Eric und Emilia: Lehrzeiten - Erik D. Schulz - E-Book

Eric und Emilia: Lehrzeiten E-Book

Erik D. Schulz

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Beschreibung

Frustriert von den beklemmenden Verhältnissen in der untergehenden DDR treibt Eric ohne Ziel durchs Leben. Doch dann verliebt er sich in Emilia, die leidenschaftlich für ihre Aufnahme an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Berlin kämpft. Mit ihrem Enthusiasmus inspiriert sie Eric, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Fortan arbeitet er hart für die Zulassung zum Medizinstudium. Als ihre Pläne jedoch einen Rückschlag erleiden, nimmt eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen ihren Lauf. Eric und Emilia geraten in das Fadenkreuz der perfide funktionierenden Diktatur und werden mit der Absurdität und Brutalität der deutschen Teilung konfrontiert. Ihre Liebe wird auf eine Probe gestellt, wie sie schwieriger nicht sein kann.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Mein Dank gilt meiner Familie, meinen Lektoren Dr. Gregor Ohlerich, Dr. Patrick Baumgärtel (stilistisches Korrektorat) und Stefanie Groß (abschließendes Korrektorat); Markus Weber von der Agentur für Gestaltung Guter Punkt sowie Murielle Rousseau von der Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Buch Contact.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Der Weizen gedeiht im Süden

Weltmacht ohne Menschen

1

Bereits auf den ersten Blick erlag ich ihrem Charme, der so natürlich wie eine angeborene Eigenschaft wirkte. An den Seiten ihres schlanken Halses lagen Wellen schwarzen Haares, das sie wahlweise mit den Fingern ordnete und hinter die Ohren schob oder nervös schüttelte. Im hellen Licht des Cafés schien sie blass, doch selbst über drei Tische hinweg erkannte ich die Reinheit ihrer Elfenbeinhaut. Auf ihrem Gesicht lag ein Hauch von Traurigkeit. Durch das Gewühl fing ich ihren Blick auf, der klar und gütig war und mein Herz bis zum Hals schlagen ließ. Sie lächelte mir zu, ich lächelte zurück – ein Moment für die Ewigkeit.

Das Wunder war schnell vorbei, der Blickkontakt riss ab. Zu den Rhythmen von Bronski Beat und Depeche Mode wogte die Menge. Ich hätte zu ihrem Tisch gehen und sie zum Tanzen auffordern sollen, aber mir fehlte der Mut. Gab es in dem Raum überhaupt jemanden, der verletzlicher und schüchterner war als ich? Für eine derart couragierte Aktion wäre mein Freund Alex an meiner Seite notwendig gewesen.

Alex hatte mich jedoch versetzt. Da es mitten in der Woche an Alternativen fehlte, hatten wir uns unter dem Fernsehturm verabredet, obwohl uns die spießige Atmosphäre wenig behagte. Hier gab es nur Lackaffen und schrille Popper, nicht einmal Bier. Und da Alex nicht erschienen war, saß ich mit wildfremden Leuten an einem Tisch und kippte einen Cola-Vodka nach dem anderen.

Die Schönheit der Unbekannten und ihre Unerreich barkeit deprimierten mich. Hatte nicht alles Anziehende und Schöne, das einem tief ins Herz dringt, einen Ursprung im Schmerz?

Verstohlen blickte ich noch einmal zu ihr. Sie tanzte mit einem Typen, der ein viel zu großes T-Shirt trug, auf dem im Rhythmus der Musik eine Lederkrawatte wippte. Er hatte Dauerwellen und redete ohne Unterbrechung auf sie ein, bis sie sich plötzlich abwandte. Dann war sie verschwunden und auch mich hielt nichts mehr in dem Laden.

Ich holte mir meine Jeansjacke mit dem selbst gestickten Rory-Gallagher-Logo von der Garderobe und ging hinaus. Das Café lag im ersten Stock; außen führte eine Balustrade entlang. In der frischen Herbstluft merkte ich, dass ich einen Schwips hatte. Alkohol versetzte mich normalerweise verlässlich in redselige Stimmung, an diesem Abend aber steigerte er nur meinen Blues.

Draußen blieb mir der Atem weg. Das Mädchen, einen Augenblick zuvor für immer verloren geglaubt, stand nach vorn gebeugt am Geländer und blickte gedankenverloren auf den Betonboden. Ihr Körper neigte sich über den Handlauf, sodass ich fürchtete, sie könnte in die Tiefe stürzen. Während ich erstarrte, drehte sie ihren Kopf in meine Richtung. Blitzten da Tränen in ihren Augen?

Eine S-Bahn fuhr polternd in den gegenüberliegenden Bahnhof ein und zog einen Lichtblitz. Bis auf wenige Nachtschwärmer war der Platz vor den Rathauspassagen unter uns wie ausgestorben. Die kalte Herbstluft bildete vor meinem Mund weiße Wölkchen.

