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Es heißt, dass auch nach der längsten Nacht die Sonne wieder aufgeht. Doch was ist, wenn das Licht der Hoffnung ausbleibt und nie mehr scheinen wird? Wenn die Dunkelheit um einen herum weiter zunimmt, bis man von einer Schwärze umgeben ist, in der es weder Halt noch Orientierung gibt. Wo einem am Ende nichts anderes übrigbleibt, als anerkennen zu müssen, in dieser absoluten Finsternis hoffnungslos verloren zu sein. Wie mag ein Rattenbock das sehen, der in seiner Smartphone-App nach dem nächsten One-Night-Stand Ausschau hält? Die Gepardin, die mit den Erinnerungen ihres letzten Tauchgangs zu kämpfen hat und deswegen weder vor noch zurück weiß? Oder der Eichhörnchenbock, der sich mit Blut an den Händen wie ein getriebenes Tier in die Ecke gedrängt sieht? Neun Kurzgeschichten von Charakteren, in deren Leben es über kurz oder lang vor der alles verschlingenden Finsternis kein Entrinnen gibt.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2025
Tollwut
Enyanische Finsternis
Anthro-Kurzgeschichten
Tollwut Verlag
Es heißt, dass auch nach der längsten Nacht die Sonne wieder aufgeht. Doch was ist, wenn das Licht der Hoffnung ausbleibt und nie mehr scheinen wird? Wenn die Dunkelheit um einen herum weiter zunimmt, bis man von einer Schwärze umgeben ist, in der es weder Halt noch Orientierung gibt. Wo einem am Ende nichts anderes übrigbleibt, als anerkennen zu müssen, in dieser absoluten Finsternis hoffnungslos verloren zu sein. Wie mag ein Rattenbock das sehen, der in seiner Smartphone-App nach dem nächsten One-Night-Stand Ausschau hält? Die Gepardin, die mit den Erinnerungen ihres letzten Tauchgangs zu kämpfen hat und deswegen weder vor noch zurück weiß? Oder der Eichhörnchenbock, der sich mit Blut an den Händen wie ein getriebenes Tier in die Ecke gedrängt sieht?
Neun Kurzgeschichten von Charakteren, in deren Leben es über kurz oder lang vor der alles verschlingenden Finsternis kein Entrinnen gibt.
Darnell Tollwut, geboren 1987, ist, anders als sein Name vermuten lässt, ein ruhiges Naturell. Seit Kindertagen begeistern ihn Geschichten fabelhafter Tiercharaktere der Animal Fantasy. Trotz seiner verschiedensten Interessengebiete wie Kunstwissenschaft und Philosophie blieb er den Tierfährten auf der Spur. Heute schreibt der Autor Kurzgeschichten mit anthropomorphen Tieren als Hauptfiguren rund um ernsthafte Themen unserer Lebenswelt, die zum Nachdenken anregen.
