Erbe - Florian Harloff - E-Book

Erbe E-Book

Florian Harloff

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Beschreibung

Begleitet den Geschichtenerzähler auf seiner zweiten Reise durch Divoisia und lauscht den Geschichten dieser Welt. Was werden Stygia und Charys am Ende ihrer Suche finden? Wie kam es zum Krieg zwischen den mächtigen Zwillingsbrüdern Kár und Ràk? Und kann der Zentaurenheld Kylatos den Greifenkönig Galahir besiegen und die unschuldigen Kinder aus seinen Fängen befreien? In sechs Geschichten erlebt ihr die Abenteuer mehrerer Personen unserer Welt und erfahrt, welche Wendungen das Schicksal für sie bereithält. Das Buch wird von einer kostenlosen App begleitet, mit der ihr die Möglichkeit habt, QR-Codes einzuscannen. Mit diesen könnt ihr zusätzliche Inhalte freischalten, die für das Verständnis der Geschichten nicht notwendig sind, aber euch weitere Einblicke in die Welt Divoisia gewähren.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Vielen Dank …Die Divoisia AppDas Blut des HeldenMelmoths VisionKylatos und GalahirAuf der SucheAndenkenSternenstaubDivoisiaImpressum

Vielen Dank …

… an unsere Patrons, denn ohne euch wäre dieses Buch nicht zustande gekommen!

Enisa HozanovicFelixJan TreybigLea MLeonard WohlfarthMaxMelanieOdinLetsPlayRüdiger AlraunSabi

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Die Divoisia App

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Du wirst beim Lesen des Buches immer wieder Symbole entdecken, die du mit der kostenlosen Divoisia App einscannen kannst. Dahinter verbirgt sich jeweils ein zusätzlicher Inhalt, der so freigeschaltet wird. Das können Steckbriefe zu Charakteren, Hintergründe zu Orten, Dokumente aus Divoisia, Bilder oder andere Überraschungen sein. Nichts davon ist aber für das Verständnis der Geschichten notwendig, du musst unsere App also nicht zwingend verwenden.

Das Blut des Helden

Geschrieben von Florian Harloff

Ein guter Erzähler ist auch ein guter Zuhörer. Daher versuche ich auf meinen Wanderschaften, mit den Einwohnern in Kontakt zu kommen und ihre Geschichten zu hören. Eine dieser Geschichten möchte ich heute ebenso mit euch teilen, wie sie vor etlichen Jahren mit mir geteilt wurde.

Ich erinnere mich noch genau, wie mich die rauen Sitten der Bewohner von Karcos' Zähnen, einem Gebirge im Osten des großen Kontinents, zunächst erschreckt hatten. Nachdem ich den Spuren ihrer Andersartigkeit jedoch gefolgt war, lernte ich sie zu verstehen und dieses Verständnis brachte mir ihr Vertrauen ein. So kam es, dass ich eines Abends in eine ihrer Lehmhütten eingeladen wurde und sie mir von der Vergangenheit ihres Volkes erzählten. Von dem, was sie erlitten hatten, woran sie glaubten und worauf sie hofften.

Und – das möchte ich noch einmal hervorheben – ich war überrascht, wie wortgewandt ihr Haupt war. Oberkörperfrei, streng riechend, verfilztes Haar und doch fand er die richtigen Worte, um mich in den Bann zu ziehen. Nur weil wir einander nicht auf Anhieb verstehen, nur weil jemand anders aussieht als wir es tun, sollten wir nicht vorschnell urteilen. Vorurteile sind Gift für die menschliche Seele. Sie führen uns in die Irre und verhindern, dass wir zueinander finden. Geschichten, so denke ich, sind ein hervorragendes Heilmittel gegen diese Krankheit. Also hört gut zu, was mir das Bergvolk über ihre Kultur anvertraut hat.

Einst, vor unzähligen Jahrhunderten, als Korséa, die Welt der Lebenden, und Èzrok, die Welt der Geister, noch ineinander existierten und es noch möglich war, mit den Toten zu sprechen, wurden die Zwillinge Kár und Ràk geboren. Die Macht, die diesen beiden innewohnte, war die Kraft der Welten selbst. So kam es, dass ein jeder, der die Zwillinge erblickte, sein Haupt vor ihnen beugte und ihnen ihre Treue schwor.

Kárs linkes Auge war von Geburt an blind und doch zugleich sehend, zwar nicht in der Lage Korséa zu erkennen, sehr wohl aber die umherwandernden Seelen Èzroks. Es war so hell wie die Sterne am Himmel. Mit dem rechten Auge sah er die Welt der Menschen mit all ihrer Freude und Trauer. So stand Kár den Lebenden und Toten gleichermaßen nahe, verstand sie und half ihnen. Er wuchs zu einem Mann heran, den beide Welten gleichermaßen respektierten.