Sie stand immer noch da, jetzt aufrechter, nicht mehr so, als könnte ihr die Schwerkraft beim kleinsten Windhauch etwas antun. Das war meine Chance. Bei aller Scheu hätte ich es mir nie verziehen, sie jetzt nicht anzusprechen. Ich rieb mir die Hände und ging langsam zu ihr.

„Hallo.“

Mehr als dieses eine Wort brachte ich nicht heraus.

Sie wischte sich mit dem Jackenärmel über das Gesicht und lächelte.

„Hallo“, erwiderte sie.

„Eric“, stellte ich mich vor und reichte ihr die Hand. Sie nahm sie und drückte sie sanft.

„Emilia.“

„Da drin“, sagte ich und deutete mit einem Blick auf das Café, aus dem gerade der Sound von Kool & the Gang wummerte, „nicht falsch verstehen, aber da hast du mich echt deprimiert.“

War es der Alkohol oder war ich wirklich so dämlich? Warum rutschte mir ausgerechnet das über die Lippen, was ich in meiner Einsamkeit empfunden hatte? Warum begann ich ein Gespräch mit einem umwerfenden Mädchen gerade auf diese Weise? Ich hasste mich auf der Stelle dafür, senkte den Kopf und flehte das Schicksal an, es möge mir eine zweite Chance geben.

Emilia schaute mich ungläubig an.

„Du bist ’n bisschen hacke, oder?“, erwiderte sie entschieden und doch auf eine unterschwellige Art verständnisvoll. „Ich hab heute schon genug blödes Gelaber gehört, weißt du.“

Schnell hob ich beschwichtigend die Arme. „Darf ichdir das kurz erklären?“

„Ich bestehe drauf!“

Ich atmete durch und versuchte, das Ruder herumzureißen. „Mich hat einfach deprimiert, dass ich nicht wusste, wie ich an dich herankommen soll, zum Tanzen. Wegen der ganzen Leute um dich rum und weil du so beschäftigt warst mit deinen Freundinnen, und weil …“

Forschend musterte sie mich.

„Und weil?“, bohrte sie nach. „Du hattest also nicht die Traute, mich zum Tanzen aufzufordern. Und das soll alles sein?“ Sie lächelte verschmitzt und stupste mich in den Oberarm. „Weißt du was, du Eric, das glaube ich dir nicht. Jetzt mal raus mit der Sprache: Was deprimiert dich wirklich an mir? Und überzeuge mich möglichst mit einem triftigen Grund, sonst drehe ich mich um und gehe!“

Ich umklammerte die Balustrade und schluckte.

„Du schienst so … so unerreichbar. Und da hat mich deine Schönheit deprimiert. Ich weiß auch nicht genau, warum. Sie leuchtet von innen heraus. Außerdem bist du, glaube ich, ziemlich intelligent und hast einen starken Willen. Liege ich richtig? Aber wie auch immer, ich finde dich einfach toll.“

Emilias Augen strahlten, sie griff sich verlegen an die Nase und senkte einen Moment den Blick. Dann fing sie wie aufgedreht an zu kichern.

„Ich und intelligent? Das soll wohl ein Witz sein? Bisher hat’s gerade mal für ’ne Lehre gereicht. Huh – in Ordnung, Eric. Du hast mich zwar überzeugt, bist mir für den Quatsch aber trotzdem was schuldig. Bringst du mich zu meinem Hotel?“

Ich sah sie überrascht an. „Ja, klar. Du bist nicht aus Berlin?“

„Nein, ich bin hier auf Klassenfahrt mit meiner Lehrgruppe. Chemiefacharbeiterin bei Brandenburg.“

Wieder lachte sie auf, als wäre dieser Beruf die absurdeste Beschäftigung auf der Welt. Ihr Lachen war ansteckend.

„Und wo ist dein Hotel?“

„Draußen am Tierpark. Das Jugendtouristenhotel.“

Kurzerhand machten wir uns auf und liefen hinüber zum Bahnhof Alexanderplatz. Dort stiegen wir die Treppen abwärts zur U-Bahn, wo uns der typische Geruch nach verbranntem Graphit empfing. Den kannte ich gut, denn ich arbeitete manchmal hier unten. An den gelb gekachelten Wänden hing neben Losungen zum XI. Parteitag der SED 1986 ein Plakat des Deutschen Theaters. Emilia blieb begeistert davor stehen.

„Sieh dir das an! Da war ich gestern mit meiner Freundin: Der Kaufmann von Venedig, inszeniert von Thomas Langhoff. Das war irre gut.“

„Du interessierst dich für Theater?“

Sie zog mich an meiner Jacke und wir gingen die Treppen hinunter zur E-Linie. Rumpelnd und quietschend kam die U-Bahn aus dem Tunnel. Wir stiegen ein und fuhren in Richtung Tierpark.

