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Erkenntnis & Irrtum von Ernst Mach ist ein bahnbrechendes Buch, das die grundlegende Frage der menschlichen Erkenntnis untersucht. Mach präsentiert seine Theorie des Empirismus und argumentiert, dass alle unsere Erkenntnisse auf Sinneserfahrungen basieren. Sein Stil ist präzise und analytisch, was es dem Leser ermöglicht, komplexe Ideen leicht zu erfassen. Das Buch gehört zur philosophischen Tradition des Wiener Kreises und war ein wichtiger Beitrag zur Wissenschaftsphilosophie des frühen 20. Jahrhunderts. Mach zeigt, wie Irrtümer entstehen können, wenn wir uns von reinen Sinneseindrücken entfernen und in Spekulationen verstricken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 793
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Wissenschaft gedeiht, indem sie ihre Irrtümer erkennt. Ernst Machs Erkenntnis und Irrtum stellt diese Einsicht ins Zentrum und macht aus ihr ein Programm für Denken, Forschen und Urteilen. Das Buch untersucht, wie Wahrnehmungen, Begriffe und Hypothesen entstehen, warum sie nutzbringend sind, und wo sie fehlleiten. Statt abstrakter Systematik bietet Mach eine nüchterne, erfahrungsnahe Betrachtung der Wissenschaft als menschliche Tätigkeit mit Stärken und Grenzen. Er zeigt, dass Fortschritt weniger aus unwandelbaren Wahrheiten als aus der stetigen Korrektur von Annahmen entsteht. So verbindet das Werk methodische Klarheit mit psychologischer Sensibilität und lädt dazu ein, Erkenntnis als offene, lernfähige Praxis zu verstehen.
Erkenntnis und Irrtum gilt als Klassiker, weil es die Wissenschaftstheorie mit der Psychologie des Forschens verbindet und damit eine seltene Perspektive eröffnet. Es fragt nicht nur, was wir wissen können, sondern wie Forscherinnen und Forscher tatsächlich arbeiten: mit Modellen, Bildern, Gewohnheiten und Zweifeln. Die Stärke des Buches liegt in seiner genauen, anschaulichen Sprache und in der Bereitschaft, große Begriffe an die Erfahrung zurückzubinden. Seine nachhaltigen Themen – Fallibilität, Vereinfachung, Anpassung von Begriffen an Beobachtungen, gemeinschaftliche Prüfung – prägen bis heute Debatten über Methode und Verantwortung. Dadurch überschreitet das Werk die Grenzen einzelner Disziplinen und bleibt als reflektierte Praxislehre lebendig.
Der Autor ist Ernst Mach (1838–1916), Physiker und Philosoph, bekannt für seinen empirisch-kritischen Ansatz. Erkenntnis und Irrtum erschien 1905, mit dem Untertitel Skizzen zur Psychologie der Forschung, und gehört zur späten Phase seines Schaffens. Nach Jahrzehnten experimenteller und theoretischer Arbeit fasste Mach hier Überlegungen zusammen, die sein gesamtes Werk durchziehen: die Rolle der Empfindung als Ausgangspunkt, die Funktion von Begriffen als Werkzeuge und die Skepsis gegenüber metaphysischen Zusätzen. Das Buch ist kein Lehrbuch, sondern eine Sammlung prägnanter Analysen und Beispiele, die den Gang der Forschung beleuchten. In seiner Entstehungszeit stand es im Zeichen rascher Umbrüche in den Naturwissenschaften.
Im Kern zeichnet Mach nach, wie Erkenntnis entsteht, indem der Geist Erfahrungen ordnet, vergleicht und ökonomisch zusammenfasst. Er beschreibt, wie wissenschaftliche Begriffe wachsen, indem sie an Beobachtungen angepasst werden, und wie Irrtümer als produktive Reibungen wirken. Neben Wahrnehmung und Sprache untersucht er das Zusammenspiel von Intuition, Experiment und Rechnung, ohne in starre Schemata zu verfallen. Die Beispiele entstammen vor allem der Physik, doch die Einsichten zielen auf das allgemeine Handwerk des Forschens. Ohne fertige Rezepte zu liefern, zeigt das Buch, wie Methoden sich bewähren, wenn sie offen bleiben für Korrektur, Vereinfachung und präzisere Unterscheidungen.
Ein besonderer Reiz des Werkes liegt in der Analyse des Irrtums. Mach interessiert sich für Täuschungen der Wahrnehmung, für begriffliche Verhärtungen und für Gewohnheiten, die zu Fehlurteilen führen. Er zeigt, dass Fehler nicht bloß Missgeschicke sind, sondern Signale, an denen sich bessere Unterscheidungen ausbilden. Die Korrektur vollzieht sich hierbei nicht im stillen Kämmerlein, sondern durch Vergleich, Messung und öffentliche Diskussion. Sprache und Symbolik können klären, aber auch verschleiern; deshalb verlangt Mach nach stetiger Prüfung der Mittel, mit denen wir denken. So wird Irrtum zur methodischen Chance, nicht zur moralischen Verfehlung, und Erkenntnis zum beweglichen Gleichgewicht.
Die Wirkungsgeschichte von Erkenntnis und Irrtum reicht in die philosophische und wissenschaftliche Kultur des 20. Jahrhunderts hinein. Machs Denken prägte den empiristischen Stil, der später im Umfeld des Wiener Kreises diskutiert und weitergeführt wurde. Auch in der Physik fand seine nüchterne Haltung zur Begriffsbildung Resonanz; sein Gesamtwerk beeinflusste die Sensibilität für begriffliche und methodische Grundlagenfragen, die eine Generation von Forschenden bewegten. Das Buch stand damit an einem Knotenpunkt, an dem Methodik, Psychologie und Naturforschung miteinander ins Gespräch kamen. Es machte plausibel, dass kritische Strenge und anschauliche Besonnenheit einander nicht widersprechen, sondern sich gegenseitig stützen.
Neben seinem theoretischen Gehalt besitzt das Buch literarischen Einfluss: Es hat die Form des wissenschaftlichen Essays im deutschsprachigen Raum mitgeprägt, der Prägnanz mit Beispielen verbindet. Mach schreibt ohne Pathos, aber mit bildlicher Klarheit; er bevorzugt die kurze, prüfbare Beobachtung gegenüber der großspurigen Behauptung. Diese Art, Wissenschaft zu erzählen, wirkte stilbildend, weil sie Lesende zum Mitdenken einlädt und Forschende zur Selbstprüfung ermutigt. Die erzählerische Ordnung von Beobachtungen, die Sorgfalt in der Wahl von Begriffen und die Zurückhaltung gegenüber Spekulationen ließen das Werk zu einem Referenzpunkt für eine aufgeklärte, verständliche Darstellung wissenschaftlicher Praxis werden.
Die Entstehungszeit um 1905 war von Umbrüchen geprägt: Klassische Mechanik, Thermodynamik und Elektrodynamik standen auf dem Prüfstand, neue Ansätze kündigten sich an. Vor diesem Hintergrund wirkt Machs Buch wie eine Anleitung zur geistigen Beweglichkeit. Es rät, Begriffe an Phänomene rückzubinden, Modelle als Hilfsmittel zu begreifen und die Grenze zwischen Beschreibung und Deutung zu beachten. Der Verzicht auf metaphysische Zusätze ist dabei keine Verarmung, sondern eine methodische Disziplin. So entsteht ein Bild von Forschung, das offen ist für Wandel, ohne in Beliebigkeit zu verfallen, und das Stabilität aus überprüfbaren Zusammenhängen statt aus Autorität gewinnt.
Methodisch setzt Mach auf Vergleich, Vereinfachung und vorsichtige Generalisierung. Er zeigt, wie Klassifikationen entstehen, wie Messverfahren Relevanzen schaffen und wie Darstellungen – Tabellen, Skizzen, Formeln – Denken strukturieren. Zentral ist die Idee, dass Erkenntnis zweckmäßig organisiert sein muss: nicht so, dass sie alles sagt, sondern so, dass sie das Wesentliche handhabbar macht. Daraus folgt die Bereitschaft, Begriffe zu revidieren, wenn bessere Ordnungsmöglichkeiten verfügbar werden. In diesem Sinn verbindet das Buch handwerkliche Pragmatik mit philosophischer Reflexion und macht deutlich, warum wissenschaftliche Kreativität und methodische Besonnenheit ein gemeinsames Fundament teilen.
Die Rezeption war von Beginn an zustimmend und streitbar zugleich. Manche bewunderten die Klarheit, mit der Mach die Erfahrung ins Zentrum rückte; andere sahen darin eine Beschneidung spekulativer Reichweite. Diese Spannungen erwiesen sich als fruchtbar, weil sie das Gespräch zwischen unterschiedlichen Schulen belebten und die Rolle der Psychologie im wissenschaftlichen Denken neu ins Licht setzten. Dass das Buch bis heute gelesen wird, verdankt sich nicht Einhelligkeit, sondern der Fähigkeit, produktive Unstimmigkeiten zu erzeugen. Es lädt dazu ein, Positionen zu präzisieren, Argumente zu schärfen und die eigenen methodischen Vorlieben am widerständigen Material zu prüfen.
Heute, in einer Forschungskultur zwischen Datenfülle und Spezialisierung, ist Machs Einsicht in die Verwundbarkeit und Stärke des Wissens hoch aktuell. Die Anforderungen an Transparenz, Replizierbarkeit und interdisziplinäre Verständigung korrespondieren mit seinem Plädoyer für überprüfbare, sparsame Begriffsbildung. Wo komplexe Modelle entstehen, erinnert das Buch daran, dass Verständlichkeit und Anschlussfähigkeit keine Nebensachen sind. Und wo Fehler auftreten, zeigt es Wege, sie in Lernfortschritte zu verwandeln. In diesem Sinn bietet Erkenntnis und Irrtum keine Rezepte, wohl aber Maßstäbe: Aufmerksamkeit gegenüber Erfahrung, Mut zur Revision und Vertrauen in die gemeinschaftliche Kritik.
Erkenntnis und Irrtum ist heute relevant, weil es in klarer Sprache die Demut des Wissens mit dem Mut zur Erkenntnis verbindet. Zeitlos wirken seine Qualitäten: methodische Nüchternheit, psychologische Feinfühligkeit und die Kunst, aus Beispielen Prinzipien zu gewinnen, ohne sie zu verabsolutieren. Wer verstehen will, wie aus Beobachtungen tragfähige Ordnungen werden, und wie Irrtümer zu Verbündeten des Fortschritts werden können, findet hier eine verlässliche Orientierung. Das Buch erinnert daran, dass Wissenschaft ein menschliches Unternehmen ist, das sich durch Korrektur veredelt. Deshalb bleibt Machs Werk ein ausdauernder Begleiter für Forschende und Lesende gleichermaßen.
