekt ist. Sowohl aus Gründen der Lesbarkeit als auch im Sinne des hier vorgestellten „Epigenetik-Coaching“-Begriffes erachte ich diese Vorgehensweise allerdings für Sie als Leserinnen und Leser als einfacher und greifbarer. Es ist jedenfalls nicht meine Absicht, damit unter den verschiedenen Berufsgruppen für Unmut zu sorgen, Kompetenzen zu untergraben oder unnötige Verwirrung hervorzurufen.
2 Die Mitochondrien sind die Energiekraftwerke der Zellen und in fast jeder Körperzelle vorhanden. Sie produzieren den Hauptbestandteil unserer Energie in Form von ATP und können Fettsäuren abbauen, Harnstoff entgiften, als Calciumspeicher fungieren oder gar den programmierten Zelltod – die sogenannte Apoptose – einleiten und damit unsere Organe und Zellen gesund halten. Wer sich diesbezüglich näher einlesen möchte, dem sei hier zum Einstieg beispielsweise das Buch „Mitochondrientherapie – die Alternative“ von Bodo Kuklinski und Anja Schemionek (2020) empfohlen.
TEIL 2: Das wissenschaftliche Fundament der Epigenetik
„Die Epigenetik macht uns neue Hoffnung, dass auch wir uns verwandeln können, dass wir Macht über unser Erbgut haben. Das Potenzial für ein gesundes, langes Leben und für eine einnehmende Persönlichkeit steckt höchstwahrscheinlich in den Genen der meisten Menschen. Man muss nur den Weg finden, es abzurufen.“ Peter Spork (*1965)
Damit Sie meine späteren Ausführungen zum Epigenetik-Coaching verstehen, unternehme ich in den nun folgenden Kapiteln zunächst den Versuch, Ihnen einen kurzen Umriss zum wissenschaftlichen Fundament der Genetik und Epigenetik sowie zu den wichtigsten epigenetischen Mechanismen und Effekten zu geben. Sie werden also erfahren, seit wann und inwiefern wir Menschen uns schon mit diesem Themenfeld befassen, woraus wir Menschen bestehen und entstehen, wie epigenetische Mechanismen das immer gleiche Erbgut flexibel machen, wie Krankheiten ausgelöst werden und welche Auswirkungen sogenannte SNPs auf uns haben.
Das klingt spannend? Ist es auch! Bevor Sie sich nun aber voller Begeisterung diesen Kapiteln zuwenden, möchte ich Sie gleich vorab noch auf Folgendes hinweisen: Ich habe für Sie zum besseren Verständnis viele der vorkommenden und für Sie als Leserin und Leser vermutlich zu einem großen Teil noch neuen Begriffe im Glossar dieses Buches noch einmal in wenigen, kurzen Worten erläutert. Blättern Sie also gerne ab und zu zum Glossar nach hinten und schlagen Sie dort noch einmal den einen oder anderen Begriff nach. Sie ersparen sich damit wahrscheinlich viel Zeit und Mühe. Jeden Begriff im Internet nachzuschlagen, ist daher nicht notwendig.
KAPITEL 4: Ein kurzer historischer Background zur Genetik und Epigenetik sowie eine Begriffsdefinition der beiden Wissenschaften
Die klassische Genetik mit ihren Vererbungsgesetzen wurde durch den Augustinermönch Gregor Johann Mendel (1822–1884) begründet und beschäftigt sich mit der genetischen Information, die in der DNS gespeichert ist. Sie beschreibt, wie die Genetik zu bestimmten Phänotypen führt und an Nachkommen weitergegeben wird. Ein Phänotyp bezeichnet das Aussehen, das Verhalten oder auch die molekularen Eigenschaften eines Organismus, eines Menschen oder einer Zelle (vgl. Ennis, 2018; Lehnert et al., 2018).
