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Michael Philipp

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Beschreibung

Die Eröffnungsfeier eines neuen Golfplatzes im niederbayerischen Altheim wird vom Fund einer Leiche überschattet: Der renommierte Schweizer Investigativjournalist Reto Keller ist offenbar mit einem Golfschläger getötet worden. Was wollte der Journalist auf dem Golfplatz? Der Landshuter Privatdetektiv Horst Overbeck und Kriminalkommissarin Eva Heinrichsen arbeiten zum Leidwesen des Leiters der Mordkommission zusammen an der Aufklärung dieses mysteriösen Mordfalles. Der manisch-depressive Ex-Verlobte von Eva Heinrichsen ist am selben Tag spurlos verschwunden, was ihn zum Hauptverdächtigen macht, hat er doch Reto Keller nach Landshut geholt. Doch schon bald stoßen Eva Heinrichsen und Horst Overbeck auf andere Verdächtige, die alle im Visier des Schweizer Journalisten waren und daher Mordmotive hatten. Welche Rolle spielt der langjährige Erbstreit zweier Cousins, deren Onkel der Vorbesitzer des Golfplatzareals war? Hat ein angesehener Landshuter Notar und Schatzmeister des Altheimer Golfplatzes sich bestechen lassen, um die eventuelle Testierunfähigkeit des demenzkranken Erblassers zu verschleiern? Ist die Auftragsvergabe des Golfplatzbaus an den Bauunternehmer Hovestadt nicht mit rechten Dingen vor sich gegangen? Overbeck und Heinrichsen rollen die verwobenen Fäden nacheinander auf und kommen schließlich zu einer überraschenden Aufklärung des Mordfalls.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Michael Philipp

Unter Mitarbeit von Nina Viktoria Philipp

Erschlagen

Mord am Golfplatz

Overbecks vierter Fall

Michael Philipp

Unter Mitarbeit von Nina Viktoria Philipp

Erschlagen

Mord am Golfplatz

Overbecks vierter Fall

Landshut-Krimi

swb media entertainment

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die

Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2022

ISBN 978-3-96438-035-7

© 2022 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw

Printed in EU

Umschlaggestaltung: Dieter Borrmann, Kleve

Lektorat: Johanna Ziwich

Satz: Julia Karl/ www.juka-satzschmie.de

Druck und Bindung: Custom Printing PL

Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.

www.suedwestbuch.de

[11.08.2017, Freitagabend, Wohnung Overbeck]

Wie an jedem Abend begann die Unterhaltung des Paares mit dem Austausch der jeweiligen Erlebnisse des Tages. Horst Overbeck fing mit den Neuigkeiten aus seiner Detektei an:

»Du glaubst gar nicht, wie uneinsichtig und undankbar manche Menschen sind, wenn man ihnen Ergebnisse präsentiert, die nicht ihren Erwartungen entsprechen. Heute zum Beispiel stürmte gleich in der Früh ein Klient herein und wollte sofort wissen, was meine Observierung der letzten vier Tage erbracht hätte. Vereinbart war eigentlich, dass ich seine Frau von Montag bis Freitag observiere und ihm dann nächste Woche Bericht erstatte. Wie auch immer. Ich habe ihm also gesagt, dass die werte Gattin an jedem der vier Tage zu Fuß zur Volkshochschule gegangen ist und von 9 bis 16 Uhr an einem einwöchigen Ikebanakurs teilgenommen hat. Statt erleichtert und beruhigt zu sein, wollte er das Ergebnis partout nicht glauben und beharrte darauf, dass sie nur zum Schein in das Gebäude der Volkshochschule gegangen sei, um sich dann über den Hinterausgang zu ihrem Geliebten davonzumachen. Er warf mir Unfähigkeit vor und verließ mein Büro unter Schimpftiraden über meine Zunft im Allgemeinen und mich im Besonderen.«

»Das klingt ganz danach, als wäre der Mann paranoid.«

Eva Heinrichsen wusste, wovon sie sprach. Sie hatte im Rahmen ihrer Hamburger Profilerausbildung drei Monate lang in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik Ochsenzoll hospitiert und dabei eine Reihe von Patienten mit paranoider Schizophrenie und paranoiden Persönlichkeitsstörungen erlebt.

Overbeck hatte das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er diesen Auftrag überhaupt angenommen hatte.

