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Die Hammerbachklinik Landshut – eine der modernsten Psychiatrien Deutschlands. Engagierte Pflegekräfte. Ärztliche Behandlung auf höchstem wissenschaftlichem Niveau. Und an der Spitze ein hocheffektives Leitungsgremium aus Geschäftsführerin, Pflegedirektor und Chefärztin. Ein perfektes Behandlungssetting. Wenn da nicht dieser mörderische März 2015 wäre. Der Suizid einer Privatpatientin – das kann man auch in der besten Klinik nicht immer verhindern. Zwei Patienten die am plötzlichen Herztod versterben – tragisch. Doch dann schlägt der Tod auch unerwartet bei einem Mitarbeiter der Klinik zu - ist das wirklich alles noch Zufall? Kann Kommissar Schlömer dieses rätselhafte Sterben stoppen? Privatermittler Horst Overbeck kommt den Ermittlungen von Schlömer mehr als einmal in die Quere. Overbeck verfolgt in dem Fall seine ganz eigene Agenda, um dem rätselhaften Sterben hinter den Klinikmauern auf den Grund zu gehen. Er muss sich endlich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Michael Philipp
Mörderischer März
Overbecks erster Fall
Michael Philipp
Mörderischer März
Overbecks erster Fall
swb media publishing
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
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Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2018
ISBN 978-3-946686-53-8
© 2018 Südwestbuch Verlag, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen
Lektorat: Johanna Ziwich, Waiblingen
Titelgestaltung: Dieter Borrmann
Titelfotoanimation: © Dieter Borrmann
Satz: swb media publishing
Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz
Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.suedwestbuch.de
Dienstag 03.03.2015. Nachmittags. Konferenzraum Klinikleitung
Hannelore Schneider hatte gerade das wöchentliche Treffen der Klinikleitung beendet. Es war wieder einmal eine dieser kräfteraubenden Sitzungen gewesen, in denen die persönlichen Auseinandersetzungen zwischen ärztlicher Direktorin und Pflegedirektor mehr Zeit gekostet hatten als die sachliche Arbeit. Aber sie hatte gelernt, solche Konflikte zu moderieren, ohne die Führung der Konferenz aus der Hand zu geben.
Hiltrud Schöne hatte sich bereits auf den Weg zum Chefarztzimmer der Hammerbachklinik gemacht, als Pflegedirektor Schulte sie einholte:
„Frau Professor, darf ich Sie noch einmal kurz privat sprechen?“
Schöne reagierte ungehalten: „Was gibt es denn, Herr Schulte? Meine Patienten warten.“
„Es geht um meine Nichte. Ich mache mir große Sorgen um Maike. Sie wirkt in den letzten Tagen wieder sehr depressiv. Ich glaube aber, es liegt nicht nur an ihrer unglücklichen Liebe. Da muss noch mehr hinter stecken. Sie hat kürzlich so seltsame Andeutungen gemacht. Es würde ein großer Skandal drohen, wenn diese Beziehung bekannt würde. Sie dürfte deshalb auf keinen Fall verraten, mit wem sie diese Beziehung unterhält. Ich will Sie ja gar nicht fragen, ob Sie als ihre Therapeutin Genaueres wissen. Ich weiß, Sie dürfen nicht darüber sprechen. Ich möchte Sie einfach nur bitten, ein besonderes Auge auf Maike zu haben. Sie ist jetzt auf der Depressionsstation bei Frau Dr. Steinhammer sicherlich gut aufgehoben. Aber die größten Stücke hält sie nun einmal auf Sie.“
Hiltrud Schöne sagte ihm zu, sich auch weiterhin intensiv um Maike Krumm zu kümmern und verabschiedete sich.
