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Stellas Leben war perfekt, bis zu diesem einen Abend, an dem ihre große Liebe Jakob plötzlich aus ihrem Leben gerissen wurde. Der Schmerz und die Trauer sitzen tief, denn ihr gemeinsames Leben hatte gerade erst so richtig begonnen. Zurückgezogen in ihrem Schneckenhaus trauert die junge Frau vor sich hin, bis sie von ihren Freunden daraus langsam hervorgeholt wird. Der festen Überzeugung, niemals die Liebe wiederzufinden, lernt sie eines Abends den charmanten Vincent und seinen besten Freund Leo kennen. Und plötzlich landet sich Stella in einem sowohl romantischen als auch gefährlichen Abenteuer.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2020
SABRINA GROSS
***
ERINNERUNG AN LIEBE
© 2020 Sabrina Gross
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-16721-6
Hardcover:
978-3-347-16722-3
e-Book:
978-3-347-16723-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kapitel 1
„Stella, beeil dich!“
Stella stand im Bad und war gerade dabei Wimperntusche aufzutragen, als die ungeduldige Stimme ihrer besten Freundin durch die Tür drang.
Seit eineinhalb Jahren drängten sie ihre Freunde Julia und Ben fast jedes Wochenende dazu, mit ihnen auszugehen – in Bars, Discos, auf Partys und Festivals. An sich war das ja gar nicht so verkehrt, Stella wusste auch genau, dass Julia und Ben es nur gut mit ihr meinten. Aber oft wurde sie von irgendwelchen Aufreißern angebaggert und darauf hatte sie wenig Lust. Es gab Tage, da wurde sie kaum oder sogar gar nicht angesprochen. Aber es gab auch Tage, an denen es die Männer offenbar auf sie abgesehen hatten. Wenn die Machos Stella einfach in Ruhe lassen würden, hätte sie viel mehr Spaß daran, mit Julia und Ben auszugehen. Stella war auch nicht wirklich klar, warum gerade sie dauernd angesprochen wurde. Sie fand sich selbst zwar hübsch, aber nicht besonders – ganz normal eben. Ihr braunes, mittellanges Haar fiel voluminös um ihren Kopf, sie war 1,70 Meter groß und schlank. Eine ganz normale, durchschnittliche junge Frau, nichts Außergewöhnliches, wie Stella fand. Aber scheinbar hatte sie auf die Männerwelt oft eine andere Wirkung. Jakob hatte zu ihr immer gesagt, sie habe eine Ausstrahlung, die sie wie ein Leuchtschimmer umgeben würde und das habe seine Aufmerksamkeit sofort auf Stella gelenkt, als er sie damals zum ersten Mal gesehen hatte. Sie fand es unglaublich süß und war auch der festen Überzeugung, dass Jakob das genau so gemeint hatte, wie er es gesagt hat, aber sie dachte immer, das sei nur seine Meinung.
„Immer diese Frauen! Dass ihr immer so lange im Bad brauchen müsst! Bei der männlichen Spezies ist das viel einfacher: sauberes T-Shirt, saubere Hose, fertig“, neckte Ben durch die Tür. Er war ein attraktiver junger Polizist, dem die Frauen eigentlich nur so zufliegen müssten, doch Ben selbst sagt immer er hätte keine Zeit für eine Beziehung und sei zudem mit seinen beiden Mädels – so nannte er Stella und Julia immer – vollkommen ausgelastet. Stella vermutete aber heimlich, dass Ben sich in Julia verguckt hatte, sich aber nicht traute ihr das zu sagen oder zu zeigen. Vielleicht hatte er es selbst noch nicht mal bemerkt? Manchmal waren die Mädels auch so gemein und neckten ihn genau damit. Ben war aber niemals böse auf die beiden, denn er ärgerte sie immerhin auch sehr gerne. Die drei hatten seit langem ein Level der Freundschaft erreicht, auf dem man sich aufziehen konnte, ohne dass irgendjemand verletzt war und das war goldwert. Die drei kannten sich schon von Kindesbeinen an, sie hatten sich im Kindergarten kennengelernt, später besuchten sie die selbe Klasse in der Grundschule. Ben war danach aufs Gymnasium, Stella und Julia zur Realschule gegangen. Der Kontakt zu Ben wurde in der Zeit dann etwas seltener, weil er oft Nachmittagsunterricht hatte. Die wichtigen Dinge, wie das erste Mal verliebt sein, der erste Liebeskummer und ähnliches bekam er aber selbstverständlich mit und war für seine Mädels da. Stella und Julia hatten sich dann nach dem Abschluss erst aus den Augen verloren und nur noch über Messenger Kontakt, weil sie beide erstmal mit der Umstellung „Berufsleben“ klarkommen mussten. Doch schon bald hatten sie vereinbart, dass sie sich mindestens einmal in zwei Wochen sehen wollten – immer am Wochenende und wenn es ging sollte Ben selbstverständlich dabei sein. Sie waren oft feiern gegangen oder hatten sich einfach einen gemütlichen Abend bei einem zu Hause gemacht. Es war eine wunderschöne Zeit und Stella musste ob der Erinnerung lächeln. Selbst als Stella Jakob kennenlernte, tat das der Freundschaft keinen Abbruch. Anfangs war Jakob ein wenig eifersüchtig auf Ben, das legte sich aber schnell, als er merkte, dass es absolut keinen Grund dafür gab. Man konnte fast sagen, aus dem Dreier-Team wurde ein Vierer-Team. „Ja, aber mal ehrlich Ben: es gibt Männer die länger im Bad brauchen als Stella!“, konterte Julia.
„Leute! Haltet die Klappe oder ich schmink mich ab und bleib zu Hause, klar?“
Stella vernahm noch ein Gemurmel vor der Tür, verstand aber nichts. Sie räumte ihr Make-up in den Schrank zurück und trat aus dem Bad.
„Zufrieden?“
„Du bist umwerfend hübsch, wie eh und je“, lächelte Ben.
„Haha.“ Stella versetzte ihm einen leichten Klaps auf die Schulter. „Schau lieber mal nach rechts!“ Ben drehte den Kopf zu Julia und sah sie forschend an. Das weinrote, taillierte Kleid das Julia heute trug, stand ihr ausgezeichnet und passte perfekt zu ihrem langen schwarzen Haar. Fast ein bisschen neidisch musterte Stella ihre beste Freundin.
„Da macht man euch Frauen mal ein Kompliment, dann ist‘s auch wieder nicht recht!“, wandte Ben sich wieder an Stella. „Aber du hast recht: Julia sieht heute ebenfalls wunderschön aus.“ Bei den letzten Worten, hatte Ben sich wieder zu Julia gedreht und sah ihr direkt in die Augen.
„Nur heute?“, lachte Julia und sah Ben unverwandt an.
„Wo gehen wir gleich nochmal hin? Hangover-Party?“, wechselte Stella das Thema. Da sie sich meist nicht merkte, wohin ihre Freunde sie schleppen wollten, fiel es nicht weiter auf, dass sie gerade Ben vor einem möglichen Fettnäpfchen gerettet hatte.
Julia verdrehte gespielt genervt die Augen: „Hangover ist morgen! Heute gehen wir ins Base.“
Das Base war eine Disco ganz in der Nähe mit guter Musik und guten und bezahlbaren Drinks. Stella mochte das Base an sich sehr gerne, aber auch viele Machos gingen hin. Und, als hätte Stella ein Leuchtschild (oder den Schein, wie es Jakob beschrieben hatte) über ihrem Kopf, kamen alle Aufreißer zu ihr und ließen irgendwelche Anmachsprüche ab. Bei anderen Mädels funktionierte das vielleicht und sie sprangen drauf an, aber nicht bei Stella. Sie war nicht der Typ für One-Night-Stands. Sie war eine Träumerin: Beziehung und Sex waren für sie zwei Dinge die nicht ohne einander funktionierten. Aber für die meisten Jungs, so kam es ihr vor, ging es nur um das Eine. Die wirklich Guten, trauten sich vermutlich einfach nicht sie – oder eine andere Frau – anzusprechen. Fast so wie Ben.
„Wir werden schon noch den Richtigen für dich finden, Stella“, munterte Julia sie auf, als wüsste sie was sie gerade dachte.
„Den Richtigen hatte ich schon!“, erwiderte Stella mit trauriger Miene.