»Du sagst es, Eva. Das ist mir allerdings erst aufgrund seiner heutigen Reaktion klargeworden. Bei der Auftragserteilung hab ich das noch nicht erkannt. Immerhin hatte er eine Reihe von Indizien aufgeführt, die tatsächlich für ein Fremdgehen seiner Frau sprachen.«

»Wenn ich mich aus meinem Praktikum in der Psychiatrie recht erinnere, soll es für einen Eifersuchtswahn geradezu typisch sein, dass Realität und wahnhafte Interpretation eng miteinander verzahnt sein können.«

»Wie meinst du das?«

»Es kommt bei einer solchen paranoiden Entwicklung häufig vor, dass der Betroffene durchaus recht hat mit einigen seiner Annahmen. Er ist aber so verstrickt in seinem Wahnsystem, dass er durch rationale Argumente oder widersprüchliche Tatsachen nicht mehr korrigiert werden kann.«

»Dann ist der Betroffene also schizophren?«

Overbeck dachte an mehrere Fälle schizophrener Straftäter, bei denen seine frühere Freundin Eva Bommes die Schuldfähigkeit psychologisch begutachtet hatte.

»Solche Entwicklungen kommen nicht nur bei einer paranoiden Schizophrenie vor. Noch häufiger handelt es sich um abnorme seelische Entwicklungen auf dem Boden einer paranoiden Persönlichkeitsstörung. Und wie ich selber schmerzlich erfahren habe, kann ein Wahn auch im Rahmen einer Manie auftreten.«

»Du meinst Klaus Hovestadt?«

»Ja.«

Ein betroffenes Schweigen breitete sich aus, bis sich Eva einen Ruck gab und das Gespräch wiederaufnahm.

»Klaus hat sich übrigens heute wieder bei mir gemeldet.«

Eva wusste, dass Horst am liebsten überhaupt nichts mehr von seinem Vorgänger hören wollte. Sie wartete deshalb erst einmal ab, wie er auf diese Mitteilung reagieren würde.

»Hat er sich wieder verfolgt gefühlt wie vor einem Jahr?«

Eva dachte an seinen telefonischen Hilferuf. Auch damals war es ein Freitag gewesen. Am liebsten hätte sie ihm jede Hilfe verweigert, zu schmerzhaft war die Erinnerung an das gewesen, was er ihr in einer seiner gereizt-manischen Phasen angetan hatte. An jenem Freitag hatte er sich jedoch so verängstigt angehört, dass sie nicht umhingekommen war, ihm einen Gesprächstermin im Kommissariat am darauffolgenden Montag anzubieten. Klaus Hovestadt war jedoch nicht zu diesem Termin erschienen. Erst Wochen später hatte sie von ihm eine Erklärung per Mail bekommen: Seine Angst hatte derart zugenommen, dass er sich noch am gleichen Wochenende in die Psychiatrie der Landshuter Hammerbachklinik hatte einweisen lassen. Chefarzt Dr. Hofmeister hatte eine neue schizodepressive Episode im Rahmen seiner altbekannten bipolaren Erkrankung diagnostiziert und ihn sofort medikamentös behandelt. Daraufhin war die neue Episode innerhalb von zwei Wochen vollständig wieder abgeklungen. Nach dieser Mail hatte Eva bis zum heutigen Tag nichts mehr von Klaus Hovestadt gehört. Und das war auch gut so.

Horst Overbeck war bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, welche Wut das Thema Klaus Hovestadt in ihm auslöste. Er war ihm zwar noch nie persönlich begegnet, trotzdem hasste er diesen Kerl zutiefst, seitdem ihm Eva eines Tages berichtet hatte, was seinerzeit zur Trennung geführt hatte. Zwei Jahre alt wäre Evas Tochter in diesen Tagen geworden. Wenn da nicht der Faustschlag in ihren schwangeren Bauch gewesen wäre, den Hovestadt ihr in dieser gereizt-manischen Phase während eines an sich harmlosen Alltagsstreits versetzt hatte. Das Kind in ihrem Bauch war noch zu unreif gewesen, um die viel zu frühe Geburt überleben zu können.

»Warum wendet er sich an dich und nicht an seinen Psychiater, wenn er wieder krank ist?«

»Er hat sich zwar auch dieses Mal etwas ängstlich und angespannt angehört, aber bei Weitem nicht so, wie ich ihn sonst aus manischen oder depressiven Episoden kenne.«

»Und was wollte er von dir?«

»Er hat mich allen Ernstes gefragt, ob ich ihn morgen Abend auf die Eröffnungsfeier des neuen Golfplatzes in Altheim begleiten möchte.«

Overbeck spürte einen Anflug ärgerlicher Eifersucht.

