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Ein Roman über Aufstieg und Fall in Zeiten von Social Media: Die 23-jährige Colleen hat einen öden Job an einem Marktforschungsinstitut in Tucson, Arizona. Sie schlafwandelt fast durch ein Leben zwischen stumpfem Arbeitsalltag, ermüdenden One-Night-Stands und ihrer nie fertig eingerichteten Wohnung in einem gesichtslosen Apartmentblock in der Peripherie. Einen kurzzeitigen Kick findet Colleen darin, Geld für Sex zu nehmen – doch wirklich lebendig wird sie nur, wenn sie online ist: Im Netz kann sie sich neu erfinden, berauscht von ihrem eigenen, an Klickzahlen nachzuverfolgenden Marktwert. Colleen wird zum Internet-Star, als sie von Jim entdeckt wird, einer semiprominenten Social-Media-Ikone von geheimnisvoller Männlichkeit. Sie verliebt sich in ihn und zieht nach Los Angeles. Die beiden treten nun, mit großer Sorgfalt inszeniert, als das It-Paar auf: Gefeiert von ihren Fans hoppen sie von einer gesponserten Party zur nächsten und verdienen als professionelle Narzissten groß am Hype um ihr Image. Aber dann taucht Lucinda auf, die ihre Online-Persona genauso stetig neu erfindet wie Colleen – nur immer ein kleines bisschen besser … "Der Roman spiegelt und demontiert die klassische weibliche Coming-of-age-Erzählung." Chris Kraus, Autorin von "I Love Dick" "Erzählt in einem extrem nüchternen, reduktionistischen Stil, vermeidet ›Erhebungen‹ direkte Beschreibungen der virtuellen Welt und konzentriert sich stattdessen auf die anonymen Hotelzimmer und Schwarzlicht-Nachtclubs, die als deren Hintergrundkulisse dienen. Vor dieser faden Kulisse heben sich die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie in beängstigender Schärfe ab." New York Times
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2018
NATASHA STAGG
ROMAN
AUS DEM US-AMERIKANISCHEN ENGLISCHÜBERSETZT VON GEORG FELIX HARSCH
Die Originalausgabedes vorliegenden Bucheserschien unter dem TitelSurveys bei Semiotext(e),South Pasadena,Kalifornien 2016
Edition Nautilus GmbHSchützenstraße 49 aD - 22761 Hamburgwww.edition-nautilus.deAlle Rechte vorbehalten© Edition Nautilus GmbH 2018Deutsche ErstausgabeSeptember 2018Umschlaggestaltung:Maja Bechert, Hamburgwww.majabechert.deePub ISBN 978-3-96054-082-3
JEWELIA
KATARINA
BRYAN
BILL
RUBY
FRANK
MATT
DAD
JAVIER
GEORGE
OFFICER CHALMERS
MR DOWNWARD
JERRY
JIM
ROSALINDA
TRISH
WARREN BEATTY
KIRA
DETROIT
CHICAGO
NASHVILLE
CINCINNATI
MINNEAPOLIS
ST. PAUL
DENVER
AUSTIN
MARFA
SANTA FE
MOM
LOS ANGELES
AMY
KEVIN
HOLLY
KEATON
AMANDA
SEAN
NATALIE
NICK
STARS
Manchmal musste ich das Büro aufmachen, wenn die Mall schon geöffnet war. Dann saß ich hinter dem Eingang und sah, wie sich eine kleine Menschentraube davor bildete. Manchmal waren es Eltern mit ihren Kindern, ohne Essen von den Ständen in der Hand, und ohne Tüten oder Schuhkartons voller Einkäufe. Die Teenager, die vorbeikamen und verächtlich schnaubten, sahen aus wie Galionsfiguren, Nixen, an denen glitzernde Seepocken klebten: Diese neonfarbenen Handyhüllen und der Schnickschnack von Claire’s, ihre festen Zahnspangen und ihre Piercings. Für mich sahen sie unerreichbar aus, obwohl ich nur ein paar Jahre älter war. Sie gehörten zum Einkaufszentrum, und ich gehörte eigentlich in die Innenstadt, wo sie wiederum fremd gewirkt hätten. Aber jetzt war ich im Einkaufszentrum, in meinem Käfig, und ihre ganzen Dekorationen kamen von den Ständen und Läden hier, und ich wollte dann plötzlich immer dringend etwas Glitzerndes an meinem Körper haben, mindestens mal die Nägel gemacht kriegen.