Auch Ràk wurde diese Gabe zuteil. Allerdings erschien er als eine Verkehrung seines Bruders, denn bei ihm war es das rechte Auge, was den Blick nach Èzrok gewährte, und statt dem leuchtenden Weiß war es schwarz wie die sternenlose Nacht. Zwar fügten sich die Bewohner beider Welten auch seinen Anweisungen, doch die Dunkelheit in Ràks Blick schüchterte sie ein. Sie respektierten Ràk nicht, wie sie es bei Kár taten, nein. Sie fürchteten ihn.

Ràk begann, seinen Bruder um sein Weißauge zu beneiden, welches Hoffnung in den Menschen entflammte, statt sie mit Angst zu ersticken. Aus Neid wurde schließlich Hass. Als dieser zu solch enormer Kraft angewachsen war, überwältigte der schwarzäugige Zwilling eines Nachts die Wachen seines Bruders, drang in seine Hütte ein und wollte ihm sein Weißauge im Schlaf rauben. Doch die Bewohner Èzroks, die über die Lebenden wachten, warnten Kár. Nur dank ihnen konnte er den hinterhältigen Angriff abwehren.

Von jenem Tag an war nichts mehr wie zuvor. Ràk entschied sich seine Macht zu nutzen und die Bewohner der Zwillingswelt durch Furcht gefügig zu machen. Kár sammelte seine Krieger um sich, um der Tyrannei seines Bruders Einhalt zu gebieten. So entbrannte ein Krieg, der ein ganzes Jahrhundert anhielt.

Auch wenn das Sterben nicht mit Verschwinden gleichzusetzen ist, wie es manch andere Völker glauben, so ist es doch oft mit Leid und Schmerz verbunden. In den friedlichen Zeiten erhielten die Seelen nach dem Tod, sofern sie nicht durch die Speisung wiedergeboren wurden, ihre wohlverdiente Ruhe. Dieser Frieden war nun zerstört worden. Kaum hatte man den Weg von Korséa nach Èzrok hinter sich gebracht, übte das Schwarzauge seine Macht auf den Neuankömmling aus. Sofort wurde man in den endlosen Kampf zurückgetrieben. Kinder verloren ihre Eltern, tote Väter mordeten ihre lebenden Söhne. Seelen kämpften gegen Menschen. Willenlose Sklaven, nicht mehr Herr ihres Handelns. Leid überflutete die Welten wie ein Sturzregen die Täler.

Mehr und mehr musste Kár einsehen, dass er den Kampf gegen seinen Bruder nicht gewinnen würde. Er hatte einen Entschluss gefasst. Um dem Leid ein Ende zu setzen, nahm er all seine Kraft zusammen und stürzte sich auf Ràk. Nie hat es einen so ebenbürtigen Zweikampf gegeben, nie war die Welt so sehr erbebt wie an jenem Tag. Kár ließ einen Vulkan aus dem Boden emporsteigen und in dessen Zentrum erschuf er Valdúr – das Tor zwischen den Welten. In dem Moment, wo sich die glühend heiße Lava aus dem Erdreich nach oben schob, wurden Korséa und Èzrok mit einem ohrenbetäubenden Krachen auseinandergerissen. Von nun an getrennt, nur durch Valdúr miteinander verbunden.

Aus allen Poren blutend wandte sich Kár, der noch immer mit seinem Bruder rang, zu den Menschen und sprach: »Euer Leid hat nun ein Ende, doch nicht für alle Zeit. Bewacht Valdúr, wappnet euch für die letzte Schlacht und sammelt die stärksten Krieger, die ihr nur finden könnt. So sehr es mich auch schmerzt: Ich bin nicht in der Lage, meinen Bruder zu bezwingen. Doch ich werde ihn aufhalten. Solange, bis der Zeitpunkt gekommen ist, an dem unser Volk seinen Höhepunkt erreicht hat. Ich werde kämpfen, bis ihr bereit seid. Wenn nötig so lange, bis der letzte Tropfen Blut meinen Körper verlassen hat.«

Zu den Seelen sprach er: »Euer Leid vermag ich nicht zu stillen. Doch die Krieger Korséas werden ihre Kräfte bündeln, um euch zu befreien. Haltet durch! Der Tag der Freiheit wird kommen.«

Dann sprach er zu seinem Weib: »Nimm meinen Leib in dich auf und reiche ihn so an unser Erstgeborenes weiter. Wird es ein Knabe, haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Wird es jedoch ein Mädchen, so soll sie das Gefäß meiner Seele wiederum an ihr erstes Kind weitergeben. Und so soll es auch für ihre Tochter und deren Tochter gelten, bis eines Tages ein Junge meinen Leib erben und meine Wiedergeburt einleiten wird. Dann kehre ich aus Èzrok zurück, um mit euch das zu beenden, was mein Bruder vor so vielen Jahren begonnen hat. Wir werden die letzte Schlacht gewinnen!«

