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Ein fataler Tauschhandel trennt die Zwillinge Alma und Helene direkt nach ihrer Geburt. Während Helene auf einem Apfelhof in ländlicher Idylle aufwächst, erfährt Alma in einem Kinderheim der Fünfziger- und Sechzigerjahre grausame Erziehungs-methoden unter dem Deckmantel der katholischen Kirche. Erst im fortgeschrittenen Alter erfährt Helene von Alma. Sie begibt sich auf die Suche und hofft auf einen gemeinsamen Lebensabend. Doch Almas belastende Vergangenheit steht ihnen im Weg … Eine berührende Familiengeschichte über drei Generationen, die auf wahren Begebenheiten beruht.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2023
Sabine Gelsing
ENTZWEI
Roman
ULRIKE HELMER VERLAG
ISBN (eBook) 978-3-89741-919-3
ISBN (Print) 978-3-89741-467-9
© 2023 eBook nach der Originalausgabe
© 2023 Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach a. Taunus
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NL
unter Verwendung eines Fotos von © Mannaggia / Adobe Stock
Ulrike Helmer Verlag
Klosterhofstr. 3, 65843 Sulzbach a. Taunus
www.ulrike-helmer-verlag.de
Für meine Familie
DasVergangeneistnichttot; esistnichteinmalvergangen.
William Faulkner (Requiem für eine Nonne)
2018
Die Bestatterin ist die Letzte. Sie starrt auf die Reste des Leichenschmauses und sieht enttäuscht aus, vermutlich, weil nur noch die verbrannten Randstücke am Kuchenblech kleben. Sie drückt die schwarze Mappe, mit der sie die Trauergäste am Vormittag zu ihren Plätzen dirigierte, an sich und wippt von einem Bein aufs andere. Sie schaut auf die Uhr, wippt, zieht dann die Mappe hervor, als wäre just in diesem Moment ein Öffnen möglich, und entnimmt einen Umschlag. Sie räuspert sich, schiebt ihn über den Küchentisch wie eine Nachricht, die besser ein anderer überbracht hätte. »Sie wissen schon, die Rechnung.« Dann tritt sie an das Tischchen, auf dem zwei nicht geleerte Flaschen neben dem Foto von Helenes Vater stehen, hantiert.
Wie schafft sie es nur, den Riesling von der einen in die andere Flasche zu schütten, ohne dass ein Tropfen verloren geht?, denkt Helene.
»Übung«, sagtdieBestatterinund: »Wärjazuschade.«
Heleneistirritiert. Sienickt.
WenigspäterschlägtdieTürinsSchloss, dieRechnungmachteinenSatz.
DieserRekordhättedichbegeistert. KeinesechzigMinutenfürfünfBlecheApfelstreuselundsechs, nein, siebenFlaschenRiesling. HelenerücktdasBildihresVatersindieMitteundstelltdasLeergutzudenGurkengläsernunterdieSpüle. DannkehrtsiedieKuchenkrümelmitderHandzusammenundschicktsiemitSchwungüberdieKanteindieTiefe.
SiesetztsichaufdieEckbank, aufdenPlatz, aufdemsieauchalsKindbereitsamliebstensaß: linksvomVater, ihreGroßmutterMarthasaßüberEck. HelenezeichnetdieEinkerbungeninderTischplattenachundverweiltbeidenEinschlägen.
»ManmaltkeinenRegen, indemmanmitvollerKraftPunkteaufeinBlattPapierhämmert«, flüstertHeleneunddenktanihreGroßmutter. SiefasstsichandieWangeundistwiedervierJahrealt.
SieschenktsicheinGlasWasserein. SeitsechsStundenliegtihrVateruntereinemErde-Lilien-ArrangementaufdemDorffriedhof, nichtmehralseinenSteinwurfentfernt.
VorsiebenTagengrubereineWurzelaus, bewaffnetmitSchaufel, AxtundRadioundkehrtesiegreichzurück. VorfünfTagenfielerinsLoch.
HeleneöffnetdieTür. IhrLabrador, derträgeindemeinzigenSonnenfleckliegt, siehtsiekurzan, hebterstdielinke, danndierechteBraueundwendetdenBlickwiederderZinkgießkannezu, durchderenGriffeinTulpenstängelragt. DieFarbeihrerBlütelässtsichnichtmehrerkennen. NurihrFruchtknotenrecktsichnochderNachmittagssonneentgegen.
»Bachmann!« HeleneschlägtsichmitdenHändenaufdieOberschenkel, bisgesterndasvomHundakzeptierteSignal, zuihrzukommen. Altersstarrsinn.
SiegehtzurückindieKüche, stütztsichmitderHandamTischab, beugtsichnachvorne – dieFrage, warumsiedieKrümelaufdenBodengefegthat, bekommtÜbergewicht – undsieklemmtdasgrößteTeigstückzwischenihrelängstenFinger. ImNackenknacktes, Heleneflucht, dochsielässtnichtlos. EinTagalso, andemBückennureinmalmöglichist.
HelenewirftBachmanndenButterstreuselvordieNase. ErfrisstihnimLiegen, alswäreeseinAktderGefälligkeit.
»Bachmann, kommschon.« Schenkelklopfen. DasTiererhebtsich, trottetmiteinemAugenaufschlaganHelenevorbei, dersagt: Ichweißsehrwohl, dassdunachseinemTodnichtohnemeineHilfezurechtkommst. BachmannbeseitigtsämtlicheÜberrestezuverlässig. HelenetätscheltseinenKopf. WaswirdnunohneihrenVater, dersogaraufdieFrage, wiedemTodzubegegnensei, eineAntworthatte? ErhatteseineBeerdigunggeplantwieeinegroßeReise: keinFeuer, keinStandardsargundumHimmelswillenkeineBibelsprüche. ZwölfBundLilienundebensovieleGäste, dazuApfelstreuselkuchenundWeißwein. VorgabenfüreineBeisetzungnachseinemGeschmack, niedergeschriebenaufderRückseiteeinesRetourenscheinsfürGeflügelfutter, hochgeheftetanderPinnwandnebenseinemSchreibtisch.