»Hovestadt hat ja wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Versucht er erneut mit dir anzubandeln? Nach allem, was er dir angetan hat? Außerdem weiß er doch sicherlich, dass du jetzt mit mir zusammen bist!«

Overbeck dachte daran, dass Eva und er vor einem Jahr zueinander gefunden hatten. Seit dem Altstadtfest 2016, auf dem er sie mit seinem Jazz-Gesang und seinem Trompetenspiel verzaubert hatte.

»Wie ein Anbandeln ist es nicht bei mir angekommen. Er wollte mich in meiner Funktion als Polizistin dabeihaben.«

»Und was hast du geantwortet?«

»Ich habe das natürlich abgelehnt.«

»Wie hat er reagiert?«

»Er meinte, ich würde etwas verpassen. Er wolle nämlich zusammen mit einem Schweizer Journalisten auf dem Eröffnungsfest eine regelrechte Bombe platzen lassen, die angeblich mehrere Honoratioren für Jahre ins Gefängnis bringen würde. Ich habe ihm nahegelegt, offiziell Strafanzeige zu stellen, wenn er Anhalt für eine Straftat hat und habe dann den Hörer aufgelegt.«

[12.08.2017, Samstagspätnachmittag, Golfplatz Altheim]

Eine feierliche Stimmung herrschte unter den festlich gekleideten Damen und Herren. Sie hatten sich am Spätnachmittag am ersten Abschlag versammelt, um der feierlichen Eröffnung des neuen Golfplatzes beizuwohnen. Gründungspräsident Ernstl Dünnwald begrüßte die zahlreichen Honoratioren aus Stadt und Landkreis, dankte allen an Planung, Genehmigung, Finanzierung und Bau der Golfanlage Beteiligten, ließ kurz die Höhen und Tiefen der aufregenden letzten drei Jahre Revue passieren und schritt nun in freudiger Erregung zum symbolischen Eröffnungsschlag. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er seinen Driver aus dem Golfbag zog, einen goldlackierten Golfball aufteete und die Position einnahm, während der Clubmanager mit dem Ruf »for« das laute Murmeln der Festgesellschaft augenblicklich zum Verstummen brachte. Der Präsident konzentrierte sich auf den wichtigsten Schlag seiner noch jungen Golfkarriere, sprach den Ball an und rief sich selbstbeschwörend in Erinnerung, den Blick während des Schwungs starr auf der Ballposition zu halten und dem Ball im Moment des Auftreffens des Schlägers auf keinen Fall hinterherzuschauen. Dann holte er mit seinem Driver weit aus und schwang den Schlägerkopf elegant gegen den Ball, der daraufhin allerdings nur einen müden Hüpfer machte und noch vor dem Damenabschlag liegen blieb.

»Prost«, erschallte es aus der klatschenden Festgesellschaft, die sich nicht nur über die lang ersehnte Platzeröffnung freute, sondern auch über die Getränkerunde, die der Präsident nach alter Golferregel wegen seines missglückten Abschlags auszugeben hatte.

Die Festgemeinschaft zog laut schwätzend und lachend in das neu errichtete Clubhaus, um dort den ersten Gesellschaftsabend der Clubgeschichte zu feiern und weiteren Festansprachen des Landshuter Oberbürgermeisters, des Landrats und des Präsidenten des Bayerischen Golfverbandes zu lauschen. Lediglich ein Dutzend der jüngeren Clubmitglieder drängte es so sehr auf den Platz, dass sie auf den Beginn des Festabends verzichteten. Drei Flights mit jeweils vier Spielerinnen und Spielern machten sich in der freudigen Erwartung auf die Runde, bis zum Einbrechen der Dämmerung wenigstens noch neun Löcher spielen zu können.

Xaver Hartmann war der letzte Spieler, der am heutigen Spätnachmittag abschlug. Er hatte es in einer der letzten Mitgliederversammlungen durchgesetzt, dass Spieler einen angeleinten Hund mit auf die Runde nehmen durften. Dackel Iltis folgte brav seinem Herrchen und ließ sich unproblematisch an seiner Leine über den Golfplatz führen – bis zum neunten Loch.

Würde man die Schönheit, den Reiz und die Schwierigkeit aller 18 Golfbahnen miteinander vergleichen, so gäbe es keinen Zweifel daran, dass das neunte Loch am attraktivsten war: Von dem circa 50 Meter oberhalb des Clubhauses gelegenen Abschlag neigte sich das Fairway in trichterförmiger Verengung dem seitlich bunkerbewehrten Green entgegen, so dass ein guter Spieler mit einem einzigen, gut getroffenen Schlag durchaus das Green dieses Par 4-Lochs erreichen konnte. Aber wehe, man verzog den Schlag: Dann konnte es leicht passieren, dass der Ball rechts auf der Driving Range oder links im angrenzenden Kiefernwald verloren ging.

