Erdlandung - Sera Fine - E-Book

Erdlandung E-Book

Sera Fine

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Beschreibung

L587 berichtet seiner Einsatzzentrale vom Zustand des Planeten Erde, während er ein irdisches Wesen durch dessen dunkelste Zeiten begleitet. Zum Beispiel, auf welche Schwierigkeiten die gegenpolaren männlichen und weiblichen Wesen stoßen bei ihren Versuchen, zu einer Ganzheit zu verschmelzen. Wie schwierig es sich gestaltet, genug Geldmittel zu erwerben und sie sich nicht gleich wieder aus der Tasche ziehen zu lassen. Wie dunkel-magische Substanzen Erleichterung schaffen sollen, aber alles nur schlimmer machen. L587 ist anstrengend, schlaumeierisch, aber voller guter Absichten. Und fest entschlossen, S307, der über sein Wirken wacht und einen detaillierten Bericht einfordert, nicht zu enttäuschen. Auch, wenn das ihm schutzbefohlene Erdwesen in Seelennöte gerät, aus die es kaum wieder herauszufinden scheint. Nicht zuletzt auch wegen ihm. Mit L587 kommt ein Wesen zu Wort, das in der Psychiatrie unerwünscht ist, obwohl es doch die Rettung des Planeten aus dem Würgegriff der schwarzen Schlange und die Befreiung aller versklavten Wesen plant.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Gewidmet den seelenkundigen Wesen, die mir wertschätzend begegnen. Wie auch denen, die mir durch wenig wertschätzendes Verhalten ihre Unkenntnis meiner Natur deutlich werden ließen - und damit wesentlich beigetragen haben zur Motivation, diesen Bericht zu verfassen.

L587

Und Sinead O’Connor!

S.

… über die Verfasserin von „Erdlandung“

Sera Fine

Sera Fine ist das Pseudonym einer 1969 geborenen Künstlerin, die mit Rücksicht auf ihre Familie und einigen Personen, die in „Erdlandung“ kritisch beschrieben werden, anonym bleiben möchte. Nach einem Berufseinstieg als Fremdsprachensekretärin in einer Maschinenbaufirma und anschließender Tätigkeit im Auswärtigen Dienst, nahm S. ein Studium der Anglistik und Germanistik auf. Welches dann, nach Auftreten einer ersten schweren Krise, der weitere folgen sollten, abgebrochen wurde. „Erdlandung“ ist die wahre Geschichte ihres Ringens um ein erweitertes Verständnis für die seelischen Phänomene, die ihr Leben prägen und ein Zurückfinden in die Normalität, in der dieses Verständnis schließlich Platz finden soll. Geschildert wird der innere Prozess eines seelischen Ausnahmezustandes, wie auch der gesellschaftliche und schließlich globale Zusammenhang, in dem er steht, und zwar aus Sicht des fiktiven Aliens L587. Derzeit unterstützt S. Initiativen anderer Engagierter, die sich zum Beispiel für die Einrichtung von Frauen-und Männerstationen in psychiatrischen Kliniken einsetzen.

Inhaltsverzeichnis

Α Begegnung

Β Erinnerung

Γ Das Außenwesen

Δ Außenwelten

Ε Status

Σ Liebe

Ζ Gefahr

Η Angst

Θ Familie

I Bedürfnisse

ΙΑ Zuspitzung

ΙΒ Belastung

ΙΓ Einweisung

ΙΔ Frankreich

ΙΕ Dienen

ΙΣ Zweiter Angriff

ΙΖ Stadtpsychiatrie

ΙΗ Behandler

ΙΘ Kompensation

K Vergleich

KΑ Feuer

KΒ Tiefpunkt

KΓ Niedrigschwingungsmittel

KΔ Horizonte

KΕ Herausforderung

KΣ Der Gegenspieler

KΖ Gruppen

KΗ Spiegelung

KΘ Gutwesen – Böswesen

Λ Helferwesen

ΛΑ Mutprobe

ΛΒ Gewissheit

ΛΓ Nachtrag

Glossar

Teil 1

Α Begegnung

Ich melde mich um 17/22 // 12/10/1996 irdischer Zeitrechnung bei S307 und teile mit: Die Verbindung mit dem irdischen Wesen S., das uns so dringlich um Lichtunterstützung gebeten hat, ist erfolgt. Der Grund für den Wunsch einer Kontaktaufnahme mit uns ist allerdings nicht nur ein Verlangen nach Höherschwingung, sondern auch das Resultat großer Einsamkeit. S. geht gerade durch eine schwierige Zeit und verbringt die Nächte in einer ungemütlichen, dunklen Vergnügungsstätte, einem sogenannten Irish Pub, wo sie vor einigen Monaten einen jungen Mann kennengelernt hatte.

Es war für sie Liebe auf den ersten Blick, doch dieses Wesen, ebenfalls studierend wie sie, hatte sich schon bald wieder von ihr abgewandt. Seitdem wartet S. Abend für Abend darauf, ihm in dieser Stätte wieder zu begegnen. Zum jetzigen Zeitpunkt unserer Kontaktaufnahme sind gerade die Barkeeper auf sie aufmerksam geworden. Dies sind Wesen, die die Bewohner dieses Planeten mit flüssigen Substanzen versorgen, welche ihnen helfen, eine gute Stimmung aufzubauen und leichter in Kontakt mit anderen Lebenseinheiten zu kommen.

S. hat eine Tätigkeit bekommen, bei der sie am Eingang sitzt und Geldmittel nimmt von Besuchern der Stätte, die eine Musikdarbietung besuchen wollen. Dabei wird S. freigiebig mit dieser Flüssigsubstanz, die Alkohol genannt wird, versorgt. Sie reagiert darauf allerdings anders als die anderen Lebenseinheiten in diesem Vergnügungsraum. Wenn sie zu viel von dieser Substanz zu sich genommen hat, fängt sie auch schon mal an zu weinen.

