Eritrid - Jasmina Mai - E-Book

Eritrid E-Book

Jasmina Mai

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Beschreibung

Die drohende Gefahr aus dem Dunkelreich lässt Mira und Elios keine Verschnaufpause. Doch der Dunkelgott ist nicht der einzige Feind, gegen den sich die beiden zur Wehr setzen müssen. Während sie nach Miras Thronübernahme das altmodische Sonnenreich neu zu ordnen versuchen und gegen einen tief sitzenden Hass im Sonnenvolk ankämpfen müssen, wird Elios von seiner Vergangenheit eingeholt. Dadurch erfährt Mira nicht nur, welch furchtbaren Qualen Elios in seiner Kindheit ausgesetzt war, sondern sie beginnt zu verstehen, gegen welche Urmacht sich ihr Verlobter behaupten muss.

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EPUB
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Seitenzahl: 588

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jasmina Mai · Der Dunkelprinz

1. Band: Die Sonnenprinzessin

2. Band: Der Dunkelprinz

3. Band: Die Mondfinsternis

© 2023 Jasmina Mai

Satz & Layout: Die BUCHPROFIS, München

Lektorat: www.derletzteschliff.de

Coverdesign von: Lisa Dobner

ISBN Softcover: 978-3-347-94023-9

ISBN Hardcover: 978-3-347-94024-6

ISBN E-Book: 978-3-347-94025-3

Druck und Distribution im Auftrag:

tredition GmbH, An der Strusbek 10,

22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag , zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Jasmina Mai

ERITRID

Der Dunkelprinz

Inhalt

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Höfische Pflichten

Der Empfang

Die Überraschung

Beraubt

Verloren geglaubt

Vergiftet

Alte Feinde

Zwietracht

Erkenntnisse

Allianzen

Erbittert

Das Windschloss

Neue Wege

Unvorhergesehen

Spielereien

Aufgebauschte Energien

Machtgerangel

Entscheidungen

Wechselbad der Gefühle

Aufständisch

Innere Konflikte

Das Nassimen-Ritual

Mira

Atmen lernen

Erste Schritte

Erwachsen werden

Elios

Loslassen

Training

Truppenbewegung

Der Dunkelprinz

Danksagung

Glossar

Eritrid

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Höfische Pflichten

Glossar

Eritrid

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Höfische Pflichten

Elios lehnte, bewaffnet mit seinem Dunkelschwert, regungslos hinter einem Baum und wartete auf die hereinbrechende Nacht.

Er nutzte die Ruhe, um in den wolkenlosen Himmel zu blicken, und so sah er dabei zu, wie das letzte Licht des Tages, die vier Reiche von Eritrid, über seinem Kopf in einem sanften rosa Farbton erglühen ließ.

Schon bald würde der Sichelmond, das Wappenzeichen der Dunkelwelt, am Nachthimmel erscheinen. Wie so oft, wenn er sich die Zeit nahm, diesem Schauspiel Beachtung zu schenken, fragte er sich, wie es wohl wäre, wenn er irgendwann anstatt des Mondes die Sonne am Himmel betrachten könnte. Aber solange sein Vater ihm eine Reise nach Eritrid verwehrte, musste er sich mit seinen Vorstellungen davon zufriedengeben.

Sein Vater war heute den ganzen Tag über bei äußerst guter Laune gewesen. Elios hatte durch den Kammerdiener erfahren, dass dies auf die Geburt einer Prinzessin aus dem Sonnenreich zurückzuführen war.

Er verstand jedoch nicht, wieso sein Vater plötzlich so großes Interesse am Sonnenreich hatte. Normalerweise reagierteer immer äußerst empfindlich, wenn er ihn auf die vier Reiche ansprach, und auch heute hatte er seine Fragen wieder einmal nicht beantwortet. Stattdessen hatte er Elios aus seinem Arbeitszimmer verwiesen und zum Trainieren geschickt.

Aus diesem Grund, und weil er durch die ständige Geheimniskrämerei seines Vaters äußerst verärgert war, lauerte er nun mit Giro im Dunkelwald auf einen Rachiles.

Elios wollte sich durch einen guten Kampf mit einer Dunkelkreatur von seinem Frust befreien, und da kam ihm das Raubtier, das mehrere Tiere der Dorfbewohner gerissen hatte, genau recht. Sein bester Freund Giro, den Elios bei seiner ersten Fechtstunde kennengelernt hatte, war ihm dabei wie immer nur zu gerne behilflich.

Die beiden Jugendlichen waren von der ersten Sekunde an unzertrennlich gewesen, und obwohl Elios ein Prinz und Giro lediglich der Sohn eines Kriegers war, waren sie wie Brüder im Geiste vereint.

Ein leises Knacken im Unterholz ließ Elios aufhorchen.

Auch Giro, der abwartend drei Bäume weiter vor einem dichten Strauch in der Hocke saß, hatte es gehört.

Die beiden sahen sich kurz an und tauschten über ihre Gedanken das weitere Vorgehen aus.

Daraufhin fasste sich Giro ein Herz, zückte seine beiden Dunkelklingen, die inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden waren, richtete sich auf und machte einen entschlossenen Schritt hinter seinem Versteck hervor. Er begab sich in Kampfstellung und schrie: »Hey, du hässliches, nach Schwarzmoor stinkendes Monster, komm und friss meine Schwerter!«

Elios musste grinsen, seinem Freund fielen doch immer noch die besten Beleidigungen ein. Doch kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, konnte man ein lautes, zischendes Fauchen im gesamten Wald hören.

Flügler, die sich bereits zum Schlafen in die Baumwipfelzurückgezogen hatten, flatterten aufgeregt davon und den beiden Männern stellten sich instinktiv die Nackenhaare auf. Allerdings war dies eine rein körperliche Reaktion, denn die beiden waren kampferprobt und beherrscht.

Kontrolliert atmeten sie ein und aus.

Elios festigte seinen Stand, um im richtigen Moment einzugreifen, und sah zu Giro, der sich aufgrund der herannahenden Gefahr bereitmachte.

Die Sekunden verstrichen, Elios hörte lautes Getrampel. Äste brachen und Blätter wurden aufgewirbelt.

Giro ging leicht in die Hocke und grinste euphorisch, während seine hellblauen Augen aufgeregt leuchteten. Es folgte ein dumpfer Aufprall und ein wütendes Fauchen, als der Rachiles Bekanntschaft mit Giros Klingen machte.

Elios lauschte den Gedanken seines Freundes und umrundete im richtigen Moment den Baum. So war das Überraschungsmoment auf seiner Seite und er konnte den Rachiles von hinten angreifen.

Er rannte die wenigen Meter zu Giro, setzte zum Sprung an und landete gekonnt auf dem Rücken des steinernen Raubtiers.

Der fauchende Rachiles unter ihm fühlte sich an wie ein sich bewegender, wütender Berg.

Stein mahlte auf Stein.

Eine von Giros Klingen steckte bereits tief in einer Lücke zweier roter Felsen in der Brust der Kreatur, aber sie war nicht tief genug vorgedrungen, sodass das Raubtier nur wütender geworden war.

Während Giro nun versuchte, den Rachiles mit seiner verbliebenen Klinge auf Abstand zu halten, rammte Elios dem Wesen sein eigenes Dunkelschwert tief in eine Lücke am Rücken. Der Rachiles wirbelte herum und schlug mit seinen stählernen Klauen nach Elios, aber Giro nutzte die Ablenkung undstieß der Kreatur blitzschnell seinen kleinen, silbernen Dolch in die weiche, tödliche Stelle unter dem Ohr.

Das steinerne Wesen weitete ungläubig seine hellorangen Augen, seufzte aus und brach krachend wie eine Steinlawine in sich zusammen. Elios sprang daraufhin leichtfüßig ab und landete auf dem weichen Waldboden.

Der Körper des Rachiles, der komplett aus rötlichen, dicklichen, runden Steinen bestand, zerfiel zu einem unscheinbaren Steinhaufen und die drei Waffen warteten eingeklemmt auf ihre Besitzer.

»An deiner Treffsicherheit musst du noch arbeiten«, spöttelte Elios, während er Giro einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter gab. Er hob die drei Klingen auf und reichte Giro das Kurzschwert und den Dolch.

»Ich? Du hast doch die falsche Lücke gewählt und wärst von den Eisenklauen fast aufgespießt worden!« Giro steckte seine Waffen zurück in ihre Halter und bedachte Elios mit einem herausfordernden Blick.

