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Ein verwirrender Psychothriller, der einem den Verstand raubt, wenn man beginnt zu verstehen. Alles beginnt mit einem Zettel, der nur Fragezeichen in Chris Kopf hinterlässt. Ein Treffen steht bevor. Warum? Der junge Mann hat keine Ahnung. Selbst nicht, als er den Grund für das Zusammenfinden in den Händen hält. Erst, als sein Lebensretter und schnell Vertrauter Alex die Frage über Chris Identität ins Rollen bringt, beginnt die Suche nach der scheinbar verschwundenen Vergangenheit. Doch, kann Chris seinem Freund überhaupt trauen? Vielleicht lauert in ihm eines der Monster. Eben die, die der junge Mann verzweifelt versucht zu verscheuchen. Kann er herausfinden, wer er ist und was das alles mit dem Namen Merlia Jäger zu tun hat?
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sarah Preisler
Erinnerungen
- wenn alles zerfällt, was Täuschung ist -
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Epilog
Impressum neobooks
Der Kampf um Verständnis erfolgt jeden Tag auf dieser Welt. So, wie der Kampf ums Überleben, ums Glücklich sein.
Doch den größten Kampf führt man mit sich selbst. Der innere Krieg zwischen Gut und Böse. Und das Beängstigende dabei: In jedem von uns steckt unser größter Albtraum.
Doch sollte es nicht Sinn sein, diese Angst vor sich selbst zu überwinden? Könnte man nicht friedlich leben, wenn man mit sich selbst im Reinen ist?
Ich würde sagen, es ist kompliziert.
Den eigentlich Sinn von allem, was wir glauben zu kennen, kennen wir genauso wenig, wie uns selbst. Es ist eine Tatsache, über die man nachdenken sollte.
Unser ganzes Wissen basiert auf Schätzungen und Überzeugungen. Und trotzdem wird von uns verlangt, dass Richtige zu machen. Wenn man sich diesen Aspekt durch den Kopf gehen lässt, dann ist das absurd.
Warum wird einem überhaupt vorgeschrieben, wer man sein soll? Damit man in diese Welt passt und keine Probleme bereitet? Oder, weil einige der Ansicht sind, dass wir nicht in der Lage dazu sind, über uns selbst zu entscheiden?
Man könnte sich stundenlang darüber den Kopf zerbrechen, wer man sein will und vor allem ist. Doch wird man das jemals zu 100% wissen können? Vielleicht ist das Leben eine Prüfung, ja. Aber vielleicht auch nicht. Eventuell ist es einmalig und wenn wir sterben, dann kommen wir nie wieder zurück. Zumindest nicht so, wie wir waren.
Doch ein Teil von jedem von uns wird immer da bleiben. Denn einfach weg, dass gibt es nicht.
Ich meine, wir leben auf einer schwebenden Kugel in einem Raum, der keine Grenzen hat. Vielleicht. Leben wir überhaupt, oder sind wir einfach nur billige Kopien, gar Experimente?
Wer weiß das schon.
Aber darum soll es hier nicht gehen. Hier geht es um einen Menschen, den ich glaube zu kennen, obwohl dies eigentlich gar nicht so ist. Ich habe bemerkt, dass es vielen schwer fällt Menschen zu verstehen, denen es nicht gut geht. Insbesondere die, die nie einen Verlust erfahren und eigentlich gar keinen Grund zum traurig und krank sein haben, werden oft in eine Ecke der staubigsten Schublade in ihren Kopf gedrängt.
Krankheiten sind in den meisten Augen schlecht, wenn nicht sogar ekelerregend oder abstoßend.
Es ist unfair zu sagen, dass geistige Krankheiten schlimmer sein sollen, als körperliche. Denn im Endeffekt stimmt das überhaupt nicht. Warum sollte nicht etwas komplett Unterschiedliches gleich schlecht sein? Warum wird in dieser Welt alles miteinander verglichen, was verglichen werden kann?
Es ist schade, dass es so sein muss. Das eine Person nie gut genug für andere sein kann. Aber für sich selbst schon. Doch was ist, wenn das nicht der Fall ist?
