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Wir nehmen Euch mit auf eine literarische Achterbahnfahrt mit skurrilen Charakteren wie Zinki, dem Zauberer, Bibi, der Bieberbraut, dem einäugigen Marcédó oder Tarantella, der Wirtshausschlampe und Martin, der auf der Suche nach seinem Selbst ist. Fünfunddreißig unterhaltsame Reizwortgeschichten entführen Euch in die magischen Welten des Literaturzirkels "Garage 13". Einige sind zotig, manche erotisch, viele lustig und dazwischen finden sich fantasievolle, aber auch tiefgründige kleine Erzählungen.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Reizwortgeschichten
Ein Garage 13 Buch
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Entdeckung des Selbst
Der frühe Peter
Katzenklappe
Captain Shitman
Wächter
Ein Mann sieht blau
Klaus ist ein lebhafter Junge!
Ave Maria
Sie nannten ihn: „El Flutscho“
Malangamarie
Fliegende Fische
Die Welt der Reichen und Schönen
Bibob
Chinese Takeaway
Freibeuter
Ohne Titel
Summ cuique - Jedem das Seine
Anzeige
Hegemann
Zinki der Zauberer
Hängman
In einem Dorf vor unsrer Zeit
Der Glatzen-Elf-Meter
Kosakenzipfel
Freiheitsliebe
Besuch
Ein hartes Herz
Herzlich Willkommen bei helpnet!
Zurück im Leben
Pechsritter
Matteo
Von der Qualle, die hinfiel und Fürchten lehrte
Men´s World
Giacometti
Badefreuden
Santa K
Erlebnisschaumbad - Reizwortgeschichten
Copyright 2018, Joka Lion, Anna Reeling, Albert M. Eisenhardt, Marc Keystone, Ray Le Baz
Das Copyright der Texte liegt bei den Autoren.
Dieses E-Book ist ein Gemeinschaftswerk des Schreibzirkels “Garage 13“. Schreiben aus Lust und Laune, wie und wo man will, über Themen, die bewegen, erheitern oder in die tiefsten Tiefen menschlicher Erfahrung blicken lassen. Diese Gemeinsamkeit hat uns fünf junge Autoren Anfang 2017 in Hamburg in der Garage 13 zusammengeführt, nachdem wir uns im Herbst 2016 bei einem literarischen Textprojekt des wunderbaren Schreiblehrers und Autors Dr. Thomas Piesbergen begegneten.
Um die vielen Anregungen aus dem Kurs regelmäßig anzuwenden und so das Handwerk des Schreibens kontinuierlich zu üben, haben wir auf der Suche nach Inspiration am Ende jeden Treffens willkürliche Worte genannt, jeder eins, um einen Reiz für neue Geschichten zu setzen. Reizworte. Bis zum nächsten Treffen hat jeder aus diesen Worten eine kurze Geschichte gezaubert, die wir uns dann vorgelesen haben.
Wie verschieden die Assoziationen, wie unterschiedlich die Figuren und Settings sind, die daraus entspringen! Und plötzlich wurden unsere individuellen Schreibstile sichtbar. Die vielbeschriebene Suche nach der eigenen Sprache wurde zum Spiel, während wir über die Zeit Variationen entwickelten, etwa durch Hinzufügen von Genres. Und ganz nebenbei haben wir das perfekte Mittel gegen jede Art von Schreibblockade entwickelt: Denk dir drei Worte aus, setz’ dich hin und fang an.
In diesem E-Book sind einige dieser Geschichten zusammengetragen. Die wenigsten sind harmlos, einige zotig, manche erotisch, viele sind lustig und dazwischen finden sich skurrile, aber auch tiefgründige kleine Erzählungen.
Zum Schreiben gehört das Veröffentlichen. Und so üben wir auch diesen Teil des kreativen Schaffens. Lasst Euch von den Namen nicht irreführen. Wir sind Künstler. In diesem Sinne wünschen wir Euch kurzweilige und unterhaltsame Augenblicke.
