Erlensee - Joe Bennick - E-Book

Erlensee E-Book

Joe Bennick

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Beschreibung

Als Albert, 30 Jahre nachdem er seine Familie über Nacht verlassen hat, wieder in das Leben seines Sohnes Paul tritt, verlangt dieser Antworten. Albert verweigert diese zunächst und zeigt sich verschlossen. Doch mit Hilfe der jungen Altenpflegerin Franka können die beiden Männer aufeinander zugehen. Aber erst bei einem spontanen Roadtrip in ihre gemeinsame Vergangenheit, der in einer Verfolgungsjagd mit der Polizei endet, erfährt Paul von einem gut behüteten Familiengeheimnis.

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EPUB
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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2019

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© 2019 Joe Bennick

Verlag & Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7482-8976-0

Hardcover:

978-3-7482-8977-7

e-Book:

978-3-7482-8978-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Joe Bennick

Erlensee

Kapitel 1

Es war acht Minuten nach halb drei, als das Telefon klingelte. Irgendwann hatte ich angefangen, auch im Privaten automatisch auf die Uhr zu schauen, wenn ich eine Nachricht oder einen Anruf bekam. Ich blickte zu der alten Standuhr auf dem Vertiko, kniff meine Augen zusammen, um das Zifferblatt aus der Entfernung besser erkennen zu können, und versuchte, jegliche Bewegung zu vermeiden, während ich den unverhofft frühen Feierabend genoss und ausgestreckt auf dem Sofa lag. Kathrin war sofort am Hörer. Sie wollte sich in ein paar Minuten mit Freundinnen in der Stadt treffen und suchte gerade die letzten Sachen zusammen, die sie in ihrer Handtasche verschwinden ließ. Auf dem kleinen Jugendstil-Sekretär, den wir auf dem Flohmarkt in der Rheinaue gekauft hatten, kurz nachdem wir in diese Wohnung eingezogen waren, suchte sie ihr Notizbuch. Ein schlichtes, schwarzes Büchlein, das stets auf diesem Sekretär zu finden war, oder eben in ihrer Handtasche, und in das sie alles schrieb, was ihr wichtig war oder bedeutend erschien. Dort standen Präsentationsmitschriften neben Einkaufslisten, vorgeschriebene Texte für Postkarten aus dem Urlaub neben der Gästeliste für unsere geplante Hochzeit und Terminplanungen neben hastig notierten Eintragungen, die ihre Erinnerung stützen sollten. Sie schnappte sich das Telefon und nahm das Gespräch an, während sie sich das Mobilteil zwischen Kopf und Schulter klemmte.

„Hallo?“, begann sie das Gespräch, ohne ihre Geschäftigkeit zu unterbrechen. Sie hörte der Person auf der anderen Seite der Leitung aufmerksamer werdend zu, als könnte sie nicht ganz dem Gesagten folgen, als wäre es schwer verständlich oder formulierte ihr Gesprächspartner in einer von ihr noch nicht identifizierten Sprache. Die wenigen akustischen Fetzen, die, trotz des Geräuschteppichs einer Stadtwohnung mit Straßenseite, den Weg durch den Telefonhörer, quer durch den Raum zu meinem Ohr überlebt hatten, waren schwach und verzerrt. Sie verrieten mir weder etwas über die Person noch über den Inhalt des Gesprächs. Kathrins Gesichtszüge dagegen sagten mehr aus. Ich sah sie an und wusste nicht, ob ich mich über ihren angespannten Gesichtsausdruck amüsieren oder ob mich die mögliche Ernsthaftigkeit des Gespräches beunruhigen sollte. Hatte sie zunächst noch ruhig und gespannt gelauscht, bildete sich mehr und mehr ihre Zornesfalte aus. Dann kniff sie die Augen zusammen, als müsste sie ihren Blick auf das Gehörte fokussieren und sich die nötige Konzentration verschaffen, um den Worten ihres Gegenübers folgen zu können. Sie fror förmlich in dieser Position ein und meine anfängliche Belustigung wich mit jeder Sekunde ihrer Verharrung mehr und mehr einer Anspannung.

„Ist für dich“, ihr Gesichtsausdruck schnellte plötzlich in den Normalzustand zurück. Sie warf mir das Telefon entgegen, und als hätte sie damit das Gespräch samt aller Erinnerungen entsorgt, widmete sie sich augenblicklich wieder ihren Vorbereitungen, nahm ihre Betriebsamkeit wieder auf und fand zurück zu der Vorfreude auf den anstehenden Nachmittag. Ich schaute auf das Display, konnte mit der dort angezeigten Telefonnummer jedoch nichts anfangen, daher hielt ich das Mikrofon zu und fragte Kathrin, wer denn dran sei.

„Irgendeine Behörde oder so was“, bekam ich eine nebensächlich klingende und halbherzig gemeinte Antwort. „Es ist Mittwoch, halb vier, Schatz!“, merkte ich mit einem Tonfall an, der klang, als müsse ich sie darauf aufmerksam machen, wie die Welt funktioniert.

„Geh' halt ran, dann weißt du es doch!“

Ich drückte hörbar die Luft aus meinen Nasenlöchern, dann führte ich das Telefon ans Ohr.

„Ja bitte?“, nahm ich das Gespräch an.

„Guten Tag. Spreche ich mit Herrn Ohlschläger? Paul Ohlschläger?“

Mein Gegenüber war eine Frau, ich schätzte ihr Alter zwischen 50 oder 60 Jahre und sie vermittelte vom ersten Augenblick an Strenge. Man hörte ihren Willen, besonnen zu sprechen und deutlich zu formulieren ebenso heraus wie die Direktheit, Dinge effizient anzusprechen und nicht unnötig Zeit zu vergeuden. Ein zackiger Tonfall, der wenig Hoffnung auf ein leichtes und nebensächliches Gespräch machte und der mir trotzdem imponierte.