Bei Verlust der Verbindung zu einer anderen Lebenseinheit empfinden die irdischen Wesen großen Schmerz. Meistens sind es dabei gegenpolare Lebenseinheiten, also eine männliche und eine weibliche, die diese Form von Schmerz bei dem gescheiterten Versuch einer Verschmelzung zu einer Ganzheit erleben. Die Flüssigsubstanz wird dann oft auch zur Minderung des Schmerzes eingesetzt. Sie erleichtert auch die schnelle Begegnung mit einer neuen Lebenseinheit, mit der dann ein neuer Verschmelzungsversuch unternommen wird. S. denkt gerade darüber nach, so eine überstürzte Verschmelzung vorzunehmen, bei der der Einklang der Seelen vorher nicht überprüft wurde. Meine Aufgabe wird also sein, die Seelenstärke von S. zur Entwicklung zu bringen.

Leider muss ich feststellen, dass S., die so eine tiefe Sehnsucht nach Lichtkontakt und die Erfahrung höherer Liebe hatte, jetzt, wo ich sie aufgesucht habe, nicht offen für liebevolle Inspiration ist. Die Enttäuschung über den Erdbewohner, der sich von ihr abgewandt hatte, ist so groß, dass sie ihr Interesse an Seelenwachstum völlig überschattet. S. glaubt, liebevolle Erfüllung nur mit gerade diesem irdischen Wesen erreichen zu können. Sie ist überzeugt, dass kein anderes Wesen sie in Verbindung mit etwas Gutem bringen kann. Deshalb ist sie auch sehr, sehr erfreut, dass es heute tatsächlich auftaucht.

Ich habe also Gelegenheit, diese Lebenseinheit genauer zu studieren, und ich muss dazu sagen, es handelt sich bei ihr nicht um ein Wesen, das S. einer liebevollen Erfüllung näher bringen kann. Sie mag dessen dunklen, langen Haare und sein lebenslustiges Auftreten. Da muss besonders viel Gegenpolarität die Anziehung bewirkt haben, denn sie hat helle, kurze Haare und ein ernstes Wesen. Beide haben dunkle Augen, seine sind braun, ihre blau. Seine Lebenslustigkeit, die sie so angezogen hat, zeigt sich allerdings gerade darin, dass diese Lebenseinheit sich nicht festlegen möchte auf eine Verbindung zu nur einem weiblichen Wesen, dass sie gerne sehr frei sein möchte, sich jederzeit neu zu verbinden und wieder zu lösen.

Die Erdbewohner, die von Kindheit an viele Verlustängste und Einsamkeitsgefühle kennen, hoffen, das Wiederkehren eines alten Schmerzes durch das Festhalten eines anderen Wesens vermeiden zu können. Erdfrauen wünschen sich außerdem auch für die Erziehung ihrer Kinder eine stabile Verbindung zu einem männlichen Wesen, welches den emotionalen und materiellen Bedürfnissen seiner Familie oberste Priorität geben soll. Das raue, gefährliche Klima dieses Planeten schafft den Wunsch nach einem starken Familienverband, der starke Wesen hervorbringt.

Diese lebenslustige männliche Lebenseinheit hatte vor der Begegnung mit S. ein weibliches Wesen kennengelernt, das, so stellte sich nach Eingehen der Verbindung mit S. heraus, schwanger geworden war. Also durch ihn ein neues Erdwesen empfangen hatte. Als dies bekannt wurde, beschloss das männliche Wesen, sich mit diesem Wesen, zu dem es keine Liebesverbindung hat, in eine häusliche Gemeinschaft zu begeben. Um seinem Kind eben einen solchen starken Familienverband zu bieten. Auch, wenn es sich dafür nicht wirklich bereit fühlt. S. hatte dann mit sich gerungen, ob sie eine Liebesverbindung zu diesem Erdbewohner aufrechterhalten könnte, der dann aber nun einmal mit einem anderen weiblichen Wesen leben würde.

Heute ergibt sich nun endlich die Gelegenheit, ihn wissen zu lassen, dass dies inzwischen für sie denkbar sei. Doch dieser Erdbewohner hat inzwischen Feuer gefangen für ein anderes weibliches Erdwesen, wie er S. nun mitteilt. Die häusliche Gemeinschaft mit der Mutter seines Kindes ist damit auch vom Tisch, und das, obwohl diese neue Flamme, die ich ebenfalls als sehr lebenslustig und weniger ernsthaft einschätze, nicht wirklich eine feste Verbindung mit diesem Wesen wünscht. Stattdessen einen dieser Barkeeper verehrt, der auch heute wieder versucht, S. mit der dubios magischen Flüssigsubstanz abzufüllen. Eine Substanz, die bei übermäßigem Genuss auch zu Kontrollverlust führen kann, der hier wohl erreicht werden soll.

Der Umgang mit Liebe, und die Rolle, die diese Substanz dabei spielt, ist auf diesem Planeten äußerst kompliziert und wird von den Erdbewohnern häufig als sehr frustrierend erlebt. Innere Barrieren, die im täglichen Leben Selbstschutz gewähren sollen, werden durch die dunkle Magie dieser Substanz aufgelöst, sind aber nach Abklingen der Wirkung dieses Mittels wieder vollständig vorhanden. Sodass das im Rausch erlebte Verhalten nicht in die Persönlichkeit des Erdwesens integriert werden kann. Stattdessen oft bereut wird. Es sei denn, man kann sich an nichts erinnern. Auch das kann passieren.

Wird kein anderer Weg zum Aufweichen innerer Verhärtungen gefunden, kann diese Substanz als Fluchtmittel aus der eigenen Enge immer wichtiger werden und das Verlangen nach ihr immer stärker, bis schließlich die Beschaffung dieses Mittels von der allergrößten Wichtigkeit wird. Das Mittel kann somit die Kontrolle übernehmen über das irdische Wesen, welches ihm verfällt, und mit ihm denen, die es anbieten.

