Erbe der sieben Inseln - Adalyn Grace - E-Book

Erbe der sieben Inseln E-Book

Adalyn Grace

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Beschreibung

Das temporeiche Finale des New-York-Times-Bestsellers Amora hat es geschafft, den Thron von Visidia zurückzuerobern, doch das Inselkönigreich liegt nach Kavens Angriff in Trümmern. Nun setzt Amora alles daran, Visidia wieder aufzubauen. Das ist leichter gesagt, als getan. Denn Amora muss verbergen, dass sie ihre eigene Magie verloren hat und ein Fluch sie an die Seele des Mannes bindet, den sie liebt. Doch um ihre Macht im Königreich zu festigen, muss Amora sie sich mit den Prinzen der benachbarten Königreiche gutstellen. Erneut begibt sie sich mit ihren Freunden auf der Keel Haul auf eine Reise durchs Königreich. Und Amora verfolgt ein weiteres Ziel: Sie will das legendäre Artefakt der Bestie finden und so den Fluch ihrer Familie ein für alle Mal brechen. Aber die Verwendung des Artefakts hat seinen Preis: Wer es benutzt, verliert das, was er am meisten liebt… "Wundervoll und blutig. Bösartig und charmant. Dunkel und romantisch. Adalyn Graces All-the-Stars-and-Teeth-Reihe wird dein Herz und deine Seele verführen." Astrid Scholte zu "Fluch der sieben Seelen"

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Gerwig

© Adalyn Grace, Inc., 2021

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»All the Tides of Fate« bei Imprint, New York 2021

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Karte: by Dave Stevenson

Covergestaltung: Guter Punkt, München

Covermotiv: Guter Punkt, unter Verwendung von Motiven von Getty Images und iStock

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

Einleitung

Widmung

Das Königreich Visidia

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Epilog

Danksagung

Tief unten im Meer von Visidia lauert eine Bestie, bekannt als der Lusca. Man weiß nicht viel über dieses mysteriöse Sagenwesen, doch es wird viel geflüstert. Einige sagen, man erkenne den sich nähernden Lusca an den von ihm erzeugten Strudeln, die so wild sind, dass sie ein Schiff zum Kentern bringen können. Andere behaupten, jedes seiner acht Tentakel besitze gezackte Haken, die genug Gift enthalten, um jemanden mit einem einzigen Stich zu töten.

 

Doch die Bestie ist keine Legende. Dieses Buch wird von einem ausgehungerten, rachsüchtigen Lusca beschützt. Wenn du es stiehlst, solltest du dich besser nie wieder einem Meer nähern.

Für Josh –

Weil er sagte, ich solle diese Buchreihe schreiben und weil er an mich geglaubt hat, während ich es tat.

 

Für Tomi –

Weil ich das hier mit niemandem lieber tun möchte.

Das Königreich Visidia

ARIDA

Insel der Seelenmagie

Symbol: der Saphir

 

VALUKA

Insel der Elementemagie

Symbol: der Rubin

 

MORNUTE

Insel der Verzauberungsmagie

Symbol: der Morganit oder rosa Beryll

 

CURMANA

Insel der Gedankenmagie

Symbol: der Onyx

 

KEROST

Insel der Zeitmagie

Symbol: der Amethyst

 

SUNTOSU

Insel der Erneuerungsmagie

Symbol: der Smaragd

 

ZUDOH

Insel der Fluchmagie

Symbol: der Opal

 

1

Dieses Wasser ist wild.

Es drischt fauchend gegen die Duchess, die sich vom Zorn der Winterfluten herumwerfen lässt. Sie prüft ihre neue Kapitänin, schleudert mich gegen das verwitterte Steuerrad, während körniges Meerwasser das Holz glitschig und meine Finger klamm macht.

Aber ich werde nicht loslassen. Diesmal nicht.

»Beidrehen!« Ich bohre meine Absätze ins Holz des Decks und packe das Steuerrad fest, weigere mich, das Schiff gewinnen zu lassen. Ich bin die Kapitänin. Wenn die Duchess nicht auf mich hören will, habe ich keine Wahl: Ich muss sie zwingen.

Heute locken in der Ferne keine benachbarten Inseln. Keiner von Mornutes Bergen ist durch den milchigweißen Dunst zu erkennen, der aus dem Norden heranweht. Er macht die Luft nass, sickert in meine Poren und klatscht mir feuchte Locken an den Hals.

Das Schiff hebt sich bei der nächsten Welle und ich wappne mich, als ich den blassen Schatten der schnell näherkommenden Boje sehe, die ich vor einer ganzen Jahreszeit im Meer verankert habe. Als wir uns nähern, schließe ich die Augen und bete stumm zu sämtlichen Göttern, die mir möglicherweise zuhören, flehe sie an, mich zu verschonen. Flehe sie an, dass dies der Tag sein möge, an dem die Grenzen meines Fluches erweitert werden.

Aber wie immer weigern sich die Götter zu hören.

In dem Moment, in dem die Duchess die Boje passiert, geben meine Knie nach und weiß glühender Schmerz fährt durch meine Wirbelsäule und meinen Schädel wie eine allzu vertraute Klinge, die mich spaltet. Ich beiße mir von innen auf die Wangen, bis ich Blut schmecke, tue alles, was ich kann, um meinen Schmerz unter Kontrolle zu halten, damit die Mannschaft nicht misstrauisch wird. Ich kralle die Fingernägel ans Steuer, kalter Schweiß rinnt mir den Hals hinunter und mir wird immer wieder schwarz vor Augen. Verzweifelt gebe ich Vataea das Signal.

Sie beugt sich sofort über die Heckreling und flüstert einen wilden Zauber: Jedes Wort, das ihr über die Lippen kommt, ist ein Donnerschlag. Das Meer betrachtet sie zunächst neugierig, dann gehorcht es Vataeas Sirenenmagie plötzlich und ändert die Richtung der Fluten. Einige aus der Crew murmeln irritiert, als wir wieder Kurs auf den Hafen nehmen, und wundern sich, warum ich sie jeden Tag diesen albernen Abstecher machen lasse – nicht einmal einen halben Vormittag lang und nie mit einem konkreten Ziel. Aber wenigstens gibt es keine laut ausgesprochenen Beschwerden. Sie sind nicht so dumm, sich gegen ihre Königin zu stellen.

Sobald die Duchess wieder in Richtung Süden und auf Arida zu steuert, lässt der Druck in meinem Schädel nach und mein stoßweises Atmen beruhigt sich. Doch erst als ich langsam wieder klar sehen kann, lockere ich meinen Griff.

Vataea legt mir zögerlich die Hand an den Rücken. »Vielleicht wird es Zeit, dass wir damit aufhören.« Die Stimme der Meerjungfrau klingt immer wie das süßeste Lied, selbst wenn ihre Worte schon wieder drohen, mich zu zerreißen. »Vielleicht wird es Zeit, dass du aufhörst, gegen deinen Fluch anzukämpfen, und das Beste daraus machst.«

Ich sage nichts. Solange meinem Gegenüber nicht die Hälfte seiner Seele herausgerissen und in einen anderen lebenden Menschen verpflanzt wurde, brauche ich seinen Rat nicht. Vataea wird nie wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Teil von einem mit jemand anderem verschmolzen ist. Wenn man die Gegenwart dieser anderen Person spürt. Ihre stärksten Emotionen. Einfach alles.

Sie ist nicht diejenige, die erschöpft ist vom Versuch, diesen Fluch zu brechen.

Vataeas Hand gleitet von meinem Rücken und meine Haut fühlt sich kalt an. »Es tut mir leid, was passiert ist, aber leichtsinnig zu werden, heilt dich auch nicht schneller.«

Ich möchte mich empören. Ich möchte mich umdrehen und ihr alles entgegenbrüllen, was sie nicht versteht. Doch stattdessen weicht nur die Luft aus meinen Lungen, als sie sich umdreht und in Richtung Bug geht.

Das sind die Grenzen meines Fluchs. Ein Fluch, der bedeutet, dass die Hälfte meiner Seele – und meine gesamte Magie – in Bastian leben.

Und wie heute endet jeder Versuch, ihn zu brechen, nur mit einem Fehlschlag.

Aridas Hafen ist voller königlicher Soldaten und Diener, die zurückweichen, als wir uns den Docks nähern, wo der Nebel die fremden Schiffe verhüllt und ihre Segel trüb färbt. Unwillkürlich zieht sich meine Brust zusammen, als ich die Gestalten sehe, die dort auf mich warten, denn ich weiß: Gleich bin ich nicht mehr die Kapitänin, sondern die Königin.

»Werft die Anker!« Ich drehe das Steuer und das Schiff ächzt, als ich es gegen die Wellen zwinge und unsere Geschwindigkeit verringere. Meine Mannschaft gehorcht. Die beiden Anker greifen am Boden der flachen Bucht und wir werden durchgeschüttelt. Jemand knallt an die Reling, rutscht aus und fällt mit dem Gesicht voraus aufs Deck, aber ich kann ihm nicht helfen. Ich drehe das Steuer in die andere Richtung und zwinge das Schiff, mir den Gefallen zu tun. Mir zu gehorchen.

Die Duchess richtet sich selbst aus, ich lockere den Griff und meine Muskeln.