»Das war Absicht, ich wollte dir nur die Gelegenheit bieten, deinen Fehler zu bereinigen – am Ende verbreiten sich noch Gerüchte darüber, dass ich dir wegen deiner mangelnden Treffsicherheit jedes Mal deinen Hintern retten muss!« Elios grinste siegessicher.

»Du mir den Hintern retten? Wäre ich nicht gewesen, würde das Ding jetzt laut schmatzend auf deinem Auge rumkauen, weil es wegen der grünen Farbe denken würde, es wäre ein kleiner Balmur!« Giro lachte aufgrund Elios’ verwunderten Ausdrucks.

»Du findest, meine Augen sehen aus wie Balmurs? Du vergleichst also meine wunderschönen, hellgrünen Augen mit kleinen, schleimigen Springwesen aus dem Dunkelmoor?« Elios griff sich spielerisch entrüstet ans Herz. »Wenn du es darauf ankommen lassen willst, wer die schöneren Augen hat, können wir es heute Abend beim Burgfest gerne mal wieder auf einen Wettstreit ankommen lassen«, erwiderte er. »Wer die schönste Frau abbekommt, gewinnt. Dann sehen wir ja, wer von uns beiden einem Balmur ähnelt.«

»Abgemacht, aber nur wenn du nicht wieder deine ›Seht mich an, ich bin der Dunkelprinz‹-Karte spielst, das sind nämlich unfaire Mittel«, gab Giro kämpferisch zurück.

Elios erwiderte: »Das habe ich …« Er brach ab. »Giro?«

Er war verschwunden.

»Giro!!!« Elios stürmte an die Stelle, an der sein Freund gerade eben noch gestanden hatte.

Ein endloses Erdloch hatte sich aufgetan und hatte ihn einfach verschluckt.

»Giro!!!«, rief Elios verzweifelt in das dunkle Loch.

Aber von Giro war nichts mehr zu sehen.

Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte Elios in eine tiefe, undurchdringbare Finsternis.

»Elios, Elios, wach auf. Elios! Es war nur ein Traum. Komm zu dir!« Durch sanftes Rütteln versuchte ich, Elios aus seinem Tiefschlaf zu holen. Seine starken Emotionen hatten mich selbst aufgeweckt und ich machte mir Sorgen um ihn. Es war nicht der erste Albtraum in den letzten Wochen und ich hatte das Gefühl, dass sie immer schlimmer wurden.

»Miri?« Er schlug die Augen auf. Man sah den Schrecken, den der Albtraum in ihm hinterlassen hatte, in seinem Blick nachwirken.

»Elios, hast du wieder von Giro geträumt?« Ich richtete mich neben ihm auf und strich ihm ein paar seiner Locken hinters Ohr.

Er nickte bedrückt und sah mich an. »Die Träume werden immer intensiver, dieses Mal war es eine Erinnerung an einen unserer Jagdausflüge. Es fühlte sich so real an.«

»Ich weiß, es klingt verrückt, aber meinst du, Giro versucht, dich in Gedanken zu kontaktieren?«

»Wie sollte er? Sein Geist wird von meinem Vater blockiert.« Elios setzte sich im Bett auf und stellte seine Füße auf den Boden.

Er litt. Seine Gedanken und seine Gefühle drehten sich wild in mir – und es tat mir in der Seele weh. Ich rutschte zu ihm und umarmte ihn von hinten, während ich meinen Kopf zwischen seine Schulterblätter legte und das Gefühl seiner Haut auf meiner genoss. »Wir werden Dante und Giro befreien, aber wir brauchen einen Plan. Wir können nicht einfach ins Dunkelreich eindringen und Amir zum Kampf herausfordern. Es ist zu gefährlich, und schon damals sind wir gerade so davongekommen. Wir hatten nur Glück, dass wir ihn überraschen konnten, das wird uns ein zweites Mal sicher nicht gelingen.«

»Ich weiß, Miri, ich weiß. Es sind nur Träume. Ich komme klar, und glaub mir, ich werde einen Weg finden, um die beiden zu befreien, versprochen.« Er drehte sich zu mir und küsste mich zärtlich. Seine Hand streichelte durch meine offenen Haare, dann umarmte er mich und flüsterte: »Schon morgen wirst du mich zum glücklichsten Mann dieser Welt machen, und ich habe nicht vor, den letzten Tag vor unserer Hochzeit mit meinen Albträumen zu ruinieren. Nicht, dass du es dir noch anders überlegst, weil du keinen vorbelasteten Ehemann möchtest.«

Ich stupste ihm mit meinem Finger anklagend in die Seite, was er mit einem kleinen Lachen quittierte, dann knabberte er lustvoll an meinem Ohr.

»Hey, das kitzelt!«, quiekte ich und ließ mich lachend nach hinten aufs Bett fallen.

Elios rollte sich über mich, sodass er zwischen meinen Beinen lag. Er stützte sich mit seinen Ellbogen neben meinem Kopf auf und umrahmte mein Gesicht gefühlvoll mit seinen Händen. Unsere Blicke verkeilten sich ineinander und erneut konnte ich nur daran denken, wie sehr ich meinen Dunkelprinzen liebte.

Meine Hand wanderte über seinen kräftigen Rücken nach unten, strich über seinen wohlgeformten Po, ich wölbte ihm auffordernd meine Hüfte entgegen, da klopfte es fest an der Tür.

»Miri! Miri! Ich weiß, es ist der letzte Tag vor eurer Hochzeit, aber trotzdem warten hier jede Menge höfische Pflichten und Entscheidungen auf euch. Außerdem traut sich von euren Kammerdienern keiner zu stören, weil man Elios’ summende Macht bis hier auf den Flur hören kann. Also, ihr beiden, zieht euch etwas an und kommt zum Frühstück!« Nila entfernte sich laut meckernd, dass doch niemand außer ihr noch Schneid hätte und alle unangenehmen Aufgaben bei ihr hängen bleiben würden, von der Tür.

Frustriert ließ Elios seinen Kopf auf meine Brust sinken und murmelte: »Wenn das hier vorbei ist, entführe ich dich in die Hütte bei unserem Teich und lasse dich zwei Wochen nicht mehr aus dem Bett.«

Ich streichelte durch seine Locken und musste schmunzeln. Nila hatte echt ein Talent dafür, immer im richtigen Moment zu stören. »Falsch, wenn das hier vorbei ist, lasse ich dich zwei Wochen nicht mehr aus dem Bett. Notfalls binde ich dich an, dann musst du mir den ganzen Tag zu Diensten sein, und am Ende wirst du dich fragen, ob es die richtige Entscheidung war, die liebestolle Königin zu heiraten.«

Elios hob seinen Kopf, sah mir tief in die Augen und gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze. »Was habe ich aus dir nur für ein liebessüchtiges Monster gemacht? Aber ich kann dir versichern, dass ich den Entschluss, dich zu heiraten, niemals bereuen werde. Außerdem ist die Vorstellung, von dir festgekettet zu werden, nicht gerade förderlich, wenn ich dich jetzt aufstehen lassen soll.«

Zwischen meinen Beinen konnte ich sehr deutlich spüren, worauf er anspielte, und es fiel mir schwer, unsere gemeinsame Zeit für beendet zu erklären, aber Nila hatte recht, wir wurden heute dringend gebraucht.

Er hörte meine Gedanken und seufzte ergeben: »Na gut, aber wir holen das nach.« Dann gab er mir einen viel zu kurzen Kuss auf die Lippen, erhob sich mit einer fließenden Bewegung aus dem Bett und kleidete sich mit einem Wimpernschlag an.

Wie immer konnte ich meinen Blick nur schwer von seinem unglaublichen Körper lösen, und während ich ihn betrachtete, fragte ich mich, wie man nur so unendlich verliebt sein konnte, dass sich jede Faser nach dem anderen verzehrte. Schon morgen würde Elios offiziell mein Ehemann sein, und ich konnte nicht fassen, wie viel Glück ich hatte.

»Ich gehe schon mal nach unten vor. Wenn ich weiterhin deine Gedanken höre, überlege ich es mir sonst nochmal mit dem Aufschub.« Er zwinkerte mir lasziv zu und verließ bestens gelaunt unser gemeinsames Schlafzimmer.

Die Tür fiel ins Schloss und ich seufzte ergeben. Dann rappelte ich mich auf und machte mich auf den Weg zu meinem Schrank, um mir etwas zum Anziehen auszusuchen. Ich vermisste meine einstigen Dunkelwesenfähigkeiten noch immer, zumindest etwas, aber Elios hatte mal wieder recht behalten. Meine Sonnenenergie hatte nun viel mehr Platz, sich zu entfalten.