„Ja“, sagte ich zögernd und eilig schob ich hinterher „wie kann ich Ihnen helfen?“

Ich zog eine Grimasse in Kathrins Richtung und zuckte mit den Schultern. Ich wollte ihr meine Zweifel über die Sinnhaftigkeit des Anrufs signalisieren, meine Unsicherheit überspielen, erhielt als Reaktion jedoch nur eine Handbewegung, die mir mitteilte, dass Sie nun los müsse. Ich winkte ihr zu, während ich meine Aufmerksamkeit wieder der Frau am Telefon zuwandte.

„Ich danke Ihnen für Ihre Zeit“, fuhr die Frau fort ohne meine Frage zu beachten.

„Ich darf mich kurz vorstellen? Mein Name ist Elisabeth Martenstein und ich bin Leiterin der Station Vier des Hauses ‚Maria von den Engeln‘.“

Ich richtete mich auf und setzte mich gerade hin.

„Ein Krankenhaus?“, fragte ich. Nervosität ergriff mich. Eilig erdachte ich mögliche Szenarien, die es nötig machten, mich an einem Mittwochnachmittag durch die Stationsleitung eines Hospitals anrufen zu lassen und es bildeten sich durchweg keine positiven Bilder in meiner Fantasie aus.

„Nein, Herr Ohlschläger, wir sind eine Wohn- und Pflegeeinrichtung für Senioren.“

Ein Altenheim, diese Aussage beruhigte mich in der Tat, denn meine Mutter war 2006 gestorben und keiner meiner mir nahe stehenden Bekannten oder Verwandten war in einem Alter oder Zustand, der ein Altenheim notwendig machte. Und so konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was Frau Martenstein von mir wollte, war mir aber sicher, dass die Nervosität meinerseits weitgehend unbegründet sein müsse. Ich gestand mir mehr Gleichgültigkeit zu, angelte eine Zeitschrift vom Couchtisch und fing an, beiläufig darin zu blättern, als könnte ich das Gespräch durch diese Geste beeinflussen.

„Aha, und wie genau kann ich Ihnen…“, hob ich nebensächlich an, meine bereits eingangs gestellte Frage zu wiederholen, bevor mich Frau Martenstein unterbrach.

„Es geht um Ihren Vater.“

Ich klappte die Zeitschrift zu. Zeitgleich fiel die Wohnungstür ins Schloss und eine plötzliche Stille umgab mich. ‚Ihren Vater‘ hallte es in mir nach. Adrenalin elektrisierte meinen Verstand und heizte meinen Schädel, die Welt trat in den Hintergrund. Das konnte nicht sein. Da musste eine Verwechslung vorliegen.

„Mein Vater? Sie müssen sich irren“, sagte ich mit gespielt ruhiger Stimme und aufgewühltem Verstand. Ich wollte das Gespräch am liebsten mit zitternden Händen von mir weg schieben, fühlte mich alleingelassen und verlassen.

„Herr Albert Ohlschläger, geboren am dritten Februar 1941. Das ist doch ihr Vater?“

„Ja… Nein… Doch“, ich war verwirrt. Frau Martenstein hatte ein ganzes Bataillon an Bildern in mir ausgelöst, die nun wild in meinem Kopf herumschwirrten und mich zu keinem klaren Gedanken kommen ließen.

Vor etwa 30 Jahren, ich war zwölf Jahre alt, ging mein Vater weg. Er war einfach von einem auf den anderen Tag verschwunden. Meine Mutter versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber ich spürte genau, wie sie weniger lachte, wie sie immer wieder in Gedanken versank. Ich konnte ihren Blick vor meinem geschlossenen Auge sehen, dieser selbst-disziplinierende Blick, diese Fassade, die mir neben meinem Vater auch noch meine Mutter zu nehmen drohte. Und ich sah Bilder von meinem Vater, wie wir im Garten tobten, wie wir lachten und rauften und im nächsten Augenblick die Leere, die er hinterließ und die Tränenflecke auf meinem Bett.

Ich hatte lange nicht mehr an ihn gedacht. Meine Mutter hatte unregelmäßig von ihm erzählt und stand wohl auch sporadisch mit ihm in Verbindung. Für mich war er schon lange aus meinem Leben gegangen. Er war ein abstrakter Begriff, eine irreale Konstruktion, die nur den Sinn hatte, meine Herkunft zu erklären. Seit meine Mutter gestorben war, hatte ich kein weiteres Lebenszeichen mehr von meinem Vater erhalten und nahm an, dass er ebenfalls gestorben sein musste. Oder es war mir einfach zu egal, das Gegenteil zu denken. Genau wie es mir keine genaue Unterscheidung wert gewesen war, ob er damals nur in eine andere Stadt, zu einer anderen Frau oder wohin auch immer gegangen war. Bis heute.

„Das ist unmöglich“, raunte ich, „Sie irren sich sicher.“

„Ich denke nicht. Nein.“, ihre Worte hämmerten in meinen Ohren und ihre direkte, feste Stimme kontrastierte meine Gefühle.

„Woher… woher wissen Sie von mir?“

„Ihr Vater wohnt seit etwa sechs Jahren bei uns und seit einiger Zeit spricht er vermehrt von Ihnen. Er möchte Sie gerne sehen.“

Mein Vater – der Mann, der seit 30 Jahren kein Teil mehr meines Lebens war, diese Person sollte nun wieder Einzug in mein Hier und Jetzt erhalten? Ich kämpfte innerlich dagegen an, dass die Gefühle nicht ausbordeten, und zwang mich, Gedanken zurückzuhalten, geradeaus und rational zu denken, scheiterte jedoch an aufkeimender Wut. Ich wusste, was ich sagen wollte, denn warum sollte ich diesem Mann einen Gefallen tun, der mich und meine Mutter verlassen hatte, der sich nie wieder gemeldet hatte und der seinen Sohn vergessen hatte. Soll er doch weitersiechen! Aber tatsächlich dachte ich viel mehr. Ich spürte kindlichen Zorn, wie zu meinem dreizehnten Geburtstag, als er nicht da war. Ich spürte das betretene Schweigen zwischen meiner Mutter und mir, wenn das Thema auf meinen Vater kam. Wie Fragen gestellt werden mussten, aber dennoch hinter einer Wand aus Schweigen blieben, weil sich keiner traute, das Thema zu eröffnen. Zu viel würde gezeigt werden und zu groß waren die Gefühle, zu kompliziert das Sortieren der Gedankensplitter, die uns blieben. Nichts, was man an einem Abend hätte klären können, und damit begnügten wir uns, über Jahre hinweg auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

