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Wissenschaftler weisen nach, dass die Erde stirbt. Die Menschen sollen auf einen erdähnlichen Planet umgesiedelt werden, der von speziell ausgebildeten Pionieren vorbereitet wird. Etwa 10 % der Bevölkerung können alle 6 Jahre in die neue Welt umsiedeln. All diese Menschen sollen beim Aufbau von Siedlungen und Städten helfen. Energie und Logistik bereiten die größten Probleme. Auch Katharina und ihre Familie haben sich qualifiziert. Ende September kommt Katharina mit vielen anderen Menschen in der neuen Welt in Sindelfingen an. Katharina sucht ihre Familie, was ohne Auto und ohne Internet schwierig ist. Sie soll einen Bauernhof bewirtschaften, obwohl sie dafür keine Ausbildung hat. Sie findet einen Landwirt, der ihr hilft, aber wird er auch bleiben?
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Es gibt eine neue Welt, die bevölkert werden soll, vorerst mit Menschen, die sich freiwillig bereit erklären, in dieser neuen Welt zu leben und zu arbeiten, nach neuen Regeln und einheitlichen Gesetzen. Damals war es ein geheimes Projekt, ein paar Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass der Planet Erde in naher Zukunft nicht mehr bewohnbar sein wird. Von sieben Planeten, die der Erde am ähnlichsten sind, wurde der beste ausgesucht.
Eine verhältnismäßig kleine Anzahl Menschen aller Nationen, speziell ausgebildete Pioniere, sind schon vor einigen Jahren in die neue Welt gereist, um sie zu testen und vorzubereiten. Diese Pioniere haben eine Grundausstattung mitgenommen, die den Aufbau und die Sicherheit von Siedlungen gewährleistet.
Der neue Planet ist fast ein Abbild der alten Erde, die Erde 2.0. Die Länder und Städte sollen so heißen wie auf der alten Erde, allerdings werden anfangs nur die größeren Städte aufgebaut. Es gibt ein Zeitfenster, demnach kann man nur etwa alle sechs Jahre in die neue Welt reisen, eine Rückreise ist bislang unmöglich.
Informationsheft: Es wurden Häuser und Geschäfte gebaut, Felder angelegt und in Fabriken wurden Möbel produziert. Diese ersten hier lebenden Menschen übernehmen zumindest anfangs die Leitung, sozusagen die Regierung. Im Internet kann man in einer Stadt spazieren gehen, auf einem Markt einkaufen, die Häuser bestaunen und Leuten bei der Arbeit zusehen. Jeder soll sein Können und Wissen beruflich und privat einsetzen und weitergeben. Man soll seine Arbeit machen, eine Arbeit, die einem Spaß macht, die man auch so gut wie möglich ausführen will. Jeder in der Familie, im Haushalt, in der Gemeinde, im Beruf, sogar im Hobby findet seine Aufgabe, kann lernen und lehren.
Neue Technologien, Energiegewinnung, neue Autos sollen entwickelt werden. Auf jeden Fall gibt es nur Dinge, die den Mensch und die Umwelt nicht belasten. Das Leben soll einfach sein, ohne Probleme und ohne Stress. Anfangs muss man mit einer Minimalausstattung zurechtkommen, es gibt noch keinen Komfort. Neue Städte und eine florierende Wirtschaft zu errichten ist viel Arbeit. Nur wer dazu bereit ist, darf in die neue Welt reisen, anders funktioniert es nicht.
Etwa 10 % der Erdbevölkerung reisen im nächsten möglichen Zeitfenster in die neue Welt. In den größeren Städten wurden Portale errichtet, durch die man gehen muss, um in die neue Welt zu gelangen. Unsere Familie hat lange diskutiert, unser Entschluss steht fest, wir wollen auch in die neue Welt, fast alle gemeinsam. Meine Eltern wollen nicht mitkommen. Auch die meisten anderen weitläufigeren Verwandten wollen nicht mitkommen, schade.
Ich denke, da gibt es für Architekten ja gewiss genug Arbeit, somit auch für mich als Innenarchitektin. Wenn nötig, kann ich auch als Krankenschwester arbeiten, das wäre aber erst meine zweite Wahl. Neue Technologien und Materialien entwickeln und verwenden, das könnte mir Spaß machen. Gott sei Dank habe ich noch ohne Computer gelernt, den gibt es ja dann wohl auch noch nicht, oder nicht mehr? Wir haben alle einen langen Fragebogen ausgefüllt, um uns zu qualifizieren, dann bekamen wir eine Flüssigkeit injiziert mit einer Art Nano-Chip. Ohne diesen Chip ist die Reise nicht möglich. Die ganze Familie freut sich schon auf das Leben in der neuen Heimat.
Mittwoch, 29. September (Jahr 1, September bis Dezember)
An einem Mittwochvormittag komme ich, Katharina, im neuen Sindelfingen an. Ich bin 55 Jahre alt, habe mittellanges, brünettes, leicht gelocktes Haar und blaue Augen. Ich stehe vor dem alten Rathaus, dicht gedrängt, mit vielen anderen Menschen, Jung und Alt. Erst weiß ich gar nicht, was los ist. Ich schaue mich um. Ich bin in der neuen Welt angekommen. Aber ist es wirklich Sindelfingen? Das Rathaus jedenfalls sieht aus wie das alte Sindelfinger Rathaus am Marktplatz. Der Rest ist mir unbekannt, oder zumindest ungewöhnlich. Ich suche nach meiner Tochter und meinem Sohn und ihren Familien, kann sie aber nirgends entdecken.
Heute Vormittag, etwa um 10 Uhr, ertönten die Sirenen, das Zeichen für unsere Abreise in die neue Welt. Ich zog mich an, und dann schnell auf die Straße, dort stieg ich in einen Bus, der uns auf eine Wiese außerhalb der Stadt brachte. Es standen schon viele Menschen vor Ort. Wir wurden alle registriert und bekamen Anweisungen, was wir zu tun hätten. Mitten auf der Wiese stand ein Portal, ohne Haus drum herum, in das wir immer zu fünft eintreten sollten. Auf der anderen Seite haben wir den Raum wieder verlassen.
Und jetzt bin ich hier, in Sindelfingen, vor dem Rathaus. Alle Häuser, die ganze Gegend, sind völlig anders. Ein Mann erscheint auf dem Balkon des Rathauses, auf den Rathausstufen stehen ein paar Leute mit Plakaten.
»Willkommen im neuen Sindelfingen, ich hoffe, es geht allen gut!«, ruft er in ein Megafon. »Dies ist für uns alle eine vollkommen neue Welt. Sie werden hier alles vorfinden, was die Umwelt nicht belastet und außerdem Mensch und Tier nicht gefährlich werden könnte. Teilweise auch neuere Technologien, aber kein Auto, kein Fernsehen. Bitte halten Sie sich genau an unsere Anweisungen, um einen möglichst reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, und folgen Sie der Dame oder dem Herrn mit dem Plakat A, wenn Ihr Familienname mit A beginnt, der Familienname mit B beginnend folgt dem Plakat B und so weiter. Wenn Sie als Familie hier sind, ist der Familienname der ältesten Frau der Familie maßgebend, die in der neuen Welt anwesend ist. Jeder Buchstabe trifft sich auf einem anderen Platz, von dort aus bekommen Sie weitere Anweisungen. Außerdem erhalten Sie dort eine Anleitung, der Sie unbedingt Folge leisten müssen. Wir bitten Sie, Kinder, die nicht in Begleitung Erwachsener sind, direkt hier ins Rathaus zu bringen, wir suchen dann schnellstmöglich nach der Familie. Bitte gehen Sie zügig weiter, um für die nächsten Reisenden Platz zu machen.« Dieser Aufruf wird laufend wiederholt, so dass es auch die nächsten Neuankommenden hören.
Ich sehe keine kleinen Kinder ohne Mama in meinem nächsten Umfeld, auch sonst sehe ich kein bekanntes Gesicht, also folge ich der Dame mit meinem Buchstaben. Sie geht etwa zehn Minuten in Richtung Martinskirche, die erkenne ich auch wieder. Hier warten schon zehn Leute an Tischen mit Karteikarten und Stapeln von Büchern.
Irgendwie ist hier alles anders, als ich es gewohnt bin. Es gibt keine Straßen mehr. Nur noch fest gestampften Boden oder Straßen mit Pflastersteinen, keine Autos oder Busse oder so. Es riecht nach Gras, irgendwie ist die Luft richtig frisch, wie frisch gewaschen, ein ganz neues Gefühl.
Die meisten Leute unterhalten sich, manche weinen, andere lachen und scherzen miteinander. Viele sind als Familie angekommen. Ich bin leider allein, keine Ahnung, warum. Wo sind meine Tochter und mein Sohn mit ihren Familien? Ich habe sie noch nicht entdeckt, alles musste so schnell gehen, bei der Sammelstelle auf der Wiese waren sie natürlich auch nicht, sie wohnen ja nicht in Sindelfingen. Womöglich sind sie gar nicht in Sindelfingen, obwohl wir abgemacht haben, uns alle hier zu treffen. Ich muss sie unbedingt finden. Vielleicht sind sie in ihrem Wohnort angekommen oder in einer anderen Stadt.