Stella hatte Jakob im Zuge ihres Bürojobs kennengelernt, als sie schon ein Jahr in der Firma arbeitete. Er war im Lager der selben Firma angestellt. Für gewöhnlich kamen die Lagerarbeiter nicht ins Büro oder andersrum. Der Schichtbeginn und die Pausenzeiten der Lagerarbeiter wichen auch von den Arbeits- und Pausenzeiten der Büroangestellten ab, sodass man sich im Grunde nie über den Weg lief. Doch Jakob hatte an jenem Tag früher Feierabend machen müssen wegen eines Termins und war dann draußen auf dem Parkplatz Stella und ihrer Kollegin und Freundin Hannah über den Weg gelaufen. Jakob hatte immer gesagt, dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen sei, Stella hingegen hatte Jakob nur halb wahrgenommen. Ab dieser Begegnung hatte Jakob nach seiner Frühschicht immer wieder auf das umwerfende Mädchen auf dem Parkplatz gewartet und sich nach einigen Tagen sogar getraut sie anzusprechen – genau so hatte er es immer erzählt. Stella fand Jakob sehr nett, sie tauschten Handynummern, trafen sich des Öfteren. So führte dann Eins zum Anderen und sie wurden ein Paar. Nach 6 Jahren Beziehung fingen sie an, an ihren Zukunftsträumen zu bauen: Haus, Hochzeit und zwei Kinder. Bis zum Haus waren sie gekommen, eine Immobilie von Stellas Vater. Er besaß mehrere Häuser in der Gegend, die er vermietete. Als Stella den Wunsch äußerte, mit Jakob zusammenziehen zu wollen, kümmerte sich Stellas Vater darum, eins seiner Häuser frei zu bekommen und innerhalb kurzer Zeit war Stella stolze Besitzerin eines zweistöckigen Eigenheimes. Alles war so perfekt! Stella und Jakob hatten sich gut eingelebt im neuen Heim und Stella vermutete, dass Jakob ihr einen Antrag machen wollte. Es war wirklich die große Liebe zwischen den beiden. Doch dann kam diese eine Nacht, die alles zerstörte! Jeden Traum, jeden Plan, jedes Ziel das sich die beiden gesetzt hatten war innerhalb weniger Sekunden einfach so vernichtet.
Jakob war oft mit dem Rad in die Arbeit gefahren – auch in die Spätschicht, welche um 22 Uhr endete. Stella hatte immer auf ihn gewartet und nicht geschlafen, bis Jakob zu Hause war. Er hatte sie immer in den Arm genommen, geküsst und gesagt, sie müsse nicht auf ihn warten, aber Stella tat es trotzdem jedes Mal. Doch eines Mittwochs kam Jakob einfach nicht nach Hause. Es war schon 22: 30 und er war immer noch nicht da! Stella rief ihn auf dem Handy an, doch es ging nur die Mailbox ran. Stella war im Wohnzimmer auf und ab getigert und hatte versucht sich zu beruhigen. Eine halbe Stunde, was war schon eine halbe Stunde? Er würde kommen. Ganz sicher! Doch Stella wusste, dass irgendwas nicht stimmte. Ihr Bauchgefühl sagte, es sei etwas verdammt nochmal nicht in Ordnung! Die Minuten krochen dahin und jedes Mal, wenn sie draußen etwas wahrnahm, bekam Stella Herzklopfen. Sie hoffte immer, das einsame Licht eines Fahrrads zu sehen, das in den Hof fuhr, doch stattdessen hielten um 22: 45 Uhr zwei Autos vor Stellas Haus. Eines davon ein Polizeiwagen. Als sie das sah, stieg Panik in ihr auf. Es war also was passiert! Sie sah, wie zwei Beamte aus dem Streifenwagen stiegen, ein Mann und eine Frau aus dem Wagen dahinter. Ihren Jakob jedoch sah sie nirgendwo. Völlig panisch rannte Stella nur im Pyjama vor die Tür, den Polizisten entgegen.
„Wo ist Jakob?“, schrie Stella die Polizisten an. Einer hob beschwichtigend die Hand. Stella wurde klar, dass keiner der beiden Beamten Ben war, was ihr in dem Moment aber auch egal war. „Wo ist er?“, wiederholte sie kreischend.
„Stella Pfeiffer?“, fragte einer der beiden Polizisten.
Stella nickte.
„Bergmann, mein Kollege Miller“, der Polizist deutete auf den neben ihm stehenden Beamten, „Frau Schmitt und Herr Kuhn“, er deutete auf die beiden Beamten in Zivil. „Können wir kurz mit Ihnen reinkommen?“ Um Stella begann sich alles zu drehen, sie musste sich zusammenreißen, um ihre Aufmerksamkeit und Konzentration auf den Beamten zu lenken, doch die Art wie er mit ihr sprach, sagte fast schon alles. Bitte, bitte lass ihn nur im Krankenhaus liegen! Bitte!, flehte Stella innerlich. Sie nickte abermals und ging voraus ins Haus, dann in die Küche. Dort angekommen ergriff der gleiche Polizist wieder das Wort: „Frau Pfeiffer, Sie sind die Lebensgefährtin von einem Herrn Jakob Vogt?“ Jakob, ich flehe dich an, hab nur etwas Großes angestellt! Das kriegen wir hin!, flehte Stella weiter vor sich hin. Sie nickte wieder nur.
„Es tut mir leid, Ihnen die Mitteilung machen zu müssen, aber Ihr Lebensgefährte ist in einen Verkehrsunfall verwickelt worden. Zwei junge Männer haben ein Autorennen veranstaltet, einer sah Herrn Vogt rechtzeitig und konnte ihm ausweichen, der zweite Fahrer nicht mehr. Ihr Lebensgefährte ist den Verletzungen noch an der Unfallstelle erlegen. Es tut mir sehr leid.“ Tränen stiegen in Stellas Augen, in ihrem Kopf brach das Chaos aus, sie drohte den Halt zu verlieren. Auf dem Stuhl sitzend und an der Tischplatte festgeklammert hatte sie doch das Gefühl zu fallen. Alles drehte sich und der Raum schien gleichzeitig Kopf zu stehen. „Nein!“, drang es heiser aus ihrer Kehle. „Nein. Nein! NEIN!“, begann sie zu schreien und zu schluchzen. Die Zivilbeamtin drückte Stellas Hand.
„Ich weiß, wie unglaublich schrecklich das für Sie sein muss“, ergriff der zweite uniformierte Beamte das Wort, „Sollen wir irgendjemanden für Sie anrufen? Einen Seelsorger? Einen Psychologen?“ Stella hörte die Worte wie durch eine Nebelwand. Das durfte nicht sein! Jakob tot? Für immer weg? Nein! Das konnte nicht sein! Die Polizisten mussten sich irren! „Sie lügen!“, brach es hysterisch aus Stella heraus, kaum, dass die Gedanken richtig in ihr Bewusstsein vorgedrungen waren. „Sie lügen! Jakob lebt! Das ist alles ein verdammt schrecklicher und geschmackloser Scherz! Sie lügen!“ Die Hysterie und Verzweiflung begannen, die Herrschaft über Stella zu übernehmen. Sie war aufgesprungen und trommelte mit den Fäusten auf die Brust des Beamten ein, bis zwei Hände sie sanft aber bestimmt wegzogen und in die Arme nahmen. „Nein, wir wünschten es wäre so! Der verunglückte Fahrradfahrer ist ihr Lebensgefährte. Er hatte Ausweispapiere dabei, die Identität konnte zweifelsfrei festgestellt werden. Es tut mir so leid für Sie.“ Schluchzend, weinend und zitternd lag Stella in den Armen der Frau und wusste nichts mehr. Ihr Kopf war wie leergefegt. Sie war unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen oder auch nur zu denken.
„Sollen wir jemanden für Sie anrufen?“, fragte nochmals eine Stimme und es dauerte bis die Worte Stella erreicht hatten und sie darauf reagieren konnte. Die ersten beiden Namen, die ihr einfielen waren Julia und Ben. Es dauerte noch einige Sekunden, bis Stella fähig war zu sprechen: „Ben, ein Kollege von Ihnen aus Auting.“
Ein uniformierter Beamter ging aus der Küche und sprach etwas in sein an der Brust befestigtes Funkgerät, kam nach kurzer Zeit zurück und sagte: „Ben wird von der Zentrale informiert, er solle herkommen. Sollen wir sonst noch jemanden anrufen? Eltern? Seelsorger? Psychologen? Ich denke…“
„Nein!“, fiel Stella ihm ins Wort.