Manchmal war ich auch noch high, oder kam langsam runter, oder war verkatert. Dann vermischte sich meine Paranoia mit dieser langsam wachsenden Menschentraube und den vorbeiziehenden Nixen, und ich war zufrieden hinter der Absperrung und tat so, als müsste ich noch wichtige Unterlagen ausdrucken, bevor ich das Gitter hochmachte. Ich spürte, wie mich die glücklosen Familien hungrig anstarrten und stellte mir dann vor, ich wäre Lehrerin und müsste eine ganze Klasse aufgegeilter Typen unterrichten. So musste es sich anfühlen, prominent zu sein, dachte ich dann. Die Familien lernten einander langsam besser kennen und erzählten sich, woher sie von dieser tollen Verdienstmöglichkeit wussten, wo man nach nur einer Stunde oder sogar nach ein paar Minuten schon einen Scheck in die Hand gedrückt bekam. Ihre Babys wuchsen damit auf, dass man häufiger ins Einkaufszentrum ging, ohne etwas zu kaufen, als um dort zu shoppen. Ich fragte mich, ob sie dadurch zu Nixen werden oder ob sie die Mall irgendwann hassen würden. Dann machte ich alle Lichter an, und was dann kam, war fast wie ein Jubelschrei, dieses Quietschen, wenn man das Gitter hochschob. Und genau in dem Moment fühlte ich fast so etwas wie Glück, direkt bevor ich dann wieder merkte, wie sehr ich mich dafür schämte, die Unterschiede zwischen uns so zu betonen, und sie dann für ihren Termin mit mir hereinströmten.
Ich kann nicht sagen, ob ich nicht lieber schon prominent geboren worden wäre, als Kind eines Promis, weil mir dann der riesige Schritt von einem Status zum anderen gar nicht bewusst gewesen wäre. Eines Tages war ich fast berühmt, und war am Tag davor noch völlig unbekannt gewesen. Deshalb war auch die Versuchung zu groß gewesen, alles darauf zu setzen und meine Vergangenheit zu verleugnen. Als ich dann wirklich berühmt war, konnte ich gar nicht mehr genau sagen, wann das so geworden war. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich das im Internet schon nachvollziehen, aber es war sehr schnell gegangen. Andererseits aber auch nicht schneller als andere solcher Aufstiege. Das ist ein Missverständnis. Elvis wurde ja auch quasi über Nacht berühmt. Aber im Internet konnte man meine Berühmtheit deutlich sehen, und deshalb mussten auch alle anderen meinen Status anerkennen. Wenn ich schon prominent zur Welt gekommen wäre, dann hätte ich diesen Ruhm genau in dem Moment gesehen, in dem ich zum ersten Mal etwas in den sozialen Medien gepostet hätte. Ich hätte keinen Aufstieg zum Ruhm gesehen. So aber habe ich zuerst die niedrigen Zahlen angezeigt bekommen, und später dann die hohen.
Wenn man die Leute fragt, ob sie an einer Erhebung teilnehmen wollen, sagen sie immer, dass sie keine Zeit haben. Niemand hat Zeit für Erhebungen. Andererseits hat ja niemand von ihnen die Zeit, die Dinge zu tun, die sie im Einkaufszentrum oder an den meisten anderen Orten so machen. Zeit ist da relativ. Sagen wir, jemand ruft mich an, um mit mir was trinken zu gehen. Ich habe keine Zeit, aber vielleicht später. Wenn ich zu Hause bin, fallen mir all die Sachen ein, die ich draußen noch so zu erledigen habe. Vielleicht kann ich ja meine Wäsche in den Waschsalon bringen und ein Bier trinken, bis sie fertig ist. Oder ich gehe ein Bier trinken und mache dann die Wäsche. Könnte sein, dass ich dafür Zeit habe, schließlich ist es noch früh. Mit »früh« meine ich relativ früh. Wenn ich aber mit meiner Dreckwäsche im Kofferraum ohne Bargeld nach Süden fahre, aber meine Bank im Norden ist, und alle anderen Geldautomaten zwei Dollar zusätzliche Gebühren kosten würden, dann muss ich zuerst überlegen, ob ich Zeit habe, zur Bank zu fahren. Ich hab keine Zeit, um zur Bank zu fahren, aber ich muss zur Bank fahren, um die Sachen machen zu können, für die ich Zeit habe.