Ernst Machs Erkenntnis & Irrtum ist eine programmatische Untersuchung über die psychologischen Bedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis. Als Physiker und Wissenschaftstheoretiker verknüpft Mach Beobachtung, Denkprozesse und Methodenpraxis, um zu zeigen, wie Forschung real funktioniert. Das Buch richtet den Blick nicht auf metaphysische Letztbegründungen, sondern auf die Entstehung, Führung und Korrektur von Wissen im Alltag des Forschens. Zentral ist die Frage, wie nützliche Orientierung in der Welt entsteht und weshalb Fehlleistungen unvermeidlich dazugehören. Mach gliedert seine Argumentation in knappe Skizzen und Beispiele, die die wechselseitige Durchdringung von Wahrnehmen, Denken, Experimentieren und Kommunizieren sichtbar machen.
Am Anfang steht die Erfahrung. Mach beschreibt Wahrnehmungen als Rohmaterial, das durch Vergleich, Gedächtnis und Gewohnheit geordnet wird. Begriffe entstehen als ökonomische Zusammenfassungen ähnlicher Erfahrungen, die Handeln erleichtern und Voraussagen ermöglichen. Wissenschaftliche Gesetze versteht er als komprimierte Beschreibungen, nicht als Enthüllungen verborgener Wesenheiten. Die Brauchbarkeit eines Begriffs zeigt sich daran, wie gut er Orientierung verschafft und Rechen- oder Messaufwand spart. Indem Mach die Abhängigkeit von Sprache, Symbolen und Darstellungsweisen hervorhebt, macht er deutlich, dass Erkenntnis stets perspektivisch ist und ihren Ursprung in praktischen Bedürfnissen und biologischer Anpassung hat.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den inneren Mechanismen des Denkens. Assoziation, Analogie und Abstraktion führen nach Mach zur Bildung von Hypothesen, die zunächst tastend, bildhaft und oft unvollständig sind. Solche Vorstufen des Wissens werden durch Skizzen, Diagramme und Formeln gestützt, die als verdichtete Zeichen dienen. Mathematik erscheint als besonders leistungsfähiges Werkzeug, weil sie komplexe Beziehungen knapp repräsentiert. Doch auch die eleganteste Darstellung bleibt für Mach ein Hilfsmittel, dessen Wert in Einfachheit, Fruchtbarkeit und Anschlussfähigkeit liegt. Hypothesen sollen darum sparsam sein, viele Fälle bündeln und offen bleiben für Revision, sobald neue Erfahrungen verlangen, die Form zu ändern.
Experiment und Messung bilden die praktische Gegenseite zum Denken. Mach betont das Wechselspiel: Ideen leiten die Auswahl von Versuchsaufbauten, Experimente prüfen und schärfen Ideen. Messgeräte erweitern die Sinne, bringen aber Konventionen mit sich, die reflektiert werden müssen. Verfahren definieren, was eine Größe bedeutet, und machen sichtbar, dass Genauigkeit immer begrenzt ist. Idealisiertes Rechnen, Vereinfachungen und Grenzfälle sind nützlich, solange ihr Anwendungsbereich geklärt bleibt. Mach warnt vor der Verdinglichung solcher Hilfskonstruktionen: Modelle und Maßgrößen sollen Orientierung geben, nicht die Stelle der Wirklichkeit einnehmen, deren Aspekte sie nur ausschnitthaft erfassen.
Irrtum erscheint bei Mach nicht als Störung, sondern als Triebkraft des Lernens. Wahrnehmungstäuschungen, Sprachgewohnheiten, übernommene Lehren und unbefragte Vorannahmen sind typische Quellen von Fehlern. Gerade weil sie so nahe liegen, bleiben sie lange unentdeckt. Mach empfiehlt methodische Selbstkontrolle: Vergleich alternativer Darstellungen, bewusster Umgang mit Begriffen, unabhängige Prüfungen und die Bereitschaft, Gewohntes aufzugeben. Irrtümer geben Hinweise, wo Begriffe zu grob, Messungen unzureichend oder Idealisierungen falsch platziert sind. So wird Korrigierbarkeit zur Tugend, und Fortschritt zeigt sich weniger in endgültigen Wahrheiten als in besserer Orientierung und geringerer Reibung im Umgang mit Phänomenen.
Ein zentrales Motiv ist die Entwicklung von Begriffen. Anhand historischer Beispiele aus Bereichen wie Mechanik, Optik oder Wärmelehre zeigt Mach, wie Ideen allmählich präzisiert, umgedeutet oder ersetzt werden. Größen, die selbstverständlich scheinen, erhalten erst durch Verfahren und Kontexte ihren Sinn. Hintergrundannahmen über Raum, Zeit oder Substanzen werden kritisch befragt, um unnötige Hypostasen zu vermeiden. Statt nach absoluten Grundlagen zu suchen, empfiehlt Mach, die Nützlichkeit und Reichweite von Begriffen zu prüfen. Der Übergang von anschaulichen Bildern zu symbolischen Schemata erscheint dabei nicht als Verrat an der Erfahrung, sondern als ökonomische Verdichtung ihrer Resultate.
Ebenso wichtig ist die soziale Dimension der Wissenschaft. Erkenntnis entsteht nicht im isolierten Kopf, sondern in Austauschprozessen: Veröffentlichung, Replikation, Kritik und Lehre. Sprache transportiert Erfolge und Missverständnisse zugleich; daher verlangt Mach nach Klarheit, Sparsamkeit und didaktischer Sorgfalt. Tradition eröffnet Zugänge, kann aber auch blinde Flecken verstetigen. Die Ausbildung des Forschers umfasst darum Gewöhnung an Unsicherheit, Übung im Modellwechsel und Aufmerksamkeit für abweichende Befunde. Kreativität und Disziplin müssen sich die Waage halten, damit Gemeinschaftsregeln und individuelle Einfälle zusammen produktive Forschung ermöglichen.
Grenzen des Wissens erscheinen bei Mach als methodische Markierungen. Theorien sind Werkzeuge, keine Abbilder letzter Wirklichkeit. Verschiedene Modellierungen können denselben Erfahrungsbereich brauchbar ordnen, und die Entscheidung zugunsten einer Variante richtet sich nach Einfachheit, Reichweite und Anschluss an bestehende Verfahren. So wird Erkenntnis grundsätzlich revidierbar gedacht. Machs Antimetaphysik hat keinen dogmatischen Zug: Sie fordert lediglich, unprüfbare Zusätze zu vermeiden und die Bindung der Begriffe an Erfahrung offenzulegen. Offenheit für mehrere Beschreibungen und strenge Selbstbeschränkung gehören zusammen, um Verwechslungen von Zeichen und Sache zu verhindern.
Am Ende steht ein pragmatischer Humanismus der Forschung. Erkenntnis & Irrtum zeigt, wie eng Nützlichkeit, Verständlichkeit und Korrektheit verflochten sind, und plädiert für eine Haltung, die Fehler als Lernchancen, Theorien als Hilfen und Erfahrung als Richterin begreift. Die leitende Idee der Denkökonomie verleiht dem Werk Aktualität, weil sie Rechenkraft, Datenfülle und Modellvielfalt auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet: bessere Orientierung bei geringerem Aufwand. Damit legt Mach keinen starren Kanon vor, sondern eine Haltung zur Welt und zum Forschen, deren nachhaltige Bedeutung in kritischer Bescheidenheit und methodischer Wachsamkeit liegt.
Erkenntnis und Irrtum erscheint um 1905 im späten Habsburgerreich, geprägt von einer zentralisierten Monarchie, starken Universitäten und einer noch einflussreichen, wenn auch zunehmend begrenzten katholischen Kirche. Wien und Prag sind wissenschaftliche Knotenpunkte, an denen Forschung, technische Ausbildung und philosophische Debatte zusammentreffen. Industrialisierung, Urbanisierung und neue Massenmedien verschieben den Erfahrungshorizont. In diesem Umfeld wird die Frage, wie Wissen entsteht und wie es scheitern kann, akut. Machs Buch antwortet darauf, indem es die Praxis der Forschung seziert: nicht als heroische Wahrheitssuche, sondern als historisch gewachsene, institutionell eingebettete und fehleranfällige Arbeit an Problemen, Beobachtungen und Symbolen.
Ernst Mach, 1838 in der Habsburgermonarchie geboren, bewegt sich zwischen Physik, Physiologie und Erkenntnistheorie. Nach Jahren als Experimentalphysiker in Prag übernimmt er 1895 in Wien einen Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften. Ein Schlaganfall 1897 schwächt ihn, doch seine publizistische Produktivität bleibt hoch; 1901 zieht er sich aus dem Lehrbetrieb zurück. Erkenntnis und Irrtum bündelt diese Lebensphase: das Nachdenken eines praktischen Experimentators, der die Fallstricke der Messung kennt, und eines Philosophen, der den Begriffshaushalt der Wissenschaft entrümpeln will. Der späte Mach schreibt nüchtern, auf Fallbeispiele gestützt und dezidiert antimetaphysisch.
Der naturwissenschaftliche Betrieb um 1900 wird von Präzisionstechnik und Laborroutine geprägt. Elektrische Messgeräte, Photographie, Chronoskopie und neue optische Verfahren machen rasche, reproduzierbare Beobachtungen möglich. Statistik und Fehlerrechnung, seit Gauss und Helmert etabliert, strukturieren die Beurteilung von Daten. Diese Techniken legen nicht nur die Leistungsfähigkeit des Experiments frei, sondern auch seine Grenzen: Artefakte, Kalibrierfehler, Täuschungen. Machs Diagnose, dass Irrtum im Zentrum der Erkenntnisarbeit steht, spiegelt diesen Alltag. Er richtet die Aufmerksamkeit auf die heuristischen Regeln, mit denen Forschende Daten auswählen, glätten und deuten, und auf die institutionelle Disziplin, die solche Verfahren stützt.
Ein starker Impuls kommt aus der physiologischen Psychologie. Seit Fechner, Helmholtz und Wundt wird Wahrnehmung als messbarer Prozess untersucht. In Prag, wo Mach lange wirkt, arbeitet Ewald Hering an einer Gegenposition zu Helmholtz’ Theorie des Sehens. In diesem Spannungsfeld entstehen Untersuchungen zu Kontrast, Bewegung und Form, darunter Phänomene wie die später so genannten Mach-Bänder. Erkenntnis und Irrtum knüpft daran an: Wahrnehmung ist selektiv, kontextabhängig und irrtumsanfällig. Indem Mach physiologische und psychologische Faktoren der Forschung betont, bricht er mit idealisierten Vorstellungen einer rein logischen Entdeckung und rückt empirische Grenzen ins Zentrum.