Es fiel mir nicht nur einfacher, sie zu kontrollieren, sondern ich lernte beständig neue Fertigkeiten dazu.

Auch Elios, der seit unserem Kampf mit Amir nun mehr Zugriff auf die Dunkelheit hatte und damit viel mächtiger war als vorher, musste so oft wie möglich trainieren und lernen, mit dieser gewaltigen Energie umzugehen. Obwohl seit diesem Ereignis bereits vier Wochen vergangen waren, entdeckte Elios täglich neue Möglichkeiten, die Energieströme zu nutzen. Er sagte mir einmal, dass sich sein Sichtfeld erweitert hätte – alles wäre nun intensiver, machtvoller und ursprünglicher.

Ich dachte mit einem Lächeln an den Moment zurück, als wir uns das erste Mal nach dem Sieg über Amir nähergekommen waren und Elios, weil er seine Macht für einen kurzen Moment nicht mehr im Griff hatte, die gesamte Zimmereinrichtung zu Kleinholz verarbeitet hatte.

Doch manchmal, wenn ich ihn beim Training beobachtete, machte ich mir deswegen auch Sorgen, weil ich das Gefühl hatte, dass seine Macht von Tag zu Tag immer stärker wurde. Ich sprach ihn des Öfteren darauf an, aber jedes Mal redete er es dann klein und meinte, dass er es im Griff hätte. Also musste ich ihm wohl einfach vertrauen …

Als ich vor meinem Kleiderschrank stand, überlegte ich, was ich anziehen wollte. Natürlich hätte ich auch nach meiner Zofe Amalia rufen können, aber eigentlich war es mir immer noch lieber, mich selbst anzukleiden. Lediglich bei den Haaren ließ ich mir oft von ihr helfen.

Schließlich entschied ich mich für ein königsblaues bodenlanges Kleid mit langen Ärmeln, einem weißen Rüschenbesatz und schwarzer Schnürung am Dekolleté sowie dazu passenden schwarzen Schuhen. Meine Haare ließ ich nach dem Bürsten offen und setzte mir nur meinen goldenen Stirnreif auf, der mich als Königin des Sonnenreichs kennzeichnete. Elios mochte es am liebsten, wenn ich meine Haare so trug, und diesen kleinen Gefallen erfüllte ich ihm nur zu gern.

Ich überprüfte mein Aussehen kurz im Spiegel, dann machte ich mich auf den Weg in den Speisesaal.

Im gesamten Schloss herrschte geschäftiges Treiben, alle Bediensteten waren mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt. Es wurde geputzt, Gästezimmer wurden vorbereitet, edles Geschirr wurde ausgepackt, poliert und es wurde gekocht. Seit Tagen stiegen aus der Küche die leckersten Düfte durch das gesamte Schloss, und seit Nila den kleinen, dicklichen Marius in seiner Position als Hausvorstand abgelöst hatte, schmeckte das Essen so gut wie noch nie.

Nachdem Elios und ich mit einer alten Tradition dieses Palastes gebrochen hatten – da ich es nicht aushielt, das alte Schlafzimmer meiner Eltern zu bewohnen – und sich unsere Räumlichkeiten nun in der sechsten, und nicht wie sonst üblich, in der achten Etage befanden, waren die letzten Wochen über einige Umbaumaßnahmen in Gang gewesen. Mein altes Kinderzimmer war mit den zwei angrenzenden Räumen verbunden und komplett renoviert worden, sodass wir dort nun ausreichend Platz zum Schlafen, Wohnen und Arbeiten hatten.

Der mir verhasste rote Teesalon war komplett umdekoriert und erstrahlte in einem satten Indigoblau. Ich hatte die ganzen alten Gemälde von Adeligen, die niemand mehr kannte, abnehmen und durch Landschaftsgemälde der vier Reiche ersetzen lassen, sodass – sollten wir einmal Besuch aus den anderen Königreichen haben – dies der perfekte Ort für Gespräche wäre.

Ich eilte die goldenen Stufen nach unten und ging durch den himmelblauen Flur nach links zum Speisesaal. Schon vom Treppenabsatz aus konnte ich Nila bereits laut Kommandos rufen hören und daraufhin konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Typisch Nila …

Die Wachen vor der Saaltür erblickten mich, senkten ehrfürchtig ihre Köpfe und öffneten mir die großen, halbrunden, weißen Flügeltüren.

Sobald ich in den Saal schauen konnte, wurde mein Blick von Elios angezogen, wie er abwartend, mit vor der Brust verschränkten Armen, mitten im Raum stand und Nila amüsiert dabei zusah, wie sie ein paar Diener ununterbrochen die Tische von links nach rechts, wieder zurück zur Mitte und dann wieder ganz anders als U-Form anordnen ließ.

Als ich mich neben ihn gesellte, legte er seine Arme um mich, um mir einen Kuss auf meine Stirn zu geben. Es kribbelte und ich schloss meine Augen, um das Gefühl zu genießen, das seine Berührung in mir auslöste.

»Stopp, stopp, stopp … ihr fangt jetzt nicht gleich wieder mit dem Geturtel an, ich brauche euch bei klarem Verstand!« Nila eilte auf uns zu und stellte sich, die Arme in ihre Hüfte stemmend, auffordernd vor uns.

»Schon gut, Nila, wir werden nicht gleich übereinander herfallen«, witzelte ich, während ich mich aus Elios’ Armen schälte.

»Das weiß man bei euch leider nie so genau. Es wird Zeit, dass ihr verheiratet seid, damit alles seine Ordnung hat, und jetzt wird etwas gegessen. Euer Frühstück ist auf der Sonnenterrasse angerichtet, und bevor ihr auf dumme Ideen kommt, ich werde euch gleich als Anstandsdame Gesellschaft leisten.« Sie bedachte uns mit einem mütterlich-fürsorglichen Blick, dann raffte sie ihre Röcke und eilte zurück zu den Bediensteten, um ihnen weitere Anweisungen bezüglich der Tischformation zu erteilen.

Elios reichte mir seine Hand und schickte mir in Gedanken: »Heißt das, wenn wir verheiratet sind, darf ich dich überall und zu jeder Zeit begatten und keiner stört sich daran?«

Ich lachte, und während wir durch den Ballsaal liefen und auf die Terrassentür zusteuerten, antwortete ich über unsere Verbindung: »Blödmann. Du vergisst, wie alt Nila bereits ist. In ihrer Jugend war alles noch sehr streng. Außerdem ist die Art und Weise, wie wir unsere Beziehung – und dann auch noch unverheiratet – ausleben, wirklich nicht der höfischen Etikette entsprechend. Wenn meine Eltern, na ja, du weißt schon, also wenn meine Eltern beide meine Eltern gewesen wären und alles normal verlaufen wäre, hätte ich meinen zukünftigen Ehemann erst einen Tag vor der Hochzeit kennengelernt und die erste gemeinsame Nacht wäre die Hochzeitsnacht gewesen. Die Eritriden reden schon über uns und ihre zügellose Königin. Jeder weiß, dass wir das Bett teilen, und gerade die älteren Eritriden heißen das nicht gut. Warum glaubst du, drängt Nila so auf eine schnelle Hochzeit? Sie möchte, dass das Gerede aufhört. Zudem sind die Höflinge des Sonnenreichs nicht daran gewöhnt, dass das Königspaar nicht die Finger voneinander lassen kann. Ich habe kein einziges Mal gesehen, wie meine Eltern sich nahegekommen waren. Das war zu ihrer Zeit verpönt.«

»Na, dann bin ich ja froh, dass wir ein neues Zeitalter einläuten.« Elios legte den Arm um meine Schultern und zog mich näher an sich.

Ich liebte seine ungezwungene Art, aber ich hoffte auch, dass die Eritriden des Sonnenreichs sich mit unserer neuen Herangehensweise an einige Regeln anfreunden würden.

Es sollte sich so vieles zum Besseren ändern, und dabei würden wir mit der Gleichstellung der Gesetzlosen beginnen.

Genauso, wie auch wir uns nicht vor unserem eigenen Volk verstecken wollten, sollte auch kein anderer Eritrid dazu gezwungen sein müssen, seine Gefühle zu verbergen. Es sollte jedem Eritriden freistehen, sich zu verlieben, egal, ob man ein Befähigter, ein normaler Eritrid oder ein Gesetzloser war. Immerhin hatte sich auch ihre Königin über jegliche Gesetze hinweggesetzt und würde einen Dunkelprinzen aus einem für ihr Volk bis dato unbekannten fünften Reich ehelichen.