Offiziell wurden wir angehalten, das Büro ein »Marktforschungsinstitut« zu nennen, aber ich nannte es »Umfragezentrum«, damit die Leute verstanden, was ich da machte. Das Büro füllte sich langsam mit Teilnehmern, die darauf warteten, dass die Fragebögen ausgedruckt wurden, und Jewelia, unsere Chefin, saß an ihrem Platz in der Kabine und murmelte irgendwas über ihre neuen E-Mails. Alles musste perfekt sein: Wie die Fragen auf dem Vorfragebogen standen und in welcher Reihenfolge sie beantwortet wurden. Das wiederum bestimmte die Reihenfolge, in der die Leute abgelehnt oder angenommen wurden. Wenn auf diesen Ausdrucken Seitenzahlen und irgendwelche scheinbar willkürlichen schwarzen Balken waren, hieß das, dass sie in Ordnung waren. Mit perfekter Körperhaltung schob Bryan dann ein paar dieser Bögen auf ein Klemmbrett, und Jewelia verkündete: »Die Zentrale ist genervt, und es ist noch nicht mal zehn Uhr.« Das sollte heißen, dass wir effizienter arbeiten sollten. Darunter verstand zwar jeder etwas anderes, aber die Zentrale interessierte nur die Zahlen.
Die erste Frau, die für die Umfrage zugelassen wurde, beantwortete gleich die erste Frage falsch: »Wie hoch ist Ihr Jahreseinkommen? Unter 20.000 $, 20.001–35.000 $ …«
»Ersteres, ha!«, sagte sie, lächelte zu ihrer Freundin, Cousine oder Schwester rüber und guckte dann ihr Kind streng an.
»Okay«, unterbrach Bryan sie, ohne eine Miene zu verziehen. In all den Monaten, die ich damals schon dort arbeitete, hatte ich ihn noch nie anders als nachdenklich gucken sehen. »Hier müssen Sie ›40.001–55.000$‹ antworten. Außerdem sind Sie die Hauptverantwortliche für den Einkauf in ihrem Haushalt.«
»Das bin ich auch, stimmt«, sagte die Frau, ebenfalls überraschend ruhig. Die Zahlen klangen wie ausgedacht. Für sie waren sie so weit weg, dass es schon wieder leichter fiel, sie anzunehmen. Manchmal wussten die Teilnehmer genau, was sie zu tun hatten, und manchmal widersprachen sie. Ich ging davon aus, dass das auch andere Gewohnheiten verriet. Vielleicht hatte diese Frau schon bei Bewerbungsschreiben für Jobs oder Studienplätze gelogen, bei Preisausschreiben oder bei der Steuererklärung und bei anderen Vorfragebögen in Marktforschungsbüros in anderen Einkaufszentren in Tucson oder in irgendeinem Ort in der Umgebung, aus dem sie kam. Danach machte sie falsche Angaben darüber, wo sie wohnte und wie viele Personen in ihrem Haushalt lebten, und darüber, wann sie zuletzt an einer ähnlichen Umfrage teilgenommen hatte. »Vor einem Jahr«, sagte Bryan, und die Frau schaute wieder zu ihrer Begleiterin und grinste. »Wir machen quasi jeden Tag eine«, kommentierte die andere Frau. »Von dem Laden hier haben wir aber eben erst erfahren. Wir kommen jetzt öfter hierher.« Das widersprach natürlich der Regel, die Bryan eben erwähnt hatte, und die er nun noch einmal wiederholte: »Teilnehmer, die in den letzten zwölf Monaten an einer Umfrage dieser Art teilgenommen haben, werden nicht zugelassen.«
»Naja, da ging’s nicht um Parfüm«, sagte die erste Frau. »Wir haben schon seit, hm, weiß nicht, zwei Jahren nichts mehr über Parfüm gemacht.«
Ich saß hinter der Absperrung und tat so, als würde ich in einen schwarzen Computer tippen. Hätte ich Bryan nicht gekannt, hätte ich gedacht, er wäre neidisch auf meinen Job, weil er den Bügel seines Klappbretts immer so ungeduldig zuschnappen ließ. Er hat mir aber irgendwann erzählt, er wollte auf keinen Fall stellvertretender Abteilungsleiter werden, weil er dann keine Provision mehr bekäme. Er lehnte sich über das Podium und gab mir den angekreuzten und unterschriebenen Vorfragebogen. Ich tat so, als würde ich einen Satz zu Ende tippen und blätterte ein paar Seiten in einem Buch um. »Katarina«, sagte ich dann laut, »kommen Sie bitte mit.«
Bryan erzählte mir, dass er sein Facebook-Profil gelöscht hatte und mit der Entscheidung sehr zufrieden war. Ich dachte darüber nach, meins auch zu löschen. Seine Begründung hatte Hand und Fuß: Alles, was auf der Welt existiert, auch das Geistige, ist auf so viele verschiedene Arten miteinander verbunden, dass es unser Verständnis bei weitem übersteigt. Es gibt also Fäden, die alle lebenden Wesen miteinander verbinden, aber sie verbinden auch Szenarien, Ereignisse und Gewohnheiten, alles, was man je getan, gesehen oder gedacht hat. Und diese Verbindungen übersteigen einfach unser Fassungsvermögen. Deshalb bleiben sie meistens unsichtbar. Der Versuch, diese Unsichtbarkeit durch ein Online-Netzwerk aufzuheben, gaukelt uns vor, die Verbindungen besser zu verstehen. Wie falsch dieses Verständnis ist, zeigt sich immer dann, wenn jemand versucht, seine oder ihre Beziehung zu jemandem zu beschreiben, und dabei ein langer, genau durchdachter Satz herauskommt, den man mit dem Wort »Facebook« zusammenfassen könnte.
