Erlebnis Sepsis - Georg Sigrist - E-Book

Erlebnis Sepsis E-Book

Georg Sigrist

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Beschreibung

Wie in einem packenden Roman berichtet der Autor über die persönliche Auseinandersetzung mit der lebensbedrohlichen Krankheit. Er schildert seine Erfahrungen mit der Sepsis und den anschliessenden Langzeitfolgen wie Angst, Tränen, Heimweh, Schlaflosigkeit und Rückenschmerzen. Er beschreibt seine erfolgreichen Strategien zur Lösung dieser Probleme, die ihn über mehrere Jahre belasteten. Im Rahmen dieser Bewältigung besuchte er eine psychotherapeutische Therapie, die als Option in Betracht zog, die potenziellen Gründe für die emotionalen Folgen in seiner Jugend zu suchen. Der Autor beschreibt seiner Therapeutin auf unterhaltsame Weise und mit einer Prise Humor Kurzgeschichten aus seinem Leben, die eventuell dazu hätten beitragen können, die unerklärlichen Konsequenzen zu verstehen. Eine wichtige therapeutische Bedeutung kommt der Musik zu. Der Autor erzählt, wie er spontan ein Saxophon kaufte, statt aufgrund der stressigen Arbeitssituation im Job ein Burnout zu nehmen und wie er autodidaktisch Saxophon spielen lernte. Diese neue Fähigkeit half ihm auch später, die Sepsis mental zu überwinden. Zudem verfolgte ihn noch lange Zeit ein Traum, den er während seines Krankenhausaufenthalts hatte. Obwohl Experten den Traum als potenzielle Nahtoderfahrung betrachteten, empfand ihn der Autor lediglich als einen eigenartigen Traum, den er aber dennoch versuchte, eingehend zu analysieren. Anfänglich sollten die Aufzeichnungen dem Autor helfen, die Erlebnisse und unerklärlichen Folgen zu bewältigen. Durch die ausgedehnten Recherchen hat sich nun ein Buch entwickelt, das weit über den ursprünglichen therapeutischen Zweck hinausgeht. Es behandelt nicht nur die Sepsis, sondern auch Themen wie Nahtod, Sterben, Gott, Zeit und Ewigkeit. Sepsis ist global gesehen ein bedeutendes Gesundheitsproblem, da sie jährlich etwa 49 Millionen Krankheitsfälle und 11 Millionen Todesfälle verursacht. In der Schweiz sterben jedes Jahr etwa 3.500 Personen daran. Eine Sepsis tritt auf, wenn eine grosse Zahl an Krankheitserregern das Immunsystem überwindet. Es reagiert dadurch übermässig, wodurch es zu einer Entzündung im gesamten Körper kommt und die eigenen Organe angegriffen werden. Obwohl Sepsis weit verbreitet ist, wird über ihren lebensbedrohlichen Verlauf unzureichend kommuniziert. Das Buch soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, Vorurteile abzubauen und die Bedeutung der rechtzeitigen Erkennung und angemessenen Behandlung auf eine entspannte und leicht lesbare Art zu verdeutlichen.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Abstract

Nach einer kurzen Erläuterung zur Sepsis, einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung, schildert der Autor seine persönlichen Erfahrungen mit dieser Erkrankung sowie die Strategien zur Bewältigung der daraus resultierenden Langzeitfolgen. Eine anfänglich unscheinbare Grippe wurde erst in einem fortgeschrittenen Stadium als Sepsis erkannt, was dem Ärzteteam im Spital die herausfordernde Aufgabe überliess, eine Eskalation zur Behandlung auf der Intensivstation zu vermeiden. Ohne jegliches Vorwissen über die Krankheit überfiel sie den Autor mit einer völlig unbekannten Realität.

Nach der Entlassung aus dem Spital wollte er alles möglichst bald ad acta legen. Allerdings plagten ihn überempfindliche Emotionen wie Angst, Weinen, Heimweh, Schlaflosigkeit und Schmerzen. Zudem liess ihn ein aussergewöhnlicher Traum im Spital, den Fachleute als eine mögliche Nahtoderfahrung deuteten, nicht in Ruhe.

Zwei Jahre später kam es zu einer plötzlichen Eskalation der Gefühle aufgrund eines erneuten Vorfalls. Der Autor konnte nicht ahnen, dass sie trotz der grossen Zeitspanne mit seiner Sepsis in Verbindung stehen könnte. Ihre Störungen beeinträchtigten seine täglichen Aktivitäten so sehr, dass er gezwungen war, psychologische Unterstützung zu suchen.

Im Rahmen der Therapie wurde eine Möglichkeit in Betracht gezogen, potenzielle Gründe für die sensiblen emotionalen Konsequenzen in seiner Vergangenheit zu ergründen. In lockerer Weise und mit einer Prise Humor erzählt der Autor Episoden aus seinem Leben, die zur Aufklärung der unerklärlichen Erfahrungen hätten beitragen könnten.