Es stehen viele Körbe mit Äpfeln herum, mit einem Schild, Selbstbedienung. Ich nehme mir auch einen Apfel, er schmeckt lecker. Die Glocken der Martinskirche haben schon lange 12 Uhr geschlagen, als ich endlich an der Reihe bin. Ich gebe meine Personalien an und sage, wer zu meiner Familie gehört, Tochter und Sohn mit Familien und sämtliche anderen Verwandten meinerseits. Außerdem gebe ich meine Berufe und Fähigkeiten an. Der Fragebogen ist über vier Seiten lang. Dieser Fragebogen ist dem ähnlich, den ich schon auf der alten Erde ausgefüllt habe. Dann bekomme ich, wie alle anderen auch, eine Tablette, die ich auch gleich einnehmen muss. Die Tablette soll bewirken, dass die eventuell auftretenden Nebenwirkungen und Folgen der Reise gelindert oder vermieden werden, der Körper soll damit besser regenerieren können, eine Art Reisetablette, sozusagen eine Tablette danach.
Anschließend wird mir eine Adresse genannt, Hof Sommerhofen, wo ich wohnen soll mit fünf anderen Personen, die ich bis dato nicht kenne. Eine Frau namens Gisela, 45 Jahre alt, mit zwei Kindern, 14 und 16 Jahre alt. Dann werde ich gefragt, ob ich zwei Jugendliche ohne Eltern, Marie, 17, und Lukas, 19, sozusagen in Obhut nehme. Ich bekomme eine Gebrauchsanleitung in die Hand, drei Bücher: Haus, Tiere, Felder, die ich unbedingt befolgen solle, bevor ich irgendwas mache. Die anderen werden nachkommen.
Der Platz leert sich allmählich. Es sind auch Leute hier, die Sindelfingen nicht kennen, deshalb bekommt jeder eine genaue Wegbeschreibung. Obwohl ich Sindelfingen kenne, muss ich erst mal suchen, es sieht alles so anders aus.
Auch ich marschiere los, am Sommerhofenbach und am Klostersee entlang. Vor ein paar Tagen ging ich hier am Klostersee mit meiner Tochter und meinen beiden großen Enkelkindern spazieren, jetzt bin ich allein und alles sieht völlig anders aus. Etwas weiter entfernt stehen neue Häuser, die meisten sind schon fertig, einige sind noch im Rohbau. Auch hier gibt es keine Straßen, nur fest gestampfte Wege, ansonsten sieht die ganze Gegend noch sehr unberührt aus, viele Bäume und Büsche, ein paar Wildblumen, es sieht alles sehr natürlich aus, einfach nur schön.
Ich wundere mich, warum ich Bücher über Tiere und Landwirtschaft bekomme. Nach etwa 20 Minuten, ich folge dem Bach, finde ich das mir zugewiesene Haus. Ich traue meinen Augen kaum, es ist ein Bauernhof, deshalb also die Gebrauchsanweisungen. Und den Hof soll ich bewirtschaften? Das kann ich gar nicht, ich hatte noch nie im Leben mit Ackerbau und Viehzucht zu tun. Aber man kann ja alles lernen, oder?
So kenne ich Sommerhofen gar nicht, alles ist so anders, Sommerhofen ist im alten Sindelfingen eine Art Freizeitpark. Aber ich finde es auch so wunderschön. Viele Bäume, es gibt ein paar leere Felder, oder zumindest sind sie gerodet. Ein Feld mit Zuckerrüben steht noch, dahinter beginnt der Wald. Alles ist fremd und doch irgendwie vertraut.
Schade, dass meine Familie nicht hier ist, denke ich, das würde ihnen bestimmt gefallen. Ein riesiges eingezäuntes Grundstück. Ein großer und ein kleiner Stall. Was da wohl für Tiere drin sind? Ein großes Wohnhaus, bestimmt 200 m2 Grundfläche. Na ja, wenn hier sechs fremde Menschen leben sollen, passt es vielleicht.
Ich suche das Gartentor, öffne es und gehe Richtung Haustür. Es gibt keinen Weg zum Haus oder zum Stall, alles ist mit Rasen bepflanzt, es duftet noch frisch gemäht. Mhm, hier kann ich mich wohl fühlen, denke ich. Drei Stufen, ein rotes Geländer und eine weiße Haustür aus Holz mit Glaseinsatz im oberen Bereich. In der Mitte der Tür ein Drehknopf, die Klingel. Ich klingle, aber natürlich ist niemand da. Ich öffne langsam die Tür, mein Herz schlägt bis zum Hals. Mir wird ganz anders.
Wie gern hätte ich jetzt meine Familie bei mir, aber … Zum ersten Mal betrete ich mein neues Haus, ich sehe Holztreppen, die nach oben und unten führen. Links ein Schlüsselkasten an der Wand, ich befolge die Anweisung, nehme den Hausschlüssel und schließe hinter mir die Haustür zu.
Im Treppenhaus steht ein raumhoher Kachelofen. Neben dem Ofen stehen Filzpantoffeln, ich ziehe mir die passendste Größe an. Links hinten ist eine Tür mit einem Nachttopf drauf, da muss ich erst mal hin. Rechts geht’s ins Wohnzimmer, rote Sitzecke, runder Glastisch und ein Wohnzimmerschrank mit Glastüren in der Mitte. Auch in diesem Raum steht ein raumhoher Kachelofen. Im Zimmer ist es angenehm warm, obwohl kein Ofen an ist, oder er nicht mehr an ist.
Von hier aus geht’s in ein Schlafzimmer, auch mit Kachelofen. Im Kleiderschrank gibt’s Bettwäsche, Kissen, Decken, Handtücher und ein paar Hosen und Hemden und so weiter. Jetzt gehe ich in die Küche. Kachelofen, Herd und Spüle rechts, links Unterschränke und Hängeschränke. Hier gibt’s Geschirr und Besteck und sonstiges Küchengeschirr und Kochtöpfe und Pfannen. Ich habe sogar ein Waffeleisen entdeckt. Ich liebe frische warme Waffeln mit Ahornsirup. Zu essen gibt’s hier nichts. Auf einem großen Esstisch für zehn Personen steht ein Glasteller mit frischem Obst. Ich habe Hunger und nehme mir wieder einen Apfel und inspiziere das Haus weiter.
Es gibt noch vier weitere Schlafzimmer mit jeweils zwei Einzelbetten und Nachttischchen, in einem Schlafzimmer steht noch mal ein großer Kleiderschrank, in den anderen steht jeweils eine Wäschekommode. Alle Betten haben Matratzen, die sich anfühlen wie mit Stroh gefüllt. Decken und Kissen liegen auch hier im Schrank.
Ich gehe in den Keller. Von hier aus können die Kachelöfen beheizt werden, sehr praktisch, dann gibt’s keinen Dreck in der Wohnung, denke ich. In einem Kellerraum mit Rutsche ist Holz gestapelt und wohl so was Ähnliches wie Pellets. Drei weitere Räume sind mit Regalen ausgestattet, auf denen Einmachgläser und Obst deponiert sind. Kartoffelkiste, Mehlsäcke, ein Sack Zucker, zwei große Tontöpfe mit eingelegten Gurken und vieles mehr stehen auf dem Boden. Ein Raum hat eine Außentür, von wo aus man über eine Treppe in den Garten gelangt, bzw. zum Stall. Ich geh wieder rein, schließe die Kellertür zu und nehme mir Brot, Wurst und Saft mit nach oben.
Ich will mir was zu essen machen und die Gebrauchsanleitung lesen. Dann hole ich Geschirr aus dem Schrank, setze mich an den Küchentisch, mach mir eine Stulle und beginne zu essen und zu lesen. Ich bin ganz allein in dem großen Haus, neues Haus, neue Stadt, ein ganz neuer Planet.
Nach dem Essen gehe ich in den Garten, von da aus in die anderen Gebäude. Als erstes komme ich in eine Garage, wenn man das so nennen kann. Eine große dunkelblaue Kutsche steht da. Ich bin überwältigt, rechts ist eine Tür, mit einem Fenster mit Gardinen. Ich traue mich kaum, aber ich öffne die Tür und schau hinein. Rechts und links jeweils eine lange Bank, wie eine Couch, mit dunkelblauem Samt oder so bezogen. Wär auch lang genug zum Liegen, wenn es sein muss. Vielleicht ist es ein Reisewagen, sieht sehr schön aus, gemütlich. Unter den Sitzen sind Staufächer, an den Seiten hat es eine Art Taschen. Ich kann mir richtig vorstellen, darin zu reisen. Sogar der Kutscher kann sich vor Regen und Kälte schützen, sehr praktisch.