Das fand ich einleuchtend, löschte aber trotzdem mein Profil nicht.
Katarina rutschte auf einem Stuhl hin und her, der neben dem Schreibtisch in Raum 1 stand, als wäre es eine Arztpraxis. Nach den Richtlinien der Zentrale sollte das Öffnen der Dateien fünf bis zehn Sekunden und die Befragung selbst fünf Minuten dauern. Das war auch der Grund, warum sie davon ausgingen, dass ich vor dem Bildschirm sitzen und die Fragen eine nach der anderen vorlesen würde. Wäre das mein Job gewesen, hätte ich noch am ersten Tag gekündigt. Stattdessen machte ich das Ding auf und füllte die ersten paar Fragen aus dem Vorfragebogen selbst aus, weil da ja die Lügen reinmussten, die Bryan Katarina eingesagt hatte. Dann bat ich sie, sich auf meinen Stuhl zu setzen und die restlichen Fragen zu beantworten. Ein Bild von Britney Spears füllte den weißen Bildschirm aus. Darauf saß sie auf einem rosa Stuhl und winkelte ihre Füße so an, dass ihre großen Zehen aufeinander zeigten. Sie sah betrunken aus.
Ich hatte mich bei Victoria’s Secret, Hot Topic, Charlotte Russe, Sweet Factory, The Gap, Banana Republic, GUESS, Express, The Limited, J. Crew, United Colors of Benetton und bei allen Kaufhäusern beworben. Die einzigen, von denen ich etwas gehört hatte, bevor mich dieser Laden hier anrief, waren Forever 21, die vielleicht gerade mal fünfzig Mitarbeiter hatten. Aber wenn das ginge, dass ich einen Tag lang in jedem dieser Läden arbeiten würde, dann wäre ich von unschätzbarem Wert für die Marktforschung. Ich könnte in einem Laden arbeiten, in dem die Leute ihre Kreditkarten voll ausreizten. Ich würde sie sofort erkennen, die Frauen, die vor dem Kauf nie etwas anprobieren, die, die immer alles zurückbringen, die, die immer fragen, ob etwas gut aussieht und die, die immer zu kleine Sachen anprobierten. Ich würde es auch bemerken, wenn Leute kurz ein Werbeplakat anguckten, bevor sie sich dann ein Paar Jeans aussuchten.
»Das gefällt mir«, sagte Katarina über das Britney-Motiv. Meine Augenlider wurden schwer. Ich beantwortete auch gerne Fragen. Es machte mir Spaß, die Fragen für das Profil von Online-Singlebörsen zu beantworten. Im BWL-Grundstudium wurde uns beigebracht, dass ein Wirtschaftssystem aus Angebot und Nachfrage bestand und dass Marktforschung ein zentrales Instrument zur Bestimmung der Nachfrage war. Als ich mich hier bewarb, hatte ich gerade meinen Bachelor gemacht und dachte, ich könnte jeden Job kriegen. Dabei wusste ich gar nicht, was das heißen sollte. Was für einen Job denn? Jeden eben. Marktforschung ist keine einfache Sache, und sie ist auch keine exakte Wissenschaft. Selbst wenn alles wie geplant läuft, finden die Befragungen ja nie im luftleeren Raum statt. Welcher Mensch ist schon so intelligent, dass er einem Computer sagen könnte, wie er in der Zukunft einkaufen wird? Ich jedenfalls nicht, und auch die Leute, denen diese Fragen gestellt werden, nicht. Sie sind ja sowieso nur hier, weil sie nicht genug Geld haben, die Dinge zu kaufen, zu denen sie hier befragt werden.
Ich setzte mich wieder an meinen Schreibtisch und holte einen Stapel zerknülltes Papier aus einem Metallkorb. Wenn ich gerade keine Befragung durchführte, gehörte es auch zu meinen Aufgaben, die E-Mail-Adressen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer in eine Datenbank einzugeben, damit die Leitung sie über weitere Befragungen informieren konnte. Das verstieß auch gegen die Regel, dass man nur an einer »Umfrage dieser Art« teilnehmen durfte, aber das fiel nicht auf, weil in den E-Mails immer zuerst eine Online-Umfrage beworben wurde (die ja keine »Umfrage dieser Art« war). Erst danach folgte der Hinweis auf eine zweite, bezahlte Umfrage, bei der man persönlich befragt wurde. Bei vielen der handgeschriebenen E-Mail-Adressen purzelten Groß- und Kleinbuchstaben durcheinander, und anstatt des @ war da oft eine hektisch gekritzelte Spirale.
