Erika Roman 1 – Liebesroman - Diane Meerfeldt - E-Book

Erika Roman 1 – Liebesroman E-Book

Diane Meerfeldt

3,0

Beschreibung

82 Seiten dramatische Handlungsverläufe, große Emotionen und der Wunsch nach Liebe und familiärer Geborgenheit bestimmen die Geschichten der ERIKA-Reihe - authentisch präsentiert, unverfälscht und ungekürzt! Die Familie saß an dem großen, langen Tisch im Eßzimmer. Dort, wo früher Christoph Eggebrechts Platz gewesen war, saß heute sein ältester Sohn Leopold. In diesem Augenblick allerdings saß er nicht, sondern stand. Er stand mit erregt vorgebeugtem Oberkörper und hämmerte mit der Faust auf die polierte Tischplatte. "Dieses Testament ist eine Schande", schrie er, "wir können uns so etwas auf keinen Fall gefallen lassen! Auf keinen Fall! Ich weiß nicht, was Vater sich eigentlich dabei gedacht hat, aber wir müssen etwas dagegen unternehmen." Einen Augenblick herrschte Schweigen. Leopold Egge­brecht sah die Familienmitglieder der Reihe nach an, als wolle er ihnen noch einmal einhämmern, daß man unbedingt etwas unternehmen müsse. Es war seine Schwester Natalie, die jüngste der vier Egge­brecht-Töchter, die das Schweigen brach. "Und was willst du unternehmen?" fragte sie mit ihrer tiefen, etwas rauhen Stimme. "Ich meine, hast du einen bestimmten Plan?"

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Erika Roman – 1–

Keine Zeit für Zärtlichkeit

Diane Meerfeldt

Die Familie saß an dem großen, langen Tisch im Eßzimmer. Dort, wo früher Christoph Eggebrechts Platz gewesen war, saß heute sein ältester Sohn Leopold. In diesem Augenblick allerdings saß er nicht, sondern stand. Er stand mit erregt vorgebeugtem Oberkörper und hämmerte mit der Faust auf die polierte Tischplatte.

»Dieses Testament ist eine Schande«, schrie er, »wir können uns so etwas auf keinen Fall gefallen lassen! Auf keinen Fall! Ich weiß nicht, was Vater sich eigentlich dabei gedacht hat, aber wir müssen etwas dagegen unternehmen.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Leopold Egge­brecht sah die Familienmitglieder der Reihe nach an, als wolle er ihnen noch einmal einhämmern, daß man unbedingt etwas unternehmen müsse.

Es war seine Schwester Natalie, die jüngste der vier Egge­brecht-Töchter, die das Schweigen brach. »Und was willst du unternehmen?« fragte sie mit ihrer tiefen, etwas rauhen Stimme. »Ich meine, hast du einen bestimmten Plan?«

Leopold Eggebrecht schwieg.

»Na also«, sagte seine Schwester ruhig, »das habe ich mir doch gedacht. Ihre Stimme klang scharf, als sie fortfuhr: »Du solltest alt genug sein, Leopold, um nicht immer so töricht zu schwätzen.«

Leopold brauste auf. »Ich werde etwas unternehmen, darauf kannst du dich verlassen. Das bin ich der Familie und unserem Namen schuldig.«

»Quatsch«, entgegnete Natalie scharf. »Es würde dir nichts schaden, wenn du bei anderen Gelegenheiten öfter daran denken würdest, was du unserem Namen schuldig bist.«

Leopold Eggebrecht bekam einen roten Kopf. Die anderen Familienmitglieder sahen betreten vor sich hin. Außer Natalie und Leopold saßen noch fünf Personen an dem großen Tisch: ihre Schwestern Gertrud und Rudolfine mit ihren Männern und Susanne Diettmer, die Urenkelin des alten Christoph Eggebrecht.