Zu allen sprach er: »Bereitet euch auf diesen Tag vor!«

Mit diesen Worten streifte Kár seinen Leib ab, packte seinen schwarzäugigen Bruder am Hals und zerrte ihn in die Welt der Toten. Das alles ist schon so lange her und doch kämpfen die beiden noch heute. Unermüdlich stechen sie mit ihren Waffen aufeinander ein, schreien die Namen ihres Gegners und versuchen, den Sieg zu erringen. Blut fließt in Strömen, sickert durch das Weltentor hindurch und färbt den naheliegenden Fluss rot. Die Sippe des Kár gab diesem Fluss, der uns am Leben hält und gleichzeitig mahnt, unsere Aufgabe in Korséa zu erfüllen, den Namen »Rhakár«, was so viel bedeutet wie: »Blut des Helden«. Kár ist es, der jede Sekunde leidet und uns die nötige Zeit verschafft.

Sobald kein Blut mehr vergossen wird und das Wasser des Rhakárs seine ursprüngliche Klarheit zurückgewinnt, wissen wir, dass ihr Kampf unterbrochen wurde und sich Kár auf den Weg macht, um gemeinsam mit seinem Volk, gemeinsam mit uns, zum finalen Schlag auszuholen. Kár, so sagt es die Legende, wird dann in seine eigene Linie, die seinen Leib von Generation zu Generation weitergegeben hat, wiedergeboren, so wie er es einst vorausgesagt hat.

Aus diesem Grund ist es die Pflicht des Großen Stammes, Valdúr zu bewachen und die mächtigsten Krieger aus allen Stämmen zu vereinen, um für den Moment der Rückkehr gewappnet zu sein. Denn wenn Kár nach Korséa eilt, wird auch Ràk seinen Weg in die Welt der Lebenden suchen. Dann werden die Wächter Valdúrs mit all ihrer Kraft bereitstehen müssen.

Melmoths Vision

Geschrieben von Philip Beierbach

Melmoth wachte schweißgebadet auf. Nach Luft ringend tastete er die Strohmatte ab, auf der er lag. Ihm dämmerte, dass er sich in seinem vertrauten Schlafgemach befand.

Langsam beruhigte sich Melmoths Atmung. Er setzte sich an den Rand seines Bettes und rieb sich die Augen, dann starrte er eine ganze Weile ins Leere. Die Bilder der Nacht hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Noch schlimmer waren aber die Schreie der Verängstigten, der Verletzten und der Sterbenden gewesen. Niemand war verschont worden, ob jung oder alt, Frau oder Mann, arm oder reich.

Melmoth wischte sich den Schweiß von der Stirn. Zugleich lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter und ließ ihn erzittern. Unruhig huschten seine Augen hin und her, nicht fähig sich auf irgendetwas im Raum zu konzentrieren. Beinahe fühlte er noch den Wind in den Haaren und die Wärme auf der Haut. Der Gestank von Tod und Verfall haftete noch in seiner Nase, obwohl der einzige Geruch in diesem Raum von der Schale mit getrockneten Lavendelblüten kommen sollte. Es musste eine Vision gewesen sein. Für einen bloßen Traum hatte es sich zu real angefühlt. Immer wieder zogen die schrecklichen Bilder an seinem inneren Auge vorbei. Er versuchte still dazusitzen, aber wann immer er ein Körperteil zur Ruhe zwang, begann ein anderes zu zucken.

Hastig stand er auf und lief zu seinem Schreibpult hinüber. Er musste die Menschen vor dem warnen, was ihnen bevorstand. Mit zitternden Fingern entfachte er seine Öllampe. Dann rückte er ein Blatt Pergament zurecht und griff nach seiner Schreibfeder. Mehrfach entglitt der Federkiel seinen feuchten Händen, doch er zwang die Worte mit aller Gewalt nieder.

Melmoth schrieb, als stünde sein Leben auf dem Spiel. Im Grunde war dem auch so. Und nicht nur seines. Das aller Menschen der Stadt, im Land, vielleicht sogar der ganzen Welt. Er schrieb, fasste seine Vision in Worte und sparte dabei kein Detail aus, egal wie grausam es auch sein mochte.

Er schrieb von Menschen, die ihre Heimat verließen. Er schrieb von der Vernichtung ganzer Städte und einem Gebirge, das in kürzester Zeit aus dem Boden wuchs. Er schrieb von Toten, die sich auf dem Schlachtfeld erhoben. Von gewaltigen Drachen, die ganze Kompanien abschlachteten. Von Landstrichen, die verdorrten und Menschen, die in wenigen Augenblicken alterten, als raubte ihnen etwas die Kraft zu leben. Er schrieb von Leid, Tod, Chaos und Zerstörung.