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Christopher S. Bergstedt

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Beschreibung

Ihre Kindheit und Jugend war geprägt von den strengen Moralvorstellungen und der allgegenwärtigen Kontrolle einer katholischen geistlichen Gemeinschaft, zu der ihre Eltern gehörten. Zwanzig Jahre später verbringen die Brüder Daniel und Rudger mit ihren Familien einen gemeinsamen Urlaub. Der Tod ihres Vaters und das unerwartete Eintreffen ihres Onkels Joachim bringen das fragile Gleichgewicht ihrer Beziehung ins Wanken. Alte Konflikte, Spannungen und persönliche Verletzungen brechen auf. Unausweichlich werden ungeklärte Fragen der Vergangenheit, die Auseinandersetzung über Lebensentscheidungen, persönliche Schuld und Verantwortung. Die katholischen geistlichen Gemeinschaften bzw. Erneuerungsbewegungen haben in den vergangenen Jahrzehnten innerkirchlich, oft durch geschicktes Auftreten gegenüber dem Klerus, einen immer größeren Einfluss gewonnen. Sie werden von Seiten der kirchlichen Hierarchie weithin unterstützt. Nach außen hin erscheinen diese Gemeinschaften in der Regel sehr lebendig. Nach innen hin sind sie vielfach geprägt von Moralismus, theologischer Enge, einem ideologisch abgeschlossenen Weltbild, sozialer Kontrolle und Machtmissbrauch von Seiten der Verantwortlichen. Besonders schwerwiegend sind die negativen Auswirkungen dieser Gemeinschaften auf Jugendliche, deren Eltern Mitglieder einer solchen Gemeinschaft sind.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Christopher S. Bergstedt

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ERNEUERUNG

Die zerstörerische Kraft einer katholischen geistlichen Gemeinschaft

Roman

www.tredition.de

Impressum:

© 2011 Christopher S. Bergstedt

Autor: Christopher S. Bergstedt

Umschlaggestaltung, Illustration: Felix V. Feyerabend – www.volker-feyerabend.de

Verlag: tredition GmbH, Mittelweg 177, 20148 Hamburg

ISBN: 978-3-8424-2228-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Personenregister

Hermann Schwingl (verstorben)

Vater von Daniel Kleven und Rudger Schwingl; Bruder von Bischof Joachim Schwingl

Leah Schwingl (verstorben)

verstorbene Ehefrau von Hermann Schwingl

Bischof Joachim Schwingl

Bischof von Aachen; Bruder von Hermann Schwingl; Taufpate von Rudger Gätjen

Matilda Schwingl (verstorben)

Mutter von Joachim und Hermann Schwingl

Otto Schwingl (verstorben)

Vater von Joachim und Hermann Schwingl

Daniel Kleven

Sohn von Hermann Schwingl; Bruder von Rudger Gätjen und Ehemann von Susanne Kleven

Susanne Kleven

Ehefrau von Daniel Kleven; langjährige Freundin von Rudger Schwingl

Lucas Kleven

9-jähriger Sohn von Daniel und Susanne Kleven

Doris Schwingl

Exfrau von Daniel Kleven

Rebecca Schwingl

17-jährige Tochter von Daniel Kleven aus erster Ehe

Rudger Gätjen

Sohn von Hermann Schwingl; Bruder von Daniel Kleven; Partner von Henrik Gätjen

Henrik Gätjen

Partner von Rudger Gätjen; Taufpate von Lucas Gätjen

Helmut Schuster

Vater von Leah Schwingl und Albert Schuster

Albert Schuster

Bruder von Leah Schwingl

Florian Schimmel

Assistent von Bischof Joachim Schwingl

Tim Sturm

Fester Freund von Rebecca Schwingl

Maria Hemrich

Mitglied der Trinitatisbewegung aus London

Christopher Reichendorff

Ehemaliger Freund von Rudger

Duncan und Iris

Volljährige Kinder der Vermieter des Cottages

Kapitel 1

Seit mindestens fünf Minuten blickte Daniel scheinbar aufmerksam zum Lesepult der Pfarrkirche Sankt Michael in Rederzhausen, an dem sein Onkel Joachim Schwingl, Bischof von Aachen, zu predigen begonnen hatte. Es war Freitag, der 6. August, und er hatte für die Beerdigung seines Vaters seinen Sommerurlaub unterbrochen. Er gähnte. Schon um kurz nach 4 Uhr war er mit dem Mietwagen in Kent aufgebrochen, um einen frühen Flug von London Heathrow nach München zu erreichen. Am Münchener Flughafen hatte er einen Wagen gemietet und mit diesem die verbliebenen 78 Straßenkilometer bis zu dem kleinen, südöstlich von Augsburg gelegenen Dorf zurückgelegt.

Die Innenausstattung der Kirche schien sich seit seiner Kindheit kaum verändert zu haben. Er ließ seinen Blick durch den Altarraum gleiten und blickte rechts in die geschickt integrierte Erweiterung des neogotischen Kirchenraums. Dunkelgrau gestrichene Stahlträger stützten ein Dach aus hellem Holz. Die seitlichen Wände des Anbaus bestanden aus dicht bemalten Glasfenstern. Links vom Altar stand der Eichensarg mit dem toten Körper seines Vaters, umgeben von Gestecken und Kränzen. Es hätte ihn interessiert, seinen Vater ein letztes Mal zu sehen, doch der Sarg war bereits verschlossen.

Es waren mehr als elf Jahre vergangen, seit Daniel seinem Vater das letzte Mal begegnet war. Bei diesem Zusammentreffen hatte er seinem Vater Susanne, seine Freundin und künftige Ehefrau, auf ihren Wunsch hin vorstellen wollen. Er war damals 27 Jahre alt gewesen und seit etwas mehr als einem halben Jahr geschieden.

Die Trennung von ihm und seiner ersten Frau Doris lag zu diesem Zeitpunkt mehr als anderthalb Jahre zurück. Sein Vater hatte mit Empörung auf die Trennung und die spätere Scheidung reagiert. Im Nachhinein bedauerte er, nicht mitgezählt zu haben, wie oft die Worte „Sünde“ und „verboten“ in den Telefonanrufen seines Vaters gefallen waren. Ironischerweise schrieb Daniel das Scheitern dieser Ehe der engstirnigen christlichen Erziehung und Sozialisierung zu, die Doris in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hatte. Trotzdem hatte er es abgelehnt, mit seinem Vater über die Trennungsgründe zu sprechen.

Aufgrund dieser Situation hatte Susanne vorgeschlagen, seinem Vater ihr Kommen zu verschweigen und nur seinen Besuch anzukündigen. Er war ihrem Vorschlag gefolgt und sie waren an einem späten Samstagmorgen von Hamburg nach Herne aufgebrochen.

Daniel konnte sich noch gut erinnern, mit welchem Gefühl der Beklemmung er die Türklingel betätigt hatte. Kurze Zeit später war sein Vater erschienen. Demonstrativ herzlich hatte sein Vater Susanne und ihn begrüßt und ins Wohnzimmer geführt. Sie wurden gebeten, auf einem neuen, mit hellem Velours bezogenen Rundsofa Platz zu nehmen. Sein Vater holte ein drittes Glas aus einem Schrank und füllte Apfelschorle aus einer bereitstehenden Karaffe in drei Gläser.