BachmannsitztnebenHelene, bisdieKücheinblauemLichtversinkt.
Es ist noch viel zu früh für sie und die erste Runde. Bachmann jault, Helene richtet sich auf, heute knackt die Schulter, sie tastet nach der Brille. Es ist vor acht Uhr, denn der erste Sonnenstrahl kriecht über den fadenscheinigen Teppich und stoppt vor einem Brandloch. Der Tag zögert sich ins Zimmer.
DasGejaulegehtinBellenüber, BachmannwirdimmerlauterundalssichGekicherdaruntermischt, hievtsichHeleneausdemBettundtrittansFenster. UntenaufdemHofdrehtihrHundPirouetten, gibtPfötchenundkommtindenGenusseinesBrötchens.
EinwarmesBrötchen, waswürdesiedafürgeben. SieöffnetdasFenster.
»GutenMorgen.«
EinJungesiehtzuihrhinauf, erwidertihrenGrußmiteinem »Hallo« undläuftdavon.
DasroteShirtdesJungenblitztnocheinigeZeitzwischendenSträuchern, diedieAuffahrtsäumen, hervor. Schade, dasserdavongelaufenist. Siehättegernemitihmgeplaudert. Helenebeschließtaufzubleiben, Kaffeezukochen, diePolicederSterbegeldversicherungzufindenundeinenZettelzuschreiben, dersiedaranerinnert, dieHaustürabendszuverschließen. SeitdemBachmannKlinkenherunterdrückenkann, stehtdieTürimmeroffen.
EinkaufsprospektetürmensichnebenungeöffnetenBriefenundBroschüren. DieoberstepreistdieEröffnungeinerThaimassagepraxisimnahe gelegenenIndustriegebietan, darunterliegenWerbeflyerfürGaragentoreundPizzalieferdienste. DiemeistenvonihnenhabenihrenBetriebvermutlichlängsteingestellt. DieSorgfalt, mitderihrVatersichdenHühnern, denObstbäumen, demGartenunddereigenenBeerdigunggewidmethat, findetsiehiernicht.
UntereineraltenTageszeitung, Gottweiß, warumerausgerechnetdieseaufbewahrthat, entdecktsiedenProspekteinesSeniorenstifts. DerGedankeanihn, zwischenaltenMenschenbeimBingo, istabwegig. ErhättedochniemalsseineArbeitaufdemHofaufgegeben.
SiefindetoffeneRechnungenzwischenKassenbonsundBedienungsanleitungen, einChaos. HeleneverschiebtdasVorhaben, einenZettelzuschreiben, undbesorgteinenMüllsack.
AlsHelenedieerstenBriefefindet, dieansieselbstgerichtetsind, istesschonMittag.
InderletztenZeitkamesimmerhäufigervor, dassRechnungensienichterreichtenundsieerstdurchMahnungendaraufaufmerksamwurde. Sieschämtsich, dennwennsiegewussthätte, dassihrVaterihrePosthortete, dannhättesiedemBriefträgernichtvorgeworfen, ihreBriefezuverbummeln.
AusderSchubladedesSchreibtischsschlägtihrderGeruchvonjahrzehntealtemStaubentgegen. AufderMappemitihrenKinderzeichnungenklebtimmernochdiePrilblume. StrahlenderGlanz – vonwegen. DarunterliegenNotizblöckeundStifte, Knöpfe, AufkleberundAnstecknadeln. ImmerwiedertauchenErinnerungenauf, zwischendenensieverweilt, umihremVaternahzusein.
HintereinemAktenordnerfindetHeleneeineSchachtel. SiewiegtsieinihrenHändenundfragtsich, wieumallesinderWeltetwassovergessenaussehenkann.
HelenetrinkteinenSchluckkaltenKaffee, dermittlerweilenachUmgebungschmeckt. DannschütteltsiedieBox, wiesieesauchmitGeschenkenimmermacht. SiehebtdenDeckelab: dasKochbuchihrerGroßmutter. SofortlegtsichMarthasmitMarmeladegefülltesJelänger-Jelieber-GebäckaufihreZunge. EndlichkannsiediesesGeheimnislüften. BehutsamnimmtsiedasBuchherausundschlägtesauf. DiemeistenSeitenhabensichausderKlebunggelöst, vielehatihreGroßmutterhinzugefügt: eigeneKreationen, Überliefertes.
MarthasSchriftistunverkennbarundHelenebewundertsieimmernoch: Buchstaben, dieauseinemRezepteinDiktatmachen.
ZwischendenRezeptenliegenBriefumschlägeundeinzusammengefaltetesPapier. EsisteineZeichnung: zweiSäuglinge, diebeieinanderliegen. DieWorteaufderRückseitehatMarthanichtgeschrieben, siesindwiegemalt. Helenekannsielesen, aberihreBedeutungerfasstsienicht: zweiNamen, einerdavonihreigener, dienebeneinanderstehenunddielediglicheinundtrennt.
1949/50
Franz und Elisabeth
Franz
Franz trat in die Pedale, kämpfte gegen den Wind, gegen den Regen. Seitdem er vom Hof gefahren war, blinzelte er sich seinem Feierabendgetränk entgegen, während ihm das Wasser aus den Haaren aufs Lenkrad tropfte. Vor Kälte spürte er seine Wangen nicht mehr und er fluchte, weil ihm der März vor zwei Wochen bereits den Frühling versprochen hatte. Der Wollpullover, ein Erbstück seines Vaters, hing an seinen Schultern wie ein Teppich über der Klopfstange. Die Kurve, die vor ihm lag, konnte er nur erahnen. Er orientierte sich an den Eichen am Straßenrand, die er im Herbst gepflanzt hatte, und an den Halmen, die rechts von ihm einzeln und verloren aus dem Wasser schauten, wie um nach Luft zu schnappen. Viel Regen fehlte nicht mehr und die Ernte wäre ruiniert.