Ein grosses Kapitel behandelt die für den Autor wichtige therapeutische Bedeutung der Musik. Die vielseitige Arbeit im obersten Kader der Firma forderte seinen ganzen Einsatz und strapazierte seine Gesundheit. Statt ein Burnout zu nehmen, erwarb er sich ein Saxophon und beschloss, im fortgeschrittenen Alter, autodidaktisch das Spielen zu erlernen.

Die eigenständigen kurzen Geschichten gleichen Schnappschüssen, die Einblicke in das Leben des Autors gewähren. Die Texte stellen keinen chronologischen Lebenslauf dar, sondern veranschaulichen spezifische Aspekte der Psychotherapie.

Es war unvermeidbar, dass er auch seinen merkwürdigen Traum verarbeiten wollte, der ihn seit dem Spitalaufenthalt präsent verfolgte. Dazu recherchierte er während mehrerer Monate intensiv über das für ihn bis dahin unbekannte Thema “Nahtoderfahrungen” und “Erfahrungen nahe am Tod”. Dabei stiess er auf unzählige Berichte aus der ganzen Welt. Medizinische oder psychologische Studien, die den Sachverhalt wissenschaftlich erklären, stehen oft im Gegensatz zu vielen Meinungen der Betroffenen. In einer persönlichen und ungezwungenen Art bemüht sich der Autor, das Thema anzugehen. Indem er sein Erlebnis in den Mittelpunkt stellt, überprüft er sowohl die eine als auch die andere Ansicht, um seine eigene Unwissenheit auf kritische und vorurteilsfreie Weise zu klären. Dabei gewinnt er neue Perspektiven über das Sterben und Nicht-Sterben, über Zeit und Ewigkeit, über Gott und ewiges Leben.

Der Autor reflektiert seine Erfahrungen und verdeutlicht, wie Hoffnung, Ausdauer und eine positive Einstellung stets zu positiven Ergebnissen führen.

Inhalt

Prolog

Was ist Sepsis?

Sepsis Stiftung

Nationaler Aktionsplan gegen Sepsis

Was will das Buch?

1. Krankheit

Grippe

Sepsis

Traum

Nahtoderlebnis?

Geschafft!

2. Long Sepsis

Der kleine Junge

Im Sturzflug

3. Therapie

Schutzmantel

Heimweh

Die Hornisse

Die Alphütte

Der Autoschlauch

Die Heirat

Emotionen

Schmerzen

Kaffeekasse

Diskushernie

Damokles-Skalpell

Emmentaler Käse

Ursache der Schmerzen

Loslassen

Rheinschwimmen

Der Pudel und das Feuerwehrauto

Die Meise und der Rabe

Der Sodbrunnen und das Schoggiherzli

Totes Pferd

Rennvelo

Mäander

Musik

Mit heller Stimme

Klavier verboten!

Saxophon statt Burnout

Musik als Therapie

4. Reflexion

Ursache der Sepsis

Ursache der Emotionen

Verstehen

Hinweise aus der Jugend

...

und bräuchte ihn doch

Das gelbe Häsli

Die alte Schachtel

Zufall oder Glück

Vorsehung

Nahtod

Von Spreu und Weizen

Vom Tunnel und der Wellblechröhre

Vom Urknall und der Ewigkeit

Vom Absturz in den Alpen

Von Wissenschaft und Archetypen

Sterben

Gott und ewiges Leben

Zeit und Ewigkeit

Epilog

Positiv Denken

Sich Zeit geben

Nicht aufgeben

Nahe am Tod

Danke

Prolog

Was ist Sepsis?

Umgangssprachlich wird eine Sepsis oft auch als Blutvergiftung bezeichnet. Der Begriff ist allerdings veraltet und gemäss moderner medizinischer Definition nicht korrekt. Auf der Website des Universitäts Spital Zürich1 wird über Sepsis folgendes informiert:

Nach der aktuellen medizinischen Definition ist die Sepsis eine lebensbedrohliche Organdysfunktion, hervorgerufen durch eine Infektion mit daraus folgender Entzündungsreaktion des Körpers.

Greifen Bakterien, Pilze oder Viren den Körper an, wird die körpereigene Abwehr aktiv und reagiert darauf mit einer Entzündung wie etwa bei einer Lungenentzündung. Der Körper bekämpft normalerweise die Krankheitserreger, bevor sie den gesamten Organismus bedrohen. Zu einer Sepsis kommt es, wenn das Abwehrsystem diese Aufgaben nicht mehr richtig erfüllen kann. In der Folge werden die Erreger nicht bekämpft, sondern überwinden die lokalen Abwehrmechanismen und breiten sich über die Blutbahn im gesamten Körper aus. Darauf überreagiert das Immunsystem mit einer Entzündung im ganzen Körper und greift Zellen der eigenen Organe an. Dies kann zu einer lebensbedrohlichen Organdysfunktion führen.