Eigentlich hätte Susannes Großmutter, die Älteste der Schwestern Eggebrecht, hier sitzen müssen. Aber sie war schon seit fünfzehn Jahren tot. Und ihre einzige Tochter, Susannes Mutter, war kurz darauf bei einem Autounfall, gemeinsam mit ihrem Mann, ums Leben gekommen. So hatte die achtjährige Susanne auf einmal allein in der Welt gestanden, ohne Vater und Mutter. Damals hatte Natalie Eggebrecht das Kind zu sich genommen und großgezogen. Zwischen Mutter und Tochter hätte es kein innigeres Verhältnis geben können, als es zwischen Natalie Egge­brecht und ihrer Großnichte bestand. Die unverheiratete Natalie schenkte alle Liebe, deren ihr Herz fähig war, Susanne. Und Susanne wußte es ihr zu danken. Die letzten Jahre über war sie allerdings nur selten zu Hause in der alten Eggebrecht Villa gewesen. Sie hatte Volkswirtschaft studiert und vor ein paar Monaten ihr Studium abgeschlossen.

Natalie Eggebrechts Augen ruhten zärtlich auf dem schönen Gesicht des jungen Menschenkindes, das neben ihr saß. Susanne war zum Glücklichsein wie geschaffen, dachte sie, und sie hatte auch schon einen Plan, wie dieses Glück aussehen sollte. Aber davon gedachte Natalie niemandem etwas zu sagen.

Sie schreckte auf, als Ludwig Walber, Gertruds Mann, sich erhob. Er streckte sein spitzes Kinn in die Luft und begann mit seiner hüstelnden Stimme: »Mhm…«, räusperte er sich und wandte sich dann an Natalie. »Du mußt verzeihen, meine liebe Natalie, wenn ich anderer Meinung bin – mhm…«, er hüstelte schon wieder. »Ich bin der gleichen Ansicht wie Leopold, es ist tatsächlich unsere Pflicht, gegen Papas Testament etwas zu unternehmen. Ich sage das als Mann und Vertreter eurer Schwester Gertrud. Wir könnten…«, wieder räusperte er sich, »wir könnten dieses Testament – mhm – anfechten!« Damit setzte er sich.

Einen Augenblick lang herrschte Stille im Raum. Etwas Ungeheuerliches war ausgesprochen worden. Den letzten Willen von Christoph Eggebrecht anfechten! Christoph Eggebrechts Kinder duckten sich in scheuer Furcht. Während ihres ganzen Lebens hatten sie es nie gewagt, sich gegen den Willen des Vaters aufzulehnen, weder Leopold noch Gertrud noch Rudolfine. Natalie allerdings, hatte oft ihre eigene Meinung gehabt und sie auch zu sagen gewagt. Und merkwürdigerweise pflegte ihr Vater sogar darauf zu hören.

Aber sie war ja auch Vaters Liebling gewesen – so behaupteten die anderen wenigstens. Und das bewies ja auch das Testament.

Sie ahnten nichts von den Gesprächen, die Vater und Tochter manchmal geführt hatten. »Wenn du ein Junge wärst, Natalie«, hatte Christoph Eggebrecht zuweilen gesagt, »dann sähe vieles hier anders aus.«

»Aber Papa…« Natalie war darauf bedacht, den Bruder zu verteidigen, »Leopold ist doch weiß Gott ein gehorsamer Sohn.«

»Ach, Unsinn…«, der alte Herr wurde scharf, »ein Trottel ist er! Mir wäre viel lieber, wenn er ein bißchen weniger gehorsam wäre und etwas mehr eigenes Urteil zeigte. Aber er ist ein weichlicher, engstirniger Schwächling!« Um den Mund des alten Herrn lag ein bitterer Zug. »Und meine Herren Schwiegersöhne«, fuhr er mit Bitterkeit fort, »die sind auch nicht besser.«

Darin mußte Natalie ihm recht geben. Ludwig Walber, Gertruds Mann, hätte ein Bruder Leopolds sein können, was seinen Leichtsinn anging. Er hatte Gertruds Mitgift mit einer Schnelligkeit durchgebracht, die die ganze Familie in Erstaunen versetzt hatte. Und seither lebten sie von der Wohltätigkeit des alten Eggebrecht, denn für eine ehrliche Arbeit war Ludwig Walber sich viel zu schade. Und Christoph Eggebrecht war immer großzügig gewesen und hatte reichlich gegeben.