Nila hatte uns bereits davor gewarnt, diese alten Gesetze ändern zu wollen. Sie meinte, die Sonneneritriden wären die stursten und altmodischsten, aber sogar Junka hatte das in seinem Reich zumindest teilweise umgesetzt, und ich traute Elios und mir mehr zu als diesem Scheusal.

Veränderung brauchte Zeit und Mut, und wir wollten uns der Herausforderung stellen.

Wir betraten die halbrunde, weiße Marmorterrasse, die einen wunderbaren Blick über den weitläufigen Schlossgarten darbot.

Meine Marusen, die Elios nach meiner Krönung für mich um die Terrasse herum einpflanzen ließ, blühten in einem wunderschönen, satten Gelb, und ihr lieblicher Geruch verteilte sich überall um uns herum. In der Mitte des Platzes stand ein einladend gedeckter Tisch und wartete mit einem köstlichen Frühstück auf uns.

Ich atmete tief ein und genoss die Wärme, die die aufgehende Sonne auf meiner Haut hinterließ.

Elios legte seine Arme von hinten um mich und drückte mich liebevoll an sich. In meinen Gedanken sagte er: »Früher, als ich das Dunkelreich noch nicht verlassen durfte, habe ich mir immer vorgestellt, wie die Sonne wohl aussehen würde und wie es sich anfühlen würde, von ihren weichen Strahlen beschienen zu werden. Ich fragte mich, ob es kribbeln würde, wenn die Hitze langsam die Haut erwärmt, und ich war neidisch auf die Eritriden, weil ich dachte, dass sie jeden Tag das pure Glück spüren müssen. Doch dann, als ich endlich in die vier Reiche durfte und die Sonne das erste Mal auf meinem Gesicht fühlte, empfand ich gar nichts. Ich war bitter enttäuscht, weil meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, und ich war sauer auf mich, da ich all die Jahre einem Trugbild aufgesessen war. Aber eines Tages bekam ich die Aufgabe, eine Prinzessin aus der Dunkelheit zu befreien. Und das veränderte für mich einfach alles. Ich sah sie das erste Mal in ihrem Bett liegen und war ihrer Ausstrahlung und ihrem Liebreiz sofort erlegen. Mein ganzer Körper kribbelte wie verrückt, und als wir uns dann das erste Mal küssten, wurde mir bewusst, dass ich all die Jahre nicht auf die Strahlen der Sonne, sondern auf dieses Licht und diese Liebe gewartet habe.«

Zutiefst gerührt von seinen Worten wandte ich mich zu ihm um und sah ihm in seine strahlenden Augen.

Er umfasste mein Gesicht und streichelte meine Wange. »Miri, du bist meine Sonne, du warst mir vorherbestimmt, und ich kann es immer noch kaum glauben, dass du morgen meine Frau sein wirst. Ich liebe dich mehr, als du dir vorstellen kannst.«

Er beugte sich zu mir und küsste mich zärtlich.

Ich dachte: »Elios, ich …«

»Kinder, Kinder, nicht schon wieder. Los hinsetzen! Essen! Ihr habt noch genug Zeit dafür, wenn ihr …«

» … verheiratet seid, danke für die Erinnerung, Nila.« Ich löste mich von Elios und schaute Nila genervt an.

»Meint ihr beiden, mir macht das Spaß? Wir sind hier eben nicht mehr in meinem Haus in der Waldebene, ihr habt Verpflichtungen und Verantwortung! Außerdem kommen eure Gäste in ein paar Stunden. Kommt, wir müssen uns sputen!« Nila packte mich am Arm und zog mich mit sich zum Tisch, während Elios – weiterhin amüsiert über Nilas Anstandsdamengetue – hinter uns her trottete.

Elios rückte mir meinen Stuhl zurecht und wollte sich dann neben mich setzen, aber Nila verschaffte sich demonstrativ Platz und beanspruchte mit einem energischen Funkeln ihrer Augen den Sitz neben mir, sodass sich Elios mit beschwichtigend erhobenen Händen und einem breiten Grinsen mir gegenübersetzte.

Nila meinte es heute aber wirklich sehr ernst. Ich verdrehte die Augen und verkniff mir ein Schmunzeln.

Während wir gemeinsam frühstückten, besprachen wir den Ablauf des Tages. Nila erläuterte, welcher Gast in welches Zimmer einquartiert wurde und welche Speisen geplant waren. Am Abend sollte dann noch ein kurzer Empfang mit Tanz und Musik stattfinden, und am nächsten Tag wäre es dann so weit – wir würden endlich heiraten.

Der Empfang

Amalia, welches der beiden Kleider soll ich anziehen? Ist das goldene nicht zu aufdringlich? Soll ich nicht lieber das hellblaue nehmen?« Heute Abend war ich mit der Kleiderauswahl total überfordert. Zum ersten Mal in meinem Leben würde ich auf die Herrscher des Wasser- und des Windreichs treffen, und nachdem das Kennenlernen mit Junka nicht sehr positiv verlaufen war, war ich überaus nervös.

Auch die ganzen anderen Adligen bereiteten mir Kopfzerbrechen, alle Blicke wären auf Elios und mich gerichtet, und das die nächsten beiden Tage über. Nicht dass mir das nicht bewusst gewesen wäre, aber ich war nun die Königin und von mir wurde viel erwartet.

Früher konnte ich mich bei größeren Anlässen zurückziehen, wenn es mir zu viel wurde, aber das ginge jetzt nicht. Ich war nur froh, dass Elios an meiner Seite sein würde; er war der geborene Gesellschafter, und ich hoffte, dass ich mir von ihm ein bisschen was abgucken konnte.

»Königliche Hoheit, natürlich werdet Ihr das goldene Kleid anziehen, Ihr seid heute der Mittelpunkt des Abends, alle werden nur über Euch und Euren Verlobten sprechen. Ihr müsst den Kopf erhoben tragen und durch Euer Selbstbewusstsein Eure Macht demonstrieren. Ihr seid eine Halbgöttin, wovor habt Ihr Angst?« Amalia schaute mich mit ihren warmen, hellbraunen Augen aufmunternd an.

Sie war nur ein paar Jahre älter als ich, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie bereits genauso weise war wie Nila. Obwohl ich sie erst wenige Wochen kannte, war sie mir schon sehr ans Herz gewachsen. Sie war ehrlich, loyal und unglaublich intelligent. Oft fragte ich mich, wieso sie noch nicht verheiratet war. Mit ihren langen, blonden Haaren und ihrer zierlichen, aber wohlgeformten Figur verdrehte sie vielen Männern den Kopf, doch als ich sie einmal darauf ansprach, sagte sie nur, dass sie auf den richtigen Mann warten würde. Ich verstand, was sie meinte, und bedrängte sie seitdem nicht weiter.

Amalia war zudem eine der wenigen, die über Elios und meinen Status als Halbgötter Bescheid wussten. Wir wollten es nicht an die große Glocke hängen und unserem Volk vorerst nur die nötigsten Wahrheiten zukommen lassen, damit es nicht zu Unruhen kam. Inzwischen wussten alle über das fünfte Reich Bescheid – auch, dass Elios der Prinz des Dunkelreichs war. Dass es jedoch wahrscheinlich bald zum Krieg kommen würde, weil wir Dante und Giro befreien mussten, darüber hatten wir nur unseren obersten General Eugen informiert.

»In Ordnung, Amalia, ich verlasse mich wie immer auf Eure Fachkenntnis.« Ich atmete noch einmal betont ein und wartete darauf, dass sie mir mein Korsett anziehen würde. Ein tiefer Atemzug wäre dann nicht mehr möglich.

Amalia stellte sich hinter mich und begann mit ihrem Werk. Als sie mit den Schnürungen fertig war, half sie mir in das goldene, aufwendig gearbeitete Kleid. Es erinnerte mich sehr stark an das Gewand, das Elios mir damals in seiner Höhle gegeben hatte, nur dass es einen runden, tiefen Ausschnitt hatte, der das Korsett, damit alles an Ort und Stelle blieb, zwingend erforderlich machte. Zudem war ein leichter, fließender, netzartiger Umhang angebracht, der im Licht funkelte und bis zum Boden reichte.

