Erlebnispädagogik und Schule - Katrin Germonprez - E-Book

Erlebnispädagogik und Schule E-Book

Katrin Germonprez

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Beschreibung

Wie können erlebnispädagogische Methoden nachhaltig in den Schulalltag integriert werden? Und wie kann die Diversität der Klassen dabei sinnvoll berücksichtigt werden? Welche Rolle übernimmt die Lehrkraft im Prozess? Wenn der Ausflug oder die Klassenreise mit Highlights wie Floßbau, Klettern und Interaktionsaufgaben vorbei ist, besteht oftmals die Frage, was davon für Unterricht und Schule bleibt. Die erfahrene Trainerin Katrin Germonprez zeigt anhand vielfältiger Übungen und Beispiele, wie die nachhaltige Integration von Erlebnissen in den schulischen Kontext gelingt. Praktische Tipps und Erfahrungsberichte geben zudem Hinweise, wie Diversität und Vielfalt erlebnispädagogisch thematisiert werden können. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf das Thema Selbstreflexion gelegt. Übungen und Hintergrundwissen helfen, die eigene Rolle als pädagogische Fachkraft zu verstehen, zu hinterfragen und sinnvoll einzusetzen.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Katrin Germonprez

Erlebnispädagogikund Schule

Vielfalt erleben

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 15 Abbildungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-90071-1

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

Umschlagabbildung: © BillionPhotos.com – Fotolia

S. 19/116: Oliver Klee, http://www.spielereader.org

S. 22/26 f./81/85 f./119–122/124: Bildungsteam Berlin-Brandenburg e. V., http://diversity.bildungsteam.de/diversity

S. 28/37/115/117/128/129 aus: Reiners, Annette: Praktische Erlebnispädagogik 2.Neue Sammlung handlungsorientierter Übungen für Seminar und Training,2. überarbeitete Auflage Augsburg 2007: ZIEL-Verlag (http://www.ziel-verlag.de/erlebnispaedagogik/praktischeerlebnispaedagogik2)

© 2018, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingenwww.vandenhoeck-ruprecht-verlage.comAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

1Erlebnispädagogik – Eine Einleitung

1.1Was ist ein Erlebnis?

1.2Theorien der Erlebnispädagogik

1.2.1Systematisierung der Erlebnispädagogik

1.2.2Erlebnispädagogik als Verfahren – Tree of Science

1.3Mit Kopf, Herz und Hand

1.4Einstiege – Wie breche ich das Eis?

1.5Wir lernen uns kennen

2Bedarfsanalyse

2.1Vom Bedarf ...

2.2... zu gemeinsamen Zielen

2.3Lernbegleiterin: Die Emotion

2.4Der Lernzyklus

3Werte und Vielfalt erleben

4Erlebnispädagogik und Schule – eine Frage der Rolle?!

4.1Grundbegriff: Sozialisation

4.2Warum Schulen?

4.3Funktionen von Schule

4.3.1Qualifizierungsfunktion

4.3.2Selektionsfunktion

4.3.3Integrationsfunktion

4.4Erlebnispädagogik und die Funktionen von Schule

4.5Eine neue LehrerIn-Rolle?

4.6Knackpunkt: Freiwilligkeit

5Aktionsphase

5.1Und wie sieht Ihr Projekt aus?

5.2Komfort- und Lernzonen

5.3Falls Ihr Thema Vielfalt ist ...

5.3.1Vorurteile und Diskriminierung – Anti-Bias-Ansatz

5.3.2Doing Pupil

5.4 Projektbeispiel – SchülerInnen-Zeitung

6Reflexion und Auswertung

6.1Die Reflexionsschleife

6.2Curriculum-Development-Modell

6.3Gruppenphasen

6.4Feedback

6.5Vielfältige Reflexionsmethoden

6.6Also Tschüss!

7Methoden, Methoden, Methoden

7.1Kennenlernen

7.2Vielfalt erleben

7.3Problemlöseaufgaben

7.4Feedback und Reflexionsmethoden

8Falls Sie noch nicht genug haben ...