Dann war da noch Rudolfines Mann, Hubertus von Müller, der neben ihr ganz unten am Tisch saß. Er war klein und grauhaarig, und hin und wieder warf er einen ängstlichen Blick auf seine Frau. Natalie mußte immer ein Lachen unterdrücken, wenn sie die beiden längere Zeit beobachtete. Rudolfine hatte Hubertus von Müller nur geheiratet, weil das »von« ihr in die Augen stach.

Natalie erinnerte sich, wie ihr Vater damals gelacht hatte. »Rudolfine ist närrisch«, hatte er gesagt. Aber in seinem Lachen war auch Bitterkeit gewesen. Der alte Eggebrecht hatte sich so sehr einen tüchtigen Schwiegersohn gewünscht. »Ein einfacher Müller mit etwas mehr Grips wäre mir viel lieber«, hatte er sarkastisch gesagt.

Aber Rudolfine hatte auf ihrem Willen bestanden. Sie hatte ihren Hubertus geheiratet und einen vollendeten Pantoffelhelden aus ihm gemacht.

Der einzige, der nach Christoph Eggebrechts Geschmack gewesen war, war der Mann seiner ältesten Tochter Theresa gewesen. »Paß auf«, hatte er damals zu Natalie gesagt, »der wird noch einmal mein Nachfolger. Er muß noch eine Menge lernen, aber er hat das Zeug dazu.«

Aber der alte Eggebrecht hatte Pech. Theresas Mann fiel im Weltkrieg und ließ Frau und Kind allein zurück. Theresa war damals in das Elternhaus zurückgekommen, mit ihrer Tochter Annemarie, Susannes Mutter.

»Ich habe Pech mit meiner Familie«, hatte der alte Egge­brecht damals gesagt, »die was taugen, sterben mir weg. Oder sie heiraten nicht – wie du! Warum hast du mir das eigentlich angetan?« Er hatte Natalie unter buschigen Augenbrauen her angeblickt.

»Ach Vater…« Natalie hatte schmerzlich gelächelt, »du weißt doch, warum ich nicht geheiratet habe!«

Da hatte er nichts mehr gesagt.

Natalie Eggebrecht hatte einmal einen Mann sehr geliebt. Aber sie hatte sich bescheiden müssen. Denn dieser Mann hatte ihre Schwester Theresa geheiratet. Daß auch sie ihn liebte, sie, die häßliche Natalie, das hatte er niemals erfahren. Niemand außer dem Vater hatte davon gewußt. Und danach hatte Natalie sich entschlossen, nicht zu heiraten.

Natalie Eggebrecht schrak aus ihren Träumereien auf. Die helle, scheppernde Stimme Ludwig Walbers drang wieder an ihr Ohr. »Meine lieben Geschwister«, sagte er und Natalie wehrte sich innerlich dagegen, zu seinen »Geschwistern« zu gehören, »ich wiederhole noch einmal, das Testament muß angefochten werden.«

Wieder herrschte Stille. Der Gedanke war allen ungeheuerlich. Aber dann raffte Leopold sich auf. »Glänzend, mein lieber Schwager«, sagte er, »glänzend! Wir werden das Testament anfechten.« Er blickte Natalie herausfordernd an. »Vater war immerhin fünfund­achtzig, als er starb. Ich kann mir nicht denken, daß er wirklich noch bei Verstand war, als er diese Verfügung traf.« Er erregte sich wieder: »Uns diesen jungen Bengel vor die Nase zu setzen! Er kann nicht zurechnungsfähig gewesen sein, als er das tat!« Er schwieg und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

Natalie seufzte ein wenig. Wenn diese Familiensitzung doch nur schon zu Ende gewesen wäre! Sie hätte gern ein wenig Ruhe gehabt. Diese nutzlosen Gespräche ermüdeten sie. Und außerdem haßte sie den Gedanken, daß sie zehn Tage nach dem Tode ihres Vaters mit anhören mußte, wie seine Kinder ihn zu einem Schwachsinnigen stempeln wollten, nur weil ihnen sein Testament nicht paßte.