Nachdem sie getrunken hatten, fragte sein Vater, was ihn und seine Begleiterin denn nach Herne führen würde. Daraufhin hatte Daniel es für an der Zeit gehalten, Susanne als seine künftige Partnerin vorzustellen und seinen Vater die Einladung zu ihrer drei Monate später stattfindenden Hochzeit zu überreichen. Sein Vater war daraufhin aufgestanden und hatte ihn mit einem breiten Lächeln gebeten, ihn für einen Moment in die Küche zu begleiten.

Daniel war daraufhin der nur 1,74 Meter großen, hageren Gestalt seines Vaters durch den Flur des Erdgeschosses gefolgt. Und obwohl sein Vater durch lange Haarsträhnen, die von der rechten Kopfseite in einem großen Bogen über den gesamten Schädel gekämmt waren, stets versucht hatte, die darunterliegende Glatze zu verbergen, hatte Daniel erkennen können, wie sich die Kopfhaut seines Vaters in ein leuchtendes Rot verfärbt hatte.

In der Küche angekommen hatte sein Vater die Küchentür geschlossen und ihn empört angesehen. Die aufgerissenen und durch dicke Brillengläser vergrößerten Augen seines Vaters waren ihm wie die einer Kröte erschienen. Von der anschließenden Auseinandersetzung konnte sich Daniel nur noch an Wortfetzen wie „Leben im Stand der Sünde“, „Verbrechen“ und den finalen Ausruf „Verlass mit deiner Geliebten sofort mein Haus!“ erinnern. Jedenfalls hatte sein Vater nach diesen Worten die Küchentür mit einem pathetischen Gesichtsausdruck aufgerissen. Er war daraufhin ins Wohnzimmer marschiert und hatte Susanne gebeten, mit ihm sofort aufzubrechen.

Obwohl Susanne über den Ausgang ihres Besuchs nicht überrascht zu sein schien, war Enttäuschung in ihrem Gesichtsausdruck erkennbar gewesen. Ohne sich von seinem Vater zu verabschieden, hatten sie das Haus verlassen. Daniel wusste noch, wie er sich hatte beherrschen müssen, die Eingangstür nicht zuzuknallen.

Daniel atmete tief ein und spannte gleichzeitig für einen kurzen Augenblick die Muskulatur seines Körpers. Es schien nicht zu helfen, er wurde nicht wacher. Obwohl er seinen Onkel predigen hörte, erreichten ihn dessen Worte nur als scheinbar zusammenhanglose Wortfetzen.

Was wohl in Joachim vorging, fragte sich Daniel. Joachims Gestik wirkte lebendig und engagiert. Niemand würde vermuten, dass zwischen Joachim und seinem Vater stets erhebliche Spannungen spürbar gewesen waren. Die Gründe für diese Spannungen waren sowohl ihm als auch seinem um zweieinhalb Jahre älteren Bruder Rudger verborgen geblieben. Ob sich dies in den letzten Jahren geändert hatte? Er wusste es nicht.

Daniel senkte langsam seinen Blick und drückte seinen linken Oberarm eng an seinen Oberkörper, während er langsam den Unterarm nach rechts schob. Es gelang: Zwei Drittel des Ziffernblattes seiner Uhr wurden sichtbar. Es war 10.27 Uhr. Die Beerdigungsmesse für seinen Vater dauerte also schon fast eine halbe Stunde.

„So fand mein Bruder Hermann vor fünfunddreißig Jahren sein geistliches und menschliches Zuhause in der Gemeinschaft der Trinitatisbewegung.“

Daniel seufzte. Er hatte gehofft, sein Onkel würde sich in seiner Predigt auf die Auslegung des Evangeliums beschränken und auf ein Durchlaufen der Biographie seines Vaters verzichten. Schon allein aufgrund der langen Anund Abreise hatte Daniel sich auf einen anstrengenden Tag eingestellt. Trotzdem hatte er gehofft, am Tag der Beerdigung seines Vaters würde sich endlich das Gefühl der Erleichterung einstellen, das er sich seit seiner Kindheit für diesen Tag ausgemalt hatte. Stattdessen fühlte er sich bedrückt. Es war kein Gefühl des Verlustes oder Ausdruck eines Wunsches, noch einmal mit seinem Vater sprechen zu können. Ein solches Bedürfnis besaß er nicht. Vielmehr waren es die Empfindungen seiner Kindheit, die in dieser Kirche zu erwachen schienen: Gefühle von Enge, Unwohlsein und Machtlosigkeit. Es ärgerte ihn, sich im Alter von fast 39 Jahren erneut derart hilflos und unsicher zu fühlen.

Daniel wurde bewusst, dass diese Beerdigung ihn dazu gebracht hatte, sich einer Umgebung auszusetzen, deren Nähe er für immer hatte meiden wollen. Noch am Vorabend hatte er seinen Bruder gebeten, ihn in dieser Situation nicht allein zu lassen, doch Rudger hatte es abgelehnt, ihn zu begleiten. Er konnte Rudger verstehen und dennoch war es ihm inakzeptabel, ja unschicklich erschienen, der Beerdigung seines Vaters fernzubleiben. Es war dieses, von ihm noch nie verwendete, antiquierte Wort ‚unschicklich‘ gewesen, das ihm in den Sinn gekommen war, als er den Vorschlag seines Bruders, ebenfalls der Beerdigung fernzubleiben, abgelehnt hatte. Er hoffte, er war nicht erschienen, um einer gesellschaftlichen Konvention gerecht zu werden oder vor der Trinitatisbewegung den Eindruck angemessenen Verhaltens zu hinterlassen, denn anderenfalls, so schien es ihm, hätte sein Vater noch einmal gesiegt. Aber wenn es das nicht war, was wollte er hier?

Rudgers Ab- und seine Anwesenheit erinnerten Daniel schmerzlich an ihre Kindheit. Während es Rudger meistens gelungen war, sich ihrem Vater erfolgreich zu widersetzen, hatte er gewöhnlich nachgegeben. Doch auch wenn sein Bruder wesentlich konfliktbereiter gewesen war als er selbst, war ihr Vater Rudger gegenüber eher zum Einlenken bereit gewesen. Er hatte dies nie verstanden und Rudger dafür beneidet und gehasst. Und dennoch war es zwischen Rudger und ihrem Vater vor vierzehn Jahren zum Bruch gekommen, als ihr Vater Rudger als pervers und amoralisch bezeichnet hatte.

Obwohl Susanne ihn hatte begleiten wollen, hatte Daniel dies nicht gewollt. Es reichte, dass Susanne durch seine und Rudgers Konflikte mit der Vergangenheit in Berührung kam. Auf keinen Fall wollte er ein Zusammentreffen Susannes mit Mitgliedern der Trinitatisbewegung - dieser internationalen, vom Papst approbierten katholischen Erneuerungsbewegung, die seine Kindheit und Jugend zur Qual hatte werden lassen.