Die Geschichte der Epigenetik lässt sich wiederum nicht so genau datieren wie jene der Genetik, denn die ursprüngliche Definition der Epigenetik (oder besser „Epigenese“) bezog sich auf den Mechanismus der embryonalen Entwicklung, den schon der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) als „die allmähliche Bildung eines Embryos von einem amorphen Ausgangspunkt aus“ (Ennis, 2018, S. 29) beschrieb. Des Weiteren wurden schon vor vielen Hundert Jahren epigenetische Phänomene beobachtet und die Idee geboren, dass erworbene Eigenschaften vererbbar sind und diese die Veränderung der Arten im Laufe der Zeit mitgestalten. So mutmaßte beispielsweise schon im 18. Jahrhundert der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829), dass es einen Mechanismus geben müsse, durch den sämtliche Lebewesen die Eigenschaften, die sie während ihres Lebens erwerben, an nachfolgende Generationen vererben können, und dass sie sich auf diese Art und Weise nicht nur selbst an ihre Umwelt anpassen, sondern letztlich auch die Evolution vorantreiben können (vgl. Lehnert et al., 2018). Doch obwohl der Lamarckismus lange Zeit populär war, wies er einige Mängel auf, die damals noch nicht erklärbar waren. Als daher 50 Jahre nach Lamarcks Formulierung der sogenannten weichen Vererbung der britische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) in seinem Werk „Die Entstehung der Arten“ seine Theorie über die natürliche Selektion veröffentlichte und durch Mutationen im Genom bestätigt werden konnte, dass zufällige Variationen im Erbgut und eine natürliche Auswahl vorteilhafter Genvarianten die Evolution vorantreiben, galt Lamarcks Vererbungstheorie im Wesentlichen lange Zeit als diskreditiert. Erst ab ca. Mitte des 20. Jahrhunderts wandten sich Forscherinnen und Forscher wieder der Epigenesetheorie zur embryonalen Entwicklung zu. Ein Verfechter dieser Theorie war der britische Entwicklungsbiologe Conrad H. Waddington (1905–1975), der als Begründer des heutigen Begriffs „Epigenetik“ gilt, da er in einer 1942 veröffentlichten Arbeit den älteren Begriff „Epigenese“ mit „Genetik“ zum neuen Wort „Epigenetik“ verschmolz. Doch erst die Entdeckung der epigenetischen Vererbung in den späten 1990er-Jahren konnte Lamarcks Evolutionstheorie wieder so richtig zum Leben erwecken. Forscherinnen und Forschern gelang es nach und nach einige der molekularen Mechanismen zu dekodieren, die den Lamarck’schen Phänomenen zugrunde liegen. Speziell die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Rahmen des internationalen Humangenomprojekts (HGP) im Jahr 2003 rückte die Epigenetik wieder in den Fokus der Wissenschaft. Seither verzeichnet dieses Forschungsfeld wieder einen regelrechten Boom, denn das HGP, dessen Ziel es unter anderem war, das komplette menschliche Genom zu dechiffrieren, war zwar ein Erfolg, doch es lieferte trotz vollständiger Dekodierung nicht alle erhofften Antworten auf die Fragen des Lebens. So war eine der größten Überraschungen dieses großen Forschungsprojektes, dass nur drei Prozent unseres Genoms tatsächlich in Proteine übersetzt werden, was also bedeutet, dass mit der Genetik nur ein Bruchteil der komplexen Vorgänge im Körper erklärt werden kann. Die übrigen 97 Prozent hängen davon ab, wie die Gene gesteuert werden, also wann, wo und wie stark sie aktiv sind und wie viele unterschiedliche Proteine aus einer mRNS hergestellt werden können (vgl. Ennis, 2018; Kegel, 2021). Sprich, die Epigenetik liefert uns Erkenntnisse, die uns die Genetik nicht liefern kann. Unsere Epigenome werden maßgeblich durch die Umwelteinflüsse, denen wir uns aussetzen, geprägt, wodurch sie sich im Laufe unseres Lebens auch verändern (können). Sie reagieren auf das Klima, die Nahrung, den biologischen Stress, das Bewegungsverhalten und einiges mehr. Gute Beispiele hierfür sind unter anderem eineiige Zwillinge: Sie teilen sich zwar dieselbe DNS-Sequenz, doch wenn jeder der beiden einen anderen Lebensstil pflegt, werden sie sich epigenetisch gesehen im Laufe ihres Lebens immer ungleicher (vgl. Ennis, 2018; Spork, 2019b).
Eine neuere gängige Definition der Epigenetik lautet daher folgendermaßen: „Epigenetik ist die Weitergabe erworbener Information ohne Veränderung der DNA-Sequenz.“ (Spork, 2019b, S. 22) Da es allerdings nicht nur um die Übertragung der Information, sondern auch um deren Speicherung im Gedächtnis der Zelle geht, könnte man den Begriff vielleicht sogar noch weiter fassen und sagen, dass die Epigenetik die Weitergabe erworbener molekularbiologischer Umweltanpassungen ist, die nicht in der DNS-Sequenz gespeichert sind. Denn Nervenzellen leben erfahrungsgemäß bis wir sterben und sie teilen sich nie. Dennoch können sie epigenetische Programme beständig einfrieren und aufbewahren (vgl. ebd.). Das Leben hinterlässt demnach molekularbiologische Spuren in unseren Zellkernen. Es verändert das Zellgedächtnis und vererbt so die Muster an nachfolgende Generationen weiter. Um den Unterschied zwischen Genetik und Epigenetik noch besser zu versinnbildlichen, kann man einen Computer heranziehen: Die Genetik steht hierbei für die Hardware des Computers und hält den Bauplan für unsere Zellen und somit für unseren gesamten Körper bereit. Die Epigenetik hingegen entscheidet, wie unsere DNS abgelesen wird, und kommt in diesem Beispiel der Software gleich. Sie hat demnach die Macht darüber, welche Gene aktiviert werden und welche Gene stumm geschalten bleiben (vgl. Burzler & Janisch, 2021).
KAPITEL 5: Die Entwicklung von Stammzellen zu differenzierten Zellen
Wie im vorigen Abschnitt bereits angesprochen, hat sich die Epigenetik historisch gesehen zunächst auf den Mechanismus der embryonalen Entwicklung bezogen. Ein Embryo besteht im Anfangsstadium aus nur einer einzigen Zelle: der sogenannten Zygote (= befruchtete Eizelle). Diese teilt sich anschließend und bringt schließlich sogenannte pluripotente Stammzellen hervor, die das Potenzial haben, sich in jeden spezialisierten Zelltyp, der in unserem Körper vorkommt, zu entwickeln. Somit kann aus diesen frühen Stammzellen ein ganzer Organismus sowie sämtliche Gewebe, die für die embryo-fetale Entwicklung erforderlich sind, entstehen. Im weiteren Verlauf der Embryonalentwicklung bilden die Zellen des sogenannten Embryoblasten drei Keimblätter, aus denen schließlich die verschiedenen Organe unseres Körpers entstehen: das Ekto-, Meso- und Endoderm. Im Gegensatz zu den pluripotenten Stammzellen im frühen Embryo sind die Zellen der drei Keimblätter nur noch multipotent, was bedeutet, dass sie sich nur noch zu Zellen des jeweiligen Keimblattes entwickeln können. So kann eine Stammzelle des Ektoderms (= äußeres Keimblatt) beispielsweise keine Leberzelle mehr bilden, weil dies eine Aufgabe des Mesoderms (= mittleres Keimblatt) ist. Dieses Entwicklungspotenzial der Zellen schränkt sich im Verlauf der Embryoentwicklung immer mehr ein, sodass die Zellen im Laufe der Differenzierung nur noch den unipotenten Zustand erreichen. Das heißt, sie können sich in diesem Zustand nur noch zu einem spezialisierten Zelltyp des jeweiligen Keimblattes entwickeln, zum Beispiel zu einer Zelle des Nervensystems (vgl. Lehnert et al., 2018).
Damit ein funktionierender Körper entstehen kann, müssen sich also die richtigen Zellen zur richtigen Zeit am richtigen Ort bilden. Dieses Potenzial von Stammzellen und ihrer Entwicklung zu spezifischen Zelltypen wird neben den Genen auch durch epigenetische Mechanismen reguliert. Diese bewirken, dass Gene, die zur Spezialisierung eines Zelltyps notwendig sind, angeschaltet und Gene, die für diesen Zelltyp nicht gebraucht werden, ausgeschaltet sind. Was die Wissenschaft nun aber in den letzten Jahren herausgefunden hat und das Ganze so spannend macht ist, dass diese Regulation auch dann noch funktioniert, wenn die Entwicklung des Embryos bereits abgeschlossen ist. Dies geschieht dann nicht, um einen bestimmten Zelltyp entstehen zu lassen, sondern damit sich die Zellen an veränderte Bedingungen anpassen können (vgl. ebd.). Um allerdings die bei der Steuerung der Gene beteiligten Mechanismen gut zu verstehen, ist es zunächst notwendig, ein paar Grundlagen der Genexpression zu erklären.