Anne, Anna, Gerhard, Thomas und Roman
von Anna Reeling
„Guten Tag und herzlich willkommen zu unserem heutigen Workshop ‘Einfach mal sagen, was man denkt - Neue Wege der Charakterbildung‘. Ich heiße Martin und werde in den kommenden Stunden gemeinsam mit Ihnen daran arbeiten, all die angestaute, unterdrückte Wut auf ihre Mitbürger, mit der Sie sich möglicherweise durch den Alltag schleppen, zu entfesseln und zielgerichtet auf eine andere Person zu fokussieren. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind und schlage vor, dass wir erst einmal eine kleine Vorstellungsrunde machen, damit wir uns alle ein wenig besser kennenlernen können. Wer möchte anfangen? Vielleicht gleich der Sitzriese hier vorn mit dem fleischigen Gesicht und dem ungepflegten Schnurrbart? Wie heißen Sie, mein Freund?“
Ich hatte gleich gewusst, dass dieser Workshop das hinterletzte sein würde, und meine Vermutung bestätigte sich in dem Moment, als dieser Lackaffe von Martin, der sich in den vergangenen 10 Minuten als äußerst unsympathischer, arroganter Moderator dieser Veranstaltung präsentiert hatte, nun tatsächlich die Frechheit besaß, mir nach dieser infamen Beleidigung das Mikro in die Wange zu drücken und mich mit fiesen, stechenden Schweinchenaugen anblinzelte. Von nahem konnte ich ganz deutlich sein aufgesetztes Grinsen betrachten, das sich durch die angestrengt zuckenden Mundwinkel verriet, und die Schweißperlen zählen, die aus allen Poren seines stark geschminkten Gesichts drangen.
„Thorsten“, muffelte ich ins Mikro, fest entschlossen, dem Affen keinen Zucker zu geben, indem ich mich von ihm provozieren ließ, denn ganz eindeutig war das seine Masche. Nein. Ich würde ruhig und gelassen bleiben, so wie immer. Auch wenn meine Frau auf genau diese Eigenschaft angespielt hatte, als sie mir zum Geburtstag die Teilnahme an diesem lächerlichen Seminar geschenkt hatte. Ich spürte bereits, wie ich wieder Kopfschmerzen bekam, wie so oft in letzter Zeit.
„Thorsten“, äffte mich Martin nach und schaute effekthaschend in die Runde. Die anderen Mitglieder des Kurses schauten betreten zu Boden und man konnte die Erleichterung geradezu greifen, die von Ihnen allen ausging, weil er sich mich, und nicht sie, als erstes Opfer ausgesucht hatte. „Nun, Thorsten“, der Lackaffe beugte sich zu mir runter. „Was hat Sie hergeführt? Magengeschwüre? Bluthochdruck? Wann haben Sie für sich entdeckt, dass das Schweigen und Schlucken von gesellschaftlich verpöhnten Erwiderungen sie krank macht?“
„Nun, Martin“, ich legte eine Kunstpause ein und taxierte ihn mit meinem Blick. „Um ehrlich zu sein, war es gar nicht meine Idee, hierher zu kommen. Ich glaub nicht so recht an diesen esoterischen Schnickschnack von wegen ‘emotionaler Ballast wirkt sich auf den Körper aus‘. Aber meine Frau hielt es wohl für angebracht, mich hier anzumelden.“
Das starre Lächeln von Martin verrutsche kurz für einige Millimeter, dann fing er sich wieder und lachte künstlich in sein Mikro. „Hahaha, nun, das war doch wenigstens ehrlich. Wir haben hier immer mal wieder einen Zaungast in den Workshops und ich bin mir ganz sicher, dass auch du, Thorsten, das ein oder andere wirst mitnehmen können.“ Er schluckte schwer. „Machen wir weiter. Wie wäre es mit Ihnen? Ja, die Dame mit der Dauerwelle, die aussieht wie ein Wattestäbchen?“
Das Wattestäbchen riss die Augen auf, stammelte ein paar erschrockene Laute vor sich hin und brach dann in Tränen aus.
„Leute, Leute“, Martin war es nun sichtlich unwohl in seiner Haut. „Versteht ihr denn nicht? Wenn ich euch dumm komme, ist das doch eure Chance, zu üben, das erste zu sagen, was euch in den Sinn kommt. Vergesst mal eure zarten Seelchen, eure Verletzlichkeiten und moralischen Grundeinstellungen. Lasst euren Gedanken freien Lauf und sprecht sie aus!“ Der Lackaffe hatte seine Faust in die Luft gereckt und die letzten Worte einzelnd und marktschreierisch in den Raum gerufen.
„Wissen Sie was, Martin?“ Die Gruppe schaute erschrocken auf, als ich mich erhob und auf den Lackaffen zuging. Ich weiß nicht, wer erstaunter war. Der aufgesetzte Moderator, oder ich, doch nun hatte ich begonnen zu sprechen und ein Teil von mir wappnete sich dafür, niemals wieder mit dem Sprechen aufzuhören.