ErfreutesichaufElisabeth, undwennersichetwasbeeilte, konnteereinigeMinutenalleinmitihrsein. DieseMinutenwareneinLichtblick.
SeitvierJahrenkümmerteersichumdenHof. »Franz, dubistjetztderHerrimHaus«, hatteihmseineMutternachdemVerlesenderTodesnachrichtgesagt, wasihminseinerTrauergeschmeichelthatte, wenngleichernichtwusste, wassievonihmerwartete. DerHerrimHauszusein, hörtesichjedenfallsnacheinerBeförderungan, undsosetzteersichimJahr1945stolz, wieessichfüreinenBauerngehörte, aufdenTraktorundmachte, wasseineMutterfürrichtighielt: ErrückteLiegengebliebenesundWildgewachsenesgerade.
ÜberElisabethwollteermehrwissenalsdas, wasimDorfübersieerzähltwurde. VorallemdieFrauenbeäugtensiewieetwas, dessenAusmaßaufdenHaussegenderanderen – demeigenenMannfehlteeszuHausejaannichts – nichtabzuschätzenwar. Franzwusste, dasssieälterwaralser. EineFrauwiesiewarihmbishernichtbegegnet. Nicht, dasssiebesondersschönwar. IhrGesichtwarvollerSommersprossen, sogarjetzt, undihrHaarwareinWiderspruch: EsglänzteunddochsahesauswieStroh. Erfragtesich, wieessichanfühlte, wieesroch. SeinHerzschlugschnell, hinterderKuppelagdieWirtschaft, esgingbergauf.
WenigeMinutenspäterwarerangekommenundstießdieTürzumWirtshausauf.
»HalloFranz, wasdarfesheutesein?« ElisabethstandhinterdemTresen, stütztesichmitbeidenHändendaraufab, wodurchsiegrößerwurdeundihreBrüste, diesiemitihrenOberarmenzusammenschob, üppiger. Franzmusstehinsehen.
»Schnaps. UndeinPils.«
ErwarwieerhofftderErste. AuchderWirtwarnichtinSicht.Erhattesieganzfürsich, konnteihrBlickezuwerfen, ihrbeimZapfenzusehen, zusehen, wiesiedasGlasschrägunterdenZapfhahnhieltunddabeidenkleinenFinger, dessenNagelrotlackiertwar, abgespreizteundaufihnrichtete. Erwarsicher, dieseGestewarvonBedeutung. Ersah, wiesiemitderlinkenHanddenZapfhebelumgriffunddiegoldeneFlüssigkeitindasGlasinihrerrechtenlief, beobachtete, wiedurchdiesesZusammenspielundunterihremBlickeinHöhepunktentstand: dieperfekteSchaumkrone.
»WenndasWettersobleibt, solltestduhiereinHandtuchdeponieren. DutropfstdenganzenBodenvoll.« ElisabethstelltedasFertiggezapfteaufdenTresen. Franzzucktezusammen. Erfühltesichgeweckt, hattenurnassgehört.
»Ja. EsistseitTagennass«, sagteerundsahElisabethunbeholfenan. SiereichteihmeinGeschirrtuch, zeigteaufseinHaar.
»Prost, Franz!« ElisabethschobihmdenSchnapshinüberundversenkteihrerseitsdieNaseineinemWasserglas, sielecktesichüberdieLippen. FranzschluckteundderersteSchnapsschaukeltebeschwingtinRichtungKopf.
»Auchwennernichtschmeckt, erhilft.«
»Gehtesdirnichtgut, Franz?« ElisabethfülltedasleereSchnapsglaswiederauf. FranztipptesichgegendieSchläfe.
»DermachtKopfschmerzenund … Ärger.«
»Wiemeinstdudas?«
»Ichvertragenichtsoviel.« ErdeuteteaufdieFlasche.
»Dashöreichständig.« Elisabethlachte. »AberwennhierSchlussist, dannistdasFassimmerleerunddasSchnapsregalmussaufgefülltwerden.«
»Bestimmtnichtmeinetwegen. IchhatteletzteWochebloßdreiBierunddreiKlareundbinamMorgenimSchweinestallaufgewacht. Dashätteböseendenkönnen.«
»Unddubistdirwirklichsicher, dassesnurdreiwaren?« SieschütteltedenKopf. »WiekannmandennimSchweinestallschlafen?« ElisabethtratvordenTresen, stelltesichnebenihnundrümpftedieNase. Franzfragtesich, obsieinteressiertwarodersichüberihnlustigmachte. Erüberlegte, oberihrdieganzeGeschichteerzählensollte.
»Also?« Elisabeth hatte ihre Hand auf seinen Unterarm gelegt.
»Ehrlichgesagt«, FranzkipptedenHochprozentigenaufseineBedenken, »hatmichmeineMutterindenSchweinestallgesperrt. IchhattemichimDunkelnmitderTürvertan. SiehatesgemerktunddieStalltürverriegelt.«
»Dasistabergemein …« Elisabethgrinste. »… undirgendwielustig.«
»Ist es nicht.« Franz entzog ihr seinen Arm und bereute es sofort.
ElisabethtratzurückhinterdenTresen.
»SchweinesindAllesfresser.«
»Ach, dannwärealsoeinattraktiverjungerBauereinewillkommeneAbwechslungaufihremSpeiseplan?«
»Sokönntemandasauchsehen.« FranzschütteltedenKopf, versuchte, sichseineFreudeüberdasattraktivnichtanmerkenzulassen. »MankönnteaberauchaufdieIdeekommen, dassesfürmichsichererwäre, dieSchweineabzuschaffenundaufObst- undGemüsebauzusetzen. Zumindest, wenndumirimmerwiedernachschenkst.« FranzhieltElisabethdasgefüllteGlasentgegen. »Dannistesabergenug.«
»Wiedumeinst. Prost,Franz.« Obesbessergewesenwäre, ihrdieGeschichtenichtzuerzählen? Wasdachtesiejetztüberihn? WasüberseineMutter?
»KommtderPfarrerheutenicht?« ElisabethsortierteFlaschen, esklapperteundklirrte.