Grundsätzlich kann sich jede Infektion zu einer Sepsis entwickeln. Die häufigsten Ursachen sind:

Lungenentzündungen,

Harnwegsinfekte,

Entzündungen im Bauchraum,

Wundinfektionen und

Hirnhautentzündungen.

Besonders gefährdet sind Menschen, die durch eine Erkrankung bereits ein geschwächtes Immunsystem haben. Hierzu zählen:

Krebsbetroffene mit einer Chemotherapie,

Patientinnen und Patienten mit einer immunhemmenden Therapie,

Seniorinnen und Senioren,

Diabetikerinnen und Diabetiker,

chronisch Nieren- und Leberkranke,

Alkohol- und Drogenabhängige.

Nach einem Spitalaufenthalt werden Sepsisüberlebende häufig ohne weitere ausreichende Unterstützung sich selbst überlassen. Erst in jüngster Zeit wurden die Langzeitfolgen der Krankheit erkannt und sind Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Untersuchungen. Ein zusätzliches Problem besteht darin, dass diese Symptome oft erst nach einer Zeitspanne von Monaten oder sogar Jahren auftreten, ausgelöst durch ein nachfolgendes Ereignis oder Erlebnis, das scheinbar keine Verbindung zur vorherigen Sepsis aufweist. Auf der Website der Universitätsklinik Jena2 befindet sich folgende Information:

Durch die Schwere der Erkrankung und die oft notwendige Behandlung auf einer Intensivstation mit Koma, Beatmung oder Nierenersatzverfahren (Dialyse) treten bei Patienten nach überstandener Sepsis häufig Folgen auf, die für die Betroffenen eine grosse Herausforderung sein können. Schlaflosigkeit, Depression, Albträume oder Angstzustände sind Beispiele für psychische Folgen, von denen Patienten nach einer Sepsis berichten.

Auch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen können auftreten. Daneben kann es zu Muskelschwäche, chronischen Schmerzen und Missempfinden in Händen und Füssen kommen. Für manche Patienten ist es deshalb schwer, nach der Sepsis wieder komplett in den Beruf oder ihr früheres Umfeld zurückzukehren. Rehabilitationsmassnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie oder Psychotherapie können helfen, diese Folgen zu lindern.

Die Sepsis ist global gesehen ein bedeutendes Gesundheitsproblem, da sie jährlich etwa 49 Millionen Krankheitsfälle und 11 Millionen Todesfälle verursacht. In ihrer Resolution zur Sepsis aus dem Jahr 2017 hat die Weltgesundheitsorganisation den Mitgliedsländern empfohlen, konkrete Aktionspläne zur Bekämpfung der Sepsis zu entwickeln und umzusetzen. Verschiedene Nationen haben bereits solche Vorhaben realisiert und dabei bemerkenswerte Erfolge erzielt.

Sepsis Stiftung

Tagtäglich verlieren Tausende von Menschen weltweit ihr Leben infolge einer Sepsis. Es wird geschätzt, dass in Deutschland jährlich eine halbe Million Personen erkranken. Von den Überlebenden leiden etwa drei Viertel an Langzeitfolgen, die ihr Leben nachhaltig verändern.

Daher wurde im Jahr 2012 die Sepsis Stiftung3 mit Sitz in Jena gegründet.

Die Stiftung möchte durch Aufklärung und Forschungsförderung zur frühzeitigen Diagnose und Behandlung, zur Prävention sowie zur Minderung der Folgeschäden einer Sepsis beitragen.

Seit ihrer Gründung hat die Sepsis Stiftung durch eine Vielzahl von Initiativen massgeblich dazu beigetragen, die häufig unterschätzte Problematik der Sepsis sowohl national als auch international verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken. Die globale Sensibilisierung für Sepsis hat signifikant zugenommen, und es wurden bedeutende Fortschritte im Kampf gegen diese Erkrankung erzielt. Dennoch ist es in nur wenigen Ländern gelungen, Sepsis als eine vorrangige Angelegenheit für ihr Gesundheitssystem zu etablieren. Im Jahr 2024 veranstaltete die Sepsis Stiftung in Berlin eine weitere Initiative, um Akteure und Entscheidungsträger aus dem Gesundheitswesen, der Wirtschaft und der Politik stärker zu mobilisieren: Der Welt-Sepsis-Tag unter dem Motto "Sepsis geht uns alle an".4