8.1Lernen und Motivation

8.2Lernen ist Begriffsbildung

Literatur

1Erlebnispädagogik – Eine Einleitung

Do the best you can until you know better.

Then when you know better, do better.

Maya Angelou, http://pioneerthinking.com/do-the-best-you-can-maya-angelou, 13.6.2017

1.1Was ist ein Erlebnis?

Warum ein erlebnispädagogisches Fachbuch speziell für den Alltag in der Schule? Warum reicht es nicht »einfach«, »erlebnispädagogische Methoden« in den »Alltag« einfließen zu lassen? Schon die vielen Anführungszeichen mögen ein Hinweis darauf sein: Vielleicht ist es einfach nicht so einfach.

Keine Methode wird für sich und quasi von allein grundlegenden Einfluss auf den Prozess nehmen, der initiiert werden soll. Vielmehr muss ich, als die Person, welche die Methoden einsetzt, eine Idee und eine Vorstellung davon entwickeln, was ich erreichen möchte. Bevor ich nicht ein klares Ziel vor Augen habe, bleibt der Einsatz jeglicher Methode an der Oberfläche. Aus diesem Grund habe ich dieses Buch nicht als »Rezeptbuch« konzipiert, aus dem nur die notwendigen Zutaten entnommen werden müssen. Das ist nicht möglich. Im Gegenteil, eventuell werden Ihre Reflexionen über den Alltag in der Schule und die von mir aufgezeigten Möglichkeiten und Grenzen von Erlebnispädagogik grundlegende Veränderungen zur Folge haben. Und genau dies ist auch meine Intention. Sie halten kein Buch in den Händen, mit dem Sie »Ihre Klasse zum Funktionieren bringen werden« oder »soziale Kompetenzen mit einem Spiel fördern«. Obwohl dieses Versprechen im Rahmen von erlebnispädagogischen Programmen und Anbietern allgegenwärtig erscheint – meiner Erfahrung nach bleibt es oftmals (und zum Glück) bei diesem Versprechen.

Lassen Sie uns etwas gemeinsam versuchen: Denken Sie an die letzten Tage oder Wochen, vielleicht möchten Sie in die letzten Jahre zurückschauen. Was war ein wichtiges, einschneidendes, besonderes Erlebnis? Was haben Sie während oder durch dieses Erlebnis gelernt? Vielleicht nehmen Sie sich fünf Minuten, vielleicht eine ganze Stunde Zeit, um diese Frage zu beantworten. Das ist Ihnen überlassen, aber nehmen Sie sich die Zeit!

Was macht das Erlebnis aus, an welches Sie sich erinnert haben? War es intensiv, dramatisch, emotional? Schön? Wahrscheinlich ragte es auf irgendeine Weise aus Ihrem Alltag heraus. Es hat etwas Wesentliches in Ihrem Leben, in Ihnen verändert. Sie haben wichtige Erkenntnisse daraus abgeleitet, vielleicht Erkenntnisse, die bis heute wirken.

Sind Sie über die leere Seite gestolpert? Sehr gut. Ich habe sie frei gelassen, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, Ihre Antworten auf die Frage festzuhalten. Weil ich davon ausgehe, dass Sie eventuell entschieden haben, die Frage nicht zu beantworten. Sondern einfach weiterlesen. Fühlen Sie sich von dieser (zugegeben anmaßenden) Aussage provoziert oder löst meine Annahme Widerstand aus? Umso besser. Dann haben wir bereits den Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gelegt. Sollten Sie tatsächlich einfach weitergelesen haben, überlegen Sie, warum. Und vielleicht haben Sie ja doch noch Lust, die Frage zu beantworten.

Denn die Antworten bieten bereits grundlegende Erklärungen dafür, wie Erlebnispädagogik wirkt und wirken kann. Und wir haben uns einem wesentlichen Punkt angenähert: Was macht ein Erlebnis aus? Schott (2003) bemüht sich um eine Klärung der Begriffe Erlebnis, Erleben und Leben.