„Ich verstehe, dass das eine aufwühlende Nachricht für Sie sein muss. Ich bitte Sie, denken Sie darüber nach und rufen Sie mich zurück. Ich stehe Ihnen bei Fragen gerne zur Verfügung. Darf ich Ihnen meine Telefonnummer durchgeben?“

„Ich habe sie auf dem Display, danke. Ich melde mich“ hörte ich mich selber sagen, während meine Gedanken mich längst in die Vergangenheit einsinken ließen. Dann legte ich auf.

Durch die bodentiefen Fenster fiel das warme Licht der Maisonne und erschuf Lichtkörper, die in strengen geometrischen Figuren vor dem Fenster verweilten. Staub, der einem sonst nie auffiel, war sichtbar. Bewegungen, die man nie registrierte, erkennbar. Jede noch so kleine Regung hatte eine Verwirbelung zur Folge, die die ruhige Schönheit der Konstruktion verwandelte. An die Wände waren Schatten gemalt, Formen wie Scherenschnitte auf die hohen Decken projiziert, die durch den Gipsstuck Strukturen erhielten. Ich stand auf und machte das Fenster zu. Die Welt verstummte nicht, sie existierte gedämpft weiter. Lichtblitze, Reflexionen der Sonne, durchzuckten den Raum ein- oder zweimal. Als ich die Augenlider schloss, wurde es besser. Ich kniff die Augen zu. Die Straße drang durch das geschlossene Fenster. Busse heulten beim Beschleunigen auf, Motorräder knatterten selbstbewusst und Autos webten sich in den Reigen von Verkehrsgeräuschen mit ein. Ich brauchte Ruhe. Mehr Ruhe. So konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. So konnte ich nicht verstehen, was eben passiert war. Zwei Schritte bewegte ich mich blind fort, dann öffnete ich die Augen, schritt durch den Flur der Straße davon, bis zur Küche, die nach hinten raus ging.

Grauburgunder gelangte vom Kühlschrank ins Glas, Mineralwasser. Ich öffnete die Balkontür, trat hinaus und schaute in den Himmel. Ich atmete tief ein und aus. Obwohl ich nur wenige Meter von der Straße entfernt war, war das hier eine andere Welt. Die Kirche, die sich hinter der nächsten Häuserreihe majestätisch erhob, die Dächer, dahinter Hofgartenbäume. Es war ruhig. Das hatte uns bei der ersten Besichtigung der Wohnung schon so fasziniert. Wir standen in einer Wohnung, direkt angrenzend an die Innenstadt, und hinten ist so viel Ruhe. Wir konnten unser Glück nicht fassen, dass wir diese Wohnung gefunden hatten. Wir stießen danach beim Italiener um die Ecke mit einem Glas Prosecco auf unsere Errungenschaft an. Heute unser Stammrestaurant. Ich lächelte kurz. Dann war das Gespräch mit Frau Martenstein wieder präsent und das Gefühl der Hilflosigkeit. Ich schloss die Augen, hörte entfernt Menschen, das Treiben und die Hektik. Ich roch den Dunst der Stadt, saugte die Lungen voll, setze an und trank das Glas in einem Zug leer, lehnte mich an die Balkontür. Meine Zornesfalte bildete sich aus, die Augenbrauen wurden hart. Mein Gesicht verkrampfte.

Ich war wieder Sohn.

Kapitel 2

Ich blickte blinzelnd in die Welt hinein und begann langsam wieder im Hier und Jetzt anzukommen, derweil verschwommene Konturen und helle Farbflecken sich zaghaft zu einem mir vertrauten Bild vereinigten. Ich wischte mir mit den Händen übers Gesicht, atmete tief durch und hatte das Gefühl, dass alles, was in den letzten Minuten passiert war, nicht real gewesen sein konnte. Es erschien mir absurd und das Gehörte wollte nicht mit meinem Leben zusammenpassen, es fiel mir schwer, es wenigstens zu verstehen. Doch selbst bei der einfachsten Frage versagte mir mein Verstand eine rationale Antwort. Niemand war da, mit dem ich meine Gedanken hätte teilen können oder der mir helfen konnte, sie zu ordnen. Warum war Kathrin einfach gegangen, schoss es durch meinen Kopf. Sie musste doch bemerkt haben, dass das kein gewöhnlicher Anruf war. Hätte sie nicht wenigstens warten können bis das Gespräch beendet ist und sich davon überzeugen, dass es mir gut geht? Ich spürte Empörung in mir aufsteigen. Sie hätte doch was bemerken müssen.

Ich überlegte, ob ich sie anrufen und ihre Anwesenheit einfordern sollte, aber ich verwarf die Idee. Es würde doch nichts bringen, beschwichtigte ich mich selber. Stattdessen nahm ich die Flasche mit dem Grauburgunder aus dem Kühlschrank.

Zurück im Esszimmer setzte ich mich an den Tisch, auf dem ich das Telefon abgelegt hatte, nahm es in die Hand, um die Anrufliste durchzugehen, als müsste ich mich davon überzeugen, dass der Anruf tatsächlich stattgefunden hatte. Da war die Nummer. Ich starrte sie an, goss mir Wein nach, und nippte an dem Glas. Mit leerem Blick ging ich die Telefonnummer Ziffer für Ziffer durch, immer und immer wieder.

"Was soll das?" fragte ich mich selber und legte das Telefon auf den Tisch. Ich hatte Gedanken im Kopf, die doch keinen Zusammenhang fanden, Erinnerungen, die nicht zu Ende gedacht werden wollten, Fragen, die sich nicht komplett formulieren wollten. Eine Hektik von Worten und Bildern spukte durch mein Gehirn, es überforderte das Denken und ließ mich ohne rationale Reaktion zurück. Mein Körper wollte agieren, mein Hirn reagieren, doch beide vermissten einen Impuls, der nicht durch das Dickicht von Eindrücken fand.