Nationaler Aktionsplan gegen Sepsis

In der Schweiz treten jedes Jahr etwa 20 000 Fälle von Sepsis auf und 3500 Personen davon sterben. Obgleich die Sepsis eine der am häufigsten auftretenden Todesursachen darstellt, wird sie in vielen Fällen erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert oder bleibt gänzlich unerkannt. Zusätzlich haben viele Überlebende mit langfristigen Auswirkungen zu kämpfen, die überhaupt nicht publik werden. Die frühzeitige Erkennung von Sepsis könnte in der Schweiz potenziell dazu beitragen, das Leben mehrerer Hundert Personen zu retten. Oft fehlt das Bewusstsein über die Krankheit sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch in der Bevölkerung. Zur Umsetzung der Resolution der Weltgesundheitsorganisation wurde 2022 von einer Expertengruppe der “Schweizerische Nationale Aktionsplan gegen Sepsis”5 veröffentlicht. Die Experten haben darin verschiedene zentrale Anliegen formuliert, wie:

Sensibilisierung der Bevölkerung,

bessere Ausbildung des Gesundheitspersonals,

einheitliche Diagnoseund Behandlungsstandards,

mehr Forschung.

Ziel des Aktionsplans ist es nicht nur Menschenleben zu retten, sondern auch Kosten im Gesundheitswesen zu senken.

Was will das Buch?

Vor einigen Jahren erlebte ich eine Sepsis und dachte zunächst, es sei eine schwere Grippe. Sogar der Hausarzt erkannte die alarmierenden Anzeichen aufgrund der generellen Unkenntnis über diese Erkrankung zu spät. Erst das Ärzteteam im Spital diagnostizierte nach sorgfältiger Untersuchung die akute Gefahr. Durch die unverzüglich eingeleitete adäquate Therapie und die fortlaufende Überwachung wurde ein Organversagen abgewendet, wodurch eine Verlegung auf die Intensivstation vermieden werden konnte.

Nach meiner Genesung verfolgten mich unangenehme psychische Probleme, die infolge eines zweiten Erlebnisses zwei Jahre später plötzlich so stark eskalierten, dass ich psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen musste.

Mein erstes Buch mit dem Titel ”Komm zurück!” habe ich unter dem Einfluss der noch frischen Erinnerung an diese eben skizzierten Ereignisse sehr emotional geschrieben. Mein Ziel war es, durch die Aufarbeitung der Ereignisse die unerwünschten Konsequenzen möglichst rasch zu bewältigen. Aufgrund unzureichender Kenntnisse über Sepsis und deren möglichen Folgen, stand aber nicht diese Krankheit als Ursache meiner psychischen Probleme im Vordergrund. Vielmehr lag der Fokus auf den möglichen Auswirkungen eines kurzen, sonderbaren Traums im Spital, den Fachleute als eine denkbare Nahtoderfahrung deuteten. Von Betroffenen werden solche Erfahrungen oft als übernatürliches oder sogar transzendentes Erlebnis beschrieben. Dies hätte eventuell als Auslöser von lange unterdrückten Emotionen sein können.

Erst durch die Veröffentlichung des Artikels mit dem Titel

“Ich bin dankbar, noch Musik machen zu können”

in der Zeitschrift “Schweizer Familie” 26/2023, der mein Erlebnis thematisierte, wurde ich auf die Problematik im Kontext mit Sepsis aufmerksam. Die kurze Zusammenfassung des Artikels lautete:

Wie aus dem Nichts erlitt Georg Sigrist eine Blutvergiftung. Er überlebte nur knapp. Die Folgen der Krankheit beschäftigen ihn bis heute. Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Darum wollen Fachleute schweizweit besser über Sepsis aufklären.

Das Wissen über diese Krankheit ist trotz der grossen Verbreitung und des lebensbedrohlichen Verlaufs sowohl in der Bevölkerung als auch in der Sozialmedizin nur begrenzt bekannt. Im Zuge meiner Untersuchungen zu Sepsis und Nahtoderfahrungen ist nun ein überarbeitetes Buch mit neuem Titel entstanden, das weit über meine ursprünglich private therapeutische Absicht hinaus geht. Die Erlebnisse sind die gleichen geblieben, doch meine Sicht und das Verständnis hat sich mit dem zeitlichen Abstand verändert und ist realer geworden. Wie ich im Titel des ersten Buchs aufgefordert wurde, bin ich zwar wieder zurück gekommen, doch der lange Weg aus den Langzeitfolgen ist beschwerlich.

Das Buch enthält zahlreiche kurze Erzählungen aus meinem Leben, welche nicht nur Erlebnisberichte mit persönlichen Gedanken und auflockernden Bemerkungen sind. Sie sollen den Leser oder die Leserin dazu motivieren, meine Ergebnisse auf ihre eigenen Erlebnisse zu adaptieren und einen Anstoss geben, vergleichbare Begebenheiten und scheinbar ausweglose Situationen eigenverantwortlich zu meistern. Ich habe selber erfahren, wie sich der Gesundheitszustand von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, dramatisch verändern kann, wenn wegen der allgemein ungenügenden Kenntnis über die Krankheit nicht rechtzeitig eine geeignete Behandlung erfolg. Auch die Problematik von Spätfolgen nach dem Spitalaustritt war zu wenig bekannt. Erst die sehr belastenden Befindlichkeitsstörungen, die mein tägliches Leben beeinträchtigten, zwangen mich etwas dagegen zu unternehmen und die Therapien selber zu organisieren.