»Doch. Ichbinnuretwasfrüherdran, weilichdachte, wirkönnten –«
»WennmanvomTeufelspricht,« flüstertesieundverdrehtedieAugen.
ArminArmmitdemPfarrerbetratenKälteundFeuchtigkeitdieKneipe. DerPfarrerklopftesichdenRegenwieDreckvomMantelundnahmdenHutvomKopf.
»IchwillaberdenHerrnanrufen, dassersolldonnernundregnenlassen!« Ergestikulierte,alswäreSonntag. EinTropfenliefvonseinerStirn, streifteseinenNasenflügelundbliebanderNasenspitzehängen. DerPunktunterdemAusrufezeichen.
»GutenAbend, Franz. Lissy, einPilsbitte.« DerPfarrerreichteFranzdieHandundnickteElisabethzu.
FranzfixiertedenTropfen, dersichlangmachte, wieeinSchnupfenimWinter. Erkonnteesnichtleiden, dasserElisabethmiteinemKosenamenansprach. Nochwenigermochteeres, dassesihrnichtsauszumachenschien. DerTropfen, derjetztPlatzinseinemSchnäuzergenommenhatte, ekelteihn.
»GutenAbendHerrJakob. Siesindfrühheute«, sagteFranz.
»Früh? – WolltestwohldasFräuleinhierganzfürdichalleinehaben?« DerPfarrerlachtehöhnischundpräsentiertedabeiseinengoldenenEckzahn. ErgriffüberdenTresenundstrichüberElisabethsUnterarm »GebteinstarkesGetränkdenen, dieamUmkommensind.«
Elisabethhieltinne, SchaumrannüberdenRanddesGlases, überihreFinger. Sielächelte, ließdieBerührungdesPfarrerszu.
FranzwarbeunruhigtunddieBibelsprüchedrohtenihmdenAbendzuvermiesen.
»Dazu einen Schnaps, Herr Pfarrer?« Elisabeth wischte die Hand an ihrer Schürze ab, griff, ohne die Antwort abzuwarten, hinter sich und nahm ein weiteres Pinnchen.
»Ja, fürmichundfürmeinenFreund.« ErstießFranzmitdemEllenbogenindieSeite.
»WoistdennEgon? HaterIhnendieWirtschaftschonüberlassen, meineLiebe? Miristnichtentgangen, dassereineSchwächefürSiehat.« ErklopftemitderflachenHandaufdenTresen. »Kannmanjaverstehen, stimmt’s, Franz?«
»Schönwärees, HerrPfarrer.« ElisabethschütteltedenKopf, eineSträhnelöstesichausdemKnoten, fielihrinsGesicht.
Franzfragtesich, wiesiedasmeinte. Wäreesschön, dieWirtschaftzubesitzen, oderwäreesschön, vomWirtbesessenzuwerden? Ihmwurdeschlecht.
»DerEgonkommtgleich, keineSorge. ErsuchtseitTagennachirgendwelchenPapieren, stelltdenganzenKelleraufdenKopf. AberfragenSiemichbittenicht, wonachgenau.« ElisabethzwinkerteFranzzuundschüttetedenSchnapsein.
»Lissy, Lissy«, derPfarrerhobdasSchnapsglas, »dasscheinenmiraberimmenswichtigePapierezusein.« Erzwinkertezurück, alshätteElisabethsZwinkernihmgegolten. »DawurdeausderHochzeitHerzeleidundausdemPfeifenHeulen. AufdeinWohl, Franz.«
DasGlasvonFranzwarbereitsleer.
Franz lag auf dem Rücken in einem sich drehenden Halbdunkel. Immerhin drehte es sich um sein Bett herum. Die blechern beunruhigende Gleichmäßigkeit des Weckers war ihm vertraut. Er schlug die Decke zur Seite und setzte einen Fuß in den Lichtschein des Mondes. Der Rest von ihm blieb unentschlossen. Das Bier, das er mit Elisabeth nach der Sperrstunde getrunken hatte, war ein großes gewesen. Die Kälte kroch durch seine Fußsohle und machte sich auf den Weg in Richtung Blase. Er ertastete den Pantoffel und stellte seine Fußsohle darauf. Was würde er für einen Nachttopf geben. Wann um alles in der Welt sind die Dinger aus der Mode gekommen? Er würde in der Früh noch einmal mit seiner Mutter über die Vorzüge eines Anschlusses an die Kanalisation reden. Die letzte Diskussion war ein Reinfall gewesen. Das ist so, das bleibt so, hatte sie gesagt. Noch war sie zu gut auf den Beinen, als dass er ihr ihre eigenen Vorteile ohne Missverständnisse hätte nahebringen können. Also hatte er geschwiegen. Jetzt drehten sich diese Argumente wieder, diesmal mit Bier und Schnaps, umeinander. Wenn eine Diskussion mit seiner Mutter anstand, legte er sich das Für und Wider bereits am Abend zuvor zurecht, geordnet und sortiert. Er versuchte, das Gedankenkarussell zu stoppen, denn der Druck, den das Bier zusammen mit der Kälte auf Argumente und Eingeweide ausübte, wurde immer größer.
Errichtetesichauf.
DerandereSchlappenwarunterdasBettgerutscht, alsobeugteersichvorundfielwieinZeitlupe. FranzwedeltemitdemrechtendenlinkenSchuhhervor, stützesichanderBettkanteabunddrücktesichindieSenkrechte. Konturenschwankten. MitdereinenHandhielterbeideSchlappenundmitderanderentasteteersichdurchdasZimmer, durchdenFlur, vorbeiamSchlafzimmerseinerMutter. Erhieltinne, horchte, derSchwindellegtesich. SeineMutterschliefhörbar. Wiegut, dassesihmdiesmalgelungenwar, sichanihrvorbeizuschleichen. DieletzteBegegnunginähnlichemZustandschwappteinseineErinnerung. MuttersSchweinestalltirade. VoreinerWochehatteereineähnlicheMengeAlkohol, aberwenigerZeitmitElisabethimBlutgehabt.