Der Beamte, den Stella unterbrochen hatte, wollte noch etwas sagen, doch sein Kollege hielt ihn zurück und flüsterte etwas, das Stella nur halb verstand. Sie konnte sich aber zusammenreimen, dass es um Ben ging und er die Abläufe ebenso kannte. Von Schluchzern geschüttelt und noch immer weinend sah Stella die vier Beamten an. „Frau Pfeiffer, Frau Schmitt und Herr Kuhn werden hier bleiben, bis Ben da ist und wenn Sie möchten auch noch länger. Sie sind vom KIT, ich weiß nicht ob Ihnen das was sagt? Wir wünschen Ihnen viel Kraft und alles Gute für die kommende Zeit!“, Herr Bergmann sah Stella mit aufrichtiger Anteilnahme an und drückte ihre Hand, auch der Kollege drückte ihr die Hand mit den Worten „Alles Gute!“. Sie nickten Frau Schmitt und Herrn Kuhn kurz zu und verließen die Küche. Kurz drauf fuhr ein Auto weg. Vom KIT? Also keine Polizisten, wie Stella erst angenommen hatte. Das Kriseninterventionsteam, kurz KIT, kannte Stella aus Erzählungen von Ben. Das waren speziell ausgebildete Leute, die von der Polizei bei schlimmen Unfällen oder Vorfällen hinzugezogen wurden. Sie waren für Unfallbeteiligte und Angehörige von Verstorbenen da. Doch Stella konnte mit den beiden nichts anfangen, sie wollte allein sein. Nein, sie wollte, dass Ben und Julia endlich kamen! Hoffentlich hatte Ben auch Julia angerufen! Wo blieben die beiden? Stella kam es unendlich lange vor, bis ihre Freunde da waren, das KIT noch ein wenig mit ihr sprach und auch mit Ben ehe sie endlich das Haus verließen.
Das Ganze war jetzt zwei Jahre her, aber Stella fiel es noch immer schwer darüber zu reden. Ein halbes Jahr hatte sich Stella verkrochen und wollte Nichts und Niemanden sehen. Sie ging in die Arbeit, dann nach Hause und am nächsten Tag wieder in die Arbeit. Die Wochenenden verbrachte sie ebenfalls zu Hause, meist auf dem Sofa zusammengekauert. Stella konnte auf ihre Familie und ihren Freundeskreis zählen. Jeder bot Hilfe an und war besorgt um Stella, doch niemand konnte ihr den Schmerz nehmen, der bis heute andauerte. Julia und Ben wollten irgendwann nicht mehr zusehen wie sich Stella in ihrem Schneckenhaus verkroch. Sie fingen an, Stella mit auf Partys zu schleppen, damit sie mal wieder unter Leute kam. Anfangs war es für Stella der Horror, denn sie fühlte sich, als würde sie Jakob verraten und hintergehen. Sie hatten sich ewige Liebe geschworen, wenn auch noch nicht offiziell, aber es war einfach klar. Und jetzt sollte sie ausgehen? Ohne ihn? Mit anderen Männern flirten? Nein!
Inzwischen hatte Stella sich daran gewöhnt. Die Machos waren zwar nervig aber es machte auch Spaß mit Julia und Ben unterwegs zu sein und sich auch über den Ein oder Anderen lustig zu machen, der versuchte, mit einem doofen Spruch Stellas oder auch Julias Gunst zu erlangen.
Zwei Typen hatte Stella bisher eine Chance gegeben, von denen sie dachte sie wären anständig. Doch innerhalb kürzester Zeit stellte sich heraus, dass sie es nicht ernst gemeint hatten. Seither machte Stella sich wenig Hoffnung einen neuen Freund auf einer Party oder in einer Bar zu finden – nicht dass sie das überhaupt gewollt hätte.
Stella atmete einmal tief durch, sah ihre beiden Freunde an, nahm ihre Handtasche und marschierte mit den Worten „Wo bleibt ihr denn?“ Richtung Tür. Julia und Ben sahen sich erleichtert an. Das hatte Stella zwar nicht gesehen, aber sie kannte die beiden gut genug, um zu wissen, dass es so war.
Im Base angekommen, hinterlegten Stella und Julia ihre Taschen in der Garderobe und dann gingen die drei – wie immer – als allererstes auf die Tanzfläche. Noch war wenig los, die Gäste noch zu nüchtern und gehemmt zum Tanzen, doch Julia, Stella und Ben fanden genau das gut. Sie hatten genügend Platz und Euphorie zum Tanzen, sich gegenseitig zu pushen und einfach gemeinsam Unmengen an Blödsinn auf der Tanzfläche zu treiben. Ben war heute besonders gut drauf und vollführte mit Julia und Stella kleine Kunststücke und Hebefiguren und bald lachten die drei mehr, als zu tanzen. Der Club füllte sich langsam und auch die Tanzfläche wurde immer voller und enger.
„Leute, ich brauch was zu trinken“, schrie Julia gegen die Musik an. Ben bedeutete seinen Mädels, dass sie einen Tisch suchen sollten, er würde sich um die Getränke kümmern. „Findest du auch, dass Ben heute auffällig fröhlich und ausgelassen ist?“, fragte Julia Stella, als sie sich an einen freien Tisch gesetzt hatten. Stella nickte und sah sich im Club um. Bisher waren nur normale Leute hier, nichts besonders Auffälliges. Keine Mädels in knappen Glitzerkleidern oder in Minirock und Bauchfrei-Top, keine Typen die lässig rumstanden und die Mädels begutachteten. Aber das würde noch kommen, zu späterer Stunde. Julia hob die Hand, als sie Bens suchenden Blick entdeckte. Er sah sie und steuerte mit drei Gläsern in der Hand den Tisch an. Geschickt stellte er die Gläser ab, ohne einen Tropfen zu verschütten. „Einen Tropica für Julia, einen Coconut-Kiss für Stella und ne Cola für den unglaublich gutmütigen Ben“, lachte er während er die Gläser zu den jeweiligen Besitzerinnen schob. Ben trank allgemein selten Alkohol und war daher meistens der Fahrer. Ihm machte das nichts aus, das Auto fuhr ja und für ihn war es keine große Anstrengung die Pedale zu betätigen, pflegte er zu sagen.
„Unglaublich gutmütig?“, lachte Julia, nahm den Strohhalm ihres Cocktails in den Mund und beobachtete Ben, während sie daran zog. Ben plusterte sich gespielt auf: „Willst du mir damit sagen, dass das nicht so ist?“ Keiner der drei konnte die ernste Miene beibehalten und sie fingen alle gleichzeitig an zu lachen.
„Du bist heute sehr gut drauf, Ben. Gibt’s da was – oder jemanden – von dem wir wissen sollten?“, forderte Julia Ben heraus. Das war einer dieser Wortgefechte, bei denen sich Stella absichtlich raushielt. Grinsend beobachtete sie immer wieder das Spektakel und fragte sich ob die beiden wirklich nicht merkten, dass sie die ganze Zeit über miteinander flirteten? Irgendwann müsste sie es den beiden sagen, wenn sie nicht endlich selber darauf kämen. Einerseits würde Stella sich riesig für die beiden freuen, weil sie wirklich gut zusammenpassen, andererseits kann eine gescheiterte Beziehung auch die langjährige Freundschaft zerstören. Es war eine Gradwanderung. Würden sie sich weiterhin so ausgelassen und neckisch verhalten, wenn sie ein Paar wären? Oder wären sie dann sofort eingeschnappt? Das war schwer zu beurteilen für Stella – auch wenn sie die beiden von Kindesbeinen an kannte.
„Ich hab doch schon die beiden hübschesten Frauen auf der ganzen Welt an meiner Seite. Wen sollte ich da sonst noch haben?“, konterte Ben schelmisch.
„Zwei? Du hast zwei Frauen? Ich wusste es! Du betrügst mich! An den Pranger mit dir!“, empörte sich Julia gespielt.
