Erdentanz - Oka Rusmini - E-Book

Erdentanz E-Book

Oka Rusmini

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Beschreibung

Die bezaubernde Tänzerin Luh Sekar setzt alles daran, in adlige Kreise einzuheiraten. Jahrzehnte später grübelt ihre Tochter Telaga darüber, wie sie ihr heranwachsendes Mädchen auf das Leben vorbereiten kann. Während sie die Biografien der Frauen ihrer Familie Revue passieren lässt, überdenkt sie die Werte, mit denen sie groß geworden sind: Schönheit, Ansehen, Reichtum, Fleiß und Liebe. Oka Rusmini erzählt die Geschichte balinesischer Frauen über vier Generationen: das Porträt einer Gesellschaft, die vom Kastensystem geprägt ist, das Männer wie Frauen strengen hierarchischen Strukturen unterwirft. Ein Kontrast zum gängigen exotisch-paradiesischen Bali-Mythos in der westlichen Welt.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Die Tänzerin Luh Sekar setzt alles daran, in adlige Kreise einzuheiraten. Jahrzehnte später bereitet ihre Tochter Telaga ihr heranwachsendes Mädchen auf das Leben vor. Während sie die Biografien der Frauen ihrer Familie Revue passieren lässt, überdenkt sie die Werte, mit denen sie groß geworden sind: Schönheit, Ansehen, Reichtum, Fleiß und Liebe.

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Oka Rusmini (geb. 1967 in Jakarta) schreibt Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 2003 für ihren Roman Tarian Bumi (Erdentanz) den Literaturpreis des Zentrums für Sprache des Nationalen Bildungsministeriums.

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Birgit Lattenkamp ist vereidigte Übersetzerin für die Sprachen Indonesisch und Japanisch. Sie wirkt zudem an verschiedenen Literaturprojekten mit, so auch an der Online-Anthologie Voices from Indonesia.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Oka Rusmini

Erdentanz

Roman

Aus dem Indonesischen von Birgit Lattenkamp

E-Book-Ausgabe

Horlemann @ Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book des Horlemann-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

Die Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel Tarian Bumi im Verlag Indonesia Terra, Magelang.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 im Horlemann Verlag.

Die Übersetzung wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika e.V.

Originaltitel: Tarian Bumi (2000)

© by Oka Rusmini

© by Horlemann Verlag 2022

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Phalayasa

Umschlaggestaltung: Agentur Marina Siegemund, Berlin, und Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30934-0

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

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Version vom 13.06.2022, 11:07h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

ERDENTANZ

Verwandtschaftsverhältnisse der Protagonisten1 – Meme! … Meme!«2 – Die Haustür war fest verschlossen. Nur Mutters Wei-nen …3 – Die zweite Frau, die maßgeblichen Einfluss auf Telagas …4 – Es gab weder neue Kleider und Schuhe noch …5 – Es stimmte, der Titel »Jero« musste von allen …6 – Telaga wuchs heran. Nachdem sie die Menek Kelih-Zeremonie …7 – Telaga hatte das Gefühl, es keiner der beiden …8 – Dein Verhältnis zu Kambren wird allmählich inniger …9 – Du bist wirklich die beste Schülerin, die ich …10 – Eine Woche nach ihrem langen Gespräch mit Telaga …11 – Telagas gesellschaftliche Verpflichtungen ließen ihr nicht viel Zeit …12 – Wayan war aus Japan zurückgekehrt. Sein Haar trug …13 – Ich habe dich schon so lange nicht gesehen …14 – Das Leben musste weitergehen. Nachdem sich der Mut …15 – Die Hochzeit wurde gehalten. Das Leben danach war …16 – Immer wieder habe ich es euch gesagt …17 – Luh Sadri war zu ihrem Mann ins Nachbardorf …18 – Ich möchte mit dir reden, Telaga!«19 – Welcher Teufel hat dich geritten, hierher zu kommen?« …20 – Die Opfergaben lagen bereits vollzählig vor dem Haustempel …Worterklärungen

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Über Oka Rusmini

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Verwandtschaftsverhältnisse der Protagonisten

1

Meme! … Meme!«

Luh Saris Stimme ließ Telaga zusammenzucken.

»Sari, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht ständig so herumschreien! Komm erst einmal herein, dann kannst du immer noch erzählen.«

Telaga gab dem Mädchen einen leichten Klaps auf die Wange. Das Kind lächelte und setzte sich unbekümmert auf den Schoß seiner Mutter. Sorgfältig wischte es sich den Schweiß von der Stirn und berührte mit seiner zarten Hand die Wange der Frau.

»Was hast du denn heute mitgebracht? Hast du schon wieder etwas gewonnen?«

»Ja, heute haben wir in der Schule einen Wettbewerb im Schnelllesen gemacht.«

»Und das sind wirklich alles deine Preise? So viele?« Telaga strich ihrer Tochter über das Haar und unterdrückte einen Seufzer.

»Ja«, antwortete Luh Sari und versuchte mit großen Kulleraugen, ihre Mutter zu überzeugen. »Die habe ich alle vom Schulrat bekommen. Er ist sehr stark und sieht gut aus, Meme, und er ist nett. Leider hält er immer etwas Abstand zu mir. Dabei habe ich schon so oft versucht, ihn auf mich aufmerksam zu machen. Weißt du, Meme, einmal habe ich mir einfach seine Hand geschnappt und sie geküsst. Da hat er die Augen aufgerissen und mich so komisch angeschaut. Lustig, oder?«

Luh Sari kicherte, warf übermütig das Bündel mit den Preisen hoch in die Luft und drehte sich im Kreis. Dabei hob sich ihr Rock und brachte zwei zierliche Beine zum Vorschein.

Telagas Augen füllten sich mit Tränen. Wenn die Kleine doch nur wüsste, um wen es sich bei dem Mann handelte, dessen Aufmerksamkeit sie so eifrig zu erregen versuchte. Wie sehr würde Sari sich freuen, all ihren Cousins und Cousinen lautstark mitteilen zu können, dass sie ein Mädchen von guter Herkunft und Nachkomme einer angesehenen Person war. Telaga seufzte. Nur dieses Kind mobilisierte ihren Lebenswillen. Durch das erfrischende, muntere Lachen Luh Saris fühlte sich Telaga plötzlich wie in eine andere Welt getragen.

Das Mädchen hüpfte weiter ausgelassen umher, bis es schließlich völlig verschwitzt wieder auf den Schoß seiner Mutter zurückkehrte. Dort ließ es seine Beine hin und her baumeln, während es ungestüm die Wangen der Mutter küsste und tätschelte. Verwundert musterte sie deren feuchte Augen. Da nahm Telaga Luh Saris Hände in die ihren und küsste sie liebevoll. Die Kleine, deren Augen von Tag zu Tag bezaubernder wurden, schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und umarmte sie ganz fest. Beim Anblick ihrer Tochter war Telaga versucht, ihr fest in die runden Bäckchen zu kneifen und so lange an ihrem schmalen Näschen zu ziehen, bis es rot würde.

Telagas große Hoffnung war es, dass Luh Sari einmal in der Lage sein würde, ihr ein Zuhause zu geben. Ebenso wünschte sie sich, dass sich ihre Tochter zur hübschesten Tänzerin des Dorfes entwickeln würde, einer Tänzerin, die all die Schönheit der Göttinnen des Tanzes besäße.

»Was wünschst du dir vom Leben?«, fragte Telaga und küsste sanft die Wange ihres Kindes.

»Ich werde fleißig lernen, Meme. Wenn ich groß bin, verlassen wir Großmutter. Du kannst bei mir leben, und ich werde für dich sorgen. Ich werde ein schönes Haus für dich bauen. Es wird einen Garten haben, darin kannst du so viele Blumen pflanzen, wie du willst. Du kannst …« Die Wünsche sprudelten nur so aus Luh Sari heraus.

Die Worte des Mädchens machten Telaga nachdenklich. Sie hatte dieses siebenjährige Kind bereits auf die möglichen Schwierigkeiten des Lebens vorbereitet. Es war geradezu ihre Pflicht, die Kleine zu beschützen, die das stille Leid ihrer Mutter lediglich erahnen konnte. Telaga quälte sich ständig mit Selbstvorwürfen. Es kam ihr manchmal vor, als kämpfe sie gegen sich selbst. Die Träume, die sie einst gehegt hatte auf ihrem Weg, eine richtige Frau zu werden, schienen ihr mehr und mehr zu entgleiten. Immer hatte sie versucht, bei den wichtigen Entscheidungen ihres Lebens auf die Stimme ihres Herzens zu hören. Seltsamerweise aber zitterte Telaga jedes Mal am ganzen Körper, wenn sie sich selbst von der Richtigkeit ihrer Wahl überzeugen wollte.

Unvermittelt kam ihr wieder die Vergangenheit ins Bewusstsein.