„Ich lebe für das Theater“, erzählte sie, während wir es uns auf den braunen Kunstledersitzen bequem machten. „Das macht mich glücklich und gibt mir Halt. Es ist so unglaublich schön, vor Publikum aufzutreten, vor Leuten, die mich sehen wollen.“

„Glaub ich gern. Wo trittst du denn auf?“

„Im Lichtblick Theater in Rathenow.“

„Sagtest du nicht, du lernst was mit Chemie?“

„Schon. Aber jeder Tag im Werk ist ein vergammelter Tag, einfach sinnlos. Und die Lehrer bei uns haben alle einen laufen. Immerhin kann ich da nebenher mein Abi machen und mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten. Ich will auf die Ernst Busch.“

„Wirklich? Ich hab gehört, das soll höllisch schwer sein.“

„Ein Albtraum“, bestätigte sie mit ihrer weichen und doch voluminösen Stimme. „Vor dem Eignungstest habe ich totalen Schiss. Da musst du zwei Rollen spielen, ein Lied singen und einen Text vorsprechen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich schon gut genug für dieses Studium bin. Dafür brauchst du echte künstlerische Begabung.“

„Die hast du, ganz sicher.“

Sie lachte auf. „Nett, dass du das sagst. Danach gehts aber erst richtig los. Nach dem Eignungstest folgt die eigentliche Zulassungsprüfung, bei der du vor einer Kommission spielen musst. Da wird gesiebt ohne Ende.“ Sie nestelte an der Perlenkette über ihrem weinroten Oversize-Sweat-Shirt. „Trotzdem, die Ernst Busch, das ist mein Sehnsuchtsort, das soll der Türöffner werden. Dabei gehts mir gar nicht um Ruhm oder Geld. Ich will einfach nur gut werden und meinen eigenen Stil finden. Genau dafür steht diese Schule.“

Von Anfang an war mir klar, dieses Mädchen konnte keine angehende Laborantin aus der Provinz sein, die auf die Jahresendprämie hin fieberte. Ihre Aura und ihre sprühende Begeisterung für die Schauspielerei zogen mich in ihren Bann.

„Und was machst du?“ Sie klopfte mit dem Handrücken gegen meine Jacke.

Die Frage erschreckte mich. Auf der Suche nach einer Antwort sah ich zur Fensterscheibe gegenüber, in der sich mein hageres, fein geschnittenes Gesicht mit dem Anflug eines Schnurrbarts spiegelte, die Haare hochgestylt wie Rod Stewart. Ich war ein schmächtiger Typ, der noch nicht genau wusste, was er wollte. Hauptberuflich arbeitete ich daran, zu mir selbst zu kommen, Ende ungewiss. Es war mir unangenehm, dass ich nicht ehrgeizig auf ein Ziel zusteuerte wie Emilia.

„Zurzeit bin ich noch Nachrichtentechniker“, offenbarte ich kleinlaut. „Übrigens in einer Werkstatt hinter deinem Hotel.“

„Nachrichtentechniker? Was ist das denn für ein … Ich meine, was genau soll das sein?“

„Wir reparieren den U-Bahn-Funk, kümmern uns um die Bahnhofsbeschallung, solche Sachen halt. Aber eigentlich will ich mein Abi nachholen und danach Medizin studieren.“

Ein Medizinstudium bedeutete für mich eine theoretische Möglichkeit in weiter Ferne, weit wie ein Nebel in einer anderen Galaxie. Ernsthaft in Erwägung gezogen hatte ich es bis zu diesem Zeitpunkt nie – und mir auch gar nicht zugetraut. Dazu hätte ich meine Trägheit überwinden und mich auf den Hintern setzen müssen. Zum ersten Mal laut ausgesprochen, klang der Gedanke jedoch verheißungsvoll.

„Oh, das ist doch toll“, begeisterte sich Emilia. „Wenn du jetzt anfängst, dein Abi zu machen, ist es längst nicht zu spät.“

Ich genoss es, ihr zuzuhören. Sie schien interessiert, war zugewandt, nahm mich ernst. Schon um sie nicht zu enttäuschen, fasste ich den Entschluss, mich bei Gelegenheit zum Abendabitur anzumelden.

Wir fuhren in den Bahnhof Tierpark ein. Der nahende Moment des Abschieds schnürte mir die Kehle zu und ich brachte kein Wort mehr über die Lippen. Während wir die Treppen hinauf ins nächtliche Friedrichsfelde stiegen, spielte Emilia mit dem Reißverschluss ihres hellblauen Anoraks. Viel Zeit blieb mir nicht mehr; das Hotel lag nur hundert Meter entfernt.

Vorsichtig sah ich zu ihr hinüber. Sie schenkte mir einen zärtlichen Blick, wobei ihre Augen wieder diesen unfassbaren Charme ausstrahlten. Ihre Schönheit traf mich einmal mehr mit voller Wucht.

Auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Hotel nahm Emilia schließlich meine Hand und drückte sie. Unsere Finger umschlangen sich und ertasteten die Energien des anderen. Die Berührungen ließen mein Herz rasen und meine Knie zitterten.