Schon bei der Klärung des Erlebnisbegriffs gewinnt man schnell den Eindruck, als zöge das Lösen eines Problems sofort ein anderes Problem nach sich, als sei der Erlebnisbegriff eine Hydra, der mit jedem abgeschlagenen Kopf sofort zwei neue nachwachsen. Insofern handelt es sich um Überlegungen, die dazu anregen sollen, sich kritisch mit dem Erlebnis und Erlebnispädagogik auseinanderzusetzen.

Schott 2003, S. 15 f.

Für Schott ist das Erlebnis eine momentane Ergriffenheit, in welcher Denken, Fühlen und Wollen eins werden. Es findet eine Auflösung der Zeit statt, und es entsteht ein hohes Maß an individueller Betroffenheit. Vergleichbar ist seine phänomenologische Analyse mit dem (psychologischen) Konzept des Flows von Csíkszentmihályi (1995). Schott entwickelt den Begriff des »Erlebnis« als einen der Grundbegriffe der Pädagogik. Er sei eng verknüpft mit Lernen, Bildung und Erziehung. Die Pädagogik bedarf des Erlebens, d. h. Lernen, Erziehung und Bildung beruhen auf Erlebensprozessen. Erleben wird in diesem Sinne häufig mit Wahrnehmung verknüpft. Lernen, Erziehung und Bildung können jedoch ohne Erlebnisse stattfinden, Erlebnis ist keine Voraussetzung. Das Potenzial des Erlebnisses ist für Schott die Aufhebung der Kluft zwischen Lerninhalt und Lernenden, zwischen Objekt und Subjekt. Lehr- und Lerninhalte werden nicht nur aufgenommen, sondern angenommen, sie werden zum Teil des Selbst, setzen sich fest, wirken. Allerdings stellt auch er fest, dass gerade wegen des Missbrauchs erlebnisbetonten Lernens während des Nationalsozialismus eine Notwendigkeit der pädagogischen Einbettung besteht. Außerdem gibt er zu bedenken, dass Erlebnisse sich nicht zwingend einstellen. Die Frage nach Rahmenbedingungen, die Erlebnisse begünstigen, ist noch zu beantworten. Es gilt,

daß man der zentralen, bildungswirksamen Eigenschaft des Erlebnisses, nämlich zur Ergriffenheit bzw. zu nachhaltigen und weitreichenden Einstellungs- und Haltungsänderungen beim Subjekt [zu] führen, den Nährboden entzieht, wenn man diese eher selten auftretende Wirksamkeit profanisiert, d. h. als tag-tägliches, permanentes pädagogisches Instrument einzusetzen versucht. […] Damit entzieht sie sich einer kontinuierlichen Einsetzbarkeit und kommt als pädagogisches Instrumentarium nur in Frage, wenn sie in einen Methodenkanon eingebunden ist.

Schott 2003, S. 278 f.

Es liegt eine große Macht darin, Lernprozesse durch Erlebnisse zu initiieren. Die Möglichkeiten von intensiven Eindrücken und das Potenzial der Veränderung – das Sie aus Ihren eigenen Erfahrungen bestätigen werden – können und sollten bewusst eingesetzt werden. Zum einen können sie dadurch noch vergrößert werden, zum anderen ist dies eine Grundvoraussetzung, um Missbrauch zu verhindern.

Eine wichtige Debatte rankt sich um die Wirksamkeit der Erlebnispädagogik und darum, welche wissenschaftlichen Untersuchungen sie nachweisen können. Ich möchte Sie einladen, mit mir auf die Suche nach der Wirksamkeit von erlebnisbasiertem Lernen zu gehen. Die zuvor gestellten Fragen sind hier der erste Schritt.

1.2Theorien der Erlebnispädagogik

Eine Beschäftigung mit Theorie und Geschichte der Erlebnispädagogik kann hilfreich dabei sein, Stolpersteine aufzudecken und Zusammenhänge besser zu verstehen. Ich habe für den theoretischen Input den sogenannten Tree of Science gewählt. Dieses der psychotherapeutischen Praxis entnommene Analyseinstrument möchte ich Ihnen an die Hand geben. Sie haben so die Möglichkeit, (meine) Argumente zu analysieren und in einen theoretischen Hintergrund einzuordnen.