Xaver Hartmann sah zufrieden seinem Ball hinterher, der in gerader Linie in Richtung des Grüns flog und circa 20 Meter vor der Fahne zum Ruhen kam. In diesem Moment riss sich Iltis samt Leine vom abgestellten Golfbag los und rannte laut kläffend durch einen schmalen Spalt der linken Begrenzungshecke in den dichten Kiefernwald. Nachdem Iltis auf wiederholtes Rufen seines Herrchens nicht zurückkam, sah sich Xaver Hartmann gezwungen, den Hund aus dem Wald zu holen. Er drängte sich leise fluchend durch die dichte Hecke und stieß schon nach wenigen Metern auf seinen Dackel, der an einem schottisch karierten Tuchzipfel zerrte, der aus einem flach aufgetürmten Geäst herausragte. Xaver Hartmann ergriff die Leine seines Hundes und zog ihn weg von seiner Beute. Während er noch schimpfend auf seinen ungehorsamen Dackel einredete, verrutschte die oberste Lage des Geästs und gab eine Hand frei. Xaver Hartmann konnte nicht glauben, was er dort sah: Weitestgehend vom Geäst verdeckt lag eine in Golfkleider gewandete Person. Der jetzt auch für die menschliche Nase wahrnehmbare Verwesungsgeruch ließ keinen Zweifel aufkommen: Dieser Golfer hatte seinen letzten Schlag getan.

*

Polizeikommissar Hans Krauskopf parkte seinen Renault Clio in der hintersten Reihe des Parkplatzes und ging achtlos an den zumeist hochklassigen Limousinen vorbei, die den vierreihigen Parkplatz füllten. Polizeihauptmeister Hubert Stallhofer an seiner Seite pfiff dagegen immer wieder einmal anerkennend durch die Zähne und deutete am Parkplatzende kurz auf einen Audi A8, der vor einem Reservierungsschild mit der Aufschrift »Präsident« stand.

»Was meinst du, Hans: Wie viele Überstunden müssen wir kleinen Beamten schieben, um uns einen solchen Schlitten leisten zu können?«

Stallhofer erwartete auf diese rhetorische Frage keine Antwort, die dennoch prompt von Krauskopf kam.

»Überschlagsmäßig 5.000 Überstunden. Oder in deinem Fall: 10.000 nicht getrunkene Maß Bier.«

»So genau wollt ich es gar nicht wissen. Mir würde es übrigens völlig reichen, wenn ich so ein persönliches Reservierungsschild im Hof der Polizeidirektion hätte und nicht mehr jeden Tag in der Neustadt nach einem freien Parkplatz suchen müsste.«

*

»Die Herren sind von der Kriminalpolizei?«

Krauskopf und Stallhofer hatten gar nicht gemerkt, dass sie am Parkplatzausgang von einem jungen, sportlichen Mann erwartet wurden.

Krauskopf zeigte seinen Ausweis.

»Kriminalkommissar Hans Krauskopf. Und das hier ist mein Kollege Polizeihauptmeister Hubert Stallhofer. Und Sie sind?«

»Andreas Panske, der Golfclubmanager.«

»Dann führen Sie uns bitte zum Fundort und erklären Sie anschließend der Festgesellschaft in Ihrem Clubhaus, dass niemand das Gelände zu verlassen hat, bis wir mit jedem Einzelnen gesprochen haben.«

*

Der schlanke, fast unterernährt aussehende Krauskopf war dem Clubmanager leichtfüßig und mit federndem Schritt den Hügel hinauf bis zum Abschlag des neunten Loches gefolgt, während der deutlich übergewichtige Stallhofer schon ziemlich aus der Puste war, als sie oben ankamen. Der Clubmanager wies auf eine Gruppe von drei Golferinnen und Golfern, die offenbar beruhigend auf einen vierten am Boden sitzenden Mitspieler einredeten.

»Der da hinten sitzt und von seinem Dackel abgeschleckt wird, ist der Herr Hartmann. Er hat den Toten gefunden.«

»Sagen Sie ihm, wir kommen nachher zu ihm«, erklärte Stallhofer.

»Da geht’s hinein?« Krauskopf zeigte fragend auf den dichten Kiefernwald und auf die dicke Dornenhecke, die ein Hineindrängen fast unmöglich machte.