Daher beabsichtige ich, neben meiner persönlichen Aufarbeitung, durch die Veröffentlichung des überarbeiteten Buches:

einen bescheidenen Beitrag dazu zu leisten, die Wichtigkeit der Früherkennung und adäquaten Behandlung sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch in der Bevölkerung bewusster zu machen

darzustellen, dass nicht erst bei Einlieferung auf die Intensivstation höchste Gefahrenstufe besteht, sondern dass bereits bei Verdacht auf eine Sepsis jede Minute zählt.

auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer nachfolgenden Betreuung hinsichtlich der Langzeitfolgen hinzuweisen und den Vorurteilen gegenüber einer zusätzlichen psychologischen Therapie entgegenzuwirken

aufzuzeigen, dass Langzeitfolgen auch unabhängig von einen Aufenthalt auf der Intensivstation auftreten können

darauf hinzuweisen, dass Erfahrungen nahe am Tod auch ohne theatralisches Erlebnis tiefgreifende Auswirkungen haben können.

1 USZ Universitäts Spital Zürich: https://www.usz.ch/krankheit/sepsis/

2 Universitäts Klinikum Jena, Mitteldeutsche Sepsis Kohorte: https://www.uniklinikumjena.de/msc/Sepsis/Folgeerkrankungen.html

3 Sepsis Stiftung: https://sepsisstiftung.de/ueberuns/

4 Welt-Sepsis-Tag 2024: https://Welt-Sepsis-Tag2024.de

5 Schweizerischer Nationaler Aktionsplan gegen Sepsis September 2022: https://www.sgissmi.ch/files/Dateiverwaltung/de/news/2022/0092410-Broschure-A4-Swiss-Sepsis-Action-Plan-D.pdf

1. Krankheit

Grippe

Rita geht jeden Mittwoch in die Kirchenchorprobe. Vor ihrer Abfahrt teilte ich ihr mit, dass ich mich unwohl fühle und erschöpft bin. Vielleicht bin ich schon im Bett, wenn sie wieder nach Hause kommt. Kurz darauf fühlte ich mich unwohl und musste mich übergeben. Ich legte für Rita einen Zettel auf die Treppe:

"Mir ist übel. Ich bin schon im Bett."

Lange konnte ich aber nicht im Bett bleiben, denn bald wurde es mir wieder übel. Ich beugte mich über die Toilette im Badezimmer. Es gelang mir aber trotz ständigem grossen Brechreiz nicht zu erbrechen. Ich wurde langsam müde und wollte mich auf einen Schemel setzen, den unsere Grosskinder am Lavabo benutzten. Diesen habe ich verfehlt, plumpste unsanft auf den Boden und kippte auf den Rücken.

"Oh, was ist denn da los", dachte ich. "Ich werde ja richtig krank."

Ich wollte wieder aufsitzen, was mir aber nicht gelang. So versuchte ich mich auf die Seite zu legen, mit den Armen abzustützen oder am Badewannenrand hochzuziehen. Nichts ging. Ich hatte plötzlich keine Kraft mehr. Dabei glitt ein Badetuch vom Badewannenrand herunter. Das wurschtelte ich unter meinen Kopf, blieb auf dem Boden liegen und ruhte mich aus. Zumindest hat sich der starke Würgereiz gelegt.

Scheinbar war mein Wahrnehmungsvermögen etwas gestört. Unter normalen Umständen hätte mich das sofort beunruhigt und aufgeschreckt. So etwas habe ich noch nie erlebt! Aber ich dachte nur:

"Das wird nicht so schlimm sein und geht sicher bald wieder vorbei."

So bald ging das aber nicht vorbei. Immer wieder versuchte ich aufzusitzen.

"Ich darf nicht liegen bleiben, denn wenn mich Rita hier findet, bietet sie wenn möglich noch den Nottransport auf. Das wäre wegen einer leichten Magenverstimmung doch etwas übertrieben."

Erst nach zahlreichen Versuchen gelang es mir schliesslich, mich mühevoll am Waschbecken hochzuziehen. Nach kurzem Ausruhen auf dem Schemel schleppte ich mich wieder ins Bett.

Das Fieberthermometer zeigte 40 °C und ich bekam immer wieder Schüttelfrost, wie bei einer starken Grippe. Ich war als Erwachsener selten krank, höchstens einmal kurz über das Wochenende. Dann legte ich mich jeweils mit einer Vitamin-C-Brausetablette ins Bett, schlief fast die ganze Zeit und schwitzte die Grippe hinaus.

"So wird es auch heute sein", dachte ich.