Ich nehme an, jeder von Ihnen weiß, dass es genau solche Menschen gibt. Menschen, die so hoffnungslos, traurig und leer sind, dass alles schlecht und negativ ist.
Ich werde hier ein wenig von diesen Menschen schreiben, denn ich möchte, dass jemand versucht, diese Menschen zu verstehen. Menschen, die den Glanz der Welt nicht sehen können oder wollen.
Ich widme dieses Buch einer ganz bestimmten und für mich sehr wichtigen Person, die mir in einer Zeit zugehört hat, in der ich dachte, alle wären taub.
Man sollte jedes Wort eines anderen mit Gefühl behandeln. Nur so kann man erfahren, wer diese Person eigentlich ist.
Wer bist du?
Die Gedanken der hübschen Frau rasten, als sie aus dem Fenster in die Dunkelheit starrte.
Hätte sie nicht gewusst, dass da draußen jemand war, sie sogar beobachtete, dann hätte sie jetzt keine Angst.
Aber die Frau hatte Angst. Wer hätte die nicht, wenn man verfolgt wird?, dachte sie sarkastisch und hätte sie ihre Gedanken ausgesprochen, dann wäre man vor ihrer Hysterie zurückgeschreckt.
Als sie wieder konzentriert nach draußen in den Schatten des Waldes starrte, fing ihr Herz an noch mehr zu rasen.
Draußen vor ihrem Fenster stand eine Person, versteckt hinter den Bäumen, die im Schatten der Nacht wie bedrohliche Dämonen wirkten. Wenn sie die Augen verengte, konnte sie die Hand der Person sehen, die die scheinbar störenden Äste zur Seite drückte, um klare Sicht auf das Wohnzimmer der Frau zu garantieren.
Die Frau schluckte, als sie zum vierten Mal ihre Augen schloss und wieder öffnete. Es war keine Einbildung. Da stand jemand und dieser Jemand wusste, dass sie ihn sah.
Okay, gut. Alles gut. Beruhige dich, Merlia!, versuchte sie ihren Puls wieder auf Normalpegel zu bringen. Doch, wie sollte sie die Ruhe auch schon bewahren? Es war kurz nach Mitternacht und sie hatte sich nichts dabei gedacht an ihr Fenster zu treten, mit dem Ziel die Vorhänge zuzuziehen und dann nach einem anstrengenden Tag in ihr Bett zu schlüpfen. Wer würde damit rechnen eine Person zu entdecken, die sich keinen Hehl daraus machte gesehen zu werden und wahrscheinlich mit einem dreckigen Grinsen hinter dem nächsten Baum hockte und einen beobachtete, wie man in Panik ausbrach? Moment, ich breche nicht in Panik aus, stellte Merlia klar und straffte die Schultern.
Sie starrte der Silhouette in die für sie mordlustig aussehenden Augen, sammelte ihren ganzen Mut zusammen und reckte ihren Mittelfinger in die Höhe.
Danach zog sie die Vorhänge zusammen, wirbelte auf ihren hohen Schuhen herum und setzte sich auf die schicke, weiße Ledercouch, die sie sich nach monatelangem Sparen gekauft hatte.
Kopfschüttelnd seufzte sie und sah auf die halbleere Flasche Rotwein, die im Schein der Kerzen auf dem Tisch fast schwarz schimmerte.
„Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ich habe Halluzinationen, was bedeutet, dass ich meinen Alkoholkonsum unbedingt nach unten schrauben muss, oder da steht wirklich jemand. Jugendstreich halt.“, versuchte sie sich selbst zu erklären, was da draußen geschehen war und tat das Thema mit einem wiederholten Kopfschütteln ab.
Merlia ließ ihren Kopf kreisen, lief zu ihrer Haustür und starrte durch den Spion nach draußen. Nichts. Sie atmete erleichtert aus und bemerkte erst jetzt, dass sie vor Anspannung die Luft angehalten hatte. Vielleicht war sie ja doch noch nicht ganz fertig mit den jüngsten Ereignissen.
Die Frau legte sich beruhigt in ihr Bett und schloss die Augen.