KAPITEL 6: Von der DNS zum Protein: die Etappen der Genexpression
Wie wir durch das HGP erfahren haben, machen die codierenden Gene nur einen Bruchteil des menschlichen Genoms, das die Gesamtheit des menschlichen Erbguts darstellt und aus rund drei Milliarden Buchstaben besteht, aus. Der überwiegende Teil besteht aus nicht codierenden Sequenzen. Die DNS-Sequenzen der Gene beinhalten alle Informationen, durch die die Bildung der Proteine ermöglicht wird. Diese sind unsere Bausteine des Lebens. Die DNS ist ein langes Makromolekül, das beim Menschen etwa zwei Meter misst. Es setzt sich aus zwei Fäden zusammen, die die Struktur der bekannten Doppelhelix bilden. In dieser Doppelhelix ist der genetische Code gespeichert. Die darin enthaltene genetische Information hängt von der Reihenfolge von vier organischen Molekülen ab, die die DNS-Sequenz bilden. Jeweils zwei davon sind kompatibel zueinander, wodurch nur folgende Paarungen möglich sind: Guanin (G) mit Cytosin (C) und Adenin (A) mit Thymin (T). Diese vier chemischen Basen binden sich an Phosphor-Zuckermoleküle, indem sie Nukleotide ausbilden. Erst das Zusammentreffen dieser vier Buchstaben ermöglicht es, wie in einem Roman die Wörter des Satzes und mit den Sätzen das Buch des Lebens zu bilden. Diese Wörter oder Sätze sind nichts anderes als eine Metapher für unsere Gene. Jeder Strang der DNS produziert eine aus Nukleotiden gebildete Sequenz, die danach in Ribonukleinsäure (RNS) übersetzt wird, die wiederum, um das Protein zu synthetisieren, unerlässlich für das Leben ist. Die RNS kann sämtliche Eigenschaften der DNS übertragen. Wenn sich die Zelle teilt, bildet sie neue Stränge aus, die perfekte Kopien desselben genetischen Codes sind. Somit ist die duplizierte DNS mit dem Original identisch. Das Protein, das sich in der Zelle ausdrückt, überträgt demnach den Phänotyp – also die Summe aller Merkmale und Eigenschaften – auf den Organismus. Hierbei kann es unter Umständen auch vorkommen, dass die Kopie Irrtümer enthält. Dass sich also beispielsweise die Base Cytosin mit Thymin zusammentut, weil sie daran gehindert wurde, sich mit Guanin zu paaren. Ist so etwas der Fall, spricht man von genetischen Mutationen (vgl. de Rosnay, 2020; Mansuy et al., 2020). Die Genexpression, also die Entschlüsselung seiner Sequenz und des Codes, den das Gen enthält, um Proteine zu bilden, verläuft in zwei Schritten (vgl. Lehnert et al., 2018; Mansuy et al., 2020).
Erster Schritt: die Transkription
Im ersten Schritt der Genexpression wird aus der DNS-Sequenz eines Gens RNS synthetisiert. Diese Synthese findet im Zellkern statt. Von der mRNS (messenger RNS bzw. Boten-RNS) ist die Rede, wenn diese von einem codierenden Gen stammt, weil die DNS in eine entsprechende Kopie transkribiert (= umgeschrieben) wird, die die für die Bildung eines Proteins nötige Information wie ein Bote weitergibt. Nachdem die DNS in eine Rohkopie, die sogenannte Prä-mRNS, transkribiert wurde, werden bestimmte regulative Sequenzen entfernt, die nach der Transkription nicht mehr benötigt werden. Dieser Prozess nennt sich Spleißen. Sobald der Reifungsprozess abgeschlossen ist, verlässt die mRNS den Zellkern, während das DNS-Original genau dort in seinem ursprünglichen Zustand erhalten bleibt. Hier ist es wichtig zu wissen, dass die mRNS den für die Bildung der Proteine nötigen Code zwar enthält, aber nicht nur DNS-Sequenzen, die codierende Gene sind, transkribiert werden. Denn die DNS zwischen den Genen – sprich die Sequenzen –, die die nicht codierenden Gene enthalten, wird ebenfalls transkribiert und bildet eine große Menge an RNS-Molekülen. Da dieser Teil der RNS nicht codierend ist, führt er nicht zu Proteinen (vgl. Mansuy et al., 2020).
Zweiter Schritt: die Translation