Sobald wir anlegen, tritt meine Crew in Aktion: Einige konzentrieren sich darauf, die Anker auszurichten und die Segel einzuholen, während andere an Land springen, um das Schiff zu vertäuen. Sie lassen die Rampe herab. Auf dem Sand, der rot ist wie Blut, steht meine Zofe Mira in einem dicken schwarzen Umhang mit einem Kragen aus weißem Wolfsfell, den sie erstickend eng unterm Kinn geschlossen hat. Ihre dazu passenden Handschuhe hält sie gefaltet vor sich, die Augen hat sie wie üblich vor Sorge zusammengekniffen, woran ich mich inzwischen gewöhnt habe.

»Du bist spät dran.« Ihr Atem bildet Dampfwölkchen in der Luft. Sie kringeln sich um die Gesichter der königlichen Bediensteten, die den Rücken straffen, als ich näherkomme. Zwei von ihnen halten ein saphirfarbenes Samtkissen mit eleganter Stickerei aus Gold und Silber, auf dem meine Krone ruht – der Kopf eines riesigen Valuna-Aals mit offenem Maul, das auf meinem Kopf sitzen und sich um mein Kinn schließen soll. Er wartet darauf, mich zu verschlingen.

Das mit Edelsteinen besetzte Rückgrat des Aals glitzert im feuchten Nebel, und in meinem Hals bildet sich ein Kloß, als ich daran denke, wie natürlich diese falsche Krone bei Vater ausgesehen hat. Diese Krone ist für Betrüger gemacht, und als sie mir jetzt flink aufgesetzt wird, muss ich unwillkürlich daran denken, wie natürlich sie wahrscheinlich auch bei mir aussieht.

»Ich komme nie zu spät.« Ich schließe meinen saphirblauen Mantel eng um mich und rücke meine Krone zurecht, sodass die gezackten Zähne des Aals mir über die Kinnpartie und die Schläfen schrammen. »Ich bin die Königin.«

Ich erwidere das Lächeln, das Mira kurz aufblitzen lässt, auch wenn unsere Heiterkeit nur eine Farce ist. Dieses Spiel spielen wir schon seit dem Sommer, mein Königreich erwartet es. Sie lächeln, und ich lächle zurück, es werden keine Fragen gestellt. Ich bin jetzt ihre Königin, und trotz allem, was passiert ist, muss ich meinem Volk zeigen, dass wir immer noch stark sind. Dass Visidia zwar Verluste erlitten hat, wir aber alle unsere Nöte überwinden und das Königreich wiederaufbauen werden.

»Sag das all jenen, die auf dich warten. Es ist dein erstes Ratstreffen als Königin von Visidia, du solltest einen besseren Eindruck machen.« Mira verdreht ihre müden Augen; so etwas hätte sie vor dem letzten Sommer niemals getan, bevor sie bei Kavens Angriff auf Arida beinahe umgekommen wäre. Doch jetzt ist sie entspannt und bereit, allen zu sagen, was ihr durch den Kopf geht – auch mir.

Und ich freue mich darüber. Ich freue mich über die Farbe in ihren Wangen und ihre Energie. Ich freue mich, dass sie lebt. Nicht alle hatten so viel Glück.

»Die Königinwitwe wartet mit den Beratern im Thronsaal«, beginnt Mira, aber diese Worte wecken eine böse Kälte in mir. Sie beginnt in meinem Bauch und legt ihre Klauen um meine Kehle.

»Nenn sie nicht so.« Witwe. Ich zische bei dem Titel förmlich, denn ich muss nicht daran erinnert werden, dass Vater tot ist, dass die Überreste seines verkohlten Körpers als Fischfutter am Meeresgrund liegen. »In meiner Gegenwart nennst du sie bei ihrem Namen.«

Mira wird rot, und ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie peinlich mir mein Ausbruch ist. Als sie den Mund öffnet, winke ich ab, ich möchte die Entschuldigung nicht hören. Das Letzte, was ich brauche, sind noch mehr Leute, die mich behandeln wie ein rohes Ei – vor allem, wenn sie keine Ahnung haben, was wirklich passiert ist in der Nacht, als Vater starb. Dass Vater noch leben würde, wenn ich in der Lage gewesen wäre, Kaven aufzuhalten, bevor er Arida erreichte. Dann wäre ich die Prinzessin und meine Seele wäre noch an einem Stück.

Aber das ist weit entfernt von dem Schicksal, mit dem die Götter mich verflucht haben.

Ich schiebe die Hände tief in meine Manteltaschen, bevor jemand sehen kann, wie stark sie zittern, und recke für die Umstehenden das Kinn. »Bring mich zu den Ratgebern.«

2

Im Thronsaal wird es still bei meinem Eintreten, die letzten Gesprächsfetzen verflüchtigen sich wie Rauch, als meine Stiefelabsätze über den Marmorboden klappern.

Bitterkalte Luft und das Prickeln von Geistern streichen über meine Haut und heißen mich in einem Raum willkommen, in den ich keinen Fuß mehr gesetzt habe, seit ich letzten Sommer hier gegen Kaven gekämpft habe. Der Raum weist keine Spuren von dem Feuer mehr auf, das ihn zerstört hat. Auch kein einziger Tropfen von dem Blut ist zu sehen, das ich in meiner Erinnerung immer noch so stark aus Vaters Leichnam fließen sehe, nachdem er sich selbst in sein Schwert gestürzt hat, um seine Verbindung mit Kaven zu lösen, damit Bastian und ich die Möglichkeit hatten, gegen ihn zu kämpfen.

Erst als ich mich ans Kopfende eines riesigen, schwarzen Quarztisches gesetzt habe und mit den Fingern über die verkohlten Knochen meines Throns streiche – nach dem Feuer wurde er frisch lackiert, damit er stabil genug ist – kann ich die Berater beachten, die mit geneigten Köpfen dastehen.

Es ist eine grausame Strafe, unsere Ratssitzung hier abzuhalten, aber niemand sagt ein Wort. Dennoch denken sie wahrscheinlich dasselbe wie ich: Einer von uns sitzt genau dort, wo Vater gestorben ist.

Mutter setzt sich nach mir. Ihre Locken sind glatt nach hinten gekämmt und zu so engen Zöpfen geflochten, dass sie ihre Stirn anheben und ihre Augenbrauen aussehen lassen, als wären sie wachsam hochgezogen. Früher leuchtete ihre schöne braune Haut wie die Klippen am Meer bei Sonnenaufgang. Jetzt hat sie hohle Wangen, ihre Haut ist stumpf und ihre Lippen sehen immer aus, als hätte sie gerade in etwas Widerwärtiges gebissen. Vielleicht spürt sie genau wie ich, wie falsch dieser Raum ist.

Berater von allen Inseln – mit der bemerkenswerten, aber nicht unerwarteten Ausnahme von Kerost – nehmen ihre Plätze um uns herum ein. Federkiele und Pergamente voller Notizen liegen vor ihnen. Rechts von mir ist ein leerer Platz, der für meinen wichtigsten Ratgeber Ferrick vorgesehen ist, aber ich bedeute meiner Leibgarde mit einer Handbewegung, seinen Stuhl wegzunehmen.

»Ferrick hat heute andere Verpflichtungen«, erkläre ich den Beratern, bevor sie fragen können, und recke das Kinn, damit ich unter meiner Krone so gebieterisch aussehe wie möglich. »Ich spreche selbst für Arida.«

Neben mir rügt mich Mutters Stimme so leise, dass nur ich es hören kann: »Achte auf deinen Tonfall, Amora. Du bist nicht hier, um dich zu streiten; wir wollen alle dasselbe.«

Ich presse die Lippen zusammen. Seit ich den Thron bestiegen habe, gab es keinen Mangel an jenen, die meine Autorität infrage stellten. Aber sie hat recht: Visidias Ratgeber zu bekämpfen, auch wenn ich darauf vorbereitet bin, wird mir nichts nutzen.

Ich gehe in mich und finde die Kraft, das Spiel weiterzuspielen, das Mira und ich draußen im Hafen angefangen haben – dasselbe ermüdende Spiel, das ich mit dem Königreich spiele, seit ich den Thron bestiegen habe. Ich setze ein falsches Lächeln auf.

»Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid.« Diesmal klinge ich fröhlicher. Freundlicher. »Mir ist bewusst, dass es im Moment für uns alle schwer ist, deshalb weiß ich eure Bereitschaft zu diesem Treffen wirklich zu schätzen.«

»Ich bin froh, dass wir endlich die Möglichkeit dazu haben.« Die Stimme ist trügerisch sanft. Sie gehört Zale, der neu berufenen Ratgeberin von Zudoh, einer Insel, an deren Wiedereingliederung ins Königreich wir arbeiten, nachdem mein Vater sie vor elf Jahren zu Unrecht verbannt hat. Obwohl die Bewohner dieser Insel grausam gelitten haben, war Zale so freundlich, meiner Crew und mir Unterschlupf und Schutz zu gewähren, als wir auf unserer Suche nach Kaven auf Zudoh ankamen – obwohl wir mit Bastian Kavens Bruder dabei hatten.