„Ich frage mich ganz ehrlich, auf welchem Jahrmarkt Sie ihr Diplom geschossen haben. Was ist das hier denn für ne Kack-Veranstaltung. Glauben Sie etwa, sie helfen der armen Frau, indem Sie ihr sagen, was sie vermutlich schon immer befürchtet hat? Na und? Dann sieht sie halt aus wie ein Wattestäbchen, da kann sie doch nix für. Vielleicht sollten Sie mal tief in sich gehen und in ihrer verdorbenen, verkorksten Seele nach einem Funken Empathie suchen, denn das ist es doch, was in unserer Gesellschaft fehlt! Nicht der Mut, sich Gemeinheiten an den Kopf zu schleudern, sondern sich in den anderen hineinzuversetzen und nach Mitgefühl zu suchen. Herrgott, wie Sie mir auf die Nerven gehen mit ihrem aufgesetzten Getue. Ihr starres Lächeln können Sie sich von mir aus sonstwo hinschieben, das macht ihre Beleidigungen nicht weniger schmerzhaft.“ Ich holte tief Luft. „Ich glaube nicht, dass ich von Ihnen irgendetwas lernen kann. Guten Tag“
Mit zitternden Beinen drehte ich mich um und verließ unter verhaltenem Gemurmel und vereinzeltem Applaus den Raum. Der Lackaffe war rot geworden wie Klatschmohn und stand wie vom Donner gerührt zwischen den Teilnehmern. Dämlicher Fatzke. Was für eine Zeitverschwendung dieses Seminar gewesen war. Lustigerweise waren meine Kopfschmerzen schlagartig verschwunden, als ich einen Fuß ins Freie setzte.
Reizworte: Charakterbildung, Wattestäbchen, Sitzriese, Schnick Schnack, Zaungast
von Joka Lion
Der schlanke Peter war frühreif und das in so ziemlich allem. Er war der Erste, der sich aus seiner Klasse für Mädchen interessierte und sich das Balzverhalten der Erwachsenen ganz genau abgeschaut hatte, um bei ihnen zu landen. Er war in der musikalischen Früherziehung gewesen, ja, bekam schon im Kindergarten eine Frühförderung in den Sparten Sprachen und technisches Verständnis. Seine Mutter behauptete, dass sei alles schon abzusehen gewesen, denn er war eine Frühgeburt, genau wie sein Vater und seinerzeit dessen Vater. Peter war nicht nur ein enthusiastischer Frühaufsteher, er übernahm auch früh Verantwortung für sein Leben: Mit 16 Jahren machte er - gegen den Willen der Eltern - ganz wie es seinem frühen Aufstehen zu Pass kam, eine Lehre als Bäckergeselle. So konnte Peter nach Herzenslust so früh aufstehen wie niemand anderes im Ort. Bald fand sich ein passendes Eheweib, Viktoria, die gerne mit ihm, um halb vier in der Früh, aus dem Bette sprang und mit ihm die Backstube teilte, denn Peter war frühzeitig Bäckermeister geworden. Peters Glück hätte nicht vollkommener sein können. Bis die dralle Viktoria mit den dicken Zöpfen - und das war gerade, als sie das Schmalzgebäck rollten - missmutig und mit verdrießlichem Gesichte, die Fäuste ballte und den Teig wieder zu einem rohen Klumpen formte: "Ach, mir will es heute einfach nicht gelingen!“, rief sie wütend. Viktoria lief trampelnd in die eheliche Wohnung hinauf und schlug die Türen hinter sich zu. Peter hatte nicht die geringste Ahnung, welchen Anlass die dralle Viktoria für solch eine Missstimmung haben konnte. In den nächsten Wochen der jungen Ehe, wurde es nicht besser. Im Gegenteil. Viktoria, die einst fleißig für zwei buk und Teig kneten konnte, war schlechtester Laune. Und der Peter wurde immer verzweifelter, denn er konnte den Grund dafür nicht finden. Eines Tages kam ausgerechnet der Küster in die Bäckerei, bezahlte sein Pumpernickel und fragte wie es denn mit der jungen Ehe und der Gemahlin Viktoria stehe. Peter machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. „Ach, seit wir vermählt sind, ist sie schrecklich verdrießlich und will kaum noch arbeiten! Ich weiß wirklich nicht was ihr fehlen könnte!" Der Küster legte die Stirn in Falten, wiegte den Kopf hin und her, kratze sich am Kinn und meinte: "Das kommt mir aus eurer Familie sehr bekannt vor, mein Junge. Du solltest auf ein ernstes Wort zu deinem Großvater gehen, der wird Rat wissen!" So machte der Peter es denn und vereinbarte am Sonntag in der Frühmesse, dass die Viktoria und er nachmittags zu den Großeltern zu Besuch kommen würden.