Glücklicherweise hatte Susanne nicht insistiert, sondern sich mit seiner Bitte zufriedengegeben, doch bitte bei ihrem gemeinsamen, fast neunjährigen Sohn Lucas, seiner siebzehnjährigen Tochter Rebecca aus erster Ehe und deren um ein Jahr älteren Freund Tim Sturm zu bleiben.

„Hermann war es wichtig, seine Söhne an den Glauben heranzuführen und ihnen die Erfahrung wirklicher Gemeinschaft der Glaubenden zu vermitteln.“ Joachim hielt kurz inne und schien für einen Moment seinen Blick über die Bankreihen gleiten zu lassen.

„Ja genau“, dachte Daniel spöttisch. „Eine Gemeinschaft zum Weglaufen. Falls du Rudger suchst, er ist nicht hier.“

Wieder ließ Daniel seinen Blick unauffällig zu seiner Armbanduhr gleiten. Frustriert stellte er fest, dass seit seinem letzten Blick auf das Zifferblatt kaum Zeit vergangen war. Die anderthalbstündige Verspätung seines Flugzeugs aus London schien ihm jetzt ein Geschenk gewesen zu sein. Er war zwar nur wenige Minuten nach Beginn des Gottesdienstes eingetroffen, aber diese geringfügige Verspätung hatte ihn davor bewahrt, in der vordersten Bankreihe Platz nehmen zu müssen. So hatte er die Kirche auch nicht durch den Haupteingang betreten, sondern durch eine kleine Tür auf der linken Seite des Kirchenschiffes und sich unauffällig auf einen freien Platz am Ende einer Bankreihe im hinteren Drittel des Kirchenschiffs gesetzt.

Langsam ließ Daniel seinen Blick über die Bankreihen der Kirche gleiten. Er wagte nicht, seinen Kopf zu sehr zur Seite zu drehen für den Fall, dass jemand aus den hinteren Reihen ihn als Sohn des Verstorbenen erkannt hatte. Sein Vater war für viele Jahre Mitglied der in der Nachkriegszeit gegründeten Trinitatisbewegung gewesen. Auch wenn ihre Mitglieder es gewohnt waren, ständig zu irgendwelchen Treffen zu reisen, überraschte es Daniel, in der vollen Kirche nicht nur Bewegungsmitglieder aus Augsburg und Umgebung, sondern auch aus Norddeutschland zu erkennen.

Schnell drehte Daniel seinen Kopf zurück in Richtung des Altarraums. Eigentlich konnte es ihm egal sein, ob Mitglieder der Trinitatisbewegung sich später über seine mangelnde Aufmerksamkeit oder gar sein scheinbares Desinteresse an der Predigt in der Beerdigungsmesse seines Vaters mit betont ernsten und betrübten Stimmen austauschten. Trotzdem legte er es nicht darauf an. Nicht einmal als Gesprächsgegenstand oder Klatsch, wie dies außerhalb der Bewegung genannt wurde, wollte er wieder Teil dieser Bewegung sein.

Für einige Minuten bemühte sich Daniel, der Predigt seines Onkels zuzuhören. Dieser schien sich wenigstens zu bemühen, bei der Lebensbeschreibung seines Vaters nicht zu heucheln.

„Als Mitglied der Trinitatisbewegung bezeichnete er den Glauben und das Streben nach Einheit als die zentralen Motive seines Lebens.“

„Richtig“, kommentierte Daniel in Gedanken. „Eine Einheit, die außerhalb der Trinitatisbewegung als ein Ergebnis von Manipulation und subtiler Machtausübung gelten würde.“

„Am 26. Juli erlag Hermann nach nur wenigen Monaten Krankheit seiner Krebserkrankung im Alter von 64 Jahren am Gedenktag der heiligen Anna, der Mutter unserer Gottesmutter Maria.“

„Natürlich, irgendein Verweis auf Maria hatte ja noch gefehlt“, dachte Daniel. Es wunderte ihn immer wieder, wie in Teilen der katholischen Kirche egal bei welchem Thema versucht wurde, am Ende noch einen Bezug zu Maria herzustellen.

„So lasst uns miteinander unseren Glauben bekennen.“

Erleichtert atmete Daniel auf, die Predigt hatte ihren Abschluss gefunden. Gemeinsam mit den anderen Gottesdienstbesuchern erhob er sich, um das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Anschließend setzte er sich und ein Chor auf der Empore begann „Laudate Dio“ zu singen.

Verblüfft registrierte Daniel die innere Berührung, die die Lieder der Trinitatisbewegung noch immer in ihm auslösten. Trotzdem fühlte er sich unwohl in der offensichtlichen Gegenwart so vieler Bewegungsmitglieder. Die Atmosphäre in der Kirche war aufmerksam, konzentriert und trotz des Anlasses gelöst, friedvoll, ja fast fröhlich. Der Gottesdienst schien getragen zu sein von einer spirituellen Dichte und Einmütigkeit, die für Veranstaltungen und Gottesdienste der Trinitatisbewegung typisch waren.

Daniel dachte zurück an die Zeit, in der er sich als Bewegungsmitglied auf Veranstaltungen der Trinitatisbewegung um neue Besucher hatte kümmern müssen. Immer wieder hatten diese ihm begeistert berichtet, wie sehr sie von der geistlichen Atmosphäre berührt gewesen seien. In ihm jedoch, mit dem Abstand der vergangenen Jahre, weckte diese bewegungstypische Atmosphäre nur Erinnerungen an die Schattenseite dieser Bewegung: eine gemeinsame Ideologie, die oft zu geistiger Enge, Blindheit gegenüber der Realität und zu einem geschlossenen Weltbild führte, in dem Widersprüche und Fragen keinen Platz mehr hatten und das Menschen in ihrer Entwicklung behinderte.

Er fragte sich, wie es seinem Onkel ging, die Beerdigungsmesse für seinen Bruder zu halten. Joachim hatte in der Vergangenheit die Trinitatisbewegung mit großer Skepsis betrachtet und war ihr stets mit großer Reserviertheit gegenübergetreten. Gegenwärtig war davon jedoch nichts zu spüren.

Daniel betrachtete seinen Onkel. Joachim sah mit seinen fast 66 Jahren noch immer erstaunlich gut aus: mindestens 1,80 Meter groß, schlank, volle kurze braune Haare, ein symmetrisch geschnittenes Gesicht mit hellblauen Augen und freundlichen Gesichtszügen. Schon rein äußerlich hätte der Kontrast zu seinem um 15 Monate jüngeren verstorbenen Bruder kaum größer sein können. Ob sein Vater wohl neidisch auf Joachims Aussehen gewesen war? Er vermutete es.

Als Daniels Sitznachbar aufstand, um zur Kommunionsausgabe nach vorne zu gehen, richtete sich Daniel ohne nachzudenken ebenfalls auf und folgte ihm durch die Bankreihe zum Mittelgang. Er spürte, wie sich einige Blicke aus den hinter ihm liegenden Bänken auf ihn richteten. Obwohl er diverse Gesichter erkannte, konnte er sich nur an wenige der Namen dieser Menschen erinnern. Er fühlte sich unbehaglich, nicht nur wegen der Blicke, sondern auch, weil er in Kürze seinem Onkel gegenüberstehen würde. Seine Beziehung zu Joachim war von Seiten seines Onkels stets freundlich, aber von seiner Seite aus über viele Jahre distanziert gewesen, da Joachim immer Rudger bevorzugt hatte.