„Aber holde Maid, das wisst Ihr doch! Die einzig Wahre für mich seid Ihr, aber ich hatte versprochen, auf Eure Freundin mit Acht zu geben. Verzeiht mir!“
„Ruft die Henker zurück. Ich vergebe dir noch ein letztes Mal, Knecht!“
„Ihr seid zu gütig, holde Maid! Darf ich Euch zum Dank einen Kuss geben?“
„Probier dein Glück, Knecht“, grinste Julia. Ben rutschte neben sie, sah ihr tief in die Augen, legte eine Hand auf ihre Wange, schloss die Augen und beugte sich in Zeitlupe zu Julia rüber. Stella hielt die Luft an. Würde er sich tatsächlich trauen Julia zu küssen? Stellas Herz begann zu klopfen und gespannt sah sie die beiden an. Im letzten Moment zog Ben sein Gesicht und auch seine Hand weg, grinste Julia frech an und sagte: „Das war eine Falle von Euch, holde Maid. Ein Knecht darf keine Maid küssen.“ Stella hätte am liebsten laut aufgestöhnt und Ben einen Klaps gegeben, doch sie riss sich zusammen und beobachtete Julias Reaktion. Sie lachte, gab Ben einen Kuss auf die Wange und sagte keck: „Die Maid darf aber den Knecht küssen, wenn sie will.“
„Uaaaahh“, machte Ben, schüttelte sich in gespieltem Ekel und wischte sich die Wange ab. Alle drei lachten, wobei Stella versuchte aus dem Lachen von Julia und Ben rauszuhören, ob es vielleicht nicht ganz echt war, doch keine Chance. Gerade als Julia etwas sagen wollte, trat ein junger Mann an den Tisch und setzte sich neben Stella. Kein gutes Omen. Wenn es so früh schon losging, dass ein Typ sie ansprach, wurde der Abend meist nicht besser. Stella versuchte nicht gleich ablehnend oder genervt zu wirken, doch sie fand es unerhört, dass er sich einfach so dazusetzte. Irgendwie wusste sie schon was jetzt kommen würde: ein grottiger – manchmal sogar noch ein halbwegs akzeptabler – Spruch und die Hoffnung Stella würde sofort drauf anspringen und mit ihm auf die Tanzfläche gehen, da wild knutschen und schließlich auf dem Klo eine Nummer schieben. Okay, das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber im Grunde war was Wahres dran.
„Hey, sieht so aus, als bräuchtest du auch jemanden zum Küssen?“, fragte der Mann an Stella gerichtet.
„Oh Gott! Wie recht du hast! Danke, das wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen!“, ereiferte sich Stella, bedeutete dem Fremden aufzustehen und rutschte hinter ihm von der Bank. Siegessicher blickte der drein und Stella musste sich zusammenreißen, um nicht loszuprusten. Sie ging zu Ben und gab ihm ebenfalls einen dicken Schmatz auf die Backe, drehte sich zu dem verdatterten Typ um, grinste ihn an und sagte, während sie sich zurück auf ihren Platz setzte: „Danke nochmal für den Hinweis!“ Wortlos und offensichtlich gekränkt drehte sich der Verschmähte um, ging Richtung Tanzfläche und war in der Menge verschwunden.
„Stella, Stella!“, tadelte Ben lachend.
„Sorry, aber habt ihr euch den mal angeschaut?“ Stella war für gewöhnlich nicht oberflächlich, doch in der Situation konnte sie sowieso kein gutes Haar an dem Kerl lassen.
„Ja, aber sei doch nicht immer gleich so abweisend und gemein. Hab doch mal ein bisschen Spaß! Ich meine damit nicht, dass du mit den Typen ins Bett springen sollst, aber tanz doch einfach mal mit einem! Und wenn du mal mit einem rumknutscht, bringt dich das auch nicht um!“, sagte Julia ernst.
„Du kennst meine Einstellung dazu, Julia“, erwiderte Stella leicht genervt und bedeutete, dass die Unterhaltung an dieser Stelle beendet war. Julia verdrehte nur noch die Augen, trank ihr Glas leer und ging Richtung Tanzfläche. Die Menschenmenge verschluckte sie genauso, wie den Unbekannten wenige Minuten zuvor.
„Stella, ich weiß du willst das absolut nicht hören, aber ich finde Julia hat recht. Ich kann dich verstehen, dass du genervt bist, aber erstens: Hab doch ein wenig Spaß! Und zweitens: Du kannst, wirst – und wenn du ehrlich bist willst – nicht dein restliches Leben lang allein sein! Gib den Männern doch eine Chance! Nicht jeder ist ein Macho oder Idiot. Gib dir einen Ruck, Stella! Und wenn du nicht immer so ablehnend an die Sache rangehst, traut sich vielleicht auch mal ein Guter dich anzusprechen. Mach’s uns Männern nicht so schwer.“ Ben sah Stella direkt in die Augen, als könnte er dadurch die Worte in ihren Kopf hämmern.
„Ihr versteht es eben nicht!“ Mit diesen Worten stand Stella auf und ging zur Toilette, sperrte sich in eine Kabine, schlug die Hände vors Gesicht und versuchte sich zu beruhigen. Der Abend drohte in einem Desaster zu enden, obwohl er so gut angefangen hatte. Sie konnte aber nicht einfach so mit irgendwem knutschen. Der Typ Mensch war sie einfach nicht. Bei ihr gehörte zum Küssen Gefühl und Leidenschaft. Nach ein paar Minuten atmete Stella tief durch, ging aus der Kabine, wusch sich die Hände und beschloss draußen Julia und Ben zu suchen und ihnen zu liebe nicht mehr so ablehnend gegenüber dem anderen Geschlecht zu sein – wenigstens für heute Abend.
Stella entdeckte Julias hüpfenden Kopf auf der Tanzfläche und bahnte sich einen Weg zu ihr durch. Bei Julia angekommen, tippte Stella ihr auf die Schulter und sah sie nur entschuldigend an. Ein Gespräch war wegen der lauten Musik unmöglich. Etwas verhalten aber durchaus versöhnlich nahm Julia Stella in die Arme, drückte sie kurz und begann dann wieder zu tanzen und Stella zu animieren es ihr gleichzutun. Stella und Julia wurden von mehreren Männern angetanzt und Stella war sich bewusst, dass Julia und Ben – wo auch immer der steckte – sie beobachteten, daher gab sie einem gutaussehenden Kerl eine Chance und begann mit ihm zu tanzen. Erst hielt er noch etwas Abstand – was auf der Tanzfläche ziemlich unmöglich war – doch nach kurzer Zeit legte er seine Hände auf Stellas Hüfte und zog sie näher zu sich heran. Stella legte ihre Hände auf seine Oberarme, was der Unbekannte wohl als gutes Zeichen verbuchte. Seine Hände rutschten auf Stellas Po und er drückte seine Hüfte gegen ihre. Stella ließ ihre Hände an den Oberarmen hinuntergleiten, bis zu seinen Unterarmen, umfasste diese und versuchte die fremden Hände von ihrem Po wegzubekommen, doch der Typ hielt sie eisern umfasst. Verdammt, Ben. Wo bist du? Hilfe!, dachte Stella und versuchte sich aus dem Griff zu lösen, doch erfolglos. Noch bevor Stella in Panik verfallen konnte, zogen sich die Hände und Arme – ja sogar der komplette Mann – ruckartig zurück. Erleichtert atmete Stella auf und wollte gerade Ben danken, als sie bemerkte, dass es nicht er gewesen war, der den Mann von ihr losgeeist hatte. Es war ein Brünetter, der nun auf sie zutrat und ihr etwas ins Ohr brüllte. Stella verstand nur das Wort „Trinken“. Aus dem fragenden Blick ihres Retters schloss Stella, dass er wohl gefragt hatte, ob sie was trinken wolle. Sie nickte dankbar, er lächelte, nahm Stellas Hand und kämpfte ihr den Weg von der Tanzfläche frei bis hin zu einem Tisch.
„Was möchtest du?“ Stella versuchte sich zu erinnern, ob sie ihren Retter schon mal gesehen hatte, aber er kam ihr kein bisschen bekannt vor. Stella war so in Gedanken vertieft, dass sie ganz vergessen hatte, zu antworten. Sie bat um einen Coconut-Kiss und der Fremde machte sich auf den Weg zur Bar. Während er weg war, kramte Stella weiter in ihrem Kopf herum, doch wirklich nachdenken konnte sie nicht, weil schon der erste Kerl an ihrem Tisch stand. Es war heute also wirklich einer dieser Bagger-Tage, wie Stella schon vermutet hatte.
„Na, Hübsche. Was machst du hier so allein?“
Stella beschloss, dass sie heute schon zwei Männern eine Chance gegeben hatte, beziehungsweise bei dem zweiten gerade dabei war und daher ihr vis-à-vis abblitzen lassen konnte.
„Ich bin nicht allein, hast du dich schon mal umgeschaut?“, fragte Stella mit einer ausladenden Geste in den Club hinein.
„Aber allein an diesem Tisch. Jemand so hübsches sollte nicht alleine sein“, konterte der Typ und war im Begriff sich zu setzen.
„Wenn du dich hinsetzt, wirst du gleich allein an diesem Tisch sein!“
„Zicke!“, entgegnete der Typ ehe er sich abwandte und verschwand.
Es kamen noch zwei weitere Männer an den Tisch und versuchten ihr Glück bei Stella, bis endlich ihr Retter mit den Drinks zurückkam.