Mit einer energischen Krallenbewegung wischte der Rattenbock auf seinem Smartphone zum nächsten Foto und runzelte die Stirn. Nach wie vor formte seine Schnauze einen mürrischen Strich in die Blesse seines kakaofarbenen Fells. Dabei taxierten seine Augen beim nächsten Motiv routiniert die wenigen Fixpunkte, die ihn interessierten. Er würde einen Besen fressen, wenn das wirklich ein Sport-BH sein sollte. Wenn ja, war ihm neu, dass man sich da heutzutage am Design von Reizwäsche orientierte. In der Überschrift stand: Personal Trainer gesucht. Mit nochmaligem Blick auf Figur und Fell der Löwin musste er seinen Hemdkragen doch ein wenig lockern. Er wischte aber weiter. Dunkel erinnerte er sich an seinen One-Night-Stand mit einer sportaffinen Schneeleopardin, den er im Gegensatz zu ihr, und daran hegte er keinen Zweifel, nicht als befriedigendes Erlebnis in Erinnerung behalten konnte. Den unschönen Gedanken daran wischte er mit einer weiteren Krallenbewegung mit dem Bild einfach zur Seite weg. Er seufzte, wischte weiter und ein leises Fluchen entkam seiner Schnauze. »Dummes Update«, grummelte er und bereute es, voreilig der Aktualisierung zugestimmt zu haben, nur weil ihm die ständigen Push-up-Nachrichten durch wiederkehrendes Verdecken der Bilder langsam, aber sicher auf die Nerven gegangen war. Für das Foto der Katze hatte er nur ein, zwei oberflächliche Blicke übrig. Er registrierte am Rande ihre Dehnübung an der Stange, mit der sie ihren Körper vorteilhaft zur Geltung brachte und sich damit vor der Konkurrenz nicht zu verstecken brauchte. Dennoch schenkte er ihr, trotz knappen Ballettanzugs, keine weitere Beachtung. Mit Blick in die Einstellungen musste er augenrollend feststellen, dass einige globale Suchfilteroptionen verschwunden waren, was bereits eine Reihe wütender App-Bewertungen nach sich gezogen hatten. Dass man sich seitens der Programmierer schnellstens um eine Lösung kümmern würde, half ihm – gerade jetzt – herzlichst wenig. Erneutes Seufzen. Konnte das nicht während eines Kundengespräches passieren, wo er mit anderen Dingen beschäftigt war? Wo er sich nicht zwischen Tür und Angel darum kümmern musste, nicht wieder eine Nacht allein im Hotel rattig vor dem Notebook zu verbringen? Genervt setzte er bei Tiger, Löwe, Hauskatze, Wildkatze, Schneeleopard, Jaguar, Panther, Karakal und dergleichen die Haken raus. Wer weiß, wie viele Treffer ihm jetzt durch die Lappen gingen, nur weil er jetzt in den dämlichen Optionen wieder seine Präferenzen setzen musste. Doch schon das nächste Foto beruhigte seine Nerven. Die Hündin verhüllte mehr als sie offerierte. Jedoch ließ ihr dezenter Blick auf die fest umschlossene Reitgerte keinen Zweifel aufkommen, dass sich hinter dem Ruf zur gemeinsamen Treibjagd mehr verbarg, als es auf den ersten Blick den Anschein erweckte. Nein, dachte die Ratte verneinend. Ihm war das zu bieder und an stressigen Tagen wie diesen überhaupt nicht sein Ding. Obwohl, zur Not, grübelte er weiter und markierte ihr Bild mit einem Herzchen, womit er sie zugleich in seinen Favoriten abspeicherte.
Noch bevor er das nächste Profilbild genauer betrachten konnte, erschien plötzlich, von Konfettiregen begleitet, eine Nachricht, in der ein Herzchen von einem Pfeil getroffen wurde. An seinem Hals spürte er förmlich, wie sein Puls zu wummern anfing, während er neben dem erscheinenden Chatfenster das Profilbild der schlanken Hirschkuh sah, die in taillierter Miederweste kokett auf dem Rand eines Badezubers saß. Er las die daneben eingehende Nachricht: »Allein auf dem Thron zu regieren ist ein kräftezehrendes Unterfangen, das einen oft an Einsamkeit verzweifeln lässt und die Hände einer fähigen Gesellschafterin bedarf. Eine, die weiß, wie man solch düstere Gedanken bei einem erquickenden Bad zu zerstreuen vermag.«
Beim Lesen gratulierte sich der Rattenbock innerlich für sein neugestaltetes Profilbild, das durch die professionelle Arbeit eines Studiofotografen und Anschaffung der täuschend echt aussehenden Repliken jeden Cent wert war. Perfekt in Szene gesetzt, grinste er, halb auf einem Holzthron liegend, keck in die Kamera, die Goldkrone schief auf seinem Kopf und das Zepter lässig in der Hand, mit nichts als einem schweren, sündhaft teuren roten Samtmantel mit Goldstickereien bekleidet. Er hatte schon die Sorge gehabt, damit den Bogen zu überspannen, was gemessen an den verschärften Nutzungsbedingungen nicht unberechtigt war. Doch schienen Mantelwurf und kreativer Bildausschnitt den um Seriosität bemühten Unternehmensrichtlinien zu genügen. Zumindest hatte er dafür bisher noch keinen Strike kassiert.