„Der Leib Christi.“ Daniel bemerkte ein kurzes, freudiges Aufleuchten in Joachims Augen. Daniel zwinkerte kurz, sagte „Amen“ und drehte sich zum Kirchenraum, während Bischof Joachim sich der Frau rechts neben ihm zuwandte.

Langsam ging Daniel zu seiner Bank zurück. Es graute ihm davor, gleich außerhalb der Kirche den zahlreichen Mitgliedern der Trinitatisbewegung gegenübertreten zu müssen. Mit Einzelnen hätte er tatsächlich gerne gesprochen, aber mit den meisten nicht und schon gar nicht in dieser geballten Form. Als der Sarg seines Vaters aus der Kirche getragen wurde, blieb er deshalb in der Bank sitzen.

Es waren zehn Minuten vergangen, als Daniel sich langsam erhob und zum Friedhof hinüberging. Wie erwartet hatte das Ritual dort bereits begonnen. Zu seiner Überraschung traten einige kleine Tränen in seine Augen, als der Sarg seines Vaters in die Grube gesenkt wurde. Er konnte es sich nicht erklären und wischte sich die Tränen ärgerlich aus den Augenwinkeln. Als einer der Letzten trat er an den Sarg und blickte in die Tiefe. „Das war’s also“, dachte er. Er wusste nicht, was er seinem Vater für das Jenseits wünschen sollte, sofern dieses Jenseits tatsächlich existierte. „Das war’s“, war sicherlich nicht angemessen, doch er fühlte sich unfähig, einen versöhnlichen Gedanken zu fassen.

Daniel drehte sich nach rechts und ging langsam in Richtung des Friedhofstors. Er spürte auf ihn gerichtete Blicke, beherrschte sich aber, seinen Kopf zu heben. Unbehelligt erreichte er seinen Mietwagen. Als er jedoch den Schalter des elektronischen Wagenschlosses bedienen wollte, spürte er eine Berührung an seiner linken Schulter.

„Ja“, Daniel blickte auf und drehte sich. Vor ihm stand ein schlanker, 1,80 Meter großer, gutaussehender Anfang Dreißigjähriger mit schwarzen Haaren und kurz gestutztem Vollbart, schwarzem Hemd und anthrazitfarbener Hose. Oberhalb der Hemdtasche befand sich ein kleines silbernes Kreuz. „Aha, ein Priester“, dachte Daniel.

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin Florian Schimmel – der Assistent von Bischof Joachim. Mein Beileid.“ Florian Schimmel streckte Daniel die Hand entgegen.

Daniel ergriff die Hand und drückte sie. „Danke. Was kann ich für Sie tun?“

„Bischof Joachim möchte gerne mit Ihnen sprechen.“

Zögernd musterte Daniel Joachims Assistenten. „Ich habe aber nur wenig Zeit, da ich meinen Flug am Münchner Flughafen ohne Hektik erreichen möchte.“

„Das sollte kein Problem darstellen“, erklärte Florian Schimmel nach kurzer Überlegung. „Auch wir haben in Kürze zum Flughafen nach München aufzubrechen. Ich schlage vor, Sie beide fahren zusammen in Ihrem Wagen und ich folge Ihnen mit dem unsrigen.“

Das letzte Gespräch mit Joachim hatte Daniel wenige Monate vor seiner Ehescheidung geführt, also vor fast 12 Jahren. Joachim hatte ihn damals im Auftrage seines Vaters angerufen, um ihn auf die Möglichkeit der Annullierung seiner Ehe hinzuweisen. Joachim erklärte, die Umstände seiner ersten Eheschließung eröffneten gute Chancen, um eine solche zu erreichen. Der Vorschlag hatte Daniel erbost, auch wenn eine Annullierung ihm innerkirchlich künftige Schwierigkeiten hätte ersparen können. Zu sehr hatte dieser Vorschlag ihn an die formalistische Denkweise und Bigotterie seines Vaters und Teilen der katholischen Kirche erinnert. Wütend hatte er Joachim gefragt, welche Motivation er hinter dem Vorschlag seines Vaters vermutete. Betreten hatte Joachim geschwiegen.

Dennoch war Daniel letztlich dankbar für diesen Anruf gewesen, denn Joachim hatte ihn, nachdem das Thema der Annullierung erledigt gewesen war, nach den finanziellen Konsequenzen seiner bevorstehenden Scheidung gefragt. So hatte er Joachim von Doris Vorschlag berichtet, für eine einmalige Zahlung in Höhe von 20.000 DM zur Unterstützung des von ihr begonnenen Studiums auf jegliche künftige Unterhaltsansprüche, mit Ausnahme derer für ihre gemeinsame Tochter Rebecca, zu verzichten. Als er Joachim von seinen Gesprächen mit zwei Banken über die Aufnahme eines Kredites in dieser Höhe erzählte, bot Joachim ihm an, den Betrag als zinsloses Darlehen zu gewähren. Die einzige Bedingung sei, er dürfe ausnahmslos niemandem, auch Rudger nicht, davon berichten.

Zunächst hatte Daniel aufgrund seiner ambivalenten Gefühle Joachim gegenüber gezögert, das Angebot anzunehmen, sich dann aber noch während des Gesprächs dafür entschieden. Zu groß war die Entlastung, die ein solcher zinsloser unbefristeter Kredit für ihn bedeutete. Trotzdem hatte er den Betrag binnen weniger Jahre zurückgezahlt. Er hatte nie verstanden, warum sein Onkel, der seit seiner Kindheit zwar immer freundlich zu ihm gewesen war, ihn aber bei seinen Unternehmungen mit Rudger stets außen vor gelassen hatte, ihm auf einmal diesen Kredit gewährt hatte. Auch war es seit dem damaligen Telefonat zu keinem weiteren persönlichen Gespräch zwischen ihnen gekommen. Umso mehr wunderte es Daniel, warum sein Onkel jetzt ein Gespräch mit ihm wünschte.

„Wären Sie einverstanden, Bischof Joachim zum Flughafen mitzunehmen?“, fragte Joachims Assistent, der ihn still beobachtet hatte.

„Ja, natürlich.“ Daniel fürchtete, Joachims Anliegen bestand in einem Gespräch über die Situation ihrer Familie und gerade ein solches widerstrebte ihm, doch es war unangemessen, Joachims Gesprächsbitte abzulehnen.

„Gut, dann warten Sie doch am besten gleich hier. Ich werde mit Bischof Joachim sprechen.“ Florian Schimmel entfernte sich in Richtung Pfarrhaus.

Daniel beschloss, sich ins Auto zu setzen und dort zu warten. Er hoffte, so bis zur Ankunft Joachims oder der Rückkehr Florian Schimmels ungestört zu bleiben. Tatsächlich schien niemand den dunkelblauen VW Polo mit leicht getönten Scheiben zu beachten. Nach etwa fünf Minuten erschien Joachim in Begleitung seines Assistenten.