Philosophisch steht das Buch im Zeichen von Positivismus und Empiriokritizismus. Gemeinsam mit Richard Avenarius vertritt Mach die These, dass wissenschaftliche Begriffe auf Erfahrungselemente zurückführbar sein müssen und dass Theorien Werkzeuge der Ordnung sind. Zentral ist sein Prinzip der Ökonomie des Denkens: Wissenschaft vereinfacht, indem sie Gleiches als gleich behandelt und Überflüssiges eliminiert. Erkenntnis und Irrtum systematisiert diese Haltung, zeigt an historischen Beispielen, wie Begriffe entstehen, veralten und ersetzt werden, und wendet sich gegen metaphysische Restbestände, die sich als scheinbar selbstverständliche Voraussetzungen in Experimente und Lehrbücher einschleichen.
Die Atomfrage bildet einen historischen Hintergrund. In Wien verteidigt Ludwig Boltzmann die statistische Mechanik, während in Deutschland Wilhelm Ostwalds energetische Schule Atome skeptisch betrachtet. Um 1905 fehlen vielen die zwingenden, allgemein akzeptierten Belege, und die Auseinandersetzung ist heftig. Machs Zurückhaltung gegenüber Atomen passt in sein Programm: Hypothesen sind nützlich, solange sie Erfahrungen ökonomisch ordnen, doch man soll sie nicht reifizieren. Erkenntnis und Irrtum reflektiert diese Lage, indem es zeigt, wie Forschungsstile und Vorannahmen Theorien tragen – und wie Irrtümer als Korrektive wirken, wenn Beobachtungen widersprechen.
Das Jahr 1905 bringt mit Einsteins Arbeiten zur speziellen Relativität und zur Brownschen Bewegung tektonische Verschiebungen. Relativität stützt Machs Skepsis gegenüber absoluten Größen; die Analyse der thermischen Bewegung liefert neue, empirisch auswertbare Zugänge zur Atomistik. Erkenntnis und Irrtum erscheint inmitten dieser Umbrüche. Machs Plädoyer, Begriffe an Beobachtbares zu binden und dogmatische Vorstellungen aufzugeben, trifft den Ton der Zeit. Zugleich zeigt der Fortgang der Forschung, dass vorsichtige Ontologiekritik und wachsende Evidenz zusammenwirken: Der Weg zur Akzeptanz der Atome verläuft über Messmethoden, nicht über metaphysische Behauptungen.
Machs frühere Mechanik in ihrer Entwicklung hatte Newtons Begriffe von absolutem Raum und Zeit historisiert und relativiert. Diese Tradition prägt Erkenntnis und Irrtum. Der Blick richtet sich auf implizite Voraussetzungen, die ganze Epochen prägen, und auf die methodischen Brüche, die sie ablösen. Um 1900 schwinden die Autorität des Äthers und klassischer Gewissheiten; neue Geometrien und Elektrodynamik destabilisieren eingespielte Bilder. Machs Analyse, dass Begriffe Werkzeuge und nicht Abbilder der Wirklichkeit sind, wird so zur historischen Diagnose: Wissensordnungen entstehen, wirken und zerfallen nach Regeln, die mehr mit Anpassung als mit Endgültigkeit zu tun haben.
Universitätspolitische Konstellationen formen diese Wissenschaft. Mach arbeitet an der deutschsprachigen Universität in Prag, im Spannungsfeld zweier Sprach- und Bildungstraditionen. Forschung vernetzt sich über Zeitschriften wie Annalen der Physik und über akademische Gesellschaften, die Standards und Prioritäten setzen. Erkenntnis und Irrtum schöpft aus dieser internationalen Korrespondenz: Streitfälle, Prioritätsfragen, methodische Moden dienen als Material. Der Kosmos der Gelehrtenrepublik ist dabei keineswegs homogen; gerade institutionelle Konkurrenz und unterschiedliche Ausbildungspfade erzeugen den Stoff, aus dem Irrtümer und Korrekturen, Autoritäten und Revisionen gemacht sind.
Die Bildungslandschaft der Habsburgermonarchie verändert sich rasant. Technische Hochschulen wachsen, naturwissenschaftliche Schulbildung gewinnt an Gewicht, Laborkurse werden verbreiteter. Mach engagiert sich für einfache Demonstrationsapparaturen und anschaulichen Unterricht; seine populärwissenschaftlichen Vorträge fanden ein breites Publikum. Erkenntnis und Irrtum greift diese didaktische Linie auf: historische Miniaturen, konkrete Beispiele, psychologische Beobachtungen sollen zeigen, wie Entdeckungen tatsächlich ablaufen. Die Botschaft richtet sich nicht nur an Spezialisten, sondern an Lehrende und Lernende, die lernen sollen, Regeln und Konventionen der Forschung kritisch zu befragen und gelassener mit Irrtum umzugehen.
Politisch steht das Buch in einer Gesellschaft im Wandel. In Wien gewinnen sozialdemokratische Strömungen an Einfluss, Reformen der Verwaltung und des Wahlrechts werden diskutiert. Mach wird um 1901 ins österreichische Herrenhaus berufen und plädiert öffentlich für Bildungsreformen. Seine epistemologischen Thesen haben damit auch eine praktische Stoßrichtung: Wissenschaft soll entmystifiziert, Autorität rationalisiert, Zugang verbreitert werden. Erkenntnis und Irrtum kommentiert diese Lage, indem es die Fallibilität von Expertenwissen betont und die Verantwortung der Institutionen hervorhebt, Irrtümer zu ermöglichen, zu erkennen und produktiv zu machen.
Das kulturelle Umfeld des Fin de Siècle entfaltet eigene Resonanzen. Die Wiener Secession bricht mit akademischen Normen, Psychoanalyse rückt das Unbewusste ins Zentrum, Literatur und Musik experimentieren mit Form. Diese Verschiebungen betonen Wahrnehmung, Konstruktion und Perspektive. Machs Fokus auf Elementen der Empfindung und auf der Konstruktion von Modellen aus Erfahrung fügt sich in diese Kultur der Reflexivität. Erkenntnis und Irrtum vermeidet ästhetische Programme, teilt aber den Impuls, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und Regeln explizit zu machen, die unsere Sicht der Welt prägen.
Technik verändert den Alltag: Elektrifizierung, Straßenbahnen, Telefone, Kinematographie und Fotografie sind um 1900 verbreitet. Mess- und Aufzeichnungsgeräte durchdringen Fabrik, Büro und Haushalt. Diese Veralltäglichung der Messung bringt neue Erfahrungen der Genauigkeit, aber auch neue Täuschungen mit sich. Fotografie zeigt und verbirgt, telegraphische Codes brauchen Redundanz, statistische Mittelwerte glätten Abweichungen. Erkenntnis und Irrtum nutzt solche zeitgenössischen Referenzen, um zu zeigen, wie Repräsentationen entstehen und irren können, und wie Robustheit als methodisches Ziel durch Wiederholung, Vergleich und Vereinfachung erreicht wird.
Die erste Rezeption ist kontrovers und produktiv. Physiker wie Max Planck widersprechen einer zu strikten Bindung an Beobachtbares, während andere den antimetaphysischen Impuls teilen. In der Philosophie führt Machs Programm zu scharfen Gegenreaktionen: 1909 attackiert Lenin in Materialismus und Empiriokritizismus Machs Lehre politisch und erkenntnistheoretisch. Die Debatte zeigt, dass Fragen nach Realität, Theorie und Erfahrung nicht akademisch bleiben. Erkenntnis und Irrtum wird so zum Knotenpunkt, an dem sich methodische, politische und weltanschauliche Konfliktlinien kreuzen und an dem die Verantwortung wissenschaftlicher Sprache neu verhandelt wird.
In den 1920er Jahren greifen Vertreter des Wiener Kreises wie Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Otto Neurath Motive Machs auf. Sie radikalisieren die Klärung von Begriffen, entwickeln Logik und Sprachkritik weiter und organisieren in Wien einen Verein, der Machs Namen trägt und einen wissenschaftlichen Weltanschauungskurs propagiert. Erkenntnis und Irrtum liefert ihnen historische und psychologische Bausteine, auch wenn sie sich von Machs Empfindungselementen teilweise distanzieren. Die Spur führt von Machs Ökonomiegedanken zu Programmen der Protokollsatze und der logischen Rekonstruktion, die die Praxis der Wissenschaft systematischer erfassen wollen.
Empirische Entwicklungen nach 1905 verschieben die epistemische Landschaft. Jean Perrins Analysen der Brownschen Bewegung um 1908 bis 1909 und weitere Messungen festigen die Akzeptanz atomarer Hypothesen. Machs Skepsis erscheint retrospektiv als Ausdruck methodischer Vorsicht, nicht als einfache Verweigerung. Erkenntnis und Irrtum gewinnt damit ein neues Profil: weniger als Lehrsatz gegen Theorien, mehr als Anleitung, wie Evidenz wachsen, wie Irrtümer aufgedeckt und wie Begriffe angepasst werden. Zugleich stärkt die Gestaltpsychologie ab den 1910er Jahren das Interesse an Struktur und Kontext von Wahrnehmung, was Machs älteren Einsichten neue Anschlüsse eröffnet.
Machs Arbeit in der Gasdynamik und seine Bildgebung von Stoßwellen hatten zuvor gezeigt, wie Instrumente Wahrnehmung formen; die nach ihm benannte Mach-Zahl erinnert an diese Forschung. Erkenntnis und Irrtum knüpft an diese Erfahrung an, indem es die Materialität der Erkenntnisprozesse betont: Aufbauten, Skalen, Diagramme, Konventionen. Die Wissenschaft der Jahrhundertwende ist kollektiv, standardisiert und zunehmend arbeitsteilig; Fehler sind systemisch. Machs historische Fallstudien machen sichtbar, wie robuste Ergebnisse aus fragilen Anfängen entstehen. Damit liefert das Buch eine Archäologie des Labors, bevor diese Perspektive im 20. Jahrhundert in den Wissenschaftsstudien prominent wird. Schließlich kommentiert Erkenntnis und Irrtum seine Gegenwart, indem es Selbstkritik zur Norm wissenschaftlicher Kultur erhebt. Die Forderung, Begriffe als Werkzeuge zu prüfen, Erfahrung zu priorisieren und Irrtum als Motor des Fortschritts zu begreifen, richtet sich gegen autoritäre Wissensordnungen und für eine demokratischere Praxis der Forschung. In einer Epoche beschleunigter Umbrüche bietet das Buch keine Gewissheiten, sondern Methodik: Ökonomie des Denkens, historische Sensibilität und psychologische Nüchternheit als Bedingungen verlässlichen Wissens.
Ernst Mach (1838–1916) war ein österreichischer Physiker und Wissenschaftsphilosoph, dessen Arbeiten die experimentelle Mechanik, Wahrnehmungsforschung und Erkenntnistheorie nachhaltig prägten. Er wirkte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die frühe Moderne und verband präzise Laborarbeit mit einer kritischen Analyse wissenschaftlicher Begriffe. In der Physik sind nach ihm das Mach-Zahl-Konzept und der Mach-Kegel benannt; in der Psychologie die Mach-Bänder. Philosophisch gilt er als zentraler Vertreter eines radikal empirischen Ansatzes, der später den Wiener Kreis und Debatten um die Grundlagen der Physik beeinflusste. Machs Werk verknüpft historisch-kritische Reflexion mit methodischer Nüchternheit und einer Ökonomie des Denkens.
Ausgebildet wurde Mach an der Universität Wien, wo er in den späten 1850er-Jahren Physik und Mathematik studierte und um 1860 promovierte. Seine frühen Arbeiten verbanden genaue Messmethoden mit physiologischen Fragestellungen, etwa zur Akustik, Optik und Wahrnehmung. Einflüsse erhielt er aus der Wiener Tradition experimenteller Forschung sowie aus der zeitgenössischen Debatte um den Status theoretischer Begriffe in den Naturwissenschaften. Früh zeigte sich seine Skepsis gegenüber metaphysischen Postulaten und sein Interesse an der „ökonomischen“ Funktion von Theorien. Diese Orientierung bereitete seinen späteren Brückenschlag zwischen Labor, Methodenkritik und einer strengen, auf Empfindungen gegründeten Analyse wissenschaftlicher Erfahrung vor.
Mitte der 1860er-Jahre übernahm Mach eine Professur in Graz und wechselte kurz darauf an die Karl-Ferdinands-Universität in Prag, wo er bis Mitte der 1890er-Jahre Experimentalphysik lehrte und forschte. Dort entwickelte er Hochgeschwindigkeits- und Schlierenverfahren zur Sichtbarmachung von Stoßwellen, untersuchte Überschallphänomene und prägte Begriffe, die später mit der Mach-Zahl verknüpft wurden. In den 1890er-Jahren folgte er einem Ruf nach Wien auf einen Lehrstuhl für die Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften, womit seine methodenkritische und historische Perspektive institutionell verankert wurde. Seine akademische Laufbahn zeigt die seltene Verbindung eines führenden Experimentators mit einem reflektierten Historiker und Theoretiker der Wissenschaften.
Seine Hauptwerke verdeutlichen die Doppelrolle als Physiker und Theoretiker. „Die Mechanik in ihrer Entwicklung historisch-kritisch dargestellt“ (1883) prüft zentrale Begriffe der klassischen Physik anhand ihrer Entstehung und Brauchbarkeit. „Beiträge zur Analyse der Empfindungen“ (1886) entfaltet ein konsequent erfahrungsbasiertes Programm, in dem Empfindungen als Elemente wissenschaftlicher Beschreibung fungieren. „Die Prinzipien der Wärmelehre“ (1896) und „Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologie der Forschung“ (1905) vertiefen diese Linie: Wissenschaft soll ökonomische, intersubjektiv prüfbare Ordnung in Erfahrung bringen, ohne metaphysische Annahmen zu hypostasieren. Damit lieferte Mach eine methodische Kritik, die zugleich empirisch und begriffsanalytisch ausgerichtet ist.
Zu Machs wissenschaftlichen Meilensteinen zählen Experimente zur Ausbreitung von Stoßwellen, die Visualisierung von Überschallströmungen und die Analyse von Grenzphänomenen der Wahrnehmung. Der nach Mach und Ludwig Zehnder benannte Mach-Zehnder-Interferometer-Typ wurde zu einem präzisen Werkzeug der Optik. Die „Mach-Bänder“ illustrieren, wie das visuelle System Kontraste hervorhebt, und verknüpfen Physiologie mit Erkenntnistheorie. Seine historisch-kritischen Studien, besonders zur Mechanik, regten Physikerinnen und Physiker dazu an, vermeintlich selbstverständliche Grundbegriffe neu zu prüfen. Zugleich fanden seine populärwissenschaftlichen Vorlesungen Verbreitung, weil sie komplexe Themen klar und anschaulich machten, ohne die methodische Strenge oder empirische Bindung zu unterlaufen.
Philosophisch bekannte sich Mach zu einem strengen Empirismus, der Theorien als ökonomische Zusammenfassungen von Erfahrung verstand und spekulative „Hinterwelten“ ablehnte. Diese Haltung beeinflusste die spätere Entwicklung des logischen Empirismus und wurde im Wiener Kreis breit rezipiert. Albert Einstein würdigte Machs historische Kritik an absoluten Raum-Zeit-Konzepten; Diskussionen um ein „Mach’sches Prinzip“ verbanden seine Ideen mit Fragen der Trägheit. Gleichzeitig provozierte sein Empiriokritizismus energische Widerspruchsliteratur, etwa in Lenins Schrift „Materialismus und Empiriokritizismus“. Die Kontroversen dokumentieren die Breite seines Einflusses von der Methodologie bis zur Interpretation physikalischer Theorien. Auch spätere Debatten in der Wissenschaftstheorie nahmen seine Thesen zur Sprache und prüften ihre Tragweite.
Ein Schlaganfall gegen Ende der 1890er-Jahre beeinträchtigte Machs Gesundheit und führte wenige Jahre später zum Rückzug aus der aktiven Lehre. Er blieb jedoch publizistisch präsent, überarbeitete frühere Schriften und kommentierte aktuelle Entwicklungen. 1916 starb er, hinterließ aber ein Werk, das sowohl in der Physik als auch in der Philosophie der Wissenschaften fortwirkt. Begriffe wie Mach-Zahl, Mach-Kegel und Mach-Bänder verweisen auf seine bleibende Präsenz in Lehrbüchern und Forschung. Seine historisch-kritische Methode und der Gedanke der „Ökonomie des Denkens“ werden bis heute als Anstoß gelesen, Begriffe, Messverfahren und Erklärungsansprüche stets an Erfahrung und Praxis zurückzubinden.
Wilhelm Schuppe
in herzlicher Verehrung gewidmet.
Ohne im geringsten Philosoph zu sein oder auch nur heißen zu wollen, hat der Naturforscher ein starkes Bedürfnis, die Vorgänge zu durchschauen, durch welche er seine Kenntnisse erwirbt und erweitert. Der nächstliegende Weg hierzu ist, das Wachstum der Erkenntnis im eigenen Gebiet und in den ihm leichter zugänglichen Nachbargebieten aufmerksam zu betrachten, und vor allem die einzelnen den Forscher leitenden Motive zu erspähen. Diese müssen ja ihm, welcher den Problemen so nahe gestanden, die Spannung vor der Lösung und die Entlastung nach derselben so oft miterlebt hat, leichter als einem andern sichtbar sein. Das Systematisieren und Schematisieren wird ihm, der fast an jeder größeren Problemlösung immer noch Neues erblickt, schwerer, erscheint ihm immer noch verfrüht, und er überläßt es gern den darin geübteren Philosophen. Der Naturforscher kann zufrieden sein, wenn er die bewußte psychische Tätigkeit des Forschers als eine methodisch geklärte, verschärfte und verfeinerte Abart der instinktiven Tätigkeit der Tiere und Menschen wiedererkennt, die im Natur- und Kulturleben täglich geübt wird.
Die Arbeit der Schematisierung und Ordnung der methodologischen Kenntnisse, wenn sie im geeigneten Entwicklungsstadium des Wissens und in zureichender Weise ausgeführt wird, dürfen wir nicht unterschätzen.1 Es ist aber zu betonen, daß die Übung im Forschen, sofern sie überhaupt erworben werden kann, viel mehr gefördert wird durch einzelne lebendige Beispiele, als durch abgeblaßte abstrakte Formeln, welche doch wieder nur durch Beispiele konkreten, verständlichen Inhalt gewinnen. Deshalb waren es auch besonders Naturforscher, wie Kopernikus, Gilbert, Kepler, Galilei, Huygens, Newton, unter den neueren J. F. W. Herschel, Faraday, Whewell[1], Maxwell, Jevons u. a., welche dem Jünger der Naturforschung mit ihren Anleitungen wirkliche Dienste geleistet haben. Hochverdienten Männern, wie J. F. Fries und E. F. Apelt, denen manche Teile der naturwissenschaftlichen Methodik so ausgiebige Förderung verdanken, ist es nicht gelungen, sich von vorgefaßten philosophischen Ansichten ganz zu befreien. Diese Philosophen, wie selbst der Naturforscher Whewell, sind durch ihre Anhänglichkeit an Kantsche Gedanken zu recht wunderlichen Auffassungen sehr einfacher naturwissenschaftlicher Fragen gedrängt worden. Die folgenden Blätter werden darauf zurückkommen. Unter den älteren deutschen Philosophen ist vielleicht nur F. E. Beneke als derjenige zu nennen, welcher sich von solchen vorgefaßten Meinungen ganz frei zu machen wußte. Rückhaltlos bekennt er seine Dankesschuld an die englischen Naturforscher.
Im Winter 1895/96 hielt ich eine Vorlesung über »Psychologie und Logik der Forschung«, in welcher ich den Versuch machte, die Psychologie der Forschung nach Möglichkeit auf autochthone Gedanken der Naturwissenschaft zurückzuführen. Die vorliegenden Blätter enthalten im wesentlichen eine Auswahl des dort behandelten Stoffes in freier Bearbeitung. Ich hoffe hiermit jüngeren Fachgenossen, insbesondere Physikern, manche Anregung zu weiteren Gedanken zu bringen, und dieselben zugleich auf von ihnen wenig kultivierte Nachbargebiete hinzuweisen, deren Beachtung doch jedem Forscher über das eigene Denken reiche Aufklärung bietet.
Die Durchführung wird natürlich mit mancherlei Mängeln behaftet sein. Obgleich ich mich nämlich stets für die Nachbargebiete meines Spezialfaches und auch für Philosophie lebhaft interessierte, so konnte ich selbstverständlich manche dieser Gebiete, und so besonders das letztgenannte, doch nur als Sonntagsjäger durchstreifen. Wenn ich hierbei das Glück hatte, mit meinem naturwissenschaftlichen Standpunkt namhaften Philosophen, wie Avenarius, Schuppe, Ziehen u. a., deren jüngeren Genossen Cornelius, Petzoldt, v. Schubert-Soldern u. a., auch einzelnen hervorragenden Naturforschern recht nahe zu kommen, so mußte ich mich hiermit von andern bedeutenden Philosophen, wie es die Natur der gegenwärtigen Philosophie notwendig mit sich bringt, wieder sehr entfernen.2 Ich muß mit Schuppe sagen: Das Land des Transscendenten ist mir verschlossen. Und wenn ich noch das offene Bekenntnis hinzufüge, daß dessen Bewohner meine Wißbegierde gar nicht zu reizen vermögen, so kann man die weite Kluft ermessen, welche zwischen vielen Philosophen und mir besteht. Ich habe schon deshalb ausdrücklich erklärt, daß ich gar kein Philosoph, sondern nur Naturforscher bin. Wenn man mich trotzdem zuweilen, und in etwas lauter Weise, zu den ersteren gezählt hat, so bin ich hierfür nicht verantwortlich. Selbstverständlich will ich aber auch kein Naturforscher sein, der sich blind der Führung eines einzelnen Philosophen anvertraut, so wie dies etwa ein Molièrescher Arzt von seinem Patienten erwartet und fordert.
Die Arbeit, welche ich im Interesse der naturwissenschaftlichen Methodologie und Erkenntnispsychologie auszuführen versucht habe, besteht in folgendem. Zunächst habe ich getrachtet, nicht etwa eine neue Philosophie in die Naturwissenschaft einzuführen, sondern eine alte abgestandene aus derselben zu entfernen, ein Bestreben, das übrigens auch von manchen Naturforschern recht übelgenommen wird. Unter den vielen Philosophemen, die im Laufe der Zeit aufgetreten sind, befinden sich nämlich manche, welche die Philosophen selbst als Irrtümer erkannt oder doch so durchsichtig dargelegt haben, daß sie von jedem Unbefangenen leicht als solche erkannt werden konnten. Diese haben sich in der Naturwissenschaft, wo sie einer weniger aufmerksamen Kritik begegneten, länger lebend gehalten, so wie eine wehrlose Tierspecies auf einer abgelegenen Insel von Feinden verschont bleibt. Solche Philosopheme, welche in der Naturwissenschaft nicht nur nutzlos sind, sondern schädliche müßige Pseudoprobleme erzeugen, haben wohl nichts Besseres verdient, als beseitigt zu werden. Habe ich damit etwas Gutes getan, so ist dies eigentlich das Verdienst der Philosophen. Sollten sie dieses von sich weisen, so wird die künftige Generation vielleicht gegen sie gerechter sein, als sie selbst es sein wollten. Ferner habe ich im Verlauf von mehr als 40 Jahren, als von keinem System befangener naiver Beobachter, im Laboratorium und Lehrsaal Gelegenheit gehabt, die Wege zu erschauen, auf welchen die Erkenntnis fortschreitet. Ich habe versucht, dieselben in verschiedenen Schriften darzulegen. Aber auch, was ich da erblickt habe, ist nicht mein ausschließliches Eigentum. Andere aufmerksame Forscher haben oft dasselbe oder sehr Naheliegendes wahrgenommen. Wäre die Aufmerksamkeit der Naturforscher nicht so sehr von den sich drängenden Einzelaufgaben der Forschung in Anspruch genommen gewesen, so daß manche methodologische Funde wieder in Vergessenheit geraten konnten, so müßte, was ich an Erkenntnispsychologie zu bieten vermag, seit langer Zeit schon in gesichertem Besitz der Naturforscher sich befinden. Eben darum glaube ich, daß meine Arbeit nicht verloren sein wird. Vielleicht erkennen sogar die Philosophen einmal in meinem Unternehmen eine philosophische Läuterung der naturwissenschaftlichen Methodologie und kommen ihrerseits einen Schritt entgegen. Wenn dies aber auch nicht geschieht, hoffe ich doch den Naturforschern genützt zu haben.
Herr Dr. W. Pauli, Privatdocent für interne Medizin, hatte die besondere Freundlichkeit, eine Korrektur zu lesen, wofür ich ihm hiermit meinen herzlichen Dank ausspreche.
Wien, im Mai 1905.
D. V.
Der Text der zweiten Auflage unterscheidet sich nur unwesentlich von jenem der ersten. Zu eingreifender Umarbeitung fehlte sowohl die Zeit als der Anlaß. Manche kritische Bemerkungen wurden mir auch zu spät bekannt, um dieselben noch berücksichtigen zu können.
Verweisungen auf Schriften verwandten Inhalts, welche gleichzeitig mit oder unmittelbar nach der ersten Auflage dieses Buches erschienen sind, habe ich in Form von Anmerkungen hinzugefügt. Eine nähere Verwandtschaft meiner Grundansichten zu jenen Jerusalems offenbart sich durch dessen Buch »Der kritische Idealismus und die reine Logik« (1905); dieselbe ist wohl enger, als wir beide, auf verschiedenem spezialwissenschaftlichen Boden stehend, vorher annehmen konnten; sie dürfte auf die gemeinsame Anregung durch die Biologie, insbesondere durch die Entwicklungslehre zurückzuführen sein. Manche Berührungspunkte und reiche Anregung fand ich auch in Stöhrs origineller Arbeit »Leitfaden der Logik in psychologisierender Darstellung« (1905). Sehr erfreut war ich durch Duhems Werk »La théorie physique, son objet et sa structure« (1906). So weit gehende Übereinstimmung hoffte ich bei Physikern noch nicht zu finden. Duhem weist jede metaphysische Auffassung physikalischer Fragen ab; er sieht in der begrifflich-ökonomischen Fixierung des Tatsächlichen das Ziel der Physik; er hält die historisch-genetische Darstellung der Theorien für die einzig richtige und didaktisch zweckmäßige. Das sind Ansichten, die ich in Bezug auf Physik seit reichlich drei Decennien vertrete. Die Übereinstimmung ist mir um so wertvoller, als Duhem ganz unabhängig zu denselben Ergebnissen gelangt ist. Während ich aber, wenigstens in dem vorliegenden Buch, hauptsächlich die Verwandtschaft des vulgären und des wissenschaftlichen Denkens hervorhebe, beleuchtet Duhem besonders die Unterschiede des vulgären und des kritisch-physikalischen Beobachtens und Denkens, so daß ich sein Buch meinen Lesern als ergänzende und aufklärende Lektüre wärmstens empfehlen möchte. In dem Folgenden werde ich oft auf Duhems Äußerungen zu verweisen und nur selten, in untergeordneten Punkten, eine Meinungsdifferenz zu bemerken haben.
Herr Dr. James Moser, Privatdocent an der hiesigen Universität, hatte die besondere Freundlichkeit, eine Korrektur zu lesen, wofür ich ihm auch hier herzlich danke.
Wien, im April 1906.
D. V.
In Ausführung einer letzten Anordnung des am 19. Februar 1916 verschiedenen Autors wurde diese dritte Ausgabe nur nach den schriftlichen Vermerken im Handexemplare korrigiert, ergänzt und mit einem Anhang versehen, der auch eine Zusammenstellung der Zitate in alter und neuer Auflage enthält.
Haar bei München, März 1917.
L. M.
1. Eine systematische Darstellung, welcher ich in allem Wesentlichen zustimmen kann, in welcher auch strittige psychologische Fragen, deren Entscheidung für die Erkenntnistheorie nicht dringend und nicht unbedingt nötig ist, sehr geschickt ausgeschaltet sind, gibt Prof. Dr. H. Kleinpeter (Die Erkenntnistheorie der Gegenwart. Leipzig, J. A. Barth, 1905).
2. In je einem Kapitel der »Mechanik« und der »Analyse« habe ich die mir bekannt gewordenen Einwendungen gegen meine Ansichten beantwortet. Hier muß ich nur einige Bemerkungen über Hönigswalds »Zur Kritik der Machschen Philosophie« (Berlin 1903) einfügen. Es gibt vor allem keine Machsche Philosophie, sondern höchstens eine naturwissenschaftliche Methodologie und Erkenntnispsychologie, und beide sind, wie alle naturwissenschaftlichen Theorien vorläufige, unvollkommene Versuche. Für eine Philosophie, die man mit Hilfe fremder Zutaten aus diesen konstruieren kann, bin ich nicht verantwortlich. Daß meine Ansichten mit den Kantschen Ergebnissen nicht stimmen können, mußte, bei der Verschiedenheit der Ansätze, die sogar einen gemeinsamen Boden für die Diskussion ausschließen (vgl. Kleinpeters »Erkenntnistheorie« und auch die vorliegende Schrift), für jeden Kantianer und auch für mich von vornherein feststehen. Ist denn aber die Kantsche Philosophie die alleinige unfehlbare Philosophie, daß es ihr zusteht, die Spezialwissenschaften zu warnen, daß sie ja nicht auf eigenem Gebiet, auf eigenen Wegen zu leisten versuchen, was sie selbst vor mehr als hundert Jahren denselben zwar versprochen, aber nicht geleistet hat? Ohne also im mindesten an der guten redlichen Absicht von Hönigswald zu zweifeln, glaube ich doch, daß eine Auseinandersetzung etwa mit den »Empiriokritikern« oder mit den »Immanenten«, mit welchen er doch noch mehr Berührungspunkte finden konnte, für ihn und andere bessere Früchte getragen hätte. Sind die Philosophen einmal untereinander einig, so wird die Verständigung mit den Naturforschern nicht mehr so schwer fallen.
1. Unter einfachen, beständigen, günstigen Verhältnissen lebende niedere Tiere passen sich durch die angeborenen Reflexe den augenblicklichen Umständen an. Dies genügt gewöhnlich zur Erhaltung des Individuums und der Art durch eine angemessene Zeit. Verwickelteren und weniger beständigen Verhältnissen kann ein Tier nur widerstehen, wenn es sich einer räumlich und zeitlich ausgedehnteren Mannigfaltigkeit der Umgebung anzupassen vermag. Es ist hierzu eine räumliche und zeitliche Fernsichtigkeit[2] nötig, welcher zunächst durch vollkommenere Sinnesorgane, und bei weiterer Steigerung der Anforderungen durch Entwicklung des Vorstellungslebens entsprochen wird. In der Tat hat ein mit Erinnerungausgestattetes Lebewesen eine ausgedehntere räumliche und zeitliche Umgebung im psychischen Gesichtsfeld, als es durch seine Sinne zu erreichen vermag. Es nimmt sozusagen auch die Teile der Umgebung wahr, die an die unmittelbar sichtbare grenzen, sieht Beute oder Feinde herankommen, welche noch kein Sinnesorgan anmeldet. Was dem primitiven Menscheneinen quantitativen Vorteil über seine tierischen Genossen verbürgt, ist wohl nur die Stärke seiner individuellen Erinnerung, die allmählich durch die mitgeteilte Erinnerung der Vorfahren und des Stammes unterstützt wird. Auch der Fortschritt der Kultur überhaupt ist wesentlich dadurch gekennzeichnet, daß zusehends größere räumliche und zeitliche Gebiete in den Bereich der Obsorge des Menschen gezogen werden. Mit der teilweisen Entlastung des Lebens, welche bei steigender Kultur zunächst durch die Teilung der Arbeit, die Entwicklung der Gewerbe u.s.w. eintritt, gewinnt das auf ein engeres Tatsachengebiet gerichtete Vorstellungsleben des einzelnen an Kraft, ohne daß jenes des gesamten Volkes an Umfang verliert. Das so erstarkte Denken kann nun selbst allmählich zu einem Beruf werden. Das wissenschaftliche Denken geht aus dem volkstümlichen Denken hervor[1q]. So schließt das wissenschaftliche Denken die kontinuierliche biologische Entwicklungsreihe, welche mit den ersten einfachen Lebensäußerungen beginnt.
2. Das Ziel des vulgären Vorstellungslebens ist die gedankliche Ergänzung, Vervollständigung einer teilweise beobachteten Tatsache. Der Jäger stellt sich die Lebensweise eines eben erspähten Beutetiers vor, um danach sein eigenes Verhalten zweckentsprechend zu wählen. Der Landwirt denkt an den passenden Nährboden, die richtige Aussaat, die Zeit der Fruchtreife einer Pflanze, die er zu kultivieren gedenkt. Diesen Zug der gedanklichen Ergänzung einer Tatsache aus einem gegebenen Teil hat das wissenschaftliche Denken mit dem vulgären gemein. Auch Galilei will nichts anderes, als den ganzen Verlauf der Bewegung sich vergegenwärtigen, wenn die anfängliche Geschwindigkeit und Richtung eines geworfenen Steines gegeben ist. Allein durch einen andern Zug unterscheidet sich das wissenschaftliche Denken vom vulgären oft sehr bedeutend. Das vulgäre Denken, wenigstens in seinen Anfängen, dient praktischen Zwecken, zunächst der Befriedigung leiblicher Bedürfnisse. Das erstarkte wissenschaftliche Denken schafft sich seine eigenen Ziele, sucht sich selbst zu befriedigen, jede intellektuelle Unbehaglichkeit zu beseitigen. Im Dienste praktischer Zwecke gewachsen, wird es sein eigener Herr. Das vulgäre Denken dient nicht reinen Erkenntniszwecken, und leidet deshalb an mancherlei Mängeln, welche auch dem von diesem abstammenden wissenschaftlichen Denken anfänglich anhaften. Von diesen befreit sich letzteres nur sehr allmählich. Jeder Rückblick auf eine vorausgehende Periode lehrt, daß wissenschaftliches Denken in seinem Fortschritt in einer unausgesetzten Korrektur des vulgären Denkens besteht. Mit dem Wachsen der Kultur äußert aber das wissenschaftliche Denken seine Rückwirkung auch auf jenes Denken, welches praktischen Zwecken dient. Mehr und mehr wird das vulgäre durch das vom wissenschaftlichen durchdrungene technische Denken eingeschränkt und vertreten.
3. Die Abbildung der Tatsachen in Gedanken, oder die Anpassung der Gedanken an die Tatsachen, ermöglicht dem Denken, nur teilweise beobachtete Tatsachen gedanklich zu ergänzen, soweit die Ergänzung durch den beobachteten Teil bestimmt ist. Die Bestimmung besteht in der Abhängigkeit der Merkmale der Tatsachen voneinander, auf welche somit das Denken auszugehen hat. Da nun das vulgäre und auch das beginnende wissenschaftliche Denken sich mit einer recht rohen Anpassung der Gedanken an die Tatsachen begnügen muß, so stimmen auch die den Tatsachen angepaßten Gedanken untereinander nicht vollständig überein. Anpassung der Gedanken aneinander ist also die weitere Aufgabe, welche das Denken zu seiner vollen Befriedigung lösen muß. Dies letztere Streben, welches die logische Läuterung des Denkens bedingt, aber weit über dieses Ziel hinausragt, kennzeichnet vorzugsweise die Wissenschaft im Gegensatz zum vulgären Denken. Letzteres genügt sich, wenn es nur ungefähr der Verwirklichung praktischer Zwecke dient.
4. Das wissenschaftliche Denken tritt uns in zwei anscheinend recht verschiedenen Typen entgegen: dem Denken des Philosophen und dem Denken des Spezialforschers. Der erstere sucht eine möglichst vollständige, weltumfassende Orientierung über die Gesamtheit der Tatsachen, wobei er nicht umhin kann, seinen Bau auf Grund fachwissenschaftlicher Anleihen auszuführen. Dem anderen ist es zunächst um Orientierung und Übersicht in einem kleineren Tatsachengebiet zu tun. Da aber die Tatsachen immer etwas willkürlich und gewaltsam, mit Rücksicht auf den ins Auge gefaßten augenblicklichen intellektuellen Zweck, gegeneinander abgegrenzt werden, so verschieben sich diese Grenzen beim Fortschritt des forschenden Denkens immer weiter und weiter. Der Spezialforscher kommt schließlich auch zur Einsicht, daß die Ergebnisse aller übrigen Spezialforscher zur Orientierung in seinem Gebiet berücksichtigt werden müssen. So strebt also auch die Gesamtheit der Spezialforscher ersichtlich nach einer Weltorientierung durch Zusammenschluß der Spezialgebiete. Bei der Unvollkommenheit des Erreichbaren führt dieses Streben zu offenen oder mehr oder minder verdeckten Anleihen beim philosophischen Denken. Das Endziel aller Forschung ist also dasselbe. Es zeigt sich dies auch darin, daß die größten Philosophen, wie Plato, Aristoteles, Descartes, Leibniz u. a. zugleich auch der Spezialforschung neue Wege eröffnet und anderseits Forscher wie Galilei, Newton und Darwinu. a., ohne Philosophen zu heißen, doch das philosophische Denken mächtig gefördert haben.
Es ist allerdings richtig: Was der Philosoph für einen möglichen Anfang hält, winkt dem Naturforscher erst als das sehr ferne Ende seiner Arbeit. Allein diese Meinungsverschiedenheit soll die Forscher nicht hindern, und hindert sie tatsächlich auch nicht, voneinander zu lernen. Durch die zahlreichen Versuche, die allgemeinsten Züge großer Gebiete zusammenzufassen, hat sich die Philosophie in dieser Richtung reichliche Erfahrung erworben; sie hat nach und nach sogar teilweise die Fehler erkannt und vermeiden gelernt, in die sie selbst verfallen ist und in die der philosophisch nicht geschulte Naturforscher seinerseits noch heute fast gewiß verfällt. Aber auch positive wertvolle Gedanken, wie z.B. die verschiedenen Erhaltungsideen, hat das philosophische Denken der Naturforschung geliefert. Der Philosoph entnimmt wieder der Spezialforschung solidere Grundlagen, als sie das vulgäre Denken ihm zu bieten vermag. Die Naturwissenschaft ist ihm einerseits ein Beispiel eines vorsichtigen, festen und erfolgreichen wissenschaftlichen Baues, während er anderseits aus der allzugroßen Einseitigkeit des Naturforschers nützliche Lehren zieht. In der Tat hat auch jeder Philosoph seine Privat-Naturwissenschaft und jeder Naturforscher seine Privat-Philosophie. Nur sind diese Privat-Wissenschaften meist etwas rückständiger Art. In den seltensten Fällen kann der Naturforscher die Naturwissenschaft des Philosophen, wo sich dieselbe gelegentlich äußert, für voll nehmen. Die meisten Naturforscher hingegen pflegen heute als Philosophen einen 150 Jahre alten Materialismus, dessen Unzulänglichkeit allerdings nicht nur die Fachphilosophen, sondern alle dem philosophischen Denken nicht zu fern Stehenden, längst durchschaut haben. Nur wenige Philosophen nehmen heute an der naturwissenschaftlichen Arbeit teil, und nur ausnahmsweise widmet der Naturforscher eigene Denkarbeit philosophischen Fragen. Dies ist aber zur Verständigung durchaus notwendig, denn bloße Lektüre kann hier dem einen wie dem andern nicht helfen.
Überblicken wir die Jahrtausende alten Wege, welche Philosophen und Naturforscher gewandelt sind, so finden wir dieselben teilweise wohl gebahnt. An manchen Stellen scheinen sie aber durch sehr natürliche, instinktive, philosophische und naturwissenschaftliche Vorurteile verlegt, welche als Schutt älterer Versuche, mißlungener Arbeit, zurückgeblieben sind. Es möchte sich empfehlen, daß von Zeit zu Zeit diese Schutthalden weggeräumt oder umgangen werden.
5. Nicht nur die Menschheit, sondern auch jeder einzelne findet beim Erwachen zu vollem Bewußtsein eine fertige Weltansicht in sich vor, zu deren Bildung er nichts absichtlich beigetragen hat. Diese nimmt er als ein Geschenk der Natur und Kultur hin. Hier muß jeder beginnen. Kein Denker kann mehr tun, als von dieser Ansicht ausgehen, dieselbe weiter entwickeln und korrigieren, die Erfahrungen der Vorfahren benützen, die Fehler derselben nach seiner besten Einsicht vermeiden, kurz seinen Orientierungsweg selbständig und mit Umsicht noch einmal gehen. Worin besteht nun diese Weltansicht? Ich finde mich im Raum umgeben von verschiedenen in demselben beweglichen Körpern. Diese Körper sind teils »leblos«, teils Pflanzen, Tiere und Menschen. Mein im Raume ebenfalls beweglicher Leib ist für mich ebenso ein sichtbares, tastbares, überhaupt sinnliches Objekt, welches einen Teil des sinnlichen Raumfeldes einnimmt, neben und außer den übrigen Körpern sich befindet, wie diese selbst. Mein Leib unterscheidet sich von den Leibern der übrigen Menschen nebst individuellen Merkmalen dadurch, daß sich bei Berührung desselben eigentümliche Empfindungen einstellen, die ich bei Berührung anderer Leiber nicht beobachte. Derselbe ist ferner meinem Auge nicht so vollständig sichtbar, wie der Leib anderer Menschen. Ich kann meinen Kopf, wenigstens unmittelbar, nur zum kleinsten Teil sehen. Überhaupt erscheint mein Leib unter einer Perspektive, die von jener aller übrigen Leiber ganz verschieden ist. Denselben optischen Standpunkt kann ich andern Leibern gegenüber nicht einnehmen. Analoges gilt in Bezug auf den Tastsinn, aber auch in Bezug auf die übrigen Sinne. Auch meine Stimme höre ich z.B. ganz anders, als die Stimme der andern Menschen.3 Ich finde ferner Erinnerungen, Hoffnungen, Befürchtungen, Triebe, Wünsche, Willen u.s.w. vor, an deren Entwicklung ich ebenso unschuldig bin, wie an dem Vorhandensein der Körper in der Umgebung. An diesen Willen knüpfen sich aber Bewegungen des einen bestimmten Leibes, der sich dadurch und durch das Vorausgehende als mein Leib kennzeichnet. – Bei Beobachtung des Verhaltens der übrigen Menschenleiber zwingt mich nebst dem praktischen Bedürfnis eine starke Analogie, der ich nicht widerstehen kann, auch gegen meine Absicht, Erinnerungen, Hoffnungen, Befürchtungen, Triebe, Wünsche, Willen, ähnlich den mit meinem Leib zusammenhängenden, auch an die andern Menschen- und Tierleiber gebunden zu denken. Das Verhalten anderer Menschen nötigt mich ferner anzunehmen, daß mein Leib und die übrigen Körper für sie ebenso unmittelbar vorhanden sind, wie für mich ihre Leiber und die übrigen Körper, daß dagegen meineErinnerungen, Wünsche u.s.w. für sie ebenso nur als Ergebnis eines unwiderstehlichen Analogieschlusses bestehen, wie für mich ihre Erinnerungen, Wünsche u.s.w. Die Gesamtheit des für alle im Raume unmittelbar Vorhandenen mag als das Physische, dagegen das nur einemunmittelbar Gegebene, allen anderen aber nur durch Analogie Erschließbare vorläufig als das Psychische bezeichnet werden. Die Gesamtheit des nur einem unmittelbar Gegebenen wollen wir auch dessen (engeres) Ich nennen. Man beachte des Descartes Gegenüberstellung: »Materie, Geist-Ausdehnung, Denken«. Hierin liegt die natürliche Begründung des Dualismus, der übrigens noch alle möglichen Übergänge vom bloßen Materialismus zum reinen Spiritualismus darstellen kann, je nach der Wertschätzung des Physischen oder Psychischen, nach der Auffassung des einen als des Fundamentalen, des andern als des Ableitbaren. Die Auffassung des im Dualismus ausgesprochenen Gegensatzes kann sich aber auch zu solcher Schärfe steigern, daß an einen Zusammenhang des Physischen und Psychischen – entgegen der natürlichen Ansicht – gar nicht mehr gedacht werden kann, woraus die wunderlichen monströsen Theorien des »Occasionalismus[3]« und der »prästabilierten Harmonie« hervorgehen.4
6. Die Befunde im Raume, in meiner Umgebung, hängen voneinander ab. Eine Magnetnadel gerät in Bewegung, sobald ein anderer Magnet genügend angenähert wird. Ein Körper erwärmt sich am Feuer, kühlt aber ab bei Berührung mit einem Eisstück. Ein Blatt Papier im dunklen Raum wird durch die Flamme einer Lampe sichtbar. Das Verhalten anderer Menschen nötigt mich zu der Annahme, daß darin ihre Befunde den meinigen gleichen. Die Kenntnis der Abhängigkeit der Befunde, der Erlebnisse voneinander ist für uns von dem größten Interesse, sowohl praktisch zur Befriedigung der Bedürfnisse, als auch theoretisch zur gedanklichen Ergänzung eines unvollständigen Befundes. Bei Beachtung der gegenseitigen Abhängigkeit des Verhaltens der Körper voneinander kann ich die Leiber der Menschen und Tiere wie leblose Körper ansehen, indem ich von allem durch Analogie Erschlossenen abstrahiere. Dagegen bemerke ich wieder, daß mein Leib auf diesen Befund immer einen wesentlichen Einfluß übt. Auf ein weißes Papier kann ein Körper einen Schatten werfen; ich kann aber einen diesem Schatten ähnlichen Fleck auf diesem Papier sehen, wenn ich unmittelbar zuvor einen recht hellen Körper angeblickt habe. Durch passende Stellung meiner Augen kann ich einen Körper doppelt, oder zwei sehr ähnliche Körper dreifach sehen. Körper, welche mechanisch bewegt sind, kann ich, wenn ich mich zuvor rasch gedreht habe, ruhig sehen, oder umgekehrt ruhige bewegt. Bei Schluß meiner Augen verschwindet überhaupt mein optischer Befund. Analoge haptische oder Wärmebefunde u.s.w. lassen sich durch entsprechende Beeinflussung meines Leibes ebenfalls herbeiführen. Wenn aber mein Nachbar die betreffenden Versuche an seinem Leibe vornimmt, so ändert dies an meinem Befund nichts, wiewohl ich durch Mitteilung erfahre und schon nach der Analogie annehmen muß, daß seine Befunde in entsprechender Weise modifiziert werden.
Die Bestandteile meines Befundes im Raume hängen also nicht nur im allgemeinen voneinander ab, sondern insbesondere auch von den Befunden an meinem Leib, und dies gilt mutatis mutandis von den Befunden eines jeden. Wer nun auf die letztere Abhängigkeit aller unserer Befunde von unserem Leib einen übertriebenen Wert legt, und darüber alle anderen Abhängigkeiten unterschätzt, der gelangt leicht dazu, alle Befunde als ein bloßes Produkt unseres Leibes anzusehen, alles für »subjektiv« zu halten. Wir haben aber die räumliche Umgrenzung U unseres Leibes immer vor Augen und sehen, daß die Befunde außerhalb U ebensowohl voneinander, als auch von den Befunden innerhalb U abhängen. Die Erforschung der außerhalb U liegenden Abhängigkeiten ist allerdings viel einfacher und weiter fortgeschritten, als jene der U überschreitenden Abhängigkeiten. Schließlich werden wir aber doch erwarten dürfen, daß letztere Abhängigkeiten doch von derselben Art sind wie erstere, wie wir aus der fortschreitenden Untersuchung fremder, außerhalb unserer U – Grenze gelegener Tier- und Menschenleiber mit zusehends wachsender Sicherheit entnehmen. Die entwickelte, mehr und mehr auf Physik sich stützende Physiologie kann auch die subjektiven Bedingungen eines Befundes klarlegen. Ein naiver Subjektivismus, der die abweichenden Befunde derselben Person unter wechselnden Umständen und jene verschiedener Personen als verschiedene Fälle von Schein auffaßte und einer vermeintlichen sich gleichbleibenden Wirklichkeit entgegenstellte, ist jetzt nicht mehr zulässig. Denn nur auf die volle Kenntnis sämtlicher Bedingungen eines Befundes kommt es uns an; nur diese hat für uns praktisches oder theoretisches Interesse.
7. Meine sämtlichen physischen Befunde kann ich in derzeit nicht weiter zerlegbare Elementeauflösen: Farben, Töne, Drücke, Wärmen, Düfte, Räume, Zeiten u.s.w. Diese Elemente5 zeigen sich sowohl von außerhalb U, als von innerhalb U liegenden Umständen abhängig. Insofern und nur insofern letzteres der Fall ist, nennen wir diese Elemente auch Empfindungen. Da mir die Empfindungen der Nachbarn ebensowenig unmittelbar gegeben sind, als ihnen die meinigen, so bin ich berechtigt dieselben Elemente, in welche ich das Physische aufgelöst habe, auch als Elemente des Psychischen anzusehen. Das Physische und das Psychische enthält also gemeinsame Elemente, steht also keineswegs in dem gemeinhin angenommenen schroffen Gegensatze. Dies wird noch klarer, wenn sich zeigen läßt, daß Erinnerungen, Vorstellungen, Gefühle, Willen, Begriffe sich aus zurückgelassenen Spuren von Empfindungen aufbauen, mit letzteren also keineswegs unvergleichbar sind. Wenn ich nun die Gesamtheit meines Psychischen – die Empfindungen eingerechnet – mein Ich im weitesten Sinne nenne (im Gegensatz zu dem engeren Ich, S. 6), so kann ich ja in diesem Sinne sagen, daß mein Ich die Welt eingeschlossen (als Empfindung und Vorstellung) enthalte. Es ist aber nicht außer acht zu lassen, daß diese Auffassung andere gleichberechtigte nicht ausschließt. Diese solipsistische Position bringt die Welt scheinbar als Selbständiges zum Verschwinden, indem sie den Gegensatz zwischen derselben und dem Ich verwischt. Die Grenze, welche wir U genannt haben, bleibt aber dennoch bestehen; dieselbe geht nunmehr nicht um das engere Ich, sondern mitten durch das erweiterte Ich, mitten durch das »Bewußtsein«. Ohne Beachtung dieser Grenze und ohne Rücksicht auf die Analogie unseres Ich mit dem fremden Ich, hätten wir die solipsistische Position gar nicht gewinnen können. Wer also sagt, daß die Grenzen des Ich für die Erkenntnis unüberschreitbarseien, meint das erweiterte Ich, welches die Anerkennung der Welt und der fremden Ich schon enthält. Auch die Beschränkung auf den »theoretischen« Solipsismus6 des Forschers macht die Sache nicht erträglicher. Es gibt keinen isolierten Forscher. Jeder hat auch praktische Ziele, jeder lernt auch von andern, und arbeitet auch zur Orientierung anderer.