Weitere Mittel sind im Umlauf mit noch stärkerer Wirkung und noch größerem Zerstörungspotential, zum Teil auch in dieser Stätte zu erhalten. Elixiere, mit denen ohne große Mühe Zustände äußerster Glückseligkeit erreichbar scheinen. Sie kommen daher wie die schwarzen Zauberer, die schnellen Ruhm und Glück versprechen, während sie den Blick des Vertrauensvollen von seinem Weg weglenken und ihm eine schwarze Fessel um den Knöchel wickeln. Ein ganzes Leben, und manchmal mehrere, kann es dauern, diese schwarze Schlange, die lange unsichtbar den Fuß des Erdwesens umwickelt und hinabzieht, zu entdecken und sich aus ihrem Würgegriff zu befreien. Weshalb ich diesen Mitteln und dieser Stätte eher ablehnend gegenüberstehe.

Vielleicht hat S. in ihrem Leid doch etwas von meiner Anwesenheit gespürt, denn immerhin steht sie jetzt auf und geht nach Hause. Vom Eintreten meiner Lichtkraft in ihr Leben ist sie ziemlich erschöpft. Ihre Wohnung möchte sie am liebsten so schnell auch nicht mehr verlassen. Das ist gut, denn so ist die Gefahr einer zu schnellen Neuverbindung mit einer Lebenseinheit, die ihr nicht guttun würde, erst einmal abgewandt. Der Wunsch, das verlorene Partnerwesen zurückzuerobern, ist jedoch immer noch sehr stark.

S. lebt zusammen mit zwei anderen weiblichen Wesen in einer häuslichen Gemeinschaft, einer sogenannten Wohngemeinschaft1. Sie kennt diese Wesen von der Universität2, an der sie studiert. Das eine Mitwohnwesen war dort ihre Freundin geworden. Als diese sich mit dem ihrigen Partnerwesen zerstritt, holte S. sie in die Wohngemeinschaft, in der gerade eine Räumlichkeit frei wurde. Eine dritte kam hinzu. S. wünschte sich sehr viel Nähe zu der Studienfreundin, auch deshalb wohl drängte sie sie dazu, bei ihr einzuziehen. Sie mag nun mal die sehr lebenslustigen Wesen und nimmt dabei immer wieder in Kauf, dass da oft nicht so viel Verantwortungsgefühl erwartet werden kann.

S. wird von ihren beiden Mitbewohnerinnen in ihrem Leid dann auch nicht gesehen. Sie hört die beiden in dem Raum, in dem die Speisen zubereitet werden, schwatzen und lachen. Schließlich hält sie es alleine auf ihrer Schlafstelle nicht mehr aus und gesellt sich dazu. Die beiden wissen von dem plötzlichen Liebesende, aber zeigen sich nicht sonderlich interessiert. Also muss das Gespräch von S. in die gewünschte Richtung gelenkt und auf das gerade sehr stark empfundene Leid aufmerksam gemacht werden.

I. hat aber neuerdings sehr an Ansehen dazugewonnen bei diesen beiden Wesen, seit er sich von S. abgewandt hat. So viel Verantwortung zeigt, mit seinem Bekenntnis zu der schwangeren Bekanntschaft. An ihm festhalten zu wollen, ist ganz entschieden kleinlicher Egoismus von S. Ein bisschen Wahrheit ist da wohl dabei, sodass S. dazu nicht viel sagen kann. Auch, wenn Verantwortungsgefühl nicht gerade das ist, was sie als eine herausragende Qualität an I. festgestellt hatte. Der, nachdem er ihr die Vaterschaft mitgeteilt hatte, sofort aufgestanden und gegangen war, ohne S. Reaktion abzuwarten. Ihren langen Brief, der mehrmals umformuliert und neu geschrieben worden war bis er ihre Gefühle schließlich eindrücklich genug widerspiegelte, unbeantwortet ließ.

Eine oft erlebte Enttäuschung in Verbindungen der irdischen Wesen ist, dass die eine Lebenseinheit sehr leicht eine Verbindung beenden kann, während die andere noch sehr stark an ihr interessiert ist. S. fühlt eine große Verunsicherung bei der Erkenntnis, dass sie ein anderes Wesen sehr stark lieben kann, ohne auf die gleiche Weise zurückgeliebt zu werden. Diese Einsicht drängt sich nicht das erste Mal auf, denn im Alter von 18 Jahren hatte sie dies schon einmal so erfahren müssen. Die Erkenntnis, dass man mit einem großen Leid sehr allein sein kann, gesellt sich gerade dazu.

Die beiden Mitwohnwesen lassen sich schließlich Einzelheiten berichten, aber verweigern Mitgefühl und kommen zu ganz klaren Urteilen in dieser Sache, die gegen S. sprechen. Das Wort Verantwortung fällt oft, doch es oft zu benutzen, hat in diesem Fall nichts damit zu tun, die Bedeutung dieses Wortes zu kennen. S. muss noch lernen, dass in Kontakten, die sie eingeht, wirkliches Verantwortungsgefühl sehr wichtig ist. Die Wohngemeinschaft löst sich einige Zeit später auf, S. bleibt auf hohen Rechnungen für Beheizung und Telefon3 sitzen, an denen sich die entschwundenen Mitwohnwesen nicht mehr beteiligen.

S. zieht schließlich in einen recht beengten, kleinen 1-Zimmer-Wohnraum mit einer nur kleinen Kocheinrichtung, aber dafür ohne Mitwohnwesen. Inzwischen hat sie keine Lust mehr auf die Gesellschaft anderer Wesen, aber gleichzeitig ein großes Bedürfnis nach Austausch. Was sich zu einer schwierigen Situation zuspitzen wird, als S. nämlich beginnt, neue Formen des Austausches auszuprobieren. Mit Wesen, die nicht körperlich anwesend sind.