Elios’ Kette trug ich wie immer gut sichtbar an meinem Hals und Amalia verflocht meine Haare zu einer aufwendigen Flechtfrisur, in die sie meinen Stirnreif künstlerisch einarbeitete. Zum Schluss stieg ich in goldene Absatzschuhe und betrachtete mich kritisch im Spiegel.

»Mira, Ihr seht wundervoll aus.« Amalia stand neben mir und bestaunte mich. »Macht Euch keine Sorgen, Ihr werdet mit Eurem Charme alle bezaubern, und im Endeffekt kommt es doch nur darauf an, dass Ihr und Elios den Abend genießt. Es ist schließlich Eure Hochzeit.«

Das Korsett in Verbindung mit meiner Aufregung erschwerte die Atmung wirklich sehr, doch ich würde mich schon daran gewöhnen. »Ich danke Euch«, erwiderte ich. »Ihr seid mir eine wahre Freundin und ich versuche, an Euren Rat zu denken, wenn ich gleich die Treppe nach unten steigen muss.«

Amalia nickte zustimmend, aber ich zog sie in eine Umarmung, die sie nach kurzer Überraschung herzlich erwiderte. Sie flüsterte: »Ihr schafft das, Mira!«

Ich zog mich von ihr zurück, straffte meine Schultern, lächelte sie noch einmal knapp an und machte mich auf den Weg.

Hocherhobenen Hauptes und mit einem flauen Gefühl im Bauch schritt ich zur goldenen Treppe, immer den lauten und durcheinanderwirbelnden Stimmen entgegen. Doch als ich gerade die erste Stufe betreten wollte, vernahm ich ein warmes Gefühl an meinem Rücken. Ich drehte mich um und sah Elios hinter mir stehen.

Er hatte sich seines Reiches entsprechend gekleidet. Er trug eine schwarze Hose, schwarze Schuhe und ein schwarzes ärmelloses Hemd mit einem geschnürten V-Ausschnitt, das mir zu Ehren mit golden schimmernden Fäden durchzogen war. Seine Haare waren nach hinten frisiert und die schwarzen Lederbänder, die ich bereits aus dem Dunkelreich kannte, umwickelten seine Unterarme. Er sah so unfassbar gut aus.

»Elios, aber du müsstest doch laut Etikette unten auf mich warten.«

Er kam auf mich zu, mein Bauch kribbelte.

»Meinst du, ich lasse dich mit diesem unguten Gefühl im Magen den ganzen Weg allein nach unten laufen, nur weil es irgendwer vor Urzeiten einmal als höfische Etikette bezeichnet hat?« Elios umarmte mich und hauchte mir ins Ohr. »Es ist mir egal, was die anderen von uns denken. Du gehörst zu mir, und das kann auch jeder wissen. Übrigens siehst du mal wieder unglaublich bezaubernd aus, Miri, und ich freue mich schon jetzt darauf, dir später, wenn wir wieder allein sind, dein Korsett Faden für Faden vom Körper zu lösen.«

Ein prickelnder Schauder rauschte über meinen Rücken und jede meiner Nervenzellen reagierte auf seine erregenden Worte. Ich musste mich beherrschen und nahm mich zusammen. Unten warteten eine Menge Eritriden auf uns. Ich atmete seinen Geruch ein und dachte: »Du siehst auch umwerfend aus und ich liebe dich. Danke. Danke, dass du immer für mich da bist.« Ich schmiegte mich an seine Brust und streichelte an seinem muskulösen Arm entlang.

Er brummte wohlig und gab mir einen sanften Kuss auf die empfindsame Stelle unter meinem Ohr, dann nahm er lächelnd meine Hand und gemeinsam folgten wir den Treppenstufen nach unten. Ich war gleich viel mutiger und fühlte mich nun bereit, unseren Gästen zu begegnen.

Als wir bei der letzten gespiegelten Doppeltreppe ankamen, beließ Elios meine Hand weiterhin demonstrativ in seiner, und als die Menge im Empfangssaal auf uns aufmerksam wurde, verstummten sämtliche Gespräche.

Mir war zwar bewusst, dass wir wirklich in höchstem Maße gegen die höfische Etikette verstießen und so für enormes Aufsehen sorgten, aber es war mir egal.

Alle Gäste blickten gebannt zu uns.

Sogar der Zeremonienmeister verpasste seinen Einsatz und erinnerte sich erst als wir unten ankamen daran, dass er uns eigentlich hätte ankündigen müssen. Ich musste mir ein Schmunzeln verkneifen und suchte in der Menge nach Nila. Sie stand in einem grünen, schicken Abendkleid neben dem Flur, der zur Küche führte, und bedachte uns mit einem ungläubigen, aber wohlwollenden Kopfschütteln. So wie es aussah, hatte sie von uns wohl nichts anderes erwartet …

»W … we … ww … Werte geladene Gäste …«, begann der schlaksige blonde Zeremonienmeister, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte. »Eure Gastgeber, Königin Mira aus dem Sonnenreich und Prinz Elios aus dem Dunkelreich, heißen Euch auf ihrer Verlobungsfeier herzlich willkommen.« Er tippte mit seinem Zeremonienstab dreimal fest auf den Boden.

Die Anwesenden klatschten zögerlich Beifall und ich konnte sehen, dass viele sofort zu tuscheln begannen.

Besonders Elios wurde von allen begafft. Wahrscheinlich waren sie alle neugierig auf den mystischen Prinzen des geheimen fünften Reiches, der zusammen mit dem Dunkelreich das erste Mal vor knapp dreihundert Jahren auf der Bildfläche erschienen war.

Wenige hatten Elios bis dato leibhaftig vor sich gesehen, aber es gab viele Gerüchte über ihn, die mir bereits zu Ohren gekommen waren. Er war aufgrund seiner großen Macht bei vielen gefürchtet und viele Frauen tratschten über die Landesgrenzen hinweg über sein gutes Aussehen.

Wie gerne würde ich jetzt wie Elios des Gedankenlesens fähig sein. Es war sicherlich interessant, was alle über uns dachten, und vielleicht wäre ich dann auch nicht so furchtbar unruhig …

Das flaue Gefühl in meinem Magen kehrte zurück, aber Elios drückte meine Hand und ergriff routiniert das Wort. »Auch ich möchte mich bei Euch bedanken, dass Ihr alle so zahlreich zu unseren Feierlichkeiten erschienen seid. Meine wunderschöne Verlobte und ich …« Er stoppte kurz, um mir einen kurzen Kuss auf meinen Handrücken zu geben und mir tief in die Augen zu schauen, dann wandte er sich wieder den Gästen zu. » … freuen uns sehr darüber, mit den anderen Reichen in Kontakt zu treten und unsere Handelsbeziehungen zu stärken. Wir hoffen, dass Ihr Euch hier wohlfühlt und das dargebotene Unterhaltungsprogramm sowie die Speisen genießen werdet. Da die meisten eine lange Anreise hatten, schlage ich vor, wir beginnen sogleich mit dem Abendessen und verschieben den Empfang auf später, wenn unser werter Herr Zeremonienmeister seine Fassung zurückerlangt hat.« Elios zwinkerte dem noch sehr jungen Meiko, alias Zeremonienmeister, aufmunternd zu, was dieser mit einem entschuldigenden Lächeln und einer leichten Röte auf den Wangen erwiderte.

Alle schmunzelten und zustimmendes Gemurmel erklang.

Ich hatte augenblicklich das Gefühl, dass sämtlicher Argwohn vorerst wie weggeblasen war. Wie machte Elios das nur?

Die beiden Palastwachen vor dem Speisesaal öffneten nach einem kurzen Fingerzeig von Elios die großen Flügeltüren und er ging mit mir Hand in Hand, selbstbewusst und gut gelaunt in den großen Saal, während uns die Menge folgte.

Sobald wir den großen Raum betraten, weiteten sich meine Augen ungläubig.

Nila hatte sich wirklich selbst übertroffen. Alles war so liebevoll geschmückt und es sah traumhaft aus.

Die in U-Form angeordneten Tische, waren mit aufwendigsten Speisen vollbeladen. Von Ecke zu Ecke hingen Sonnenreichsbanner, es waren unzählige Kerzenhalter aufgestellt, die den Raum in warmes Licht tauchten, und überall konnte man meine Marusen in zahlreichen Blumentöpfen verteilt sehen. Man hatte das Gefühl, als würde man bei Sonnenuntergang auf einer Blumenwiese picknicken. Ich musste ihr später unbedingt für alles danken.