Seit die Insel von Kavens Herrschaft befreit wurde, hat Zale ein lebhaftes Leuchten auf ihrer warmen Haut entwickelt, und in ihren einst eingesunkenen Augen liegt ein Glanz, der es mit dem strahlendsten Malachit aufnehmen könnte. Sie sieht umwerfend aus in ihrem weißen, seidigen Gewand, aber sie hat etwas Grimmiges an sich, das nicht zu übersehen ist. Zale ist eine der scharfsinnigsten und entschlossensten Frauen, denen ich je begegnet bin.

Neben ihr sitzt Lord Bargas, so stolz wie man nur sein kann, wenn man in einen dicken, rubinroten Mantel – praktisch eine Decke – gewickelt ist. Er wird von seiner jungen Nachfolgerin begleitet: Zusammen vertreten sie Valuka, das Königreich der Elementemagie. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich ihn sehe, denn er erinnert mich stark an Bastian, der bei unserer ersten Begegnung in der Nacht der Feierlichkeiten zu meinem Geburtstag vorgegeben hat, der Sohn des Barons zu sein. Der Baron und seine Mannschaft waren draußen auf dem Meer ausgesetzt worden, entwaffnet, entkleidet und unter dem Einfluss curmanischen Schlafpulvers.

»Hallo, Eure Majestät.« Seine Lippen verziehen sich zu der Art von Lächeln, die auch im kältesten Winter Eis zum Schmelzen bringen würde. Er ist der älteste Ratgeber, beinahe sechzig, und ihn zu sehen erinnert mich nicht nur an Bastian, sondern auch daran, wie gern Vater mit dem Baron gescherzt hat. Wie er Lord Bargas auf die Schulter klopfte und auf seine typische, herzhafte Art lauthals lachte.

»Es ist eine Freude, Euch wiederzusehen, Lord Bargas.« Ich räuspere mich und schlucke die hochkommenden Gefühle hinunter, verstaue sie für später, wenn ich nicht mehr so vielen neugierigen Blicken ausgesetzt bin. »Ich habe gehört, Ihr habt geschlafen, als wir alle uns das letzte Mal getroffen haben.« Das bringt mir vereinzeltes Glucksen ein, sogar vom Baron selbst und von der jungen Frau, die neben ihm sitzt.

»Ich versichere Euch, das war nicht freiwillig.« In seinen Augen liegt ein verschwörerisches Funkeln. »Dieser verfluchte Pirat hat sogar eines meiner Lieblingsschwerter gestohlen. Beschafft es mir bitte wieder, ja?«

Ich erwidere sein munteres Lächeln. »Ich schaue, was ich tun kann. Wen habt Ihr da mitgebracht?«

Er klatscht der jungen Frau fest mit der Hand auf die Schulter. »Das ist Azami Bargas, die Tochter meines ältesten Bruders, und meine Nachfolgerin. Azami wird bis zum Frühjahr ganz übernommen haben.«

»Ich freue mich, Euch kennenzulernen, Azami.«

Sie neigt schnell und tief den Kopf. »Ebenfalls, Eure Majestät.«

Ich bin überrascht, noch andere Gesichter zu sehen, die ich nicht erkenne. Die meisten beobachten mich kritisch, aber die Person, die seit Neuestem Mornute vertritt, hat die Finger auf dem Marmortisch aufgestellt und trommelt nervös darauf herum. Mit jedem Fingertippen tanzen winzige Sternbilder um deren schwarz lackierte Nägel. Als dey mich beim Starren ertappt, schreckt dey zusammen und konzentriert sich.

»Leo Gavel, Eure Majestät!« Leos Gesicht ist angenehm jung, mit vollen Pfirsichbäckchen, die von Sommersprossen übersät und verzaubert sind, sodass sie wie Sterne aussehen. Körperlich ist Leo klein und füllig, mit umwerfenden Gesichtszügen, und mich packt wieder einmal der Neid auf all jene, die Verzauberungsmagie wirken können. Dey hat stechende gelbe Augen, dazu passendes, zerzaustes Haar und trägt einen lavendelfarbenen Hosenanzug. Der geschwungene Eyeliner um Leos Augen ist in einem ähnlichen Farbton gehalten. »Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns kennenzulernen, seit Mornutes vorheriger Berater während des Angriffs umkam, aber ich versichere Euch, dass ich gut ausgebildet bin. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.«

»Ich ebenfalls.« Allerdings muss ich meine Worte erzwingen, während meine Gedanken bei der Nacht des Angriffs verharren und ich mich frage, wie viele Menschen ich habe sterben lassen. Für wie viel Blutvergießen bin ich verantwortlich, weil ich Kaven beim ersten Mal, als wir auf Zudoh miteinander kämpften, nicht besiegen konnte?

Es gibt noch ein neues Gesicht: Es gehört dem Berater, der Curmana vertritt, die Insel der Gedankenmagie, wenn ich seine weite, onyxfarbene Hose und den schimmernden Umhang richtig deute.

»Ich bin Elias Freebourne, und ich vertrete meine Schwester, bei der die Wehen eingesetzt haben an dem Morgen, als wir das Schiff für die Reise hierher beladen haben. Ich freue mich darauf, Euch zu dienen, Eure Majestät.« In seinen schönen grünen Augen liegt ein Funkeln, das meine Haut erhitzt. Ich wende mich schnell ab.

»Bei diesem Treffen soll die Vereinigung von Visidia besprochen werden«, teile ich allen mit. »Ich möchte mich gern auf unsere Bemühungen konzentrieren, Zudoh und Kerost wieder einzugliedern. Während sich das Verhältnis zu der erstgenannten Insel ganz gut entwickelt, müssen wir noch einen Weg finden, wie wir Kerosts Vertrauen in uns wiederherstellen können, bevor sie sich vom Königreich abspalten.« Wir haben sie viel zu lange unter den Stürmen leiden lassen. Wir haben sie ignoriert, als ein Zeithändler aus ihrem Schmerz Profit schlug und ihnen Jahre ihres Lebens stahl. Wenn wir das wiedergutmachen wollen, haben wir alle Hände voll zu tun.

Leo Gavel von Mornute rutscht auf deren Sitz herum. »Ich möchte diese Bemühungen nur zu gern besprechen, Eure Majestät. Aber der Hauptgrund für mein Kommen ist das Wohlergehen Mornutes und welche Auswirkungen die jüngsten … Veränderungen Visidias darauf hatten.«

Ich weiß sofort, dass Leo sich damit auf meine Abschaffung des Gesetzes bezieht, das es dem Volk von Visidia verbot, mehr als eine Form der Magie zu praktizieren. Ein Gesetz, das auf der größten Lüge des Königreiches fußte und dem ich mit meiner Thronbesteigung sofort ein Ende gemacht habe.

Jahrhundertelang sorgten die Montaras dafür, dass die Visidier schwach blieben, weil jeder Bewohner nur eine Magieform praktizieren durfte – und niemals die Möglichkeit hatte, Seelenmagie zu lernen –, damit niemand im Alleingang unsere Familie überwältigen hätte können. Die Montaras entwickelten eine Legende von einer Bestie, die Visidias Untergang bedeuten würde, sollte irgendjemand dieses Gesetz je brechen. Eine Legende, die meine Leute dazu brachte, zu glauben, dass nur die Montaras allein die gefährliche Seelenmagie nutzen konnten, um sie zu beschützen. Die Geschichte war so tief in der Gründung unseres Königreiches verwurzelt, dass nur wenige Menschen je davon abwichen.

Auch jetzt wissen meine Untertanen nicht, was die Montaras – meine Familienmitglieder – getan haben. Sie glauben, ich hätte die Bestie besiegt und die Magie befreit. Wenn sie die Wahrheit wüssten, säße ich nicht auf dem Thron. Ich hätte nie die Chance, alles wiedergutzumachen.

Solange ich diese Krone trage, habe ich nur ein Ziel: für die Fehler zu büßen, die meine Vorfahren begangen haben, indem ich den Fluch der Montaras breche und die Seelenmagie von unserer Blutlinie befreie. Ich werde dieses Königreich wieder heilen, indem ich meinem Volk all das gebe, was ihm immer hätte gehören sollen, und indem ich endlich allen die Wahrheit sage.

Und dann werde ich jede Strafe akzeptieren, die sie für angemessen halten.

»Auch ich möchte gern darüber sprechen, wie diese Veränderungen unsere individuellen Inseln betreffen«, sagt der Berater von Suntosa, Lord Garrison. Er ist ein korpulenter Mann mit einem dichten roten Bart, der die Hälfte seines Gesichtes verdeckt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, ist sein Bart sorgfältig in Form gebracht und weich. Als würde er ihn jede Nacht mit Öl einreiben. »Manche von uns sind sehr weit gereist, um hier zu sein. Da ist es nur richtig, dass auf unsere Belange eingegangen wird.«

Mutters Ermahnung hallt in meinem Kopf wider: Du bist nicht hier, um mit ihnen zu streiten. Aber bei den Göttern, bei diesem stolzen Kinn und den abschätzenden Blicken kann ich nicht anders. »Ich kenne unsere Geografie, Lord Garrison«, sage ich knapp, zufrieden davon, wie er überrascht die Augen verengt. »Mir ist sehr wohl bewusst, wie weit Ihr gereist seid. Ich höre mir sicherlich mit Freuden alle …«

»In der Vergangenheit«, unterbricht er mich, als hätte ich nichts gesagt, »hat König Audric diese Treffen damit eröffnet, dass jeder von uns seine eigenen Gedanken und die Bedürfnisse der Inseln, die wir vertreten, vorbrachte, statt selbst …«

Als er meinen Vater erwähnt, bricht sich irgendetwas in mir Bahn. Mutters Hand findet mein Knie unter dem Tisch und drückt es warnend. Doch ihre Anwesenheit reicht nicht, um die Bosheit zu verhindern, die mich lächeln lässt.