DieTreppeinsErdgeschosswareinProblem. SiewarsteilwieeineHühnerleiterundschlechtverleimt. SieknarzteundknacktewiealleLeiternaufdemHof. Undheuteschwanktesie.
WennFranzalsKindnachtsmusste, wareramSchlafzimmerseinerElternimmerbesonderslautvorbeigegangen. EinmalhatteereinenHustenanfallvorgetäuscht, einanderesMalwarerbesonderslautaufgetretenodererhatteeinenTreppensturzinszeniert. WennseinTheatererfolgreichwar, mussteerdieletztenMeterzumgrässlichstenOrt, denersichvorstellenkonnte, nichtalleingehen. SeinVatertrugihnbiszumToilettenhäuschen. Dortwarteteeraufihn, nutztedieZeitfüreineZigaretteoderaßeinKnäppchen, dasersichausderSchüsselmitdenRestenfürdieHühnergestohlenhatte.
FranzstütztesichanderTürdesToilettenhäuschensab. DieFrischlufthattemitdemUringerucheinePrügeleiinseinerNasebegonnen. ErhieltdieLuftanundgabderrechtenderbeidenNullen, derenobereSchraubefehlteseitJahrenundhingschlappüberdemGuckloch, einenSchubs. DieRautehatteseinVaterstatteinesHerzensindieTürgesägt. Romantik, meinSohn, findetganzbestimmtnichtandiesemOrtstatt, hatteergesagt, nachdemFranzihndaraufaufmerksamgemachthatte, dassPlumpsklotürenimmereinLochinHerzformhaben.
EröffnetedieTür. Eratmete. DerUringeruchhattegewonnen. FranznahmeinenBogenTodesanzeigenausdemEimer, deranderWandhing, drapierteihnsogutesebengingaufderHolzumrandungundsetztesich. MarthasortiertedieTodesanzeigenimmerindenToiletteneimer, währenddieübrigenSeiteninderKücheVerwendungfanden. InNachrufewickelemankeineLebensmittelein.
TodesanzeigenstattHolzsplitter, ihmwaresrecht.
FranzdachteanElisabethsHandanseinerWange. IhrFingerhatteseinKinngestreift, alssieeinHaarvonseinemKragengezupfthatte. BeinahehätteerihreHandgenommenundsieanseinenMundgeführt, dochdannwareraufgestandenundhattesieansichgezogen. SiehattesichaufdieZehenspitzengestellt. Unddann, dannhattensiesichgeküsst. RomantikhatteeinGesicht!
»Franz? Bist du da drin?«
SeineAugenwarenschwerwiedieHose, dieklammzuseinenFüßenlag.
DerHahnkrähte.
»Franz?«
»Ja.« SeineStimmeklangbelegt. Wersolltesonsthiersitzen? ErrümpftedieNase. WiekonntemanandiesemOrteinschlafen? Franzbücktesich, griffseinenHosenbund, richtetesichaufundsahimRahmenderRautedasAugeseinerMutter.
»Dasgehtzuweit!« ErlegteseineHandaufdasGuckloch.
»Ach, dasgehtzuweit? DusitzthierschonseitStunden. Meinstdu, ichhättenichtgemerkt, wieduheuteNachtanmeinemZimmervorbeigepoltertbist?«
»Ichbinnichtgepoltert!«
»Gestöhnthastdu! Schämdich! DuwarstwohlwiederinderKneipebeidieserElisabeth.«
»Undwennschon. IchwarinderKneipe. Ichhabegeknobelt.« SeinKopfdrohtezuplatzen. »UndElisabetharbeitetnuneinmaldort.« FranzdrücktegegendieTür, Marthastolpertezurück. ErtratinsFreie, blinzelteseinerMutterentgegen, diejetztihreHändeindieHüftenstemmte.
»Pah!« SieschütteltedenKopf. DieHaarsträhne, dieausderSchlafhaubelugte, verfingsichinihrerAugenbraue. »LetzteWochefindeichdichimSchweinestall, jetzthier. Dusäufstzuviel!«
»Herrgott, Mutter. Ichbinnurkurzeingenickt.« Franzwankteanihrvorbei. SeineBeinekribbelten, seineFußsohlenspürteernicht, errochsichselbstunddabeiwurdeihmübel. DasBildseinerMutterkreistebiszumMittagnebenihrenVorwürfendurchseinenKopf.
Der unentschiedene Himmel spiegelte sich im Wasser, das sich in der Reifenspur gesammelt hatte. Er hatte es mit dem Putzen des Traktors übertrieben. Franz blickte hinauf, ein schöner Tag würde es sowieso. Er mistete die Ställe aus, fütterte die Tiere, fegte den Weg, badete, benutzte Rasierwasser, legte seiner Mutter Socken mit Löchern auf die Couchlehne und freute sich, weil er sie damit eine Weile beschäftigt wusste.
FranzschobseinRadindieEinfahrt, wodieHühnerscharrtenundnachSteinen, KäfernundWürmernpickten. DerHahnsaßaufdemZaunundstarrtegeradeaus, undauchalsFranzstehenblieb, inseineHosentaschegriffunddenHenneneinigeSonnenblumenkerneaufdenWegstreute, verließerseinenWachpostennicht. »Irgendwannkriegichdichnoch«, sagteFranz. Nurnichtheute, heutewarermitElisabethzumSpazierengehenundPicknickenimWaldverabredet.
DieWeinflascheimKorbaufdemGepäckträgerrolltegegendieGläser. Erhattedieeinfachengenommen, dieReservegläserohneSchnickschnack. SeineMutterwürdeihmdenHalsumdrehen, wennersichanihremKristallvergriff. ElisabethwolltedasEssenbeisteuern, underhoffteaufFrikadellenoderLeberwurstbrote. FranzschwangsichaufsRad. NachwenigenTrittenindiePedaleerreichteerdasOrtsausgangsschild. SoeinRadwarschonwasFeines, wiealleszusammenrückte, sobaldmanfahrendunterwegswar. FranzfuhranFeldernvorbeiundanObstwiesen. EsrochnachErde, diesichandenletztenRegenerinnert. DassdasDorfineinemTallagundderWaldabseitsdesDorfes, brachteihnzumSchwitzen. VielLand, wenigeMenschen. Malhier, maldaeinHaus, alshättediejemandübriggehabtundnichtgewusst, wohindamit.