Daniel stieg aus dem Wagen. „Hallo, Joachim.“

Joachim kam ihm lächelnd entgegen und umarmte ihn. „Es ist lange her.“

„Das stimmt.“ Forschend betrachtete Daniel den Gesichtsausdruck seines Onkels, doch er konnte keine unterschwellige Kritik erkennen.

„Du bist allein gekommen?“

Daniel nickte. „Rudger bevorzugte es, auch mit Vaters Beerdigung nichts zu tun zu haben.“

Für einen Augenblick blickte Joachim unschlüssig auf den Asphalt der Straße. „Ich hätte gern mit euch beiden gesprochen.“

„Wenn du möchtest, kann ich Rudger etwas von dir ausrichten. Wir verbringen zurzeit gemeinsam unseren Urlaub in Kent.“

Joachim sah Daniel überrascht an. „Ihr verbringt gemeinsam euren Urlaub?“

Daniel lächelte. Offensichtlich waren Joachim die früheren Spannungen zwischen ihm und seinem Bruder nicht entgangen. „Ja, alle zwei Jahre. Es ist nun das dritte Mal. Eine Idee meiner Frau. Und es klappt wirklich gut.“

„Das freut mich. Sollen wir gleich losfahren? Wie ich von Florian hörte, bist du ein wenig in Eile.“

„Das ist richtig.“

„Dann bis später am Flughafen“, rief Florian Schimmel aus einigen Metern Abstand und entfernte sich.

„Er scheint nett zu sein“, bemerkte Daniel, als sie in den Wagen einstiegen.

„Das ist er. Und außerdem ist er ein Organisationstalent. Nach einem halben Jahr mit ihm als Assistenten würde ich nicht mehr auf ihn verzichten wollen.“

Daniel startete den Wagen und bog aus der Parklücke auf die Dorfstraße. Schweigend folgte er der Landstraße Richtung Friedberg. Er wünschte, die befangene Stille, die sich im Auto ausbreitete, durch eine Bemerkung oder Frage durchbrechen zu können, aber ihm fiel nichts ein. Ein Kompliment für die Predigt wäre sicherlich ein guter Gesprächsanfang gewesen, da er aber größtenteils nicht zugehört hatte, schien es ihm zu gefährlich, das Gespräch auf den Gottesdienst zu lenken.

„Ist das dein Navigationssystem?“ Joachim zeigte auf das an der Windschutzscheibe befestigte Gerät.

„Ja, das ist es. Wir verwenden es auch im Urlaub in Kent.“

„Wirklich praktisch. Ich habe auch ein Gerät dieser Marke.“

„Und wie geht es dir?“ Daniel warf seinem Onkel einen kurzen Seitenblick zu.

„Gut, danke. Und dir?“

„Auch gut.“

„Und wie geht es Susanne und deinen beiden Kindern? Wie alt sind deine Kinder eigentlich inzwischen?“

„Siebzehn und fast neun. Den beiden und auch Susanne geht es gut.“ Daniel wurde bewusst, dass er mit Ausnahme des Telefonats vor zwölf Jahren noch niemals ein längeres Gespräch mit Joachim geführt hatte.

„Du bist mir doch hoffentlich nicht böse, dass ich damals nicht zu eurer Hochzeit kommen konnte.“

Daniel spürte, wie Joachim ihn genau beobachtete. Die Frage verwunderte ihn. Zwar war Joachim zu seiner ersten Trauung von Münster, wo Joachim als Dozent an der theologischen Fakultät der Universität tätig war, nach Herne gekommen, doch zwischen ihm und Joachim hatte nie eine engere Beziehung bestanden. Schon aus Höflichkeit hatte er Joachim auch zu seiner zweiten Trauung eingeladen, insbesondere nach Joachims großzügiger Hilfe mit dem Kredit, doch er hatte nie mit Joachims tatsächlichem Erscheinen gerechnet. Umso verwunderlicher war es, dass Joachim dieses Thema anschnitt.

„Konntest du nicht oder wolltest du nicht?“

Joachim zögerte. „Ehrlich gesagt wäre ich gerne gekommen, ich hätte es zeitlich auch ermöglichen können, doch ich hatte Angst nach dem ganzen Konflikt mit deinem Bruder zu erscheinen. Noch dazu, weil du und Susanne euch in der evangelischen Kirche habt trauen lassen. Du weißt, wie die Kirche zu Ehescheidungen und Wiederverheiratungen steht. Ich fürchtete, damit Zielscheibe der Presse werden zu können.“

Die Erklärung Joachims ärgerte Daniel. Wie konnte Joachim nur annehmen, er hätte die Presse informieren wollen, um seinem Onkel zu schaden. „Das war nicht das Motiv unserer Einladung.“

„Ich weiß. Und ich habe es dir auch nie unterstellt. Aber als Bischof bin ich nur selten privat und bei einer Hochzeitsfeier sind in der Regel viele Gäste anwesend. Wie konnte ich sicher sein, keiner von ihnen würde meine Anwesenheit weitergeben.“

Daniel verstand nicht, warum es Joachim wichtig war, ihm diese Gründe zu nennen. „Du schriebst damals, du könntest aus zeitlichen Gründen nicht kommen und das war für uns in Ordnung.“

„Ich habe nur geschrieben, ich könnte nicht gekommen. Einen Grund habe ich nicht angegeben.“

„Du hast sicherlich recht. Vermutlich war es nur so formuliert, dass wir hatten annehmen müssen, der Grund deines Fernbleibens sei terminlich bedingt. Aber egal, wir hatten von dir sowieso nicht erwartet, extra wegen uns aus Aachen nach Hamburg zu kommen. So eng ist unsere Beziehung ja nun auch wieder nicht.“

„Was ich übrigens bedaure.“

Daniel war seinem Onkel einen verwunderten Blick zu. „An mir lag es sicher nicht.“

„Ich weiß.“

Daniel wartete auf eine Erklärung, doch Joachim schwieg. „Vater ist bei unserer Hochzeit übrigens weder erschienen noch hat er etwas von sich hören lassen.“

„In manchen Dingen war er ein Idiot.“

„Nur in manchen?“

„Lass uns wenigstens heute nicht so über meinen Bruder reden. Wie lange werdet ihr noch in Kent sein?“

„Noch eine Woche, das heißt bis zum 14. August. In diesem Jahr haben wir erstmals für vier Wochen eine alte Scheue gemietet, die in ein Ferienhaus umgebaut worden ist. Wir wollten einmal ausprobieren, wie es sein würde, die Vorbereitungen für das nächste Schuljahr nicht zu Hause zu erledigen, sondern gemeinsam und in Ruhe am Urlaubsort.“

„Ach ja, Susanne ist ja auch Lehrerin. Aber wie habt ihr es mit dem für die Unterrichtsvorbereitung erforderlichen Material gemacht? Ihr braucht doch sicherlich diverse Bücher, Kopien, Notebooks zum Arbeiten, vielleicht einen Drucker.“