Abb. 1 bietet eine konkrete, graphische Darstellung dieses Tree of Science für die Erlebnispädagogik:

Abb. 1:Tree of Science für die Erlebnispädagogik nach Baig-Schneider 2012

Ich gehe davon aus, dass eine theoretische Klärung wichtig ist, um zu verstehen, was Erlebnispädagogik ist: wann sie eingesetzt wird, welche Potenziale sie bietet, welche Grenzen zu erwarten sind. Die theoretischen Bezüge können zudem hilfreich sein, wenn im Schulalltag Fragen nach Herkunft und Legitimation auftauchen.

1.2.1Systematisierung der Erlebnispädagogik

Was genau erkennen Sie in Abbildung 2? Ist es ein Würfel? Sind es Linien? Mehrere Vierecke, Quadrate? Ein Kasten, Spielzeug, Fenster, Salzstreuer, Stein?

Abb. 2: Vexierbild

Damit ist ein wichtiger Punkt der Betrachtung eines Gegenstands – in unserem Fall der Erlebnispädagogik – angedacht. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich mich einem Gegenstand annähere, können sich unterschiedliche oder sogar widersprüchliche Erkenntnisse ergeben. Außerdem bleiben bestimmte Punkte aus einem Blickwinkel unsichtbar, jede Perspektive schafft gleichzeitig blinde Flecken, wenn sie etwas anderes in den Blick nimmt. Durch Kontraste und Widersprüche können Unterschiede und Abgrenzungen klarer hervorgehoben werden. Stellen Sie doch einmal die Frage nach dem Erlebnis in Ihrem Umfeld an FreundInnen, Familie, KollegInnen. Ich nehme an, Sie entdecken so eine wunderbare Vielfalt von Erlebnisgeschichten und Erkenntnissen!

Im Fall der Erlebnispädagogik kommt es immer wieder zu einer Vermischung der wissenschaftlichen Rahmen und »Brillen«. Ich möchte bezugnehmend auf Baig-Schneider den analytischen Blick am oben vorgestellten »Tree of Science« orientieren.

Tipp zum Weiterlesen

Baig-Schneider, Rainald: Die moderne Erlebnispädagogik: Geschichte, Merkmale und Methodik eines pädagogischen Gegenkonzepts. Augsburg 2012

1.2.2Erlebnispädagogik als Verfahren – Tree of Science

Als Verfahren bezeichnet Baig-Schneider einen »stringenten Handlungsansatz mit einem speziellen Theorie-Praxis-Verhältnis« (Baig-Schneider 2012, S. 24). Dabei können Methodik, Philosophie und Theorie aus verschiedenen Bereichen entlehnt und zu einem funktionalen Ganzen geformt werden. Petzold (2004) entwickelte zur Systematisierung der psychotherapeutischen Praxis – welche ebenso als Verfahren gesehen werden kann – den sogenannten Tree of Science. Dieser soll ein »formales Gerüst« bieten, aktuelle Bestandsaufnahme sein und gleichzeitig die Oberfläche und Tiefenstruktur einer systematischen Praxis offenlegen.

In jeder Form »systematischer Praxis« finden sich über die expliziten theoretischen Konzeptualisierungen der Praktiker hinaus implizite Theorien, finden sich Aussagen über Erkenntnistheorie, über das Menschenbild, finden sich ethische Implikationen, gesellschaftspolitische Visionen, lassen sich die Umrisse einer Persönlichkeitstheorie und diagnostische Folien erkennen. Es ist daher sinnvoll, implizite Theorien explizit zu machen und in der Reflexion des Theorie-Praxis-Verhältnisses deutlich werden zu lassen, dass aus ihnen die Ziele und Inhalte kommen, die durch Methoden und Techniken, Medien, Stile und Formen in der Praxis angestrebt werden sollen.