8. Bei Konstatierung unserer physischen Befunde unterliegen wir mancherlei Irrtümern oder »Täuschungen«. Ein schief ins Wasser getauchter gerader Stab wird geknickt gesehen, und der Unerfahrene könnte meinen, daß er auch haptisch sich als geknickt erweisen werde. Das Luftbild eines Hohlspiegels halten wir für greifbar. Einem grell beleuchteten Gegenstand schreiben wir weiße Körperfarbe zu und sind erstaunt, denselben bei mäßiger Beleuchtung schwarz zu finden. Die Form eines Baumstamms im Dunkeln bringt uns die Gestalt eines Menschen in Erinnerung, und wir meinen diesen vor uns zu haben. Alle solche »Täuschungen« beruhen darauf, daß wir die Umstände, unter weichen ein Befund gemacht wird, nicht kennen, oder nicht beachten, oder andere als die bestehenden voraussetzen. Unsere Phantasie ergänzt auch teilweise Befunde in der ihr geläufigsten Weise und fälscht sie zuweilen eben dadurch. Was also im vulgären Denken zur Entgegenstellung von Schein und Wirklichkeit, von Erscheinung und Ding führt, ist die Verwechslung von Befunden unter den verschiedensten Umständen mit Befunden unter ganz bestimmten Umständen. Sobald einmal durch das ungenaue vulgäre Denken der Gegensatz von Erscheinung und Ding sich herausgebildet hat, dringt die betreffende Auffassung auch in das philosophische Denken ein, welche dieselbe schwer genug los wird. Das monströse, unerkennbare »Ding an sich«, welches hinter den Erscheinungen steht, ist der unverkennbare Zwillingsbruder des vulgären Dinges, welcher den Rest seiner Bedeutung verloren hat!7 Nachdem durch Verkennen der Grenze U der ganze Inhalt des Ich zum Schein gestempelt ist, was soll uns da noch ein unerkennbares Etwas außerhalb der vom Ich niemals überschreitbaren Grenzen? Bedeutet es etwas anderes als einen Rückfall in das vulgäre Denken, das hinter der »trügerischen« Erscheinung, wenigstens doch immer noch einen soliden Kern zu finden weiß?
Wenn wir die Elemente: rot, grün, warm, kalt u.s.w., wie sie alle heißen mögen, betrachten, welche in ihrer Abhängigkeit von außerhalb U gelegenen Befunden physische, in ihrer Abhängigkeit von Befunden innerhalb U aber psychische Elemente, gewiß aber in beiderlei Sinn unmittelbar gegeben und identisch sind, so hat bei dieser einfachen Sachlage die Frage nach Schein und Wirklichkeit ihren Sinn verloren. Wir haben hier die Elemente der realen Welt und die Elemente des Ich zugleich vor uns. Was uns allein noch weiter interessieren kann, ist die funktionale Abhängigkeit (im mathematischen Sinne) dieser Elemente voneinander. Man mag diesen Zusammenhang der Elemente immerhin ein Ding nennen. Derselbe ist aber kein unerkennbares Ding. Mit jeder neuen Beobachtung, mit jedem naturwissenschaftlichen Satz schreitet die Erkenntnis dieses Dinges vor. Wenn wir das (engere) Ich unbefangen betrachten, so zeigt sich dieses ebenfalls als ein funktionaler Zusammenhang der Elemente. Nur die Form dieses Zusammenhanges ist hier eine etwas anders geartete, als wir sie im »physischen« Gebiet anzutreffen gewöhnt sind. Man denke an das verschiedene Verhalten der »Vorstellungen« gegenüber jenem der Elemente des ersteren Gebietes, an die associative Verknüpfung der letzteren u.s.w. Ein unbekanntes, unerkennbares Etwas hinter diesem Getriebe haben wir nicht nötig, und dasselbe hilft uns auch nicht im mindesten zu besserem Verständnis. Ein fast noch Unerforschtes steht allerdings hinter dem Ich; es ist unser Leib. Aber mit jeder neuen physiologischen und psychologischen Beobachtung wird uns das Ich besser bekannt. Die introspektive und experimentelle Psychologie, die Hirnanatomie und Psychopathologie, welchen wir schon so wertvolle Aufklärungen verdanken, arbeiten hier der Physik (im weitesten Sinne) kräftig entgegen, um sich mit dieser zu mehr eindringender Weltkenntnis zu ergänzen. Wir können erwarten, daß alle vernünftigen Fragen sich nach und nach der Beantwortbarkeit nähern werden.8
9. Wenn man die Abhängigkeit der wechselnden Vorstellungen voneinander untersucht, so tut man das in der Hoffnung, die psychischen Vorgänge, seine eigenen Erlebnisse und Handlungen zu begreifen. Wer aber zum Schluß seiner Untersuchung im Hintergrunde doch wieder ein beobachtendes und handelndes Subjekt braucht, der bemerkt nicht, daß er sich die ganze Mühe der Untersuchung hätte ersparen können, denn er ist beim Ausgangspunkt derselben wieder angelangt. Die ganze Situation erinnert lebhaft an die Geschichte von dem Landwirt, der sich die Dampfmaschinen einer Fabrik erklären ließ, um schließlich nach den Pferden zu fragen, durch welche die Maschinen getrieben würden. Das war ja das Hauptverdienst Herbarts[4], daß er das Getriebe der Vorstellungen an sichuntersuchte. Allerdings verdarb er sich die ganze Psychologie wieder durch seine Voraussetzung der Einfachheit der Seele. In neuester Zeit erst fängt man an, sich mit einer »Psychologie ohne Seele« zu befreunden.
10. Das Vordringen der Analyse unserer Erlebnisse bis zu den »Elementen«, über die wir vorläufig nicht hinaus können9, hat hauptsächlich den Vorteil die beiden Probleme des »unergründlichen« Dinges und des ebenso »unerforschlichen« Ich auf ihre einfachste durchsichtigste Form zu bringen und dieselben eben dadurch als Scheinprobleme leicht erkennbar zu machen. Indem das, was zu erforschen überhaupt keinen Sinn hat, ausgeschieden wird, tritt das wirklich durch die Spezialwissenschaften Erforschbare um so deutlicher hervor: die mannigfaltige, allseitige Abhängigkeit der Elemente voneinander. Gruppen solcher Elemente können immerhin als Dinge (als Körper) bezeichnet werden. Es ergibt sich aber, daß ein isoliertesDing genau genommen nicht existiert. Nur die vorzugsweise Berücksichtigung auffallender, stärkerer Abhängigkeiten und die Nichtbeachtung weniger merklicher, schwächerer Abhängigkeiten erlaubt uns bei einer ersten vorläufigen Untersuchung die Fiktion isolierter Dinge. Auf demselben graduellen Unterschiede der Abhängigkeiten beruht auch der Gegensatz der Welt und des Ich. Ein isoliertes Ich gibt es ebensowenig, als ein isoliertes Ding. Ding und Ich sind provisorische Fiktionen gleicher Art.
11. Unsere Betrachtung bietet dem Philosophen sehr wenig oder nichts. Sie ist nicht bestimmt ein oder 7 oder 9 Welträtsel zu lösen. Sie führt nur zur Beseitigung falscher, den Naturforscher störender Probleme und überläßt der positiven Forschung das Weitere. Wir bieten zunächst nur ein negatives Regulativ für die naturwissenschaftliche Forschung, um welches der Philosoph gar nicht nötig hat sich zu kümmern, namentlich nicht derjenige, welcher schon sichere Grundlagen einer Weltanschauung kennt, oder doch zu kennen glaubt. Will also diese Darlegung zunächst vom naturwissenschaftlichen Standpunkt beurteilt werden, so kann damit doch nicht gemeint sein, daß der Philosoph nicht Kritik an derselben üben, sie nicht nach seinen Bedürfnissen modifizieren oder nicht ganz verwerfen soll. Für den Naturforscher ist es jedoch eine ganz sekundäre Angelegenheit, ob seine Vorstellungen in irgend ein philosophisches System passen oder nicht, wenn er sich derselben nur mit Vorteil als Ausgangspunkt der Forschung bedienen kann. Die Denk- und Arbeitsweise des Naturforschers ist nämlich von jener des Philosophen sehr verschieden. Da er nicht in der glücklichen Lage ist, unerschütterliche Prinzipien zu besitzen, hat er sich gewöhnt, auch seine sichersten, bestbegründeten Ansichten und Grundsätze als provisorisch und durch neue Erfahrungen modifizierbar zu betrachten. In der Tat sind die größten Fortschritte und Entdeckungen nur durch dieses Verhalten ermöglicht worden.
12. Auch dem Naturforscher kann unsere Überlegung nur ein Ideal weisen, dessen annähernde allmähliche Verwirklichung der Forschung der Zukunft vorbehalten bleibt. Die Ermittlung der direkten Abhängigkeit der Elemente voneinander ist eine Aufgabe von solcher Komplikation, daß sie nicht auf einmal, sondern nur schrittweise gelöst werden kann. Es war viel leichter erst ungefähr und in rohen Umrissen die Abhängigkeit ganzer Komplexe von Elementen (von Körpern) voneinander zu ermitteln, wobei es sehr vom Zufall, vom praktischen Bedürfnis, von früheren Ermittlungen abhing, welche Elemente als die wichtigeren erschienen, auf welche die Aufmerksamkeit hingelenkt wurde, welche hingegen unbeachtet blieben. Der einzelne Forscher steht immer mitten in der Entwicklung, muß an die unvollkommenen von den Vorgängern erworbenen Kenntnisse anknüpfen, und kann dieselben nur seinem Ideal entsprechend vervollständigen und korrigieren. Indem er die Hilfe und die Fingerzeige, welche in diesen Vorarbeiten enthalten sind, dankbar für seine eigenen Unternehmungen verwendet, fügt er oft unvermerkt auch Irrtümer der Vorgänger und Zeitgenossen den eigenen hinzu. Die Rückkehr auf den vollkommen naiven Standpunkt, wenn sie auch möglich wäre, würde für jenen, der sich von Ansichten der Zeitgenossen ganz frei machen könnte, neben dem Vorteil der Voraussetzungslosigkeit auch deren Nachteil bedingen: die Verwirrung durch die Komplikation der Aufgabe und die Unmöglichkeit, eine Untersuchung zu beginnen. Wenn wir also heute scheinbar auf einen primitiven Standpunkt zurückkehren, um die Untersuchung von neuem auf besseren Wegen zu führen, so ist dies eine künstliche Naivität, welche die auf einem langen Kulturwege gewonnenen Vorteile nicht aufgibt, sondern im Gegenteil Einsichten verwendet, die eine recht hohe Stufe des physikalischen, physiologischen und psychologischen Denkens voraussetzen. Nur auf einer solchen ist die Auflösung in die »Elemente« denkbar. Es handelt sich um Rückkehr zu den Ausgangspunkten der Forschung mit der vertieften und reicheren Einsicht, welche eben die vorausgehende Forschung gezeitigt hat. Eine gewisse psychische Entwicklungsstufe muß erreicht sein, bevor die wissenschaftliche Betrachtung beginnen kann. Keine Wissenschaft kann aber die vulgären Begriffe in ihrer Verschwommenheit verwenden; sie muß auf deren Anfänge, auf deren Ursprung zurückgehen, um sie bestimmter, reiner zu gestalten. Sollte dies nur der Psychologie und der Erkenntnislehre verwehrt sein?
13. Wenn eine Mannigfaltigkeit vielfach voneinander abhängiger Elemente zu untersuchen ist, so steht uns zur Ermittlung der Abhängigkeiten nur eine Methode zur Verfügung: die Methode der Variation