Spürbar erregt führte er die Chatkonversation fort und flüsterte tippend: »Die Zeit des Rattenkönigs ist begrenzt und zu kostbar, um sie mit gewöhnlicher Verstreuung zu vertändeln«, und wartete mit Spannung auf die Antwort. Er erhielt ein Teaserbild ihres nackten Rückens mit angedeutetem Seitenprofil. Eine sinnliche Komposition, die ihm eine Intimität vor Augen führte, deren Bildsprache einer Ästhetik folgte, auf die er nach seinen bisherigen Suchergebnissen nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Sogleich setzte der Rattenbock zu einer Antwort an, als er einer plötzlichen Eingebung folgend zur Seite blickte – direkt in das Gesicht eines verdrießlich dreinschauenden Hirschbocks. Dem Geweih nach stand das Rotwild wohl schon länger im Leben als er, der Rattenkönig, und trotz dessen herablassenden Blickes fragte er den Bock warm lächelnd: »Gibt es ein Problem?«
Der Hirsch zierte sich mit einer Antwort, dem strengen Blick, den leicht verzogenen Augen und dem Rümpfen der Nase nach sicher nicht aus falscher Scham: »Es ist gar nicht so lange her, da wusste man noch, was Anstand bedeutet und wie man sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hat.«
»Nur fürs Protokoll«, entgegnete die Ratte ruhig, »es hat Sie niemand darum gebeten, auf mein Smartphone zu schauen.«
»Was keine Entschuldigung dafür ist, mit seiner Perversion in der Öffentlichkeit hausieren zu gehen und …«
»Stimmt«, fuhr der Rattenbock trocken dazwischen. »Für deiner eins gab es früher zum heimlichen Wichsen ja nur die Pin-up-Girls auf der Schultoilette.«
»Dreckige Ratte! Was fällt dir ein!?«, erhob der Hirsch zornig die Stimme.
»Dreckige Ratte?!«, polterte der Rattenbock zurück und wurde dabei vom Warnton der sich schließenden Straßenbahntüren unterbrochen. Ohne das Signal hätte er wohl kaum das Stationsschild bemerkt.
In Windeseile packte er den Griff seines Businesstrolleys und schaffte es, durch den schmäler werdenden Türdurchgang ins Freie zu huschen. Sein rollendes Gepäckstück hingegen hatte er blitzschnell zur Seite drehen müssen, das er so gerade noch schrammend aus der Bahn bekam, bevor sich hinter ihm die Türen endgültig schlossen. Erleichtert ausatmend, ließ er die Bahn mit dem tobenden Wild abfahren, ohne sich groß um die perplex dreinschauenden Umstehenden zu kümmern, die das Spektakel mitbekommen hatten. Hätte er wegen des Bocks seinen Umstieg verpasst, dann wäre alles für die Katz gewesen und er hätte länger in dieser Stadt zubringen müssen, als ihm lieb gewesen wäre.
Nichtsdestotrotz war die amouröse Stimmung dahin und die Umsteigezeit so knapp bemessen, dass es nur noch für eine kurze Antwort samt andeutungsvollem Foto reichte. Das für solche Fälle vorbereitete Bildmaterial würde ihr die Wartezeit bis zur königlichen Privataudienz schon versüßen, bevor es im Badezuber nach glamourösen Wasserspielchen zur Sache gehen würde. Noch schnell den Kontakt in die Top-Favoriten gespeichert und die App gewechselt, nach deren Auskunft er keine zehn Minuten mehr für den Umstieg hatte. Dabei glich die nach unten zählende Digitalanzeige mehr einer Zeitbombe als einer freundlich gemeinten Servicehilfe.