Β Erinnerung

So ein körperloses Wesen bin ja nun auch ich. Aber mich kann S. vorerst noch nicht hören, andere Seinsformen überlagern unseren Kontakt. Die Natur meiner Wesensart ist leise und unaufdringlich. Ich darf nur sprechen, wenn ich gefragt werde und damit nicht manipulativ in das Geschehen auf Planet Erde einwirken. Der Entwicklung von Dingen keine Richtung vorgeben. Gerade gab es einen heftigen Gewittersturm, während dem S. glaubte, Kontakt zum verstorbenen Onkel aufgenommen zu haben, das Bruderwesen des Vaters, das lange mit der Familie von S. gelebt hatte.

S., und auch das zweite Kind in ihrer Familie, ihr Bruderwesen, liebten diesen Onkel sehr. Überhaupt war er sehr beliebt, auch bei den Wesen, die ihn an seiner Arbeitsstätte, einem Bankinstitut4, aufsuchten. Die Aufgabe des Onkels war, den Wesen Geldmittel auszuzahlen, die die Form kleiner runder Metallstücke oder aber dünner rechteckiger Papierstreifen haben. Wobei die Papierstreifen den größeren Wert haben sollen. Diese Tätigkeit langweilte ihn sehr, weshalb er die ichn aufsuchenden Wesen, genannt Kunden, bei der Geldübergabe gern ein wenig mit einem seiner zahlreichen Scherze aufheiterte („Ist das für Sie, oder soll ich das als Geschenk einpacken?“)

Der Onkel mochte seine Tätigkeit an dieser Bank also nicht besonders, und noch weniger das ihm vorgesetzte Wesen. Er hielt aber dort aus, bis es offensichtlich wurde, dass er dieser bereits erwähnten Flüssigsubstanz verfallen war. Er war lange nur wahrgenommen worden als ein Wesen mit feiner, kultivierter Umgangsform, das sehr lustig sein konnte. Aber schließlich gelang ihm die Arbeit nicht mehr und er verursachte Aufruhr in S. Familie, die er dann auch verlassen musste. S. lebt zu der Zeit bereits nicht mehr bei den Eltern und erfährt später nur wenig über die Umstände seines Verschwindens aus seinem beruflichen wie privaten Lebensfeld.

Der Onkel war immer schon ganz anders gewesen als seine Geschwister, auch wenn die Ähnlichkeit ihrer Stoffkörper die nahe Verwandtschaft untereinander bezeugten – drei der vier Geschwister hatten den in diesem nördlichen Gebiet des Planeten ungewöhnlichen und auffälligen vollen dunklen Lockenkopf ihrer Mutter geerbt. Seine Schwester und Tante von S. dazu auch die warmen braunen Augen, während die drei Brüder mit den dem Landbereich angemesseneren graublauen Augen ausgestattet wurden.

Einer der drei übernahm dann aber auch das ebenfalls angemessenere glatte dunkelblonde Haar des Vaters. Damit entsprach dann immerhin ein Kind äußerlich dem, wie ein in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts in diesem Landbereich hineingeborenes Kind aussehen sollte. Das sich dann aber um seine arische Auszeichnung nicht sonderlich scherte und in seinen jungen Jahren eine besonders ausgeprägte Abneigung gegenüber Lernen und Arbeit an den Tag legte. Die Familie in seinen jungen Jahren mit seinem Ruf als dorfbekannter Unruhestifter in Atem hielt, bis dann seine Heirat mit einer resoluten Altenpflegerin dem ein Ende setzte.

Anders als sein älterer Bruder und Hoferbe oder aber das häufig in Raufereien verwickelte Bruderwesen, mied der unverheiratet gebliebene Onkel Geselligkeit und nahm auch die Flüssigsubstanz lieber allein vor einer Bild- und Tonempfangsapparatur zu sich. Damit galt er dann auch nicht als trinkfester, harter Kerl, wie ihn die männlichen Wesen in S. Dorf schätzen. So manches männliche Dorfwesen konsumierte sicherlich um einiges mehr von dieser Flüssigsubstanz als er, ohne dass dies irgendwem als bedenklich auffiel.

Die in der Landwirtschaft5 tätigen Wesen einer Dorfgemeinschaft müssen nun auch keinem Arbeitgeber jeden Tag erneut einwandfreies Funktionieren abliefern. Hoher Arbeitseinsatz muss aber dennoch geleistet werden, und das Ehewesen an ihrer Seite ist häufig danach ausgewählt, viel Arbeitsbereitschaft mitzubringen. Dem Partnerwesen lange den Rücken freizuhalten, vor allem, wenn denn dessen Leistungsfähigkeit frühzeitig nachlassen sollte.

Der Onkel aber war nun Dorfgespräch, und das quälte ihn sehr. Einmal hatte S. Familie ihn in einem Zentrum zur Behandlung suchterkrankter Wesen besucht, wo er traurig und schweigsam mit ihnen am Tisch gesessen hatte. Danach hatte S. ihn nicht mehr gesehen, und wenige Jahre später verstarb er. S. hatte nicht viel mitbekommen von seinen Problemen und erst sehr viel später verstanden, dass dieses lustige, feinsinnige Wesen unglücklich und einsam gewesen war. Kleine Anekdoten aus der Kindheit, wie die Älteren sie bei Familienfeiern so beiläufig erzählen, bekommen in ihrer Erinnerung später eine andere Gewichtung.

Zum Beispiel der Bericht über den ersten Schultag des Onkels, an dem er zu spät kam und erst einmal gleich „eine Jachtreise“ erteilt bekam. Was bedeutet, dass das für Vermittlung von Grundwissen zuständige Wesen, das Lehrerwesen, den Neuling erst einmal verprügelt hatte. Oder die Erzählung über S. Großvater, also das männliche Elternwesen vom Vater, der 25 Jahre Mitglied des Kirchenvorstandes war. Einmal aber aufbegehrte gegen den hochverehrten Herrn Pastor, als der seinem Sohn, eben diesem Onkel, mit der Bibel auf den Kopf geschlagen hatte. Wenn ein Kind geschlagen werden muss, dann aber nicht mit der Bibel, hatte der Großvater dem mit Seelenbildung beauftragtem Wesen erklärt. Wobei man sich dann fragt, wem seine Sorge galt - dem gewichtigen Papierwerk oder dem Kind? Der Großvater war von ernster, stiller Natur und sprach fast nie. Sodass ungeklärt bleiben musste, wie er über den Herrn Pastor und dessen Umgang mit seinem Nachwuchs so dachte. Immerhin hatte der Großvater gemerkt, dass hier etwas so nicht ganz richtig ist.