Als Rita nach der Probe nach Hause kam, gab sie mir einen fiebersenkenden Tee. Dann schlief ich ein. Aber das dauerte nicht lange. Plötzlich überfiel mich ein ungeheuerlicher Schüttelfrost. "Ungeheuerlich" ist allerdings sehr milde ausgedrückt. Das ganze Bett zitterte. Rita konnte auch nicht mehr schlafen und hatte Bedenken, dass das Bett, das ich vor unserer Hochzeit selbst zimmerte, kaputt ginge. Das dauerte die ganze Nacht ohne Unterbrechung bis etwa 6 Uhr morgens.

Ich dachte: "Jetzt hat mich doch einmal eine ernsthafte Grippe erwischt." In dieser Zeit litten nämlich viele Leute an einer starken Grippe.

"Das nächste Jahr werde ich mich sicher impfen lassen." Ich war ganz erschöpft.

Den ganzen Donnerstag hatte ich hohes Fieber und starke Schmerzen vom Nacken über beide Schultern.

"Das kommt natürlich vom ausserordentlichen Zittern in der Nacht" sagte ich mir.

Rita gab mir Tee und Schmerztabletten. Ich blieb den ganzen Tag im Bett. Erst am Abend liessen die Schmerzen nach und ich konnte ermüdet einschlafen.

Am Freitagmorgen war ich ziemlich ausgeruht. Ich fühlte mich fit und dachte:

"Na also, ich hab's ja gewusst: Jetzt ist alles wieder vorbei."

Rita musste dieses Wochenende ins Wallis fahren, weil in unsere Ferienwohnung neue Gäste kamen.

Eigentlich wollte sie wegen meiner Grippe mit der Strassenbahn zum Bahnhof fahren. Ich sagte ihr, mir gehe es wieder gut, ich bringe sie mit dem Auto hin.

Doch schon am Nachmittag fing es wieder von vorne an: Hohes Fieber und Schmerzen, allerdings wurde alles exponentiell6 schlimmer. Ich schlürfte ständig heissen Tee mit Schmerztabletten. Im Bett konnte ich nicht liegen, weil in jeder Stellung die Schultern schmerzten. Am besten war es für kurze Zeit halb schräg im Fernsehsessel. Am Samstagnachmittag rief mich Rita endlich an. Ich sagte ihr, ich könne sie nicht abholen, sie müsse sich beeilen, mir gehe es sehr schlecht. Ich fühlte mich hilflos. Sobald sie zu Hause ankam, setzte sie sich umgehend mit dem Notarzt in Verbindung. Es war ja Samstag, da darf man nicht krank sein, weil die Ärzte frei haben. Der Arzt am Telefon diagnostizierte: Das ist eindeutig die schwere Grippe, die zurzeit im Umlauf ist. Sie würde das schon richtig machen, wenn sie mir heisse Suppe, Tee und fiebersenkende Mittel gäbe.

Wenn es dann noch schlimmer wird und ich sterben wolle, müsse sie eben im Spital anrufen. So hat es mir Rita später erzählt.

Irgendwie ging der Sonntag vorbei und am Montag früh fuhr mich Rita sofort zu unserem Hausarzt. Die gemessenen Blutwerte seien so hoch, er könne sie nicht interpretieren. Er müsse die Proben ins Labor schicken. Zweifelte er vielleicht an der Richtigkeit seiner etwas älteren Geräte? Er war ein guter, beliebter Arzt und hatte schon vielen Patienten als Notfallarzt und praktischer Arzt kompetent und sicher geholfen. Ich kannte ihn seit Langem und hatte grosses Vertrauen in ihn. Allerdings war er auch nicht mehr der Jüngste und schon einige Zeit schien es, dass er selber einen guten Arzt nötig hätte. Er sagte, ich solle am Mittwoch nochmals anrufen.

"Dann schauen wir weiter."

Die folgende Nacht war nicht zum Aushalten. Ich hatte am ganzen Körper Schmerzen und torkelte im Wohnzimmer herum oder lag gekrümmt im TVSessel. Von Schlafen war keine Rede. Am Dienstagmorgen, also eine Woche nach der heftigen Schüttelfrostattacke, rief Rita wieder in der Arztpraxis an. Die Arztgehilfin sagte, der Doktor sei krank ...

Na, das ist ja toll. Zuerst im Wochenende und dann krank!

… Sie habe aber die Notlage erkannt und den Laborauftrag als Express auf heute Morgen verlangt. Meine Unterlagen schicke sie sogleich der Arztvertretung, wir sollen sofort zu ihm fahren. Kaum waren wir in seinem Sprechzimmer, kam der Arzt etwas bleich, wie Rita nachträglich meinte und sagte ihr ohne irgendeine Frage zu stellen:

"Ich habe die Unterlagen angeschaut. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder fahren sie ihren Mann sofort ins nächste Spital oder ich biete gleich den Nottransport auf."