Das Klackern seines Trolleys über den breit angelegten Vorplatz ging im Lärm der unzähligen Schritte unter, die sich in und aus Richtung des Hauptbahnhofes bewegten. Man musste sich fast den Nacken verrenken, um überhaupt ein Stück des Bahnhofdaches sehen zu können. Nach Durchschreiten der imposanten Vorhalle und Aufstieg des Treppenaufgangs, trennten ihn nur noch wenige Meter von seinem Gleis. Die Ratte atmete auf, als er erkannte, dass er nicht mehr zu hetzen brauchte. Sein Fernzug stand, trotz nahender Abfahrt, seelenruhig da und vermittelte mit der Weitläufigkeit der kathedralengleichen Halle davor die Ruhe, die er brauchte, um runterzukommen. Hier wurde der Lärm des Straßengeschehens von dem dicken Mauerwerk des Gebäudes draußen gehalten. Die Düfte der Bistrostände appellierten an seine Geruchssinne, seinen Reiseproviant doch um eine Pizza oder wenigstens um ein köstliches mit Käse überbackenes Geflügelcroissant aufzustocken. Doch stolz wie ein Kaiser lehnte der Rattenkönig die dargebotenen Waren dankend ab und ging vorbei. Er wäre wohl kaum so erfolgreich, wenn er es nicht verstanden hätte, sich trotz des ihm ständig vor die Nase gesetzten eng getakteten Zeitplans gesünder und kostengünstiger zu ernähren. Essen, Trinken … »Verdammt«, fluchte er leise und schloss murrend die Augen. Fast zeitgleich vibrierte sein Smartphone, auf dem die App den Fünf-Minuten-Countdown einläutete.
Er zögerte an der Rolltreppe, die zu den unteren Verkaufsebenen führten, in der sich neben dem Schienenverkehr der Großteil des Bahnhofsleben abspielte. Er überdachte seine derzeitige Lage: Nein, er wollte sich sicher nicht eine vierstündige Non-Stopp-Zugfahrt ohne Bordgastronomie mit einem überteuerten halben Liter Zuckergetränk antun, und ging flink hinunter. Was er aber zuvor von oben nicht hatte sehen können, waren die Warteschlangen vor den Läden und erweiterten Gastronomieangeboten. Ohne Frage hätte er dort unter den verschiedensten Wassern und Fruchtsäften das Passende bekommen. Doch angesichts der langen Warteschlangen hätte er, kostenfrei dazu, seinem Zug hinterherwinken können. Es schüttelte ihn bei dem Gedanken, hier womöglich noch für Stunden festzusitzen. Er musste sich eingestehen, dass, wenn er die nächsten vier Stunden nicht Durst leiden wollte, er sofort ohne Wenn und Aber etwas kaufen musste. Ohne Warteschlange und zwar jetzt! Für wenige Sekunden blieb der Rattenbock am letzten Drittel der Passage stehen, machte einen Rundumblick und setzte sich hastig mit einem Stoßseufzer in Richtung eines Reformkostladens in Bewegung. Dass in dem Geschäft wenig los war, überraschte ihn nicht die Spur, und wäre es anders gewesen, hätte ihn das mit Sicherheit bis ins Mark erschüttert und den letzten Rest seines noch fest geglaubten Weltbilds gehörig ins Wanken gebracht. Er konzentrierte sich darauf, sich nicht von der Produktpalette ablenken zu lassen. Links am Regal mit den Kokosnussmilchbadezusätzen eingebogen, galt es nur noch die Reihe der Naturkosmetikprodukte, wie Wohlfühl-Fellpflege Extra Sensitive mit ätherischem Lavendelöl ohne Chemie, hinter sich zu lassen, um ans Ziel seiner Sehnsucht zu kommen. Wasser, Wasser und nochmals Wasser türmte sich vor ihm Reihe um Reihe in der Kühltheke in den verschiedensten Härtegraden auf. Zwei, nein, drei Blicke und die Wasserflasche war ausgemacht. Der Blick auf das Preisschild ließ den Rattenbock zusammenzucken, wogegen die üblichen Bahnhofspreise plötzlich wie Schnäppchen wirkten. Mit der tickenden Zeitbombe im Hinterkopf eilte er zwischen den Regalen schnurstracks zur Kasse und kramte dabei nach seinem Kleingeld.