Dann steht da noch ein kleiner Kutschwagen mit Transportfläche, vielleicht zum Einkaufen oder für den Markttag? Ein hölzerner Heuwagen steht ganz hinten, daneben noch ein paar Ackergeräte, Egge und so weiter. Ich kenne nicht alles, aber es ist alles für Pferdegeschirre ausgestattet. An der Wand hängen noch ein paar große und kleine Kufen, ah, denke ich, für den Winter, darauf kann ich mich jetzt schon freuen.
Wenn ich nur wüsste, wie das alles funktioniert. Ich muss einfach noch mal in die schöne Kutsche schauen, die gefällt mir am besten. Dann gehe ich weiter, in einen Pferdestall, auch hier stehen und liegen diverse Utensilien, Pferdegeschirr, Peitsche, Trensen, Sättel und vieles mehr.
Anschließend komme ich in einen Kuhstall, Gott sei Dank auch ohne Tiere. Im Stall ist eine Milchküche integriert und im Anschluss kommt ein Hühnerstall. Hier ist der große Stall zu Ende.
Ein kleinerer Stall für vier Schweine ist das letzte Gebäude auf meinem Hof. Daneben ist ein kleiner Brunnen mit klarem frischem Wasser. Das Wasser muss man von Hand hochpumpen. Wann und woher kommen die dazugehörigen Tiere? Was muss ich da alles lernen? Das wird eine riesige Aufgabe. Vielleicht ist bei den fünf anderen Mitbewohnern ja ein Landwirt oder eine Bäuerin dabei, denke ich mir.
Ich gehe ins Haus zurück, oben war ich noch nicht. Hier sind nochmals die gleichen Räumlichkeiten wie im Erdgeschoss, mit etwas Schräge, allerdings noch ohne Tapete und Fußbodenbelag. Wenn ich die Zimmer brauche, muss noch viel gemacht werden. Aber wenigstens ist noch Raumreserve vorhanden. Ich habe keine Ahnung, wie viele Leute nötig sind, um die Tiere zu versorgen und das Land zu bewirtschaften. Aber wenn alle in diesem Haus wohnen sollen …
Als ich wieder runterkomme, sehe ich durch das Haustürfenster eine Frau mit zwei Kindern auf das Haus zukommen. Ich öffne die Haustür. Die Frau ist etwas kleiner als ich, hat kurzes, gelocktes braunes Haar. Sie trägt einen langen warmen Mantel und fragt vorsichtig, ob sie hier richtig sind. Ich frage, wie sie denn heißen. »Gisela, Martina und Peter«, kommen die Antworten. Martina ist das Ebenbild ihrer Mutter. Peter hat dunkelblonde Igelhaare, ist mit Jeans und schwarzer Lederjacke bekleidet. »Dann seid ihr hier wahrscheinlich richtig«, sage ich und bitte sie herein. »Sucht euch ein paar passende Hausschuhe und kommt in die Küche.
Ihr habt doch sicher auch Hunger und Durst.« Ich lege noch drei Gedecke auf, dann essen und trinken wir erst mal was, wir sind alle hungrig. Seit dem Frühstück heute Morgen und ein paar Äpfeln haben wir noch nichts gegessen. Es ist schon später Nachmittag.
Wir stellen uns gegenseitig vor. Auch Gisela ist keine Bäuerin, sie ist Köchin und hatte einen schönen großen Garten auf der Erde. Martina und Peter gehen noch zur Schule. Ich überlege mir, wo hier wohl eine Schule sein könnte, auf dem Weg vom Rathaus zu meinem Hof habe ich keine gesehen. Es könnte eine Schule hinter dem Wäldchen bei der Kirche sein, kann man ja bei Gelegenheit mal nachschauen gehen. Gisela vermisst ihren Mann, Paul. Auch sie wollten als Familie hier ankommen.
Wir beschließen die Anleitungen durchzulesen, oder wenigstens mal anzufangen: Machen Sie einen schnellen Durchgang durchs Haus, drehen Sie den Hauptwasserhahn auf, Wasser zur Nahrungsaufnahme unbedingt immer erst abkochen. Stellen Sie alle Sicherungen an und verriegeln Sie alle Türen von innen, die ins Freie führen, um ungebetene Gäste fernzuhalten.
Wir gehen in den Keller und suchen den Hauptwasserhahn und drehen ihn auf. Als wir den Sicherungskasten finden, schalten wir die Sicherungen ein. Dann gehen wir wieder hoch, weiterlesen.
Das einzige Elektrogerät im Haus ist ein Elektroherd mit Backofen. Gisela schaut sich alles genauer an. »Nicht gerade viele Kochtöpfe und Pfannen, wenn hier zehn Leute essen sollen, so viele Sitzplätze gibt es am Tisch«, stellt Gisela fest. »Aber wir haben schönes Geschirr, mit zart blauen Veilchen, gefällt mir«, sage ich. »Ja, das ist schön«, meint Martina, »hier ist eine Etagere, vielleicht darf ich mal Plätzchen dafür backen.« »Backen kann sie gut«, sagt ihre Mutter, »das macht ihr Spaß.« »Was ist denn ein Bauernhof ohne Tiere?«, fragt Peter, »nicht mal einen Hund gibt es.« »Ich bin sicher, das kommt noch alles«, sagt Gisela tröstend.
Gisela erzählt mir, dass sie ihren Mann suchen will, sie hat auch im Rathaus nachgefragt, aber da kann ihr niemand Auskunft geben. Sie sagt: »Ab morgen wird es Pinnwände mit Suchanzeigen geben. Auch Arbeitsstellen und Arbeitssuchende werden hier veröffentlicht.« Jemand dreht an der Türklingel, ich gehe die Tür öffnen.
Zwei Jugendliche stehen draußen und bitten um Einlass. »Das sind Marie und Lukas«, sage ich, als ich die beiden in die Küche geführt habe. Sie sind sichtlich erleichtert, uns endlich gefunden zu haben. Wir stellen uns alle wiederum gegenseitig vor, Gisela holt noch zwei Gedecke, Marie und Lukas setzen sich und essen erst mal, auch sie haben seit heute Morgen nichts mehr gegessen.
Marie ist 17 Jahre alt, Schülerin. Sie hat langes blondes Haar, rote Bäckchen, mit Grübchen, wenn sie lacht. Sie kann reiten, und fürs Backen interessiert auch sie sich. Lukas, 19 Jahre alt, geht auch noch zur Schule. Ein blonder Lockenkopf, kräftig und durchtrainiert gebaut. Er will eigentlich die Schule abbrechen und einen Beruf lernen. Er hört gerne Musik, außerdem baut er Modellautos.
Marie und Lukas kommen aus einer Wohngemeinschaft, betreutes Wohnen für Jugendliche. Sie wollen unbedingt zusammen bleiben, das ist ihre Bedingung, wenn sie hier bleiben. Ich weiß gar nicht, ob sie eine andere Wahl haben. Aber selbstverständlich können sie beide bei mir bleiben, warum sollten sie auch getrennt werden?
Wir lesen die Gebrauchsanweisung weiter, Umgang mit Tieren, jetzt wird’s spannend, denke ich, wer kann was und wer ist bereit, was zu lernen. »Ich kann nur Meerschweinchen und Katze«, sage ich. »Bisschen Hund auch noch, aber das ist auch schon alles meinerseits.« Marie sagt, sie hätte ein Jahr Reitunterricht gehabt, sie könne ein bisschen mit Pferden umgehen, aber eine Kutsche kann sie nicht fahren oder einen Acker bewirtschaften. Lukas hatte einen Hund, als er klein war, und Peter einen Goldfisch. Das alles hilft uns nicht wirklich weiter.
Wir ziehen uns Jacken an und gehen in den Hof. Ich zeige den fünf Neuankömmlingen die Ställe. Anschließend begutachten wir alle die Kutsche und all die anderen Fahrzeuge, die in der Garage stehen. »Es ist alles sehr schön, leider habe ich keine Ahnung von einem Bauernhof«, sage ich, »aber vielleicht schaffen wir das ja gemeinsam.« Besonders Martina ist sehr angetan von der blauen Kutsche, genau wie ich.
Dann gehen wir alle wieder in die Küche, es ist kälter geworden. »Wir brauchen unbedingt warme Kleidung«, sage ich, »und heizen sollten wir auch.« Wir alle haben nur die Kleidung, die wir heute Morgen angezogen haben. Ich gehe mit Gisela in den Keller, anhand der Gebrauchsanleitung können wir die Kachelöfen beheizen, geht ganz einfach mit den Pellets, oder so was Ähnliches. Dann setzen wir uns wieder zu den anderen an den Tisch und lesen die Gebrauchsanleitungen weiter.
»Morgen ist ein Meeting für Bauern mit Tieren, 10 Uhr auf dem Marktplatz«, sagt Lukas, er hat bereits die Anleitung für Tiere weiter gelesen. »Um 15 Uhr Anleitung für Umgang mit Pferden auf Sommerhofen. Das sind doch wir, gell?«, fährt er fort. Er hat Recht. Das passt mir gut, Anleitung vor Ort.