Daniel lächelte. „Während wir übrigen geflogen sind, transportierte Rudger die Geräte und Materialien in seinem Auto und nahm eine Fähre von Holland nach England.“

Schweigend saßen sie einige Zeit nebeneinander. „Kann ich euch dort irgendwie erreichen?“

Daniel blickte seinen Onkel überrascht an. Er zögerte, Joachim die Telefonnummer ihres Cottages in Kent zu geben, da Rudger jeden Kontakt mit Joachim ablehnen würde, doch es schien ihm unmöglich zu sein, Joachim diese Information zu verweigern. „Das Cottage besitzt einen Telefonanschluss. Die Nummer habe ich in einer gelben Sammelmappe in meinem Rucksack. Du findest ihn hinter meinem Sitz.“

Joachim drehte sich und zog Daniels Rucksack hervor. Als er die gelbe Sammelmappe hervorgezogen und geöffnet hatte, fragte er: „Ist es das – das Oak Tree Cottage?“

„Ja, das ist es. Wenn in der Mappe mehrere Kopien der Wegbeschreibung liegen, kannst du dir eine Kopie nehmen.“

„Es sind zwei in der Mappe. Ich nehme mir eine davon.“ Joachim entnahm das oberste Blatt, faltete es und steckte es in die Brusttasche seines schwarzen Oberhemdes. „Danke, womöglich sind nach dem Tod eures Vaters einige rechtliche Fragen zu klären.“

Daniel dachte an sein Handy. Eigentlich war er auch über diese Nummer erreichbar, doch er war nicht bereit, im Ausland Roaming-Gebühren zur Regelung des Nachlasses seines Vaters zu bezahlen.

Für einige Zeit fuhren sie schweigend auf der Autobahn. „Es ist übrigens schön, dich wieder einmal zu sehen“, unterbrach Joachim die Stille.

Daniel blickte prüfend zu seinem Onkel, doch dieser schien es ernst zu meinen. „Geht mir auch so, auch wenn ich mich, ehrlich gesagt, etwas befangen fühle.“

„Willkommen im Club.“

Joachims Verhalten überraschte Daniel. Seit seiner Kindheit hatte er von Seiten Joachims mit Ausnahme des einen Telefonats kein wesentliches Interesse an seiner Person wahrgenommen.

„Wir müssen demnächst einmal zu dritt über Einiges sprechen. Dein Vater hat mich vor seinem Tod darum gebeten.“

„Das dürfte schwierig werden. Rudger ist auf dich, wie du weißt, nicht gerade gut zu sprechen.“

Joachim nickte. „Ich weiß. Lass uns einfach abwarten. Grüß ihn aber bitte von mir.“

„Das werde ich.“

„Auch würde ich gerne einmal deine Familie kennenlernen.“

Daniel zögerte einen Moment. „Es liegt an dir, uns in Hamburg zu besuchen.“

Joachim betrachtete Daniel nachdenklich.

Sie erreichten den Münchener Flughafen. Daniel gab den Mietwagen zurück und verabschiedete sich von seinem Onkel. Erleichtert, wieder allein zu sein, ging er zum Abflugterminal.

Kapitel 2

Es war bereits 22 Uhr, als Daniel mit dem Mietwagen, den er am Morgen am Flughafen London Heathrow geparkt hatte, vor dem Oak Tree Cottage vorfuhr. Das für seinen Flug vorgesehene Flugzeug hatte in München aufgrund eines technischen Defektes nicht starten können und er war gezwungen gewesen, auf einen späteren Flug auszuweichen.

Daniel parkte den Wagen parallel zur rechten Häuserwand, nahm seine Jacke und seinen Rucksack vom Beifahrersitz und verließ müde den Wagen. Er blickte in den dunklen, nur schwach bewölkten Himmel und lauschte dem Rauschen der Blätter. Bewundernd betrachtete er die Umrisse einiger großer, imposanter Baumkronen, die zu Eichen gehörten, die sich auf dem Anwesen befanden und offensichtlich dem Cottage zu seinem Namen verholfen hatten.

Die Vermieter schienen den Rasen gemäht zu haben. Langsam atmete Daniel den würzigen Duft des frisch gemähten Grases tief durch die Nase ein und schloss dabei für einen Moment die Augen. Dann blickte er in den das Cottage umgebenden Garten. Das durch die Fenster der Giebelwand fallende Licht reichte aus, den akkurat geschnittenen Rasen und einige Büsche zu erkennen.

Daniel lächelte und drehte sich zum Cottage. Die Architekten hatten die ehemalige Scheune in zwei Hälften geteilt. Der hintere Teil beherbergte im Erdgeschoss drei Schlafzimmer, von denen zwei mit je einem Doppelbett und eins mit zwei Einzelbetten ausgestattet worden waren. Jedes der Schlafzimmer besaß ein eigenes Badezimmer mit Dusche, das gerade für eine Person genügend Platz bot. Im ersten Stock oberhalb der Schlafräume befanden sich zwei weitere, von einer Galerie abgeteilte Schlafzimmer, die über eine offene Treppe vom vorderen Teil des Haus aus erreichbar waren.

Der vordere Teil des Cottages bestand aus einer großen, offenen Halle, die zugleich als Eingangshalle, Küche, Essbereich und Wohnzimmer diente. Einzelne Trennwände dienten der Strukturierung des Raums. Auch die Schlafräume des Erdgeschosses waren von der Halle aus über einen Flur zu erreichen, der durch eine Tür räumlich und akustisch abgeteilt war.

Daniel ging den Kiesweg auf der rechten Häuserseite einige Meter entlang, öffnete die Tür mit seinem Schlüssel und betrat leise das Cottage. Sein erster Blick fiel auf den aufgeräumten Küchenbereich und den langen Esstisch auf der gegenüberliegenden Hausseite. Er hängte seine Jacke an einen Garderobenhaken und zog seine Hausschuhe an. Er hörte Rudger und Susanne über die Hamburger Schulpolitik diskutieren. „Berufskrankheit“, dachte er und ging die etwa zwei Meter hohe Wand entlang, mit der der Sitzbereich vom Hauseingang abgeteilt worden war.

„Guten Abend miteinander“, sagte Daniel zur Begrüßung, als er der Sitzgruppe gegenüberstand. Er sah, wie Susanne, die auf dem mittleren roten Ledersofa mit dem Rücken zu ihm saß, zusammenzuckte und sich dann lächelnd zu ihm drehte.

„Oh entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Kein Problem. Hallo, mein Liebling.“ Susanne stand auf und umarmte Daniel. Ihre langen, hellblonden Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Leise flüsterte sie ihm ins Ohr: „Willkommen zurück. Wie geht es dir?“

„Es geht so.“ Zärtlich gab Daniel seiner Frau einen Kuss.

„Und hast du ihn erfolgreich unter die Erde gebracht?“, spottete Rudger.