Sepsis

Rita fuhr mich sofort ins Spital, wo sie selber schon zwei mal erfolgreich wegen Darmproblemen behandelt wurde. Also, nicht gerade sofort. Ich musste ja noch Zahnbürstli und Pyjama zu Hause holen.

Kaum hatten wir uns auf der Notfallstation angemeldet, wurde ich in Empfang genommen. Ich konnte mich nicht einmal im Warteraum hinsetzen, wo andere Patienten bereits warteten. Der Arzt habe alle Unterlagen schon zugestellt. Es folgten Blutproben, Spitalhemd, Blasenkatheter, Spitalbett, Infusion, Inhalieren, Ultraschall, Untersuchungen, Ärzte, Spitalzimmer und schon wieder Blutprobe. Ich weiss nicht mehr, was wirklich geschah. Mir erschien alles wie durch einen Nebel. Ich wurde von einem Untersuchungsraum zum anderen gefahren. Immer wieder kam jemand und sagte, dieser Arzt oder jenes Untersuchungsgerät sei gerade frei, ich müsse sofort dorthin. Es eilte immer. Mit dem ganzen Bett wie die Feuerwehr auf der Autobahn "Achtung, Entschuldigung, bitte Platz!" durch die Gänge, Lift runter, irgendwo unter eine Maschine, Untersuchung durch einen Arzt, Lift hinauf, wieder "Achtung, Entschuldigung" ins Zimmer, Arztbesuch, Infusion, Inhalieren. Ich weiss nicht mehr, wie lange dies dauerte, was vorher oder nachher geschah. Ich habe nicht nur das Wahrnehmungsvermögen, sondern auch das Zeitgefühl vollständig verloren.

Erstaunlicherweise liess ich alles über mich ergehen. Aus heutiger Sicht scheint mir das fast unwirklich und wie in einem Traum, denn ich hatte seit je eine grosse Animosität gegenüber Spitälern. Für jeden Besuch bei meiner Frau oder einem Bekannten im Spital musste ich mich jeweils extrem überwinden und mich zuerst vor dem Spitaleingang hinsetzen und sammeln. Jetzt war ich aber zum ersten Mal selber als Patient im Spital und hätte mich eigentlich aufregen müssen, denn wenn man im Spital ist, ist man gewiss auch schwer krank. Aber ich fühlte mich von Anfang an gut aufgehoben und habe mir keine Sorgen gemacht. Sicher war mir klar, jetzt bin ich auch einmal krank, ich war ja sonst nie richtig krank. Ich wusste zwar nicht, wieso und warum, aber alle Pflegenden waren so fürsorglich zu mir. Ich dachte, die bekommen mich schon wieder auf die Beine.

Einmal hiess es, das MRI sei frei, ich müsse sofort dort hin. Man werde meinen ganzen Körper nach einer möglichen Ursache absuchen. Ursache für was? Was ist überhaupt MRI? Magnetic Resonance Imaging oder zu deutsch MRT Magnetresonanztomographie,7 habe ich später gelesen. Ich hatte allerdings keine Ahnung, was mich da erwartet und wurde einfach auf einer Pritsche angeschnallt und sanft in eine weisse Röhre geschoben. Die beengten Verhältnisse wirkten sehr unangenehm. Die Assistentin sagte etwas und es begann ein Rauschen und Klopfen, als ob ein Güterzug mit viereckigen Rädern über mich donnerte. Der scheinbar nicht enden wollende Lärm wirkte für mich mit der Zeit äusserst gefährlich. Ich kam mir alleine, verlassen und gefangen vor. Der Güterzug wollte nicht aufhören. Es dauerte eine Ewigkeit.

"Die sind sicher schon alle in den Feierabend gegangen und haben mich vergessen!"

Ich hatte zuvor nie Platzangst, doch dieser Gedanke bewirkte, dass ich plötzlich total ausgeflippt bin. Das ganze Gehirn wurde nur in eine Richtung fo­kussiert. Ich hatte keine Kontrolle über irgendwelche gewollte Handlung. Nur schnell raus und weg von hier! Ich konnte mich allerdings in dem engen Korsett nicht bewegen. Meine Hand hat selbstständig die Alarmglocke, welche die Assistentin mir vorher in die Hand gelegt hatte, so fest zusammengedrückt, wie es nur ging und nicht mehr losgelassen, auch nicht, nach dem ich sofort aus der Röhre geholt wurde. Die Assistentin erzählte mir später, ich sei ruckartig aufgesessen, zitterte und schluchzte herzzerreissend wie ein kleiner Junge und habe immerzu gesagt:

"Das bin ich nicht. Das bin ich nicht. Ich kann es nicht mehr abstellen."

Die Assistentinnen wussten sich nicht zu helfen und liessen die Stationsärztin kommen. Irgendwann habe ich mich wieder beruhigt und die Alarmglocke widerwillig aus der Hand gegeben. Im Spitalzimmer schwor ich:

"In diese Röhre bringen mich keine zehn Pferde mehr!!!"

Pferde gab es keine im Spital, aber viele liebe Krankenpflegerinnen, die mir sagten, es wäre wichtig, wenn ich nochmals in die Röhre könnte. Die Stationsärztin versuchte mich zu überzeugen. Ich stehe am Anfang einer schweren Sepsis...

Oh, was ist denn das? Das tönt aber gefährlich!

...Um die mögliche Ursache herauszufinden sei die Untersuchung im MRI für mich und für das Team sehr wichtig, da die Ärzte nirgends eine Verletzung fänden, die als Ursache in Frage käme. Man müsse sie noch mit einem Kontrastmittel zu Ende führen. Sie wollte mich damit beruhigen, dass dies nur noch halb so lange gehe, wie vorher.

Eine halbe Ewigkeit ist aber immer noch eine Ewigkeit!

Nach langem Zureden willigte ich schliesslich ein und habe es bis zum Schluss verbissen durchgestanden! Eine Stunde Achtungsstellung im Militär wäre ein Klacks dagegen gewesen. Ich war richtig stolz auf mich selbst. Aber kaum war ich ausserhalb der Röhre, wo mich die freundliche Assistentin aufmunternd anlächelte, als ob sie sagen wollte “na also, war ja nicht so schlimm”, fing ich erneut an zu weinen und konnte es wieder nicht abstellen.

Ich sass schluchzend auf einem Stuhl und diesmal musste mich eine Krankenpflegerin von der Station abholen. Es war mir, als ob meine Mutter mir entgegenkäme, um den kleinen Jungen zu trösten. Nicht dass sie meiner Mutter ähnlich war, die schon vor mehr als 10 Jahren verstorben war. Es war einfach dieses Gefühl. Sie sagte aber kein Wort, stellte sich neben mich, legte ihre Hand auf meine rechte Schulter und wartete und wartete wartete, bis ich mich beruhigte und endlich aufhörte zu schluchzen.

Dann sagte sie nur: "Gehen wir?"

Ich nickte und legte mich wieder aufs Bett. Sie fuhr mich in den dritten Stock. Vor meinem Zimmer sass mein zweitältester Sohn auf einem Stuhl und schaute mir mit grossen Augen entgegen. Als ich ihn sah, begann ich gleich wieder zu weinen. Er erschrak noch mehr und machte noch grössere Augen, die ich nicht mehr vergessen werde. Er hatte mich noch nie weinen sehen und befürchtete wohl das Schlimmste. Nachdem ich im Zimmer wieder ansprechbar war, redete er mir Mut zu. Es komme sicher alles wieder gut. Ich erwiderte, um auch ihm Mut zu machen ganz optimistisch:

"Keine Angst, ich gehe noch nicht. Ich habe mich oben noch nicht angemeldet."

Es gab ständig Untersuchungen durch verschiedene Ärzte, auch das Unispital wurde zur Hilfe beigezogen. Ich hatte laufend Infusionen, musste Sauerstoff inhalieren, Tabletten einnehmen, für jedes Glas Wasser ein 'Strichli' machen und immer wieder wurde das Blut kontrolliert. Ich fragte einmal die Krankenpflegerin, ob sie auch Ersatz habe, wenn sie mir alles abgezapft habe. Dann klärte mich die Stationsärztin endlich auf:

Mein Blut im ganzen Körper sei mit Coli-Bakterien übersät. Zudem habe ich im Nacken drei Fingernagel grosse Abszesse, die mein Abwehrsystem schon für sich alleine richtig in Trab halten. Da sei es nicht verwunderlich, dass sich die Coli rasant vermehren konnten. Woher die Bakterien allerdings in so aggressiver Form kommen, könne man sich noch nicht erklären. Jetzt wird vorrangig untersucht, ob das gefundene Antibiotika die Bakterien effizient bekämpfen kann und für meinen Körper trotzdem verträglich sei.

Immer wieder kamen Ärzte und plauderten mit mir über irgend welche Nebensächlichkeiten. Am Wochenende nahm sich ein Stationsarzt eine halbe Stunde Zeit für mich. Er setzte sich zu mir und wir sprachen ruhig über "Gott und die Welt", nur nicht über meine Krankheit. Ich dachte, dass ich dem Personal einfach sympathisch sei und sie mich ein wenig aufmuntern wollten. Heute ist mir bewusst, das Ärzteteam wollte mehrmals täglich nicht nur meinen Gesundheitszustand, sondern auch meine geistige Verfassung beurteilen, um mich wenn nötig sofort intensivmedizinisch zu behandeln. Sie haben mich lange nicht über meine Krankheit aufgeklärt, denn wenn ich meinen wahren Zustand gewusst hätte, hätte ich meine Zuversicht und meinen Willen gesund zu werden verloren. Für mich war immer klar: ”Ich werde wieder gesund.”