Allerdings, auch er war nicht zimperlich im Umgang mit seinem Nachwuchs, vor allem nicht mit dem Ältesten, S. Vater. Der die Geschwister zu beaufsichtigen hatte und mitbestraft wurde, wenn einer der beiden Brüder etwas angestellt hatte. Was doch recht häufig vorkam, vor allem beim arisch gefärbten Bruderexemplar, weniger beim früh verstorbenen Onkel. Kam das Lehrerwesen oder das Pastorwesen zu den Eltern zu Besuch, wo es dann erwarten konnte, vorzüglich bewirtet zu werden, pflegten sich die Kinder zu verstecken. Das Vaterwesen hatte neben seinem Sessel einen Stock stehen, der nach Besuch des weltlichen oder geistlichen Erziehers schon mal zum Einsatz kam.

Dieses unschuldige Stück Materie, das über keinen eigenen Willen und damit über keine Bösartigkeit verfügt, glücklicherweise aber auch über keinen Schmerzkörper, wurde dann einmal in einer gemeinschaftlichen Unternehmung der Kinder entführt, zersägt und im Wald begraben. Mit dem eigentlichen Verursachern von Qual und Strafe konnte man so natürlich nicht verfahren, und schon bald wird der unschädlich gemachte Bestrafungsassistent wohl durch einen ähnlichen ersetzt worden sein.

Schulunterricht war wohl so gar kein Vergnügen in dieser Zeit. Auch der Lehrer besaß schließlich einen solchen Gehilfen zur Durchsetzung von Disziplin und Fleiß. Hefte in den Hosen der Schüler sollten Schläge abdämpfen, aber das wurde bemerkt, und die Hefte mussten entfernt werden, erinnert sich die Mutter. Dann wurde der Bestrafungsvorgang unerbittlich zu Ende geführt. Im achten Jahr der Schulbildung angekommen, ließ sich nicht mehr jedes Schülerwesen einfach so verprügeln, und es kam zu Schlägereien zwischen den jungen männlichen Wesen der Schulgruppe und dem Lehrerwesen. Wie sie ausgingen, erinnert sich die Mutter nicht mehr.

Man erzählt davon in größerer Gesellschaft mit einem Lachen, bei dem sich die Gesichter ein wenig schmerzhaft verzerren und die Augen manchmal etwas feucht werden. S. versteht, es war nicht lustig, aber man kann nicht anders mitteilen, dass man sehr verletzt wurde. Menschenbild und Erziehung dieser Zeit in Frage zu stellen, so weit geht man nicht. Man äußert auch Verständnis für die Erwachsenen. Da waren ja so viele Kinder, fast jede Familie hatte mindestens vier oder fünf, die gebändigt werden mussten.

Der Onkel war also selten dabei bei diesen Geselligkeiten, er fühlte sich nicht zugehörig. Er saß lieber mit seiner Mutter zusammen, zog aber auch nicht aus, als sie verstarb. Dabei verstand er sich mit S. Vater nicht sonderlich gut, und auch als Kind hatte er sich nicht gerne im Kreise seiner Familie aufgehalten. Nach Schulschluss hatte er lange Zeit täglich eine Nachbarin6 aufgesucht. Diese Nachbarin liebte er sehr und bei ihrer Familie verbrachte er den Tag. Bis sein Mutterwesen ihm dies schließlich nicht mehr erlaubte.

Auch wenn die Eltern vom Leben mit der Betreuung und Erziehung eines bestimmten Erdwesens erwählt wurden, sind sie nicht immer die engsten Seelenverwandten dieses Wesens. Einflüsse ganz anders denkender oder lebender Wesen versucht der Erdbewohner aber in der Regel vom Kind fernzuhalten. Ein Erdwesen leidet sehr, wenn es eine verwandte Seele findet und dann von ihr fernbleiben muss. Die Vorgaben, wer mit wem verkehren darf, sind unter den Erdbewohnern streng und nicht immer sinnvoll geregelt.

Für S. war dieser Onkel jemand, zu dem sie eine stärkere Verbindung fühlte als zu den übrigen Familienmitgliedern. Mit Ausnahme ihrer Oma, seiner Mutter. Die auch früh und unerwartet verstarb als S. 14 war. Nicht, dass sich der Onkel S. sehr zugewandt hätte - aber es war klar, dass auch er viel über das Leben nachdachte und sich existentielle Fragen stellte. Wie jetzt S., nachdem ihr Leben schon sehr früh sehr kompliziert zu werden droht. Sie sich in der Rolle einer Außenseiterin erlebt, die von anderen häufig nicht verstanden wird. Ein Gefühl, das sich dazu auch immer mehr verstärken wird.

Dass der Onkel sich als Außenseiter erlebt haben muss, war S. in ihrer Kindheit nicht bewusst. Damals war es vor allem sein Humor7, den sie so mochte. S. erinnert sich auch, dass der Humor des Onkels mit der Zeit bitterer und schließlich, immer mal wieder, zu Zynismus wird. Wohl auch wegen der ihm zusetzenden Lebens-form als die sich das ihm vorgesetzte Wesen präsentierte, einer sehr ausgeprägten Form des Antreiberwesens8.

Heute könnte man sich vielleicht auch über die ernste Seite des Lebens austauschen. Wenn er noch da wäre. In dieser Gewitternacht jedenfalls ist Gelegenheit, sich zu verabschieden. Es bleibt bei diesem einmaligen Gespräch. Andere, namenlose Wesen allerdings ziehen sich nicht so schnell aus S. Wahrnehmung zurück und werden ihr Schwierigkeiten bereiten. Ihre Sinne verwirren und die Erschöpfungszustände verstärken. Ich muss still im Hintergrund warten, bis S. mich hinzuziehen wird als Ratgeber und Kraftquelle.