»Guten Tag. Das macht bitte …«, kam es nach Drüberziehen der Flasche etwas kleinlaut von der Kassiererin.
Gedanklich schon die Rolltreppe am Hochhechten, um so ein paar Sekunden einzusparen, blickte der Rattenbock in das Gesicht der doch recht jungen Verkäuferin. Eine Luchsin. Nicht gerade das, was er atemberaubend nannte. Brav, freundlich, eben nett anzusehen. Eine typische Luchsin eben, wodurch ihm aber ihr schlichtes Nasenpiercing umso mehr auffiel. Sieh mal an, dachte er. Gerade hier, noch dazu in einem Laden, in dem die Natürlichkeit als unumstößliches Naturgesetz zu gelten schien. Er wusste nicht genau warum, aber er fand, dass es ihr außerordentlich gut stand. Dass es zu ihr, dem Laden und irgendwie auch zum Rest der Stadt passte, wodurch ihm seine gesamte Umwelt gleich viel sympathischer wurde. Er wusste nicht wieso oder weshalb, er freute sich einfach für die Luchsin, weswegen er, beim Blick in ihre Augen, unvermittelt lächeln musste. Sie lächelte schüchtern zurück, was sein Lächeln nur verstärkte.
Mann, dachte er, was für ein Lächeln. Und er musste es wissen. Wie viele Gesichter hatte er schon während seiner Außendienstzeit zu sehen bekommen? In Kundengesprächen, an Rezeptionen, der Sportstudiokette, den Hotelrestaurants oder Supermärkten um die Ecke. Stets hatte er ein freundschaftliches Lächeln auf der Schnauze, mit dem ehrlichen Bemühen, das anfängliche Eis zu brechen. Selten, dass da die Haltung, Augen, Ohrstellung und was wusste er nicht noch alles von seinem Gegenüber zu dieser eigentlich wundervollen Gestik passen wollte. Es lag nicht immer an ihm, so selbstbewusst war er, aber manchmal hatte er doch daran zu knabbern. Nicht jeder war gut darin, seine Vorbehalte gegen seine Art zu kaschieren oder in angenehme Worte zu verpacken. Aber hier passte alles. Ein durch und durch authentisches freundliches Lächeln, wie es nur zu dieser nicht atemberaubenden Luchsin mit einfachem Nasenpiercing passen konnte.
»En…, Entschuldigung«, hörte er sie beim Hinausgehen hinter sich rufen und bemerkte zwar das Rückgeld in seiner Hand, sah aber, wie er die Wasserflasche bei ihr hatte stehen lassen. Der Vibrationsalarm seiner App ging los und kündigte damit den einsetzenden Countdown der letzten Minute an. Rasch eilte er zurück, stammelte verlegen ein Dankeschön und sprintete mit dem Trolley in der einen und der Flasche in der anderen Hand die Rolltreppe hinauf, um kurz darauf in die Expressbahn zu springen. Schwitzend und keuchend holte er im Vorraum erst einmal tief Luft. Kurz darauf schallte von draußen auch schon der schrille Pfeifton, worauf sich hinter ihm unter lautem Klingeln die Tür schloss und die Bahn sich langsam in Bewegung setzte.