Allerdings – dieses Testament war seltsam genug. Und sie konnte den Zorn der anderen verstehen, wenn sie auch wußte, warum der Vater so gehandelt hatte. Er hatte vor allem sein Werk schützen wollen, vor seinen Schwiegersöhnen und auch vor seinem eigenen Sohn. »Die Fabrik darf nicht vor die Hunde gehen«, hatte er zu Natalie gesagt, als er einmal mit ihr über sein Testament gesprochen hatte. Das war seine größte Sorge gewesen, und aus dieser Sorge war das seltsame Testament entstanden, über das seine Kinder sich nun so aufregten.

Heute morgen hatten sie seinen Inhalt erfahren, auch Natalie, die ihn allerdings längst gekannt hatte, denn sie war die Vertraute ihres Vaters gewesen. Danach vermachte Christoph Eggebrecht sein Vermögen, wie erwartet, seinen Kindern. Dieses Vermögen wurde jedoch nicht in fünf, sondern in sechs Teile geteilt. Zwei davon fielen an Natalie. Niemand wußte, warum sie doppelt so viel wie die anderen bekommen hatte. Aber mißgünstig waren sie alle.

Einen Teil bekam Susanne als Enkelin der verstorbenen Theresa, und die anderen Teile gingen an die Geschwister. Über diese Verteilung war schon ein wenig gemurrt worden, aber am schlimmsten wurde es, als die anderen Bedingungen bekannt wurden.

Die Eggebrecht-Werke – so bestimmte Christoph Egge­brecht – sollten in eine GmbH umgewandelt werden. Zwei Geschäftsführer sollten die Betriebe haben. Und das war der Grund für die Aufregung Leopold Eggebrechts! Denn nicht er sollte Geschäftsführer werden, wie er ganz sicher geglaubt hatte, sondern ein der Familie völlig Fremder. Den zweiten Geschäftsführer allerdings konnte die Familie bestimmen. Doch auch hier hatte Christoph Eggebrecht eingeschränkt. Dieser Geschäftsführer konnte nicht ohne Natalies ausdrückliche Einwilligung gewählt werden. Und das sollte heute geschehen.

Natalie Eggebrecht setzte sich plötzlich aufrecht hin. »Ich möchte etwas zu eurem Plan sagen«, begann sie.

Erwartungsvolle Stille trat ein. Natalie, die sonst nur als die »alte Jungfer« gegolten hatte, war durch das Testament eine wichtige Person geworden! Was sie sagte, zählte!

Natalie Eggebrecht begann: »Es schmerzt mich tief«, sagte sie, »daß ihr das Andenken unseres Vaters durch eine solche Handlung verunglimpfen wollt. Ihr wißt alle, daß Vater bis zu seinem letzten Tage geistig gesund und rege gewesen ist und daß er immer gewußt hat, was er tat. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Lügner. Aber euer Plan beunruhigt mich nicht. Wir haben genug Zeugen, um nachzuweisen, daß Vater völlig klar war. Ihr werdet mit einer Anfechtung niemals durchkommen.«

Betroffenes Murmeln entstand. Daran hatten sie nicht gedacht.

Natalie ließ sich nicht stören. »Ich bin jetzt erst einmal dafür«, fuhr sie fort, »daß wir uns an die Wahl eines Geschäftsführers machen.«

Sie blickte die anderen der Reihe nach an. Das Stimmengewirr verstärkte sich. Nur Leopold schwieg. Er saß ganz ruhig an seinem Platz, aber in seinen Augen las man die erwartungsvolle Spannung, die ihn beherrschte.

Dann erhob sich Ludwig Walber. »Mhm…«, begann er, »mhm – ich bin dafür, daß wir – mhm – Leopold dazu bestimmen. Er ist der einzige Träger des Namens Eggebrecht und wohl – mhm – am besten dazu geeignet.« Erwartungsvoll sah er sich im Kreis um, Leopold Eggebrecht bekam bei diesem Lob, das nicht unerwartet kam – denn er hatte das alles mit seinem Schwager vorher ganz genau festgelegt – einen roten Kopf.

Gertrud Walber nickte ihrem Mann zu, Hubertus von Müller blickte auf seine Frau, und als die ebenfalls zustimmend den Kopf senkte, nickte auch er.