Eigentlich wollen alle Menschen gebildet sein oder haben zumindest den Wunsch, so zu wirken. Und meistens schlägt der zweite Wunsch den ersten. Das Entscheidende ist aber immer die Erfahrung, davon kann man nie genug haben. Oder vielleicht doch. Ich wusste damals schon, dass große Promi-Partys gar nicht so toll waren, obwohl ich noch nie auf einer gewesen war. Und ich wusste auch, dass alles Wissen der Welt keinen Eindruck auf jemanden machen würde, der merkt, dass man schlechter aussieht als noch vor kurzem.
Katarinas Befragung wurde ABGELEHNT, weil sie angegeben hatte, dass sie keine Produkte kaufen würde, die Britney Spears’ Namen trugen. Ich öffnete eine neue Umfrage-Datei und sagte ihr, dass sie alle Fragen noch einmal beantworten musste.
»Ich weiß nicht, ob ich noch Zeit dafür habe«, sagte sie und schaute auf den Teppichboden.
»Ihre Freundin sitzt doch noch im Wartebereich, Sie müssen doch sowieso auf sie warten, oder?«, fragte ich sie.
»Ja, aber vielleicht ist sie ja schneller. Wie viel Geld gibt es dafür?«
»Zwei Dollar jetzt, und wieder zwei, wenn Sie angerufen werden und nochmal hier herkommen«, sagte ich. Damit nahm das Gespräch eine neue Wendung, die mir schon gut bekannt war. Jetzt ging es um die Anrufe.
»Sag ihr, sie kann die vier Dollar auch jetzt gleich haben, wenn sie verspricht, die Schecks erst später einzulösen«, rief Jewelia aus ihrer Kabine herüber.
»Aber sag ihr auch, dass sie den Leuten, die sie dann anrufen, sagen soll, dass sie einen Scheck jetzt schon gekriegt hat und den anderen später.«
Bryan kam mit Katarinas Freundin und dem Kleinkind an uns vorbei und brachte sie in ein anderes Büro.
»Sie hat einen Werbespot gekriegt«, sagte Katarina, die gehört hatte, wie der Computer ein »neues interaktives Erlebnis« versprochen hatte. »Ich will auch zum Spot befragt werden. Cynthia könnte ja das machen, was ich gerade mache. Wie viel bekommt man denn für den Werbespot?«
»Sind Sie sicher, dass Sie dafür Zeit haben?«, fragte ich. An ihrem Schreibtisch konnte ich Jewelia kichern hören.
Der Computer fragte, welches Bild von Britney Spears der Teilnehmerin besser gefiel, und Katarina entschied sich für das Foto, in dem sie sich über ein Sofa beugte. »Auf dem sieht sie gut aus«, sagte Katarina. »Sie sieht eigentlich immer gut aus, oder? Aber wissen Sie, wen ich wirklich super finde? Diese Schauspielerin mit den hübschen Augen. Die Blonde.«
»Ich weiß nicht, wen Sie meinen«, sagte ich, obwohl ich es wahrscheinlich doch wusste.
Bis zur Mittagspause waren wir fast durch mit der Britney-Spears-Befragung, aber wir brauchten noch 22 spanischsprachige Teilnehmer für den Red-Lobster-Spot. Ich hatte eine Packung mit runden gläsernen Parfümflaschen ausgepackt. Jede Flasche war mit einer dreistelligen Zahl versehen. Jewelia mochte 201 am liebsten. Sie sagte, es roch wie »Pear von Victoria’s Secret, damals, als wir noch auf der Highschool waren«. Mir gefiel 398 am besten, das war etwas maskuliner. »Ist das Moschus? Ich hab mich immer gefragt, wer eigentlich solche Parfüms mag«, sagte Jewelia. »Du warst damals bestimmt so eine, die auf Freesia von Victoria’s Secret stand.«
Ich sprühte mir etwas aus der Parfümprobe auf die Handgelenke und den Hals, bevor ich mit Bryan zu den Essensständen ging. Normalerweise konnten wir nie gleichzeitig Pause machen, aber nun waren die anderen Mitarbeiter da, und Jewelia wollte gerne, dass Frank, der gerade gekommen war, seine Aufträge abarbeiten konnte.