Das Hotel kam näher – ein schnöder zehnstöckiger Plattenbau. Vor dem spärlich beleuchteten Eingang blieben wir stehen. Wir waren allein. Emilia drehte sich zu mir, nahm meine andere Hand und drückte beide mit festem Griff. Dann kam mir ihr Mund entgegen, und wir küssten und umschlangen uns leidenschaftlich. In den Pausen fing ich mit den Lippen die Wärme ihres Haares auf. Die Süße und Innigkeit dieser Küsse mussten der Beginn von etwas Großem sein, spürte ich.

Doch zunächst kam der unabänderliche Augenblick des Abschieds. Sie entwand sich der Umarmung und wir sahen uns heftig erregt an.

„Sehen wir uns wieder?“

Sie nickte – und wie sie es tat, lebhaft, die Wangen gerötet, die Lippen glühend, riss mich hin.

„Das wäre sehr schön, Eric. Kommst du mich besuchen?“

„Auf jeden Fall. Sehen wir uns morgen?“

„Da reisen wir leider früh ab.“

Nach einem letzten Kuss drehte sie sich dem Hotel zu und wäre vielleicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden, hätte ich ihr nicht geistesgegenwärtig nachgerufen:

„Emilia, deine Adresse?“

„Nexö … Nexöstraße zwanzig“, rief sie mir zu.

Glücklich und wie elektrisiert schlenderte ich zurück zum U-Bahnhof. Ich setzte mich auf eine Bank, ließ drei oder vier Züge vorbeifahren und genoss das süße Beben in mir, das Prickeln der Liebe, das ich zum ersten Mal erfuhr. Emilia fehlte mir von der ersten Sekunde an.

2

Es war Freitagvormittag. Meine Tante fläzte auf ihrem Ledersessel im Wohnzimmer. Sie trug nichts weiter als ein Nachthemd und las zum x-ten Mal Roxelane von Johannes Tralow. Dabei hätte sie aus den bis zur Stuckdecke gehenden Regalen Tausende andere Bücher wählen können. Sir Henry, ihr Labrador-Jagdhund-Mischling, kam schwanzwedelnd auf mich zu, als ich überrascht in der Tür stehenblieb.

„Was machst du denn hier?“

„Morgen, mein Schatz. Gib mir ’nen Kuss“, winkte mich Tante Moni zu sich.

„Und?“

„Hab mich krankschreiben lassen. Mein Chef wird mal die eine oder andere Woche ohne mich auskommen müssen.“

„Was hast du denn diesmal?“

„Da musst du deine Mutter fragen“, entgegnete sie mit ihrer tiefen, warmherzigen Stimme und lachte trocken.

Wie immer hatte sie den Krankenschein von meiner Mutter, die als Internistin in einer Praxis arbeitete. Moni vertrat den Standpunkt, der Arbeit so viel Zeit wie möglich abzuluchsen, um sie besser mit Büchern, Musik und Filmen zu verbringen. Das Leben verging sonst ungenutzt im Handumdrehen.

„Da wird sich Mama ja gefreut haben“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass wegen Monis Bequemlichkeit regelmäßig die Fetzen flogen.

„Darauf kannst du wetten.“ Sie sah mich über den Rand ihrer Lesebrille an und lächelte verschmitzt. „Du hast jemanden kennengelernt, richtig?“

„Wie kommst du denn auf die Idee?“, fragte ich verdutzt und merkte, wie ich rot anlief. Wie ich das hasste!

„Das sehe ich. Wie heißt sie?“

Ich verdrehte die Augen und prustete. Dann sprach ich Emilias Namen aus, was ein warmes Prickeln in der Brust auslöste.

„Und was macht sie?“

„Eine Chemielehre, will aber eigentlich Schauspielerin werden.“

„Ah, eine Idealistin – das Leben der Bohème. Da musst du aufpassen, die ordnen ihrer Arbeit alles unter, auch die Männer.“

Unvermittelt vertiefte sich Moni wieder in Roxelane. Ich ging in die Küche, wo das Frühstück schon auf dem Tisch stand. Moni kochte hervorragend und sorgte seit meinem Auszug aus dem Elternhaus ein paar Wochen zuvor rührend für mich. Der Zoff zwischen meinen Eltern war mir zunehmend auf die Nerven gefallen. Zu oft war der Jähzorn meines Vaters auf das fehlende Talent meiner dauerangespannten Mutter getroffen, Konflikte zu lösen.

Etwa zur selben Zeit war ich bei den Berliner Verkehrsbetrieben ins Facharbeiterleben gestartet. Heute hatte ich Nachtdienst, zum ersten Mal allein. Also ließ ich den Vormittag ruhig angehen, fütterte Sir Henry mit einer Leberwurststulle und las Zeitung. Eine halbe Stunde später kam Moni in die Küche geschlappt, um sich den nächsten Pott Kaffee zu brühen.

