Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Bürgermeister Fellbacher ging unruhig in seinem Amtszimmer auf und ab. Gina, die Gemeindesekretärin, stand in der offenen Tür und schüttelte den Kopf. »Herr Bürgermeister, Sie müssen sich damit abfinden, dass sich ein Wolf hier im Wald herumtreibt. Sie können nicht länger den Kopf in den Sand stecken.« »Seit wann kümmerst du dich um die Belange der Gemeinde? Das ist immer noch meine Aufgabe, Gina«, brüllte er. Gina zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ließ die Tür hinter sich hart ins Schloss fallen. Sie ging im Vorzimmer zu ihrem Schreibtisch. So aufgebracht hatte sie den Bürgermeister noch nicht erlebt. Es war nicht zum Aushalten mit ihm. Bürgermeister Fellbacher kam herein. Verlegen stellte er sich vor Ginas Schreibtisch. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. »Gibt es etwas, Herr Bürgermeister?« »Mm! Mei, Gina, meine Nerven liegen blank. Da vergreife ich mich schon mal im Ton. Tut mir leid. Entschuldige, Gina!« »Ist in Ordnung, Herr Fellbacher! Ich kenne Sie gut. Ich mache mir eben auch meine Gedanken. Sie haben bisher in jeder Situation einen kühlen Kopf bewahrt, sich den Tatsachen gestellt und dann überlegt gehandelt. Was diesen Wolf betrifft, da scheinen Sie Ihren gesunden Menschenverstand verloren zu haben. Vielleicht sollte ich das nicht sagen, aber ich meine es nur gut.« »Das weiß ich, Gina, das weiß ich. Es tut mir leid. Aber es fällt mir sehr schwer, Maßnahmen zu ergreifen. Die Sommertouristen werden in Scharen abreisen und andere Gäste ihre Buchungen stornieren. Das wäre ein großer wirtschaftlicher Verlust. Die meisten Leute hier in Waldkogel leben vom Sommertourismus, im Hauptberuf
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bürgermeister Fellbacher ging unruhig in seinem Amtszimmer auf und ab. Gina, die Gemeindesekretärin, stand in der offenen Tür und schüttelte den Kopf.
»Herr Bürgermeister, Sie müssen sich damit abfinden, dass sich ein Wolf hier im Wald herumtreibt. Sie können nicht länger den Kopf in den Sand stecken.«
»Seit wann kümmerst du dich um die Belange der Gemeinde? Das ist immer noch meine Aufgabe, Gina«, brüllte er.
Gina zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ließ die Tür hinter sich hart ins Schloss fallen. Sie ging im Vorzimmer zu ihrem Schreibtisch. So aufgebracht hatte sie den Bürgermeister noch nicht erlebt. Es war nicht zum Aushalten mit ihm.
Bürgermeister Fellbacher kam herein. Verlegen stellte er sich vor Ginas Schreibtisch. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu.
»Gibt es etwas, Herr Bürgermeister?«
»Mm! Mei, Gina, meine Nerven liegen blank. Da vergreife ich mich schon mal im Ton. Tut mir leid. Entschuldige, Gina!«
»Ist in Ordnung, Herr Fellbacher! Ich kenne Sie gut. Ich mache mir eben auch meine Gedanken. Sie haben bisher in jeder Situation einen kühlen Kopf bewahrt, sich den Tatsachen gestellt und dann überlegt gehandelt. Was diesen Wolf betrifft, da scheinen Sie Ihren gesunden Menschenverstand verloren zu haben. Vielleicht sollte ich das nicht sagen, aber ich meine es nur gut.«
»Das weiß ich, Gina, das weiß ich. Es tut mir leid. Aber es fällt mir sehr schwer, Maßnahmen zu ergreifen. Die Sommertouristen werden in Scharen abreisen und andere Gäste ihre Buchungen stornieren. Das wäre ein großer wirtschaftlicher Verlust. Die meisten Leute hier in Waldkogel leben vom Sommertourismus, im Hauptberuf oder nebenberuflich. Nur allein von der Landwirtschaft kann heute kaum noch eine Familie existieren und den Hof erhalten. Ein Umsatzeinbruch kann Existenzen gefährden.«
»Wenn etwas passiert, wäre es noch schlimmer, Herr Bürgermeister.«
»Das stimmt. Aber der Gemeinderat ist nicht verfügbar. Wir haben Sitzungspause. Fast alle machen Urlaub. Ich habe ein mulmiges Gefühl, allein zu entscheiden. Irgendetwas ist mir nicht geheuer an der Sache. Das Foto ist auch verschwommen.«
»Der Wolf hat sich bewegt. Deshalb ist das Bild nicht scharf.«
»Ich weiß, ich weiß! Das sagte auch die Redakteurin am Telefon, als sie ankündigte, mir das Foto zu schicken. Aber ein Foto ist ein Foto, auch wenn es unscharf ist. Ich werde die Mitglieder des Gemeinderats aus dem Urlaub holen. Gina, rufe alle an! Sie sollen unverzüglich herkommen. Diese Verantwortung will ich nicht allein auf meine Schultern nehmen.«
Es klopfte an der Tür.