»Hier oben geht’s, da ist eine kleine Lücke in der Hecke. Folgen Sie mir bitte.«

Kaum hatten der Clubmanager und Krauskopf sich durch die Heckenlücke gedrängt, rief Stallhofer hinter ihnen: »Halt, ich hab hier was.«

Stallhofer streifte sich Plastikhandschuhe über, fingerte eine Asservatentüte aus seiner Jackentasche und stopfte ein kinderhandgroßes Stoffstück mit rotem Schottenmuster hinein, das sich in Kniehöhe in der Hecke verfangen hatte.

Krauskopf hob nach wenigen Metern ein rot-weiß-gestreiftes Flatterband an, mit dem die uniformierten Kollegen vom Bereitschaftsdienst den Fundort abgesperrt hatten. Er entließ Panske und ging zu den Mitgliedern der Spurensicherung, die in ihren weißen Ganzkörperschutzanzügen den Leichenfundort sicherten und gerade dabei waren, ihn mit Standgeräten auszuleuchten.

»Ein herzliches Grüß Gott, liebe Kollegen von der Mordkommission.« Gut gelaunt wie immer erhob sich Rechtsmediziner Dr. Erwin Meier von der Leiche, deren deformierter, blutiger Hinterkopf jetzt im gleißenden Scheinwerferlicht sichtbar wurde.

»Hier gibt’s Arbeit für Sie.«

Krauskopf und Stallhofer grüßten zurück.

»Was haben wir denn, Doktor?«

»Männliche Leiche, ca. 40 Jahre alt. Schlag auf den Hinterkopf mit einem stumpfen Gegenstand, vermutlich mit einem Golfschläger. Sichtbare Impressionsfraktur des Hinterhauptschädels. Der Mann war auf der Stelle tot. Todeszeitpunkt nach Maßgabe der Leichenstarre Freitag zwischen 12 und 22 Uhr. Genaueres hierzu kann ich erst nach der Obduktion sagen.«

»Und der Tatort?«, wollte Stallhofer wissen. »Hier zwischen den engstehenden Kiefern wird man kaum ungehindert mit einem Golfschläger ausholen können.«

»Sie sagen es, mein lieber Herr Stallhofer. Ablageort ist nicht gleich Tatort. Wäre er hier getötet worden, hätte eine Menge Blut austreten müssen. Ist hier aber nicht zu sehen. Der Mann war bereits tot, als er hier abgelegt und notdürftig mit Kieferästen abgedeckt wurde.«

»Ich glaub, ich hab es.«

Stallhofer schien ein Licht aufzugehen.

»Der Tote ist auf dem gleichen Pfad hierher geschleift worden, auf dem wir hergekommen sind.«

Stallhofer zog den Asservatenbeutel aus seiner Jackentasche.

»Dieses Stückchen Stoff aus der Hecke hat genau das gleiche Muster wie das Schottenhemd des Toten. Einen Augenblick bitte …«

Stallhofer bückte sich zum rechten Ärmel des Toten.

»Das hier passt doch genau zusammen! Wenn er mit einem Golfschläger umgebracht wurde, dann wahrscheinlich doch auf dem Abschlag oder in dessen Nähe. Danach wurde er durch die Heckenlücke geschleift und dabei hat sich der rechte Ärmel in den Dornen verfangen.«

»Dann soll die Spurensicherung den Umkreis zwischen Heckenpforte und Herrenabschlag unter die Lupe nehmen«, ordnete Krauskopf an. »Gut möglich, dass wir dort entsprechende Blutspuren finden.«

Und an die uniformierten Polizisten gewandt: »Habt ihr den Toten schon identifizieren können?«

»Leider nein. Kein Ausweis, kein Portemonnaie, kein Handy. Ich hab sein Gesicht fotografiert. Vielleicht erkennt ihn ja jemand von den Spielern oder den Festgästen.«

»Dann schick mir das Foto auf mein Handy und das meines Kollegen.«

Und an Stallhofer gewandt: »Befrag du bitte die Spieler, die die Leiche gefunden haben und komm danach ins Clubhaus. Ich fang dort schon einmal an, das Foto herumzuzeigen.«

*

Die Nachricht vom Fund einer Leiche hatte die Festgesellschaft zwischen Vorspeise und Hauptgang kalt erwischt. Die bis dahin ausgelassene Heiterkeit war mit einem Schlag einer schaurigen Neugier gewichen, die mangels genauerer Informationen immer wieder Wellen neuer Spekulationen durch den Raum laufen ließ. Als kurze Zeit später das erste Blaulicht durch die Fenster flackerte und nach und nach mehrere Autos am Clubhaus vorbei in Richtung Driving Range fuhren, verkündete der Clubmanager, dass niemand vor Eintreffen der Kriminalpolizei das Clubhaus verlassen dürfe. Damit wurden die Befürchtungen zur Gewissheit: Jemand war ermordet worden!