»Am Freitag können wir unsere Kleider-Grundausstattung abholen«, sagt Gisela, »das steht hier, der Geburtstag 1. bis 11. ist am Freitag dabei, das bist du doch, Katharina, oder?« »Gehören wir jetzt alle dazu?«, fragt Marie. Ich weiß es auch nicht, aber vielleicht steht es irgendwo in der Gebrauchsanleitung. »Im Internet findet sich alles«, scherzt Lukas.
»Wir brauchen auch einen Mülleimer für die Küchenabfälle. Hat jemand irgendwo einen gesehen?«, fragt Gisela. Sie nimmt einen Eimer, allerdings ohne Deckel, für die Küche brauchen wir aber einen mit Deckel. Ich frage in die Runde, ob jemand was über eine Müllabfuhr oder so ähnlich gelesen hat, alle verneinen.
Nun beratschlagen wir, wer in welchem Zimmer schlafen will. »Ich nehme das Schlafzimmer hinter dem Wohnzimmer«, sage ich. Gisela bezieht das nächste Schlafzimmer neben der Küche, sie meint: »Wir sollten ein Mädchen- und ein Jungenzimmer machen.« Marie und Martina nehmen das Zimmer gegenüber. Peter und Lukas entscheiden sich für das Zimmer daneben.
Wir beziehen die Betten und inspizieren die Kleiderschränke. Neben zweimal Bettwäsche gibt es noch je vier Handtücher und Waschlappen pro Bett. Es gibt auch noch zehn Jogginganzüge, wenn man die so nennen kann. Wir suchen uns die passendsten Größen aus und legen sie in unsere Nachttische.
In jedem Nachttisch steht ein Zahnputzbecher mit Zahnbürste und Zahnpasta und daneben liegen ein Stück Seife und ein Kamm. Mehr ist momentan noch nicht da, na ja, muss eben erst mal ausreichen. Es ist schon lange dunkel.
Wir setzen uns ins Wohnzimmer und erzählen von uns. Die Glocken vom Kirchturm schlagen Mitternacht. »Ich denke, ich sollte zu Bett gehen, war ein langer anstrengender Tag«, sage ich. Gisela erklärt sich bereit zu heizen, falls das morgen früh schon nötig ist, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Kachelöfen halten die Wärme ziemlich gut, mal sehen, wie oft man heizen muss.
Alle machen sich nacheinander im Bad fertig. Es ist nur eine Toilette und ein Waschbecken, aber doch mit fließendem Wasser, wenn auch nur kalt. Ich schließ die Kellertür und die Haustür ab, genau nach Anleitung. Endlich kann auch ich mich fürs Bett richten. Keine Dusche, keine Wanne. Das muss sich ändern, überlege ich.
Das Bad ist zu klein für eine Badewanne. Ich denke, in der Waschküche könnte man eine Badewanne aufstellen, da hat man warmes Wasser aus dem Waschkessel, am Wasserhahn vom Waschbecken kann man einen Gartenschlauch befestigen und kaltes Wasser in die Wanne einlaufen lassen, könnte funktionieren.
Ich freue mich auf mein Bett. Das war ein langer Tag. Ich bin immer noch ganz aufgeregt, hoffentlich kann ich überhaupt schlafen. Lukas schnarcht schon. Endlich kann ich in mein Bett, es hat eine weiche Auflage. Mal sehen, wie ich da liegen kann. Ein dickes Federbett liegt ausgebreitet auf dem Bett, ist hoffentlich auch schön warm.
Über dem Kopfende an der Wand gibt es ein Zugband für den Lichtschalter, ich lösche das Licht. Wie soll ich morgen rechtzeitig aufwachen, ohne Wecker? Vielleicht wache ich ja von selbst auf, oder irgendjemand anders weckt mich. Einen krähenden Hahn haben wir ja noch keinen, der uns wecken könnte.
Allein in einem großen Bett, in der alten Welt hatte ich ein Einzelbett, seit ich nicht mehr mit dem Vater meiner Kinder zusammenwohnte. Ich lebte in einer kleinen Zweizimmerwohnung, im zweiten Stockwerk, mit einem kleinen Balkon. Und jetzt habe ich einen großen Garten, Felder und bald wahrscheinlich auch noch Tiere.
Donnerstag
Es ist noch dunkel, als ich aufwache und mich schnell anziehe, ich höre jemand am Ofen hantieren. Gisela ist schon dabei zu heizen. Auf dem Kachelofen in der Küche steht ein Wasserkessel mit warmem Wasser, reicht zum Zähneputzen und Gesichtwaschen für Gisela und mich. Für die anderen setze ich Wasser auf dem Herd auf, drei Liter sollten wohl ausreichen.
Gisela hatte im Vorratskeller Kaffeebohnen gefunden. »Haben wir auch eine Kaffeemühle?«, fragt sie mich. »Ja, irgendwo habe ich eine gesehen.« Ich suche und werde fündig. Eine hölzerne Kaffeemühle mit Kurbel und Schublade. Ich setze mich auf einen Stuhl, fülle Kaffeebohnen in die Mühle und beginne zu kurbeln. Ist ziemlich anstrengend, aber es funktioniert. Gisela meint, man könne die Körnung einstellen. Ich solle doch versuchen, das nächste Mal etwas feiner zu mahlen. Wir kochen Kaffee und wecken die anderen.
Jetzt gibt’s endlich Frühstück, für jeden ein gekochtes Ei, Bauernbrot mit Butter, und je nach Bedarf Marmelade, Käse und Wurst. Wir haben alle großen Hunger, es schmeckt vorzüglich. Nach dem Frühstück machen wir Bestandsaufnahme unserer Essensvorräte. »Wenn wir Brot backen, können wir über den Winter kommen«, meint Gisela. »Oh ja, backen kann ich«, sagt Marie. »Kann man das auch essen?«, scherzt Peter.
Wir schreiben alles auf, was wir zu essen finden, eine lange Liste entsteht. Ob jeder so viele Essensvorräte hat? Die Glocken der Martinskirche läuten schon 11 Uhr.
Vor dem Mittagessen gehen wir zum Rathaus, um die Jobangebote und -Nachfragen in Augenschein zu nehmen. Es ist nichts für uns dabei, auch Giselas Ehemann hat sich nicht gemeldet bzw. eine Nachricht zukommen lassen, von meiner Familie gibt’s auch keine Nachricht, zumindest ist hier noch nichts angekommen. Wie können die Familien sich finden, ohne Telefon und PC? Dauert bestimmt alles ziemlich lang, so auf dem Postweg. Auf dem Rathaus kann man Post abgeben, insbesondere Suchanzeigen, die mit einer Postkutsche transportiert werden.
Ich schreibe eine Suchanzeige, die nach Herbrechtingen oder in die nächstgrößere Stadt gebracht werden soll: »Suche Vicky, Alessandro, Madison und Pietro Santini. Ich wohne in Sindelfingen, Sommerhofen. Ich komme euch besuchen oder auch holen, wenn ihr wollt, sobald ich es kann. In Liebe Mom, Katharina Klein«. Und eine zweite Suchanzeige, die nach Weinstadt gebracht werden soll: »Suche Michael James, Yvonne, Tim und Tom Klein. Ich wohne in Sindelfingen, Sommerhofen. Ich komme euch besuchen oder auch holen, wenn ihr wollt, sobald ich es kann. In Liebe Mom, Katharina Klein«.
Gisela und ich schreiben Suchanzeigen für unsere Männer, auch wenn ich nicht verheiratet bin. Wo wir suchen sollen, wissen wir allerdings nicht. Dann bringe ich noch einen Ich-suche-Zettel an: »Erntehelfer für Zuckerrüben gesucht«. Eine zweite Suchanzeige: »Suche Landwirt für meinen Hof, zehn Hektar Felder und vier Hektar Wald«.
Ich frage am Schalter, wie es um die Müllentsorgung bestellt ist. Auch hier im Rathaus weiß niemand etwas darüber. Ich frage nach einer Ideenpinnwand, was jeder dringend benötigt, oder sich wünscht. Meine Idee mit dieser Pinnwand soll sofort in die Tat umgesetzt werden.
Es sind viele Menschen unterwegs, die sich die Kleidungs-Grundausstattung holen. »Morgen sind wir dran«, sage ich zu Marie und freue mich schon drauf. Es ist Donnerstag, Markttag, nur drei Leute mit Handkarren stehen da. Man kann Stoffe, Wolle, Honig und Salat kaufen. Ich hätte gern Salat gekauft, aber wir haben leider nichts zum Tauschen und Geld haben wir auch noch keins.
Wir unterhalten uns noch mit ein paar Leuten und stellen fest, uns geht’s besser als vielen anderen, wir haben alle unsere Schlafzimmer, das Haus ist gut beheizbar und zu essen gibt es auch. An einem großen Marktstand kann man pro Person Essensrationen holen. Es gibt kein Geld, trotzdem bekommt jeder nur eine Ration für zwei Tage. Man kann auch Familienrationen einkaufen, wir holen Essen für zwei Tage für die ganze Familie.
Warum habe ich einen Bauernhof bekommen, mit fremden Menschen zusammen? Meine Familie hätte hier sein müssen … Andere Familien haben nur ein bis zwei Zimmer in einer Wohnung oder in einem Haus zugewiesen bekommen.
Zum Anziehen gibt’s offensichtlich für alle die gleiche Grundausstattung. Die Frau mit Wolle und Stoffen auf dem Karren erzählt, dass sie mit ihren drei Kindern oben in der Webschule wohnt, in zwei kleinen Zimmern, sauber, aber spärlich eingerichtet und wenig beheizt. Sie will so schnell wie möglich eine größere Wohnung mit Ofen und Wasser und Toilette.
Als ich nach ihrem Mann frage, sagt sie mir, dass er nicht mitkommen wollte in diese Welt, zu anstrengend, meinte er, aber sie will unbedingt eine neue Chance, einen Neuanfang. So ähnlich geht es Gisela und mir ja auch, wenn ich nur wüsste, wo meine Familie ist.
Wir wollen uns gerade auf den Weg zum Krankenhaus machen, nur aus Neugier, als jemand meinen Namen ruft. Ich schau mich um und erblicke Ellen, eine Freundin, auch aus Sindelfingen. Sie ist kleiner als ich und etwas pummelig, sie hat langes glattes braunes Haar, früher hatte sie immer eine Kurzhaarfrisur. Sie ist 42 Jahre alt. Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen.
Wir begrüßen uns, Ellen ist mit ihren Kindern hier, ihren Freund hat sie noch nicht gefunden. Was ist bloß mit den Männern los, denke ich, immer das gleiche. Nach einem kurzen Gespräch tauschen wir unsere Adressen aus und gehen jeder unserer Wege.
Im Krankenhaus gibt es einen OP, einen Entbindungsraum und ein paar Untersuchungszimmer, die Patientenzimmer sind bis auf drei noch alle leer. In der Notaufnahme ist ein Arzt mit einer Krankenschwester dabei, Medikamente einzuräumen.
Wenn ein Unfallpatient eingeliefert wird oder eine Frau zur Entbindung kommt, sind sie auf alles vorbereitet. Ob ich wohl je wieder als Krankenschwester arbeiten kann, oder als Innenarchitektin, mit einem Bauernhof?
Wir kommen an ein paar Handwerksbetrieben vorbei. Erst nach 14 Uhr sind wir wieder daheim und können uns unterhalten, was wir gesehen und gehört haben. Von nun an werden wir jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag auf dem Markt zum Einkaufen gehen.
Ich hefte ein Blatt aus unserem einzigen Schreibblock an die Tür des Pferdestalls: Erntehelfer für Zuckerrüben gesucht. »Vielleicht klappt’s ja«, sage ich zu Lukas. Dann essen wir verspätet zu Mittag. Gisela hat etwas Leckeres gezaubert. Kurz vor dem dritten Glockenschlag kommt eine Schar Leute auf den Hof.
Die »Pferdeschulung«, ein Pferdewirt kommt mit drei Reitern auf wunderschönen Pferden, Trakehner, angeritten. Die Pferde scheinen trotz der vielen Menschen ruhig zu bleiben. Anscheinend sind sie viele Menschen gewöhnt. Zunächst wird das Füttern erklärt, Schnelldurchlauf, dann geht’s über zur Pflege und den üblichen Handgriffen, die man so beim Pferd braucht.
Ganz wichtig, nie von hinten an ein Pferd herantreten, das sieht es nicht und es könnte Angst bekommen oder sich erschrecken und ausschlagen. »Steht alles im Pferdehandbuch«, heißt es. Okay, noch eine Bettlektüre, denke ich. Wir hören alle aufmerksam zu und schauen genau hin, wie man was zu machen hat – oder was man nicht tun darf.
Um 17 Uhr ist die erste Lektion vorbei und die Leute verlassen wieder den Hof. »Das sind eure Pferde«, sagt mir der Pferdewirt, »die bleiben ab jetzt hier.« Ich staune nicht schlecht. »Die Pferde haben genug Bewegung für heute, sie brauchen auch nicht mehr gefüttert zu werden. Ab morgen früh nur Wasser und Heu, nach Anleitung«, lacht er. »Wir kommen morgen Nachmittag wieder.« Damit verabschiedet sich der Pferdewirt.
Wir gehen ins Haus und essen zu Abend und planen den nächsten Tag. Von nun an gibt es jeden Montag bis Freitag Schulung auf unserem Hof. Vier Pferde, meine ersten Tiere, die brauchen einen Namen, denke ich mir. Wie gibt man Pferden einen Namen, und vor allem, was gibt’s für Pferdenamen?
Marie geht jeden Vormittag auf einen Nachbarhof, um alles über Schweine zu lernen. Ich mache mich über den Umgang mit Hühnern schlau, auch mein Schulungshof ist nicht weit von uns. Unser neues Wissen geben wir am Abend an alle anderen im Haus weiter.
Wenn wir nichts anderes zu tun haben, gehen wir auf das Zuckerrübenfeld, um wenigstens einen Teil der Ernte einzuholen. Viel kriegen wir allerdings nicht geschafft. Am späten Abend sitzen wir wieder alle im Wohnzimmer und unterhalten uns.
Lukas und Marie sind Geschwister. Sie kamen beide im Grundschulalter in ein Kinderheim, ihre Eltern konnten sich nicht ausreichend um sie kümmern, warum, sagen sie nicht. Ich frage auch nicht weiter nach, wenn sie das noch nicht wollen. Sie müssen sich bereiterklären, sich in einen bestehenden Haushalt einzuordnen.
Marie muss noch zur Schule gehen, aber momentan gibt’s noch keine. Lukas will schon immer was mit Tieren machen.
Ich sehe eine große Aufgabe auf mich zukommen, freue mich aber auch darauf. Ob ich das in meinem Alter noch schaffen kann, Schule, Kinder, Ausbildung und Erziehung? Wie macht man das heute und hier?
Gisela will nur ihren Ehemann finden und mit ihm und ihren Kindern zusammen sein. Sie kann gut kochen, was wir bisher zu essen bekamen, war sehr lecker und appetitlich. Auch ihre Kinder müssen noch zur Schule gehen, wann immer eine Schule eingerichtet werden wird.
Ich erzähle von meiner Familie, die ich hoffe, bald zu finden. Hoffentlich geht es allen gut. Alessandro, Mechatroniker und Weinbauer, und Vicky, MTA, können bestimmt Arbeit finden, also eigentlich kein Problem, so hoffe ich.
MJ ist Informatiker, da wird es schon schwieriger werden. Yvonne ist Kindergärtnerin, das dürfte auch kein Problem darstellen.
Es ist schon wieder Mitternacht, als wir zu Bett gehen. Ich schaue noch mal nach den Pferden, es ist alles in Ordnung, jetzt kann ich sie sogar schon vorsichtig streicheln. Eigentlich ängstige ich mich noch vor ihnen, obwohl sie ruhige und gutmütige Tiere sind, aber doch sehr groß.
Freitag
Am Freitag ist es endlich so weit, wir können uns einkleiden gehen. Jeder bekommt ein Paar Schuhe und Stiefel, beides schwarz, drei Hosen, nur in den drei Farben Schwarz, Blau und Grau. Drei Pullover oder Hemden bzw. Blusen, gemustert. Siebenmal Socken und Unterwäsche, zwei Schlafanzüge und Hausschuhe. Gisela, Marie, Lukas und ich bekommen zusätzlich Stallklamotten, Gummistiefel und Gummischuhe.
Es gibt auch eine dick gefütterte Jacke mit Kapuze, sehr warm. Es gibt kein Geld in der neuen Welt, zu bezahlen braucht man nicht, aber irgendwie wissen die Kassierer immer, wer was bekommt oder auch nicht mehr.
Dann gehen wir alle weiter zum nächsten Laden, hier gibt es Haushaltswaren, so könnte man es wohl beschreiben. Wir benötigen Putz- und Waschmittel, Spülmittel, Mülleimer mit Deckel, Nagelschere und -Feile, Taschentücher und noch ein paar Kleinigkeiten.
Vorerst ist alles rationiert, die Produktion müsse erst in Gang kommen, heißt es. Der Pferdewirt ist so nett, uns mit zwei eingespannten Pferden am Rathaus abzuholen, alle zusammen haben wir ganz schön viel zu tragen. Sechs Leute haben gerade noch auf dem Wagen Platz und wir können alle zusammen heimfahren.
Endlich können wir uns wieder frisch ankleiden. Wir freuen uns über die neue Kleidung und räumen alles auf. Nun sind die Schränke nicht mehr so leer. Auch mit der Arbeit auf dem Hof geht es voran. Mittlerweile können wir das Futter schon fast ohne Anleitung zubereiten und verfüttern. Abends halten wir ein Meeting im Wohnzimmer ab. Gisela holt Saft und Gläser für alle. Dazu gibt’s geröstete Butterbrotstückchen. Chips oder so gibt’s noch keine. »Alles Bio«, lacht Gisela. Die eine Deckenlampe macht ganz schön hell. Wenigstens haben wir Strom im Haus, auch im Stall, sehr sparsam.
Ich will mit allen zusammen besprechen, was wir als erstes kaufen müssen, was wir umräumen oder umbauen wollen und so weiter. Martina meint sofort, sie braucht dringend eine Nachttischlampe, die anderen stimmen ihr nickend zu. Ich will unbedingt eine Badewanne.
Gisela wünscht sich Vorhänge, damit alles wohnlicher wird, meint sie. Peter will ein Radio. Marie will Stuhlkissen für die Küchenstühle und die Bank. Und ich denke, wir brauchen einen Landwirt, der sein Handwerk versteht, der uns anleiten kann.
Morgen gehen wir alle auf den Markt, vielleicht können wir herausfinden, woher wir alles kaufen können, oder tauschen, wie auch immer.
Samstag
Am Samstagmorgen fahre ich mit Marie und Lukas auf den Markt. Wir können genug Kartoffeln gegen Wolle eintauschen. Die Frau, die am Donnerstag die Wolle verkaufte, hat heute sogar einige Stricknadeln dabei, macht ihr Nachbar selbst, erklärt sie mir.
Wenn man etwas außer der Reihe will, muss man etwas zum Tauschen haben. Ein Mann, der Obst verkauft, sagt uns, dass es in Böblingen einen Laden gibt, wo man Badewannen, Waschbecken und so weiter kaufen kann. Was die kosten sollen, weiß er auch nicht.
Wo man Lampen und Radios kaufen kann, weiß niemand. Jeder ist mit Kleidung und Essen beschäftigt. Da habe ich mit meiner Suche nach einem Radio wohl ein Luxusproblem.
Allmählich wird es kälter werden, wir brauchen unbedingt wieder Holz. Als ich im Rathaus frage, woher ich Holz zum Heizen bekommen kann, wird mir gesagt, dass ich ein großes Stück Wald neben dem Sindelfinger Stadtwald besitze, die markierten Bäume dürfen von mir gefällt und verkauft oder selbst genutzt werden, das bereits gelagerte Holz darf ich mitnehmen.
Da keiner von uns Bäume fällen kann, schreibe ich gleich in einer Suchanzeige: »Baumfäller gesucht«. Neben meiner Suchanzeige für Baumfäller steht eine Art Ausschreibung, eine Suchanzeige der Stadt Sindelfingen für Bauarbeiter jeder Art.
Das Schulhaus muss ausgebaut und renoviert werden. Es werden auch Leute gesucht, die helfen können, das Krankenhaus einzurichten, Möbel aufstellen und so weiter. Für diverse Gebäude der Stadt wird Putzpersonal gesucht. In der Schule soll vorerst ein Raum als Kindergarten ausgestattet werden, es werden auch Kindergärtner und Lehrer gesucht.
Ich schreibe eine Anzeige daneben: »Innenarchitektin sucht Arbeit«. »Hi, Katharina, du bist auch hier? Kennst du mich noch, ich bin Raffael, wir waren zusammen auf der Oberschule«, sagt er. Sein Aussehen hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert, immer noch Igelhaare, ein kleiner Schnurrbart und immer noch eine sportliche Figur, er ist so alt wie ich. »Ja, ich erinnere mich. Grüß dich, wie geht es dir, bist du mit deiner Familie hier?«, frage ich. »Ja, wir wohnen in dem Eckhaus in der Gartenstraße, ihr dürft uns gern mal besuchen kommen.« Ich sage ihm, dass ich auf Sommerhofen wohne und dass er mit seiner Familie gerne zum Kaffee vorbeikommen darf. Dann verabschieden wir uns.
Es gibt auch eine neue Pinnwand, hier werden Veranstaltungen bekannt gegeben. Am Sonntag um 10 Uhr findet der erste ökumenische Gottesdienst in der Martinskirche statt. Am Montagabend wird die Feuerwehr eingeweiht. Am Dienstagnachmittag wird eine Art Notaufnahme im Krankenhaus eröffnet.
»Das hört sich alles sehr gut an«, sage ich zu Lukas. »Die Stadt ist im Aufbau, oder?« Am frühen Nachmittag kommen wir heim. Lukas räumt mit Peter den Wagen auf.
Dann setzen wir uns in die Küche, hier wartet Gisela mit einer deftigen Gemüsesuppe mit Siedfleisch auf uns, es riecht köstlich. Dazu gibt’s frisch gebackenes Brot. Ich sage Gisela, dass es leider noch keine Mitteilung von ihrem Mann gibt. Von meiner Familie habe ich auch nichts erfahren.
Am Abend, als alles fertig ist, setze ich mich ins Wohnzimmer und fange an zu stricken. Die Wolle ist sehr dick, also passend für Mütze und Schal. Auch Martina will sich im Stricken versuchen. Sie findet Spaß daran und freut sich über jeden Erfolg. Die Strickwaren lassen sich sicher gut verkaufen auf dem Markt.
Lukas sagt, er hätte eine Suchanzeige für eine Band, einen Chor und für eine Musikkapelle gesehen. »All das habe ich nicht«, sage ich. »Ja, ich weiß«, sagt er, »aber wenn eine Musikkapelle oder eine Band gefunden wird, gibt es auch Musik. Können wir da nicht hingehen?« »Am Montagabend Musik, das hört sich gut an«, sage ich, »schaffen wir das? Wir werden es versuchen.«
Sonntag
Nachdem die Pferde gefüttert sind, können wir uns gemütlich an den von Gisela gedeckten Kaffeetisch setzen, eine frische Kanne Kaffee, handgebrüht, Maschine gibt’s noch nicht, Bauernbrot und Hefezopf. »Wann wurde denn der gebacken?«, frage ich. Eine Schüssel mit Rührei, Marmelade und Frischkäse. »Setzt euch alle, ich brate noch für jeden ein paar Scheiben Speck, bin gleich fertig«, sagt Gisela.
Es ist ein richtig schönes Sonntagsfrühstück. Marie und Martina waschen das Geschirr und räumen die Küche auf. Lukas und ich schauen nach den Pferden und anschließend machen wir alle einen ausgiebigen Sonntagsspaziergang.
Wir schauen uns mal in Ruhe die Stadt an. Ich denke, in 20 Minuten kann man von überall zu Fuß zum Rathaus, ins Krankenhaus und zur Schule kommen, mittlerweile haben wir die Schule auch gefunden. Es ist sehr praktisch, selbst mit einem kleinen Handwagen kann man bequem einkaufen.
Wir machen einen Umweg nach Hause und finden wilden Wein, ein paar Trauben hängen noch, jeder nimmt ein paar mit. Gisela meint, wenn wir genug finden, können wir Saft machen. Zum Mittagessen kochen sind wir wieder zu Hause.
Es gibt Schweinebraten, Erbsen, Möhren und Kartoffeln. Als Dessert hat Gisela Schokoladenpudding gekocht. Pudding kann ich immer noch nicht ohne Päckchen kochen, außer Grießpudding, aber den mag ich nicht. Am Nachmittag ist wieder Stricken angesagt. Wir können warme Mützen und Schals gut brauchen.
Lukas versucht sich im Schnitzen, er will ein Schachspiel, mit den Bauern fängt er an. Sieht nicht schlecht aus, mal sehen, wie es weitergeht.
Marie will versuchen, ob sie noch reiten kann. Wir gehen alle mit in den Pferdestall. Nachdem der Fuchs, die Pferde haben immer noch keine Namen, gesattelt ist, geht’s los. Marie steigt auf und trabt langsam los. »Als hätte sie nie was anderes gemacht als Reiten«, meint Gisela.
Anschließend gehen wir alle wieder ins Haus. »Mal sehen, was die nächste Woche bringt«, sagt Peter. »Vielleicht einen Hund?«, meint Martina lachend. »Wir könnten Hühner brauchen, wir haben bald keine Eier mehr«, sagt Gisela.
»Ich bin mit meiner Hühnerschule noch nicht fertig, aber füttern und sauber machen habe ich schon gelernt«, sage ich. »Und die Eier suchen wir alle zusammen«, freut sich Marie, »das schaffen wir schon, klappt ja an Ostern auch immer, oder?«
Montag
Am Montag kommen zwei junge Männer auf den Hof und fragen nach den zu fällenden Bäumen. Ich erkläre ihnen, dass ich genug Holz für den Winter brauche, und bitte sie, eine entsprechende Menge zu fällen. Von nun an bringen sie immer mehr Bäume, manchmal sind auch sehr kleine dabei, die wir dann zu zerkleinern haben.
Die Arbeit geht uns also nicht aus. Wir können auch einige Bäume an ein Sägewerk verkaufen, das bringt viel Geld ein, oder Guthaben, das ich teilweise brauche, um die getane Arbeit zu bezahlen. Es ist nicht wirklich Geld, aber wir können einkaufen, wenn man es denn so nennen kann.
Wir beeilen uns mit dem Füttern, so dass wir, frisch gewaschen und neu eingekleidet, in die Stadt gehen können, um bei der Einweihung der Feuerwehr dabei zu sein. Es gibt ein Feuerwehrauto, ein richtiges Auto, das mit Wasserstoff fährt. Drei weitere Löschwagen sind Pferdewagen. In unseren Gebrauchsanleitungen steht was von neuer Energie und so weiter. Das muss wohl erst noch alles entwickelt werden. Es wird für die Ingenieure und Techniker eine große Herausforderung.
Nach der Führung durch das Feuerwehrgelände gehen wir alle zum Marktplatz. Hier haben sich wirklich ein paar Musikanten eingefunden. Sie scheinen noch zu üben, na ja, nach so kurzer Zeit. Aber es hört sich schon ganz gut an, endlich wieder Musik. Das vermissen die meisten Menschen, ich auch. Sobald es Radios zu kaufen gibt, werde ich eins kaufen. Wir könnten auch selbst Instrumente kaufen und Musik machen. Ich bitte Lukas, die Musikanten zu fragen, wo man Instrumente kaufen kann. »In Stuttgart und Trossingen gibt’s Musikläden, es gibt zwar noch nicht alle Instrumente, aber es ist ja auch noch alles im Aufbau«, sagt er. Ich muss schmunzeln bei seiner Antwort, den Aufbau hat er sich gemerkt.
Dienstag
In der Woche, beim »Pferdeunterricht«, kommen ein paar Männer auf mich zu, die an der Erntearbeit interessiert sind, besser gesagt, deren Frauen. Wir einigen uns auf drei Malzeiten täglich, wie das mit Lohn funktioniert, weiß noch niemand.
Mittwoch
Bei der Arbeit lernen wir viele Menschen kennen, alle nett und hilfsbereit, aber auch bedürftig. Die meisten freuen sich über gutes Essen. Gisela ist fast den ganzen Tag mit Kochen und Backen beschäftigt.
Wir unterhalten uns auch während der Ernte, die meisten sind als Familie hierhergekommen. Eine Frau erzählt mir, das ihr Sohn sich anders entschieden hätte, dass er nicht mitkommen wollte, nach zwei Wochen hätte er seine Meinung wieder geändert, aber wahrscheinlich war er am Stichtag nicht mit auf der Liste. Jetzt ist er nicht hier. Die Frau hat Tränen in den Augen. Seine Frau und Kinder sind auch hier, alle leiden sehr unter seiner Abwesenheit. Aber das ist leider nicht zu ändern, die Frau und die Familie tun mir sehr leid.
Hatte Michael sich auch anders entschieden? Nein, das glaube ich nicht. Und meine Tochter und mein Sohn, nein, glaube ich auch nicht, dann hätten sie doch was gesagt, oder? Ein paar der Erntehelfer haben schulpflichtige Kinder.
Eine Frau meint, die Schule sei bald fertig eingerichtet, Lehrer haben sich auch schon eingefunden. Mitte November sollte wenigstens die Grundschule beginnen, die nächsten Klassen folgen später.
Ja, wenn jetzt meine Enkelkinder hier wären, könnten sie schon wieder zur Schule gehen, die Zwillinge sind noch zu klein, aber einen Kindergarten sollte es ja auch geben. Und Lukas und Marie sind nicht mehr in der Grundschule.
Jeder von uns sammelt seine Wäsche in seinem Zimmer, allmählich wird es Zeit, dass wir mal Wäsche waschen. Kleinigkeiten haben wir zwischendurch immer mal wieder von Hand gewaschen. Gisela und ich heizen den Waschkessel im Keller an und versuchen unser Glück. Es ist harte Arbeit, heiß, schwer und nass.
Wir verbringen den ganzen Nahmittag mit Waschen. Erst jetzt bemerken wir, dass eine Wäscheleine fehlt. Lukas baut kurzerhand eine. Eine Leine um zwei Bäume gewickelt, hoch genug, dass wir noch dran reichen, muss gut genug sein, was Besseres gibt’s noch nicht.
Ab jetzt werden wir das wohl jede Woche machen müssen. Wäscheklammern schreiben wir auf die Einkaufsliste, wenn es irgendwann welche gibt.
Mein Hof sieht furchtbar aus, überall liegen Holzstämme rum, etwa einen Meter lang. Wir können so viel sägen und hacken, wie wir wollen, es scheint nicht weniger zu werden. Das gehackte Holz stapeln wir an der Stallmauer entlang, ist ja lang genug, in zwei Reihen. Ich bitte ein paar Frauen von der Ernte, beim Holzmachen zu helfen, wozu sie gern bereit sind, schließlich brauchen sie alle Arbeit.
Bevor wir das Holz als Brennholz verwenden können, muss es noch gehäckselt werden, das machen wir immer zu zweit, eine Stunde lang. Die Waldarbeiter meinen, das sollte wohl über den Winter reichen.
Ich bitte Gisela, ein besonders gutes Essen zu kochen, wenn eine Steigerung überhaupt noch möglich ist. Ich will unsere erste Woche feiern. Am Samstagabend, es ist schon der zweite Samstag hier, sitzen wir alle im Hof und essen und trinken. Lukas macht ein Lagerfeuer, darin braten wir Kartoffeln, Rüben und Fleisch, es riecht lecker.
Ein paar Leute bringen Wein, Bier und Salat mit. Wir sitzen fröhlich zusammen, singen Lieder und ein paar junge Frauen tanzen sogar dazu. Es macht allen Spaß.
Dritte Woche
Mit den Schulungen geht es gut voran. Am Mittwoch ist mein letzter Tag auf dem Hühnerhof, als der Lehrer auf mich zukommt und mir mitteilt, dass er morgen am frühen Vormittag meine Hühner und einen Hahn auf meinen Hof bringt.
Dann drückt er mir eine Liste in die Hand, was ich alles für meine neuen Hühner benötige und vielleicht noch kaufen muss. Ich bedanke und verabschiede mich und eile mit der Neuigkeit nach Hause. Schon in der Haustür stehend rufe ich: »Leute, ab morgen haben wir Hühner und einen Hahn, ist das nicht toll?« Die Einzige, die sich freut, ist Gisela, die dringend wieder den Eiervorrat auffüllen will.
Martina meint: »Hoffentlich kräht der Hahn auch rechtzeitig am frühen Morgen.« Gisela und ich lachen. Ich schaue mit Gisela die Liste durch, wir haben alles für die Hühner da, ich muss nichts mehr einkaufen.
Lukas meint beim Abendessen: »Wir müssen den Rasen mähen, aber womit?« Im Stall sind eine Sense und eine Sichel, aber damit kann keiner von uns umgehen. Zum Mähen gibt es auch ein Pferdegeschirr, aber auch damit kennen wir uns nicht aus. Lukas will morgen den Pferdewirt fragen, wie das geht.
Am Donnerstagvormittag bringt der Bauer die Hühner, alle in Holzkisten verpackt. Als erstes begutachtet er den Hühnerstall. »Du wirst glückliche Hühner haben«, freut er sich, »das ist ein vorbildlicher Stall.« Dann muss ich mich nur noch bemühen, alles so gut wie auf seinem Hof hinzukriegen, denke ich. »Wenn alle Stricke reißen, kommst du einfach rüber und holst dir Hilfe«, bietet er mir an. Ich bedanke mich und verabschiede ihn.
Fünf Minuten später stehen wir alle um die Hühner herum und bestaunen sie. Peter meint: »Die hier vorn sieht aus wie eine Liese.« »Wie, kriegen Hühner denn auch Namen?«, frage ich in die Runde. Das weiß auch keiner von uns.
Die Pferde haben auch noch keine Namen. Ich liege die halbe Nacht wach und überlege fieberhaft, wie meine Pferde denn heißen sollen. Endlich habe ich eine Idee, die zwei schwarzen Wallache sollten Malibu und Acapulco heißen, die zwei roten (hellbraunen) Stuten Action Lady und Zottel. Am Freitagmorgen nach dem Frühstück teile ich allen meine Ideen mit. Keiner hat einen Einwand, also dann ist es beschlossene Sache.
Lukas schreibt die Namen an die Boxentüren, hat er sehr schön gemacht. Nächste Woche will der Pferdewirt uns zeigen, wie man mit Pferden den Rasen, oder besser gesagt die Wiese, mähen kann.
Ich laufe ganz gespannt in den Hühnerstall, um nach Eiern zu suchen. Ich muss nicht lange suchen, sie liegen alle an den vorgesehenen Stellen im Stall. Ich überlege mir, woher die Hühner wohl wissen, wohin sie die Eier legen sollen, das hatte ich in der Schulung nicht gehört, oder vergessen.
Ich kann Gisela mit acht frischen Eiern erfreuen, in der Hoffnung, dass es mit der Zeit mehr werden. Am Sonntagmorgen sind es tatsächlich schon zwölf Eier, bald werden wir sie auf dem Markt verkaufen können.