Die junge Susanne sagte nichts. Sie sah Natalie an, von Tante Natalie hing schließlich die Entscheidung ab.

Auch die anderen wandten sich Natalie Eggebrecht zu, die sich noch immer nicht geäußert hatte.

Natalie blickte ihren Bruder eine Weile an. »Mein lieber Leopold«, sagte sie dann, »es tut mir sehr leid für dich, aber – ich kann dieser Wahl nicht zustimmen.«

Am Tisch herrschte tiefes Schweigen.

Leopold Eggebrechts Kopf hatte sich so sehr gerötet, daß es fast so aussah, als müsse er jeden Augenblick einen Schlaganfall bekommen. Er atmete mühsam. Zu sagen vermochte er nichts.

Da sprang sein Schwager ein. »Und warum nicht, meine liebe Natalie?« fragte Ludwig Weiher mit öliger Freundlichkeit.

»Weil unser Vater niemals ­damit einverstanden gewesen wäre«, gab Natalie ruhig zurück. »Das wißt ihr alle. Es tut mir leid, daß ich so deutlich sein muß, mein lieber Leopold, aber es geht nun einmal nicht anders. Vater würde deiner Wahl niemals zugestimmt haben. Deshalb kann ich es auch nicht. Wenn es dich tröstet …«, fügte sie hinzu, »ich halte auch niemanden anders von unseren männlichen Angehörigen für fähig, ganz zu schweigen von deinem hoffnungsvollen Sprößling.«

Da sprang Leopold Egge­brecht auf. »Ich verbitte mir das«, schrie er. »Aber ich weiß ja, daß du mich immer gehaßt hast. So sehr, daß du diesen Haß sogar auf meinen Sohn überträgst.«

»Unsinn«, sagte Natalie. »Ich hasse weder dich noch deinen Sohn Jürgen. Ich weiß nur, genau wie Papa das gewußt hat, daß du zur Leitung des Werkes nicht geeignet bist. Es tut mir leid, aber ich muß dir das in aller Offenheit sagen. Und ich weiß auch, daß dein Sohn hoffnungslos verzogen worden ist. Und wenn ihr tausendmal den Namen Eggebrecht tragt, das allein zählt nicht, Die Werke verlangen Tüchtigkeit. Und es kommt mir keiner in die Fabrik, der nicht tüchtig ist. Nicht, solange ich lebe!«

Sie schwieg.

Wieder erhob sich erregter Tumult.

Natalie störte sich nicht daran. Sie lächelte Susanne an, die ein ganz verstörtes Gesicht machte.

Dann erhob Ludwig Walber sich wieder. Er hüstelte. »Und wen, meine liebe Schwägerin, schlägst du für diesen Posten vor, wenn wir das fragen dürfen?«

»Du darfst fragen«, sagte Natalie mit ihrer rauhen Stimme. »Ich werde dir sogar antworten: Für diesen Posten schlage ich unsere Nichte Susanne vor.« Das schlug ein wie eine Bombe!

»Unmöglich!«

»Verrückt geworden.«

»Nicht ganz gescheit!« So ging es hin und her.

»Tante Natalie!« flüsterte Susanna verwirrt.

Natalie drückte ihr beruhigend die Hand. Sie wartete, bis es ruhiger wurde. Dann wandte sie sich an ihre Großnichte. »Mein liebes Kind…«, begann Natalie Eggebrecht. »Ich weiß, mein Vorschlag kommt nicht nur für unsere Verwandte, sondern auch für dich selbst überraschend. Aber ich bin durchaus in der Lage, diesen Vorschlag zu begründen und zu verteidigen. Der Haupteinwand wird wohl sein, du seist noch zu jung. Dagegen sage ich …«, Natalie Eggebrecht sah sich in dem stillgewordenen Kreis um, »daß junge Esel mir auf jeden Fall lieber sind als alte. Aber du bist keineswegs ein Esel! Jeder von uns weiß, daß du deine Examina glänzend bestanden hast. Natürlich fehlt dir die Praxis. Aber wo könntest du sie besser erwerben als in den Eggebrechtwerken? Das ist ja nur eine Frage der Zeit. Und außerdem gibt es im Werk noch ein paar tüchtige Leute aus Großvaters Zeiten, die dir über die Anfangsschwierigkeiten sicher gern hinweghelfen werden. Ganz zu schweigen von unserem neuen Geschäftsführer, Herrn Amsinck.«

Natalie wurde von empörtem Gemurmel unterbrochen. Sie wartete. Sofort wurde es wieder ruhig. »Wie dem auch sei«, fuhr sie fort und wandte ihre Augen von dem jungen Mädchen ab, das ganz benommen und verlegen dasaß. »Ich werde zu keiner anderen Wahl meine Zustimmung geben!« Sie setzte sich hin.