Gleich bei unserem Büro wurde gerade eine Swarowski-Crystal-Filiale eröffnet, und ein riesiges Plakat mit Schweinen, Schwänen und Fröschen aus Kristallglassteinen hing auf der Erhöhung in der Ecke des Schaufensters. Das Fotostudio warb für »Image-Bilder« im Handy-Format. Das waren die Fotos, bei denen man vor einem Air-brush-Bild von einem Auto, Geldscheinen oder Theatermasken stand. Überall, auch im Old-Navy-Laden neben uns, war es ziemlich tot. Schweigend gingen wir an dem überteuerten Crêpes-Laden vorbei, der noch vor einem Monat ein überteuerter Frozen-Yoghurt-Laden gewesen war, und am Saftkettenladen.
»Subway?«, fragte ich.
»Widerlich!«, sagte Bryan.
»Was denn?«
»Du gehst also jeden Tag zu Mittag zu Subway und gönnst dir ein 30-cm-Sandwich auf der Schlemmermeile? Das wollte ich eigentlich gar nicht wissen.«
»Nicht jeden Tag.«
»Na hoffentlich jedenfalls nicht an deinen freien Tagen.«
»Wo gehst du denn hin? Zu Charlie’s?« Ich schaute zu Charlie’s Imbiss rüber und sah, wie eine Jugendliche Probierstückchen eines Schinken-Käse-Panino verteilte.
»Ich krieg da mittlerweile sogar manchmal Rabatt.«
»Dann sollten wir natürlich unbedingt hingehen.«
»Ich will keinen Stress machen. Die Lage ist ein bisschen schwierig. Siehst du die Frau, die da arbeitet? Ach, vergiss es.«
Wir landeten schließlich bei Subway. Während wir in der Schlange standen, fragte mich Bryan die ganze Zeit darüber aus, was denn meiner Meinung nach ein perfektes Sandwich wäre. Ich erklärte ihm, dass sie für meinen Geschmack nie genug Oliven drauftaten, auch nicht, wenn ich sie um mehr Oliven bat.
Die junge Frau mit den blauen Haaren fragte mich, was ich denn für ein Brot wolle, und ich antwortete ihr das, was ich ihr immer antwortete. Dabei konnte ich in ihren dunkelbraunen Augen keinerlei Anzeichen dafür sehen, dass sie mich wiedererkannte. Als wir beim Salat angekommen waren, unterbrach uns Bryan: »Gina? So heißt du doch, oder?« Das stand jedenfalls auf ihrem Namensschild, direkt über ihrer Berufsbezeichnung: Sandwich Artist. »Hör mal, Gina, das hier ist eine Stammkundin von dir. Guck ihr ins Gesicht, präg es dir ein.«
»Was soll das werden?«, fragte ich.
»Ich weiß, dass sie Oliven auf ihrem Sandwich haben will. Tu bitte Oliven drauf.« Gina tat Oliven auf mein Sandwich. »Und jetzt noch mehr, noch nicht aufhören. Noch mehr.«
»Es gibt da aber eine Regelung …«, sagte Gina ohne aufzuschauen.
»Ah, entschuldige, Gina. Ich dachte, bei Subway ging es um Essen mit Spaß.«
»Das war bei McDonald’s«, sagte ich. Ich sah Gina an und hoffte, sie würde lachen.
Ich hätte es an diesem Tag um ein Haar nicht rechtzeitig zur Arbeit geschafft, weil ich im Suff vergessen hatte, den Wecker zu stellen. Desorientiert war ich aus einem filmartigen Traum aufgewacht und hatte sofort Panik bekommen, weil ich nicht mehr wusste, ob ich das Büro aufschließen musste oder nicht. Wie vermutlich die meisten heterosexuellen Singlefrauen glitt ich bei Tag und Nacht immer wieder in diese unrealistischen Träume ab, in denen mich ein Mann irgendwohin mitnahm, wo alles besser war. Auch in dem Traum heute früh war es darum gegangen, glaubte ich, aber er bestand nur aus diesen langsamen Zwischenzuständen in warmen Autopolstern und im Gegenlicht, also zwischen Losfahren und Ankommen. Ich hing an Tankstellen im Autositz fest und wollte nicht aussteigen, nicht einmal, als ich am Strand war. Der Traum fühlte sich an wie die Wärme von Sonnenstrahlen, wenn man an einem trockenen Wintertag aus dem Schatten tritt.
Bryan und ich saßen an einem der Tische im Freien und aßen unsere Sandwiches. Er zeigte mir ein paar Mädels, die er gerne ansprechen wollte, aber erst, wenn er wieder Vorfragebögen dabeihätte, als Vorwand.
»Freuen sich die Mädels denn, wenn man sie wegen einer Umfrage anspricht?«, fragte ich ihn.