Wir machen alle wieder einen schönen Sonntagsspaziergang, es ist kälter geworden, tagsüber hat es zehn Grad, auch in der Nacht gefriert es noch nicht.
Dienstag, 19. Oktober
Am Dienstag gehe ich wieder aufs Rathaus, dort gibt es einen Aushang, der besagt, nach welchem Schema die Städte aufgebaut werden. Alle Städte, die im Jahr 2015 unter 50 000 Einwohner hatten, werden vorerst nur mäßig ausgestattet, die Dörfer und Städte, die unter 20 000 Einwohner hatten, existieren nicht. Die Leute werden in größere Städte aufgeteilt. Jetzt wird mir klar, warum Sindelfingen mehr bekommt als Böblingen, Böblingen hatte keine 50 000 Einwohner, obwohl es die Kreisstadt ist oder war.
Weinstadt hatte über 20 000 Einwohner, also werden die Einwohner dort mäßig versorgt. Das beruhigt mich ein wenig, da MJ mit seiner Familie da gewohnt hat.
Herbrechtingen hatte unter 20 000 Einwohner, also wo sind meine Tochter und ihre Familie?
Städte ab 500 000 Einwohner bekommen die Maximalversorgung. Davon ist auch Sindelfingen noch weit entfernt, aber Stuttgart hätte demnach alles bekommen müssen. Sindelfingen hat jetzt etwa 6 000 Einwohner, davon sind etwa 350 Ausländer. In der Gebrauchsanweisung steht, dass jeder in Deutschland lebende Deutsch können muss und auch Englisch. Dann gibt es bestimmt viele Menschen, die Sprachunterricht brauchen.
Ich finde auch endlich die ersehnte Suchanzeige: Landwirt aus Stuttgart sucht Festanstellung. Was machte ein Bauer ausgerechnet in Stuttgart, sollte der nicht eher irgendwo auf dem Land wohnen? Aber gut, mein Hof ist ja auch sozusagen in der Stadt. Der Pferdewirt erklärt sich bereit, mit mir nach Stuttgart zur angegebenen Adresse zu fahren, wenn ich ihm dafür einen dicken Pullover stricke.
Samstag, 23. Oktober
Am Samstag geht’s los. Wir haben einen Schal und eine Mütze als Geschenk und Essen im Gepäck. Für mich ist es die erste Fahrt mit der großen Kutsche. Bisher hatten wir nur den kleinen Kutschwagen benutzt, aber dafür ist es bei dieser Kälte zu weit. In der großen Kutsche können Kutscher und Passagiere im Warmen sitzen.
Es ist warm, dank der großen Felldecken, und bequem, wenn auch die Federung zu wünschen übrig lässt. Immerhin hat die Kutsche schon Gummireifen, was sie allerdings auch etwas merkwürdig aussehen lässt. Die Sitze sehen richtig vornehm aus, dunkelblauer Samt oder so. Eine dicke Decke hält mich warm. Ich habe eine Wärmflasche mit, so eine aus Metall, um mir die Füße daran zu wärmen.
Nach etwa einer Stunde halten wir an und trinken warmen Tee, das tut gut. Nach einer weiteren Stunde sind wir endlich am Ziel, auch ohne Navi. Wir sind nicht in der Stadtmitte, es könnte das ehemalige Kaltental sein.
Es ist eine kleine Siedlung, nur ein paar kleine Häuser. Ein paar Leute schauen aus den Fenstern oder kommen auf die Straße gelaufen, als sie unsere Kutsche sehen. Auf mein Klopfen hin öffnet eine Frau, etwa in meinem Alter, die Tür. Ich sage, dass ich nach einem Landwirt suche, der hier wohnen soll. »Oh ja, du meinst bestimmt Manfred, er hat hier ein Zimmer. Komm herein, ich sage ihm, dass er Besuch hat«, sagt sie. Im Haus ist es ziemlich kalt, denke ich, bei uns ist es wärmer. Die Frau kommt mit einem gutaussehenden Mann zurück. Wir stellen uns alle vor und ich sage, dass ich einen Landwirt für meinen Hof suche. Manfred schaut mich mit seinen großen blauen Augen an. Die Frau führt uns in die Stube, wo wir alles in Ruhe besprechen können. Auch hier ist es nicht viel wärmer. Es steht nur ein Tisch mit sechs Stühlen im Zimmer, noch spärlicher eingerichtet als bei uns daheim.
Manfred ist 50 Jahre alt, hat gewelltes weißes Haar, ist kräftig gebaut und fast zwei Meter groß. Er hat sehr schöne blaue Augen, wenn ich ihn anschaue, bin ich hin und weg von diesem Mann, hoffentlich merkt er es nicht. Anscheinend werden die Menschen in den Stuttgarter Vororten immer noch nur minimal versorgt. Er freut sich über Mütze und Schal. Ich erkläre unsere Lage, wie dringend wir einen Fachmann brauchen und was es momentan alles an Arbeit gibt. Manfred ist sofort einverstanden, mitzukommen. Wir werden uns einig, ich hoffe, dass er nicht nur vorübergehend auf meinem Hof bleibt. Es ist Mittagszeit und ich frage ihn, ob wir hier kochen und essen können. »Ja, klar, was hast du denn zu essen?«, fragt er. »Ich habe Gemüsesuppe mit Fleischklößchen mit, muss man nur aufwärmen«, antworte ich. »Hier gibt es nicht viel zu essen, wir bekommen nur zwei Lieferungen pro Woche, einen Laden haben wir hier nicht und der Garten ist schon abgeerntet. Wir vier Menschen kommen gerade eben so zurecht«, sagt er. »Ich glaube, es reicht für uns alle«, sage ich. »Kannst du dem Kutscher helfen, die Pferde auszuspannen? Dann gehe ich schon mal in die Küche.« Die Frau freut sich über mein Angebot, für alle zu kochen, anschließend essen wir zusammen, nicht so üppig wie bei mir daheim, aber es reicht. Dann machen wir uns wieder auf den Rückweg, an zwei Rathäusern hinterlassen wir Giselas Adresse, um hoffentlich ihren Ehemann zu finden. Auch ich schreibe meine Adresse auf, in der Hoffnung, dass ich auf diese Weise meinen Sohn finden kann, Weinstadt ist nicht weit von hier.
Ich erzähle Manfred von meinem Hof und den anderen, die bei mir wohnen und mit mir arbeiten. Ich erzähle ihm, dass ich meine Familie noch suche, er ist allein in die neue Welt gekommen, er hat keine Familie hier, sagt er.
Es ist schon später Nachmittag, als wir nach Hause kommen. Aus der Küche duftet es nach Zwiebeln, Speck und frisch gebackenem Brot. Manfred wird herzlich empfangen, alle freuen sich, ich am meisten, denke ich. Ich kann ein bisschen Verantwortung abgeben, das macht alles viel leichter für mich. Für etwas verantwortlich zu sein, was man nicht kann, ist sehr schwierig, wenn es überhaupt geht.
Nach dem Essen verabschieden wir den Pferdewirt und zeigen Manfred das Haus und den Hof, soweit das, es ist schon dunkel, möglich ist. Ich erkläre ihm, wer was macht, wo was zu finden ist und so weiter. Dann zeige ich ihm endlich sein Zimmer. Manfred betritt das letzte freie Zimmer, Gisela hat gut gelüftet und eingeheizt. Die Betten sind frisch bezogen und auf einem Nachttisch steht ein Teller mit Obst. Er ist so froh, endlich ein warmes Zimmer zu haben. Er findet sogar einen fast passenden Jogginganzug in der Kommode, auch ein Rasiermesser und Rasierseife liegen im Schrank. »Endlich kann ich mich wieder richtig rasieren«, sagt er, »das hat so gefehlt.« Ich wünsche eine gute erste Nacht und lasse ihn allein.
Am Sonntag gehen wir spazieren und kümmern uns um die Tiere, Manfred kann offensichtlich gut mit Tieren umgehen. Am Montagmorgen frühstücken wir erst mal alle zusammen. Es kommt mir so vor, als seien wir eine Familie, obwohl wir uns vorher noch nie gesehen haben. Ich gehe mit Manfred in den Stall, um die Tiere zu füttern. Danach fahren wir zwei zusammen in die Stadt zum Anmelden und Einkleiden, er hat viel weniger Kleidung als wir.
Da er sich mit Pferd und Wagen gut auskennt, er besitzt auch einen gültigen Fahrschein, ist es ab jetzt kein Problem mehr, wenn wir weiter weg wollen oder was zu transportieren haben. Meine Probleme und Sorgen scheinen sich langsam aufzulösen.
Anschließend fahre ich mit Manfred nach Böblingen, um eine Badewanne zu kaufen. Zu installieren gibt es ja nichts. Wir können die Wanne gleich mitnehmen, dazu kaufe ich noch einen Wäschebottich, ein Waschbrett und zwei Eimer. Für alles zusammen bezahle ich mit einem Baum, den ich nächste Woche liefern soll, Meterstücke. Alles läuft perfekt für mich.