Hätte sie sich zur Seite gedreht, dann hätte sie bemerkt, dass sie ganz und gar nicht hätte beruhigt sein dürfen. Denn neben ihr stand die Person, die vorher noch vom Fenster aus zu sehen gewesen war.
Hätte sie noch einmal nach ihrem Hund im Garten gesehen, dann wäre ihr vor Entsetzen die Kinnlade nach unten gefallen. Shelton lag vor seiner Hundehütte. Gehäutet, bei lebendigem Leibe.
Doch all das wusste sie nicht.
Die Straßen waren wie jeden Tag komplett überfüllt, als sich Chris durch die Menschenmassen quetschte.
Sein schwarzer Anzug raubte ihm den Atem und ein Blick auf die Uhr ließ diesen für einen Moment ganz aussetzen. Schon zehn Minuten zu spät und das auch noch heute!
Noch drängelnder schob er sich durch die Menschen, überquerte die Straßen mit hastigen Blicken zur Seite und scheuchte die Bettler, die heute nur so um ihn herum wuselten, mit unbarmherzigen Worten aus seinem Weg. Verwirrt ließen diese ihre Becher sinken und starrten ihm ratlos hinterher.
Chris schluckte, peinlich berührt über sein Auftreten. Er war ein Mensch voll Güte, eigentlich. Doch heute hatte er keine Zeit Touristen den Weg zu erklären, etwas Geld zu spenden oder Kleinkindern ein Vorbild zu sein und erst bei Grün über die Straße zu gehen.
Der Mann tastete suchend in seinen Hosentaschen nach dem Zettel, der gestern Morgen in seinem Briefkasten gelegen hatte.
Er überflog die Zeilen, prägte sich die geschwungene, enge Handschrift genau ein, versuchte sich an den Besitzer zu erinnern, doch vergebens. Er wusste nicht, wer ihm diesen Zettel geschrieben hatte.
Doch das schien nicht wichtig zu sein. Es war der Inhalt, der Fragen aufkommen ließ:
Lieber Christian,
ich habe eine kleine Bitte an dich. Wenn du morgen ins Rathaus gehst, wird etwas auf dich warten. Nimm es mit, ohne es zu öffnen. Nimm es, ohne dein Gesicht zu verziehen. Egal was passiert, niemand darf es wissen.
Egal was passiert, niemand darf es sehen.
Egal was passiert, niemand ist dein Freund.
Wenn die Zeit gekommen ist, dann werden wir uns sehen. Scout.
Auch dieses mal konnte er sich keinen Reim daraus machen und stopfte den Zettel zurück in seine Tasche.
Als er vollkommen abgehetzt vor dem Rathaus stand, sank seine Hoffnung. Die Lichter waren gelöscht, die Türen verschlossen.
„Warum haben die sonntags auch nur bis 10:00 Uhr auf?“, fluchte er und hämmerte gegen die massiven Türen. Irgendjemand muss doch da sein! Doch niemand öffnete. „Scheiße!“, zischte er wütend. Der Ärger über sich selbst pochte in seinen Adern. Warum hatte er sich auch nicht mehr beeilt? Jetzt würde er nie erfahren, was es mit diesem verdammten Zettel auf sich hatte!
Enttäuscht fuhr er sich durch die braunen Haare und spuckte auf den Boden.
„Nun Scout, deine Bitte war wohl umsonst.“, meinte Chris mit bebender Stimme, so sehr ärgerte ihn sein Versagen.
Doch die Türen schwangen auf und ein alter, gebrechlich wirkender Mann trat aus den Schatten. Die eine Hand hatte einen Gehstock fest umklammert, die andere trug ein Päckchen bei sich. Chris sah dem Alten in die hellen Augen und es sah so aus, als würde ein Feuer in ihnen lodern. Instinktiv trat der junge Mann einen Schritt zurück und schwieg, wartete darauf, dass der Alte sein merkwürdiges Erscheinen erklären würde. Doch der Alte sagte nichts. Er musterte nur unentwegt das Gesicht seines Gegenübers und zuckte ein paar mal mit seinem rechten Mundwinkel. Chris zögerte, doch dann gab er sich einen Ruck und fragte:„Warum haben Sie nicht eher geöffnet? Ich habe geklopft.“ Der alte Mann legte den Kopf schräg und sah damit aus wie ein Jäger, der seine Beute fixierte. Doch dann schien sich sein kompletter Körper zu entspannen und er lächelte schief vor sich hin. Das Feuer in den Augen wurde zu einem beruhigenden Funkeln und er ging ein paar Schritte nach vorne.