„Dieser Mann ist nicht mein Vater“, musste ich mir laut sagen. Er war es früher mal gewesen, bevor er fort lief, doch seit dem hatte ich keinen Vater mehr und nun fordert gerade er einen Kontakt ein, damit er seine innere Ruhe finden kann? Das war nicht gerecht, nein, das war genauso egoistisch wie sein Handeln damals. Hat er sich jemals gefragt, was es bedeutet, seinen Jungen zurückzulassen? Hat er sich jemals mit der Frage auseinandergesetzt, wie es meiner Mutter in der Zeit ging? Nein. Aber der feine Herr will sein Sohn nochmal sehen, um in Frieden sterben zu können.

„Mann!“ rief ich laut, um mir ein wenig Luft zu verschaffen. Ich trank, nur um danach wiederholt auf den Eintrag in der Anrufliste zu starren. Ich las Ziffern und studierte den Zeitpunkt des Anrufs, dachte zurück an das Klingeln, wie Kathrin leise summte, als sie das Telefonat annahm, an Kathrins Mimik und die versterbende Aktivität. Und ich dachte daran wie sie mich alleine ließ, wie ich nach dem Gespräch verlassen war, niemand da war, mit dem ich meine Gefühle hätte teilen können. Niemand, der verstand, was es heißt, dass mein Vater wieder da ist. Niemand der mir erklären konnte, was das bedeutet.

„Ich würde gerne Mama anrufen“, flüsterte ich mir zu. Sie wusste immer, wie man mit Situationen in Bezug auf Albert umgehen sollte. Sie schien immer gelassen, wirkte ausgeglichen und war niemals grollend bei diesem Thema. Erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit sie dieses Zerreißen der Familie weggesteckt hatte.

Sie hatte mir nie gesagt, wieso es zwischen Albert und ihr nicht geklappt hatte und wie sie und Albert damit umgingen. Als sie dann so plötzlich starb, nahm sie ihre Haltung zu meinem Vater als Geheimnis mit ins Grab. Wir hatten den Zeitpunkt, um darüber zu reden, endgültig verpasst und mein Vater wurde zur Geschichte und war ab da kein lebender Teil meines Lebens mehr. Die kleinen Informationshäppchen, die meine Mutter über meinen Vater zu berichten wusste, versiegten, der Kontakt - auch wenn dieser immer über eine dritte Person lief - war endgültig ausgelöscht. Mir war es nicht unrecht, resümierte ich, ein weiteres Glas Grauburgunder meine Kehle hinunter stürzend. Sicher, habe ich mich immer gefragt, warum er ging, warum er sich gegen uns gewendet hatte und warum er mich nicht mehr sehen wollte, nicht mehr lieben konnte. Aber ich hatte mit der Zeit meinen Weg gefunden, mit diesen Fragen umzugehen. Wahrscheinlich nicht der beste Weg, aber ein effektiver Weg, der es mir ermöglichte, mit diesen vergangenen Zurückweisungen, Enttäuschungen und Verwirrungen zu leben: Meine Vergangenheit wurde einfach vergraben und meine Kindheit begann in Bonn, als ich zwölf Jahre alt war. Die Erinnerungen verschwanden in dunklen Ecken, verblassten stetig und immer mehr verblichene Reste verschwanden. So wurde es jeden Tag einfacher. Meine Mutter sagte mir, ich solle eine neue, leere Seite in dem Buch meines Lebens aufschlagen und ich tat es. Tagtäglich zwang ich mich, nicht zurück zu blättern, ich schrieb ein neues Kapitel, hielt Erfahrungen fest und malte Erinnerungen. Und immer seltener drückte ich dabei so fest auf, dass die darunter liegenden Seiten durchpausten. Und Jahre später stimmte das gewählte Bild von meinem Vater mit meiner tatsächlichen Empfindung überein. Er war einfach nicht mehr da. Bis heute.

Meine Lethargie wurde um 17 Uhr zwölf gestört als das Handy klingelte. Ich saß noch immer im Esszimmer, das nur mit einer glasverkachelten Schiebetür aus weißem Holz vom Wohnbereich abgetrennt war und eher Teil eines großen Raums war als ein eigenständiges Zimmer. Der Wein war mittlerweile leer, mein Kopf dagegen voll mit Gedanken, die wirr um Erinnerungslücken herum trieben. Alles Gedachte war getränkt mit einer halben Flasche süßlich-säuerlichem Weißwein, der das Denken schwer werden ließ und den Gedankenstrom vernebelte.

Ich reagierte wie in Zeitlupe, schaute aufs Display. Es war Kathrin. Meine Reaktion war träge, normale Geschwindigkeit vermissend, nahm ich das Telefonat an.

„Vergiss nicht, dass wir uns um Viertel vor im ‚Casa‘ treffen wollten, Schatz“, rief sie mehr als sie sprach und drückte mir Worte in mein Ohr.

Im Hintergrund war lautes Treiben zu hören, Menschen redeten und riefen durcheinander, Kinder lachten, Fahrzeuge und Straßenmusiker drangen an mein Ohr. Alles vermischt zu einem Geräuschteppich, einem Chor aus Solostimmen, der Geräuschkulisse der Stadt. Sie machte es mir schwer, meine Freundin verstehen zu können.

„Ja, ich weiß“, antwortete ich mit einer meiner Umgebung angemessenen Lautstärke. Kathrin schien die Antwort nicht gehört zu haben, denn sie wiederholte ihren Satz fast wortwörtlich und legte dann mit einem knappen „Ok, dann bis dann“ auf.

Das waren sie. Die kleinen telefonischen Post-it-Sticker, die mich manchmal zur Raserei bringen konnten. Die sich anfühlen, als wäre ich alleine nicht fähig, mir einen Termin zu merken, der in unserem gemeinsamen Kalender steht und an den mich mein Handy 30 Minuten vor der vereinbarten Zeit erinnern wird. Als genau in diesem Moment das Handy piepte, um mich an einen Termin in 30 Minuten zu erinnern, lächelte ich nur müde. Heute konnte ich mich nicht darüber aufregen. Ich sog die Luft ein und haute auf den Tisch, um mich zu wecken, ich schob das Telefon von mir weg und stimmte mich darauf ein, dass ich gleich im ‚Casa‘ sein würde, um über unsere Hochzeit zu sprechen. Denn das war mein Leben. Nichts anderes. Und um mein eigenes Leben muss ich mich kümmern. Nicht um andere.

Die Stadt schlug mir entgegen, als ich aus der Haustür auf die Straße trat. Graue Farben mit blassen Farbtupfern, abgasgeschwängerte Luft, die stickig einhüllte und emissionswarm umgab, eine Geräuschkulisse aus Verkehrskollaps und Feierabendlaune, Bewegungen von Menschen, Maschinen und Objekten, die mich in ihre Mitte nahmen und mich doch nicht beachteten. Ein Perpetuum Mobile, ein Kunstwerk, das immer mehr Facetten freigab, je genauer man hinsah, das einen erschlug und lähmte, wenn man nicht eintauchte. Es sog einen förmlich ein. Ich begab mich nach rechts und gliederte mich in den Strom der Bewegung ein, der wie einem ungeschriebenen Gesetz folgend, ein Kollektiv bildete. Ich ließ mich mitreißen in dem emsigen Treiben und doch brach ich aus. Fühlte mich nicht zugehörig, unpassend. Ich stach heraus, war besonders, meinte, dass man mir mein Schicksal ansehen müsse, dass ich in grellen Farben in einem Schwarz-Weiß stehe. Aber niemandem fiel das Bunt in der Monotonie der Grautöne auf. Genau wie niemandem die Schönheit auffiel, die sich mir hier zeigte: Die Fassaden der Häuser aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die liebevoll und aufwändig restauriert worden waren. Das Weiß, dass Ornamente und Strukturen an den Häuserwänden hervorhob, Kirschbäume die erste Knospen bildeten. Und die schweren Holztüren, die in schicke Mehrfamilienhäuser führten, in denen man in aufwändig gefliesten Fluren begrüßt wird, über knarrende Holztreppen repräsentative Altbauwohnungen erreicht, in denen Designersofas aus Leder und geölte Dielenböden zu einem Parfüm der Privilegierten wurden.

Zum Restaurant waren es nur zwei Straßen. Ein kleines italienisches Lokal mit einer Handvoll Tischen in einem dunklen, etwas drückenden Kellergewölbe mit geschwungener Decke und freiliegendem Mauerwerk. Ihr haftete dezent etwas ewig Gestriges an, etwas Unmodernes, was sich nicht an bestimmten Dingen festmachen ließ. Vielleicht noch am ehesten an der neonbeleuchteten Theke der Cocktailbar mit dem verspiegelten Getränkeregal. Aber es war das gesamte Ambiente, diese Vermischung von Kellerbar und Stadtrandeisdiele, die diesen Eindruck prägte. Wann immer es möglich war, saßen wir in dem kleinen Außenbereich auf dem angrenzenden Platz. Hier konnte man in lauen Sommernächten bis tief in die Nacht genüsslich bunte Cocktails aus langgezogenen Gläsern mit Schirmchen-durchbohrten Fruchtstücken trinken und die Pizza Gorgonzola mitten drin im städtischen Gewusel genießen. Wir waren oft hier, was sicherlich zu einem großen Teil der Lage geschuldet war.

Ich hoffte kurzzeitig, dass es Kathrin nicht zu kalt wäre um draußen zu sitzen, aber jetzt, wo die Sonne langsam hinter den Häusern verschwand und die Straßentäler in Schatten getaucht wurden, merkte man noch die jahreszeitliche Nähe zum Winter und so verwarf ich die Hoffnung und schritt die Stufen hinab.

Kathrin wartete bereits und saß schon an dem Tisch, an dem wir immer saßen, wenn wir hier Essen gehen. Er war meistens frei, weil er klein und weit hinten war, ziemlich versteckt und verlassen. Wir mochten den Tisch, denn man hatte keine Durchgangsunruhe, da man weit von Toiletten und Ausgang saß. Man hatte seine Ruhe, konnte aber dennoch das restliche Restaurant im Auge behalten und wunderbar andere Gäste beobachten. So hatten wir hier schon viele unterhaltsame Abende verbracht. Ich zog meine Jacke aus und hängte sie über den Holzstuhl, dann beugte ich mich über den Tisch und küsste Kathrin.

„Was hast du heute Nachmittag gemacht?“, fragte sie mich.

„Nicht viel. Den Grauburgunder von gestern geleert und entspannt“ log ich, weil ich das Gespräch nicht auf das Telefonat lenken wollte, bevor ich nicht selber eine Position dazu beziehen konnte und bevor ich es nicht begreifen konnte. Sie sah mich prüfend an. Das machte sie immer, wenn sie nicht genau wusste, ob ich scherze oder ob es wahr ist was ich erzähle. Und wenn es tatsächlich der Wahrheit entspricht, was sie gehört hatte, ob ich zwischen den Zeilen eine Botschaft versteckt hatte, die sie dechiffrieren sollte. In diesem Falle war es offensichtlich, dass sie herausfinden wollte, ob ich zu viel Wein getrunken hatte und das von ihr geplante, anstehende Gespräch über die Hochzeitsplanungen nicht angemessen nachvollziehen konnte. Ich grinste sie milde an.

„Es geht mir gut.“

Sie schaute mir noch zwei Sekunden skeptisch ins Gesicht, zog dann, wie sie es oft als Überbrückungshandlung machte, bei geschlossenem Mund das Kinn und Unterlippe ein wenig nach unten, sodass sich ihre Lippen einen Spalt öffneten, sie setzte sich betont gerade auf und schlug dann ihr schwarzes Notizbuch an der Stelle auf, die durch das Lesebändchen vorbereitet war.

Ich sah es vor mir, wie sie in das Lokal gekommen war, sich gesetzt hatte und zuerst mit Ihren Händen durch ihre blonden, langen Haare gefahren ist, danach das Notizbuch aus der Handtasche gefischt hatte und die gleich benötigte Stelle mit dem Lesezeichen markiert hatte um, wie immer, perfekt vorbereitet zu sein.

„Ich habe vorhin mit Meike gesprochen“, fand ich mich direkt mitten im Gespräch wieder, „von der ich dich übrigens ganz lieb grüßen soll. Sie empfiehlt mir, die Tischdeko nicht dem Caterer zu überlassen, sondern das komplett getrennt zu planen. Unser Caterer bietet da zwar viele Optionen an, aber es soll doch alles genauso werden, wie wir uns das vorstellen, nicht wahr?“

Ich nickte, während ich noch versuchte, den Namen Meike zuzuordnen. Unsere Freundeskreise besaßen keine große Schnittmenge, sie hatte ihre Mädels und ich meine Jungs, Pärchen waren da wenige dabei, denn die meisten Typen ihrer Freundinnen waren Langweiler, mit denen man sich kaum unterhalten konnte. Und meine Jungs waren fast alle Singles oder waren es zumindest die meiste Zeit. Zudem waren wir in einem Alter, in dem viele Pärchen in unserem Bekanntenkreis eine Familie gründeten, was eine Garantie dafür darstellte, dass man ab da kaum mehr etwas von ihnen hörte. Sie waren beschäftigt mit dem Nachwuchs und wir hielten uns fern von Kinderjubiläen, bei denen man doch nur gestressten, alten Freunden zusah, wie sie Kindern hinterherliefen, und wir vermieden – so gut es ging - Einladungen mit Kind und Kegel, bei denen man noch Wochen später verschmierte Abdrücke von Kinderhänden in seiner Wohnung fand. Außerdem ziehen Pärchen mit Kindern andere Pärchen mit Kindern vor, da ist man ohne eigenen Nachwuchs nicht mehr so attraktiv. Zwar hatten Kathrin und ich auch schon über Kinder gesprochen, aber Kathrin war noch nicht so weit. Ihre Karriere lief gerade erst an und da wollte sie sich erst noch verwirklichen und sich beweisen. 35 wäre ein gutes Alter, hatte sie gesagt. Das wäre nächstes Jahr, aber daran glaubte ich nicht.

Bevor Kathrin weitersprechen konnte, kam der Kellner und nahm die Bestellung auf. Es war eine Sache von wenigen Sekunden unsere Order entgegen zu nehmen, da wir die Karte auswendig kannten und eigentlich auch immer das Gleiche bestellten. Man brachte uns noch Brot und einen cremigen Brotaufstrich und dann waren wir wieder unter uns.

Sie spielte mit den Händen immer an etwas herum, wenn sie Dinge erzählte, die für sie wichtig waren und wenn sie einen Stift in der Hand hielt und ihr Notizbuch aufgeschlagen hatte, malte sie Kringel und kleine Schmetterlinge in die Ecken, so wie jetzt. Ich blickte sie an. Sie war hübsch und ihre blauen Augen wechselten zwischen ihrem Notizbuch und meinen Augen hin und her während sie gestikulierte, sodass ihr leicht gewelltes Haar wippte. Sie trug ihre Brille, was ungewöhnlich war, denn mit ihr verließ sie normalerweise nicht das Haus. Doch heute Morgen klagte sie noch über trockene Augen und entschloss sich die Kontaktlinsen heute nicht zu nehmen, um am nächsten Morgen nicht auszusehen, als ob sie die ganze Nacht an der Präsentation gearbeitet hätte, die sie für ihren Chef halten musste.

Kathrin war eine Frau, die einen genauen Plan von ihrem Leben hatte, die mädchenhafte Züge wegstudiert und in Durchsetzung promoviert hatte. Sie war eine Jahrgangsbeste, die alle Firmen, bei denen sie sich beworben hatte, eingeladen hatten und die ohne Zögern einen Marktführer als Arbeitgeber ausgewählt hatte und diesem bis heute treu ist. Eine Frau die sich niemals Ruhe gönnt und die aus einer wohl behüteten Familie von einer Prinzesschen-Rolle direkt ins Leben startete und keinerlei Widerstände erfahren hat.

Wir kannten uns schon seit knapp zehn Jahren und hatten uns bei einer Fortbildung in Lüneburg kennengelernt. Damals arbeiteten wir beide noch für die gleiche Firma. Das Hotel mit dem Charme einer Plattenbausiedlung konnten wir nach endlosen Vorträgen nicht mehr sehen und zogen in Gruppen in das kleine Zentrum der Stadt, wo sich später einige von uns in einem kleinen Irish Pub direkt an der Ilmenau trafen. Wir tranken und lachten viel und da sah ich sie zum ersten Mal bewusst. Unsere Blicke kreuzten sich und wir lächelten uns an. Ich sprach sie an und dann redeten wir bis der Pub schloss.

Seit dem ist viel passiert. Die überschwängliche, naive Verliebtheit ist einer ehrlichen Liebe gewichen. Wir hatten uns gemeinsam eingerichtet, planten gemeinsam und gingen durch Höhen und Tiefen, wie jedes andere Paar auch. Und stets hatte ich bei ihr das Gefühl, alles richtig zu machen. Und nun saßen wir hier und planten unsere Hochzeit, ein rauschendes Fest in Weiß im Landhausstil. Edel sollte es sein, feierlich, und wie in Romanen, so stellte es sich Kathrin vor. Lange Tafeln mit weißen Tischdecken, weiße Blumengestecke, die durch zarte Spätsommerlüftchen sanft ihre Blütenblätter wiegen. Sommerhüte, leichte, elegante Kleider und das Gefühl von Frankreichs Küsten, mittendrin eine strahlende Braut in Weiß mit Schleppe. Bewundernde Blicke. Und ein Bräutigam mit Zylinder und grauer Weste.