Nach höflicher Begrüßung gesellte sich die Viktoria zur Großmutter, die in der Küche am Ofen saß und an einem Schal strickte. Sie gab der Viktoria Nadeln und Wolle und bat sie üppige Fransen zu häkeln.
Im Wohnzimmer tranken der Großvater und der Peter einen Schnaps, der stets nachgegossen wurde, sobald das Glas abgestellt war. Als der Abend schon weit vorangeschritten war - die Viktoria in der Küche mit funkelnden Augen schon beim vierten Schal angelangt war und den Anekdoten der frühen Ehe der Großeltern gelauscht hatte - sagte der Großvater im Wohnzimmer: “Mein Junge, ich weiß was der Viktoria fehlt. Denn deinem Vater ging es ganz genauso, als er mit deiner Mutter früh verheiratet war. Und mir ging es ebenfalls so, als ich mit der Großmutter früh verheiratet war." Peter war neugierig geworden. "Die Männer in dieser Familie sind geborene Frühaufsteher und auch sonst verlieren sie scheinbar keine Zeit im Leben. Das ist eine Tugend! Gottlob! Doch, wie es auch mit dem Aufgehen von Sämereien so ist, manches braucht seine ZEIT! Und da ist Zeitverschwendung das beste Rezept!" Peter hatte andächtig gelauscht und machte nun große Augen. "Indem ich überall flink wie ein Wiesel bin, bin ich immer und überall sehr früh fertig. Ich habe nämlich ständig Muffensausen irgendwo zu spät zu kommen!" Erklärte der Peter. "Nun, wenn du willst, dass die Viktoria wieder backt und knetet, dann musst du ab jetzt deine Geschwindigkeit von der eines Wiesels auf die einer hundertjährigen Schildkröte drosseln, wenn du bei der Viktoria die eheliche Pflicht erfüllst." Der Peter nickte ernst und kratzte sich am Kopf. Er bedankte sich und holte seine Viktoria aus der Küche.
Zum Dank für ihre Hilfe, durfte sich die Viktoria den Schal, der ihr am besten gefiel, mitnehmen. Sie suchte sich einen orange-roten Schal mit violetten Fransen aus und hüllte sich gleich darin ein.
Nachdenklich ging der Peter mit ihr nach Hause.
„Sieh nur, wie üppig und dick diese Fransen sind!“, rief sie und ließ die wollenen Bommel über ihre Finger und Handgelenke streifen.
Als sie zu Hause waren, nahm sich der Peter die Worte des Großvaters zu Herzen. Es fiel ihm wirklich nicht leicht sich Zeit zu lassen.
Doch nach einem halben Jahr, war er ausdauernd wie ein Kamel und die Viktoria hatte wieder rosige Bäckchen und buk und knetete für vier.
Reizworte: frühreif, Schmalzgebäck, Pumpernickel
von Albert M. Eisenhardt
Es war das erste Weihnachtsfest, seit sie ihn rausgeschmissen hatte, dachte Tom zornig. Aber eigentlich hatte er es verdient. Es war der größte Fehler seines Lebens gewesen. Aber die Kinder vermisste er doch sehr. Am Heiligabend war es so schlimm, dass er sich als Weihnachtsmann verkleidet vor die örtliche Kirche stellte und Flyer verteilte. Er wusste, dass Doris und die Kinder zum Krippenspiel kommen würden. Aber er wollte auch wissen, ob ihr neuer Freund mitkam.
Auf einer Party hatte er ein Gespräch mitgehört, in dem von Doris neuem Freund nur als von dem „Lustwart“ gesprochen wurde. Der Altersunterschied zwischen den beiden war schon beträchtlich. Schließlich sah er sie in einem Auto ankommen, das auf den schneebedeckten Parkplatz auf der anderen Seite der Straße fuhr. Der Fahrer ließ den Motor laufen und Doris und die beiden Kinder stiegen aus. Statt bis zum Zebrastreifen zu laufen, nahmen sie die Kurzstrecke und liefen direkt auf ihn zu. Der Fahrer des Wagens wendete und fuhr davon.