„Sorry, hat ein bisschen gedauert“, entschuldigte er sich, als er Stellas Glas vor ihr abstellte und sich selbst neben sie setzte.
„Kein Problem. Danke“, Stella hob ihr Glas, prostete dem Unbekannten zu und zog an ihrem Strohhalm.
„Ich bin Michael und du?“
„Ich nicht“, normalerweise würde Stella das ernst sagen und dann einfach gehen, diesmal lachte sie dabei.
Michael grinste und formulierte die Frage neu: „Wie heißt du?“
„Stella.“
Sie stellte ihr Glas zurück auf den Tisch.
„Seltener Name, steht dir aber gut“, lächelte Michael, legte einen Arm hinter Stella auf die Lehne der Bank und rutschte näher an sie heran, sodass sich ihre Oberschenkel berührten.
„Danke übrigens auch für die Rettung auf der Tanzfläche“, versuchte Stella das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Michael kam ihr zu nahe und sie fühlte sich unwohl, aber es war unhöflich einfach zu gehen, nachdem er ihr einen Drink spendiert hatte.
„Für dich immer wieder gerne.“
Michael gab Stella einen Kuss auf die Wange, die Hand, die zum Arm hinter ihr gehörte, ruhte jetzt auf ihrer Schulter, mit der anderen Hand umfasste er Stellas Gesicht und drehte es so, dass sie ihn unweigerlich ansah. Seine Lippen waren nur Millimeter von ihren eigenen entfernt. Panik stieg in Stella auf. Sie wollte ihn nicht küssen! Andererseits wären dann Julia und Ben sauer, wenn sie das sehen würden. Aber war es ihr das wert? Würde sie deswegen… Ihre Gedanken wurden von der Tatsache unterbrochen, dass Michael sie einfach küsste. Stella war kurz überrascht, fasste sich aber schnell wieder und versuchte sich von Michael wegzudrücken, doch er hatte mittlerweile ihre Hüfte umfasst und hielt sie eng an sich gedrückt. Grob presste er seine Lippen auf ihre und hielt ihren Kopf weiterhin fest. Plötzlich hörte Stella wie jemand „Perfekt“ sagte. Michael ließ Stella los, rutschte von der Bank und sah in das breit grinsende Gesicht des Mannes, der sie heute als allererstes angequatscht hatte.
„Ich sagte doch, dass du jemanden zum Küssen brauchst“, sagte der Mann bevor er und Michael – wenn das überhaupt sein richtiger Name war – in Gelächter ausbrachen und gingen. Stella hatte die Nase jetzt gestrichen voll und wollte einfach nur nach Hause. Wütend stand sie auf und suchte Julia und Ben. Waren denn alle Männer auf der Welt gleich? Das konnte doch nicht sein! Wo waren die netten und anständigen?
„Was ist passiert?“, fragte Julia, als sie die wutverzerrte Miene ihrer Freundin sah.
„Ich will nach Hause. Jetzt. Sofort! Und die Hangover morgen könnt ihr euch in die Haare schmieren! Oder überhaupt irgendeine Party oder einen Club! Und ich werde definitiv nie wieder – NIE WIEDER – einem Typen eine Chance geben! Vergesst es! Das war das letzte Mal!“, schnaubte Stella außer sich vor Wut. Sie hätte lieber den Streit mit ihren Freunden in Kauf nehmen sollen, als so eine Erniedrigung. Der Streit wäre schneller vergessen gewesen als ein Goldfisch hätte schauen können.
Bei Stella zu Hause angekommen erzählte sie Ben und Julia was ihr passiert war. Sie war immer noch wütend und merkte sehr wohl, dass ihre Formulierung der Sache durchaus als Schuldvorwurf gegen Julia und Ben gewertet werden konnte. Stella war klar, dass das unfair war und auch so nicht unbedingt stimmte, aber sie war so außer sich, dass ihr das momentan egal war.
„Stella, beruhige dich bitte.“, sagte Ben, „Wenn du ehrlich bist, hat sich einfach nur ein Typ an dir gerächt, den du hast abblitzen lassen – auf gemeine Art und Weise. Im Grunde seid ihr beiden jetzt quitt.“
„Achso? Soll das jetzt heißen, dass ich mit jedem Kerl, der mich anquatscht rummachen soll, damit sich keiner mehr an mir rächt? Soll ich vielleicht noch mit jedem in die Kiste springen, damit sich keiner gekränkt fühlt, wenn ich es nicht mache?“
„Du weißt sehr gut, wie ich das gemeint habe! Dreh dir das jetzt nicht passend!“
„Du bist doch auch nur ein Mann wie jeder andere! Ihr seid alle gleich!“, schrie Stella jetzt Ben an.
Julia legte ihr beschwichtigend eine Hand auf den Unterarm, die Stella wutentbrannt abschüttelte.
„Sag nichts, was du hinterher bereust, Stella. Du weißt ganz genau, dass du meine beste Freundin bist und ich immer hinter dir stehe. Mich mit anderen zu vergleichen die dich – vielleicht nicht ganz zu unrecht – verarscht haben, ist nicht fair. Zudem…“
„Nicht ganz zu unrecht? Ich glaub ich hör nicht richtig! Hat jetzt plötzlich jeder Mann das Recht sich von mir zu nehmen, was er will?“ Tränen der Wut und Resignation stiegen in Stellas Augen. Sie wusste was Ben meinte und im Grunde wusste sie auch, dass er Recht hatte. Aber sie wollte es gerade einfach nicht wahrhaben. Sie wollte sich aufregen, ihren Frust und ihre Scham mit Wut kompensieren und Ben und Julia hatten das Pech, dass sie gerade die Zielscheibe für Stellas Wut waren.
„Stella, hör auf mit dem Unfug!“, rief Julia sie zur Ordnung. Ein zickiger Unterton schwang in ihrer Stimme mit.
„Du hast leicht reden! Normalerweise müsstest du mich am besten verstehen, Julia! Aber wie solltest du? Die große, die selbstbewusste, die starke Julia, die von keinem Typen angebaggert wird! Und wenn doch, dann hat die große Julia immer einen guten Spruch auf Lager, um den Typ abblitzen zu lassen, aber auf freundliche oder lustige Art und Weise. Die große und weise Julia! Tut mir leid, dass ich verdammt noch mal nicht so perfekt bin wie du!“
„Mir reicht’s! Das muss ich mir echt nicht anhören! Ben, gehen wir?“
„Mädels, beruhigt euch beide erst mal. Morgen reden wir in aller Ruhe darüber. Das bringt so jetzt nur noch mehr Streit, als dass es irgendjemandem nützt“, versuchte Ben zu schlichten.
Stella kochte vor Wut und zischte nur ein „Verschwindet aus meinem Haus!“
Ohne ein weiteres Wort gingen Julia und Ben und zogen die Tür laut hinter sich ins Schloss. Stella kauerte sich schluchzend auf dem Sofa zusammen. Sie war so unendlich wütend, aber sie wusste nicht genau auf wen. Auf die zwei Raser, die für einen verantwortungslosen und kurzweiligen Spaß die Zukunft eines glücklichen Paares zerstört hatten? Auf Julia und Ben, weil sie im Grunde Recht hatten? Auf die beiden Typen, die sich an ihr gerächt hatten? Oder doch einfach auf sich selbst, weil sie ungerecht zu Ben und Julia gewesen war? Weil sie ungerecht zu den Männern im Allgemeinen war? Weil sie wusste, dass sie es nicht anders verdient hatte? War das der Grund, dass sie nur von der einen Sorte Männer angesprochen wurde? Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, sie wollte sich vor allem die Schuld nicht eingestehen. Sie wollte jetzt in Selbstmitleid und Scham versinken, nichts hören, nichts sehen. Eingekuschelt in eine Decke und auf dem Sofa zusammengerollt kreisten Stellas Gedanken noch eine Weile und es rollten noch einige stille Tränen bis sie einschlief.
Am nächsten Morgen – oder besser gesagt Vormittag – war das erste, woran Stella dachte, der Streit gestern mit Julia und
Ben. Der zweite Gedanke war, dass sie lieber nie wieder auf dem Sofa schlafen sollte, weil ihr alles weh tat. Sie suchte ihre Handtasche, wurde auf der Ablage neben der Garderobe fündig, kramte ihr Handy raus und rief Julia an. Während Stella dem Tuten lauschte wurde ihr klar, dass es sein konnte, dass sie ihre Freundin gerade aufweckte. Noch ehe sie sich überlegen konnte, ob sie wieder auflegen sollte meldete sich Julia mit einem „Ja?“ am anderen Ende der Leitung.
„Hey. Hab ich dich geweckt?“, fragte Stella vorsichtig.