Elios führte mich ohne Umschweife zu unseren vorgegebenen Plätzen in der Mitte des großen U.

Wir positionierten uns hinter unsere Stühle, dann warteten wir geduldig, bis jeder der circa sechzig Gäste seinen Platz gefunden hatte. Diener eilten sofort herbei, die unsere Stühle hervorzogen, wir setzten uns und alle Gäste ließen sich durch diese stumme Aufforderung ebenso nieder.

Schließlich warteten alle gebannt auf die Eröffnung des Abendessens, und ich wusste, dass ich nun an der Reihe war, eine Rede zu halten. Immerhin konnte ich mich nicht den ganzen Abend hinter Elios verstecken. Also nahm ich mich zusammen, hob mein Glas, blickte in die Runde und suchte den Blick der vier wichtigsten Gäste. Die Herrscher des Wind- und des Wasserreichs. Es war nicht schwer, die vier zu erkennen, denn sie hatten Kronen auf den Häuptern und durch jahrhundertelange Machtausübung, Dekadenz und geübtes Selbstbewusstsein umgab sie eine königliche Aura. Ich nickte jedem von ihnen einmal zur Begrüßung zu, dann begann ich meine Rede. »Ich erhebe mein Glas auf meinen Verlobten und auf unsere Gäste. Möge uns der Schutz der vier Götter begleiten und ein friedliches Fest ermöglichen!« Fast blieben mir die Wörter im Hals stecken, weil ich wusste, wie lächerlich es war, sich auf den Schutz der Götter zu verlassen, aber ich musste an meinem ersten offiziellen Abend nicht gleich mit allen höfischen Vorgaben brechen, also rief ich: »Avanta solars! Oder wie man im Dunkelreich zu sagen pflegt …« Ich blickte in Elios’ belustigte Augen. »… möge Euch der Alkohol befeuern!« Dann leerte ich meinen Becher in einem Zug, und während alle Anwesenden ›Avanta solars‹ riefen und ihre Getränke ebenso leerten, drückte Elios unter dem Tisch meine Hand. Er sah mich an und sendete mir über unsere Verbindung ein tiefes Gefühl seiner Liebe für mich.

Meine Wangen röteten sich daraufhin augenblicklich, doch ich hoffte, dass die Gäste dies einfach dem Alkohol zuschrieben.

Das weitere Essen verlief ohne besondere Vorkommnisse. Es wurden Höflichkeiten ausgetauscht und man redete über seichte, alltägliche Dinge. Mir war allerdings bewusst, dass dies auf das unglaubliche Essen zurückzuführen war und dass die Gespräche später beim Tanz eventuell mehr in die Tiefe gehen würden. Das einzig Merkwürdige, das mich zum Nachdenken brachte, waren die intensiven Blicke von Ligor, dem Herrscher des Windreichs. Er saß mir schräg gegenüber und ich bemerkte immer wieder, dass er mich, sobald er sich unbeobachtet fühlte, mit seinen dunkelblauen Augen anstarrte.

Er war der älteste Herrscher der vier Reiche, und ich hatte bisher noch nie etwas Schlechtes über ihn gehört. Jedoch wusste ich auch, dass Varis seine Cousine war, und so wie ich sie kennengelernt hatte, war sie bestimmt nicht davor zurückgeschreckt, ihrem königlichen Cousin jedes Detail unserer damaligen Bredouille bei Junka haargenau zu berichten.

Elios unterhielt sich gerade mit einem Adligen des Wasserreichs zu seiner Linken, aber er hatte meine Gedankengänge gehört und beschwichtigte mich über unsere Verbindung. »Lass dich nicht verunsichern, selbst wenn Varis ihm alles erzählt hat. Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen. Junka hat dich angegriffen, ich habe nur deine Ehre verteidigt – und den Ehebruch hat sie begangen, nicht ich. Ich war zu der Zeit ungebunden.«

Ich konnte Elios nur zum Teil zustimmen, immerhin hatte er gewusst, dass Varis verheiratet gewesen war, doch das war ein ganz anderes Thema. Nichtsdestotrotz störte es mich gewaltig, dass Ligor von Varis möglicherweise ein derart chaotisches Bild von uns gezeichnet bekommen hatte. Der erste Eindruck wäre definitiv nicht mehr zu retten …

Nachdem alle Gäste zu Ende gespeist hatten, öffnete Elios durch seine Macht hinter uns die Türen zum Ballsaal. Sofort begann das Orchester, das in einer Empore am Ende des Saals untergebracht war, ein langsames und einladendes Lied zu spielen.

Galant reichte mir Elios seine Hand und führte mich den Weg entlang zu unseren Thronen, damit wir den längst überfälligen Empfang abhalten konnten.

Wir ließen uns darauf nieder, als Meiko, der sich wieder gefasst hatte, mit seinem Zeremonienstab bewaffnet, vor uns trat. Er tippte mit seinem Stab dreimal fest auf den Boden, damit alle darüber Bescheid wussten, dass der offizielle Teil nun begonnen hatte.

Das Königspaar des Wasserreichs trat als Erstes vor unser Podest.

Meiko räusperte sich. »Königin Narfin und König Elomir, Herrscher des Wasserreichs.«

Die beiden senkten ihre Köpfe erhaben zum Gruß.

Narfin sah sehr sympathisch aus. Sie hatte lange, schwarze Haare, die sie offen trug und ihr wie ein Schleier bis weit über das Gesäß reichten. Ihr türkises Kleid, das mich an die Schuppen eines Flosslings erinnerte, schmiegte sich ihrer kurvigen Figur an und erweckte den Eindruck, als wäre sie ein Lebewesen aus den Tiefen eines Ozeans. Ihre Augen waren strahlend blau und sie hatte ein ehrliches und freundliches Lächeln auf den Lippen. Als Zeichen ihres Standes trug sie, wie ihr Gatte, einen silbernen Stirnreif.

Ihr Ehemann Elomir hatte dunkelbraune, kurze Haare, grünblaue Augen und eine drahtige Figur. Seine Kleidung, eine türkis schimmernde Hose und ein enganliegendes, schwarzes Langarmoberteil, ergänzte ihre perfekt. Auch er erschien mir durchaus freundlich, jedoch beäugte er Elios auf äußerst unangenehme Weise – und das ging mir gegen den Strich. »Seid gegrüßt, Herrscher des Wasserreichs, ich freue mich sehr über Euer Kommen, aber kann es sein, dass Ihr meinem Verlobten eine Frage stellen wollt, König Elomir?«

Elios hatte den Blick ebenso bemerkt, aber er hätte es auf sich beruhen lassen; er war diese Art der Abneigung bereits gewohnt.

Elomir fühlte sich ertappt, es schien ihm unangenehm. Er wollte gerade antworten, da ergriff seine Frau mit einem warmherzigen Blick das Wort. »Nun, Königin Mira, bitte verzeiht den argwöhnischen Blick meines Mannes. Uns sind nur ein paar Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Euch, Elios, reihenweise Frauenherzen zufliegen. Dadurch seien bereits königliche Ehen zu Bruch gegangen, und da anscheinend das weit verbreitete Gerede, dass Ihr absolut umwerfend ausseht und charmant seid, auch zutreffend ist, ist wohl die Angst in meinem Ehemann erwacht, dass ich Euch ebenfalls erliegen könnte.«

Mir fiel anhand ihrer Ehrlichkeit die Kinnlade herunter, und obwohl sie gerade mit einem einzigen Satz nicht nur Elios, Varis, Junka und ihren eigenen Mann vorgeführt hatte, konnte man ihr nicht böse sein. Sie hatte eine entwaffnende Ehrlichkeit an sich, die einen nur verdattert zurücklassen konnte.

Narfin nutzte die allgemeine Verdutztheit und ergänzte laut, sodass es jeder hören konnte: »Allerdings sieht doch jeder der hier Anwesenden, wie unglaublich verliebt unser neues Königspaar ineinander ist, und ich denke, dass anhand Eurer offensichtlichen und nicht zu leugnenden Liebe jedem hier klar sein muss, dass Elios für andere Frauenherzen keine Gefahr mehr darstellt. Ich wünsche Euch beiden das Beste und freue mich sehr auf Eure morgige Hochzeit.«

Elios grinste und ergriff über die Armlehne meine Hand. In Gedanken hörte ich ihn sagen: »Also, sie mag ich.«

Ich hingegen brachte nur ein »Danke, Königin Narfin« heraus. Solch ehrliche Worte war ich am Hofe definitiv nicht gewohnt.