KurzvorderEinfahrtindenWaldwegwurdeervoneinemKäferüberholt. KnappvorihmgerietdasFahrzeugaufseineSpurundschlingertemitquietschendenReifenindenWaldweg. »WasfüreinIdiot!« Franzhätteschwörenkönnen, dassderPfarreramSteuergesessenhatte, aberwozusolltedereinenFührerscheinbrauchen? ErkonntealleseineSchäfchenbequemzuFußerreichen. FranzfuhraufdieParkbankzu, anderermitElisabethverabredetwar. GenaudortstandjetztderKäfer. JenähererdemFahrzeugkam, destodeutlicherwurdenStimmenundGekicher. DasLachengehörteElisabeth. DieandereStimmekonnteererstzuordnen, alsernebendemAutostand. EswartatsächlichPfarrerJakob. WiesowarendiebeidenzusammenmitdemAutohergekommen? Elisabethstiegausundkamstrahlendaufihnzu. DerPfarrerbeugtesichüberdenBeifahrersitz, hatteseineHandaufdieSitzflächegelegt; FranzgönnteihmdieseWärmenicht.
»Franz!« DerPfarrerlupftedenHut. Elisabethstandnunnebenihm.
FranzversuchteinElisabethsGesichtlesen, waszwischendenbeidenvorgegangenwar, aberElisabethsahzuBoden.
»HerrPfarrer!«
»Ichhoffe, dunimmstmirdaskleineÜberholmanövernichtübel.« EsklangmehrnachEmpfehlungalsnachHoffnung. »Elisabethwarsofreundlich, mirbeiderJungfernfahrtGesellschaftzuleisten. EswarmireingroßesVergnügen, FräuleinLarch.« ErnickteihrzuundElisabethlachte.
»VielenDank, dassSiemichmitgenommenhaben.«
FranzkonnteseinenBlicknichtvonderHandlösen, diedenSitznunstreicheltewiedieWangeeinesKindes.
»DerFranzistalsoderGlücklicheandiesemherrlichenTag.«
Elisabethantwortetenicht, undFranzmissfielderTon, denderPfarrerunterseinenVornamengelegthatte.
»Bisbald, liebeLissy. Franz!« WiederlupfteerdenHut, beugtesichüberdenSitz, griffindieTürundbevorersiezuzog, riefer: »IhrBerge, frohlocketmitJauchzen, derWaldundalleBäumedarin.«
Wennermutigerwäre, hätteerdemPfarrerallesMöglicheandenKopfgeworfen, hätteihmgesagt, wieunpassendeswar, sichanElisabethheranzumachenundihndaraufhingewiesen, dassesihnnichtsanging, mitwemsiesichtraf, dassaußerseinemSpiegelbildniemandseineBibelsprüchehörenwollte. ErzerrtedenKorbvomGepäckträger. Esklirrte.
»AllesinOrdnung, Franz?« ElisabethhatteihrenStoffbeutelaufdieBankgestellt. DieHenkelhattesieverknotetunddieSchlaufenumihrHandgelenkgewickelt. IhreNägelwarenwiederrotlackiert, ihreFingerallerdingswarenschonganzblau. Sieversuchte, denKnotenzulösenundihreHandzubefreien. DieseHand, dachteFranz, hatteihnberührt.
»Lassmalsehen!« ErstellteseinenKorbnebenihrenBeutel.
»KeineAhnung, wiedaspassiertist. DieSchlingehatsichzugezogen.« ElisabethzucktemitdenSchultern.
»DumusstetwasganzBesondereseingepackthaben, wenndudenBeutelderartgutverschnürst.«
FranzlöstedenKnoten, ElisabethriebsichdieFinger.
DerMotordesKäferswarimmernochzuhören. EswareinkleinesGeräusch, dasgroßseinwolltewieFranz’Traktor.
»SoeinschönesAuto.« ElisabethhingdemGeräuschmitBlickenhinterher.
»WiesosteigstdueinfachzumPfarrerinsAuto?« DieFragewardurchausangebracht, aber, unddaswarihmsofortklar, erhattenichtdengünstigstenTonfallerwischt.
»Warum? Istdasverboten?«
»Nein. Abermerkwürdig.«
»Dubistmerkwürdig. HerrJakobwolltemirlediglicheinenGefallentun.«
»Angebenwollteer. Undsichandichranmachen.«
»Wiebitte?« Elisabethwurdelaut.
»Jaglaubstdudenn, erhatdicheinfachnursomitgenommen?«
»Warumnicht?« Elisabethfunkelteihnan. »WeilereinMannistundMännernieetwasohneHintergedankentun?« JetztzeigtesieaufFranz’Korb, ausderderFlaschenhalsragte.
Elisabethdrehtesichumundlieflos. Franzfluchte.
Siegingennebeneinander, jederfürsich, dieFragedazwischen.
DasRauschenderBlätterwarzulaut.
DerBodenzuuneben.
DerstechendeGeruchnachverbranntemKaminholzausdenumliegendenDörfernhinginderLuft.