Eine halbe Stunde später wurde Präsident Dünnwald vom Clubmanager in die Vorhalle gebeten und mit Kriminalkommissar Krauskopf bekanntgemacht.

»Ernstl, der Herr Kommissar möchte, dass auch du dir das Foto des Toten anschaust. Ich bin mir sicher, es ist dieser Schweizer Journalist.«

Dünnwald brauchte nur einen Blick auf das Handydisplay des Kommissars zu werfen, um Panskes Feststellung mit einem »Mein Gott, der Keller!« zu bestätigen. Erschüttert suchte Dünnwald Halt am nächstgelegenen Stuhl.

»Wer ist dieser Keller und was wollte er hier auf dem Golfplatz?«

Nach einem kurzen Moment hatte sich der Präsident wieder gefangen und versuchte, die Fragen des Polizisten zu beantworten.

»Wenn ich das nur genau wüsste! Bauunternehmer Hovestadt hat ihn mir vor ein paar Wochen vorgestellt. Angeblich wollte Keller bei uns für eine Reportage über den Bau einer Golfanlage recherchieren. Ich habe zwar nicht verstanden, wieso ein Journalist aus der Schweiz ausgerechnet auf unser Projekt in der niederbayerischen Provinz gekommen ist. Aber mir war es recht, ein bisschen kostenlose Publicity kann ja schließlich nicht schädlich sein.«

»Und wie sahen die Recherchen dieses Journalisten aus?«

»Das ist es ja. Er hat sich fast täglich auf der Driving Range und im Pro-Shop herumgetrieben und Golfunterricht bei unserem Pro genommen. Ich dachte eigentlich, dass er mit mir ein ausführliches Interview führen und dann woanders weiterarbeiten würde. Tatsächlich hat es aber mehrere Wochen gedauert, bis er schließlich einen Termin mit mir vereinbart hat. Der sollte eigentlich heute nach dem Festabend stattfinden. Ich hatte mich schon gewundert, dass er zu unserer Eröffnungsfeier nicht erschienen ist, die wäre doch einen Zeitungsbericht wert gewesen!«

»Können Sie mir sagen, mit wem Keller häufiger Kontakt hatte?«

Dünnwald blickte fragend seinen Clubmanager an.

»Mit Hovestadt in erster Linie. Andreas, du weißt sicherlich noch mehr!«

Der Clubmanager überlegte einen Moment: »Mit unserem Golf-Pro Christoph Kraft und seiner Frau Bärbel, die hier den Pro-Shop betreibt. Ich glaube, er hat auch Gespräche mit unserem Schatzmeister Kramer geführt. Das war zwar ein bissl gegen die Etikette, schließlich spricht man doch mit dem Präsidenten als erstes, aber bitte, sei es drum.«

»Ich nehme an, die genannten Personen sind alle anwesend?«, fragte Krauskopf.

»Ich denke schon.«

»Dann machen wir jetzt Folgendes: Herr Panske, könnten Sie mir ein paar Ausdrucke des Gesichtsfotos machen? Ich maile Ihnen die Datei sofort zu, wenn Sie mir Ihre Email-Adresse geben.«

»[email protected]«

»Danke. Herr Dünnwald, würden Sie uns einen Raum zur Verfügung stellen, in dem wir ungestört mit dem einen oder anderen sprechen können?«

»Aber natürlich. Ich schließe Ihnen gerne das Vorstandszimmer im ersten Stock auf.«

In diesem Moment kam Hubert Stallhofer hinzu und nahm Hans Krauskopf zur Seite.

»Also, die Spurensicherung hat einen größeren Blutaustritt direkt auf dem Herrenabschlag vom neunten Loch gefunden. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Mann dort erschlagen wurde.«

»Und die Zeugen?«

»Die vier Golfspieler sagen alle, sie haben den Toten nicht gekannt und haben auch keinerlei besondere Beobachtungen gemacht.«

»Die Identität des Toten kennen wir inzwischen: Es handelt sich um einen Schweizer Journalisten namens Reto Keller.«

Krauskopf stellte seinen Kollegen dem Clubpräsidenten vor und erklärte sein weiteres Vorgehen.