„Nein“, kam es kurz angebunden von Julia.
„Können wir reden?“
„ICH kann reden. Ich weiß nur nicht ob DU reden kannst, ohne Vorwürfe zu machen oder verletzend zu werden!“
Julia klang sehr schnippisch und Stella konnte es ihr irgendwie auch nicht verdenken. Sie war gestern Abend wirklich gemein gewesen und wäre an Julias Stelle wahrscheinlich genauso sauer.
„Julia, ich will mich entschuldigen. Kann ich vorbeikommen?“
„Nein!“
Nein? Wieso denn nein? Stella wollte den Streit aus dem Weg räumen und sich wieder mit ihrer besten Freundin vertragen. Wieso wollte sie nicht?
„Julia, bitte…“, setzte Stella an, wurde aber von Julia unterbrochen: „Ich komm vorbei. Kann aber ein wenig dauern.“
Normalerweise hätte Stella jetzt gefragt, wie lange ein wenig ist, hielt es aber für klüger es nicht zu tun. Stattdessen erklärte sie: „Ich rufe Ben noch an. Wenn du willst, kannst du dich ja mit ihm absprechen, wann ihr kommt.“
„Meinetwegen.“
Stella rief Ben an. Er war ähnlich kurz angebunden aber durchaus versöhnlicher als Julia. Jetzt hieß es für Stella warten. Sie nutzte die Zeit und räumte die Wohnung auf, duschte, putzte die Zähne und dachte währenddessen darüber nach, was sie ihren Freunden sagen sollte. Gerade als sie den Fön aus dem Schrank zog, klingelte es an der Tür. Schnellen Schrittes ging sie aus dem Bad und öffnete diese. Der komische Moment, für den Stella keine Lösung gefunden hatte, war da. An der offenen Tür wollte sie sich nicht entschuldigen, die normale Begrüßung mit Umarmung schloss sie aber aus, weil sie dachte Ben und Julia wollten dies nicht. Also, was tun? Stella trat beiseite und gab ihren Freunden mit einer Handbewegung zu verstehen, dass reinkommen sollten.
„Keine Umarmung?“, fragte Ben.
Stella war verdutzt und musste wohl auch genau so geschaut haben, denn Ben grinste sie an.
„Meinst du wir hassen dich wegen eines Streits?“, fragte er und nahm Stella in die Arme. Der Drei-Tage-Bart, den Ben stets trug, kitzelte dabei über Stellas Wange. Nun wurde auch Julias bisher versteinerte Miene weich und sie schloss ihre Freundin in die Arme.
„Leute, es tut mir so wahnsinnig leid! Es war nicht in Ordnung was ich gestern gesagt habe. Und ihr hattet recht! Ich hab die Männer auf gemeine Art abblitzen lassen, weil sie für mich alle nur Machos und Idioten waren. Vielleicht hab ich es auch wirklich einfach verdient, dass sich mal einer rächt um mir die Augen zu öffnen. Auf euch wollte ich ja nicht hören“, gab Stella zerknirscht zu. „Ben, dass ich dich mit den anderen Männern gleichgestellt habe war absolut nicht fair. Du bist ein wunderbarer Kerl und du weißt, dass ich dich unglaublich gern habe!“
„Schön war es tatsächlich nicht, aber ich finde gut, dass du es selber einsiehst“, lächelte Ben versöhnlich. Das war typisch für ihn. Er war nicht nachtragend oder ähnliches zeigte aber offen, wenn er etwas nicht okay fand. Das war eine Eigenschaft die Stella schätzte.
„Julia, ich hab das nicht so gemeint, dass du die Große und Perfekte bist. Es tut mir wirklich leid.“
„Ich bin nicht perfekt?“, fragte Julia schnippisch.
„Also… ich… äh…“, Stella wusste nicht wie sie sich da rausmanövrieren sollte und suchte nach einem Ausweg, bis sie sah, dass Julia breit grinste und schließlich anfing zu lachen.
„Vergeben und vergessen!“, sagte Julia.
„Unter einer Bedingung“, setzte Ben hinzu.
Stella ahnte Schreckliches: „Die da wäre?“
„Du kommst heute mit zur Hangover-Party“, verkündeten Julia und Ben einstimmig. „Und: WIR entscheiden, wen du abblitzen lassen darfst und wen nicht! Strafe muss sein“, setzte Julia schelmisch hinzu.
„Jawohl“, nickte Stella und alle drei begannen zu lachen. Der Streit war aus dem Weg geräumt und Stella war erleichtert. Nur die Bedingung bereitete ihr etwas Magenschmerzen. Sie sollte nur die Typen abblitzen lassen, die Julia und Ben für „nicht gut“ befanden und dem Rest eine Chance geben? Das konnte ja heiter werden!
Kapitel 2
„Vin, wie sieht’s aus? In der Nähe ist eine Hangover-Party. Wollen wir noch hin?“, fragte Leo seinen Kollegen und besten Freund. Dieser sah erst Leo forschend an, dann Richtung Tür, wo Tim vor einigen Sekunden hinausgegangen war. Die beiden Freunde waren bei einem befreundeten Pärchen zum Abendessen eingeladen gewesen. Noch vor dem Essen jedoch bekam die zweijährige Tochter Bauchschmerzen und übergab sich mehrmals. Tims Frau hatte somit beim Essen gefehlt um sich um ihre Tochter zu kümmern, wodurch Vincent und Leo klar war, dass sie nach dem Essen zügig aufbrechen würden. Erstens war es dann einfacher für die Eltern und zweitens, weil es sich keiner der beiden leisten konnte krank zu werden. Gerade war die größte Stress-Phase des Jahres in der Schule angebrochen: Die Prüfungen waren geschrieben und mussten korrigiert werden. Letzte Schulaufgaben und Kurzarbeiten mussten ebenfalls entworfen, geschrieben und korrigiert werden, Unterrichtsstunden wollten vorbereitet sein. Kurzum: Der ganz normale Wahnsinn des Lehrerdaseins lief unaufhaltsam weiter und das Ende des Schuljahres rückte näher, was den Druck erhöhte. Zudem kamen noch prüfungsbedingte Arbeiten für viele Lehrer oben drauf.
Vincent hatte Bedenken. Leo wollte auf eine Party hier in Nahbach? Da war die Gefahr doch recht groß auf Schüler zu treffen. Andererseits war der Abend noch zu jung um wieder zurück nach Auting zu fahren. Außerdem schadete Abwechslung auch nicht. Vincent wägte innerlich ab.
„Was überlegst du?“, fragte Leo.
„Wir könnten Schüler treffen.“.
„Papperlapapp! Wir halten uns mit dem Trinken einfach zurück und ansonsten ist es doch kein Problem. Apropos Trinken: Du bist dran mit Fahren!“
Das war typisch für Leo: Er war oft unbekümmert und nahm das Leben eher unbeschwert, ging jedoch nie zu weit. Vincent konnte darüber manchmal nur den Kopf schütteln. Er selbst war eher der Denker und Abwäger. Vermutlich genau deshalb funktionierte ihre Freundschaft so gut. Die Mischung aus Leichtlebigkeit und Pflichtbewusstsein brachte ein gutes Gleichgewicht in die Vorhaben der beiden.