*

Alle Leute im Dorf waren sich einig: Den Oleg konnte niemand besser tanzen als Ida Ayu Telaga Pidada.

Oleg, dieser Tanz, der über das Entfachen der Liebe und die erotische Spannung zwischen Mann und Frau erzählt. Begierde und spielerischer Stolz ringen miteinander um die Oberhand, jedoch trägt keiner von beiden den absoluten Sieg davon. Stattdessen gebiert ihr Wettstreit eine sich bis an die Grenze der Wildheit steigernde Leidenschaft. Ein erotischer Duft erfüllt die Luft, mit jeder Berührung des tanzenden Paares scheinen sich Funken der Erregung zu entzünden und auf das Publikum überzuspringen.

Wenn Telaga tanzte, war es, als habe ihr die ganze Götterwelt samt ihrer Schöpfung ihren Segen erteilt.

»Weil sie eine Brahmana ist, haben ihr die Götter Taksu verliehen, eine innere Kraft, die nicht mit bloßem Auge zu erkennen ist. Außergewöhnlich. Seht nur! Wenn sie tanzt, starren alle wie gebannt auf ihren Körper, verschlingen ihn förmlich. Wieviel Glück diese Frau doch hat! Adlig, reich und dazu auch noch schön. Die Götter sind wirklich ungerecht!«, sagte Luh Sadri, eine Spielgefährtin Telagas, neidisch. »Woher willst du wissen, ob sie glücklich ist? Du kannst in niemanden hineinschauen. Weißt du, Sadri, diese Tänzerin hat noch einen steinigen Weg vor sich. Telagas Leben wird immer problematisch sein. Ihre Wunden werden niemals heilen. Es ist nicht leicht, einen Menschen zu beurteilen, Sadri. Du machst es dir zu einfach. Du musst noch viel über das Leben lernen, bis du in der Lage bist, die Menschen zu erkennen, wie sie wirklich sind. Bis dahin wirst du ein oberflächlicher Mensch bleiben.«

Die alte, ganz in weiß gekleidete Frau, die dies sprach, schlug Luh Sadri leicht auf die Schulter. Sadri verstummte, war wie gelähmt. Als sie wieder zu sich kam, war die alte Frau schon im Gewimmel der Menschen, die im Umkreis der Bühne umhergingen, verschwunden.

Luh Sadri atmete tief ein. Wunden? Welche Wunden mochte Telaga verbergen? Luh Sadri schaute sich suchend um, in der Hoffnung, die alte Frau würde wiederkommen und ihr die Bedeutung dieser seltsamen Worte erklären. Vergebens. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sadri atmete wieder ein und fragte sich, ob diese Begegnung tatsächlich stattgefunden hatte. Vielleicht war die unbekannte Frau ja nur die Verkörperung ihres schlechten Gewissens, das sie wegen ihres Neides auf Telaga heimsuchte. Luh Sadri murmelte gedankenverloren vor sich hin. Ja, sie war in der Tat oft neidisch auf Telaga, denn diese Frau vereinte in sich die Schönheit aller Frauen des Dorfes.

»Hyang Widhi, ich muss diese schlechten Gedanken aus meinem Kopf verbannen. Wie gemein ich nur bin, obwohl Telaga doch immer so gut zu mir ist! Sie begegnet meiner Familie immer respektvoll. Meine Mutter liebt diese blaublütige Frau. Sie sagt immer, es gebe keine Adlige, die ihr Respekt entgegenbringe, außer Telaga. Nicht nur den Bewohnern ihres Griyas gegenüber zeigt sich Telaga großzügig, indem sie die Utensilien für die Tempelzeremonien kauft, sondern auch gegenüber meiner Familie erweist sie sich immer als wohltätig. Hyang Widhi, wieso also gelingt es mir nicht, meinen Hass auf diese Frau, die dort auf der Bühne steht, abzulegen? Warum?«

Luh Sadri knetete nervös ihre Hände. Als Wayan Sasmitha, ihr älterer Bruder und Stütze der Familie, eines Tages krank geworden war, hatte es plötzlich niemanden gegeben, der für gefüllte Töpfe auf ihrem Herd sorgen konnte. Damals hatte ihnen Telaga Reis und getrockneten Fisch gebracht.