»Herr Dünnwald, ich werde gleich in das Clubrestaurant gehen und fragen, ob noch jemand anderes den Herrn Keller gekannt hat oder sonst irgendwelche sachdienlichen Hinweise geben kann. Es wäre hilfreich, wenn der Herr Panske derweil das Foto des Toten herumzeigen würde und Sie anschließend die vier Herrschaften zu mir brächten, die Sie vorhin genannt haben.«

Kurze Zeit später kam der Clubmanager mit zwei Dutzend Fotoausdrucken zurück. Krauskopf instruierte ihn und ließ sich vom Präsidenten in das Restaurant führen.

*

Das laute Gemurmel der Festgäste erstarb augenblicklich, als der Clubpräsident Kommissar Krauskopf als Mitglied der Mordkommission vorstellte. Während Krauskopf in wenigen Worten vom Fund einer Leiche berichtete, ließ Stallhofer seinen Blick über den festlich geschmückten Restaurantsaal schweifen und beobachtete interessiert das Verhalten der etwa 100 Festgäste, die im Raum verteilt an Sechsertischen saßen. Nur ein einziger Gast saß nicht am Tisch, sondern lehnte lässig an der Theke und nippte an einem Whiskyglas, als würde er nicht dazu gehören.

Als Krauskopf mitteilte, dass es sich bei dem Toten um einen Schweizer Journalisten namens Reto Keller handelte und um sachdienliche Hinweise zu seiner Person bat, erschollen kurze Schreckensäußerungen. Eine zierliche Frau an einem der Randtische schrie kurz auf und sackte für einen Moment ohnmächtig auf ihrem Stuhl zusammen, um daraufhin von ihren Tischnachbarinnen nach draußen geleitet zu werden, gefolgt von einem Herrn, der aber zuvor an einem anderen Tisch gesessen hatte. Der Einzige, der von alledem scheinbar völlig unberührt blieb, war der Mann an Theke, der sich unbeirrt von der Bedienung noch einen Whisky einschenken ließ.

*

Auf einen Wink von Präsident Dünnwald hatte sich ein Herr aus dem hinteren Teil des Saales von seinem Tisch erhoben, war nach vorne gekommen und wurde Krauskopf als Schatzmeister Kramer vorgestellt.

»Max Kramer, Notar«, ergänzte dieser.

Als zweiten winkte Dünnwald den einsamen Mann vom Tresen herbei.

»Das ist unser Golf-Pro Christoph Kraft.«

Man sah Kraft an, dass er lieber weiter seinen Whisky getrunken hätte, als zu dem Kripobeamten gerufen zu werden.

Nach kurzem Umherschauen im Saal bat der Präsident seinen Manager, doch bitte Bärbel Kraft und Herrn Hovestadt hereinzubitten. An Krauskopf gewandt erklärte er:

»Unsere Bärbel Kraft hat die Mitteilung regelrecht umgehauen, ich nehme aber an, dass sie sich inzwischen wieder einigermaßen gefangen hat. Ihre Tischnachbarinnen und Herr Hovestadt haben sich ja rührend um sie gekümmert.«

Mit diesen Worten drehte er sich zum Golflehrer und zischte ihm vorwurfsvoll zu:

»Es wäre eigentlich deine Sache gewesen, dich um deine Frau zu kümmern. Was macht denn das für einen Eindruck!«

Der Golf-Pro wiegelte ab.

»Die Bärbel reagiert öfter so hysterisch. Mir hat ein Psychiater geraten, dass man Hysterikerinnen am besten keine Bühne bietet und gar nicht auf ihren Anfall reagiert. Außerdem hatten sich ja schon mehrere Damen um sie gekümmert.«

In diesem Moment kam der Clubmanager wieder herein.

»Frau Kraft und Herr Hovestadt sind gerade mit zwei getrennten Autos weggefahren. Ihren Tischdamen hat Frau Kraft erklärt, dass sie Kreislaufprobleme hat und nach Hause fährt.«

»Dann richten Sie beiden doch bitte aus, dass sie sich am Montagnachmittag hier im Clubhaus für eine Befragung zur Verfügung halten möchten. So, darf ich jetzt die Herrschaften Dünnwald, Kramer, Panske und Kraft bitten, mir in das Vorstandszimmer zu folgen.«

*

Der sonst so beredte Stallhofer war auffallend schweigsam, als beide Beamte nach der Zeugenbefragung wieder nach Landshut zurückfuhren.