Γ Das Außenwesen

Das Heilverlangen, das mich in S. Leben geholt hat, entwickelte sich bei S., nachdem sich eine Freundschaft zu einem Sufi-Meister und seinem Ehewesen entwickelt hatte. Durch dieses ungewöhnliche Paar kommt S. in Verbindung mit spirituellen Schriftwerken. Nicht unbedingt Sufi-Schriftwerken, denn sie steht stärker unter dem Einfluss des Ehewesens, das sich sehr intensiv mit dem Phänomen „Positives Denken“ beschäftigt. S. ist sehr beeindruckt von einigen dieser Werke, z. B. dem einer Lousie Hay, mit dem sehr vielversprechenden Titel: „Wahre Kraft kommt von Innen“.

Zu dem Zeitpunkt, als die Vision der Louise Hay sie erreicht, ist sie bereits sehr unglücklich, obwohl sie, im jungen Alter von 25 Jahren, beruflich so etwas wie einen Zenit erreicht hat. Sie arbeitet in einem Ministerium, das sich Auswärtiges Amt nennt, im Ministerbüro, und das bedeutet, sie ist zuständig dafür, die Reden des Außenministers zu Papier zu bringen. Da S. in der nächsten Zeit viel mit sich beschäftigt sein wird und die Wohnung kaum verlässt, möchte ich die Gelegenheit nutzen, zu schildern, was man sich vorstellen sollte unter einer Tätigkeit in diesem Amt.

Außenminister haben eine sehr hohe Stellung auf diesem Planeten, fast die höchste in einem eingegrenzten Landbereich, der sich Staat nennt. Sie sollen Beziehungen pflegen zu den Nachbarstaaten ihres Zuständigkeitsgebietes, und das ist auch von großer Wichtigkeit. Die Bewohner eines solchen Staates, auch Bevölkerung genannt, fühlen sich eng verbunden mit diesem eingegrenzten Bereich, in dem sie leben. Man könnte sagen, sie stellen so etwas wie eine Interessengemeinschaft dar, und sie verbinden mit der Zugehörigkeit zu einem Staat auch bestimmte Qualitäten. Sie geraten dabei leider auch sehr leicht in Streit mit Bewohnern benachbarter und auch entfernterer Landbereiche. Das ist sehr, sehr ernst, denn sie fügen sich in diesen Streitereien sehr große Verletzungen zu.

Jedes Land bildet Lebenseinheiten speziell dafür aus, in einem anderen Land Verwüstungen anzurichten und die Einwohner auch töten zu können. Die dafür ausgebildeten Wesen werden als Soldaten bezeichnet. Die Außenminister eines jeden solchen Landes behaupten dabei, dass in ihrem Land diese Lebenseinheiten nur für den Zweck der Verteidigung ausgebildet werden, also nicht ohne Grund angreifen dürfen. Trotzdem ist fast jeder Staat direkt oder indirekt in einer Streiterei mit einem oder mehreren anderen verwickelt. Ich glaube sogar, jeder. Waffen sind entwickelt worden mit ungeheurer Zerstörungsmacht, und die Lenker der besonders mächtigen Staaten streiten sich, wer sie haben darf und wer nicht, und ob man sie einem kleinen, aber unberechenbaren Staat wegnehmen darf.

Man sollte nun nicht denken, dass es innerhalb der Interessengemeinschaft Staat keinen Streit gibt. Auch hier wird gestritten, auch schon mal mit todbringenden Folgen. Auch darüber, ob der Außenminister und die anderen Lenker des Staates eine gute Arbeit leisten. Diese Reden, die der Außenminister hält, müssen also sehr gut ausgearbeitet sein, damit sie möglichst viele Wesen von seinen Ansichten und seiner Arbeit insgesamt überzeugen. Es finden Wahlen statt, in denen alle erwachsenen Wesen eines Staates die Regierung, also die Gruppe der Staatslenker, bestätigen oder durch eine andere ersetzen können. So ist dann ein ganzer Stab mit zum Beispiel Terminplanung und dem Verfassen der Reden des Ministerwesens beschäftigt.

S. hatte immer gedacht, ein Minister schreibe seine Reden alle selber. Sie bemerkt, dass sie in dieser Arbeitseinheit ein ziemliches Landei ist und die besonderen Spielregeln dieser abgehobenen Welt nicht wirklich kennt. Auf die Eitelkeiten einzelner hochgestellter Persönlichkeiten muss Rücksicht genommen werden. Man kann ein fremdes Wesen, oder ein bekanntes von hohem Rang, nicht einfach ansprechen, wenn es einem auf dem Flur begegnet. Auch die gleichgestellten Wesen im eigenen Arbeitsbereich bleiben unnahbar. Nur mit ihrem direkten Vorgesetzten ergibt sich der eine oder andere Plausch während der Erstellung einer Rede. Er ermuntert S. auch, selber Ideen beizusteuern. Ein origineller Satz mit politischer Aussage würde sehr weit verbreitet werden von den Medien9.

S. hatte im Unterricht ihrer Muttersprache, die deutsch ist, immer gerne geschrieben und formuliert, doch zu den Reden des Ministers fällt ihr absolut nichts ein. Auch nicht, als ihr ein Operettenführer10 in die Hand gegeben wird, in dem sie in der Welt der musikalischen Kultur nach blumigen, originellen, aber auch politisch zu verstehenden Sätzen suchen soll. S. findet keinen, ihre Kreativität ist komplett blockiert, aber das vorgesetzte Wesen wird schließlich wieder etwas Brauchbares zu Papier gebracht haben.