„Gehämmert trifft es wohl eher, nicht?“, feixte er belustigt und seine raue, rasselnde Stimme jagte Chris einen Schauer über den Rücken. Warum wich er seiner Frage aus? Der junge Mann wollte zu einer Antwort ansetzen, als er von dem Alten unterbrochen wurde. „Du stellst die falschen Fragen, Jungspund.“, meinte dieser und ein mahnender Ton war in die sonst so warme Stimme getreten.
Chris sah ihn nur verdutzt an und suchte krampfhaft nach Worten. Doch er fand keine und gab sich deshalb ganz dem Alten hin, der immer näher an ihn heran trat.
„Das Erste, was man wissen muss, ist der Name. Danach die Analyse der Tätigkeiten, der Situation.“ Dieses Rasseln klang wie eine Münze, die gegen ein Stück Blech geworfen wurde und trostlos zu Boden fiel.
Es breitete augenblickliche Entspannung aus und der Lärm schien in die Ferne zu rücken, als der Alte wieder sprach. Chris versank wie in eine Art Trance, klammerte sich mit den Augen an die Lippen seines Gegenübers und lauschte jeder Silbe, die er zu hören bekam.
„Hier.“, war das einzige Wort, was er sagte und ein wenig enttäuscht sah Chris nach unten. Die sehnige Hand des Alten hielt ihm das Päckchen hin. Voller Vorsicht nahm er es an sich und sah dem Alten wieder in das eingefallene Gesicht.
Und schon wieder schien er zu glauben, das Feuer zu sehen. Doch nach einem Blinzeln war es wieder das belustigte, weise Funkeln, das in den sternenklaren Augen des Alten tanzte und ihn nur so dazu einlud in eine andere Welt zu verschwinden. Doch Chris schüttelte kaum merklich den Kopf und sah wieder nach unten. Er wollte wissen, was sich in diesem Päckchen befand und führte deshalb seine andere Hand zu dem Band, das die alten Zeitungen zusammenhielt.
Doch da knallte der Gehstock des Alten auf den Boden und ließ Chris erschrocken zusammenfahren. Sein Herz fühlte sich so an, als wollte es aus seiner Brust springen, als er die nun erzürnte Miene des Alten sah.
„Analyse bezieht sich nicht immer nur auf Situationen. Sie kann auch Gegenstände beinhalten.“, murmelte er grimmig und wandte sich keuchend von Chris ab. Dieser brauchte einige Minuten, ehe er sich von dem Schock erholt hatte.
Nun sah er dem Alten hinterher. Er wollte nicht, dass er ging. Er fühlte sich zu diesem Alten hingezogen, wie ein unheimlicher Fluch, der über ihm schwebte. Also ging er immer noch benebelt hinter dem Humpelnden her und wollte ihm die Hand auf die Schulter legen. Aber der Alte blieb stehen, sah nach hinten und meinte nur mit verächtlicher Stimme:„Man bettelt nicht wie ein Hund!“
Und damit schloss er mit einem gewaltigen Knall die Türen des Rathauses und Chris stand da, mit dem Päckchen in den Händen.
Sein Gehirn versuchte das gerade abgelaufene Geschehen zu verarbeiten, doch seine Erinnerungen trieben ihm immer wieder dieses Feuer vor die Augen.
„Eine weitere Frau ist verschwunden. Der Kommissar Lainer mit den aktuellen Ergebnissen der Ermittlungen:...“
Chris schaltete den Fernseher aus und legte die Hände wieder auf die Knie. Die Nachrichten interessierten ihn nicht. Ihn interessierte der Inhalt des kleines Gegenstandes, der vor ihm auf dem Tisch lag. Sein Blick huschte zur Seite, auf einen zerknitterten Zettel.
Nachdem der junge Mann in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich einen Kaffee zubereitet und pfeifend eine Dokumentation über die Antarktis angesehen.