»Dies ist für Sie, Meme. Wenn Sie es nicht einfach so annehmen möchten, können Sie gerne als Dankeschön ein paar Schälchen mit Opfergaben zum Tempel unseres Griya bringen.«

Telagas Stimme klang immer so warmherzig, wenn sie mit Luh Sadris Mutter sprach. Deshalb verstand Luh Sadri auch selbst nicht, warum sie Telaga so sehr hasste. Wann immer ihr Bruder nicht tanzen oder malen konnte, kam Telaga stets und half sofort, ohne große Worte zu machen.

»Das darf niemand wissen«, pflegte Telaga dann zu Luh Sadri zu sagen.

Sadri nickte daraufhin immer geschwind und füllte ebenso schnell die mitgebrachten Gaben wie Zucker, Kaffee und Gebäck in einen Bambuskorb um.

Telaga hatte wirklich ein gutes Herz. Aber je mehr Sadri über ihre Güte nachdachte, desto stärker wuchs ihr Hass auf diese Frau.

Luh Sadris Gedanken wurden unterbrochen, als ein Mann in der Reihe vor ihr frech flüsterte: »Schade, dass sie eine Brahmana ist. Wäre sie eine Sudra, eine gewöhnliche Frau, würde ich ihr bis zum letzten Atemzug nachstellen. Würde sie um mein Leben bitten, so gäbe ich es ihr noch heute.«

Es war Putu Sarma, ein gutaussehender Mann aus dem Nachbardorf und beliebtes Gesprächsthema der hiesigen Sudra-Frauen, der so sprach. Sadri mochte die Augen dieses Mannes. Sie verrieten keine Gefühle, wirkten kühl, oft sogar zynisch. Sadri wusste nicht warum, aber jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war oder auch nur seine Stimme hörte, schwitzte und bebte sie am ganzen Körper. Es war ihr dann, als werde sie von einer Woge der Leidenschaft mitgerissen. Sadri genoss es, sich Tagträumereien über Putu Sarma hinzugeben. Wie außergewöhnlich sein Körper doch war, und welch wunderbaren Duft er verströmte!

Jedes Mal, wenn Telaga tanzte, stand Putu Sarma in der Nähe der Bühne. Sein Kain trug er stets schlicht um die Hüften gewickelt. Sadri hatte einmal beobachtet, wie sich das Tuch des Mannes beinahe gelöst hätte, als ein Windstoß sich darin verfing. Bis zum Morgengrauen hatte sie kein Auge schließen können. Die Vorstellung von Putu Sarmas unverhülltem Körper entfachte ein Feuer in ihr, das jede Faser ihres Leibes durchdrang, sie zu verbrennen drohte. Sadri war damals wirklich nervös geworden. Ihre Aufregung hatte sich noch gesteigert, als sie flüchtig seine feuchte Haut gestreift hatte. Der Schweiß dieses Mannes brachte sie fast um den Verstand. Sie hatte den Wunsch verspürt, alle Stoffe, die sie bedeckten, abzustreifen und ihren Körper vom Nachtwind einhüllen zu lassen. Sadri hätte bestimmt nicht gefroren, denn die Gedanken an Putu Sarma ließen sie eine tiefe innere Wärme empfinden.

Wenn Telaga wüsste, dass dieser Mann sie begehrte, wäre sie sicherlich geschmeichelt.

Die Gedanken kreisten unaufhörlich in Luh Sadris Kopf. Sie ertrug es nicht, zu hören und zu sehen, wie der Mann, den sie im Stillen liebte, eine andere Frau anbetete. Warum musste es sich bei dieser Frau ausgerechnet um Telaga handeln?

»Träum nicht, Putu Sarma, du bist ein Sudra! Es ist unmöglich, dass diese Brahmana-Frau je etwas von deinen Gefühlen erfährt und sie erwidert. Das werden die Götter schon zu verhindern wissen.«

Jemand schlug Putu Sarma auf die Schulter. Der lachte schallend.

Ein junger Mann neben ihm setzte das Gespräch fort: »Ja, sehr schade, dass die Götter immer ihre Lieblinge haben. Wieso verleihen sie nur den adligen Frauen die ganze Schönheit der Erde? Was würdet ihr sagen, wenn ich diese Frau aus der strengen Bewachung der Götter entführen würde?«

Er kniff in den Hintern einer jungen Frau vor ihm, die sich daraufhin umdrehte und ihn wütend anfunkelte. Die Männer kümmerten sich nicht darum, taten so, als seien sie sich keiner Schuld bewusst.

»Die Haut dieser Frau glänzt wie Gold. Schau nur! Wenn du den Mut besitzt, sie zu berühren, werden die Götter ihre besten Waffen zücken und gegen dich zu Felde ziehen«, fügte ein anderer scherzhaft hinzu.