Königin Narfin bedachte uns mit einem wohlwollenden und verständnisvollen Lächeln, dann zog sie ihren ebenfalls völlig perplexen Ehemann, der uns noch mit einem knappen Nicken bedachte, zur Seite, um Platz für die Herrscher des Windreichs zu machen.

Ich atmete tief ein und rutschte mich auf meinem Platz zurecht, der Empfang hatte schon mal sehr interessant begonnen und ich war gespannt, was noch auf uns zukommen würde.

Elios hingegen war ganz entspannt und sendete mir zur Beruhigung seine tiefe Ruhe über unsere Verbindung. Tatsächlich fühlte ich mich daraufhin ein bisschen freier.

Meiko ergriff erneut das Wort: »Königin Valeria und König Ligor, Herrscher des Windreichs!« Wieder tippte er mit seinem Stab dreimal auf den Boden und die königlichen Hoheiten traten zu uns vor.

Königin Valeria war wie Varis eine graziöse Schönheit. Ihre schneeweiße Haut schien völlig makellos, und dadurch wurden ihre für das Windreich typischen hellgrauen Augen besonders betont. Sie hatte hellblonde, fast weißliche Haare, die sie in einer künstlerischen Hochsteckfrisur trug, und ein fein gearbeitetes Diadem aus milchigem Stein krönte ihr Haupt. Ihre zierliche Figur wurde durch ein hauteng anliegendes, hellblaues, hochgeschlossenes Kleid betont, und wie Varis wirkte Königin Valeria distanziert und stolz. Zudem war sie bestimmt nur halb so alt wie Ligor, der im selben Alter wie Nila sein musste.

Valeria begrüßte uns mit einer angedeuteten Verneigung und sah dann zu ihrem Mann, als würde sie auf seine Reaktion warten.

Ligor, der ein langes, graues Gewand anhatte, das mit wunderschönen, verschlungenen, silbrigen Runen bestickt war, führte seine rechte Faust zur Höhe seines Herzens und verbeugte sich galant. Es war die traditionelle Begrüßung im Windreich und er ehrte uns dadurch besonders. So wie seine langen Haare war auch sein Vollbart weiß und immer wieder mit silbernen Strähnen durchzogen. Er wirkte sehr weise und durch seine dunkelblauen Augen erkannte man seine Intelligenz.

»Ich grüße Euch, Herrscher des Windreichs.« Ich neigte ebenso wie Elios zur Begrüßung meinen Kopf. »Ich freue mich sehr, Euch in meinen Hallen willkommen zu heißen.«

König Ligor erwiderte mit fester Stimme: »Königin Mira, auch wir freuen uns sehr, Euch kennenzulernen. Die Kunde darüber, dass die verschwundene Prinzessin an ihren Hof zurückgekehrt ist und den verrückt gewordenen König Kelan auf dem Thron abgelöst hat, hat uns zutiefst erfreut. Wir haben uns alle große Sorgen um das Sonnenreich gemacht und sind nun froh, dass die Handelsbeziehungen zwischen unseren Reichen wieder aufgenommen wurden. Zudem möchten wir Euch und Eurem Verlobten danken, dass Ihr nach den Vorfällen in der Waldebene meine Cousine Varis wohlbehalten an unseren Hof zurückgebracht habt. Für ihren damaligen Verrat an Euch hättet Ihr sie auch zum Tode verurteilen können. Es zeugt von Edelmut und Mitgefühl, dass Ihr sie begnadigt habt. Wir haben im Übrigen sämtliche Beziehungen zu König Junka eingestellt, denn in unseren Augen hat er für seine Taten den Tod verdient.«

Wow, das hatte ich nicht erwartet. König Ligor war auf unserer Seite? Und er empfand uns als gnädig, weil wir Varis verschont hatten?

Auch Elios war etwas überrascht; er hatte wohl mit einer anderen Rede gerechnet und betrachtete den König neugierig.

Ich übernahm die Antwort. »König Ligor, ich danke Euch, für Eure ehrlichen und wohlwollenden Worte. Ich kann Euch versichern, dass König Junka für seine Taten bereits büßen musste. Die Zukunft wird zeigen, wie wir mit der Waldebene umgehen werden. Für unsere vier Reiche werden bald schwierige Zeiten anbrechen, die wir nur gemeinsam überstehen können, und deshalb ist mir eine gegenseitige Unterstützung sehr wichtig. Nach unseren Feierlichkeiten werden wir uns alle zusammenfinden müssen, um über die drohende Gefahr zu beraten, aber heute und morgen wollen wir zunächst das Leben feiern.« Ich sah zu Elios und er nickte zustimmend.

König Ligor lächelte sanft. »Ich danke Euch, Königin Mira, und auch Euch, Prinz Elios. Meine Frau und ich wünschen Euch ebenfalls das Beste für Euer gemeinsames Leben.« Ligor und Valeria verbeugten sich noch einmal erhaben, dann machten sie Platz für die zahllosen anderen Gäste.

Es war ein langer und anstrengender Empfang. Die meisten Namen und Titel hatte ich nach kürzester Zeit wieder vergessen, und hätte Elios mich nicht in Gedanken mit seinen spaßigen Bemerkungen über die ein oder andere verkünstelte Frisur oder merkwürdige Garderobe bei Laune gehalten, wäre ich bestimmt nach einer Stunde eingenickt.

Fast war ich froh darüber, dass die Herrscher der anderen Reiche nicht auch noch ihre Kinder mitgebracht hatten. Der offizielle Teil des Abends gestaltete sich auch so schon lang genug. Die Regeln der Reiche sahen nämlich vor, dass zum Schutze der Weltordnung immer ein Thronfolgeberechtigter im eigenen Land verbleiben muss, damit, sollte den amtierenden Herrschern etwas geschehen, der Thron besetzt ist und die Ordnung aufrechterhalten bleibt.

Als sich nun die letzten beiden Adligen aus dem Windreich von unserem Podest entfernten, gab Elios dem Orchester ein Zeichen, woraufhin ein liebliches Musikstück gespielt wurde.

Elios erhob sich von seinem Platz und verneigte sich betont galant vor mir, dann bot er mir seine Hand an. »Würde mir meine wunderschöne Verlobte die Ehre des Eröffnungstanzes erweisen?« Er sah so glücklich und unbekümmert aus, dass mein Herz vor Glück überschwappte.

Freudestrahlend ergriff ich seine Hand und ließ mich von ihm zur Mitte der Tanzfläche führen, während unsere Gäste einen großen Kreis um uns herum bildeten und auf die Eröffnung des Tanzes warteten.

Elios legte sogleich seine linke Hand auf meine Hüfte, während er meine rechte Hand in seine eigene nahm, und zog mich näher, als die Etikette es vorsah, zu sich. Ich spürte seinen Körper leicht an meinem und mein Puls beschleunigte sich, als ich meine linke Hand auf seine Brust legte.

Aufgrund seiner Schamlosigkeit musste ich schmunzeln und Elios’ Augen funkelten. Anscheinend amüsierten ihn die Gedanken von so manchem Gast.

Er wartete auf den richtigen Takt und führte mich selbstsicher und gekonnt in einen leichten Barisa, einen langsamen Tanz mit kurzer, sich immer wiederholender Schrittfolge über die Tanzfläche.

Obwohl ich wusste, dass viele Augenpaare auf uns gerichtet waren, gab mir Elios das Gefühl, mit ihm allein zu sein. Sein Blick war hypnotisierend und in meinem Bauch summten tausende Minginen gleichzeitig.

Die leichte Berührung seiner Hände, seines Körpers und seiner Emotionen, die durch mich rauschten, trieben mich in den Wahnsinn und ich musste mich irrsinnig beherrschen, nicht zu glühen.

In Gedanken hörte ich ihn: »Später habe ich noch eine Überraschung für dich – das heißt, wenn du nicht zu müde dafür bist.« Er zwinkerte mir zu.

Ich dachte: »Laut Etikette müssten wir den Abend vor unserer Hochzeit eigentlich getrennt verbringen.« Mein Blick war herausfordernd. Ich liebte es, ihn zu reizen.