Doch seine Gedanken hatten sich einfach nicht von dem Gespräch mit dem Alten lösen wollen, egal was er für tatkräftige Ablenkungsmanöver unternommen hatte. Darum hatte er mit aller größter Vorsicht das Päckchen auf den Tisch abgelegt und es eine geschlagene halbe Stunde lang angestarrt.
Dann war ihm der Zettel wieder in den Sinn gekommen. Was verbindet diese beiden Gegenstände? Was hat das alles mit mir zu tun?, hatte er sich gefragt und war dabei immer wieder über sein Kinn gefahren.
Chris wollte sich selbst nicht eingestehen, dass er Angst vor dem Inhalt des Päckchens hatte. Welcher Mann hatte denn Angst vor so einem kleinen Ding? Doch es war kein einfaches kleines Ding, dass wusste er. Es war nicht die Größe, die die wachsende Abscheu in ihm hervorrief, sondern die Art, wie es verpackt wurde. Es war mit aller größter Ordnung gefalten. So, wie als hätte jemand gewollt, dass es Eindruck erweckte. Und das tat es. Doch die Verpackung bestand aus alten, dreckigen Zeitungsartikeln und war teilweise mit Klebeband geflickt wurden.
Nein, Chris verstand den Macher dieses Päckchens nicht. Und in seinem tiefsten Inneren wollte er das auch ganz und gar nicht.
Darum schnappte er sich den Zettel und überflog ihn noch einmal.
Und da weiteten sich seine Augen und er spürte, wie sein Kopf das Puzzle zusammenfügte.
Nimm es mit, ohne es zu öffnen, stand da in dieser unvertrauten Handschrift geschrieben. Chris hatte es versucht zu öffnen. Aber er hätte es nicht tun sollen. Es wurde ihm in diesem Brief verboten.
„Analyse bezieht sich nicht immer nur auf Situationen.“, wiederholte der junge Mann die Worte des Alten. Hatte er von dem Brief gewusst? Warum sonst hatte er ihn davon abgehalten das Päckchen zu öffnen?
Ein Schauer fuhr dem jungen Mann den Rücken entlang. Was war das für ein Spiel? Und die wichtigste Frage: Wer war der Spielmacher? Chris Augen fixierten wieder das Ding auf dem Tisch. Ich muss es öffnen, wenn ich Antworten haben will.
Er atmete tief durch und in seinem Inneren rebellierte alles, als er den Gegenstand berührte. Er malte sich aus, was sich alles hinter der bedenklichen Verpackung befinden könnte. Darunter Dinge, die ihm den Mageninhalt nach oben trieben. Doch er wollte sich nicht so anstellen. Schließlich war er 25 Jahre alt.
„So ein Ding macht mir keine Angst!“, sagte er grimmig zu sich selbst und entfernte mit einer schnellen Bewegung das dreckige Papier.
Er war gerade dabei seine sieben Sachen zu schnappen und aus der Wohnung zu fliehen, als er sich den Gegenstand genauer ansah. Es war keine Bombe, so wie er vermutet hatte. Es war auch kein Scherzartikel oder irgend eine Art grausamer Gegenstand.
Chris setzte sich wieder und hob den Gegenstand auf, der ihm bei aller Eile auf den Boden gefallen war.
Es war ein Buch.
Der junge Mann sah es sich genauer an. Es hatte einen roten Einband, war eingerissen und kaputt. Das Buch sah so aus, als wäre es nach Jahren wieder ausgegraben wurden. Doch egal wie er es drehte und wendete, er fand keinen Namen. Auch keine Jahreszahl oder irgendetwas, dass etwas über die Vergangenheit des Buches verraten hätte. Voller Neugier klappte er das Buch auf. Doch im nächsten Moment schlug er es gleich wieder zu. Sein Gesicht war marmorweiß und das Blut verließ seine Hände und Füße. Kalte Angst kroch ihm unter die Haut und er sprang vom Sofa auf und zog alle Vorhänge zu, aber nicht ohne einen wachsamen Blick nach draußen zu werfen. Als er sich umdrehte, fühlte er sich verfolgt. Hinter jeder Ecke sah er eine Gestalt und jedes Geräusch ließ sein Herz für einen Moment aussetzen. Scheiße, scheiße, scheiße!