»Herein!«, rief Gina.
Lorenz Hofer, der Förster, trat ein.
»Grüß dich, Lorenz! Du kommst genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Engel vom ›Engelssteig‹ haben meine Seufzer gehört.«
»Grüß Gott, Fellbacher! Hast einen Augenblick Zeit? Ich muss dir etwas berichten.«
»Für dich habe ich immer Zeit. Geht es um den Wolf?«
»Es geht um diese Geschichte. Vielleicht steckt da mehr dahinter, viel mehr.«
»Gina, mache uns Kaffee und setze dich am besten dazu. Dann kannst du hören, was Hofer sagt und ich muss es dir nicht wiederholen«, sagte Fellbacher.
Bürgermeister Fellbacher und Lorenz Hofer gingen ins Amtszimmer. Gina brachte Kaffee und Tassen. Sie schenkte ein und setzte sich dazu.
»Also«, begann Hofer, »die Sache wird immer sonderbarer. Toni, Anna und der alte Alois waren die Tage mit den Kindern zu einer Hochzeit in München eingeladen. Normalerweise bleibt der Alois auf der Berghütte. Doch dieses Mal wollte er dabei sein.«
»Ich weiß Bescheid. Tonis Eltern konnten auf der Berghütte nicht aushelfen, so organisierte die Haushälterin vom Pfarrer den Ersatz. Ella Waldner und sie kochten, den guten Pfarrer Zandler stellten sie als Kellner an.«
»Richtig, ich bin dann am späten Nachmittag auch rauf auf die Berghütte und habe geholfen, bis Toni, Anna und Alois kurz vor Mitternacht zurück waren. Dabei hatte ich ein langes Gespräch mit der Ella. Sie erzählte mir, dass eine Zeitungsredakteurin sie besucht hatte und sie zu dem Wolf interviewen wollte. Aber Ella hatte sie ausgelacht und ihr gesagt, dass es hier keinen Wolf gäbe. Die junge Frau deutete an, es existierten Fotos. Sie bot der Ella viel Geld dafür, wenn sie sie als Augenzeuge nennen dürfte.«
»Des ist ja ein Ding! Was sagst dazu, Gina?«
»Unglaublich«, bemerkte Gina und schüttelte den Kopf.
»Achtung, es kommt noch besser, Fellbacher«, fuhr Hofer fort. »Die Ella erzählte mir, sie hätte schon öfter Männer im Wald gesehen, nicht die üblichen Touristen in Wandersachen und mit Rucksäcken, sondern feine Herren, in dunklen Anzügen und mit Sonnenbrillen. Sie haben sich den Wald genau angesehen und sind die verschiedenen Flurstücke abgeschritten. Sie haben auch Fotos gemacht. Will jemand sein Waldstück verkaufen? Weißt du etwas davon?«
»Schmarrn! Die Waldstücke sind net groß. Wegen der Erbteilung sind sie immer kleiner geworden. Es sind handtuchschmale Streifen, die sind nicht viel wert. Das meiste davon gehört der Ella Waldner und weitläufigen Verwandten von ihr. Aber jeder ist ja fast mit jedem hier verwandt. Wenn einer verkaufen wollte, dann wüsste ich es. Wann hat die Ella die Männer gesehen?«
Hofer trank einen Schluck Kaffee.
»Das erste Mal waren sie wohl zum gleichen Zeitpunkt im Wald, als man dich in Kenntnis setzte, dass es bei uns einen Wolf geben soll. Sie waren noch öfter da, auch heute in den frühen Morgenstunden. Ich habe mich auf dem Hochsitz, der etwas höher am Berg steht, auf die Lauer gelegt und sie mit dem Fernglas beobachtet. Es waren vier Männer, alle schätzungsweise zwischen vierzig und fünfzig Jahren. Sie fuhren mit den Autos in den Wald, alles Nobelkarossen. Sie besahen sich die Flurstücke genau, hatten auch Pläne dabei und schienen etwas zu bereden. Dabei machten sie mir aus der Entfernung den Eindruck, als seien sie sich einig.«
»Du hast niemanden erkannt?«
»Na, Fellbacher, sonst hätte ich es dir gleich gesagt. Du, da stimmt etwas nicht. Die kommen so früh, weil sie dann sicher sein können, nicht gesehen zu werden. Sie rechnen damit, dass ich sie nicht erwische und sie zur Rechenschaft ziehe. Der Waldweg ist für Autos gesperrt. Außerdem ist so früh am Morgen niemand unterwegs.«
»Damit haben sie gerechnet. Aber die Ella Waldner sammelt einen Teil ihrer Kräuter bei Sonnenaufgang«, schmunzelte Fellbacher.
»Richtig! Ella fragte sie, ob sie sich verlaufen hätten oder falsch abgebogen seien.«
»Und was haben sie gesagt?«
»Nichts haben sie gesagt. Sie stiegen in die Autos und fuhren ab. Aber sie kamen wieder. Ella beobachtete sie heimlich.«
Fellbacher holte eine topographische Karte von Waldkogel und Umgebung. Förster Hofer zeigte genau, wo er die Männer gesehen hatte.
»Des ist merkwürdig, Lorenz«, murmelte Fellbacher. »Weil des genau des Gebiet ist, von dem diese Zeitungsdame behauptete, dort sei der Wolf gesehen worden.«
Bürgermeister Fellbacher, Förster Hofer und Gina sahen sich an und mussten grinsen.
»Nehmen wir mal an, es könnte sein, dass jemand Interesse an dem Wald hat und irgendetwas ausbrütet. Dabei will er sicher sein, dass er ungestört ist. Also, sorgt er dafür, dass alle den Wald meiden. So weit die Theorie.«
»Du sprichst das aus, was ich mir auch schon zusammengereimt habe, Fellbacher. Aber eine Meldung, dass sich hier ein Wolf herumtreibt, können wir auch nicht vertuschen. Du stehst genauso in der Pflicht wie ich als Förster.«
»Das weiß ich, Hofer. So oder so, wie wir es machen, kann es falsch sein.«
»Hast du das Foto schon bekommen?«
Bürgermeister Fellbacher ging zum Schreibtisch und holte das Bild. Förster Hofer betrachtete es lange und schüttelte den Kopf.
»Viel ist nicht darauf zu erkennen. Das Foto ist unscharf. Es kann ein großer Mischlingshund sein oder wirklich ein Wolf. Ich kann nur sagen, dass es für mich nicht eindeutig ist. Man muss schon viel Fantasie aufbringen und etwas hineininterpretieren. So sehe ich es«, sagte Förster Hofer.
Bürgermeister Fellbacher seufzte.
»Ich habe Gina gebeten, die Mitglieder des Gemeinderats aus dem Urlaub zurückzuholen. Nur der Bazi vom Ruppert Schwarzer ist hier. Er ist auch vollwertiges Gemeinderatsmitglied, aber ich will mich nicht mit ihm bereden. Er ist der Strohmann vom Schwarzer. Wie wir alle wissen, würde er sofort versuchen, der Gemeinde Waldkogel Scherereien zu machen. Da bin ich mir sicher.«
Gina nickte eifrig, und Lorenz Hofer stimmte zu.
»Ich werde tätig werden, Fellbacher. Ich werde die Wege blockieren, die ohnehin für den normalen Verkehr gesperrt sind. Ein paar Baumstämme, quer zum Weg, werden die Weiterfahrt verhindern. Außerdem werde ich Wachen aufstellen.«
»Kannst du dich auf deine Waldarbeiter verlassen oder soll ich Wolfi oder Chris einschalten? Schließlich stellen die beiden hier die Polizei.«
»Naa, des musst net, Fellbacher. Das hat Zeit. Ich versuche erst mal noch mehr zu erfahren. Jedenfalls behalte die Ruhe! Auf ein paar Tage kommt es jetzt nicht an.«
»Die Zeitungsredakteurin ruft jeden Tag an. Sie will herkommen und mit mir sprechen. Ich weiß nicht, ob ich sie noch lange hinhalten kann«, gab Fellbacher zu bedenken.
Lorenz Hofer schmunzelte.
»Dafür hast doch die Gina. Die wird sie schon abwimmeln. Dann bist eben nicht im Rathaus. Sie weiß nicht, wann du zurückkommst. Gina, dir fällt doch bestimmt etwas ein, denke ich.«
»Aber sicher, Herr Hofer«, sagte Gina.
Lorenz Hofer und Bürgermeister Fellbacher vereinbarten, sich jeden Abend im Forsthaus zu treffen, damit Hofer Fellbacher berichten konnte.
Damit war alles gesagt. Hofer fuhr zurück zum Forsthaus. Er wollte sofort ausführlich mit den Forstarbeitern sprechen.
Er wusste, sie waren alle zuverlässig und er konnte sich auf sie verlassen.
*
Die Sonne ging auf über den Dächern der Stadt. Sie schien durch die großen Fenster der Luxus-Penthouse-Wohnung. Ihre Strahlen trafen Ulrich Wagner mitten ins Gesicht. In tiefem Schlaf drehte er sich nach einer Weile auf die Seite und zog die Bettdecke über den Kopf. Schnarchend schlief er weiter.
Der Wecker läutete. Eine Handbewegung im Halbschlaf und das Geräusch verstummte. Es dauerte noch eine Weile, bis Ulrich wirklich zu sich kam. Das Erste, was er spürte, waren rasende Kopfschmerzen. Er blinzelte. Das Tageslicht schmerzte in seinen Augen. Er legte den Unterarm quer über die Augen und dämmerte vor sich hin. Er wollte wieder ins Reich der Träume zurück, dort gab es keine Kopfschmerzen. Er fühlte sich elend.
»Irgendetwas war heute. Was war das nur?«, murmelte er vor sich hin.
Er konnte sich nicht erinnern. Er wusste nur, dass es wichtig war. Dieser Brummschädel machte jeden Gedanken unmöglich. Was war gestern Abend? Ulrich konnte sich nicht erinnern. So elend, wie ihm war, blieb er liegen und wartete darauf, dass er wieder klarer denken konnte.
Er wusste nicht, wie lange er so gelegen hatte, als ein langgezogener schriller Ton immer wieder an sein Ohr drang.
»Himmel, was ist das bloß?«, schimpfte er vor sich hin.
Er versuchte, sich im Bett aufzusetzen, was ihn sehr viel Kraft kostete.
»Das muss die Klingel sein«, murmelte er vor sich hin.
Barfuß, nur mit Boxershorts bekleidet, ging er durch die Wohnung.
»Ich komme ja schon«, brüllte er durch den Flur.
»Ulrich, mach endlich auf!«
Ulrich erkannte die Stimme seines besten Freundes Leon Kalterer. Er öffnete ihm die Tür.
Leon starrte Ulrich an.
»Wie siehst du denn aus?«, fragte Leon.
»Wie soll ich aussehen? Ich habe Kopfschmerzen. Mir brummt der Schädel. Waren wir verabredet? Bin wohl gestern Abend versackt, kann mich an nichts erinnern. Ich habe den totalen Filmriss.«
»So etwas dachte ich mir schon«, grinste Leon. »Ich klingelte und klingelte. Da dachte ich mir meinen Teil.«
Leon schob Ulrich zur Seite, ging an ihm vorbei und schloss die Tür.
»Medikamentenschrank?«, fragte Leon knapp.
Ulrich lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Er hob den Arm und zeigte quer durch den Flur. Leon suchte im Badezimmer und fand eine ganze Packung Schmerztabletten. Er nahm zwei Tabletten und goss ein Glas mit Wasser voll.
»Hier, nimm die und trink Wasser hinterher! Du legst dich am besten noch einmal hin, bis es wirkt. Ich mache dir inzwischen einen starken Kaffee.«
Ulrich schluckte die Tabletten und trank aus. Er wankte wieder in das Schlafzimmer und warf sich auf das Bett.
Was ist heute für ein Tag? Habe ich nicht einen Termin? Irgendetwas war heute. Aber was war das für ein Termin?
Auf keine dieser Fragen hatte Ulrich eine Antwort.
Leon kam in den Raum. Er stellte eine Kanne mit starkem Kaffee auf den Nachttisch und schenkte einen großen Becher ein.
»Trinken! Austrinken!«, befahl Leon.
Ulrich setzte sich auf. Er trank den ersten Becher Kaffee. Leon schenkte nach.
»Austrinken!«, verlangte er wieder.
»Ich kann mich an nichts erinnern, Leon. Bin gestern Abend wohl sehr abgestürzt.«
»Solange wir alle zusammen waren, war alles in Ordnung. Es war eine schöne Feier. Am Ausgang hat dich jemand angesprochen. Du wolltest dich noch etwas mit ihm unterhalten. Du bist mit ihm zurück in die Bar. Wir anderen waren alle heimgefahren. Was dann passiert ist, entzieht sich meiner Kenntnis.«
»Ich erinnere mich nicht. Hilf mir! Warum bist du hier?«
Ulrich musterte Leon.
»Bist fein angezogen, fast wie … Himmel!«, schrie Ulrich auf. Er sprang auf.
»Ah, du erinnerst dich!«
Ulrich starrte Leon an.
»Vera! Heute heirate ich Vera!«
»Bingo! Der Kandidat hat die schwerste Quizfrage gelöst. Richtig, du heiratetest um vierzehn Uhr Vera auf dem Standesamt. Um fünfzehn Uhr dreißig findet in der Kirche die Trauung statt. Ich bin dein Trauzeuge.«
»Wir feierten gestern Abend Junggesellenabschied.«
»Bingo, wieder richtig geraten! Wir wollten alle um kurz nach ein Uhr mit den Taxis heimfahren. Du gabst dem Kellner noch Trinkgeld und bist später aus dem Hotel gekommen. Ich wartete im Taxi. Ein Mann sprach dich an. Dann hast du gesagt, ich solle fahren. Du wolltest dich mit ihm noch unterhalten. Ihr seid dann wohl zurück in die Bar.«
»Wer war dieser Mann?«
»Ulrich, das musst du wissen.«
»Ich weiß es aber nicht.«
»Ich weiß aber, dass du dich beeilen solltest. Du musst duschen, dich rasieren und anziehen. Auf jeden Fall solltest du etwas essen, falls du etwas hinunter bekommst. Anschließend holen wir die Blumen für die Braut ab und fahren gemeinsam zum Standesamt. Dort triffst du Vera und ihre Eltern und deine Familie. Nach der Eheschließung, auf dem Standesamt, gibt es einen kurzen Sektempfang für die engste Familie und die Trauzeugen. Anschließend fahren alle gemeinsam ins Hotel. Vera schmückt sich für die kirchliche Trauung und ich bleibe derweilen bei dir. Danach fahrt ihr in einer offenen Kutsche zur Kirche.«
Ulrich nickte. Er erinnerte sich wieder an einige Dinge, aber nicht an den Mann. Ihm fehlten einige Stunden.
Leon schob Ulrich ins Badezimmer, Richtung Dusche.
»Nun mach schon! Soll ich dir ein Frühstück machen?«
»Ja, ich muss etwas essen, zumindest es versuchen«, brummte Ulrich.
Leon war beruhigt, als das Geräusch des fließenden Wassers durch die angelehnte Tür drang. Er ging in die Küche.
Es dauerte eine Weile, dann kam Ulrich aus dem Bad. Er sah jetzt recht manierlich aus, trug einen blauen Kimono und war rasiert.
»So ähnelst du schon eher einem Bräutigam«, lachte Leon.
»Wenn ich mich nur erinnern könnte, was heute Nacht noch geschah«, jammerte Ulrich.
»Vergiss es einfach! Du wirst jemanden zufällig getroffen haben, den du kennst, und wolltest ihm von Vera erzählen. Dir wird es schon wieder einfallen.«
Ulrich aß nur ein halbes Brötchen und trank Kaffee.
Dann zog er sich an. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel, der Hochzeitsanzug saß gut auf seiner sportlichen Figur.
»Siehst gut aus! Das muss auch so sein, am schönsten Tag deines Lebens«, grinste Leon.
»Man sagt der Hochzeitstag sei der schönste Tag im Leben einer Frau. Auf Männer trifft es wohl weniger zu, jedenfalls sagt es niemand.«
»Ulrich, das klingt nicht gut. Du bekommst doch wohl nicht kalte Füße?«
»Machst du Witze! Ich liebe Vera! Es hat mich eine ganze Menge gekostet und sehr viel Überzeugungsarbeit, bis sie endlich zustimmte, meine Frau zu werden.«