Lord Garrison war meinem Vater gegenüber immer loyal, mir gegenüber ist er aber, genau wie der Rest der Berater, eher höflich kühl. Bis letzten Herbst durfte ich kaum mit den Beratern interagieren. Vater hatte zu viele Geheimnisse; bis ich mir den Titel der Thronerbin verdient hatte, durfte ich keinerlei Einzelheiten dieser Treffen erfahren. Es war zwecklos und frustrierend, vor allem ist es das jetzt, da ich am Kopfende des Tisches sitze und eine Gruppe von Beratern anleiten soll, die mich kaum kennen und deren Vertrauen ich mir ihrer Meinung nach noch nicht verdient habe.

Aber sie irren sich. Ich habe mir meinen Platz auf dem Thron in dem Moment verdient, als ich Kaven erstach. Ich habe mir diesen Platz mit seinem und mit meinem Blut verdient. Ich habe ihn mir mit meiner Magie verdient und mit dem Opfer jedes Lebens, das ich nahm, um hierher zu gelangen.

Verdammtes Vertrauen. Ich habe mir diese Krone mit meiner Seele verdient.

»Vielen Dank für die Erklärung, wie mein Vater die Dinge gehandhabt hat. Wir wissen alle, er war ein makelloser Herrscher, der nie auch nur einen Fehler gemacht hat.« Ich richte mich auf meinem Sitz auf und erwidere Lord Garrisons Blick. »Und angesichts dessen, dass ich nie an diesen Treffen teilnehmen durfte und dass niemand je daran gedacht hat, mich miteinzubeziehen, ist Eure Information sehr hilfreich. Aber ich möchte Euch daran erinnern, Lord Garrison, dass mein Vater tot ist.« Ich wende den Blick nicht ab, als er zusammenzuckt, auch drehe ich mich nicht zu Mutter, deren Hand auf meinem Schenkel erschlafft. Stattdessen halte ich meine Aufmerksamkeit auf den Berater von Suntosa gerichtet, der jetzt unbehaglich auf seinem Sitz herumrutscht.

Als er den Mund öffnet, um etwas zu sagen, hebe ich die Hand und fahre fort. »Wie der Verstorbene regierte, ist nicht von Bedeutung, denn er sitzt nicht mehr auf dem Thron – sondern ich. Ich weiß nicht recht, ob Ihr das Gefühl hattet, es sei in Ordnung, mir gegenüber herablassend zu werden, weil ich eine Frau bin, wegen meines Alters oder einfach, weil ich neu in dieser Position bin und Ihr das Bedürfnis hattet, eine Art Überlegenheit zu beweisen, die Ihr nicht besitzt und auch niemals besitzen werdet. Aber nächstes Mal, wenn Ihr den Mund aufmacht, denkt daran, dass Ihr mit Eurer Königin sprecht. Habt Ihr mich verstanden?«

Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich den Berater von Mornute mit offenem Mund auf seinem Stuhl sitzen, während die anderen in betretenem Schweigen den Blick abwenden. Lord Garrisons Gesicht wird puterrot und ich bin froh über seine Beschämung. Er hat sie verdient.

»Ich verstehe, Eure Majestät«, schnaubt er fast, als wäre er sich nicht sicher, ob er überrascht sein oder sich entschuldigen soll.

»Gut. Dann können wir, denke ich, mit der Diskussion fortfahren, die ich geplant habe?« Ich rolle meine Schultern zurück, um ganz deutlich zu machen, dass ich lässig bin und nicht angespannt wie eine Feder, die jederzeit wieder aufspringen könnte. »Die besagten ›Veränderungen‹ interessieren mich natürlich auch, wie ich vor Eurem Ausbruch bereits erwähnte. Wir können mit Leo anfangen.« Dey wendet sich mir zu und ich lächle wieder, versuche, deren Erschrockenheit abzumildern. Die meisten Berater sind reserviert, aber Leo ist so neu, dass denen deutlich ins Gesicht geschrieben steht, was in denen vorgeht, und das gefällt mir. So vertraue ich denen mehr als den meisten in diesem Raum.

Leo schreckt hoch und schnappt sich die Pergamente vor sich, blättert sie durch, um deren Gedanken zu ordnen. »Ich möchte zur Diskussion stellen, dass die Aufhebung dieses Gesetzes unsere Insel negativ beeinflussen wird. Unsere Hafenstadt Ikae ist das größte Tourismusziel von ganz Visidia und unsere wichtigste Einkommensquelle. Unsere Sorge ist, dass wir nicht mehr so viele Gäste haben werden wie im Moment noch, wenn unsere Magie sich auch auf anderen Inseln ausbreitet. Wenn alle ihre Stadt mit Zaubern zum Funkeln bringen können, wird unsere weniger attraktiv werden. Ich mache mir Sorgen, dass Mornute wegen dieser Änderung riesige Einkommensverluste befürchten muss.«

Diese Sorge ist legitim, aber ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht. »Es stimmt, das Gesetz wird eine Veränderung bedeuten«, erkläre ich Leo. »Aber Visidia ist schon lange reif für Veränderungen. Und während es sich weiterentwickelt, müssen wir uns darauf konzentrieren, uns mit ihm zu entwickeln. Ihr habt recht, Mornute ist primär ein Tourismusziel, aber ich glaube, Ihr überseht den finanziellen Wert seiner Alkoholexporte.« Das neugierige Glimmen in Leos Augen sagt mir, dass ich recht habe: Darüber hat dey noch nicht so genau nachgedacht. »Das Klima auf Mornute eignet sich gut dafür, die Insel zu einem der wenigen Gebieten zu machen, wo die Zutaten für großartiges Bier und Wein in großen Mengen wachsen könnten. Ihr könnt euch auf eine expandierende Produktion konzentrieren; wenn die Tourismuszahlen in anderen Städten steigen, wird dort auch der Alkoholkonsum zunehmen, und sie werden ihn von irgendwo importieren müssen. Es wird mehr Nachfrage nach euren Produkten geben als je zuvor, und vielleicht sogar wachsende Umsätze.

Mein Vorschlag für Mornute wäre, sich einen Vorsprung zu verschaffen und sich auf verstärkte Alkoholverkäufe vorzubereiten«, fahre ich fort. »Erweitert die Weinberge an den Berghängen. Pflanzt mehr Gerste. Und wenn ihr schon dabei seid, denkt darüber nach, ein alkoholisches Getränk zu entwickeln, das es nur auf Ikae gibt. So könnt ihr Liebhaber direkt auf die Insel locken, wenn sie es genießen wollen.«

Leo lässt das einen Moment sacken, dann grinst dey auf deren Pergamente herab und kritzelt Notizen. »Darüber könnte man auf jeden Fall nachdenken. Ich nehme die Idee mit auf meine Insel und schaue, was wir daraus machen können.«

Ich bin froh, dass man wenigstens mit einer Person hier einfach kommunizieren kann. Solange Mornute die Nachfrage bedienen kann, dürfte es niemals Grund zur Sorge haben, und meine Idee scheint Leo beruhigt zu haben. Die Bewohner von Mornute, vor allem die in der Hafenstadt Ikae, schätzen einen verschwenderischen Lebensstil. Ich bin überzeugt davon, dass ihnen noch eine Menge anderer innovativer Möglichkeiten einfallen werden, den aufrecht zu erhalten.

Ich habe gar nicht bemerkt, wie starr und steif ich auf meinem Thron gesessen habe, bis Mutters Hand sich von meinem Bein löst. Ich entspanne mich, denn ich weiß, das ist ein Zeichen ihrer Zustimmung. Meine Antwort scheint auch einige der anderen Berater beruhigt zu haben, die bis dahin alle angespannt auf ihren Stühlen gesessen haben, unsicher, wie ich mich schlagen würde.

Nach meinem Umgang mit Lord Garrison brauchen die meisten der neueren Ratgebenden Zeit, um den Mut zu fassen, das Wort zu ergreifen. Doch bald verläuft das Gespräch in ruhigen Bahnen und ich kann ihm voll Selbstvertrauen folgen. Ich bin entspannt und schrecke erst hoch, als an der Doppeltür ein unterdrückter Ruf zu hören ist. Sofort bin ich aufgesprungen und habe den Dolch in der Hand. Da werden die Türen auch schon aufgestemmt, sehr zum Unmut der Wächter.

Doch meine Finger um den Dolchgriff werden schwach, als ich sehe, dass derjenige auf der Schwelle, der sich jetzt um Casem herumschlängelt, der letzte Mensch auf dieser Insel ist, den ich im Moment sehen will.

Bastian.

3

An der Tür steht der Junge, dem ich schon fast eine ganze Jahreszeit aus dem Weg gehe.