Vom ungeplanten Sprint noch aus der Puste, fand er im fast leeren Zug eine ruhige Ecke zum Erholen. Als erste Amtshandlung öffnete der Rattenbock den obersten Hemdknopf und lockerte den Kragen noch ein wenig weiter, bevor er große Schlucke aus der Wasserflasche nahm. Das Tafelwasser schmeckte wie auf der Verpackung groß angepriesen tatsächlich sehr weich und war nach dem ganzen Stress eine wahre Wohltat. Nach einigen Zugkilometern fühlte er sich auch schon wieder ganz auf der Höhe, weswegen er auch dort weitermachte, wo er ursprünglich stehen geblieben war. So viel Zeit blieb nun auch wieder nicht, um etwas für die Nacht klarzumachen und so rief er seine Top-Favoriten auf. Bei der Häsin war ihm die Offerte zu platt. Das Fell der Mäusin wollte ihm auch nicht mehr so recht passen. Bei der Hündin gefiel ihm die Schnauze nicht mehr und so schied eine nach der anderen aus. Selbst die Aussicht auf die Wasserspiele mit der Hirschkuh wollten ihn nicht mehr so recht anheizen, wie zu Anfang, und so legte er verstimmt das Smartphone erst einmal zur Seite. Er sah eine Weile aus dem Fenster und ließ die Landschaft voller Felder und Windräder an sich vorbeiziehen. Als hinter einer Wolke die Sonne hervorkam, musste er die Augen schließen. Er genoss die Wärme auf dem Fell und begann zu lächeln.
Mit leerem Blick sah der Tiger zu, wie der Pferdehengst sein leer gewordenes Glas durch einen farbigen Cocktail-Mix ersetzte. Beide sahen einander kurz in die Augen und das war’s. Ein Augenblick, der ausreichte, um alles zu sagen, was es zu sagen galt. Im Pferdegesicht zeigte sich keine Regung, warum auch. Er weiß es und ich weiß es, dachte der Tiger wieder auf sein Glas starrend. Der Bluterguss um sein Auge war nichts Neues und unterschied sich nur durch die Sichtbarkeit von seinen sonstigen Blessuren. Murrend nippte er am Cocktail und genoss den süßen Fruchtgeschmack, der den bitteren Alkoholstoff übertünchte, und war dankbar, dass die Medizin begann, das vertraut gewordene Schmerzpochen zu betäuben. Mit verschränkten Armen auf den Tisch abgestützt, sah er stumm aus der Ecke heraus zum Bartresen. Wie beim ersten Mal, als er nicht gewusst hatte wohin und sich im Halbschatten dieses unbeliebten Platzes, fernab des eigentlichen Barlebens, halbwegs sicher gefühlt hatte.
Ein Verhaltensmuster, das er hinter sich zu haben geglaubt hatte und das heute mit aller Wucht zurückschlug. Sein Blick blieb lange an einem Tresenplatz haften. Nicht heute. Heute Abend könnte er es nicht ertragen. Die verstohlenen Blicke, das Tuscheln oder gar das Angesprochenwerden. Da interessierte es ihn auch nicht, wenn es um die sonst so egoschmeichelnden Äußerungen ging. Er schloss die Augen. Er brauchte Ruhe. Die Standuhr schlug zur vollen Stunde, wobei sich sein Magen mit jedem Schlag weiter krümmend zusammenzog. Er zwang sich, nicht auf das Ziffernblatt zu sehen, nicht die Schläge mitzuzählen, was er unbewusst ja doch immer tat.
»Göttin«, entfuhr es ihm gequält. Er wusste, dass es spät war. Viel zu spät. Höchste Zeit, nach Hause zu gehen, sich hinzulegen und morgen zu versuchen, trotz des Katers pünktlich auf der Arbeit zu erscheinen. Er schüttelte den Kopf, wodurch der Schmerz wieder mehr in sein Bewusstsein rückte. Es war okay, wenn er heute mal wieder nicht um diese Zeit schon im Bett lag. Er war doch noch jung und konnte das ab. Außerdem war er schon an den wenigen Schlaf gewöhnt und schaffte es trotzdem, solche Arbeitstage zu meistern. Erneut schüttelte der Tiger den Kopf. Es war in Ordnung, noch etwas zu bleiben. Noch zehn, nein, fünfzehn Minuten waren in Ordnung.
Mit dieser Entscheidung fiel ihm das Atmen wieder leichter und er setzte zu einem großen Schluck an. Nach dem Absetzen aber spürte er wieder die Enge in der Brust, die jeden seiner Atemzüge begleitete.