„Wann musst du los?“

„Gegen vier. Vor dem Nachtdienst ist noch so ’ne bescheuerte Brigadeversammlung.“

„Oh je, sobald ich das Wort Versammlung höre, schlafe ich auf der Stelle ein“, meinte Moni. „Selbst wenn ich mir die größte Mühe gebe, putzmunter zu sein, fallen mir nach fünf Minuten die Augen zu.“

„Geht mir genauso. Das kommt, weil die immer dieselbe Sozialismusplatte runterdudeln.“

Sie sah mich mit ihren klaren Augen an und lächelte spitzbübisch.

„Die große Erfüllung ist die Stelle wohl nicht.“

„Nee, echt nicht.“

„Sieh bloß zu, dass du da so schnell wie möglich wieder wegkommst. Du hast mehr drauf, als in der Nacht durch U-Bahn-Tunnel zu latschen und zu kontrollieren, ob irgendein Antennenkabel noch an der Wand hängt.“

Wie immer vor der Mittagszeit forderte Sir Henry seine Parkrunde ein. Er streckte sich, hechelte und ließ sich auf die Vorderpfoten nieder. Moni kraulte ihm die Ohren.

„Gehst du mit ihm eine Runde Gassi?“, fragte sie und Henry fing sofort an, mit dem Schwanz zu wedeln und freudig zu jaulen.

„Ich?“

„Ja. Es wäre nicht gut, wenn mich Kollegen während der Krankschrift draußen erwischen.“

„Um die Zeit?“

Sie ließ den Einwand nicht gelten, drehte mir den Rücken zu und schlappte zurück zu ihrem Lesesessel.

Wie alle in der Familie wollte auch meine Tante, dass ich studierte. Dabei arbeitete sie als Sekretärin im Außenhandel und blieb damit selbst weit unter ihren Möglichkeiten. Immerhin war sie mit ihren Ratschlägen zurückhaltender als die übrige Verwandtschaft. Subtiler etwa als mein Großvater, der kurz vor seinem Tod zu meiner Lehre als Nachrichtentechniker resigniert gemeint hatte, damit würde ich nun in die Arbeiterklasse abstürzen. Er selbst war an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät seinem Schlosserdasein entronnen und hatte es bis zum Professor für Ökonomie gebracht. Meine Eltern, chronisch enttäuscht von meinen Schulleistungen, schlugen in dieselbe Kerbe. Mein Vater hielt mich, ohne es so zu formulieren, für einen Versager.

Ich schnappte mir Sir Henry und ging in den Schlosspark, wo ich überlegte, wie ich so schnell wie möglich Emilia wiedersehen konnte. Plötzlich traf es mich wie ein Schlag: So sehr ich mein Hirn auch durchwühlte, mir fiel ihr Nachname nicht mehr ein. Hatte sie ihn überhaupt erwähnt? Ihre Theatergruppe probte in Rathenow, sie wohnte in einer Nexöstraße, die Hausnummer irgendetwas in den Zwanzigern. Warum hatte ich mir die Adresse nicht sofort aufgeschrieben? Ich zog Sir Henry von einer Schäferhündin weg und beendete abrupt das Gassigehen. Die Vorstellung, Emilia durch meine Dummheit vielleicht nie wiederzusehen, versetzte mich in Panik.

Im Wohnzimmer zog ich den Atlas aus dem Regal und schlug die Seite auf, wo im Bezirk Potsdam die Stadt Rathenow verzeichnet war. Doch in diesen Maßstab waren nur die großen Straßen abgebildet, keine kleinen. Eine Nexöstraße fand ich nicht.

„Was hat dich denn gestochen?“, fragte Moni, die mein hektisches Blättern beobachtet hatte.

„Verdammt, mir fällt Emilias Adresse nicht mehr ein“, erklärte ich und ließ den Atlas zu Boden sinken.

„Dann ruf doch die Auskunft an. Irgendeine Lösung wird sich schon finden. Immer ganz ruhig.“

Also wählte ich die 181 und fragte ins Blaue nach einer Familie Meier, wohnhaft in Rathenow, Nexöstraße. Die Telefonistin jedoch erläuterte mir in trockener Amtsmanier, dass es in Rathenow keine Nexöstraße gab. Für Brandenburg exerzierte ich dasselbe durch. Ebenfalls Fehlanzeige.

„Das wars, ich finde sie nie.“ Ich hätte vor Verzweiflung heulen können.

„Die DDR ist winzig“, beruhigte mich Moni. „Jeder findet hier jeden wieder. Du musst systematisch vorgehen.“

„Wie denn?“

„Na, so viele Nexöstraßen wird es wohl nicht geben.“

3

Der Nachtdienst war für die Beschaffung des Kuchens verantwortlich. Vor dem Bäcker in Friedrichsfelde hatte sich wie immer am Freitagnachmittag eine lange Schlange gebildet. Endlich an der Reihe, kaufte ich glibberigen Pflaumen- und Rhabarberkuchen, genau die Sorten, die der Meister nicht mochte.