Der Junge, der die fehlende Hälfte meiner Seele besitzt.

Bastian trägt eine glänzende, schwarze Hose und ein irisierendes opalschwarzes Hemd, dessen oberste Knöpfe offen sind. Mit einer stolzen Arroganz steht er da, sodass er genau wie der königliche Ratgeber wirkt, den er an dem Abend gespielt hat, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Haselnussbraune Augen fangen meinen Blick auf, und er streicht sich mit den Händen über die dunklen Stoppeln auf seinen Wangen. Das Funkeln in seinen Augen ist unverkennbar.

Er ist ekelhaft gut aussehend, und das weiß dieser Mistkerl auch.

Bastian schlendert unaufgefordert herein, fast unmerklich zögert er beim Anblick des polierten, unbeschädigten Saals. Seine Kiefermuskeln zucken kurz. Wegen unseres Fluchs spüre ich das schnelle Aufflammen von Schrecken in seiner Brust, das sein Echo in meiner eigenen findet. Genau wie ich denkt er wohl an die Nacht, in der wir das letzte Mal in diesem Saal waren und in einem Strom aus Vaters Blut ertranken. Aber er hat keine Wahl, er richtet sich auf, holt Ferricks beiseite gestellten Stuhl aus der Ecke und zieht ihn an den Tisch. Holz kreischt über Marmor, aber das Geräusch stört ihn nicht, obwohl die Berater die Gesichter verziehen.

Ich versuche, Bastians Blick aufzufangen, aber er sieht mich nicht einmal an, als er sich zwischen mich und Zale setzt. Erst dann lächelt er, so irritierend charmant, dass ich ihm den Ausdruck am liebsten mit den Fingernägeln von den Lippen wischen möchte.

»Tut mir leid, ich bin zu spät.« Er winkt lässig in die Runde. »Fahrt bitte fort. Meinetwegen müsst ihr nicht unterbrechen.«

Ich drücke die Fäuste auf die Oberschenkel, damit niemand sehen kann, wie sich meine Fingernägel in die Handflächen bohren, als ich ihn frage: »Was soll das?«

Bastian sieht mich immer noch nicht an, als er sich mit den Fingern durch die frisierten Haare streicht und wehmütig in die Ferne sieht. »Ich bin zur Sitzung hier.«

Sämtliche Härchen an meinem Körper stellen sich auf. »Diese Sitzung ist nur für Ratgeber, Bastian.«

»Ach, dann erinnerst du dich also an meinen Namen. Wir haben schon so lange nicht mehr miteinander geredet, dass ich mich schon langsam gewundert habe.« Seine Stimme wird leiser, und die Heiserkeit darin macht komische Dinge mit meinem Magen. »Und ich kann tun, was ich will, Prinzessin. Ich habe geholfen, dieses Königreich zu retten.«

Prinzessin. Der Spitzname verursacht Gänsehaut bei mir.

»Abgesehen davon, was willst du machen?« Er beugt sich vor und flüstert den folgenden Satz nur mir zu: »Mich von der Insel werfen?«

»Du kannst dich nicht selbst zum Ratgeber erklären«, unterbricht ihn Zale mit lächelnden Augen, trotz der zusammengebissenen Zähne. »Aber ich möchte dir gerne persönlich einen Platz anbieten, Bastian. Im Namen von Zudoh: Wir freuen uns auf deine Meinung.«

Es kostet mich alle Kraft, meine Hände zu entspannen. Ich werde mich hüten, mich gegen Zale zu stellen, und ich ignoriere die Selbstgefälligkeit, die Bastians Lippen verzieht, als er eine Schreibfeder hinter dem Ohr hervorholt, die Spitze anleckt und mehrere Bögen Pergament auf den Tisch legt. Als er mich ertappt, wie ich ihn anstarre, zwinkert er mir zu.

Nie gab es einen Moment, in dem ich die curmanische Kunst der Gedankenübertragung dringender lernen wollte als jetzt. Denn würde ich diese Kunst beherrschen, so würde ich Bastian ziemlich deutlich sagen, wohin er sich diese Schreibfeder stecken kann.

»Wenn wir Zudoh helfen wollen, haben wir noch einen langen Weg vor uns«, fährt Zale fort und steuert uns elegant wieder zum Thema zurück. »Wir machen Fortschritte, aber es wird Zeit brauchen, bis unsere Insel sich von der Vernachlässigung erholt hat.«

»Was ist mit dem Wasser?« Die Selbstgefälligkeit ist von Bastians Lippen verschwunden, und die Ernsthaftigkeit, die in seinen Worten liegt, wurzelt tief. Seit Kavens Tod wird er von dem Wunsch verzehrt, Zudoh wieder aufzubauen. Weil ich seine Leidenschaft genauso stark spüre wie meine eigene, verfliegt meine Wut.

»Valuka hilft uns, das Wasser zu säubern, damit es nach Kavens Fluch wieder bewohnbarer für Meereslebewesen wird«, antwortet Zale. »Es wird noch dauern, bis die Fische zurückkehren, aber es gibt schon sichtbare Verbesserungen.«

»Ich freue mich, das zu hören«, sage ich. »Lord Bargas, wir sollten darüber sprechen, wie wir die Wiederaufbaubemühungen der Valukaner am besten zwischen Kerost und Zudoh aufteilen können …«

Wir diskutieren stundenlang hin und her, tauschen Ideen aus und einigen uns über notwenige Veränderungen. Und obwohl die Sitzung so holprig begonnen hat, sitze ich am Ende entspannt auf meinem Thron. Die Krone habe ich abgenommen, um mich besser konzentrieren zu können. Einige der Ratgeber bringen neue Perspektiven ein, während andere stur auf ihren alten Methoden beharren. Aber nicht einer von uns möchte nicht das Beste für unser Volk. Und trotz seines großspurigen Auftritts sind Bastian gegenüber überraschenderweise alle aufgeschlossen. So ungern ich es zugebe, seine Ideen sind wertvoll und seine Liebe zu seiner Heimatinsel ist echt.

Aber so gut alles bis hierhin gelaufen ist: Lord Garrisons herausfordernder Blick genügt mir als Warnung, dass nicht alles so einfach sein wird.

»Leo«, sagt er beiläufig, als er an der Reihe ist. »Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Ihre Majestät von den Papieren erfährt.«

Leo reißt die Augen auf. Kurz flackert deren Blick zu Lord Garrison. »Ich habe es Euch doch gesagt, man kümmert sich schon darum.«

Aber Lord Garrison ignoriert dey und schnaubt in seinen Bart, während er tief in die Innentasche seines smaragdgrünen Mantels greift. Pergament knistert unter seinen schwieligen Fingerspitzen, als er es vor uns auf den Tisch knallt. Ich strecke mich danach aus und nehme es mir.

Einer von Ikaes neuesten Trends ist Pergament, das mit bewegten Bildern verzaubert ist, die den neuesten Klatsch und die aktuellste Mode zeigen. Vataea und mein Cousin Yuriel studieren diese Bilder schon seit Wochen, aber ich war bisher zu abgelenkt, um mich darauf zu konzentrieren, was irgendeines davon zu sagen hat.

Anscheinend war das ein bedeutender Fehler meinerseits.

 

Ihre Majestät Amora Montara: Königin unseres Reiches oder Visidias größte Bedrohung?

Letzten Sommer stellte Königin Amora unser Königreich mit der Ankündigung auf den Kopf, dass die Einwohner Visidias nicht länger gezwungen sein sollen, die jahrhundertealte Praxis einzuhalten, nur eine einzige Magieform auszuüben.

Einige haben diese Veränderung schon lange herbeigesehnt, doch andere sind skeptisch. Die Ankündigung erfolgte nur Tage nach dem Ableben von König Audric und nachdem Königin Amora gezwungen war, den Thron zu besteigen, obwohl sie zuvor an der Ausübung der nötigen Pflichten einer Animantin gescheitert war. Unsere Königin behauptet zwar, die Bestie, die jahrhundertelang in der Blutlinie der Montaras gelebt hat – der Grund für unser Einzelmagiegesetz – sei im selben Kampf besiegt worden, in dem König Audric und Kaven Altair umkamen, aber die günstigen zeitlichen Umstände sind schwer zu übersehen.

Von dem Moment an, als die Königin den Thron bestieg, ging es im Staat Visidia, gelinde gesagt, turbulent zu. Falls die sich schnell verschiebenden Kräftespiele der Magie nicht Grund genug zur Sorge sind, dann sollte es der Zustand unseres Königreiches sein. Zudohs Bemühungen, sich wieder dem Königreich anzuschließen und Kerosts Drohungen, sich abzuspalten – man muss sich fragen, was Ihre Majestät sich bei all diesen Veränderungen wohl denkt.

Vielleicht liegt es daran, dass sie eine junge Frau ist, oder daran, dass niemand da ist, um sie zu bändigen. Doch was auch immer der Grund dafür ist: Eines ist sicher – unsere Königin zerstört Visidia. Und wenn sich nicht bald etwas bei ihr ändert, fürchte ich, das Schlimmste kommt erst noch.

 

 

Dazu gehört ein Bild von mir am Tag meiner Krönung: Ich sitze auf demselben verkohlten Thron, auf dem ich jetzt sitze, vor meinem Volk. Mutter setzt mir die Aalkrone auf den Kopf und die Leute verneigen sich vor mir. Ich sehe ernst und selbstbewusst aus, die Schultern nach hinten genommen und das Kinn hoch erhoben.

Aber ich erinnere mich an diesen Moment, und wenn jemand genau genug hinschauen würde, auf meine Augenwinkel und die zusammengezogenen Augenbrauen unter dem Kiefer des Aals, dann könnte er die Angst sehen.

Angst, dass ich nicht fähig wäre, Visidia allein wieder hinzubekommen.

Angst, dass mein Volk die Wahrheit über die Montaras herausfinden und mich töten würde, bevor ich es überhaupt versuchen konnte.

Diese Erinnerung will ich nicht noch einmal durchleben, deshalb lenke ich meine Aufmerksamkeit von dem Bild weg und richte sie auf eine einzelne Zeile, die ich immer wieder lese.

Unsere Königin zerstört Visidia.

»Unser Volk vertraut Euch nicht, Eure Majestät.« Die Selbstgefälligkeit in Lord Garrisons Stimme genügt kaum, um mich von der Wut abzulenken, die meine Haut verbrüht. »Seit Ihr letzten Sommer während Eurer Vorstellung an der Seelenmagie gescheitert seid, fürchtet das Volk, Ihr hättet Eure Magie nicht im Griff.«

Den Göttern sei Dank, dass mein Volk nicht weiß, dass ich meine Magie im Moment überhaupt nicht nutzen kann. Mein Fluch hält mich vom Zugriff auf meine Seelenmagie ab, denn die Hälfte meiner Seele ist an Bastian gebunden.

Ich bin die Hohe Animantin. Die Königin. Wenn ich nicht hinreichend Seelenmagie ausüben kann, gibt es wenig, was mein Volk davon abhalten würde, mir die Krone vom Kopf zu reißen.

Mutter verzieht das Gesicht, während sie das Pergament liest; ich kann praktisch sehen, wie sie sich auf die Zunge beißt. Selbst Bastian öffnet den Mund, um zu protestieren, aber die Wörter ersterben nutzlos auf seinen Lippen, als er es noch einmal liest.

»Was schlagt Ihr vor, um die Wahrnehmung des Königreiches von mir zu ändern?« Ich umklammere die Armlehnen meines Throns und sehe Lord Garrison fest in die Augen. »Lustigere Witze erzählen? Partys schmeißen, bei denen das Königreich fröhlich tanzen und trinken kann? Ich habe gerade nicht nur Visidia vor Kaven gerettet; ich habe diesem Königreich seine Magie zurückgegeben. Und trotzdem muss ich gebändigt werden?« Ich haue mit der Faust auf den Tisch. »Bei allen Göttern, ich bin eine Königin!«

Als Lord Garrison sich aufrichtet, vergiftet Feindseligkeit meinen Mund und überzieht meine Zunge. Ich ziehe meine Fäuste auf den Schoß und verstecke meine aufgeschürften Finger unter dem Tisch.

»Ihr mögt den Titel der Königin tragen«, sagt Lord Garrison kühl, »aber in den Augen zu vieler seid Ihr immer noch kaum mehr als ein Mädchen, das aus seinem Königreich geflohen ist und dem man die Macht, mit der es hantiert, nicht anvertrauen kann.«

Ich hasse ihn dafür, dass er nicht die Beherrschung verliert. Doch noch mehr hasse ich ihn, weil er, nach allem, was ich letzten Sommer über die Montaras erfahren habe, die Wahrheit sagt. »Was Visidia braucht, ist Stabilität. Wir können unserem Volk nicht nur Strapazen aufbürden und erwarten, dass es sich mit dem bloßen Versprechen zufriedengibt, dass eines Tages alles vielleicht besser wird. Die Menschen müssen Euch vertrauen. Sie müssen das Gefühl haben, dass sie immer noch nicht nur eine Königin, sondern auch eine Beschützerin haben.«

Ich presse die Lippen zusammen und sacke auf meinem Thron nach hinten. »Ich nehme an, Ihr habt eine Lösung im Sinn?«

Als Lord Garrison mich ansieht, selbstbewusst und berechnend, ist es, als wäre kein anderer Ratgeber im Raum. »Ich schlage vor, wir verschaffen Visidia eine Ablenkung; etwas, worauf sie sich konzentrieren können, während wir daran arbeiten, das Fundament unseres Reiches zu ändern. Ich möchte ihnen einen Grund geben, mit Euch mitzufiebern.«

Die Art, wie er das sagt, schickt Stromstöße durch meine Adern.

»Ihr seid jetzt die Königin.« Er genießt jedes Wort. »Ihr seid Eurem Königreich verpflichtet, und dazu gehört, dass von Euch erwartet wird, die Montara-Erbfolge fortzusetzen, indem Ihr sobald wie möglich für einen Thronerben sorgt. Deshalb werdet Ihr Euch einen Ehemann nehmen müssen.«

Vielleicht liegt es daran, dass niemand da ist, um sie zu bändigen.

Ich spüre, wie Bastians Groll aufwallt, genauso bitter wie mein eigener. Doch als er seine Hände auf den Tisch stemmt, als wolle er aufstehen, trete ich ihm gegen das Schienbein und fixiere ihn mit einem Blick, der verlangt, dass er sitzenbleibt. Das ist nicht sein Kampf.

»Genaugenommen brauche ich keinen Ehemann, um einen Erben zu produzieren«, beginne ich, aber Mutter wirft mir einen spitzen Blick zu. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass sie nichts gegen seinen Vorschlag gesagt hat. »Wie denkst du darüber?«, frage ich sie scharf.

»Ich möchte nur, dass du in Sicherheit bist«, antwortet sie mit genauso viel Erschöpfung, wie sie mir in den Knochen sitzt. »Wenn ein Ehemann dein Königreich beruhigt … dann könnte es eine Überlegung wert sein.«

»Also, was?«, knurrt Bastian und ignoriert mich, als ich ihm zum zweiten Mal mit dem Stiefel gegen das Schienbein trete. »Wollt Ihr sie verheiraten? Sie ist Eure Königin, nicht Eure Schachfigur.«

Lord Garrison legt die Hände flach auf den Tisch und sitzt hoch aufgerichtet da. »Politik ist ein Spiel, mein Sohn. Alle sind Schachfiguren.«

Von den restlichen Beratern kommt nur erdrückendes Schweigen.

»Ich schlage vor, wir benachrichtigen alle Inseln«, fährt Lord Garrison fort, obwohl ich ihn nicht mehr ansehe. Ich drücke mir stattdessen die Hand an die Stirn und versuche, die Kopfschmerzen abzuwehren, die hinter meinen Schläfen aufflammen. »Wir sagen ihnen, Ihr wärt auf dem Weg, um ihre heiratsfähigen Junggesellen zu treffen. Wir stellen sicher, dass alle es mitbekommen und aller Aufmerksamkeit auf Euch liegt. Wir lenken die Leute davon ab, wie schnell sich alles um sie herum verändert.«

»Das ist eine schlaue Idee.« Zale klingt leise und bedauernd, als sie sich einschaltet. »Wir könnten es als Gelegenheit für dich sehen, dich einzuschmeicheln, Amora, und damit dich die Inseln kennenlernen. Die Menschen würden sich einbezogen fühlen, als wärst du eine von ihnen und ein Teil dieses Königreiches. Liebe macht dich außerdem verletzlich. Sie macht dich weich, und dieses Weiche möchten die Leute an dir sehen. Das könnte Visidia Hoffnung geben.«

Es kostet mich alles, sie nicht das Ausmaß meiner Wut spüren zu lassen, vor allem, als auch noch der Rest der Ratgeber zustimmend nickt.

Es ist kaum zwei Jahreszeiten her, seit ich die Verlobung mit Ferrick gelöst habe, und schon versuchen sie wieder, mich an einen anderen Mann zu verschachern. Allein die Vorstellung reicht aus, dass ich mich vom Tisch abdrücke und aufstehe, obwohl meine Beine vor Wut zu zittern drohen.

»Ich habe über achtzehn Jahre Ausbildung hinter mir für die Position, in der ich jetzt bin«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und muss bei jedem Wort meine Emotionen zügeln. »Ich habe die Bücher unserer Geschichte studiert. Die Karten. Magie. Waffen. Strategie. Das höfische Leben. Sagt mir, welchen Mann gibt es da draußen, der dasselbe getan hat? Welcher Mann könnte bereit sein, an meiner Seite zu sitzen und mir zu helfen, ein Königreich zu führen?« Ich versuche, meine zitternde Stimme zu beruhigen; das Zittern kommt nicht von der Nervosität, es kommt vom Hass. Nicht auf Lord Garrison oder die anderen Berater, sondern wegen der schieren Tatsache, dass ich tief in mir erkenne, dass diese Idee ihre Vorzüge hat.

Das Königreich braucht irgendeine Ablenkung, und ich habe mir geschworen alles zu tun, was nötig ist, um das Unrecht zu beseitigen, das die Montaras hinterlassen haben. Aber das?