Er beugte sich zu meinem Ohr und ich spürte seinen Atem, als er hauchte: »Die Etikette ist mir egal, ich will dich nachher spüren, ich will dich ausfüllen und ich will, dass du meinen Namen schreist, wenn du kommst.«

Meine Gedanken fingen Feuer und meine Wangen färbten sich schlagartig puterrot. Elios beherrschte diese Spielchen eindeutig besser als ich, und sein verheißungsvolles Lächeln verbesserte meine Situation nun ganz und gar nicht. Doch bevor es noch peinlicher werden konnte, rettete Nila die Situation. Sie schnappte sich den völlig überrumpelten Meiko und zerrte ihn auf die Tanzfläche, sodass nun alle Augen auf sie gerichtet waren.

Sie legte seine Hände in die richtige Position und führte ihn sodann mit ernstem Blick zum Takt der Musik. Meiko traute sich natürlich nicht, irgendwelche Widerworte einzulegen, und folgte Nila pflichtergeben. Die beiden sorgten auf diese Weise für die größtmögliche Ablenkung von meinem Dilemma, und ich war Nila dafür zutiefst verbunden. Ich suchte ihren Blick, um ihr meinen Dank auszudrücken, doch als sie an uns vorbeiwirbelte, schaute sie nur Elios vorwurfsvoll in die Augen, was dieser mit einem Zwinkern und einem schiefen Lächeln beantwortete.

Die Adligen taten es Nila sogleich nach und strömten auf die Tanzfläche, um sich im Takt der Musik zu bewegen.

»Was würde ich nur ohne Nila machen?«, ging es mir durch den Kopf.

»Ohne sie hätte ich mir jetzt bestimmt einen kleinen Kuss ergattern können«, flüsterte mir Elios ins Ohr.

»Ohne sie wären wir bestimmt über Jahre hinweg das Gesprächsthema Nummer eins gewesen«, gab ich belustigt zurück.

»Es tut mir leid, aber sobald ich dich in meinen Armen habe, gehen meine Gefühle mit mir durch. Kannst du mir das verzeihen, Miri?« Er legte den Kopf leicht schief und schaute mir tief in die Augen.

»Ich kann meine Finger doch auch nicht von dir lassen und es ebenso kaum erwarten, mit dir allein zu sein.« Ich ließ meine linke Hand zu seinem Gesicht wandern und legte sie zärtlich auf seine Wange. Am liebsten hätte ich ihn geküsst, aber das verstieß nun wirklich im höchsten Maße gegen die Etikette – und wir wurden bereits genug begutachtet …

Den restlichen Abend über wurden Höflichkeiten und der neueste Tratsch ausgetauscht, die Gäste tanzten und man lernte sich besser kennen. Es war eine schöne Veranstaltung, aber ich konnte es kaum erwarten, Elios endlich nur für mich allein zu haben. Außerdem wurden mir die Blicke, mit denen er von einigen Frauen bedacht wurde, langsam zu viel, und so war ich froh, dass es bald Mitternacht war und die höfische Etikette ein Ende des Empfangs vorsah.

So entließen Elios und ich unsere Gäste mit einem Abendgruß in die fähigen Hände unserer Bediensteten, die alle in ihre vorgesehenen Gästezimmer einquartierten, und als der letzte Eritrid den Ballsaal verlassen hatte, seufzte ich tief, während mich Elios in eine feste Umarmung zog. Ich schmiegte mich an ihn, atmete seinen Geruch ein und fühlte mich sofort geborgen und befreit.

»Bist du müde? Möchtest du ins Bett gehen?«, fragte er mit sanftem Ton und küsste meinen Scheitel.

»Nein, du hast mir noch eine Überraschung versprochen.« Den ganzen Abend über hatte ich bereits gegen meine Neugierde ankämpfen müssen.

»Dann musst du mich auf die Terrasse begleiten.« Er grinste verwegen und reichte mir seine Hand.

Ich ergriff sie nur zu gerne und ließ mich von ihm nach draußen führen, da hörte ich, kaum hatten wir die Terrasse betreten, ein bekanntes Wiehern, und wie auf Bestellung landete Parim, der mit Elios verbundene Nassime, vor uns.

Er trabte ohne Umschweife auf uns zu, faltete seine riesigen Flügel und senkte dann zum Gruß seinen Kopf. Elios fuhr ihm durch seine silbrig glänzende Mähne und ich spürte, dass er still mit ihm kommunizierte, allerdings ließ er mich jetzt gerade nicht an seinen Gedanken teilhaben, um seine Überraschung nicht zu verderben.

Meine Neugierde steigerte sich ins Unermessliche, und während ich die beiden beobachtete, wartete ich mehr als gespannt auf Elios’ Anweisungen.

Er wandte sich schließlich zu mir um, zückte aus seiner Hosentasche eine silberne Augenbinde und fragte: »Darf ich?«

Oh, er wollte mich foltern …

Ich nickte aufgeregt und drehte mich mit meinem Rücken zu ihm, damit er es einfacher hatte, sie mir umzulegen.

Elios ließ sich übertrieben viel Zeit und reizte damit meine Ungeduld.

»Bist du fertig?« Mein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung.

»Miri, man könnte meinen, du bist noch ein kleines Kind«, spöttelte Elios. Dann vollendete er endlich sein Werk und gab mir einen Kuss auf meinen Hinterkopf. Er zog mich an sich und hob mich hoch, um mich sogleich auf Parim zu setzen.

Da Elios stets ohne Sattel ritt – weil er sagte, er könne so die Verbindung zu seinem Nassime besser wahrnehmen -, kitzelte mich jetzt Parims seidenes Fell an meinen nackten Beinen, was sich auf eine seltsame Weise angenehm und vertraut anfühlte. Aufgeregt wartete ich, bis Elios ebenso aufsaß, und während er mich von hinten fest umarmte, gab er Parim ein Zeichen und wir stoben in die Lüfte.

Ich konnte nichts sehen, aber dafür spürte ich alles um mich herum intensiver. Pures Adrenalin rauschte durch meine Blutbahnen, als mir der kalte Nachtwind entgegenpreschte und ich Elios’ starken, warmen Körper an meinem Rücken fühlte. Sein Atem streichelte mir langsam an meinem Ohr vorbei und ich musste lachen, weil mich das Glück bis in jede Zelle meines Körpers erfasste.

Die Überraschung

Nach kurzer Zeit landeten wir sachte auf einem weichen Boden.

Ich trug immer noch die Augenbinde und versuchte, durch die Geräusche und die Gerüche um mich herum zu erkennen, wo wir gelandet waren. Es roch frisch und ich hörte einen sanften Wind durch Blätter rauschen.

Vorfreude prickelte durch meinen Körper und ich wurde immer neugieriger …

Elios stieg von Parim ab und hob mich anschließend ebenfalls herunter. Langsam und vorsichtig ließ er mich an seinem Körper entlang auf den Boden gleiten, und als ich auf meinen Füßen stand, legte er zärtlich seine Hände um mein Gesicht, um mich ausgiebig zu küssen. Seine Zunge drang spielerisch in meinen Mund, und anhand der Intensität entrang sich mir ein Stöhnen.

Er drückte sich an mich und ich umklammerte seine Arme.

Ich wollte mehr.

Ungeduldig fasste ich an seine Hüfte und presste unsere Körper aneinander, aber Elios schmunzelte in Gedanken. »Miri, deine Überraschung wartet doch noch.«

Stimmt … das hatte ich total vergessen.

Schwer atmend und mit rasendem Puls löste ich mich von ihm.

Sein intensiver Blick ruhte auf mir, ich konnte es deutlich spüren. Er streichelte meine Wange, dann nahm er meine Hand und führte mich über eine feuchte Wiese einen kleinen Hügel hinunter.

Das Quaken von ein paar Balmurs und nächtliche Flüglerrufe drangen an mein Ohr. Waren wir an unserem Teich?

Schließlich blieb Elios stehen, drehte mich behutsam herum und löste mir die Augenbinde. Er beugte sich zu meinem Ohr und hauchte: »Noch nicht schauen.«

Sein Atem kitzelte mich. Ich nickte.

Dann entfernte er sich ein Stückchen von mir und ich wartete gespannt auf sein Kommando. Ohne seine Körperwärme um mich herum fröstelte es mich ein wenig und mein Bauch kribbelte vor Aufregung.

»Jetzt, Miri!«, hörte ich ihn.

Ich schlug meine Augen auf und konnte nicht glauben, was ich zu sehen bekam.

Elios hatte mich tatsächlich zu unserem Versteck gebracht.

Vor mir erstreckte sich unser Teich, über dem abertausende silbrig leuchtende Glaskugeln schwebten, die ich damals bereits in den Fluren des Dunkelpalastes gesehen hatte.