Vor drei Jahren hatten sich Vincent und Leo kennengelernt. Vincent war neu an die Schule gekommen, Leo war damals schon ein Jahr dort angestellt. Er sollte Vincent alles zeigen und ihn einfach ein wenig unter seine Fittiche nehmen. Die zwei verstanden sich auf Anhieb sehr gut und wurden schnell Freunde. Sie verbrachten oft ihre Freizeit zusammen und teilten auch den ein oder anderen Kummer. Beide wohnten zwar in der selben Stadt, jedoch in verschiedenen Wohngemeinschaften. Eines Tages aber bekam Leos Mitbewohner eine feste Stelle am anderen Ende des Landes. Kurzerhand beschlossen die beiden, dass Vincent bei Leo einziehen solle, was an sich auch praktische Aspekte hatte. So konnten sie meist gemeinsam zur Schule fahren, zusammen Sport treiben, was deutlich mehr Spaß machte als alleine, und noch einiges mehr. Charakterlich waren sich die beiden grundsätzlich ähnlich, es gab nur zwei große Unterschiede: Leo war der Lebensgenießer und Vincent der Denker. Zudem machte Leo sich nichts aus dem weiblichen Geschlecht. Er baggerte sie an, landete oft einen Treffer. Es kam nicht selten vor, dass Leo nachts eine Eroberung mit nach Hause brachte, die am nächsten Morgen wie vom Erdboden verschluckt war. Vincent hingegen träumte von der Einen. Die Frau, die er ansah, deren Blick ihn wie ein Blitz traf und er wusste: Das ist sie. Leo zog ihn gerne damit auf und sagte er könne sich doch, bis ihn der Blitz traf, vergnügen. Vincent hatte auch schon – im Gegensatz zu Leo – drei ernste Beziehungen gehabt. Die Letzte ging zweieinhalb Jahre und Vincent war der Meinung, dass alles gut lief. Seine Freundin und er hatten sogar überlegt zusammenzuziehen, was Leo nicht sehr begeisterte aber respektierte. Doch aus heiterem Himmel hatte sich Vincents Freundin von ihm getrennt und war gegangen – ohne Vorwarnung, ohne irgendeinen Grund zu nennen. Die Freundin davor hatte ihn betrogen. Und bei seiner ersten Beziehung gab es am Ende nur noch Streit und Gram wegen irgendwelcher Gespenster, die sie sah. Seither fiel es Vincent schwer Frauen zu vertrauen. Am Anfang seiner letzten Beziehung hatten sie auch mit Eifersucht zu kämpfen und Vincents Freundin musste sich erst sein Vertrauen erarbeiten. Momentan war ein Flirt oder auch eine flüchtige Knutscherei schon alles. Manchmal kam er sich schäbig vor, wenn er einfach nur aus Spaß eine Fremde küsste, denn er wusste genau, dass für die meisten Frauen ein Kuss nicht nur etwas Belangloses war. Und immer trug er die leise und tief in ihm vergrabene Hoffnung, dass ihn eines Tages der Blitz treffen würde.
„Also?“, hakte Leo nach.
„Wenn du meinst, dass das in Ordnung geht. Sollten zu viele Schüler da sein, suchen wir uns aber was anderes, okay?“
„Klar!“
„Gut, dann los!“
Die beiden verabschiedeten sich von ihren Freunden, wünschten der Kleinen gute Besserung und machten sich auf den Weg.
Die Hangover-Party war eine typische Dorfparty, wie Vincent sie aus seiner Jugend von zu Hause noch kannte. Die meisten Leute hier kannten sich oder waren sich zumindest schon einmal flüchtig begegnet.
Eine große Wiese war mit Holzbohlen ausgelegt worden, darauf hatte man ein riesiges Zelt gestellt, in dem sich eine Bühne, davor eine ausladende Tanzfläche und weiter hinten Tische und Bänke befanden. Links an der Wand war die Bar aufgebaut, die sich fast bis zur Bühne erstreckte. Neben der Bühne wiesen Schilder den Weg zu den Toilettenwägen.
Leo und Vincent checkten kurz die Lage und sahen, dass nur wenige Schüler da waren, die genau genommen in ein paar Wochen keine Schüler mehr waren, und beschlossen zu bleiben. Wie immer steuerten die beiden erst die Bar an, holten sich zwei Drinks, Vincent als Fahrer natürlich einen Softdrink, stellten sich an einen Platz, von dem aus sie die Menge gut überblicken konnten und beobachteten vorerst das Treiben. Vincent neckte Leo gern damit, dass er dabei nur die Frauen ansah und sortierte, welche er ansprechen wollte. Leo hingegen sagte immer, er wolle erstmal in Ruhe was trinken und dabei sah er sich eben um, nichts weiter.
Nachdem sie ausgetrunken hatten bahnten sie sich einen Weg auf die Tanzfläche und begannen zu tanzen. Hier war Leo in seinem Element: Er tanzte verschiedene Frauen an, brüllte ihnen etwas ins Ohr, widmete sich der Nächsten und so weiter. Vincent ging gerne mit Leo auf Partys oder in Clubs, es machte einfach Spaß aber es konnte manchmal auch sehr anstrengend sein. Vincent war immer wieder aufs Neue verwundert, was man mit geschmacklosen Anmachsprüchen erreichen konnte. Gut, man musste dazu sagen, dass Leo sich gezielt diejenigen aussuchte, bei denen er wusste, dass der Spruch ziehen würde. Nur hin und wieder wählte er – bewusst – eine aus, von der er überzeugt war, dass diese nicht auf seine Anmachsprüche reagieren würde. Einfach nur um es spannend zu gestalten. Man konnte ja nie wissen, sagte er immer. Wenn er richtig euphorisch war fing er an mit Vincent zu wetten, ob er sie knacken würde oder nicht.
Nach einer Weile bedeutete Leo Vincent mit einem Handzeichen, dass er sich was zu trinken holen würde und fragte gleichzeitig ob er auch etwas wollte. Eine kleine Pause kam Vincent gerade recht, er nickte und die beiden verließen die Tanzfläche. Mit frischen Getränken zogen sie sich abermals auf ihren Beobachtungsposten zurück.
„Ich liebe Dorfpartys! Hier sind die Mädels nicht so verklemmt wie in der Stadt. Aber irgendwie schaffst du es trotzdem nicht, eine abzuschleppen“, redete Leo darauf los. „Ich meine, hier sind so viele hübsche und sexy Frauen. Du kannst dir quasi eine aussuchen! Oder zwei, oder drei! Schnapp dir doch einfach mal eine! Einen One-Night-Stand in Ehren kann niemand verwehren.“ Das war typisch für Leo.
„Jaja, ich weiß. Der Abend ist noch jung! Ich brauch ja nicht gleich in der ersten Stunde schon… du weißt schon“, erwiderte Vincent.
„Nein, mein Freund! Es liegt nicht daran, dass der Abend noch jung ist. Du hast auch in drei Stunden noch keine abgeschleppt. Du wartest auf den Blitzschlag. Du bist hier fremd! Das ist vermutlich das erste und letzte Mal, dass du hier auf einer Party bist, such also nicht die Richtige! Such dir eine für die Nacht und fertig! Dafür musst du sie nicht lieben! Es reicht, wenn sie einigermaßen hübsch ist. Und von der Sorte gibt’s hier mehr als genug!“
„Klar. Ich mit meinem Glück erwisch die große Schwester oder die Cousine oder sonstwas von einer Schülerin oder einem Schüler von mir! Ich werde hier ganz sicher keinen One-Night-Stand klarmachen und ich rate dir das Selbe zu tun!“
Von Leo kam nur ein „Tzz.“
Vincent ignorierte es und ließ seinen Blick über die tanzende Menge, die sitzenden Cocktailschlürfer, die Neuankömmlinge schweifen und war in Gedanken versunken, als Leo ihn plötzlich auf die Schulter tippte. Vincent zuckte unweigerlich zusammen.
„Wurdest du grade vom Blitz getroffen?“, neckte Leo.
„Haha.“
„Pass auf, nicht dass es die Schwester einer Schülerin ist!“
„Du mich auch!“
„Schau mal, da drüben – aber unauffällig!“, Leo deute mit dem Kopf nach schräg rechts vorne, „Da stehen eine Brünette und eine Schwarzhaarige. Die tuscheln und schauen zu uns rüber. Wollen wir wetten, dass ich die Braunhaarige knacke? Die Schwarzhaarige kannst du dir schnappen. Sei locker, denk nicht an die Liebe, sondern einfach nur an den Spaß!“
„Grundsätzlich halte ich das für keine gute Idee“, zweifelte Vincent in Anlehnung daran, dass es wirklich sein konnte, dass eine der beiden oder gar beide mit einer Schülerin von ihnen verwandt war. „Aber die knackst du niemals! Das ist nicht die Nummer Hier! Leg mich bitte flach! Die hat Stil. Und ihre Freundin auch!“
„Stil? Willst du damit sagen ich hätte etwa keinen Stil?“ Leo sah Vincent direkt an.
„Du weißt genau, wie ich das meine!“
„Also, wetten?“, Leo ließ nicht locker.
„Na meinetwegen. Die Wette hab ich schon gewonnen!“
„Das werden wir gleich sehen!“
Der Wetteinsatz war immer der gleiche: der Verlierer musste die nächsten drei Male fahren.
Die Braunhaarige war wirklich hübsch und hatte tatsächlich Stil, dachte Vincent. Aber auch die Schwarzhaarige war nicht ohne. Beide Frauen waren zwar sexy gekleidet, aber nicht auf die Art, dass sie förmlich provozierten, angebaggert zu werden. Zudem kam es Vincent so vor, als hätten beide nicht das größte Interesse an Männern, sondern waren einfach gemeinsam hier um ein bisschen zu tanzen und Spaß zu haben. Siegessicher grinsend und gleichzeitig unsicher marschierte Vincent Leo hinterher.