Unwillig blickte Daniel zu Rudger, der auf dem rechten der drei u-förmig angeordneten Sofas neben seinem Lebenspartner Henrik Gätjen saß. Nachdem Daniel sich nur wenige Stunden zuvor von Joachim verabschiedet hatte, fiel ihm die große äußere Ähnlichkeit zwischen Joachim und Rudger auf. Auch wenn Rudgers Haarfarbe schwarz anstelle von braun war und er mit 1,84 Meter Körpergröße Joachim vermutlich geringfügig überragte, zeigten ihre Gesichtszüge und Körperstatur eine verblüffende Ähnlichkeit.

„Warum schaust du mich so an?“ Rudger beobachtete seinen Bruder verwundert.

Daniel zögerte, da seine Beobachtung Rudger nicht gefallen würde. „Ach nichts, ich bin einfach nur müde.“

„Hast du Hunger?“, fragte Henrik.

„Einen ziemlich großen sogar.“

„Das habe ich mir schon gedacht. Ich mache dir etwas warm.“ Henrik erhob sich vom Sofa und ging in den Küchenbereich.

„Das ist lieb von dir, danke.“ Gefolgt von Susanne setzte sich Daniel aufs mittlere Sofa.

Henrik und Rudger waren seit zwölf Jahren ein Paar und seit fünf Jahren verpartnert. Anders als Daniel, Rudger und Susanne war Henrik kein Gymnasiallehrer, sondern Illustrator, der sein Geld vorwiegend mit dem Zeichnen von Storyboards verdiente. Henrik war 40 Jahre alt, nur 1,76 Meter groß und zeigte einen kleinen Bauchansatz. Er besaß kurz geschnittene hellblonde Haare und trug als Bart einen sorgsam gepflegten Henriquatre.

„Ob’s dir passt oder nicht, ich soll dich von Joachim grüßen“, berichtete Daniel an Rudger gewandt.

Rudger verzog den Mund. „Danke, aber darauf kann ich verzichten.“

Daniel verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Er meinte es wirklich ernst und möchte demnächst mit uns beiden sprechen.“ Stichwortartig berichtete Daniel von seiner und Joachims gemeinsamen Fahrt zum Münchener Flughafen.

„Ich wüsste nicht, warum und worüber ich mit ihm sprechen sollte.“

Es fiel Daniel schwer, nicht die Augen zu verdrehen. Ungeachtet der nun vierzehn Jahre zurückliegenden Auseinandersetzung zwischen Rudger und Joachim, die Rudger zutiefst verletzt hatte, wünschte sich Daniel von seinem Bruder zumindest die Bereitschaft, Joachim anzuhören.

„Das wirst du kaum herausfinden können, wenn du nicht einmal bereit bist, mit ihm zu sprechen“, bemerkte Susanne und blickte einfühlsam zu Rudger.

Susanne war seit vielen Jahren mit Rudger befreundet. Er hatte sie an der Universität Hamburg in einer Pädagogikvorlesung kennengelernt, nachdem er dort nach seinem Rauswurf aus dem Augsburger Priesterseminar ein Lehramtsstudium für die Fächer Latein, Geschichte und Griechisch begonnen hatte. Daniel hatte Susanne nach seiner Trennung von seiner ersten Frau Doris kennengelernt, nachdem er vorübergehend in Rudgers Wohnung eingezogen war. Als Daniel und Susanne ein Paar wurden, hatte Rudger zunächst sehr reserviert reagiert und hatte erst langsam seine Befangenheit verloren.

„Warum sollte ich mir das antun?“ Rudger blickte verständnislos zu Susanne. „Ihr habt doch mitbekommen, wie es mir nach unserem letzten Zusammentreffen ging.“

„Das war vor vierzehn Jahren und du warst damals in einer anderen Situation als heute.“ Für Daniel war Rudgers Sturheit unfassbar.

„Ich werde darüber nachdenken.“

Aus Erfahrung wusste Daniel, dass es nun besser war, das Thema zu wechseln. „Wo sind eigentlich Rebecca und Tim? Lucas ist sicherlich schon längst im Bett.“

Susanne nickte. „Ja, Lucas war völlig erschöpft nach einem Ausflug mit Henrik. Rebecca und Tim sind in ihrem Zimmer.“

„Erst seit heute Abend oder schon den ganzen Tag?“

Susanne lächelte. „Seit etwa anderthalb Stunden. Beide waren heute mit mir einkaufen und haben mir beim Saubermachen geholfen.“

Tim war seit einem halben Jahr Rebeccas fester Freund. Sie hatte sich geweigert mit ihnen in den Urlaub zu fahren, wenn Tim sie nicht begleiten dürfe. Nach Rücksprache mit seiner Exfrau Doris hatte Daniel schließlich nachgegeben.

Außer zu den Mahlzeiten hatte sich Rebecca in den ersten Urlaubstagen die meiste Zeit mit Tim in ihr gemeinsames Zimmer zurückgezogen. Als Daniel mehrfach vor der verriegelten Zimmertür hatte warten müssen, bis Rebecca die Tür geöffnet hatte, erklärte er ihr, er sei nicht länger bereit, ihre Nichtteilnahme an den gemeinsamen Urlaubsaktivitäten zu akzeptieren. Schließlich einigten sie sich, sie und Tim würden bis 10.30 Uhr am Frühstückstisch erscheinen und sich nicht vor 21 Uhr in ihr Zimmer zurückziehen und die Tür verriegeln.

„Sie entdecken nun einmal ihre Sexualität.“ Lächelnd beobachtete Rudger seinen Bruder.

„Ich weiß, aber mir wäre es lieber, wenn dieser Prozess etwas weniger allgegenwärtig wäre.“

„Ich verstehe, was du meinst. Nur wirst du kaum etwas dagegen tun können.“

Obwohl Daniel seinem Bruder darin zustimmte, änderte dies nichts an seinem Unbehagen.

„Zumindest nimmt Rebecca die Pille“, versicherte Susanne.

„Als ob mich das beruhigen würde.“ Angesichts der wohl kalkulierten Bequemlichkeit seiner Tochter war Daniel überzeugt, Rebecca würde mit Sicherheit dafür sorgen, nicht schwanger zu werden. Seine Sorge galt daher weniger einer unbeabsichtigten Schwangerschaft als der persönlichen Reife seiner Tochter. Es frustrierte ihn, dass Susanne dies nicht zu begreifen schien.

Inzwischen hatte Henrik einen großen Teller mit Salat, Blumenkohl und Frikadellen vorbereitet. Als Henrik ihn rief, erhob sich Daniel, ging zum Esstisch und setzte sich. „Danke, das sieht ja gut aus.“

„Lucas persönlicher Essenswunsch für heute.“

„Du bist wirklich lieb zu ihm. Danke auch für den Ausflug, den du heute mit ihm unternommen hast.“

„Es war mir ein Vergnügen. Dir einen guten Appetit.“

Als er seine Mahlzeit beendet und das schmutzige Geschirr abgewaschen hatte, spürte Daniel große Müdigkeit in sich aufsteigen. Er beschloss, ins Bett zu gehen und wünschte den anderen eine gute Nacht.

Daniel hatte gerade seine Zähne geputzt und war mit dem Anziehen seines Pyjamas beschäftigt, als Susanne das Schlafzimmer betrat.