Die anderen schwiegen.

Dann sagte Rudolfine von Müller. »Also gut! Dann wählen wir eben überhaupt keinen Geschäftsführer!« Sie blickte ihre Schwester über ihr Lorgnon hinweg feindlich an.

»Tu mir einen Gefallen und steck das Ding weg«, sagte Natalie ungerührt. »Ich weiß, daß deine Augen gut genug sind, um mich auch so ganz genau zu sehen.«

Rudolfine schoß ihr einen giftigen Blick zu.

Aber Natalie ließ sich nicht davon beeindrucken. »Ihr könnt machen, was ihr wollt«, sagte sie dann zu den anderen. »Wenn ihr keinen Geschäftsführer wollt – auch gut! Ich möchte euch in diesem Fall nur darauf aufmerksam machen, daß die Familie Eggebrecht dann überhaupt nicht in der Leitung der Werke vertreten ist und der von euch so geschätzte Herr Amsinck allein regieren kann. Wenn euch das also an­genehmer ist«, sie zuckte mit den Achseln.

Dieses Argument leuchtete allen sofort ein. Sie beugten sich über den Tisch und tuschelten miteinander. Dieser Amsinck sollte allein die Geschäfte führen? Unmöglich! Dann nahm man schon lieber die junge Susanne in Kauf. So ärgerlich es auch war, daß man der starrköpfigen Natalie nachgeben mußte.

So bekam Natalie Egge­brecht nach langem Hin und Her ihren Willen und die junge Susanne wurde Geschäftsführerin der Eggebrecht-Werke.

*

Zuletzt blieben nur noch Natalie und Susanne in der Eggebrechtschen Villa zurück. Natalie stellte ihren Stuhl an den Tisch. »Komm, Kind«, sagte sie zu Susanne, »laß uns in den Salon gehen. Da ist es gemütlicher. Grete hat, glaube ich, auch schon den Tee bereitgestellt.«

Sie gingen in den altmodischen Salon hinüber, der seit Jahren schon Natalies Wohnzimmer war. Als sie Platz genommen hatten und Natalie die Tassen vollschenkte, sagte Susanne: »Das hättest du nicht tun sollen, Tante Natalie.«

Natalie brummte unwillig etwas vor sich hin, dann antwortete sie: »Laß gut sein, Susanne. Mein Vater hat schon gewußt, was er tat, als er sein Testament machte. Und ich weiß es auch.« Sie tätschelte die Hand des jungen Mädchens. »Du wirst schon alles richtig machen. Du bist eine Eggebrecht, wie mein Vater sie sich vorgestellt hat. Ich bin sicher, daß er mit mir einverstanden wäre. Und du wirst schon alles gut machen.«

Susanne hob ihre Tasse und nahm einen Schluck, dann sagte sie: »Ich weiß nicht genau, Tantchen, ich fürchte mich fast. Am liebsten hätte ich abgelehnt.«

Natalie sah auf. »Warum?«

Susanne zögerte. »Erstens«, begann sie dann, »habe ich gar keine Praxis und Erfahrung. Und die Eggebrechtwerke erfordern eine ganze Menge Arbeit. Und zweitens – ich habe keine Lust, mit diesem Herrn Amsinck zusammenzuarbeiten.«

»Und warum nicht?« fragte Natalie Eggebrecht.

Susanne nahm eines der lecker zurechtgemachten Brötchen. »Ich halte nichts von ihm«, sagte sie.