Alle lachten. Ihre lüsternen Blicke entkleideten Telaga bis auf die Haut.

Telaga konnte das Ganze nur schweigend über sich ergehen lassen. Denn ihre Mutter hatte ihr von Anfang an etwas eingeschärft: »Du musst die schönste Frau in diesem Griya werden. Du bist meine einzige Hoffnung. Ich habe dir das Leben geschenkt. Nun ist es an dir, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und immer Haltung zu bewahren. Das bist du mir schuldig. Du musst, du musst …«

Die Stimme der Frau, die ihren Leib neun Monate lang mit ihr geteilt hatte, löste bei Telaga immer wieder Unbehagen aus. Es war die Art, wie die Mutter sich um sie sorgte, wie sie sie erzog. Ihr ewiger Kampf um Anerkennung machte Telaga wirklich Angst.

Telagas Mutter war eigentlich keine Adlige. Sie war eine Sudra, eine gewöhnliche Frau. Ein Brahmana hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Adlige Werte wie Erhabenheit und Größe, aber auch Hochmut, waren ihm in die Wiege gelegt worden.

Telaga hatte den Mann, dessen Millionen von Samenzellen sich in den Körper ihrer Mutter ergossen hatten, nie richtig kennen gelernt. Für Telaga war er einfach der dümmste Mann, der ihr je begegnet war. Immer wieder fragte sie sich, wie die Natur das Leben für den einzelnen Menschen auswählte. Warum hatte ausgerechnet sie das Kind von Ida Bagus Ngurah Pidada werden müssen? Angesichts der Dummheit ihres Vaters beschloss Telaga, dass es sich wohl besser ohne Mann leben ließe.

Eines Tages, so erinnerte sie sich noch, hatte dieser geistlose Mensch wie wild herumgeschrien: »Niemand in diesem Haus versteht meine Probleme!« Er wütete und schimpfte wirr, als ob er mit diesem Benehmen seine Autorität unter Beweis stellen könnte.

Für Telaga war er nichts als ein Narr, den sie mit dem ehrwürdigen Namen Aji, Vater, anzusprechen hatte. Wie widerlich! Ein Mann ohne Rückgrat, der nur seine Männlichkeit verherrlichen konnte. Ein Mann, der niemals zu seinen Fehlern stand, sondern die Schuld stets bei anderen suchte, um so seine eigene Dummheit besser verbergen zu können. Wie hätte sie ihm je Vertrauen entgegenbringen können? Seine Unfähigkeit war es, die Telaga bedauern ließ, dass sie ihn respektvoll anzusprechen hatte.

Da die Eltern ihres Vaters den Rang eines Ida Bagus und einer Ida Ayu besaßen, hieß es, dass er von besonders reinem Adel sei. Von ihrer Mutter jedoch erzählten sich die alten Leute, sie sei eine Sudra. Deshalb hatte Telaga bei der Anrede aller Personen im Griya, einschließlich des Mannes, dessen eigen Fleisch und Blut sie war, den Titel Ratu hinzuzufügen. Welch unangemessene Anrede für ihren Vater!

Ein Geschehnis würde Telaga niemals vergessen können. Es war einfach zu peinlich und bildete den krönenden Abschluss aller Dummheiten, die ihr Vater jemals begangen hatte.

Telaga erinnerte sich noch genau. Es war kurz vor ihrem neunten Geburtstag …

2

Die Haustür war fest verschlossen. Nur Mutters Wei-nen drang durch die Tür des Nebeneingangs. Es war das Weinen einer Sudra-Frau, die völlig machtlos war in Gegenwart einer weitaus erfahreneren, älteren Frau. Schließlich hatte diese die Welt früher betreten als sie selbst.

Großmutter sah in Mutter nur ein junges Ding, das von nichts eine Ahnung hatte, erst recht nicht von den Werten des Adels.

Der alten Frau hatten die Götter eine majestätische Ausstrahlung verliehen. Attribute wie Würde, Eleganz und Schönheit konnte sie ihr Eigen nennen. Außerdem hatte sie einen Sohn geboren, den die Vorsehung dazu bestimmt hatte, Mutter zu besitzen.