„War es sehr schlimm?“, fragte Susanne.

„Es ging. Ich fühlte mich nur sehr unwohl und wollte schnellstmöglich wieder weg.“

„Warum genau fühltest du dich so unwohl?“

Es fiel Daniel schwer, die Umstände in Worte zu fassen, die ein Gefühl der Beklemmung in ihm ausgelöst hatten. „Es war einfach zu viel: die vielen Mitglieder der Trinitatisbewegung und die typische Atmosphäre, die von ihnen ausging.“

Daniel sah Susannes fragenden Blick. „Die Atmosphäre war nicht schlecht, ganz im Gegenteil, aber sie erinnerte mich an früher, an diese Bewegung und all das, was mit ihr einhergeht: die Enge, die Selbsttäuschung, das ständige Harmonisieren aller Konflikte.“

Susanne nickte. „Ich weiß, Rudger ging es in der Vergangenheit auch so.“

„Ich dachte, Rudger ist gegen solche Empfindungen immun.“

Daniel bemerkte, wie Susanne ihre Stirn runzelte und ihr Blick einen missbilligenden Ausdruck annahm.

„Rudger hat die Bewegung immer eher analytisch betrachtet.“

„Und trotzdem hat auch er unter den Auswirkungen dieser Bewegung bei euch zu Hause gelitten.“ Susannes Stimme klang gereizt.

„Ja, und sich dem Ganzen ganz schnell entzogen.“

„Hätte er etwa auch zu diesen Treffen gehen sollen?“

„Sicher nicht – aber ich bin nur einfach immer noch wütend auf Rudger, dass es ihm im Gegensatz zu mir gelungen ist, sich weitgehend von der Bewegung fernzuhalten.“

„Aber dafür kann Rudger doch nichts“, protestierte Susanne.

„Ich weiß. Bitte entschuldige.“

Daniel nahm Susanne in die Arme. Es tat ihm leid, wenn seine Beziehung zu Rudger zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner Frau führte. Gewohnheitsmäßig verteidigte Susanne seinen Bruder, was ihn ärgerte, denn schließlich war er mit Susanne verheiratet. Doch Susanne war mit Rudger befreundet gewesen, bevor sie sich kennengelernt hatten, und Susanne zeigte in ihrer Freundschaft zu Rudger eine Loyalität, die keine Vorwürfe gegen seinen Bruder duldete.

„Lass uns ins Bett gehen.“ Susanne löste die Umarmung. „Ich bin müde und du sicherlich auch.“

Nachdem die Nachttischlampen ausgeschaltet waren, rollte Daniel sich in seine Bettdecke ein und schloss die Augen. Nach wenigen Minuten hörte er Susannes gleichmäßiges Atmen. Trotz seiner Erschöpfung schien es ihm unmöglich, einzuschlafen. Er dachte an die Mitglieder der Trinitatisbewegung, die er bei der Beerdigung gesehen hatte, und fühlte sich in die Zeit zurückgesetzt, in denen er einen Großteil der Wochenenden und auch viele Abende auf Treffen der Trinitatisbewegung verbracht hatte.

Jede Woche war er für viele Jahre zu den sogenannten Teamtreffen der jeweiligen Jugendgruppe gefahren, zu der er gehört hatte. An den Wochenenden fanden entweder Jugendtreffen aller in Teams organisierten Jugendlichen statt, offene Jugendtreffen, irgendwelche Aktionen oder sonstige Veranstaltungen der Trinitatisbewegung. Letztlich hatte er pro Monat maximal ein oder zwei freie Wochenenden. Darüber hinaus gab es noch Pfingsttreffen, Frühjahrstreffen, Herbsttreffen und in manchen Jahren zweiwöchige Sommertreffen, die dann mit einem Urlaub verbunden waren.

Regelmäßig waren ihm die vielen Treffen zu viel geworden. Er hatte sich ausgelaugt gefühlt. Vor Klausuren in der Schule und später im Studium hatte er oftmals nicht gewusst, wie er Zeit zum Lernen finden sollte. Gleichzeitig war es jedoch äußerst schwer gewesen, sich den Terminen der Bewegung zu entziehen.

Aufgewühlt dachte er an die Gespräche und Telefonate, die er über sich zu ergehen lassen hatte, wenn er einmal nicht zu einem Treffen kommen wollte. Stets hatte es mit einem Gespräch mit dem für das Team verantwortlichen Teamleiter begonnen, der selbst Mitglied des Teams war. Diesem hatte er seine Beweggründe darzulegen und sich zu rechtfertigen, warum es keine andere Lösung gebe, als dem Treffen fernzubleiben. Doch selbst wenn der Teamleiter im Verlauf des Gesprächs seine Situation nachvollziehen konnte, war damit die Angelegenheit nicht erledigt. Insbesondere im Falle von Wochenendveranstaltungen folgte meist kurze Zeit später ein Anruf des Jugendverantwortlichen der Trinitatisbewegung der Region Herne oder bei überregionalen Veranstaltungen des Verantwortlichen für den nordwestdeutschen Bereich. Gelang es ihm nicht, auch diesen Anrufer zu überzeugen, wurde er meist ein oder zwei Tage später von seinem Vater zu einem Gespräch gebeten. Letztlich war es in der Regel nur eine Frage der Eskalationsstufe, bei der er nachgab.

Daniel fragte sich, wie er diese Situation so viele Jahre hatte aushalten können. Den Druck hatte er fast permanent gespürt, doch auch er selbst hatte nur in großen Überlastungssituationen es für richtig erachtet, einem Treffen fernzubleiben. Sein Pflichtgefühl und die Sorge, den Willen Gottes durch ein Fernbleiben zu verraten, hatten ihn dazu gebracht, trotz seines Unbehagens Jahr für Jahr an den Veranstaltungen und Aktionen der Trinitatisbewegung teilzunehmen, auch wenn er sie fast nur als Belastung empfunden hatte. Die begeisterten Beschreibungen, die nach jeder Veranstaltung per Fax an die Bewegungsgründerin in Rom übermittelt wurden, hatte er nie nachvollziehen können.

Kopfschüttelnd dachte Daniel an ein Gespräch, das er im Alter von 26 Jahren vor einem großen Wochenendtreffen der Bewegung mit dem damals für ihn Verantwortlichen geführt hatte. Am Montag nach der Veranstaltung hatte er eine wichtige Examensprüfung abzulegen, auf die er sich aufgrund einer anderen Prüfung nicht ausreichend hatte vorbereiten können. Dies hatte er dem Verantwortlichen in dem Gespräch erklärt.

Anfänglich hatte sich der Verantwortliche noch mitfühlend nach seiner Examenssituation erkundigt, dann aber war dieser dazu übergegangen, ihm kritische Fragen zu seiner Bereitschaft zu stellen, den Willen Gottes zu tun. Als er noch immer erklärte, nicht an dem Treffen teilnehmen zu können, hatte der Verantwortliche begonnen, ihm vorzuwerfen, er habe kein Vertrauen in Gottes Führung und würde der Examensnote eine größere Bedeutung beimessen als der Einheit mit seinem Verantwortlichen.