Petzold, zit. nach Baig-Schneider 2012, S. 208

Ergänzend eine kurze Zusammenfassung zu den Bezugswissenschaften der Erlebnispädagogik.

Abb. 3: Überblick über die Bezugswissenschaften der Erlebnispädagogik (nach Gill 2005, S. 18)

Als theoretische Grundlage soll dieser Einblick zunächst reichen. Er kann helfen, im Weiteren meine Bezüge zu den verschiedenen wissenschaftlichen Hintergründen verständlich zu machen. Warum ziehe ich beispielsweise Erklärungen aus der kritischen Psychologie oder Schulsoziologie heran? Weil sie Teile eines Erklärungsmodells dafür sind, was das Verfahren »Erlebnispädagogik« ausmacht.

1.3Mit Kopf, Herz und Hand

Eins der Prinzipien der Erlebnispädagogik ist das Lernen mit »Kopf, Herz und Hand«. Kompetenzen werden demnach auf drei verschiedenen Ebenen erworben: Wissen, Haltung und Fähigkeiten. An diesen Prinzipien entlang ist auch dieses Handbuch entstanden. In meinem beruflichen Werdegang waren es vor allem (mal wieder) die persönlichen Erlebnisse und anschließenden Reflexionen, die einen besonderen Einfluss auf mein Denken hatten. In Konsequenz hat sich mein pädagogisches Handeln in den letzten Jahren vielfach verändert und gewandelt. Genau diesen Prozessen, als intensiven Lernprozessen, sollte Offenheit entgegengebracht werden. Mich an den Prinzipien Kopf, Herz und Hand in diesem Buch zu orientieren, ist natürlich auf den verschiedenen Ebenen unterschiedlich leicht oder schwer zu verwirklichen. Denn meist setzen Bücher und Texte auf der Ebene des Kopfes an. Die Beschäftigung mit den Fragen nach demokratisch legitimierten Lernprozessen soll versuchen, den Bereich der persönlichen Haltung zu berühren. Ich gehe davon aus, dass ein Ausprobieren und Einsetzen des Gelernten zu einer Erweiterung Ihrer Fähigkeiten führen wird. Ich werde außerdem Übungen vorschlagen, mit denen Fähigkeiten weiter entwickelt werden können. Und kann Ihnen nur ans Herz legen, selbst an aktiven Fortbildungen und Trainings teilzunehmen. Diese Perspektive bleibt unersetzlich in der alltäglichen Arbeit »auf der anderen Seite«. Eine andere Möglichkeit, Ihre Fähigkeiten zu erweitern: Suchen Sie sich eine kleine Gruppe, lesen Sie dieses Buch gemeinsam. Einige Übungen sind sehr gut in der Gruppe durchführbar. (Sollten Sie sich dafür entscheiden, dass Buch gemeinsam mit anderen zu lesen, haben Sie den Vorteil, dass Sie im Leseprozess vielfache Perspektiven und Positionen, Widersprüche, Konflikte entdecken können. Das gemeinsame Erleben, anschließendes Reflektieren und Aushandeln ist wesentlicher Bestandteil erlebnispädagogischen Arbeitens.) Wie bereits angedeutet, habe ich die Struktur dieses Buchs an das Prinzip der Erlebnispädagogik – mit Kopf, Herz und Hand – angelehnt. Es werden also Übungen folgen, diese werden theoretisch eingebettet werden. Und im besten Fall Ihre Haltungen berühren. Um diesen Prozess zu begleiten, möchte ich Ihnen das Anlegen eines Lerntagebuchs vorschlagen. Es ist eine Möglichkeit, Ihren eigenen Lernprozess zu begleiten, zu dokumentieren, zu reflektieren.

Name der Übung: Mein Lerntagebuch

Warum ein Lerntagebuch?