„Hey, Schönheit!“
Noch bevor Leo mehr sagen konnte, verdrehte die Braunhaarige ihre Augen, doch Leo gab so schnell nicht auf: „Rückst du die Diamanten in deinen Augen für mich zurecht?“
„Nein, keine Sorge, die sitzen schon da, wo sie hingehören“, konterte die Braunhaarige höflich lächelnd. Entweder deutete Leo das Lächeln falsch oder er wollte um jeden Preis die Wette gewinnen, denn er gab trotz des höflichen Abblockens nicht auf: „Darf ich um einen Tanz bitten?“
Die Brünette grinste schelmisch: „Klar. Du brauchst mich aber nicht vorher um Erlaubnis zu bitten.“ Mit einer ausladenden Handbewegung deutete die Unbekannte auf die Tanzenden und gab somit zu verstehen, dass sie nicht sich selbst meinte, sondern alle anderen. Vincent musste sich das Lachen verkneifen. Die Frau war echt schlagfertig. Ihm kam es so vor, als wüsste sie genau, was sie wollte und ihm war klar, dass sie Leo nicht wollte. Vincent war grade im Begriff seinem Freund auf die Schulter zu klopfen, um ihm zu bedeuten, dass sie besser gehen sollten, als dieser abermals den Mund öffnete: „Ich meinte aber nicht irgendjemanden. Ich möchte mit der schönsten und umwerfendsten Frau hier tanzen. Kurzum: Ich möchte mit dir tanzen.“ So kannte Vincent Leo gar nicht. Normalerweise wusste er genau, wann er aufgeben sollte, um es nicht peinlich werden zu lassen. Wieso um alles in der Welt redete er immer noch auf die junge Braunhaarige ein? Er musste etwas unternehmen! Vincent packte Leos Handgelenk und wollte ihn grade wegziehen, als die Brünette zu einem weiteren Konter ansetzte. Leo schüttelte Vincents Hand ab und trat näher an sie heran.
„Umwerfende Frau? Wenn das tatsächlich ich sein soll, versteh ich nicht, wieso du immer noch stehst!“
Die junge Frau, ihre Freundin und auch Vincent konnten sich ein Lachen einfach nicht mehr verkneifen und prusteten los. Leo drehte sich nur um, funkelte Vincent kurz aber böse an, und verschwand in der Masse der Tanzenden. Kopfschüttelnd sah Vincent ihm nach, konnte aber weiterhin das Grinsen nicht unterdrücken. Erstens weil die Fremde ihn galant mehrmals gegen die Wand hatte fahren lassen und zweitens weil er die Wette gewonnen hatte.
Vincent drehte sich zu den beiden Frauen, hob einen Daumen in die Luft und sagte: „Guter Konter!“
Er wusste nicht so recht, was er noch sagen sollte, aber er wollte auch nicht einfach so gehen. Die Brünette war wirklich klasse und irgendwie mochte er sie, obwohl er sie noch gar nicht kannte.
„Danke“, erwiderte sie etwas verhalten und musterte Vincent forschend.
„Darf ich dir einen Drink ausgeben?“, fragte er in der Hoffnung, dass sie nicht abblocken würde, doch schon im nächsten Moment kamen ihm Zweifel. Er musste unbedingt rausfinden, ob sie oder ihre Freundin mit einem Schüler oder einer Schülerin von ihm verwandt waren. Warum hatten sie sonst getuschelt und zu den beiden rübergesehen?
„Nein, danke!“, erwiderte sie bestimmt.
Mist! Etwas zerknirscht wollte Vincent aber nicht unhöflich sein und den beiden Mädels noch einen schönen Abend wünschen, als ihre Freundin der Braunhaarigen einen unauffälligen Klaps gab und „Stella!“ zischte. Vincent musterte kurz die beiden Frauen und war sich unsicher was er nun machen sollte. Nochmal fragen? Die Gefahr war groß, dass es so peinlich endete wie bei Leo. Stella lächelte Vincent nun milde an und erlöste ihn von seinem Grübeln: „Na gut, ein Drink schadet nicht.“ Stella sah Vincent direkt an und Vincent stellte fest, dass sie wunderschöne, tiefbraune Augen hatte.
„Was möchtest du gern?“
„Überrasch mich. Wenn’s der falsche Drink ist, musst du ihn alleine trinken“, forderte Stella ihn grinsend heraus. Er war sich fast sicher, bei einem Wortgefecht mit ihr unterlegen zu sein, dennoch wollte er sie genauso herausfordern: „Wenn es der Richtige ist, dann tanzt du hinterher mit mir, abgemacht?“
Stella nickte breit grinsend. Auf dem Weg zur Bar überlegte Vincent fieberhaft, welcher Drink wohl angemessen sei. Einen Shot schloss er aus, es sollte schon ein Cocktail sein. Aber welcher? Sex on the Beach war unter Frauen ein relativ beliebter Cocktail, aber erstens war Stella anders und zweitens wäre das doch sehr einfach und einfallslos. Einen Caipirinha? Nicht jeder mochte den leicht bitteren Geschmack. Bei einem Mojito verhielt es sich ähnlich. Etwas mit Sahne? Wenn sie aber laktoseintolerant war? Du machst dir eindeutig zu viele Gedanken!, rief er sich selbst zur Ordnung. Er beschloss einfach den ersten Cocktail zu nehmen, der ihm auf der Karte ins Auge fiel. Was für Chancen hatte er schon, den Richtigen zu treffen? Es konnte auch eine neckische Falle gewesen sein und sie trank überhaupt keinen Alkohol und es war ganz egal was er ihr brachte. Nach einer kurzen Weile war Vincent wieder am Tisch der Mädels angekommen und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er vergessen hatte, der Schwarzhaarigen auch etwas mitzubringen. Kurzerhand beschloss er ihr einfach seine Cola zu geben und so stellte er, hoffend die richtige Wahl getroffen zu haben, vor Stella einen Coconut-Kiss und vor der Schwarzhaarigen die Cola ab.
„Das ist ein Coconut-Kiss“, stellte Stella fest und sah sichtlich überrascht erst das Glas, dann kurz hilfesuchend ihre Freundin an. Diese grinste breit, gab ihr einen Kuss auf die Wange, schob die Cola mit einem „Danke, wirklich sehr nett, aber ich muss los.“ vor Vincent und ging. Etwas verdattert sah Stella ihr nach.
„Richtig. Treffer?“, fragte Vincent.
„Versenkt, würde ich sogar sagen. Du hast mir grade meinen absoluten Lieblingscocktail gebracht“, lächelte Stella und Vincent fiel ein Stein vom Herzen. Gleichzeitig musste er daran denken, was wohl Leo dazu sagen würde, wenn er ihn mit Stella tanzen sah. Er schob den Gedanken beiseite und widmete seine Aufmerksamkeit der jungen Frau.
„Ich heiße übrigens Vincent. Kannst mich aber auch gerne Vin nennen, sparst dir jedes mal ´nen Cent!“, grinste er Stella an. Mit diesem Spruch schien er gleich noch mal einen Treffer gelandet zu haben, denn Stella lachte und das Lachen kam ihm echt vor.
„Stella, richtig?“, fragte er der Vollständigkeit halber und erntete ein Nicken.
„Bist du öfter hier?“ Noch während Vincent die Frage stellte, wurde ihm klar, wie dämlich diese war. Die Party war ja nur dieses Wochenende wenn er das richtig auf dem Plakat neben dem Zelteingang gelesen hatte.
Stella grinste ihn an: „Nein. Nur heute.“
„Dämliche Frage. Ich weiß.“
Mild lächelnd erklärte Stella: „Normalerweise sind wir – also meine Freundin von eben und mein Freund – immer im Base. Das ist so eine Art Disco hier vor Ort. Aber ein bisschen Abwechslung schadet nicht, deswegen sind wir heute auf der Hangover. Dich hab‘ ich allerdings noch nie im Base gesehen. Oder du bist mir einfach nie aufgefallen… Oh Gott, das war jetzt irgendwie unpassend.“
Vincent musste lachen. Wurde Stella gerade nervös? Oder bildete er sich das nur ein? Aber sie hatte gesagt, sie sei normalerweise mit ihrer Freundin und ihrem Freund unterwegs. Einem Freund? Oder ihrem Freund? Das zu erfragen fand Vincent irgendwie sehr unangebracht und ließ es so im Raum stehen.
„Nein, schon gut. Du hast recht, ich kenne das Base nicht. Ich bin auch nicht von hier, ich wohne in Auting“, erklärte Vincent.
„Ohje. Ein Städter“, neckte Stella daraufhin sofort.