Ich hasste Meister Detlef Jansen vom ersten Tag an und die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Dauernd schob er mir die Schuld für alles Mögliche in die Schuhe. In der Woche zuvor hatte es beispielsweise eine Störung der Beschallung auf dem Bahnhof Stadtmitte gegeben. Bei der Reparatur hatte Alex einen kapitalen Kurzschluss fabriziert und dem Verstärker das Leben ausgehaucht. Aber nicht er bekam dafür Abzug vom Lohn, sondern „Eeeeric“.

So lief das immer. Regelmäßig erntete ich ungeduldige Seufzer, missbilligende Blicke und scherzhafte Sarkasmen – die gesamte Schikanenpalette rauf und runter. „Hat Eeeeric wieder den Schraubenzieher über beide Pole gelegt?“ So in dem Stil.

Dabei bot ich ihm leichtes Spiel, denn ich war fachlich eine Null. Detlef wiederum kannte sich zwar in der Sache aus, hatte aber keinerlei Führungskompetenzen. Er machte auf cool und Kumpel, ohne eine Spur vertrauenswürdig zu sein. Die Abteilung versuchte er zu dirigieren, heraus kam Geschrammel.

Kurzum, Lust auf den Dienst hatte ich nicht. Trotzdem trottete ich wie jeden Tag zur Betriebswerkstatt Friedrichsfelde, kurz BwFi, und warf einen sehnsüchtigen Blick auf Emilias ehemaliges Hotel. Mein Arbeitsplatz befand sich in einem zweistöckigen Plattenbau mit einer schönen Aussicht auf die Werkhalle und die U-Bahnzüge, die auf den Gleisen auf ihre Reparatur warteten. In unserer Funkwerkstatt gab es Messplätze, Schränke mit Ersatzteilen und Werkzeug sowie stapelweise defekte Funkgeräte und Verstärker.

Im Raum neben Detlefs Büro fand die Versammlung statt. Ich stellte das Paket vom Bäcker auf den Tisch. Als Alex den Glibberkuchen auswickelte, grinste er. Der Meister telefonierte noch in der Machtzentrale, was wir durch die offene Tür mit gespitzten Ohren verfolgten.

„Ja, hier ist der Jansen“, meldete er sich. „Was, Frank, schon wieder? Hat sich festgefressen? … Oh, nein … Ach hör auf, du hast doch nun wirklich gar keine Ahnung davon. Nein, Frank, lass es! … Pass auf, du bleibst jetzt da und ich schicke dir den Abschleppdienst.“

Es ging um unseren neuen Werkstatt-Trabi. Er war binnen eines Monats zu einer Schrottmühle heruntergekommen. Alex und ich hatten eine Kurve zu scharf genommen und ihn auf die Seite gelegt, und Frank war mit ihm in einen Stapel Bahnschwellen gerast. Bei den Reparaturen hatten ihn die Mechaniker als Ersatzteillager verwendet und ausgeweidet.

Detlef erschien in der Tür. Auffällig an ihm war vor allem seine pomadisierte Frisur, vorn gelockt und hinten kurz, die Zielscheibe unserer Witze war. Da sein Körper die Bräune vom letzten Bulgarienurlaub bis tief in den Herbst bewahrte, trug er aus Eitelkeit ein weißes T-Shirt, damit der Kontrast augenfällig wurde.

„Jetzt ist wahrscheinlich auch noch das Getriebe hin“, lamentierte er und ließ betrübt die Arme hängen. Da fiel sein Blick auf den Kuchen. „Igitt, nicht schon wieder Obstkuchen! Na, Mensch Eeeeric, hatten die denn gar nichts anderes beim Bäcker?“

Meine Kollegen grienten und glucksten.

„Tut mir leid“, log ich. „Besorg mal in einem Neubaugebiet nachmittags ’ne Streuselschnecke. War alles ausverkauft.“

„Hättest eben morgens welche holen müssen. Mal ’n bisschen mehr Engagement“, beschwerte Detlef sich, sah mir dabei jedoch nicht in die Augen. Er sah mir eigentlich nie direkt in die Augen, fixierte stattdessen die Nase oder die Brust.

Schließlich setzte er sich, breitete seine Unterlagen aus und begann mit dem Ritual. Zunächst analysierte er frustriert unsere Arbeit, stellte erhebliche Mängel beim Umgang mit Störungen fest und mahnte in belehrendem Ton Verbesserungen an. Er forderte deutlich mehr Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Dann rekrutierte er Teilnehmer für die Demonstration zum Republikgeburtstag am siebten Oktober, ein sinnfreies Schauspiel, das die eine Hälfte von uns abnickte und für das die andere eine Ausrede fand. Ich nickte ab, um meine Ruhe zu haben.

Normalerweise wären mir an dieser Stelle die Augen zugefallen oder ich hätte in Gedanken analysiert, welche Songs Ken Hensley auf welchem Uriah-Heep-Album geschrieben hat, warum er ausgestiegen und nicht wieder zurückgekommen war. Heute aber überfiel mich keine Müdigkeit. Meine Gedanken kreisten um Emilia und darum, diese Nexöstraße zu finden. Detlef berichtete derweil von der Initiative Mikroelektronik im Kampf der DDR um die Weltspitze. Die Partei wollte dafür junge Arbeitskräfte mobilisieren. Der Mann glaubte allen Ernstes an die höheren Ziele des Sozialismus.