Durch die regelmäßige Nachbearbeitung und Reflexion des Gelernten kommt es zu dessen tieferem Verständnis. Außerdem geht es um die Auswahl der Aspekte, die subjektiv als besonders bedeutsam, interessant oder neuartig empfunden werden. Es findet eine Förderung des Bewusstseins für den eigenen Lernprozess und gleichzeitig eine Überwachung des eigenen Verstehens statt: Welche Zusammenhänge habe ich verstanden, welche sind mir nicht klar geworden? Die kontinuierliche Dokumentation und Reflexion der Lernerfahrungen führt zu einem besseren Verständnis des eigenen Arbeitsverhaltens und auf diese Weise zur Entwicklung individueller Lern- und Arbeitsstrategien. Das Verfassen eines Lerntagebuchs ist gleichzeitig eine solche Lern- und Arbeitsstrategie. Die »Verschriftlichung« der eigenen Gedanken kann insbesondere helfen, eigene Ideen zu generieren und zu entwickeln. Die Erstellung des Lerntagebuchs ist daher als das Einüben einer Technik aktiven, selbstgesteuerten Lernens zu sehen.

Wie sieht das Lerntagebuch aus?

Ich empfehle Ihnen, beispielsweise ein Schulheft oder leeres Buch anzuschaffen. Wichtig ist, dass Sie ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie sehr sie mit dem Aufschreiben von Gedanken, Gefühlen, Lernprozessen etc. vertraut sind. Ein dickes Buch mit vielen leeren Seiten kann bereits der Grund sein, überhaupt nicht erst einzusteigen, wenn es das erste Mal für Sie ist!

Weitere Tipps:

•Versuchen Sie, ganze Sätze zu formulieren.

•Alles, was Ihnen in den Sinn kommt, hat eine Berechtigung, aufgeschrieben zu werden. Halten Sie sich nicht an Regeln. Vor allem nicht an meine. Und seien Sie ehrlich zu sich selbst.

•Seien Sie kritisch mit sich selbst (und mit mir).

•Nutzen Sie jede Gelegenheit, Ihre Kompetenzen zu erweitern.

Es ist empfehlenswert, das Lerntagebuch um bestimmte Leitfragen herum zu organisieren, mit denen Sie die Reflexion strukturieren können. Ich werde Ihnen immer wieder Reflexionsfragen anbieten. Wählen Sie, ob diese für Sie passend erscheinen. Oder entwerfen Sie selbst Fragen, an denen Sie sich orientieren möchten.

Hier ein paar Vorschläge für übergreifende Fragenkomplexe (zitiert nach: http://www4.psychologie.uni-freiburg.de/einrichtungen/Paedagogische/lehre/entwickl/vlep4_5.html):

•Fallen mir Beispiele aus meiner eigenen (biografischen) Erfahrung ein, die das Gelernte illustrieren, bestätigen oder ihm widersprechen?

•Welche Aspekte des Gelernten fand ich interessant, nützlich, überzeugend – und welche nicht? Warum?

•Sind mir Bezüge und Anknüpfungspunkte zwischen einem Thema und aus anderen Kontexten bereits bekannten Theorien, Befunden oder Methoden aufgefallen?

•Welche weiterführenden Fragen wirft das Gelernte auf? Regt es mich zu Gedanken an?

•Welche Aspekte des Gelernten kann ich bei gegenwärtigen oder zukünftigen Tätigkeiten nutzen? Wie könnte eine solche Nutzung aussehen?

•Habe ich Erfahrungen oder Beobachtungen gemacht, die mir bei zukünftigen Entscheidungen/Planungen etc. nutzen können?

•Welche Fragen blieben offen? Was erschien mir unklar oder auch falsch?

Sollten Sie Übungen durchführen, die ich Ihnen vorschlage, überprüfen Sie diese konkret auf die Umsetzbarkeit in Ihrer Klasse:

•Was ist Ihnen bei der Durchführung aufgefallen?

•Was ist Ihnen leicht-/schwergefallen?

•Wo könnten Stolpersteine für die SchülerInnen liegen?

•Wie könnten sich diese beiseite räumen lassen?

•Was sind Tipps aus Ihrer eigenen Erfahrung mit der Übung?

Tipps für Ihre Klasse: