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Ist es die eigene Seele wert, seine Menschlichkeit zu opfern? Eine Seele für alle Seelenlosen. Kira weiß nicht, wie sie diese Aufgabe bewältigen soll. Bis sie ein Buch erhält, indem sich alle Antworten befinden sollen. Dieses ist jedoch in einer fremden Sprache verschlüsselt. Um es übersetzen zu können, begeben sich Kira, Kayden und Keegan auf eine gefährliche Reise, bei der sie sich mehr als einmal fragen müssen, wie weit sie bereit sind zu gehen. Wird Kira den Träger ihrer Seele töten, um ein ganz normales Leben zu führen?
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Danksagung
Über die Autorin
GedankenReich Verlag
Denise ReichowHeitlinger Hof 7b30419 Hannover
www.gedankenreich-verlag.de
ENTSEELT - DAS SEELENBUCH
Text © Celine Trotzek, 2019
Cover & Umschlaggestaltung: Tina Köpke
Lektorat & Korrektorat: Sandra Florean, Enrico Frehse
Satz & Layout: Phantasmal Image
Innengrafiken: © ShutterstockeBook: Grittany Design
(eBook) ISBN 978-3-96443-748-8
© GedankenReich Verlag, 2019
Alle Rechte vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Gefühllos.
Jeder andere verband damit einen Menschen, der egoistisch handelte und dabei nicht auf seine Mitmenschen achtete.
Für mich war es mein Leben. Wenn ich nicht gerade in Kaydens Nähe war, dann hüllte mich eine innere Kälte ein, die es mir nicht möglich machte, jemanden zu lieben oder zu hassen. Aber wenigstens hatte ich noch Verstand.
Tja, und dieser hätte mir fast das Leben gekostet.
Vor zwei Tagen wurde ich vor die Wahl gestellt, ob ich meine Eltern sterbenlassen wollte oder mich selbst opferte. Ich entschied mich für Variante zwei. Nur durch Glück, und weil weniger Macht als gewöhnlich in der Engelsklinge war, überlebte ich.
Eine Engelsklinge war die einzige Waffe, die einen Seelenlosen umbringen konnte, wenn man von der Enthauptung absah. In ihr befand sich eine Macht, die Abwehrsysteme im Körper aktivierten, die zu unserem Tod führten.
Das größte Problem entstand, als meine biologischen Eltern mich zu einer Mission schicken wollten. Die Seelen aller Seelenlosen gegen die Freiheit meiner Eltern. Der Clou daran war, dass nicht einmal die Ausgestoßenen, die Seelenlosen, die aufgrund ihrer Einstellung und Taten nicht länger als ein Teil von uns angesehen wurden, wussten, wo ich anfangen sollte. Und sie befassten sich bereits seit vielen Jahrhunderten mit diesem Thema.
Die vergangenen zwei Tage verbrachte ich mehr damit, mich zu kurieren, als zu recherchieren. Und mit Kayden. Aus irgendeinem Grund sahen Ethan und Helen ihn nicht mehr als Gefangenen an und er durfte sich genauso frei wie ich bewegen.
Also mit Begleitung und nur innerhalb des Gebäudes.
Die meiste Zeit saß er neben mir und sah mir dabei zu, wie ich schlief, oder berührte tagsüber unabsichtlich meine Hand oder Oberschenkel. Jedes Mal durchfuhr mich dieses Kribbeln und ich konnte mich nicht mehr auf etwas anderes konzentrieren.
Kurz zusammengefasst: Wir hingen fast die ganze Zeit mit den Lippen aneinander.
»Kira«, hauchte Kayden in mein Ohr.
Ich presste mich noch fester an sich und strich mit seiner Zunge meinen Hals entlang. An meinem Ohr angekommen knabberte er an meinem Ohrläppchen. Ich seufzte.
Mein Verstand hatte sich bereits vor mehreren Minuten abgeschaltet. Irgendwo zwischen seinem Knurren und den Küssen in meinem Nacken und Hals.
»Kayden«, stöhnte ich, als ich seine Zunge auf dem Ohrläppchen spürte.
Zwischen meinen Schenkeln begann es zu ziehen. Die Fantasien gingen mit mir durch. Wenn es sein musste, würde ich es sogar auf dem Schreibtisch tun.
»Ich kotz gleich«, sagte Keegan.
Wir fuhren auseinander. Kayden lachte, wohingegen ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. Mein Bruder sollte sich angewöhnen zu klopfen.
»Ich hab ja im Prinzip nix dagegen, aber bitte nicht so.« Keegan fuchtelte mit seinen Händen in der Luft herum. »Küssen ist okay, aber das?«
»Das nennt man auch Oralsex«, erwiderte Kayden.
»Oh. Mein. Gott.«
Beide Jungs sahen mich an und lachten.
»Schön, dass euch das amüsiert.«
Das war der Nachteil daran, dass ich in Kaydens Gegenwart Gefühle empfinden konnte. Mich vor meinem Bruder zu schämen, weil ich mit Kayden rumgemacht hatte, gehörte leider dazu.
Kayden legte seinen Arm um meine Taille und zog mich wieder zu sich heran. »Es ist zwar süß, wenn du rot wirst, aber nötig ist es nicht. Dein Bruder kommt nicht vom Mond.« Er küsste mich auf den Scheitel.
Deswegen war es nicht weniger peinlich.
Ich räusperte mich. »Warum bist du hier, Keegan? Gibt es ein Problem?«
Sein Blick wurde ernster. »Unsere Eltern erwarten uns. Eine ganze Versammlung, ehrlich gesagt. Sie wollen das weitere Vorgehen besprechen.«
Mit uns meinte Keegan nicht nur ihn und mich, sondern auch Kayden. Bei ihm wussten sie auch noch nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Die einen wollten, dass er zurück in Gefangenschaft kam, die anderen hielten es nicht länger für nötig.
Seufzend wandte ich mich an Kayden. »Bereit?«
Er nickte.
Gemeinsam verließen wir mein Zimmer und steuerten auf denselben Gang zu, wo ich meine Eltern das erste Mal außerhalb meines Traumes sah. Nur hielten wir an einem Raum links, dessen Türen massiv aus Metall gearbeitet waren und nur mit einem Türcode geöffnet werden konnte. Keegan gab eine sechsstellige Ziffer ein, die ich mir nie hätte merken können.
»Mutter und Vater haben mir diesen Code eingeprägt«, erklärte er.
Die Tür öffnete sich. Was ich dann sah, ließ mich nichts Gutes erahnen.
In der Mitte des Raumes stand ein schwerer Eichentisch. Dieser allein nahm den halben Raum ein. Links und rechts befanden sich Sitzecken, auf denen aber niemand saß.
Denn alle standen um dem Tisch herum. Mindestens fünfzig Leute, die sich nun gleichzeitig zu uns umdrehten, als wären wir die neue Zooattraktion.
»Willkommen in der Höhle des Löwen«, flüsterte Keegan mir zu. Als etwas anderes hätte ich diesen Raum auch nicht bezeichnet.
»Wie rührend. Man muss nur eine Tür aufdrücken und schon sehen einen alle an«, stellte ich fest.
»Muss wohl an mir liegen«, erwiderte Kayden.
Ich sah zu ihm. »Ego-Check Kayden.«
Er grinste.
Ethan trat aus der Masse von Ausgestoßenen heraus. Selbst jetzt hielt ich noch immer nicht viel von ihm. Seine Drohung, ich solle den Ausgestoßenen die Seele zurückbringen, sonst würden meine Eltern sterben, fand ich schrecklich.
Er hob seine Hände. »Willkommen. Wir haben auf euch gewartet. Setzt euch, dann können wir anfangen.«
Damit meinte er, dass wir uns bei Helen niederlassen sollten, die neben ihm stand. Auf der anderen Seite befanden sich drei Plätze. Dahinter saß Alden.
Uns hätte es nicht schlimmer treffen können.
Keegan ging voraus und setzte sich neben Helen. Kayden brauchte auch nicht lange und ließ sich neben Alden nieder. Also setzte ich mich zwischen die beiden Jungs.
»Also«, begann Ethan, »ihr alle wisst, dass wir seit Ewigkeiten daran arbeiten, jedem von uns seine Seele zurück zu bringen. Wir wissen, dass dies möglich ist, wir dafür aber erst einmal die richtige Seele finden müssen. Deirdre hat bereits erforscht, wie wir diese Seele finden können, erzielte aber nicht das gewünschte Ergebnis. Daher habe ich einen anderen Plan.«
Es blieb still, während sich Helen sichtlich verkrampfte.
Ethan deutete mit einer Hand zu uns. »Sie werden eine Lösung finden. Egal, wie lange es dauert. Egal, was diese Lösung beinhaltet.«
Gemurmel ging durch die Menge, welche mit einem Handschlag von Ethan wieder ausgelöscht wurde.
»So. Ich weiß, einige von euch vertrauen diesen Kindern nicht. Aber lasst euch gesagt sein, dass sie keine andere Wahl haben. Dafür habe ich gesorgt. Sie werden sich bald auf den Weg machen und erst zurückkehren, wenn sie wissen, wie wir unsere Seelen zurückbekommen, ohne selbst jahrelang auf die Suche gehen zu müssen. Zwischendurch werde ich mich informieren, wie es vorangeht.«
Kayden neben mir presste die Kiefer aufeinander. Auch Keegan ballte die Hände zu Fäusten. Ich blieb erstaunlich gelassen, auch wenn eine gewisse Unsicherheit in mir sein Zuhause suchte.
Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. In den meisten Situationen war es von Vorteil, gefühllos zu sein. So auch in Klausuren. Es war mir immer von Nutzen gewesen, weil sie mich nicht stressen konnten oder ich nicht kurz vorm Durchdrehen war. Niemand hatte so wenig Fehltage wie ich.
Ein Mann mit pechschwarzem Haar und ebenso dunklen Augen stand auf. »Können diese Kinder denn kämpfen?«
Kämpfen? Wozu soll ich denn kämpfen?
Ethan sah zuerst Keegan an. »Ich habe meinem Sohn früh das Kämpfen beigebracht. Und die Leute im Camp lehren ihren Schülern auch, wie man kämpft.«
»Aber erst später«, meldete sich Kayden zu Wort. »In den ersten Wochen lernt bei uns keiner, sich zu verteidigen.«
Genau genommen war ich die Einzige, die nicht kämpfen konnte.
Ethan sah Kayden gelassen an. »Das heißt, dass Kira nicht einmal Selbstverteidigung gelernt hat?«
»Wofür auch«, murmelte ich.
»Solange war sie noch gar nicht bei uns. Also nein. Aber wir können es ihr beibringen. Wir brauchen nur ein paar Wochen, ehe-«
»Nein! Wir dulden keinen Aufschub mehr«, widersprach Ethan.
Nun packte Helen ihn am Arm. »Aber, Ethan. Sie ist unsere Tochter und du möchtest sie ungeschützt auf diese Mission schicken? Sei doch nicht leichtsinnig!«
Ich verstand noch immer nicht, wozu ich kämpfen lernen sollte. Bisher war ich auch problemlos klargekommen. Mal von Mawon abgesehen und dem Vorfall in Rileys Küche.
Ethan dachte über ihre Worte nach.
Der dunkelhaarige Mann meldete sich erneut zu Wort. »Wir können diesen Kindern zwei weitere Wochen geben, in denen sie hier die Grundlagen lernen. Den Rest können sie ihr unterwegs beibringen.«
Der Stuhl wurde quietschend nach hinten gestoßen, als Keegan ruckartig aufsprang. »Zwei Wochen reichen niemals!«
Sehr optimistisch, Bruder …
»Unter einem Monat wird sie keine großen Fortschritte machen, wenn sie nicht gerade zufällig ein Naturtalent ist. Nach zwei Wochen mag sie die Theorie kennen, aber anwenden wird sie sie nicht können!«
Ethan funkelte seinen Sohn wütend an. »Wir können nicht länger warten«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Wie stellst du dir dann vor, soll sie sich verteidigen?«
»Deshalb schicke ich euch beide ja mit. Zu zweit solltet ihr für ihre Sicherheit sorgen können, bis sie gelernt hat, sich selbst zu verteidigen.«
Kayden schüttelte mit verschränkten Armen den Kopf. »Bullshit«, gab er von sich.
»Wie bitte?«, fragte Ethan.
»Für einen Vater, der seine Tochter eine Ewigkeit gesucht hat, wollen Sie sie aber schnell wieder loswerden. Oder besser: geradewegs in den Tod schicken«, stellte er fest.
Ich rieb mir die Augen. Das kann ja was werden …
Zu unserem Glück kam der Mann von eben wieder dazwischen. »Wir sollten diesen Kindern die zwei Wochen geben und dann entscheiden, wie es weitergeht. Das wäre wohl am besten.«
»Was du am besten findest, dass wissen wir ja bereits, Jonathan«, erwiderte Ethan.
Jonathan … Der Mann, der laut Ethan und Helen verantwortlich für die Szene mit dem SKKO gewesen sein sollte.
Er ging nicht weiter auf Ethans Kommentar ein und wandte sich an die Runde. »Wer stimmt dafür, dass wir zwei Wochen für Kampfstunden opfern können?«
Die meisten Hände schossen in die Höhe.
»Damit sollte der Entschluss feststehen.«
Ethan erwiderte nichts und setzte sich wieder. Jonathan blieb stehen und sah zu uns. »Was sind Ihre Fähigkeiten?«
»Das geht Sie nichts an«, erwiderte Kayden.
Keegan seufzte und stand auf. »Meine Fähigkeit dürfte kein Geheimnis sein. Ich kann, genauso wie meine Mutter, in Träume eindringen und sie beeinflussen. Egal von wem.«
Mein Bruder war also ein Traumwandler. Interessant.
Nun sah Jonathan mich an abwartend an. Keegan nickte mir zustimmend zu, weshalb auch ich mich erhob. »Na ja … Ich weiß, dass ich eine verdammt gute Koordination habe und schnell laufen kann. Schneller als jeder im Camp, bei dem ich es beobachtet habe.«
Er gab sich anscheinend damit zufrieden und blickte nun zu Kayden. Dieser verdrehte seine Augen und blieb sitzen. »Für mich ist es kein Problem, Informationen aus Leuten herauszubekommen, ohne Gewalt anzuwenden.«
Jonathan grinste zufrieden. »Also ein Traumwandler, ein Sprinter und ein Gedankenmanipulator. Damit sollten sie wirklich etwas anfangen können.«
Ich ließ mich wieder auf den Stuhl sinken, denn von jedem angestarrt zu werden, das mochte ich eindeutig nicht. Solange Kayden in meiner Nähe war, sollte ich darüber nachdenken, wie sehr ich dadurch im Mittelpunkt stand.
Keegan blieb stehen. Ihm machten die ganzen Blicke nichts aus. »Wir haben also zwei Wochen, um Kira so viel beizubringen wie möglich, und müssen dann weiter üben, während wir nach einer Lösung suchen?«
»Sei froh, Junge. Ich wollte euch gleich morgen losschicken«, sagte Ethan trocken.
Morgen. Gott, ist der irre.Und dein Vater …
Ich schüttelte diesen Gedanken ab. Ethan war nur biologisch mein Vater. Weil er mit Helen geschlafen hatte und ich dabei herauskam, waren sie noch lange nicht meine Eltern.
Dafür hätten sie mich auch großziehen müssen.
Die Sitzung wurde beendet. Wir hatten also zwei Wochen. In denen ich kämpfen lernen sollte, ehe wir auf eine Mission geschickt wurden, bei der ich nicht einmal wusste, wo wir beginnen sollten. Oder wie. Wie sollte man die Lösung finden? Ich kannte mich zu wenig mit dem Thema aus, als dass ich überhaupt von Nutzen sein könnte.
Keegan führte uns zurück zu meinem Zimmer, wo er die Tür hinter uns ins Schloss fallenließ.
»Zwei Wochen«, murmelte er dann vor sich hin.
Kayden ließ sich auf meinem Bett nieder und schnaubte. »Euer Vater ist unmöglich. Er weiß genau, dass man, um einigermaßen kämpfen zu können, mehr als einen Monat benötigt!«
»Also werde ich in den nächsten zwei Wochen nicht lernen, wie man kämpft?«, fragte ich zögerlich nach.
Kayden schüttelte den Kopf. »Wir können dir, so gut es geht, helfen, aber weit über den theoretischen Bereich wirst du nicht hinauskommen. Zu deinem Glück kannst du schnell laufen.«
Also soll ich vor jedem Feind davonlaufen? Apropos …
»Wieso soll ich überhaupt kämpfen lernen?«
»Wir sind nicht die Einzigen, die nach einer Lösung suchen«, antwortete Keegan. »Es gibt auch Ausgestoßene, die nicht zu unserer Gemeinschaft gehören. Diese arbeiten für sich selbst. Sollten wir auf sie treffen, dann-«
»Wäre es besser, wenn wir uns zu verteidigen wüssten.«
Er nickte.
Kayden hielt mir seine Hand hin, die ich entgegennahm. Dann zog er mich auf seinen Schoß. »Wir werden tun, was wir können, um dir zu helfen. Im Notfall spielen wir deine Bodyguards.«
Ich legte meine Arme um seinen Hals und drückte meine Stirn gegen seine. »Aber bitte spielt nicht die Zielscheibe für mich.«
Kaydens Körper vibrierte, als er lachte. »Ich kann nichts versprechen, aber ich gebe mir Mühe.«
Mein Bruder räusperte sich und wir drehten uns zu ihm um.
»Ich habe da auch noch eine Bitte an euch beide.«
Ich ahnte bereits, worum es ging. Auch Kayden schien es zu befürchten, denn es schlich sich ein kleines Grinsen auf seine Lippen, welches er zu verstecken versuchte.
»So eine Aktion wie vorhin möchte ich bitte nicht noch einmal sehen müssen. Das ist, als würde ich meiner Schwester beim Sex zusehen.«
»Liegt vielleicht auch daran, dass sie deine Schwester ist und- hey!«
Ich hatte Kayden in die Seite geboxt, damit er endlich still war. »Natürlich«, versicherte ich Keegan.
»Gut«, erwiderte dieser.
In meinem bisherigen Leben hatte ich nie Geschwister gehabt. Selbst wenn, hätte ich niemals ein Gefühl verspüren können, welches an das heranreichte, was Keegan verspürt haben musste, als er Kayden und mich beim Knutschen erwischt hatte.
»In seiner Gegenwart heißt aber 'nicht' gar nicht«, flüsterte Kayden mir ins Ohr, woraufhin ich die Augen verdrehte.
Anderseits breitete sich daraufhin ein wohliges Kribbeln auf meinem ganzen Körper aus.
»Wir sollten dann gehen. Auch, wenn du nicht weiter in Gefangenschaft bist, wird es sie nicht freuen, wenn du die ganze Nacht hier bei ihr bleibst – mich übrigens auch nicht«, bemerkte Keegan und drehte sich zur Tür, um diese zu öffnen und hindurch zu schlüpfen.
Kayden drehte meinen Kopf in meine Richtung und vereinte unsere Lippen noch einmal miteinander. Wir bewegten sie ihm Einklang, als wären sie füreinander geschaffen. Dieser eine Kuss reichte. Mein ganzer Körper stand sofort in Flammen.
Viel zu früh löste er sich von mir. »Ich sollte rübergehen. Aber ich bin morgen früh wieder hier.«
Nickend ließ ich zu, dass er mich von seinem Schoß schob und auf dem Bett absetzte. Er stand auf und drehte sich an der Tür noch einmal zu mir um.
»Gute Nacht, Kira.«
»Gute Nacht, Kayden.«
Dann verschwand auch er.
Erneut fiel ich auf meinen Hintern. Ein stechender Schmerz machte sich an meiner linken Pobacke bemerkbar. Auch, wenn dieser Raum einer Gummizelle glich und der Boden mit Matten ausgelegt war, die das meiste abfederten, beschwerten sich meine Knochen jedes Mal, wenn Kayden mich mal wieder überlistete.
Das tat er gefühlt jede Minute.
Mit einem Kopfschütteln hielt er mir die Hand hin. »Gibst du dir überhaupt Mühe oder stehst du auf Schmerzen?«
Ich schlug ein und ließ mich auf die Beine ziehen. »Ich wäre dafür, dass Keegan dich ablöst.«
Er lachte.
Bereits am frühen Morgen war Kayden in mein Zimmer gestürmt und hatte mir schwarze Klamotten zugeworfen: Kampfkleidung mit Schützern an Knien und Armbeugen, die in die Kleidung eingenäht waren.
Sie halfen allerdings wenig.
Es war vermutlich Absicht, dass sich Keegan zurückhielt und Kayden den Vorrang gab. Denn nur so war ich in der Lage, für meine Fehler bestraft zu werden: mit Schmerzen.
Tja, nur fiel ich mehr, als dass ich kämpfte. Kayden behielt nämlich recht: Das Theoretische verstand ich nach zwanzig Minuten, aber anwenden konnte ich es noch lange nicht.
»Brauchst du eine Pause?«, fragte Kayden mich sanft.
Ich lehnte mich gegen die weiche Wand. »Fünf Minuten?«
Das war sein Stichwort. Er setzte sich neben mich auf den Boden und schloss die Augen. Er war kein bisschen außer Atem oder schwitzte, dabei übten wir bereits seit einer Stunde. Ich hingegen war von oben bis unten voller Schweiß. Kein Wunder, dass er kein einziges Mal den Versuch gestartet hatte, mich zu küssen.
»Ich bin durch und durch eine Niete«, stöhnte ich und glitt an der Wand hinab.
»Da flog meine Hoffnung davon«, scherzte Kayden und kassierte einen Seitenhieb von mir. »Nein, im Ernst. Heute ist deine erste Übungsstunde. Was erwartest du? Wir anderen haben auch Wochen, wenn nicht sogar Monate, gebraucht, um die Schläge einigermaßen abwehren zu können.«
»Aber wir haben nur zwei Wochen!«, protestierte ich. »Ich muss mich wenigstens ein wenig zu verteidigen wissen.«
»Wir bekommen das schon hin, Kira. Denkst du, dein Bruder und ich lassen dich schutzlos in die Wildnis dort draußen?«
»Ihr habt keine Wahl …«, murmelte ich.
Er legte seinen Arm um meine Schulter und zog mich an sich heran. »Vertrau uns.«
Tat ich. Aber ich vertraute den Leuten hier nicht. Sie waren skrupellos und kümmerten sich nicht darum, ob ich kämpfen konnte oder nicht.
Sie wollen nur ihre verdammte Seele haben.
»Ist das hier ein Kuschelkurs oder Kampfunterricht?«, fragte Keegan, der gerade die Gummizelle betreten hatte.
»Kira brauchte eine Pause«, erklärte Kayden.
»Ich bin zu oft auf den Hintern geflogen«, fügte ich hinzu und brachte ihn zum Grinsen.
»Kann ich mir vorstellen«, erwiderte Keegan.
Es folgte eine Stille, in der sich Keegan an die Wand uns gegenüberstellte und seine Arme ausbreitete. »Dann zeigt mir mal, was Kira bisher gelernt hat.«
Oder nicht gelernt hat.
Während ich mich schwer damit tat, auf die Beine zu kommen, sprang Kayden leichtfüßig auf und zog mich kurzerhand hoch. Er stellte sich an die Wand gegenüber der Tür und wartete darauf, dass ich auf der anderen Seite in Kampfstellung ging.
Dann ging es auch schon los. Kayden ließ mir keine Zeit zu überlegen und stürmte auf mich zu. Ich sprang zur Seite, woraufhin er seinen Fuß in meine Kniekehle versenkte und mir somit den Halt nahm.
Rücklings fiel ich zu Boden.
»Jetzt kann ich es mir noch besser vorstellen«, bemerkte Keegan mit einem Grinsen.
Ich stöhnte auf. Für heute war ich eindeutig genug gefallen.
»Wir müssen uns mit ihrer Abwehr befassen«, stellte Kayden fest. »Erst dann können wir uns ans Angreifen heranarbeiten.«
»Und was bedeutet das jetzt?«, fragte ich, während ich aufstand. »Pause?«
Zu meinem Pech schüttelte Kayden den Kopf. »Weitertrainieren. Wir haben nicht viel Zeit und die sollten wir nicht verschwenden.«
Hilfesuchend blickte ich zu Keegan, aber dieser stimmte Kayden nickend zu.
Toll. Das war es also mit meiner Pause. Dabei tut mir mein Hintern bereits zu sehr weh.
»Am besten arbeiten wir nun an der Motorik. Kira muss lernen, wie sie sich bei einem Angriff schützt. Bisher hat sie nicht ganz verstanden, was sie mit ihren Armen und Beinen anfangen soll«, erklärte Kayden.
Meine Hoffnung wuchs. »Also kein Fallen mehr?«
»Vorerst. Also für heute. Morgen wird das wieder anders aussehen, aber dann hilft dir auch Keegan.«
Puh!
Klar, ich liebte Kayden, keine Frage, aber da lag auch das Problem. Seine Nähe war, wenn es ums Kämpfen ging, schmerzhaft. Aus Angst davor, dass ich nicht genug geschützt war, trainierte er mich beinahe skrupellos. Keegan hingegen ging sanfter an die Sache heran.
»Alles klar. Bekomme ich dennoch eine Pause? Meine Knochen machen langsam schlapp, ich sollte etwas essen.«
Kayden zuckte mit den Schultern. »Ich denke, da spricht nichts gegen. Wir können ja in einer Stunde weitertrainieren.«
In einer Stunde? Mehr bekomme ich nicht?
Egal, was ich nun sagte, er würde seine Meinung eh nicht ändern. Das war typisch Kayden. Er blieb bei seiner Meinung, auch, wenn jeder andere etwas anderes annahm. Eine Eigenschaft, die ich bei mir selbst auch bemerkt hatte.
Zusammen mit Keegan gingen wir in den Speiseraum. Um diese Uhrzeit war noch keiner da, weswegen wir uns einfach bedienten. Ich nahm Rührei mit Speck und Käsebrötchen. Es roch himmlisch.
Schweigend aßen wir. Kayden saß neben mir, während Keegan uns gegenüber Platz genommen hatte. Das Schweigen war kein Problem für mich und auch die anderen schien es nicht zu stören. Ich nutzte die Gelegenheit, mir den Raum genauer anzusehen. Er unterschied sich nicht viel vom Rest. Weiße Wände und grauer Boden. Lediglich Tische und Stühle befanden sich hier. An einer Ausgabe bediente eine ältere und molligere Frau, die scheinbar liebend gern etwas anderes tun würde.
Irgendwann war Keegan mit seinem Frühstück fertig. Er schob den Teller von sich weg und lehnte sich auf die Arme. »Ich habe nach Sawyer und seiner Frau gesehen. Es geht beiden gut, aber sie machen sich Sorgen um dich. Ich habe ihnen gesagt, dass es dir gut ginge.«
»Dad hat sich Sorgen gemacht?«
»Unsere Tante hat sich Sorgen gemacht, er-«
»Mom«, korrigierte ich ihn.
Er übersah meinen Kommentar. »Er wollte wissen, wie es dir geht, und hat versucht, sie zu beruhigen. Nun, da sie ihre Entführer kennt und langsam die Ausmaße begreift, macht sie sich natürlich umso mehr Gedanken. Aber sie sind nicht in Gefahr.«
Ich schnaubte. »Solange sie hier sind, sind sie nicht außer Gefahr. Ethan bedroht sie quasi. Wenn ich nicht einen Weg finde, dass jeder Seelenlose seine Seele zurückgewinnt, werden sie sterben.«
Keegan nahm meine Hand. »Ich sehe, solange wir hier sind, regelmäßig nach ihnen.«
Das half ihnen nicht. Sobald wir weg waren, konnten Ethan und Helen alles Mögliche mit ihnen anstellen. Und das nur meinetwegen. Besonders Mom konnte nichts dafür und wurde nun dafür bestraft.
»Wir werden diese Aufgabe schon lösen«, versprach Kayden. »Aber einfach wird es nicht.«
Nein, sicher nicht.
»Weiß denn jemand von euch, wie wir anfangen sollen?«
Beide schienen zu überlegen. Schließlich war es Kayden, der das Wort ergriff. »Ich kenne da eine Gruppe Seelenlose, die sich schon länger mit Dingen beschäftigt, die nicht ganz legal sind. Bisher konnte ihnen nichts angehängt werden, weswegen sie noch immer nicht zu den Ausgestoßenen zählen. Aber ich bin mir sicher, dass sie etwas wissen könnten.«
Keegans Augen weiteten sich. »Vater hat von ihnen erzählt. Aber er meinte, dass nicht klar sei, ob es sie wirklich gibt. Und wenn, würden sie eh kein Problem für uns darstellen.«
»Problem nicht, aber mit etwas Glück, könnten sie uns weiterhelfen.«
»Und wie finden wir sie? Leben sie wie diese alten Völker im Wald und ernähren sich von Früchten und Fleisch, welches sie selbst besorgt haben? Und essen sie von Steinteller und kochen ihr Essen auf dem Boden?«, fragte ich Kayden skeptisch.
Dieser begann zu lachen. Auch Keegan stimmte mit ein.
»Was denn?«
»Sie leben doch nicht wie Urmenschen, Kira!«, widersprach Kayden lachend.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Sehr witzig.«
Er verstummte. »Wann lachst du eigentlich mal?«
»Bestimmt nicht, nachdem ich eine Stunde lang auf den Hintern gefallen bin. Wie kannst du nur so lachen?«
Kayden zuckte mit seinen Schultern. »Weil es witzig ist.«
Meine Fragen sind also witzig? Hält er mich für ein dummes, kleines Mädchen? Oder lacht er so selten, dass meine bloße Gegenwart für ihn witzig ist?
Ich dachte nicht weiter darüber nach. Es war irrelevant warum, hauptsache er litt nicht meinetwegen unter den Umständen.
Er stupste mich mit den Ellbogen an. »Alles okay? Ich meinte das gar nicht so.«
Nickend wandte ich mich an Keegan. »Sollten wir diese Seelenlosen aufsuchen?«
Er drehte sein Glas leicht, ehe er schließlich nickte. »Es ist unser einziger Anhaltspunkt. Was kann es schaden? Aber bitte halte dich dort zurück und überlasse uns das Reden.«
»Wieso?«
»Du kannst dich nicht verteidigen, wenn du etwas Falsches sagst. Wir schon. Diese Seelenlosen sind zu allem bereit, soweit ich weiß. Es ist besser, wenn wir vorsichtig sind.«
»Wie oft wollt ihr mir das noch unter die Nase reiben? Bis mein Selbstwertgefühl im Keller ist?«
»So war das nicht gemeint«, versicherte Kayden mir. »Wir wollen nur sichergehen, dass dir nichts geschieht.«
Ich entzog ihm meine Hand. »Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen!«
Schnell stand ich auf und verließ den Speiseraum. Die beiden glaubten nicht an mich. Sie waren der Meinung, dass ich, wenn es hart auf hart kam, kampflos aufgeben und sterben würde. Dabei gab ich mein Bestes. Ich war kein hilfloses Kind, nur weil ich unwissend in diese Situation gestolpert war.
Je weiter ich mich von Kayden entfernte, umso schwächer wurde meine Wut, bis sie schließlich versiegte. Ich sollte mich nicht mehr über etwas aufregen, weil es sich nicht lohnte. Zumal nur mein Sha mit mir durchging. So viel war klar.
»Kira?«
Keegan tauchte hinter mir auf. Er war allein.
»Was ist los?«
Er kratzte sich am Hinterkopf. »Du weißt doch, dass wir nur das Beste für dich wollen und die Sorge haben, dass-«
»Ich es nicht überlebe, wenn ich den Frontmann spiele. Verstehe. Hör mal, Keegan, es ist mir egal, was ihr darüber denkt. Ich werde mein Bestes geben und dafür sorgen, dass ich mich selbst verteidigen kann. Denn ihr könnt nicht immer auf mich aufpassen. Meinetwegen wird nicht noch jemandem etwas zustoßen«, erklärte ich ihm und wollte weitergehen.
Er hielt mich am Arm zurück. »Keiner von uns möchte das machen. Du musst es, weil … Na ja wegen ihnen, Kayden, weil er ansonsten weiter als Gefangener betrachtet wird, und dich auch nicht ungeschützt dort rauslassen möchte. Und ich, weil ich euch beide als Team nicht viel Vertrauen schenke. Und bitte versteh das nicht falsch. Kayden würde dich am liebsten packen und mit dir abhauen. Egal, wer dafür sterben muss.«
Natürlich wusste ich das. Kayden kannte meine Eltern nicht. Er hatte nur einmal mit Dad gesprochen. Mehr oder weniger. Und selbst wenn, war ich seine Möglichkeit, etwas zu empfinden, und dass er das nicht verlieren wollte, war verständlich.
Aber das war kein Grund, uns beiden als Team nicht zu vertrauen. Solange ich dasselbe Ziel hatte, würde Kayden mitziehen. Also war Keegans Misstrauen unbegründet. »Du kannst ruhig hierbleiben. Sie würden dich nicht aufhalten. Wir auch nicht. Und dir kann es egal sein, ob meine Eltern sterben. Du kennst sie nicht.«
Er presste die Kiefer zusammen. »Es ist mir nicht egal, weil es dir nicht egal ist.«
»Das ergibt wenig Sinn, Keegan.«
»Es ergibt Sinn. Sie haben dich großgezogen, waren immer für dich da und deswegen findest du es nicht fair, dass sie in dieser Situation sind und mit ihrem Leben gespielt wird. Deswegen würdest du alles tun, um das zu verhindern. Und ich möchte nicht, dass dir etwas geschieht. Nicht, nachdem ich dich endlich wiederhabe. Verstehst du? Ich kann nur dafür sorgen, dass es dir gut geht, wenn ich bei dir bin und dafür sorge.«
»Du weißt, dass ich dieses Gefühl, das du für mich empfindest, nicht teilen kann?«
Er nickte. »Es nennt sich Geschwisterliebe und ich weiß das. Du kannst es nicht, wenn wir alleine sind. Nur, wenn Kayden dabei ist.«
»Immer, wenn ich bei Kayden bin, hältst du dich zurück und lässt uns alleine.«
»Ja. Weil ihr eure Zeit zu zweit braucht. Es wird keinen anderen geben, der so viel in dir hervorrufen kann, ohne dass du einem Menschen die Seele nimmst. Ich möchte, dass du seine Nähe genießt, auch wenn ich dafür zurücktreten muss.«
»Das ist … sehr erwachsen, Keegan«, gestand ich, woraufhin er mit seinen Schultern zuckte und lächelte.
»Man tut, was man kann. Eben hatten wir doch auch einen Moment zu dritt.«
»In dem bin ich wütend geworden, weil ihr mich als hoffnungslos abgestempelt habt.«
»Aber jetzt bist du nicht mehr wütend.«
Ich deutete auf die Stelle, wo sich mein Herz befand. »Ja, weil das da aus Eis besteht. Solange Kayden in meiner Nähe ist, taut es, als wäre er Feuer, und sobald er weg ist, friert es wieder ein.«
Keegan lachte. »Ein Herz aus Stein.«
»Ein Herz aus Stein.«
Keegan sah sich im Gang um und auch ich luchste über die Schulter.
»Training?«, fragte ich schließlich und Keegan nickte.
»Kayden wird auch nicht sauer, wenn ich es heute schon übernehme?«, wollte er wissen, als wir uns in Bewegung setzte.
Ich zog die Brauen hoch. »Wie denn? Ich weiche ihm einfach die nächsten Stunden aus und dann passiert schon nichts.«
Natürlich war das nicht ernst gemeint, aber es schien Keegan zu beruhigen. Interessant, dass er anscheinend Respekt vor Kayden hatte. Am besten sollte Kayden das nie erfahren.
Wir erreichten die Gummizellenach wenigen Minuten. Keegan ließ mich zuerst eintreten und folgte mir dann.
»Woran denkst du, liegt es, dass du die Bewegungen nicht richtig ausführst? Weißt du nicht, was du machen sollst, oder reagierst du nicht schnell genug?«, fragte er.
Ich runzelte die Stirn. »Sag du es mir.«
»Es wirkte, als wäre es von beidem ein bisschen. Am besten zeige ich dir noch einmal, wie du deine Arme anwinkeln musst.«
Er kam auf mich zu und nahm meinen linken Arm. Diesen winkelte er auf Kopfhöhe so an, dass mein Gegner nicht meinen Kopf treffen würde, sondern meinen Oberarm. Dann deutete er einen Schlag an. »Siehst du? Ganz leicht.«
Bei Keegan klang es tatsächlich so, aber das dann auch umzusetzen, noch dazu in der richtigen Geschwindigkeit, war alles andere als leicht. Dennoch wollte Keegan es ausprobieren. Er deutete einen Angriff an. Ich versuchte, die Technik anzuwenden, und bekam es erstaunlicherweise ganz gut hin.
»Okay. Das Prinzip scheinst du verstanden zu haben, aber du bist zu langsam. Das muss schneller gehen. Versuche mal, dein Tempo zu erhöhen, ohne dass ich angreife«, befahl Keegan und ich gehorchte.
Dieses Mal bewegte ich mich schneller, wodurch es aber unpräziser wurde. Mein Arm war zu weit oben, was mir in einem richtigen Kampf teuer zu stehen kommen konnte.
»Nochmal.«
Ich versuchte es erneut, doch auch dieses Mal wurde ich lediglich schlechter.
»Konzentrier dich mehr auf deine Aufgabe.«
Auch die nächsten Versuche wurden nicht besser.
Hoffnungslos, so wirkte es momentan.
»Okay. Vielleicht musst du es doch mehr in der Praxis lernen.«
»Wie meinst du-«
Keegan griff mich überraschenderweise an. Schnell ob ich meinen Arm und positionierte ihn. Zu weit unten. Keegan verpasste mir einen Kinnhaken. Ich stolperte nach hinten, spürte den Schmerz, der durch meine untere Gesichtshälfte fuhr.
»Wie wäre es, wenn du mich warnen würdest?«, schlug ich vor und stützte mich an der Wand ab.
Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. »Wenn ich dich warnen würde, dann wärst du vorbereitet gewesen und das wollte ich nicht. Du solltest aus Reflex reagieren.«
»Hat ja super geklappt.«
»Besser, als ich dachte. Du hast nur deinen Arm zu tief angesetzt. Aber ansonsten hast du sofort reagiert.«
»Und das ist gut?«, fragte ich ihn.
Er nickte.
Okay, also war ich nur teilweise unfähig. Reflexe besaß ich wenigstens. »Das hilft mir aber noch nicht weiter.«
»Mit ein wenig Übung ja. Weglaufen wäre auch eine Option. Du hast doch eine sehr gute Kondition und eine überdurchschnittliche Geschwindigkeit. Du kannst so gut wie jeden Seelenlosen abhängen«, erklärte er und wirkte dabei erstaunlich glücklich.
Mich machte diese Erkenntnis weder glücklich noch traurig.
»Warum wollt ihr mir nicht beibringen, wie ich im direkten Kampf gewinnen kann?«
Keegan wirkte überrascht. Er schien mit meiner Frage nicht gerechnet zu haben. Oder, dass ich die beiden durchschaute. »Kira, es würde zu lange dauern. Die Zeit haben wir nicht. Du kannst nicht in einen Kampf geraten, den du nicht gewinnen kannst. Das wäre nicht richtig.«
»Bitte, ich bin doch nicht blöd. Ich lerne schnell. Und wenn ihr endlich mal zum wichtigen Teil kommen würdet, dann würde ich auch lernen zu kämpfen«, widersprach ich.
Er schüttelte den Kopf. »Du bist klug genug, um zu wissen, dass dir dafür nicht genug Zeit bleibt. Diese Seelenlosen lernen das Kämpfen von klein auf. Jahre gegen Wochen oder Tage? Wie sollst du das schaffen?«
Ich wusste, dass er recht hatte. Meine Chancen standen nicht gut. Beide hatten das Kämpfen schon früh gelernt. Wie jeder andere auch. Nur ich nicht, da Dad es nicht für wichtig gehalten hatte.
Dad …Der eigentlich mein Onkel ist …
»Ich verstehe. Dennoch möchte ich es lernen. Und wenn ich es nicht von euch lerne, dann suche ich mir halt jemand anderen, der mir das beibringt.«
Keegan seufzte. »Du bist dir also wirklich sicher, dass du es lernen möchtest? Auch, wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass du in nächster Zeit wirklich kämpfen kannst?«
Ich nickte.
»Wir müssen aber erst einmal ohne Waffen anfangen.«
Also bekam ich die nächste Zeit einiges ab. Und das nicht zu kurz. Dafür lernte ich aber, mich nicht nur zu verteidigen, sondern auch selbst anzugreifen. Das sollte es wert sein. Dennoch beschlich mich das Gefühl, dass es keinesfalls einfach werden würde und ich diese Wahl das ein oder andere Mal bereuen werde.
»Ich würde sagen, dass wir zwei Einheiten pro Tag machen. Eine am Morgen, in der du Selbstverteidigung lernst und dann am Nachmittag eine für den Angriff. Kayden übernimmt am besten die Selbstverteidigung. Wir wollen ja nicht, dass du mit Schmerzen den Kampf verlässt.« Er zwinkerte mir zu.
Ich hob meine Mundwinkel. Den Witz hinter seiner Aussage hatte ich verstanden. Was ja auch nicht besonders schwer war.
»Machen wir gleich weiter?«
Mein Bruder nickte.
So begann das Spielchen wieder von vorn. Wir griffen uns an und versuchten, den anderen zu Boden zu werfen. Allerdings landete Keegan kein einiges Mal und ich jedes Mal dort. Dabei war er bereits behutsamer, meinte er.
Das würde noch krass viel Arbeit bedeuten.
Als der Abend herein brach, beendeten wir das Training. Als wir die Gummizelle verließen, merkte ich, wie wackelig meine Beine waren. Doch davon ließ ich mich nicht beirren.
»Morgen früh werdet ihr mit der Selbstverteidigung weitermachen. Ich werde irgendwann gegen Mittag dazu stoßen. Aber bitte trainiert auch. Die Zeit ist zu kostbar, um sie zu verschwenden«, legte Keegan mir nahe, während wir um die Ecke bogen.
Bei seinen Worten konnte ich meinen Kopf nur schieflegen.
Verschwenden? Was denkt er denn, was wir dort drinnen tun? Rumknutschen?
»Kayden ist derselben Meinung wie du, Keegan. Also mach dir keine Sorgen.«
Er war wenig überzeugt, das konnte ich an seinem mahlenden Kiefer sehen. Jedoch erwiderte er nichts weiter darauf.
Wir kamen bei meiner Zimmertür an. Zu meinem Erstaunen zog Keegan mich, bevor ich es verhindern konnte, in eine Umarmung. Etwas steif legte ich meine Hände an seine Seite. Dann löste er sich auch schon wieder von mir.
»Gute Nacht, Kira.«
»Gute Nacht.«
Mit einem leichten Lächeln verschwand er um die Ecke. Verwirrt sah ich ihm nach.
»Das war freaky.«
Erschrocken sprang ich zur Seite. Kayden stand in der Tür und musterte mich belustigt. »So schreckhaft?«
»Wie lange stehst du schon da?«, fragte ich.
Er lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen. »Nicht lange.«
»Was machst du in meinem Zimmer?«
»Deinem Zimmer?«
»Solange wir hier sind, ist es meins.«
»Ich hab auf dich gewartet«, erklärte er. »Wenn er mir schon meine Trainingseinheiten wegnimmt, dann muss ich halt zu anderen Mitteln greifen.«
Fragend sah ich ihn an. »Du möchtest in meinem Zimmer trainieren?«
Er begann zu lachen. »Nein! So meinte ich das nicht!«
Hinter mir hörte ich Stimmen, weswegen ich Kayden ins Zimmer schob und die Tür hinter uns schloss.
»Was ist los?«, wollte er wissen und war in Alarmbereitschaft.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich mag es nicht so gerne, wenn die anderen hier mich ansehen. Oder mich belauschen.«
»Verstehe ich. Mir ist es auch nicht ganz geheuer. Ich meine, ich vertraue ihnen nicht. Nicht einmal deinen leiblichen Eltern. Gut, erst recht nicht denen.«
»Keegan aber schon?«
»Yoooooar.«
Überzeugend klang das nicht. Aber anders herum war es sicher nicht anders. Daher überging ich seine Tonlage und setzte mich aufs Bett.
»Das hier ist wie ein Gefängnis. Es kann doch nicht legal sein, dass sie uns festhalten und bedrohen, damit wir auf diese Todesmission gehen.«
Kayden zuckte mit den Schultern. Er hockte sich vor mich. Seine Hände umfassten meine. »Mir ist erst einmal wichtig, dass dir nichts geschieht. In meinem Kopf spielen sich alle möglichen Szenen ab. Keine schöne Vorstellung.«
»Jetzt brauchst du dir ja keine Gedanken mehr darüber zu machen. Hier möchte mir keiner was Böses.«
Seine Kiefer spannten sich an. »Noch nicht. Also nicht solange, bis wir los müssen.«
Ich wusste nicht, wie Keegan es geschafft hatte, sie zu überreden. Aber ich sollte ihm dringend dafür danken. Wenigstens für einen halben Nachmittag durfte ich mit meinen Zieheltern sprechen. Besonders wichtig war es mir, mit Dad zu sprechen, da ich eine Sache nicht ganz verstand. Er kannte meine Eltern und war dennoch nicht auf die Idee gekommen, dass ich wie sie war. Wieso?
Natürlich begleitete mich meine persönliche Eskorte zu ihnen. Allein durfte ich mich hier noch immer nicht bewegen. Als ob ich weglaufen und sie im Stich lassen würde. Für wie bekloppt hielten sie mich denn? Davon abgesehen, war dies hier ein unterirdischer Irrgarten, aus dem ich niemals allein herausfinden würde.
Wir hielten vor einer schweren Stahltür. Erst nach einem Augenscan eines der Wächter öffnete sich die Tür. Es war ein kleiner Raum, in den gerade einmal ein Tisch und vier Stühle passten. Sie waren für meinen Besuch in diesen Raum gebracht worden. Dort saßen die beiden und blickten zu mir auf. Ich schenkte ihnen ein aufmunterndes Lächeln und begab mich zu ihnen an den Tisch.
»Geht es dir gut?«, fragte Mum.
Man sah ihr an, wie fertig sie die Situation machte.
»Macht euch um mich keine Sorgen.« Ich sah zu Dad. »Na gut, Mum soll sich keine Sorgen machen.«
»Tun sie dir weh?«, wollte er wissen, ich verneinte.
Mum seufzte erleichtert.
In diesem Moment fasste ich einen Entschluss. Mum war nur so fertig, weil sie die Situation nicht überblickte. Sie hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging. Sie wusste nichts von Seelenlosen. Wäre sie aufgeklärt, könnte sie die Situation besser verstehen.
»Wir müssen es ihr sagen«, verkündete ich Dad. »Sie sollte es wissen.«
»Nein. Es ist besser, wenn sie so wenig wie möglich weiß«, hielt er dagegen.
Eine harte Nuss, wie ich.
»Schwachsinn. Sie hat es verdient. Zumindest, um das hier verstehen zu können.«
Er seufzte. »Du hast den Dickkopf deines Vaters.«
Das war das erste Mal, dass er so etwas sagte. Dementsprechend überrascht sah ich ihn an. »Das ist aber auch das Einzige.«
Nickend nahm er ihre Hand. Eine Frage kam mir in den Sinn. »Dad, warum hast du Mum geheiratet?«
Diese Frage schien beide zu verwundern. »Es ist schwer zu erklären. Sie tut mir einfach gut.«
Okay, das verstand ich wirklich nicht. Aber das sollte auch nicht mein Problem sein. Immerhin musste er mit ihr glücklich sein und ich konnte von Glück sprechen, dass er sie geheiratet hatte. Die beiden passten perfekt zusammen. Wo es Dad an Gefühlen fehlte, machte sie es mit doppelter Liebe wieder gut.
»Ich habe noch eine weitere Frage an dich, die mich nicht loslässt: Warum meintest du, du hättest es nicht geahnt? Dabei kennst du meine biologischen Eltern.«
Er seufzte. »Ich hab gewusst, dass du so bist wie ich. Und dennoch hatte ich versucht, dich in einer Umgebung aufwachsen zu lassen, die dich vielleicht Gefühle entwickeln lässt. Auch, wenn es unwahrscheinlich war. Aber die meisten Seelenlosen leben unter Gleichgesinnten, wie in Aevitas.«
Deswegen dachte er, dass es ein Versuch wert sei, schlussfolgerte ich. »Du hast dennoch gelogen, als du meintest, dass du nicht wüsstest, was mit mir los sei.«
»Ich dachte, das wäre besser für dich und deine Mutter, weil die Wahrheit hieße, dass ich dich mit Absicht entführt habe. Ich wusste, dass das keiner von euch beiden gut aufnehmen würde.«
»Was ist Aevitas?«, wollte Mom wissen.
»Das ist das Camp, in dem ich war. Und, Dad, für deine Lüge gibt es keine plausible Erklärung. Ich wusste doch bereits, wie ich zu euch gekommen war«, erwiderte ich.
Er verstummte.
Diese Unterhaltung führte in die falsche Richtung. Mom sollte erfahren, wer diese Leute waren und was sie ihr antun konnten. Besonders wie sie es konnten. Den Rest sollte ich erst einmal hintenan stellen.
Dad wollte natürlich nicht, dass ich mit ihr darüber sprach. Er wollte sie so wenig wie möglich mit hineinziehen. Doch sie steckte schon zu tief drin, um weiterhin ein großes Geheimnis darum zu machen, was wir waren.
Also überging ich seinen Wunsch und wandte mich an Mom. »Diese Leute hier trachten euch nach dem Leben. Ich habe zwar ihr Wort, aber es gibt immer noch die Möglichkeit, dass sie sich nicht daran halten. Dann bin ich vielleicht nicht da, um euch zu helfen.«
Mom sah mich verwundert an. »Wo willst du denn hin?«
Natürlich. Ihr wurde nach dem Leben getrachtet, aber sie machte sich erneut um mich Sorgen. Das zeugte von ihrer Liebe zu mir.
»Das ist nicht wichtig. Viel wichtiger ist, dass du weißt, wie sie dir das Leben nehmen können. Denn sie werden sicher nicht erneut mit irgendwelchen Waffen ankommen. Sie brauchen auch keine dafür.«
Dad sah mich scharf an. Ich überging es bewusst, indem ich ihn nicht weiter ansah.
»Wie denn sonst?«
»Kira«, sagte er befehlend.
»Mit einem Kuss.«
Erst sah sie mich ungläubig an und dann lachte sie. »Ein Kuss? Was soll das denn für ein Witz sein?«
»Mom, es ist kein Witz. Sie können dir damit die Seele nehmen.«
Sie lachte weiter. Dann verstummte sie. Ihr Blick glitt zu Dad. »Ist das der Grund, warum du mich selten richtig küsst?«
Er nickte. »Ich habe es nicht hundertprozentig unter Kontrolle. Ich kann nicht riskieren, dich umzubringen.«
Nun sah sie mich an. »Du meintest, dass du jemanden umgebracht hättest …«
»Mawon.« Es war nicht mehr als ein leises Flüstern.
Einen Menschen umzubringen und es nicht als tragisch anzusehen, war schon schlimm genug, aber es seinen Eltern zu gestehen, das war eine ganz andere Hausnummer. Für jeden Polizisten und Richter wäre ich ein Mörder.
Sie schlug sich die Hand vor den Mund. »Wie konnte das passieren?«
»Ich wusste nichts davon, was ich bin und wozu ich in der Lage bin. Du kannst es dir wie ein Verlangen vorstellen, über das man keine Kontrolle mehr hat. Wie ein pubertierendes Kind in seiner Blütezeit. Wo die Hormone deine Handlungen übernehmen. Es war keine Absicht, ich wusste nicht, was ich tat, bis es zu spät war. Deswegen habe ich mich auch so komisch verhalten. Auf einmal strömten so viele Gefühle auf mich ein, die ich gar nicht kannte. Es hat mich total überfordert.«
Dad nahm Moms Hand.
Er sah sie direkt an.
»In ihrem Alter, ohne jegliches Wissen, verlierst du die Kontrolle über dich selbst. Deswegen hätte ich einschreiten müssen. Nur dachte ich, dass sie uns erzählen würde, wenn etwas mit ihr geschehe. Als sie sich auf einmal merkwürdig benommen hat, da ahnte ich es, wusste es aber nicht genau. In Aevitas sollte sie genau das lernen: Dieses Verlangen so gut wie möglich zu kontrollieren und nach außen hin wie jeder andere zu wirken.«
Die Informationen kamen offenbar nur langsam bei Mom an, denn sie wirkte noch immer verwirrt, während sie mich mit zusammen gekniffenen Augenbrauen ansah. In gewisser Weise konnte ich sie verstehen. Bis vor Kurzem hatte ich auch keine Ahnung von alldem gehabt. Da hatte ich mich für ein Alien gehalten und gedacht, dass es niemanden wie mich gäbe.
Für Mom musste eine Welt zusammenbrechen. Ihre zwei liebsten Menschen waren anders und konnten mit nur einem Kuss einem anderen das Leben rauben.
»Ich habe auch nicht geglaubt, dass Kira so etwas machen würde. Dafür denkt sie zu viel nach, bevor sie handelt«, meinte Mom dann endlich.
Ich hatte ihr gerade quasi gesagt, dass ich einem Menschen mit einem Kuss ermordet hatte, und sie glaubte noch immer daran, dass ich rein war.
Alle Achtung, Mom.
»Diese Leute hier unterscheiden sich dennoch von euch, oder?«, fragte sie.
Ich nickte. »Sie sind Ausgestoßene. Sie ermorden Menschen mit voller Absicht, um an ihre Seele zu kommen, die ihnen dann das Fühlen erlaubt.«
»Deswegen habe ich Kira von ihren Eltern getrennt. Damit sie nicht in diesem Umfeld aufwächst«, erklärte Dad.
Mom saugte die Informationen auf und nickte lediglich. Sie schien darüber nachzudenken. Dad sah sie an und beschloss, dass es für heute an für sie Informationen reichte. Sie hatte genug zu verarbeiten, was ich gut verstehen konnte.
Ich gab ihm da recht. »Ich werde bald weg sein. Dann seid ihr hier auf euch gestellt. Ich kann euch nicht helfen.«
»Warum? Was haben sie vor?«, wollte Dad wissen.
»Sie wollen einen Weg, dass wir alle unsere Seele zurückbekommen. Wir sollen diesen Weg finden. Eine Mission, wenn man es so nennen will«, gestand ich schulterzuckend.
Eine ausweglose Mission.
»Eine Mission, die unmöglich zu meistern ist!«, beschwerte er sich lautstark. Er wollte wohl, dass selbst die Leute hinter der Tür es hören konnten.
»Wir müssen es schaffen. Euer Leben hängt davon ab.« Und unser sicher auch. Wer weiß, wie viele Seelenlose dieselbe Mission hatten wie wir. Allein der Gedanke machte mir klar, wie nah wir dem Tod bereits standen.
Mom war den Tränen nahe. Sie machte sich immer viele Sorgen, die dieses Mal jedoch nicht unberechtigt waren. »Du bist zu jung, um so etwas zu tun.«
»Sie ist zu jung, um die Hauptrolle in diesem Krieg zu einzunehmen!«, verbesserte Dad sie.
»Dad. Sei mal bitte leiser. Oder willst du deren ganzen Zorn auf dir spüren?«, bat ich ihn.
Er lehnte sich zurück.
»Ich verstehe nicht ganz, wie das möglich sein soll. Es ist doch sicher nicht möglich, uns die Seele zurückzugeben. Denn wenn es möglich wäre, dann hätten sie es doch bestimmt schon selbst gemacht, oder? Dann würden sie nicht euch schicken, um es zu schaffen und-«
»Ich bin nicht alleine. Ich habe Keegan und Kayden, die für meine Sicherheit sorgen sollen. Und ich lerne momentan, mich zu verteidigen«, versuchte ich, die beiden zu beruhigen.
Natürlich durchschaute er mich sofort. »Du hast keinerlei Ahnung von einem Kampf. Es dauert Jahre, um es dir beizubringen. Mal davon abgesehen, dass ich nicht weiß, ob ich einem der beiden jungen Männer vertrauen kann.«
»Wie lange wirst du noch bleiben?«, fragte Mum.
»Zwei Wochen«, flüsterte ich.
Mom keuchte. »Zwei Wochen …!«
Auf einmal begann sie zu schluchzen und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Sie gab sichtlich die Hoffnung auf, dass ich das überleben würde. Selbst meine eigenen Eltern glaubten nicht mehr daran und das zerriss sie.
»Du bist hier, um dich zu verabschieden«, behauptete sie.
Dad legte die Hand um ihre Schulter und zog ihren Kopf auf seine. Sein Blick blieb unverändert, aber er gab sich Mühe, ihr beizustehen.
Da war mir klar, wie taff sie war. Sie war umgeben und Seelenlosen, die beider Leben beenden wollten, und blieb dennoch stark. Doch auch sie hatte ihre Grenzen. Eine davon war ich. Wenn mein Leben auf dem Spiel stand, brach ihre Schutzmauer zusammen. Und nachdem wir ihr alles über die Seelenlosen erzählt hatten, war sie eindeutig an dem Punkt angekommen.
Es war sicher knapp eine Stunde vergangen. Die Tränen auf ihrem Gesicht waren versiegt und ihre Wangen trockneten. Wir hatten kein weiteres Wort gewechselt und Mum weinen lassen. Ihr Schluchzen war alles, was den Raum nicht in eisige Stille tauchte.
»Kann ich … Kann ich euch etwas fragen?«, sagte sie schließlich.
Dad und ich nickten.
»Was genau ist damit gemeint, dass Kira für jeden Seelenlosen eine Seele finden soll?«
Mein Blick wanderte zu Dad, der jedoch nur seinen Kopf schüttelte. Er wollte die Frage also nicht beantworten.
»Zu jedem von uns gibt es eine Seele, die wir auf Dauer behalten können. Dafür müssen wir sie aber erst einmal finden. Da kommt mein Part: Ich soll den Weg finden, durch den wir die für uns passende Seele finden, da die Ausgestoßenen seit Jahren daran scheitern.«
»Und wo sind die Seelen, die zu euch passen?«
An dem Punkt zögerte ich. »In einem anderen Körper, der als Ersatz erschaffen wurde.«
Langsam dämmerte ihr, was ich da gesagt hatte. Erneut wanderte ihre Hand vor ihr Gesicht. Dieses Mal vor den Mund. »O mein Gott. Ihr müsst dafür jemanden töten.«
Ich nickte. »Anscheinend kann ein Mensch nicht einfach von einer Seele getrennt werden. Wir nennen diese Aneignung der Seele einen Seelenkuss.«
»Hast du deswegen nie einen Jungen mit nach Hause gebracht?«
»Wieso sollte ich es, wenn ich nichts davon habe? Mal davon abgesehen, dass ich von dem Seelenkuss erst kürzlich erfahren habe«, erklärte ich.
»Es stimmt nicht ganz, Schatz«, widersprach Dad. »Dieser Kayden war schon einmal bei uns zu Hause.«
»Das kann man nicht vergleichen. Er war nur ihre Aufsichtsperson«, korrigierte Mum.
Beide sahen in meine Richtung, als würden sie ein Statement von mir erwarten. Da gab es viele Möglichkeiten:
Er war nur da, weil ich ohne ihn das Camp nicht hätte verlassen dürfen.
Kayden sorgt sich um mich. Seltsam als Seelenloser, was?
Er ist meine sogenannte zweite Hälfte. Durch unsere Shas sind wir miteinander verbunden.
Oh, habe ich euch das nicht gesagt? Wir können kaum die Finger voneinander lassen!
Okay, nein. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für das Gespräch.
»Ich hätte alleine nicht aus dem Camp gedurft. Er ist mir zugwiesen worden, damit er mich in der Schule unbemerkt im Auge behalten konnte.«
Dad nickte knapp, während Mum die Stirn runzelte. Sie glaubte mir nicht. Ganz und gar nicht.
Auf einmal öffnete sich die Tür. Ein Mann in Uniform betrat den Raum. Sein Blick richtete sich auf die Wand neben uns. »Sie müssen mit mir kommen. Die Zeit ist um.«
»Wie bitte? Die Zeit ist noch nicht um.«
»Er duldet kein Widerspruch.«
Er …
Ich sah zu meinen Eltern und reichte ihnen meine Hand. Beide umfassten sie zögerlich. »Momentan besteht keine Gefahr für euch. Ihr solltet dennoch keinem vertrauen. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.«
Schließlich ließ ich sie los und folgte dem Mann aus dem Raum heraus. Er sprach kein Wort mit mir und ich versuchte auch nicht, ihn zu fragen, wo wir hingingen. Er würde es mir eh nicht sagen.
Wir betraten den Trakt, in dem sich die Oberen aufhielten. So hatte Keegan es mir jedenfalls gesagt. Die Sicherheitstür konnte nicht von jedem geöffnet werden. Dafür brauchte man eine Sicherheitsfreigabe. Dieser Mann hatte sie anscheinend. Er öffnete sie und wir traten in einen weiteren Gang.