Der Mann, zu dem Mutter gehörte, war sonderbar. Manchmal ließ er sich monatelang nicht blicken. Und war er dann einmal zu Hause, so verbrachte er seine Zeit beim Hahnenkampf, oder aber er lungerte mit irgendwelchen Gaunern in der Nähe der Kreuzung herum und trank hochprozentigen Reisschnaps. Sein Benehmen beschämte Großmutter, seine eigene Mutter.

»Binde ihm die Beine zusammen, Kenanga. Binde sie zusammen! Der Junge hat wirklich noch nie einen Funken Selbstachtung besessen, genau wie sein Vater. Elender Schuft!«, schimpfte Großmutter immerzu.

Ihr mit Betelnüssen gefüllter Mund ließ sie noch unheimlicher erscheinen, fast wie eine richtige Hexe. Unter Tränen tat Mutter wie geheißen und fixierte vorsichtig Vaters Beine. Hätte sie dies nicht gemacht, hätte Vater sicherlich nach dem Aufwachen aus seinem alkoholisierten Schlaf wieder wild um sich geschlagen. Was wollte dieser Mann bloß? Er bereitete immer nur Schwierigkeiten! Was in solchen Augenblicken in Mutters Inneren vorging, hatte Telaga nie verstanden. Manchmal spiegelten ihre Augen etwas Sorgenvolles wider. Oft aber wirkten sie einfach nur leer. Dann wurde die Situation von Großmutters Stimme beherrscht, die fortwährend schimpfte und fluchte.

»Du wirst mein Kind niemals glücklich machen können, Kenanga!«

Großmutters Worte waren verletzend. Schweigend schluckte Mutter ihre Tränen hinunter. Die Beschimpfungen der alten Frau schienen endlos. Permanent entglitten ihren stets rot angemalten Lippen grobe Ausdrücke und unverständliche Flüche. Als Jüngere blieb Mutter nichts anderes übrig als zu gehorchen. Sie widersprach Großmutter nie, obwohl deren Worte oft ihr Selbstwertgefühl als Frau kränkten. Wenn Vater betrunken oder nach einer Schlägerei schwer verletzt nach Hause kam, blickte Großmutter sie immer feindselig an.

»Offensichtlich kannst du nicht auf mein Kind aufpassen.« Großmutters Worte waren dann mehr ein Klagen als Schimpfen.

In Momenten wie diesen fragte sich Telaga, zu welcher der beiden Frauen im Hause sie halten sollte. Großmutter oder Mutter? Seltsamerweise konnte sie sich auf keine der beiden Seiten aus vollem Herzen schlagen.

Großmutter war eine außergewöhnlich harte Frau. Sie war die Tochter eines reichen Adligen. Seit ihren Kindertagen war sie vom Glück verwöhnt. Jeden Wunsch hatte man ihr stets sofort erfüllt. Ihr Vater, ein Priester, hatte viele Sisia, Anhänger, die den Griya ehrten und ihm treu ergeben waren. So war Großmutters Position im Griya seit jeher höher und wertgeschätzter als die der anderen Frauen.

Es hieß, auch ihre Mutter sei sehr reich und zudem schön gewesen. Da Großmutters Eltern kein männlicher Stammhalter geboren wurde, war es an ihrer Tochter, das Geschlecht der Pidada fortbestehen zu lassen, und deshalb verheiratete man sie mit dem Sohn einer armen Brahmana-Familie, der bereit war, seinen Griya zu verlassen und in ihrem Griya zu leben.

Sein Name war Ida Bagus Tugur. Er war ein sehr gebildeter Mann, der ein hohes Amt in der Politik anstrebte. Keine Frau hatte bisher eine Rolle in seinem Leben gespielt. Mit diesem Wissen über seine Person wurde Großmutter Ida Bagus Tugurs Frau.

Nach der Hochzeit veränderte er sich zunächst nicht in seinem Wesen, bis er eines Tages vom Raja von Denpasar zum Bezirksvorsteher ernannt wurde. Diese Stellung gab Ida Bagus Tugur das Gefühl, endlich im Besitz wahrer Macht zu sein. Von diesem Tag an war es, als habe er mit einem Mal vergessen, dass er bereits einen Sohn hatte. Ebenso wenig kümmerte er sich um seine Ehefrau. Er schien vergessen zu haben, dass er der Ehe mit einem weiblichen Familienoberhaupt zugestimmt hatte. Die Übermacht der Familie seiner Frau hatte er oft als eine Schwächung seiner Position als Mann im Hause empfunden. Dabei hatte Großmutter sich bereits bemüht, ihm den gleichen Status zu geben, wie ihn die anderen Männer des Griya hatten.