Ist das Ministerwesen unter Zeitdruck, liest es die von seinem Stab vorbereitete Rede folgsam vom Blatt ab. Seine Arbeitsgruppe ist dann sehr zufrieden und sagt: „Heute hat der Herr Minister sehr gut gesprochen“. Manchmal entscheidet sich das Ministerwesen mit der Namenskennung Kinkel aber auch, ganz unvermittelt ein paar persönliche Einschätzungen an seine Zuhörer zu richten. Sein Stab ist sich dann einig: „Das war heute nichts. Er hätte sich besser an die Vorlage gehalten“. S. hat manchmal den Eindruck, dass der Herr Minister seinen Stab ein wenig fürchtet. Vielleicht aber auch nur, weil sie diese Wesen ein wenig fürchtet. Er selber scheint ein recht nettes Wesen zu sein. „Natürlich ist er nett“, erklären die Mitarbeiter, „er will ja gewählt werden“.

Wenn das Ministerwesen so mit seinem Gefolge anderer wichtiger Wesen und den mit seinem Schutz beauftragten Wesen, den Leibwächtern, durch die Gänge rauscht, tut er S. ein bisschen leid. Er macht auf sie den Eindruck eines umzingelten Gefangenen, den man von einer Pflichtveranstaltung zur nächsten hetzt. Die Gruppe energisch voranschreitender Wesen um ihn herum hat ihn sicher eingekesselt, sodass er nicht einfach den Schritt verlangsamen, abdrehen und nach Hause gehen könnte. Sie bedauert, dass es keine Gelegenheit gibt, das Ministerwesen mal persönlich zu sprechen, denn so ein Satz wie: „Der Herr Minister sagte letztens übrigens zu mir...“ würde sicherlich viel Eindruck machen bei Familie und Freunden.

Auch S. ist nicht frei von Eitelkeit und erwähnt ihre Tätigkeit in diesem Ministerium sehr gerne. Außer ihrer Mutter ist allerdings niemand wirklich daran interessiert zu hören, mit welchen großen Namen der politischen Welt S. schon zusammengetroffen ist, bei welchem internationalen Treffen sie in die Vorbereitung miteinbezogen war. Aber glücklich ist sie nicht an diesem Arbeitsplatz, wo alles laufen muss wie ein Uhrwerk und niemand an ihr als menschliches Wesen sonderlich interessiert scheint. Es geht um Perfektion, es ist keine Zeit zu verlieren mit unnötigem Geschwätz über so dies und das.

Die Erdbewohner sind, auch wenn sie nicht in einem Ministerium arbeiten, sondern vielleicht in einer eher kleinen Produktions- oder Verkaufsstätte, sehr gefordert, immer wieder zu belegen, dass ihre Arbeit gut und sinnvoll ist. Es gibt für fast jeden Posten einen oder mehrere andere, die ihn gerne übernehmen würden. Dabei auf einen Fehler der Lebenseinheit hoffen, die gerade eine herausgestellte Position innehat. Auch die dem herausgestellten Wesen untergeordneten, zuarbeitenden Wesen machen es sich häufig gegenseitig damit schwer, dem übergeordneten Wesen unbedingt besonders gut auffallen zu wollen. Wofür auch schon mal ein gleichgeordnetes Wesen in ein schlechtes Licht gestellt wird. Das übergeordnete Wesen erhält in der Regel mehr Geldmittel und darf bzw. muss mehr entscheiden.

Sich um die herausgestellten Positionen zu streiten, wird in dem Staat, in dem S. lebt, für normal und richtig gehalten, denn so, meint man, würden sich die Besten herauskristallisieren. Die man eben daran erkennen soll, dass sie ihre Position verteidigen können. Tatsächlich unterbleiben aber viele wichtige und gute Tätigkeiten, weil sie nicht wesentlich scheinen für die Demonstration von Stärke und Kompetenz. Ein Auge auf das Wohl des Nächsten und seine Bedürfnisse zu haben, ist so eine Qualität, deren Bedeutung im Auswahlkampf häufig übersehen wird.

So geschieht es dann auch nicht selten, dass ein Wesen in einer persönlichen Notsituation seinen Arbeitsbereich verlassen muss, um die Effektivität nicht zu bremsen. Es wird dann meistens auch nicht mehr nach ihm gefragt. Die sich noch als einwandfrei funktionierend erlebenden Wesen möchten sich nicht mit der Möglichkeit eines eigenen Scheiterns befassen. Sie finden Gründe in der Persönlichkeit des Verschwundenen, die ihm oder sie als besonders schwieriges Wesen erklären.

So hart und rau geht es hier also zu. S. wird damit noch so ihre Erfahrungen machen. Entsorgt werden soll sie nicht auf ihrem Posten im Ministerium, aber sie spürt schon bald eine große Unzufriedenheit und ein Unwohlsein unter den Wesen, die ihre Kollegen sind, eine Unerfülltheit, die auch mit ihrer Familie nicht besprochen werden kann.

Δ Außenwelten

S. hatte nicht sofort im Büro des Ministers angefangen, sondern war erst einer anderen Einheit innerhalb der Politischen Abteilung zugeordnet worden. Dort traf sie auf ein älteres vorgesetztes Wesen, das sich in ihren Augen als ein Vorbild für gute Umgangsformen und wertschätzendem Verhalten präsentierte. Vielleicht war dieses Wesen dabei von seiner Liebe zu Asien geprägt worden, wo sich die dort lebenden Wesen mit höflicher Zurückhaltung zu begegnen pflegen.

Diese Lebenseinheit hatte besonders gerne an einer Vertretung seines Landes mit der Kennung Peking gearbeitet, die die Zentralstadt des Staates China ist. Ein Staat mit einer enormen Größe und einer enormen Produktivität, wie S. Heimatstaat sie selber vor einigen Jahrzehnten zu erreichen versuchte. Wofür man damals bereit gewesen war, Werte wie Friedfertigkeit und Toleranz vollständig zu opfern. Und jetzt beunruhigt vermutet, dass es sich mit diesem chinesischen Riesenreich vielleicht auch so verhalten könnte.