Sie plante schon seit Wochen. Rechnete, überlegte, organisierte und verwarf in einem fort, hatte bessere Ideen und während der Planung noch passendere Einfälle. Sie sprühte nur so vor Enthusiasmus und wann immer sie an die Hochzeit dachte, fing sie an, ganz leise zu summen.

‚Wohl behütete Kindheit‘, das war mir gerade heute so fern, dass ich es mir in Gedanken wiederholen musste. Sie musste wie in einem Bilderbuch aufgewachsen sein, denn wenn sie erzählte, schien immer alles wie inszeniert zu passen, alles war perfekt. Die Eltern glücklich, die Kinder brav und strebsam. Sie hatte von Reitstunden berichtet, wie sie zum ersten Mal auf einem Pony saß und nie wieder runter wollte, wie sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Ausflüge zum Schauinsland gemacht hatten, den sie ‚aus Tradition‘ Erzkasten nannte. Wie sie mit ihrer Familie Probleme besprechen konnte und Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden und wie ihr Vater stets betonte, dass ‚unüberbrückbare Differenzen‘ ein Mangel von gegenseitigem Interesse seien. Da klang meine Familiengeschichte schon ganz anders. Bei uns gab es zwar auch keine unüberbrückbaren Differenzen, bei uns waren es unausgesprochene Differenzen, die jeder mit sich selber ausmachte. Man sprach nicht viel in unserer Familie, insbesondere nicht über Gefühle, Probleme oder andere, anwesende Familienmitglieder.

Nachdem mein Vater weg ging, blieb meine Mutter meine ganze Familie und als meine Mutter schließlich starb, war ich alleine. Und nun dieses Telefonat und plötzlich war Albert wieder da. Als Mensch, der mich um Hilfe bat. Absurd eigentlich, aber es wäre schon eine Überraschung, wenn mein Vater bei meiner Hochzeit dabei wäre. Aber wenn ich die Frau von dem Altenheim richtig verstanden hatte, dann wäre die Zeit hierfür zu knapp. „Paul!?“, riss mich Kathrins Stimme aus meinen Gedanken.

„Paul, hörst du mir überhaupt zu?“

Ich sah sie an, „Schatz, es tut mir leid. Dieser Anruf heute…“. Es war nicht fair Anteilnahme zu simulieren und gedanklich nicht wach bleiben zu können, „…ich würde gerne nach Hause gehen.“

Sie sah mich an und ich merkte, dass sie genervt war, beobachtete, wie sie fast unmerklich die Augen verengte. Ich verstieß gegen ihren Plan. Aber sie klappte ihr Notizbuch zu, verstaute alles wortlos in ihrer Handtasche und stand dann auf, um mit mir zum Ausgang zu gehen.

„Sollen wir ein paar Schritte gehen?“, fragte ich Kathrin als wir wieder am Tageslicht waren.

„Sicherlich.“

Es war überraschend kalt geworden nachdem die Sonne verschwunden war und wir liefen eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, überquerten den Platz bis zu der Kirche, die wir vom Balkon aus sehen konnten. Auf der anderen Straßenseite schritten wir durch Kastanienbäume, die den Weg links und rechts säumten. Sie waren schon dicht bewachsen und ließen nur spärlich Licht durch das Blätterdach. Als würde es hier kälter sein, machte Kathrin ihre Jacke weiter zu.

„Was war denn mit dem Anruf vorhin?“, drängte es Kathrin eine lange zurückgehaltene Frage heraus.

„Das war die Leiterin von einem Altenheim.“

„Und was wollte die von dir?“

Ich dachte nach, meine Schritte wurden langsamer bis ich schließlich stehen blieb und sie ansah.

„Mein Vater lebt in diesem Heim.“

Kathrin schaute mich ebenfalls an. Ihr Kinn zog sich nach unten, man konnte förmlich zusehen, wie sich hinter ihrem Gesicht Worte zu Sätzen zusammensetzten, wie sie verworfen wurden und revidiert werden mussten, wie sie Reaktionen komponierte und doch den richtigen Ton nicht zu treffen schien.

„Ich dachte er wäre tot?“, sagte sie zögerlich. Unsicher ob die Formulierung passend war oder nicht.

„Das dachte ich auch.“

Mehr als kurze Sätze konnte ich nicht zusammensetzen, auch das strengte mich an. Ich brauchte nach jedem Satz eine kleine Denkpause, einen Moment des geistigen Durchatmens um die Fassung zu wahren, Rationalität zu erhalten und Emotionen zu mechanisieren.

„Aber er ist es nicht. - Aber wohl bald. - Die Leiterin sagte, es ginge ihm sehr schlecht.“

Kathrin hörte mir zu. Sie sah mich an und ihr Gesichtsausdruck verriet ihre Anteilnahme, aber auch Unverständnis, zeigte eine Erwartungshaltung, die auf einen Höhepunkt zu warten schien, welcher es ihr erst möglich machen würde, auf die Erklärung angemessen reagieren zu können.

„Und sie sagte, er spräche von mir“, berichtete ich weiter. „Ich soll vorbeikommen.“

Ich atmete durch. Die nächste Formulierung wollte mir nicht gelingen. Ich dachte nach, aber wie ich es auch ausdrücken wollte, es war nicht die richtige Art es zu sagen. Ich wählte dennoch einen Satz aus.

„Wenn ich ihn nochmal sehen möchte.“

Kathrin hatte ihre Stirn in Falten gelegt und die Augenbrauen hochgezogen.

„Und? willst du?“

Sie fragte zögerlich, als ob sie nicht genau wüsste, ob ich meinen Bericht schon beendet hatte, oder ob sie noch auf eine abschließende Auskunft, eine emotionale Coda, warten musste. Vielleicht wusste sie selber nicht, ob man die Frage so stellen konnte oder nicht und sicherlich arbeitete es auch in ihr.

„Weißt du, Albert ist schon lange kein Teil deines Lebens mehr.“, sprach Kathrin mit samtiger Stimme.