»Aber Susanne!« Natalie Eggebrecht war ganz entrüstet. »Er ist sehr tüchtig.«

Susanne zuckte die Achseln. »Mag sein. Aber ich glaube, daß Onkel Leopold in diesem Fall recht hat. Dieser Amsinck hat sich Urgroßvaters Wohlwollen erschlichen. Und das ist ihm ja auch gelungen.«

»Ach was…« Natalie war ärgerlich, »du hast dir einen Floh ins Ohr setzen lassen. Du kennst ihn doch gar nicht.«

»Ich habe ihn einmal ganz kurz gesehen.«

»Und da machte er dir den Eindruck eines Erbschleichers?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich weiß nicht einmal mehr, wie er aussieht. Aber Onkel Leopold erzählte, daß dieser Amsinck ganz arm gewesen sei, als er in die Fabrik eintrat. Da hat er gedacht, daß das seine große Chance sei. Und hat Urgroßvater entsprechend beeinflußt. Deshalb mag ich ihn gar nicht.«

Natalie blickte Susanne nachdenklich an. Dann lächelte sie ein wenig. »Ich finde«, sagte sie und betonte das »ich«, »daß er ein reizender, junger Mann ist. Aber vielleicht hat er sich auch mein Wohlwollen auf geheimnisvolle Weise erschlichen.«

In ihrer Stimme war ein wenig Spott. »Wie dem auch sei – wenn du so denkst, ist es ja doppelt wichtig, daß jemand von der Familie in der Fabrik ist. Damit er uns nicht übers Ohr haut. Also…?«

Da nickte Susanne Diettmer ergeben. Gegen Tante Natalies Willen kam man nicht an.

*

Der Mann, von dem an diesem Nachmittag so viel die Rede gewesen war, ahnte nichts von dem, was Gutes und Schlechtes über ihn gesagt worden war. Aber auch wenn er es geahnt hätte, so würde es ihn wenig gestört haben.

Denn Stephan Amsinck gehörte nicht zu den Menschen, die auf das Gerede anderer Leute etwas geben. Außerdem steckte er bis über den Kopf in Arbeit und hatte gar keine Zeit, sich um gute oder üble Nachreden zu kümmern.

Stephan Amsinck war dreiunddreißig Jahre alt und seit fast zehn Jahren in den Egge­brechtwerken tätig.

Leopold Eggebrecht hatte recht, Stephan war arm gewesen, ganz arm, als er gleich nach seinem Studium die Stellung in den Werken bekam. Er hatte ganz unten angefangen, aber er hatte die Möglichkeit gehabt, sich hochzuarbeiten. Und das hatte er getan. Als er seine Tüchtigkeit bewiesen hatte, da war ihm der alte Egge­brecht ein väterlicher Freund geworden, der ihm mit Rat und Tat zur Seite stand und ihm alle Wege ebnete. Bis zum Prokuristen war er aufgestiegen.

Und mehr und mehr hatte Christoph Eggebrecht in den letzten Jahren die Geschäfte in Stephans Hände gelegt.

Stephan Amsinck saß tief in Gedanken an seinem Schreibtisch.

Nun hatte er die Arbeit doch unterbrochen.

Aber das passierte ihm manchmal in diesen Tagen, seit der alte Mann nicht mehr da war und der große Schreibtisch gegenüber dem seinen immer leer stand.

Dort hatte der alte Egge­brecht gesessen, zwei Tage vor seinem Tod noch!

Ein Gefühl der Einsamkeit überkam den Jüngeren. Er rückte an der schwarzen Krawatte, die er trug als Zeichen der Trauer um den Toten. Ja, er trauerte! Stephan schien es, als habe er einen unersetzlichen Verlust erlitten.

Christoph Eggebrecht war der einzige Mensch gewesen, der sich um Stephan Amsinck gekümmert hatte.

Stephan hatte die Kinderzeit in einem Heim verbracht. In einem sehr guten und teuren Heim! Aber Liebe hatte man ihm dort nicht viel geboten. Und er hatte oft nachts geweint, weil er nicht begreifen konnte, daß er keinen Vater und keine Mutter hatte.

Man hatte es ihm zwar erklärt. Tot seien seine Eltern, hatte man ihm gesagt. Aber begriffen hatte er es trotzdem nicht.