Nach einer quälenden Fragerunde löste Detlef die Versammlung auf, und bis auf Alex diffundierte die Belegschaft langsam hinaus in den Feierabend.

„Ich wünsch dir was, Eric, und lass nichts anbrennen“, verabschiedete sich Detlef. Er wirkte unsicher, als könne er es nicht verantworten, mir allein das Kommando für den U-Bahnfunk von Ost-Berlin zu überlassen. Ein letzter Blick an mir vorbei, sein obligatorischer Spruch „Maximale Erfolge!“ und dann verschwand er endlich.

Ungeduldig schloss ich die Tür, um mich in Ruhe mit Alex zu unterhalten. Wir arbeiteten eigentlich in derselben Schicht, aber er hatte seinen Dienst getauscht, weil er am nächsten Morgen an die Ostsee fahren wollte. Wir setzten uns an unsere Arbeitsplätze und stellten Musik aus dem Kassettenrekorder an.

„Ich hab gestern eine in der Turmdisco kennengelernt, von außerhalb“, begann ich stolz zu berichten. „Emilia, so eine zierliche Schwarzhaarige. Ich hab sie danach zum Hotel gebracht. Hammerbraut! Sie will Schauspielerin werden. Mann, da gibt’s nur ein Problem, ich …“

„Und“, unterbrach Alex mich abrupt. „Hast du sie im Hotel …?“

Perplex über Alex‘ Direktheit fand ich nicht sofort eine treffende Antwort, zumal ich mit neunzehn meine Unschuld noch nicht verloren hatte, worunter mein Selbstbewusstsein erheblich litt.

„Wärst du mal gestern mit nach Hellersdorf gekommen. Katarina hat ihre Freundin mitgebracht. Da ging’s richtig ab.“ Er lachte und strich sich seine Haare hinter die Ohren.

Es folgte eine Schilderung der Nacht. Ich hasste solche Intimitäten und spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Zum einen war es Schamgefühl, zum anderen Wut über Alex, mich bei der wichtigsten Erzählung meines Lebens unterbrochen zu haben.

Er hörte gar nicht auf zu erzählen, saß da, die Beine lässig übereinandergeschlagen in coolen Westjeans und einem schicken Hemd aus dem Intershop, das dunkle Haar hochgegelt mit einem Schluck Bier. Letzteres hatte ich von ihm kopiert. Was ich jedoch nicht hinbekam, war das gewisse Etwas, das Charisma, das die Frauen magisch anzog. Alex konnte sich kaum vor ihnen retten. Er besaß auch viel mehr Freunde als ich. Eigentlich hatte ich nur einen Freund, nämlich Alex.

Ich hatte eine Menge von ihm gelernt und das schätzte ich. Durch ihn war ich zu einem kritischen Hörer von Musik geworden, der auf Feinheiten im Sound und von Instrumenten achtete. Nur selbst zuhören, das vermochte er nicht, immer wusste er alles ganz genau und vor allem besser.

Nach einem kurzen inneren Kampf gab ich meine Zurückhaltung auf. Langsam schraubte ich mich hoch und schob den Stuhl hinter mir weg, was das Linoleum quietschen ließ. Dabei hob ich abwehrend beide Hände.

„Was ist los?“, fragte Alex überrascht.

„Ich hatte noch nicht zu Ende erzählt.“ Meine Stimme bebte, ich bemühte mich um Beherrschung. „Du hast mich unterbrochen. Das ist … nicht okay! Stattdessen haust du mir die Ohren mit deinen blöden Stories voll. Ich hab ein echtes Problem, Mann! Und überhaupt, von wegen Hellersdorf. Wir waren vor der Turmdisco verabredet. Schon vergessen?“

Nach der ersten Verblüffung über meinen Ausbruch fasste er sich und blieb cool, zu cool für meinen Geschmack.

„Nein, Eric, wir waren vor der Weltzeituhr verabredet und wollten da entscheiden, was wir machen.“

Das war eine glatte Lüge.

„Blödsinn! Ach, vergiss es, Alex.“

Ich winkte ab, drehte mich um und wollte ihn einfach sitzenlassen.

„Hey, warte mal ’ne Sekunde“, hielt er mich auf. „Was brennt dir denn unter den Nägeln?“

Ich prustete wie eine Dampflokomotive, kniff die Augen zusammen und versuchte mich zu beruhigen. Schließlich wandte ich mich ihm wieder zu, nachdem ich missbilligend den Kopf geschüttelt hatte.

„Mein Problem ist, dass ich ihre Adresse nicht weiß. Es wäre der Supergau, wenn ich sie nicht wiedersehen könnte. Ich war sofort … Sie hat mich umgehauen, verstehst du?“

Als ich es aussprach, mischte sich Verzweiflung in meine Wut.

„Meine Güte“, belehrte mich Alex, „wenn man Frauen kennenlernt, muss man sich immer sofort die Adresse und, wenn vorhanden, die Telefonnummer aufschreiben. Du Experte, das weiß doch …“

„Tut mir leid, dass ich nichts zu schreiben dabeihatte“, fuhr ich giftig dazwischen.

Er zog sein Notizbuch aus der Hose und ließ es wieder darin verschwinden. Dieses verdammte Ding, in dem er darüber Buch führte, wie oft er es wann mit Katarina getrieben hatte, kannte ich zur Genüge.

Ich rollte mit den Augen.

„Was hast du denn auf der Habenseite, Eric? Geh es konstruktiv an!“

„Ich weiß ihren Vornamen, dass sie in einer Nexöstraße wohnt, bei Brandenburg Chemie lernt und in Rathenow am Theater spielt. Bloß in Rathenow und Brandenburg gibt es keine Nexöstraße.“

Alex strich sich über das Kinn und warf einen Blick auf den Boden. „In Brandenburg kann sie im Stahlwerk Stahlbauerin werden, aber wohl kaum Laborantin. In der Nähe gibt es eigentlich nur das Chemiefaserwerk Premnitz. Vielleicht lernt und wohnt sie ja da.“

„Ja, möglich“, sagte ich und schöpfte etwas Hoffnung. „Premnitz ist glaube ich auch nicht weit weg von Rathenow.“

„Wo hat sie denn in Berlin übernachtet?“

„Gleich hier drüben im Jugendtouristhotel.“

„Na, bestens.“ Alex lächelte mich aufmunternd an. „Dann weißt du ja, was du nachher zu tun hast. Geh rüber und quetsche die Leute beim Empfang ein bisschen aus.“

Mit der vagen Aussicht auf Fortschritte bei meinen Ermittlungen löste sich mein Ärger allmählich auf.

„Das Kaffeekränzchen vorhin war ja wieder völlig für den Arsch“, wechselte Alex das Thema. „Dieses ganze Sozialismusgelaber. Detlef geht mir sowas von auf den Keks. Der denkt nur daran, endlich Abteilungsleiter zu werden und dann möglichst bald Bereichsleiter. Das quillt dem aus jeder Pore.“

„Ist eben sein Hobby, Ärsche in der Zentrale zu küssen.“

Wir kicherten, dann wurde Alex nachdenklich. „Wenn ich im Westen wäre, würde ich schon längst als Roadie mit Dire Straits oder McCartney touren. Ich muss wirklich bald weg von den ganzen Idioten hier. Wenn die mich wenigstens als Toningenieur irgendwo arbeiten lassen würden. Da weiß man gleich wieder, wo man wohnt.“

„Versuch es doch“, entgegnete ich und hatte das Gefühl, mich selbst zu meinen. „Die brauchen Tüftler und Elektronikfreaks wie dich im Palast oder beim Theater.“

Alex ging nicht darauf ein. Wir fachsimpelten noch ein paar Minuten über die neuesten Platten, bevor er sich verabschiedete.

„Na, dann schieb mal ein paar Stühle zusammen, leg die Füße hoch und arbeite schön für mich mit, Eeeeric.“

4

Allein in der Werkstatt spürte ich, wie aufgewühlt ich war und wie mich die Sehnsucht nach Emilia marterte. Ich schaltete die Musik ab, wodurch automatisch das Radio anging. Der Berliner Rundfunk brachte eine Meldung über den Brand einer U-Bahn im Verbindungstunnel zwischen den Linien A und E am Alexanderplatz. Ich kannte den Tunnel von meinen Kontrollgängen und ahnte, wie schwer dort ein Brand zu bekämpfen sein würde. Der Verkehr auf beiden Linien war komplett unterbrochen. Danach kam ein Bericht über die neusten Vorschläge der UdSSR an die USA zum Stopp des Wettrüstens und das übliche Blabla.

Ich knipste das Radio aus, entsorgte im Aufenthaltsraum die reichlichen Reste des Kuchens und setzte mich an das Diensttelefon. Nach einem Dutzend Versuchen kam ich endlich durch.

„Ich hätte gerne die Nummer von Familie Meier aus Premnitz, Nexöstraße.“ Der Name schien mir für einen Treffer am vielversprechendsten.

„Hausnummer?“, fragte das Fräulein vom Amt.

„Oh, die weiß ich gerade nicht.“

„Einen Moment bitte!“

Knacken, Schnarren und Rauschen im Apparat.

„Meinen Sie Meier, Harald in der Nexöstraße fünfundzwanzig oder Meier, Dieter in der drei?“

Mich durchfuhr ein Gefühl des Triumphes. Ich knallte den Hörer auf und vollführte ein Freudentänzchen. Gleich am Montag, nach meinen drei Nachtschichten, wollte ich zu Emilia nach Premnitz fahren. Jetzt fehlten mir nur noch ihr Nachname und die Hausnummer.