Mir gegenüber am Tisch bleibt Lord Garrison ruhig wie die Sommersee. »Ich bewundere Eure Beharrlichkeit, das Königreich zu stärken, aber wie ich schon sagte, die Bürger von Visidia müssen ihrer Herrscherin vertrauen. Niemand hat Eure Kraft je gesehen. Ihr mögt Kaven aufgehalten haben, aber da Ihr bei Eurer Zeremonie letzten Sommer versagt habt, hat niemand Eure Magie gesehen. Aridas Gefängnisse sind voll belegt, deshalb haben viele ihre Vorbehalte gegen Euch, Eure Majestät. Es kursieren Gerüchte, Ihr könntet Eure Magie nicht auf dem Niveau einer Hohen Animantin ausüben; viele glauben, Ihr hättet keine Kontrolle über Eure Seelenmagie und könntet nicht einmal Gefangene exekutieren, ganz zu schweigen davon, Visidia zu beschützen. Es wird Zeit für Schadensbegrenzung. Es wird Zeit, dem Königreich zu zeigen, dass Ihr verletzlich seid – dass Ihr so offen seid, auf die Sorgen der Bürger zu hören, dass Ihr sogar darüber nachdenkt, einen von ihnen als Euren Ehemann an den Hof zu holen.«

Mutters Gesicht erschlafft, während ich erstarre. Das ist das erste Mal, dass ich Gerüchte über meine Magie höre.

»Es gab dringendere Angelegenheiten als die Exekution von Gefangenen.« Das ist Bastians scharfe Stimme, die sich einmischt, und ich bin dankbar, dass er mir einen Moment Zeit verschafft, um mich zu sammeln. »Mit ihrer Magie ist alles in Ordnung.«

Lord Garrison nickt zwar, aber seine Augen ziehen sich prüfend zusammen, sodass Falten entstehen, die mir verraten, dass er die Lüge nicht ganz glaubt. »Natürlich. Deshalb wäre solch eine Rundreise so vorteilhaft, damit Eure Majestät den Bürgern zeigen kann, dass sie nicht nur mächtig ist, sondern auch jemand, dem sie vertrauen können. Dass sie ihre Sorgen hört und tun wird, was das Beste für das Königreich ist.«

Ich schmecke einen Tropfen Blut auf meiner Unterlippe, so fest habe ich darauf herumgekaut. »Ich werde sämtlichen Gerüchten über meine Magie heute Abend ein Ende setzen«, sage ich, bevor ich es mir anders überlegen kann. »Ich werde mich um alle Gefangenen kümmern, die zu einer Exekution durch meine Magie verurteilt wurden, und ich lade Euch ein, dabei zuzusehen, Lord Garrison. Und falls jemand hier Sorgen bezüglich meiner Magie hat, darf er sich uns gern anschließen.«

Sowohl Mutter als auch Bastian versuchen, meinen Blick einzufangen, aber ich weigere mich, ihnen Beachtung zu schenken. Hier vor den anderen muss ich so ruhig und abweisend wirken, wie ich kann, auch wenn mein Herz so wild rast, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis ich zusammenbreche.

Ich muss hier raus. Ich muss planen und nachdenken, weit weg von allem Geflüster, den Ratgebern und von dem Strudel von Bastians Nervosität, die an mir zehrt.

Je schneller ich die Gerüchte über meine Magie im Keim ersticken kann, desto besser. Zu allem anderen ist die Entdeckung meiner fehlenden Magie das Letzte, was ich brauche.

»Ich denke über Euren Vorschlag nach, Lord Garrison«, verkünde ich der Tischrunde und verstecke meine zitternden Hände. »Und wir sehen uns heute Abend.«

4

Bastian holt mich ein, bevor ich in meinem Zimmer verschwinden kann, schwer atmend hält er mich am Handgelenk fest.

Ich zucke zusammen, weil ich beim Kontakt mit seiner Haut einen Schlag bekomme. Seine Berührung brennt wie Feuer, mein Blut kocht. Das führt dazu, dass ich mich ihm schenken, mich von ihm halten lassen und einfach brennen möchte.

Deshalb habe ich alles in meiner Macht Stehende getan, um mich von ihm fernzuhalten.

»Willst du wirklich so da rausgehen?«, verlangt er zu wissen, seine Haare sind zerzaust vom Laufen, seine Haselnussaugen fest auf mich gerichtet. »Du hast keine Magie, Amora. Was glaubst du, wie du damit durchkommst, vor allem, wenn andere zusehen?«

»Du kapierst es nicht, oder?« Ich entreiße ihm meine Hand, als wäre er eine Flamme, die droht, meine Haut zu verkohlen. »Die anderen müssen zusehen. Nur so habe ich eine Chance, den Gerüchten, dass mit meiner Magie etwas passiert ist, ein Ende zu setzen.«

Seine Fäuste sind geballt, die Muskeln an seinem Hals gespannt. »Aber hast du einen Plan? Du weißt schon, so etwas, bei dem man nachdenkt, was man tut, bevor man einem ganzen Raum verkündet, dass man es tun wird?«

»Natürlich habe ich den«, entgegne ich. »Ich habe einen … Notfallplan.«

Er legt den Kopf schief. »Ach? Was für einen Notfallplan denn?«

Ich beiße die Zähne zusammen und dränge die Frustration zurück, die in mir hochkocht. »Einen, der funktionieren wird.« Aber auch einen, von dem ich gehofft habe, dass ich ihn nie umsetzen muss. Einen mit zu vielen Unwägbarkeiten, wenn wir nur eine Chance haben, das hinzubekommen. Ich weiß sehr wohl, wie riskant er ist – ein Fehltritt, und meine gesamte Regentschaft wird in Flammen aufgehen, noch bevor sie begonnen hat. Aber ich habe gewusst, dass dieser Tag kommen würde, und zwar seit dem Moment, in dem ich den Thron bestiegen habe, und es ist die einzige Idee, die überhaupt eine Chance auf Erfolg hat.

Bastian seufzt. »Du musst das nicht allein machen. Nur … rede einfach mit mir. Du und ich sind zusammen besser; lass mich dir helfen.«

Einen flüchtigen Moment lang will ich nichts mehr als genau das. Aber ich habe Vater in allem vertraut, und man weiß ja, wohin mich das geführt hat. Ich will mein Vertrauen nicht noch einmal allein auf eine einzige Person setzen.

»Du kannst mir helfen, indem du dich heute Abend fernhältst.« Ich spreche kurz angebunden und versuche, zu ignorieren, wie mir seine Trauer ins Herz schneidet. Jede Faser meines Körpers sirrt, so falsch ist dieses Gefühl, das nicht meines ist. »Du bist eine Ablenkung, Bastian. Und ich kann mir keine Ablenkung leisten, wenn ich unten im Gefängnis bin.«

Vielleicht ist das, was ich sage, grausam. Aber als er ein langes Gesicht macht, weiß ich, es hat gewirkt. Im Moment ist das alles, was zählt.

»Du bist mir den ganzen Herbst aus dem Weg gegangen. Dann schaffe ich es sicher auch, mich eine Nacht von dir fernzuhalten.« Er neigt den Oberkörper von mir weg und verschränkt die Arme vor der Brust. Die Haltung sieht fast lässig aus, aber er kann mich nicht täuschen. Enttäuschung brodelt in ihm, heizt meine Haut auf. »Aber was ist mit dem, was sie bei dem Treffen gesagt haben? Wirst du … Möchtest du das?«

»Heiraten?« Ich schnaube. »Natürlich nicht. Aber du kannst nicht abstreiten, dass die Idee ihre Vorzüge hat.«

»Es ist eine ungefährliche Idee«, presst er herausfordernd zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Wut wirbelt als dunkler, wilder Sturm der Emotionen in mir.

»Es ist nichts falsch daran, das Risiko minimieren zu wollen.« Ich hatte noch keine Gelegenheit, wirklich darüber nachzudenken, aber ich kann es mir nicht verkneifen: Ich möchte, dass Bastian einen kleinen Stich verspürt. Ich will ihn wissen lassen, dass ich nicht sein Eigentum bin, auch wenn wir durch diesen Fluch aneinander gebunden sind. Er ist nicht mein Schicksal, und auch wenn ich ihn vielleicht will, so brauche ich ihn doch nicht. »Visidia hat zu viel verloren. Meine Mutter hat zu viel verloren. Was soll falsch an ein bisschen Stabilität sein?«

»Nichts ist falsch an Stabilität. Aber das sollte nicht bedeuten, dass du opferst, wer du bist.« Er macht einen Schritt auf mich zu und streckt die Hand aus, als wollte er mich berühren. Obwohl jeder Zentimeter meines Körpers nach dieser Berührung lechzt, zucke ich zurück und merke erst einen Augenblick zu spät, was ich getan habe.

Bastian erstarrt erschrocken. Seine Brust bewegt sich nicht – einen Moment lang atmet er nicht.

»Du bist gerade erst aus einer Verlobung herausgekommen; lauf nicht gleich wieder in eine Falle.« Seine Stimme ist zu einem Flüstern geworden, leise und flehend.

»Der Vorschlag kommt nicht überraschend.« Ich lasse meine Stimme weiter hart klingen. »Es gibt einen Grund, warum mich meine Familie letzten Sommer mit Ferrick verlobt hat, und jetzt bleiben zu wenige mögliche Erben übrig. Ich muss darüber nachdenken – ich werde alles tun, was nötig ist, um dieses Königreich zu reparieren. Wenn das heißt, dass ich mir einen Ring an den Finger stecken oder irgendetwas heucheln muss, damit mein Volk ruhig schlafen kann, dann werde ich das tun.«

Er klappt den Mund zu und ich kann sein Zähneknirschen praktisch hören. Ich will mich gerade verabschieden, weil ich die Spannung nicht länger ertrage, als sich seine Haltung entspannt.

»Also gut.« Bastian spricht mit so einer Endgültigkeit, dass ich einen Augenblick lang fast beleidigt bin, dass er sich nicht mehr Mühe gegeben hat, mich aufzuhalten. Ich hätte zumindest einen Ausbruch erwartet, doch seine Wut äußert sich kühl und verbittert.

»Also gut?«

»Das habe ich gesagt.« Seine Stimme ist ruhig, aber knapp. »Es ist in Ordnung. Du solltest es tun.«

Es ist, als hätte er mir einen Schlag gegen die Brust versetzt. Ich wende mich ab, ich will nicht, dass er die Wut in mir sieht. »Mehr war nicht nötig, damit du Ruhe gibst? Bei den Sternen, ich hätte schon vor Ewigkeiten mit der Brautwerbung anfangen sollen.«

Bastians Lachen ist samtig wie Wein. So nahe, wie er mir ist, kann ich praktisch den vertrauten Meersalzduft seiner Haut riechen. »Wer hat etwas von Ruhe geben gesagt? Der Plan wäre, die begehrtesten Junggesellen von ganz Visidia kennenzulernen, oder? Um zu sehen, ob du zu irgendeinem von ihnen eine Verbindung hast?«

Ich beobachte ihn misstrauisch mit zusammengekniffenen Augen. »Das ist richtig.«

Sein Atem wird ruhig. Seine Augen sind zwar dunkel, aber die Entschlossenheit hat sie hart gemacht. Das Lächeln, das er aufblitzen lässt, bringt mich fast zum Schmelzen, es ist warm, satt und strahlend. »Wenn du dich dafür entscheidest, dann lass uns nicht vergessen, dass ich auch ein Junggeselle bin. Und ich bin sehr, sehr begehrt.«

Als sich die Erschütterung über seine Worte in mir ausbreitet, merke ich, dass ich meine Lippen kaum bewegen kann, ganz zu schweigen davon, Wörter zu bilden. Schweiß überzieht meine Handflächen, und ich wische sie ab, indem ich so tue, als müsste ich mein Kleid glatt streichen. Mein Mund ist trocken und meine Wangen sind heiß und gerötet. Das Letzte, was ich will, ist, dass er es bemerkt, auch wenn das nichts bringt. Dieser Junge kann meine Seele spüren.

»Wenn du mich bitte entschuldigst.« Ich wende mich ab, bevor mich mein hämmerndes Herz bei ihm verpetzen kann, bei ihm und dem ganzen Königreich. »Ich muss mich auf heute Abend vorbereiten.«

Das Letzte, was ich von Bastian sehe, ist, dass er den Kopf neigt. In seiner Stimme klingt ein Grinsen mit, als er mir nachruft: »Du kannst mich nicht ewig ignorieren, Prinzessin!«

Aber solange ich diese Gefühle, die in mir toben, nicht sortiert habe, werde ich es so sicher wie die Sterne versuchen.

5

Meine Stiefel sinken in den blutroten Sand ein, als Casem und ich die Ratgeber im Licht eines silbernen Mondes zu den Gefängnissen führen. Nur zwei sind aufgetaucht – Lord Garrison und Lord Freebourne. Bei den anderen haben die grotesken Gerüchte über meine Magie die Neugier überwogen, da bin ich mir sicher.

In meiner Kindheit und Jugend sind mein Vater und ich einmal im Jahr aus einem einzigen Grund in diese Gefängnisse gekommen – um Visidia von den gefährlichsten Kriminellen zu befreien, indem wir sie mithilfe unserer Magie exekutierten. Damals dachte ich, ich würde Visidia mit meiner Magie beschützen, und mein Königreich glaubt immer noch fest daran. Die Seelenmagie, die mein Vater und ich praktiziert haben, war schlecht und grotesk, aber bis letzten Sommer wusste ich es nicht besser. Unsere Magie ist die Folge eines Fluchs, der auf unserer Blutlinie liegt, um meinen Vorfahr Cato zu bestrafen. Der ließ einst alle glauben, sie könnten zu ihrem eigenen Schutz nur eine Magie praktizieren.

Wenn ich erst sowohl den Fluch der Montaras als auch meinen eigenen Fluch – der mich mit Bastian verbindet – gebrochen habe, müsste meine Seelenmagie so zu mir zurückkommen, wie sie ursprünglich gedacht war: als etwas Friedliches und Bewahrendes, mit dessen Hilfe die Praktizierenden Seelen und ihre Absichten lesen können. Und auch wenn ich mich darauf freue, diese Version meiner Magie kennenzulernen, kann ich mich doch eines Hauchs von Angst nicht erwehren.

So grotesk, wie meine Magie gewesen sein mag, ich habe immer geglaubt, ich setze sie ein, um andere zu schützen. Und aus diesem Grund habe ich sie lieben gelernt.

»Fühlst du dich damit wohl?« Casems Flüstern bricht unser Schweigen und reißt mich aus meinen Gedanken. Jetzt ist nicht die Zeit für Trauer.

»Ob jetzt oder ein andermal ist egal«, sage ich zu ihm. »Bringen wir es hinter uns.«

Ich führe die anderen eine steile Klippe hinauf und tief in ein Dickicht aus Regenbogen-Eukalyptus. Innerlich freue ich mich über Lord Garringtons Schnaufen und Stolpern. Im Gegensatz zu ihm brauche ich nichts weiter als Sternenlicht, um mich auf dieser Insel zurechtzufinden, die ich so gut kenne. Diese Insel hat sich in meine Seele eingraviert. In meine Lungen. In das Salz, das in der rissigen Haut meiner Handflächen brennt. Ich könnte die anderen auch mit geschlossenen Augen über Arida führen, ohne einmal zu stolpern.

Der Gefängniseingang ist wie eine Höhle in die Klippe gebaut und wird von drei erfahrenen Soldaten bewacht: zwei Valukanern mit einer Verbundenheit zu Erde und Luft und einer Curmanerin mit Gedankenmagie, die in Levitation bewandert ist. Als sie zur Seite treten, um uns durchzulassen, warten noch mehr Wachen innerhalb des Gefängnisses.

Für unsere Exekutionen hat Vater sie normalerweise weggeschickt. Aber ob es daran liegt, dass ich es zum ersten Mal allein mache oder daran, dass sie misstrauisch sind, weil ich die Gefängnisse so lange gemieden habe: Mehrere Wachen folgen uns mit etwas Abstand, als erwarteten sie jeden Moment, dass ich ihnen den Befehl geben werde, zu gehen. Doch es ist gut, dass die Wachen hier sind. Je mehr Leute es bezeugen, desto besser.

Schweiß perlt auf meinen Schläfen, als wir die feuchtkalten Tunnel durchqueren und den modrigen Trampelpfad nehmen, der zu dem Teil des Gefängnisses führt, in dem die schlimmsten Kriminellen untergebracht sind. Als wir ankommen und ich durch das winzige Fenster in einer Eisentür spähe, drückt mir die Nervosität die Brust zusammen.

Eine gertenschlanke, blonde Frau starrt mich an. Ihre Haut ist blass und ihre Augen sind hohl. An ihrem Hals trägt sie die vertraute schwarze Tätowierung in Form eines X: das Mal derer, die des vorsätzlichen Mordes angeklagt und verurteilt wurden. Ihre Hände sind fest vor dem Körper gefesselt und mit einem dicken Jutesack bedeckt. Jeder Zentimeter ihrer Haut ist mit Stoff bedeckt und an ihren Füßen trägt sie steife Metallstiefel, die mir sagen, dass sie eine Valukanerin mit einer Verbundenheit zur Erde ist. Wenn sie ihren Körper nicht durch Berührung mit der Erde verbinden kann, ist ihre Fähigkeit, das Element zu kontrollieren, nicht existent.

Hinter ihr sind noch andere: fünf insgesamt, die mit Ketten an die Wand gefesselt sind. Sie alle sollen heute Abend hingerichtet werden.

Ich bleibe vor der Zelle stehen, während der Wächter die Tür öffnet. Neugier flammt in den Augen aller Wachen auf. Die Mehrheit von ihnen tritt beiseite, als ich eintrete, die Hände hinterm Rücken verschränkt, während sie mich mit falkenhafter Konzentration beobachten. Die Ratgeber stehen bei ihnen, und Lord Garrison sieht erwartungsvoll zu, als der Frau die Knebel abgenommen werden.

»Ich dachte schon, Ihr kommt nie.« Ihre Stimme klingt scherzhaft, obwohl ihr Blick auf der Suche nach dem nächsten Ausgang hin- und herhuscht. So viele Wächter, wie hier im Gefängnis patrouillieren, hätte es keinen Zweck wegzulaufen. Aber das hat auch andere Gefangene nicht davon abgebracht, es zu versuchen.