»Na, was denkst du, Hubert?«, fragte schließlich Krauskopf. »Dein Kopf qualmt ja schon vor lauter kriminalistischen Erkenntnissen. Brauchst du wieder eine Maß Bier, um dein überlastetes Hirn abzukühlen?«

»Im Prinzip schon. Aber ich muss ja auf meine Luxuskarosse sparen. Scherz beiseite: Sehr ergiebig war das nicht, was wir gehört haben. Unauffälliger Typ, dieser Keller. Keiner hatte eine Idee, wer ein Motiv haben könnte. Weiß der Himmel, was einen Journalisten der Neuen Zürcher Zeitung an einem niederbayerischen Provinzgolfclub interessiert. Golfspielen hätte er auch in Zürich lernen können. Und richtig interviewt hat er bislang nur den Schatzmeister.«

»Und Notar, bitte schön!«

»Und Notar, von mir aus. Und dann diese hysterische Frau Kraft und ihr kaltschnäuziger Ehemann. Von wegen keine Bühne geben. Da stimmt doch etwas nicht zwischen den beiden.«

»Und zwischen diesem Hovestadt und der Kraft.«

Krauskopf nickte.

»Dann werden wir den beiden also am Montag ein wenig auf den Zahn fühlen.«

[14.08.2017, Montagmorgen, Polizeidirektion Landshut]

Der Mord auf dem Golfplatz war das bestimmende Thema der heutigen Morgenbesprechung der Mordkommission K1. Kriminalhauptkommissar Klaus Wünsche fasste die wesentlichen Punkte aus dem Bericht seiner Mitarbeiter Hans Krauskopf und Hubert Stallhofer zusammen.

»Das Opfer wurde also am Abschlag von Loch neun erschlagen. Vorläufiger Todeszeitraum: 12 bis 22 Uhr. Genaueres werden wir nachher von Dr. Meier bei der Obduktion hören, ebenso zur Mordwaffe. Hans, du begleitest mich um 13 Uhr in die Pathologie. Das Opfer wurde im angrenzenden Wald abgelegt. Wahrscheinlich sollte die Leiche zu einem späteren Zeitpunkt sicher entsorgt werden, der Zufall des Leichenfundes hat das jedoch verhindert. Tatzeugen gibt es bisher keine, zum Mordmotiv konnten die Befragten bislang nichts beitragen.

Was wissen wir vom Mordopfer? Ein Journalist aus der Schweiz. Wollte angeblich eine Reportage über den Bau eines Golfplatzes schreiben und hat sich ausgerechnet Altheim als Fallbeispiel ausgesucht. Als ob es für einen Journalisten nichts Aufregenderes gibt. Wir müssen in jedem Fall im Auge behalten, dass er vielleicht ein ganz anderes Ziel hatte.

Zur Person des Täters wissen wir bislang überhaupt nichts, haben nur die Vermutung, dass es sich um einen Golfspieler handelt.

Am Schluss noch ein paar weitere Fragezeichen: Wieso hat Frau Kraft so emotional reagiert? Wieso sind der Bauunternehmer Hovestadt und die Pro-Shop-Pächterin Kraft unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Identität des Toten zur gleichen Zeit verschwunden? Haben die beiden vielleicht eine Affäre?«

»Dafür würde die kühle Reaktion des Ehemannes Kraft sprechen«, bestätigte Stallhofer.

Wünsche hob gerade an, die weiteren Ermittlungsaufgaben zu verteilen, als sich Kriminalkommissarin Eva Heinrichsen zu Wort meldete, die bislang noch gar nichts gesagt hatte.

»Chef, ich muss euch etwas mitteilen. Ich kenne Herrn Hovestadt.«

Alle Augen richteten sich auf Eva.

»Hovestadt war mein früherer Hamburger Lebenspartner. Wir haben uns 2015 getrennt. Er ist Inhaber der Firma, die den Golfplatz gebaut hat.«

»Gut, dass du uns das sagst, Eva. Dieser Hovestadt könnte ein wichtiger Zeuge sein. Vielleicht hat er ja auch etwas mit dem Mord zu tun. Hubert, bestell du ihn ein und vernimm ihn. Du, Eva, bist vorläufig erst einmal raus aus den weiteren Ermittlungen, du weißt schon, Besorgnis der Befangenheit. Haben wir uns verstanden, Eva?«

»Jawohl, Chef!«, sagte Eva, während sie genau das Gegenteil dachte. Erst einmal würde sie selber mit Hovestadt sprechen und herausfinden, ob er irgendetwas mit dem Mord am Golfplatz zu tun hatte. Leicht würde ihr das sicherlich nicht fallen. Mit seinem Schlag in ihren Unterleib hatte er alles zerstört. Trotzdem: Er war krank, er konnte nichts dafür, dass er in seinen manischen Phasen immer wieder die Kontrolle über sich verlor.

*