„Es war seine Entscheidung, damals zu gehen und auch, sich nie mehr bei dir zu melden.“

Sie kannte die Geschichte ziemlich gut. Ich hatte sie ihr an dem Abend erzählt, als ich von der Diagnose meiner Mutter erfuhr. Es war ein tränenreiches Gespräch, das begann, als wir das Abendessen vorbereiteten und meine Mutter anrief. Nachdem ich aufgelegt hatte, kam ich in die Küche und fiel Kathrin in die Arme. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, weil sich meine Welt aufzulösen schien und weil alles, was mir Halt gab, plötzlich weggezogen wurde. Ich dachte nicht an meinen Vater in dem Moment. Erst als wir später da saßen, auf dem nackten Küchenboden, ich mit meinem Kopf in Kathrins Schoß und mich den Erinnerungen hingab, da kamen die Bilder wieder hoch. Bilder von uns Dreien, Bilder von unserer Zeit. Und als Kathrin fragte, fing ich an zu erzählen. Ich heulte und redete bis ich beides nicht mehr konnte.

„Ich glaube“, fing sie an und hakte sich bei mir ein, um mich langsamen Schrittes weiter durch die verdunkelnde Kastanienallee zu ziehen, „ich glaube, er ist dement und sein Langzeitgedächtnis gewinnt die Oberhand. Du bist schlicht das Einzige an was er sich noch deutlich erinnern kann. Aber wenn Du jetzt vor ihn treten würdest, vielleicht würde er dich gar nicht erkennen.“

So hatte ich darüber noch gar nicht nachgedacht. War er am Ende einfach nur verwirrt? In der Tat hatte ich bisher noch nicht darüber gemutmaßt, in welchem gesundheitlichen Zustand er sich befand. War er tatsächlich dement, bettlägerig oder starken Medikamenten ausgesetzt? Wie ernst konnte ich seinen Wunsch nach einem Wiedersehen überhaupt nehmen? War es denn wirklich sein Wunsch gewesen, oder war das Teil einer Standard-Prozedur durch die die nächsten Angehörigen kontaktiert werden, wenn sich das Leben eines Patienten dem Ende zuneigt? „Dann würde es ja keinen Wert haben vorbeizugehen“ beantwortete ich mehr meine Fragen, als dass ich Kathrins Gedanken kommentierte.

„Also, nein?“

Wir blieben stehen.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich und starrte zunächst ins Nichts, dann wandte ich meinen Blick zu Boden und redete weiter.

„Weißt du, es ist komisch. Da glaubt man über Jahre, dass man keine Familie mehr hat und dann taucht auf einmal dein Vater wieder auf. Was will der bloß von mir?“

„Schatz, ganz ehrlich. Vergiss das Telefonat. Du kommst wunderbar ohne ihn aus. Du bist es die ganzen Jahre. Und schau, was du alles erreicht hat: Du bist ein starker, erfolgreicher Mann, der seinen Vater längst charakterlich überholt hat.“

„Hm…“, schnaubte ich. Sie war oft sehr direkt. Gerade bei Problemen, die sie nicht betrafen, vornehmlich bei emotionalen Angelegenheiten und persönlichen Themen. Oft verfärbte sich die Absicht ihrer Aussage mit einem Ton der irgendwo zwischen Küchenpsychologie und Schneller-Reden-als-Denken changierte, aber sie hatte nie gänzlich Unrecht.

„Du glaubst doch selber nicht daran, dass ein Treffen einen Mehrwert hat.“ Ihr Tonfall wurde eindringlicher.

„Belasse es einfach dabei.“

Wieder hakte sie sich bei mir ein und zog mich weiter. Wir liefen weiter bis wir eine ganze Umrundung der Wiese geschafft hatten. Ich schaute nach oben in die Baumkronen der Kastanien, die einen Blick auf den Himmel verhinderten, aber hier und da lugten rot-blaue Fragmente des Firmaments hervor, wie diffuse Flecken.

Wie verließen die Allee und steuerten schweigend unsere Wohnung an. Sie ließ mich mit meinen Gedanken allein. Für sie war das Thema scheinbar erledigt und sie hatte ihre Meinung gesagt. Was ich damit machte, war nun meine Sache, nun war es an mir zu handeln. Von ihr aus war es klar: Weitermachen und nach vorne sehen. Ich dagegen sah mich mit einem gedankenverhangenen Nebel in meinem Kopf konfrontiert, der mich schier in mich hineinsog, der mich von der Außenwelt absorbierte, der mich komplett vereinnahmte und mich in Gänze verschlingen wollte.

Ich legte mich aufs Sofa und schloss die Augen, ich war müde und der Tag hatte viel Kraft gekostet. Ich wollte einen Moment alleine sein, mit meinen Gedanken und mit den neuen Impulsen, die Kathrin mir gegeben hatte.

Ich wollte selber herausfinden wie ich damit umgehen soll, denn ich konnte nicht einfach weitermachen; ich konnte auch nicht einfach die Fakten ignorieren. Ein neues Kapitel im Buch des Lebens beginnen, kam mir in den Sinn. Einfach umblättern. Das habe ich schon mal geschafft, das kannte ich. Aber die notwendige Entschlossenheit konnte ich im Moment nicht spüren.

Kapitel 3

Als ich aufwachte, zeigte die Uhr auf dem Vertiko halb sechs Uhr morgens an und mein erster Gedanke galt Albert.

Zumindest hatte ich nicht von ihm geträumt, dachte ich, und spürte, wie sich Widerstand in mir regte. Meine Gedanken lehnten sich auf, wollten einen Schlussstrich ziehen, eine Entscheidung finden oder mich zumindest aktiv werden sehen; sie konnten keine neuen Erkenntnisse mehr produzieren, keinen Sinn erkennen, sie waren am Ende. Jetzt sollte sich mein Körper engagieren. Ich musste aufstehen. Mein Nacken tat weh und ich fühlte mich steif, als hätte ich bis früh morgens gefeiert.