HinterdernächstenBiegungwürdensiedieStelleerreichen, dieerfürsieausgesuchthatte. BeimletztenSturmwardorteineLindeumgestürzt. DurchdasLoch, dassieindieBaumreihegerissenhatte, hattesiesichimSterbeninSzenegesetzt. SichunddiesieumgebendenFarne, Moose, FlechtenundPilze, diedasSpektrumdesWaldespräsentierten. FranzhattedenOrtbeiseinerSuchenachBrennholzentdeckt. LangewürdederBaumdortnichtliegen, aberbiszuseinemAbtransportdurchdieWaldarbeiterkonntemanaufseinemStammsitzenunddasLicht, dasdurchdieBaumkronenderumstehendenBäumefielundmitdenBlätternspielte, beobachten. AuchElisabethwürdedasschönfinden, hoffteer. Wennesnurnichtsoschlechtlaufenwürde. Siegingnebenihm, aberesschien, alswolltesieimmereinenSchrittschnellersein, unddas, obwohlsiedenWegnichtkannte. ÜberihrerSchulterhingderBeutel, ihreHändehattesietiefinihrenJackentaschenvergraben. Immerhin, siewarhier, mitihm. Franzfragtesich, wielangeeinSchweigenandauerndurfte, bisesunumkehrbarwurde. »Hier. Hiergehtesentlang.« FranzdeuteteaufeinenPfad, dervonEichengesäumtwar. SiestiegenübermorschesHolzundbogenZweigebeiseite. ElisabethließFranzvorangehenunderreichteihrseineHand. SiegabihmihrenBeutel.
»Ganzschönschwerzuerreichen, deinGeheimplatz.« ElisabethraffteihrenRock, hieltsichmiteinerHandaneinemAstfestundklettertedarüber. »Jetztdu!«
FranzgabElisabethdenBeutelzurück. Sieredetealsowiedermitihm.
»SiehdirnurdieseWurzelan.« Elisabethbliebstehen, stapftezweiSchritteweiter, bliebstehen, neigtedenKopf, gingindieKnie.
»Wasmachstdudennda?« Franzsahihrzu, wiesiedieWurzelvermaß, sichdieJackeauszog, sieaufeinenBaumstumpflegteundsichsetzte.
Franzwollteihrsagen, dassdasnichtdieStellewar, dieerihrzeigenwollte, dochihreBegeisterungrührteihn. ElisabethkramteinihremBeutelundzogersteinenBlock, danneinenBleistiftheraus. SieschlugeinigeSeitenum, dannzeichnetesiedieWurzel. DabeikautesieaufihrerUnterlippe, kräuseltedieStirn, schlugmitdemStiftgegenihreZähne. SchließlichklemmtesiesichdenStiftzwischendieLippen, öffnetedenBeutel, packtedenBlockwiederhinein, spucktedenStifthinterher, standauf, schlugdieJackeausundsahFranzfragendan.
»Äh, fertig?«, fragteFranzverwirrt. Erhattekurzzeitigvergessen, weswegensiehierwaren. »Alsogut. Dannhierentlang.«
FranzdeutetenachwenigenMeternaufdieStelle, andermanaufdenStammkletternkonnte.
»SoeinschönerBaum.« ElisabethstrichmitdemZeigefingerüberdieRinde. »DieRindeerinnertmichandieHautmeinerGroßmutter.«
»SieerinnertandieHautjederGroßmutter!«, erwiderteFranzundbeidelachten.
»Hörmal, dasvonvorhin …«
»Ja?«
»Ach, nichtsowichtig. – Zeigstduesmir?«
»Wasmeinstdu?«
»DasBild.«
»DieSkizzevonderWurzel? Aberja, gerne, wenndusiesehenmöchtest.« Elisabethstrahlte.
SielegteeininZeitungspapiereingewickeltesPäckchenaufdenStamm, esrochnachGebratenem. SicherFrikadellen. DanebenzweiÄpfelundeineHandvollgeschälteKarotten. DannzogsiedenBlockherausundblätterte.
»Hier.« ElisabethhieltihmdenBlockentgegen, allerdingsohneihnloszulassen.
»Unglaublich! Wiehastdudassoschnell, soguthinbekommen? Ichwusstegarnicht, dassdumalenkannst.«
»Zeichnen! Ichkannzeichnen, abersogutistesauchwiedernicht.« SiezogdenBlockzurück, klappteihnzu.
»Wasmalstdusonstnoch?« Franzhattegenaugesehen, dasssichauchPorträtsinihremSkizzenblockbefanden, underfragtesich, werihrModellgestandenhatte.
»NichtsAufregendes. VorwiegendMotiveausderNatur, Blumenunddergleichen. ManchmalzeichneichStillleben.«
»KeinePersonen?«
Elisabethsahaus, alsdächtesiedarübernach, obsicheineLügelohnteodernicht.
»ManchmalauchPersonen.«
»Undwen?«
»Wiesowillstdudassogenauwissen?«
»WasistanderFrageschlimm? Nunzeigschon.« FranzgriffnachdemBlock. Elisabethwandtesichab, packteihnindenBeutelundhängtediesenaneinenAst. DannwickeltesiedieFrikadellenausdemPapier.
ÜberihnenklopfteeinSpechtnachInsekten.
Dawarerwieder, derÄrger, denermitjedemSchrittabgebauthatte. WarumdurfteerdieBildernichtsehen? WessenBildertrugElisabethmitsichherum? DasGesichtdesPfarrersdrängtesichauf. Aberwarumsolltesiejemandenmalen, dersoaltwarwieseineMutter? AndererseitssahderPfarrerElisabethan, wiemaneinGlasWasseransieht, nacheinemArbeitstaginprallerSonne. Obihrdasgefiel?
FranznahmdieFlascheausdemKorb. Erhoffte, dassderWein, denerimKellergefundenhatte, gegenschlechteStimmungundhämmerndeSpechtehelfenwürde. FranzhieltAusschaunachdemTier.
SeinVaterhattenichtgeradeeineSchwächefürAlkoholgehabt. WennihmjemandeineFlaschemitgebrachthatte, warsieimKellerverschwunden. ImKrieghatteseineMutterdenWeinentwedervergessenodernursehrsparsamalsTauschmitteleingesetzt. FranzhattejedenfallsüberdievielenWeinsorten, dienunimGewölbeunterderKüchelagerten, gestauntundsicheinfachbedient. ErklappteseinTaschenmesserausundversenktedieKlingeimKorken.
»Bistdusicher, dassdasfunktioniert? Sollichdasnichtliebermachen?« ElisabethhieltinjederHandeineFrikadelle.
»Stimmt, ichvergaß, wiegeübtduimUmgangmitdiesenDingenbist.«
»Wiebitte?«
»MitFlaschen.«
ElisabethverdrehtedieAugen. FranzholtedieGläserausdemKorbundschütteteein.
»Derschmecktlecker.«
»DieFrikadelleaberauch.«
»Dasfreutmich.« Sieschienerleichtert. »IchkochenichtgerneundausGemüserestenetwaszubraten, dasFrikadellenähnlichsieht, istechtnichteinfach.«
»Kannichesmalversuchen?« FranzzeigteaufdenBeutel.
»Duwillstzeichnen?«
»DuwolltestdieFlascheöffnen.«
»Weilicheskann!«
»Dukannstnichtwissen, dassichesnichtkann.«
»Stimmt.« ElisabethstellteihrGlasnebendasvonFranzundzogBlockundBleistiftheraus.
»Dumusstmiraberversprechen, dassdunichtinmeinenZeichnungenschnüffelst!«
»Versprochen!«
ElisabethreichteihmdenaufgeschlagenenBlock.
»Schauweg!«
»Daskannstduvergessen!« Elisabethgrinste. »Tutmirleid, abersovielVertrauenhastdudirnochnichtverdient.«
Siehatnochnichtgesagt, dachteFranzzufriedenundzeichnete, trankundschauteElisabethdabeizu, wiesiedieMöhrenundÄpfelmitseinemMesserzerteilte.
»Darfichessehen?«
FranzreichteihrBlockundBleistift.
ElisabethschürztedieLippen.
»Wasist?«
»Nun, ichkanneinenBaumerkennen. UndzweiausgemergeltePersonen, dieKekseessen.« SietipptemitdemBleistiftendeaufdenZeichenblock.
»Fastrichtig. EssindStrichmännchenundFrikadellen!«
»UnddieStrichmännchenmitFrikadellensitzenvoreinemSonnenuntergangamMeer?«
»Wäredochnett!«
Sielachtenundtranken.
DerSpechtverstummte.
Elisabeth
Elisabeth wischte Wasserkreise von Tischen, rückte Stühle, bis sie parallel nebeneinanderstanden, sammelte Aschenbecher ein, leerte sie. Dabei versuchte sie die Unterhaltungen, die sich in ihrem Kopf über die Sperrstunde hinwegsetzten, zu ignorieren. Die Stimmen diskutierten über Frauen, Arbeit und Kriegsjahre. Gelächter hallte von innen gegen ihre Schläfen. Sie spülte den Lappen aus und ließ kaltes Wasser über ihre Unterarme laufen. Es half nicht. Sie trocknete ihre Hände, löste die Schleifen ihrer Schürze in Nacken und Rücken und warf sie über eine Stuhllehne. Ihr Blick fiel auf das Radio, das der Wirt heute Morgen, sichtbar für jedermann, auf dem Regal unter dem Dorfwappen platziert hatte. Dort thronte es auf einem Häkeldeckchen neben einem Buddelschiff.
ElisabethfuhrmitdemZeigefingerüberdieScheibe, hinterderdieNamengroßerStädteeingraviertwaren. StädtemitTanzlokalen, KinosundMöglichkeiten. ElisabethdrehtevorsichtigamlinkenSchalter. Esknackte. Rauschen. Siezögerte, überlegte, danndrehtesielangsamamrechtenKnopf, wiesieesbeimWirtgesehenhatte. Knistern, Piepen. IneinerdieserStädtemusstedochnochjemandwachsein, umMusikzuspielen. JazzvielleichtoderSchlager. Siedrehteweiter. DieNadelglittvonNürnbergüberMilanobisBudapest. ElisabethließsieüberdenMetropolenverharren, lauschte, regeltedenKnopfbehutsamvorundzurück, rücktenäherandenLautsprecher. Wenndaetwaswar, wolltesieesnichtverpassen.
Wien, Paris, London.
Eilte gedanklich über die Straßen der Städte, lief Straßenbahnen hinterher, mit vollen Taschen, mit Hut und rotem Lippenstift.
Nichts, außer kräftiges, schwungloses, schwarzblaues Rauschen.
Siegabauf, erhobsichundstiegdieTreppenhinaufinihreKammer.
ElisabethkämpftemitdenÜberrestendesSpinnennetzes, dassicheinfachnichtanihremKleidabputzenlassenwollte. DieSpinnehattenurwenigeTagenachihrdieKammerüberderWirtschaftbezogen. DasTierwürdesichwiederundwiedereinneuesNetzbauen, genauanderselbenStelle. Ihrwaregal, obsieihrNetzaneinemRahmenoderanJesus‘rechterHandbefestigenmusste. DawardieSpinnenichtwählerischundElisabethkamdasschrecklichbequemvor. Andererseits, warumsolltemanumziehen, wennmangefundenhatte, wasmansuchte? JesushattefürdenSpiegelumziehenmüssen. IhnhattesieüberdemKopfteilihresBettesnichtlängerertragen. NunstanderaufdemBodenmitdemGesichtzurWandundwarteteaufeineneueChanceüberdemTürrahmen.
ElisabethöffnetedasFensterundließetwasvonderSpätsommerschwüleinsZimmer. Sielehntesichhinaus, inzweiStundenwürdeesdämmern. MorgenwarSonntag, ihrfreierTag. DieNachtlegtesichaufihreHautundfüllteihreLungen. Sieliebte, wiederWinddurchdieBlätterrauschte, liebtedieVenusundihrekleinenBegleiter. EinWolkenband, dünnwieTüll, zoganihnenvorüber. SiewürdegerneSternschnuppensehen, aberwelcheReihenfolgewäredierichtigefürihreWünsche?
DerMondhattebeinaheHalbzeit. Erwarweiteralssie.
SielockerteihrenZopf, zogeineSträhneheraus, schnupperteamHaar. Nikotingeruch, dabeiversprachdieTabakwerbungreinesNaturaroma; aufderHautBier. Abernicht