Hektisch schnappte er sich das Buch und raste wie ein Irrer in das Badezimmer, das bei Weitem das kleinste Zimmer in seiner Wohnung war. Seine zitternden Hände erlaubten es ihm nicht, das Schloss hinter sich zu verriegeln, so sehr rutschten sie von ihrem Ziel ab.
Chris versuchte sich zu beruhigen. Er holte tief Luft und dachte an seine Mutter, die er schon im frühen Kindesalter verloren hatte. Und er dachte an seinen Vater, der ihm immer wieder gesagt hatte, dass Güte wichtig war, für ihn und für die anderen. Und er dachte daran, wie sie alle zusammen am See saßen und gelacht haben, glücklich waren und wie stolz sein Vater gewesen war, als Chris doch tatsächlich eine alte, verrostete Dose aus dem Wasser gefischt hatte. Es war ein wunderschöner Tag. Und er dachte daran, dass der Tag, an dem ihm sein Großvater das Feuer machen beigebracht hatte, auch ein schöner gewesen war.
Als Chris wieder die Augen öffnete, fühlte er sich beschützt. Seine Mutter war bei ihm. Und wenn er seinen Vater jetzt anrufen würde, dann würde auch dieser sofort zu ihm fahren. Mit seiner Familie im Herzen trat eine sanfte Ruhe in ihn. Der junge Mann verschloss nun ruhig und langsam die Badezimmertür und setzte sich auf den Boden, neben das Waschbecken.
Interessiert nahm er das Buch wieder in die Hände.
In ihm war es still, nur in einer ganz kleinen Ecke in seinem Körper verspürte er Angst. Aber diese wurde zurück gedrängt. Von seinem Opa vielleicht? Oder eher von seiner lieben Oma, die ihm heute noch jeden Samstag einen Kuchen vorbeibrachte und ihm immer mit einem Lächeln das Lied sang, dass sie immer zu dritt mit seiner Mutter gesungen hatten?
Ein liebevolles Grinsen huschte über sein Gesicht, als er an sie alle dachte.
Doch nun schenkte er seine Aufmerksamkeit dem Buch in seinen Händen. Das was ihn so verrückt gemacht hatte, waren drei einfache Worte, auf der ersten Seite.
Vielleicht war es ja auch nur Einbildung?, fragte er sich hoffnungsvoll. Doch als er das Buch erneut aufschlug, sah er, dass er sich nicht getäuscht hatte.
Er betrachtete die Seite, die mit verschiedenen Farben verziert wurde. Es waren einfache Symbole, wie die Sonne oder Bäume zu sehen. Aber auch komplexe Bilder, wie zwei Menschen, die sich stützten und ein Hund, der in seiner Hundehütte saß und zufrieden in die Augen seines Betrachters sah.
In der Mitte der Seite wurden drei Wörter mit goldener Farbe umrahmt und verliehen diesem ganzen Erscheinungsbild einen stimmigen, einladenden Charakter.
Chris las die Worte nun immer wieder und wieder. Wiederholte alles, was er wusste. Versuchte den Zettel mit diesem Päckchen und dem Mann zu verbinden, doch für ihn gab es keine Verbindung. Für ihn gab es einen großen Zufall, doch er glaubte nicht an Zufälle und darum war es schwer für ihn, sich diese einfache Ausrede zu glauben. Nein, dass kann kein Zufall sein. Es hat etwas zu bedeuten, da bin ich mir ganz sicher, dachte er sich grübelnd.
Und wieder las er die drei Worte. Doch es waren nicht nur Worte, nein. Sie verschmolzen und wurden zu einem Namen.
Er schluckte, ehe er mit zitternder Stimme flüsterte:„Merlia Jäger. Tagebuch.“
Ella war eine kluge und etwas zu selbstsichere Frau, die ihre Ziele anvisierte, im perfekten Moment erreichte und mit einem siegessicheren Grinsen durch die Welt spazierte. Wohl wissend, dass sie als arrogant und ignorant rüber kommen könnte.