»Nein, aber sie freuen sich, wenn jemand sie angräbt, egal, wer es ist.«
Das sah ich anders, aber ich fand seine Antwort hochinteressant, vor allem, wenn man sich seine Zielgruppe ansah. Die meisten Mädels, die er gut fand, waren weiß, hingen aber mit Mexikanerinnen ab und trugen ihre Haare in strengen, gelgestärkten Pferdeschwänzen. Oder die Damen aus dem Frisörsalon mit den bordeauxrot gefärbten asymmetrischen Frisuren und aufgemalten Augenbrauen. Andere gingen zu Hot Topic, waren aber wahrscheinlich nur Stripperinnen auf der Suche nach neuen Schuhen. Bryan lockte sie mit einem listigen Grinsen und der Frage in unser Büro, ob sie nicht ein paar Minuten Zeit hätten, um ein bisschen Geld zu verdienen.
Als wir wieder ins Büro kamen, waren Katarina, Cynthia und das Kind gerade auf dem Weg nach draußen.
»Ich glaube, die haben sich im Gefängnis kennengelernt«, sagte Jewelia.
»Sind die ein Paar?«, fragte ich und legte meine Handtasche wieder unter meinen Schreibtisch.
»Sie haben sich jedenfalls die Namen der jeweils anderen auf den Hals tätowieren lassen«, antwortete Jewelia.
Mein Nachbar war etwa siebzig Jahre alt und wohnte allein, so wie ich. Als ich damals einzog, hatte er sich kaum bemüht zu verbergen, wie sehr er sich darüber freute. Ich nahm an, das lag daran, dass wir die einzigen Weißen hier waren, außer Jacques, dem Hausverwalter. Der war Frankokanadier, war aber mit einer Mexikanerin verheiratet, die weder Englisch noch Französisch sprach. Bill musste gar nicht viel sagen damals. Er guckte mir einfach nur lang in die Augen, als ich mich vorstellte, lächelte und fragte, ob ich Hilfe beim Einräumen brauchte.
»Nein, mein Vater hilft mir«, sagte ich. Mein Vater war damals auch schon so um die siebzig.
»Okay, wenn du irgendwie Hilfe brauchst, sag Bescheid. Ich mache hier immer wieder kleine Hausmeisterarbeiten.« Mir war nicht ganz klar, was er damit meinte. Als ich meinem Vater sagte, dass mir Bill komisch vorkam, nahm er mir das irgendwie krumm.
Einen Tag nach meinem Umzug nach Los Altos klopfte Bill an meine Tür, nur, um zu sehen, wie’s mir ging. Ich war gerade dreiundzwanzig geworden und fühlte mich ziemlich erwachsen, jetzt, wo ich zum ersten Mal alleine und nicht in einer WG wohnte. Mit einem Lächeln sagte ich ihm, dass es mir gut ginge, bisher wäre nichts kaputtgegangen. Bill fragte, ob ich einen Besen brauchte.
»Einen Besen?«
»Ich hab einen übrig, und wenn du fegen musst, kannst du ihn haben.«
»Das wäre sicher ganz gut.« Ich ließ ihn rein, obwohl er den Besen gar nicht dabeihatte. Er schaute sich meinen Durchlauferhitzer an und erklärte mir, ich solle ihn niemals ohne seine Hilfe verstellen. Jacques hatte Bill gar nicht erwähnt, als ich eine Woche vorher bei ihm war, um den Mietvertrag zu unterschreiben. Er hatte nichts von einem Hausmeister gesagt, im Gegenteil, für den Fall, dass ich mal was gemacht haben musste, hatte er sogar selbst seine Hilfe angeboten. Los Altos war eine hufeisenförmige Anlage mit einem Pool in der Mitte und zwei weiteren Reihen von Mietshäusern links und rechts davon. Meine Wohnung, Nr. 21, war im Gebäude direkt unterhalb des Pools und grenzte an einer Seite an Bills Wohnung. Auf der anderen Seite war nichts mehr. Ich hatte mir die Anlage ausgesucht, weil da was frei war, weil es günstig war und weil es Palmen, einen Basketballkorb, ein Volleyballnetz und einen Pool gab. Ich hatte nicht vor, irgendwelchen Sport zu treiben, aber ich ging davon aus, dass in einer Anlage mit dieser Ausstattung Kinder wohnten, was wiederum hieß, dass es nicht viel Kriminalität gab. Los Altos grenzte an eine Grundschule und an einen Gebrauchtwagenhandel, und ein Stück die Straße runter war ein 7-Eleven. Ich erledigte den Umzug so schnell es ging, und sobald ich allein war, zog ich mich ganz aus. Jetzt konnte ich mich in der Küche auf den Boden legen und mich masturbieren, wenn ich wollte, weil mein Vater ja nicht plötzlich reinkommen konnte. Ich hätte jetzt auch einfach einschlafen können, ohne dass ich vom Tippen oder Tee machen meines Vaters geweckt und mich schuldig fühlen würde. Ich musste mir keine Gedanken mehr über seinen Suchverlauf im Netz machen: Ersatzteile für sein Auto, Teilzeitjobs für seine ExStiefkinder und eine Partnerin für sich selbst.