S. Vorgesetzter hatte sich jedenfalls dort sehr wohlgefühlt. S. erlebt ihn auch als ein bisschen undurchschaubar, wie es einem Angehörigen ihrer Kultur oft bei der Begegnung mit einem asiatischen Wesen ergeht. Dem man nicht so leicht anmerkt, ob es ihm gerade gut oder schlecht geht. Mit ihrem väterlichen Vorgesetzten und Freund trifft sie sich auch jetzt noch gelegentlich zur gemeinsamen Einnahme eines Kaffeegetränkes11. Diese Treffen sorgen für einiges Gerede in ihrer jetzigen Arbeitsgruppe, was ihn nicht stört. Er hält S. von den tatsächlich schädigenden Lebenseinheiten fern, wie S. später einmal erkennt.

Viel erzählt dieses Wesen also nicht von sich, hört S. aber gerne zu, wenn sie ihm ihre neuen Pläne für die Zukunft mitteilt. Sein Einfluss hatte dazu geführt, dass S. sich fast ausschließlich für eine Versetzung auf Posten in asiatischen Ländern beworben hatte. Vielleicht dachte er sich, dort geht es sicher gesitteter zu, als z. B. in Südamerika, wo ein junges Wesen aus Europa wohl schon bald von heißblütigen Latinos oder Latinas mit großen Verführungskünsten umschwärmt werden dürfte. Weshalb viele der eher kühlen und reservierten Dienstwesen genau dorthin möchten, und gerade die weiblichen Wesen dem Dienstherrn schon mal verloren gehen. Für S. besteht diese Option aber nicht, denn ihre Kenntnisse der spanischen Sprache sind zu gering, Portugiesisch-Kenntnisse nicht vorhanden.

Man hat sich auf diesem Planeten noch nicht auf eine gemeinsame Sprache einigen können. Das Recht auf eine eigene Sprache ist von Bevölkerungsgruppen, die unter die Vorherrschaft eines anderen Volkes gerieten, immer heftig verteidigt worden. Die eigene Sprache hat sehr viel mit der eigenen Identität zu tun, und kann deshalb nicht einfach so aufgegeben werden. S. hat bereits einen Auslandseinsatz hinter sich, bei dem sie für einige Monate ein erkranktes Dienstwesen an der Botschaft eines kleinen Staates vertreten hat, der sich gerade aus einer großen Staatengemeinschaft, genannt Sowjetunion, herausgelöst hatte.

Im Bestreben, eine Welt der Gleichheit und Brüderlichkeit zu schaffen, hatte eine starke östliche Macht, der Staat Russland, sich mit vielen weiteren Landteilen im vorwiegend östlichen Teil des Planeten zusammengeschlossen. Der Zusammenhalt unter diesen sehr verschiedenen Ländern sollte dadurch gestärkt werden, dass eine gemeinsame Sprache, die russische, wichtigste Sprache in jedem dieser Staaten wird.

In jedem dieser Staaten gab und gibt es Befürworter dieses Plans, aber auch erbitterte Widerständler. Wesen, die die eigenen Wertvorstellungen als sehr verschieden von denen der russischen Brudermacht einschätzen und eine andere Form eines wirtschaftlichen und politischen Zusammenlebens anstreben, als die von der Großmacht vorgegebene. Und eben auch ihre Sprache als Erstsprache beibehalten wollen.

Auf diesem Planeten sind fortwährend einige Staaten im Begriff, sich zu größerer Gemeinschaft zusammenzuschließen, während andere Zusammenschlüsse sich wieder auflösen. Immer gibt es in den Staaten Wesen, die die vereinigende oder aber auflösende Entwicklung begrüßen oder ablehnen. Zwischen den Bewohnern größerer und kleinerer Landbereiche, wie auch innerhalb eingegrenzter Landbereiche, in denen man sich über Abspaltung oder Zustoßen zu Staaten oder Staatenverbänden nicht einig ist, kann es zu Hassgefühlen kommen, bis hin zu Vernichtungswünschen.

Die gespaltenen Bevölkerungsgruppen richten Hilfswünsche an verschiedene Großmächte, die Einmischung einer Großmacht stachelt schnell eine andere auf, dabei kann der Konflikt sich dann immer mehr ausweiten und zu großer Verwüstung und der Tötung vieler größtenteils noch junger Lebenseinheiten führen. Werden lange keine friedbringenden Kompromisse gefunden, verschlechtert sich dabei auch die Versorgungslage der Bevölkerung immer mehr.

Als S. vom Flughafen12 der Zentralstadt ihres Einsatzgebietes abgeholt wird, sieht sie viele Wesen in den Straßen, obwohl es eine kalte Winternacht ist. Der Fahrer, der sie am Flughafen in Empfang genommen hat, erklärt ihr, diese Wesen stehen an für Brot. Nur wer sehr früh bei Ladenöffnung erscheint, hat Aussicht auf den Erwerb von Nahrung für den Tag. Auch auf Beheizung und warmes Wasser müssen viele Bewohner dieses Staates zu dieser kalten Jahreszeit verzichten. Derart schwierige Lebensbedingungen hat S., die noch nicht viel gereist ist, so noch nicht beobachten und sich auch nicht vorstellen können.

Raub und Gewalt haben in der Folge in diesem Staat sehr zugenommen, die Restaurants haben allesamt geschlossen, da bewaffnete Überfälle immer mehr zunahmen. Sodass von der einstigen Lebe- und Feierfreudigkeit der Bevölkerung nicht mehr viel zu spüren ist. Es fast überhaupt keine Freizeitangebote mehr gibt. Musikalische und literarische Darbietungen allerdings lässt man sich nicht nehmen, besucht sie weiter, und lädt hierzu auch die Botschaftsangehörigen ein. Die Bevölkerung ist gebildet und kulturell sehr interessiert. Dennoch haben die inneren Konflikte des Staates einen Großteil der dort lebenden Wesen in Verarmung geraten lassen und ihnen einen beschwerlichen Alltag beschert.