Als Bill vorbeikam, hatte ich gerade irgendwas auf Netflix geguckt. Als er dann den Besen holen ging, von dem er gesprochen hatte, wurde mir bewusst, dass man auf dem Schirm das mitten in der Bewegung angehaltene Bild einer jungen Frau im Bikini sah, an der vorne die verschwommene Gestalt eines Mannes vorbeiging. Mir wurde außerdem bewusst, dass meine Jalousien nicht runtergelassen waren, und dass jeder, der draußen vorbeiging, hätte sehen können, wie ich bis spät am Tag auf einer Matratze ohne Bezug schlief, umgeben von halbausgepackten Kartons und einem aufgeklappten Laptop.
Im Licht des heißen Nachmittags sahen die Wohnungen aus, als lägen eine dicke Schicht Staub und eine noch dickere Schicht zähe weiße Farbe auf ihnen. Ich ging davon aus, dass in den meisten Computer standen, aber schwarze Desktop-Computer, wie der bei mir auf der Arbeit, die beim Hochfahren stotterten, weil sie von innen mit Katzenhaaren verstopft waren. Eine Gruppe Kinder lief an meiner Eingangstür vorbei, und alle starrten mich an. Ein älterer Junge fuhr auf seinem Fahrrad vorbei.
»Sag Bescheid, wenn du noch was brauchst«, sagte Bill. Ich hoffe, dass mir nicht bewusst war, wie zweideutig meine Antwort darauf klang, oder wie einladend meine Haltung gewirkt haben muss, der starke Kontrast zwischen Sommersprossen und heller Haut im weißen Licht des wolkenlosen Himmels und in der langsam vorüberziehenden Wüstenatmosphäre von Arizona.
»Was denn zum Beispiel?«, antwortete ich.
Bill rieb sich seine hohe Stirn und kniff die Augen zusammen. »Rauchst du?«
»Ja«, sagte ich.
»Ich fahr manchmal ins Reservat und kauf da billig stangenweise Zigaretten. Die verkauf ich dann hier für vier Dollar die Packung, da mach ich noch einen ganz guten Gewinn dabei.« Eine Katze kam angelaufen, und ich war froh, dass sie mich von Bills schwächlichem Körper und Charakter ablenkte. »Also, wenn dich das interessiert.«
»Ja, vier Dollar für Zigaretten ist super«, sagte ich. »Ich rauche gern Parliament, wenn’s die da gibt.«
Die Katze miaute und schaute zu Bill auf. »Das ist die einzige Katze hier, die ich leiden kann«, sagte er. »Die anderen sind fies, verwildert. Auf keinen Fall anfassen, die beißen. Das liegt daran, dass die Kinder sie quälen.«
»Die hier ist aber süß«, antwortete ich, vor allem, weil ich weiterhin die Katze und nicht Bills wütendes, faltiges Gesicht angucken wollte. Er zog einen Fuß aus dem FlipFlop und stand so auf einem Bein. Sein nackter Fuß schob sich in mein Blickfeld, als er anfing, die Katze damit zu kraulen.
»Ich wollte heute oder morgen fahren, meine Vorräte auffüllen.«
»Cool«, sagte ich. »Ich komm auf dich zurück, wenn ich eine Schachtel brauche.«
»Naja.« Bill sah zum Himmel hoch und schob seinen Fuß wieder in die Sandale. »Du könntest natürlich einfach mitkommen, da sparst du noch mehr. Ich finde da unterwegs auch immer wieder Sperrmüllmöbel. Da ist womöglich was für deine neue Wohnung dabei.«
Es gab sicherlich alle möglichen Auswege aus dieser Situation, aber für mich fühlte es sich an, als gäbe es keinen einzigen. »Cool.«
»Gut, dann klopf ich morgen mal bei dir.«
Vermutlich war Bill ein kleinlicher Mann, der mit dem Alter noch kleinlicher geworden war, und nun war bei ihm so ein kleines, anhängliches Interesse geweckt worden. Er war wie die Typen in der Kneipe, mit denen ich mich auf Gespräche einließ, nur, um rauszufinden, wie grob sie werden würden, wenn ich weiterhin neutral auf ihre Annäherungsversuche reagierte. Ich stellte mir vor, dass Bill die Faszination, die ich auf ihn ausübte, als ein neues, verhasstes Gefühl empfand.