Dienstag 03.03.2015. Nachts. Depressionsstation der Hammerbachklinik
An diesem Abend hatte Maike Krumm überhaupt nicht in den Schlaf finden können. Nachdem ihr abendlicher Besuch sie verlassen hatte, war sie in eine Art Schockstarre gefallen. Bis sich dann endlich die Tränen gelöst hatten und sie sich heulend in ihrem Kissen vergrub. Dieses Mal hatten die Tränen aber keine befreiende Wirkung. Sie konnte ihre Gedanken einfach nicht abschalten. Wie konnte man ihr das nur antun? Hatte sie sich nicht bedingungslos hingegeben? Sich völlig unterworfen? Alles mitgemacht, was ihr an ausgefallenen sexuellen Praktiken abverlangt wurde? Und jetzt sollte plötzlich Schluss sein? Ohne jede Begründung? Völlig kalt und unberührt davon, was das für Maike bedeutete. Dass ihr damit ihre Lebensader abgeschnitten wurde.
Maike suchte die Rasierklinge aus ihrem Versteck hervor. Sie schnitt sich erneut in die Unterarme, wie so oft in solchen Situationen. Nichts passierte. Keine Erleichterung. Früher hatte es doch immer so gut funktioniert. Sie schnitt noch einmal. Und noch einmal. Ihre Verzweiflung wuchs. Sollte sie ihre Skills anwenden, die sie sich in der Verhaltenstherapie erarbeitet hatte? Nur, zu welchem Zweck? Um diese ganze Scheiße weiter auszuhalten? Ihr völlig wertloses und verkorkstes Leben weiter zu leben? Die bittere Suppe auszulöffeln, die ihr eigener Vater ihr in ihrer Pubertät eingebrockt hatte? Dieses Schwein. Die eigene Tochter! Nur er war schuld daran, dass ihre eigene Sexualität sich nie entwickelt hatte. Dass sie beim Sex nur Ekel empfinden konnte. Und trotzdem diesen Preis immer wieder zahlte, um andere an sich zu binden. Dennoch waren ihre Beziehungen immer wieder gescheitert. Wie auch jetzt wieder. Warum nur dieses Mal? Sie hatte so gehofft, endlich einmal Stabilität in einer Beziehung zu erreichen. Und nun stand sie vor dem Nichts. Nein, das war kein lebenswertes Leben mehr.
Maike knipste ihre Nachttischlampe an und suchte sich ein Blatt Papier. Während sie einige Zeilen schrieb, tropften immer wieder Tränen auf das Blatt. Dann ergriff sie erneut die Rasierklinge, löschte die Nachttischlampe und ging in die Nasszelle ihres Patientenzimmers. Dort kauerte sie sich in die Duschkabine, setzte die Rasierklinge am linken Handgelenk an und schnitt. Schön parallel zu den Sehnen und nicht quer, wie sie es früher noch getan hatte. Wenn man die Arterie treffen wollte, durfte man nicht quer über die Sehnen schneiden.
Als das Blut pulsierend hervorzusprudeln begann, breitete sich endlich die Entspannung in ihr aus, die sie jetzt so dringend brauchte. Und die sie nie wieder aufgeben wollte.
Montag 09.03.2015. Vormittags. Städtischer Friedhof
Die Beerdigung war genauso traurig und düster abgelaufen wie Maikes ganzes Leben. Ihre Eltern hatten wie erstarrt vor ihrem offenen Grab gestanden, unfähig, sich gegenseitig Halt zu geben. Außer ihnen, dem Onkel und seiner Frau, dem Pfarrer und den vier mürrisch dreinschauenden Totengräbern war nur Martha Hahne erschienen. Maikes beste Freundin und Gefährtin ihrer Kindertage. Mit der sie immer alles – fast alles – besprechen konnte, auch die Dinge, die sie sonst niemandem offenbart hatte. Nicht einmal zu ihrer eigenen Therapeutin hatte Maike ein solches Zutrauen gehabt wie zu Martha. Sie beide waren Seelenverwandte, waren gemeinsam zur Schule gegangen, hatten sich beide für das Studium der Sozialpädagogik entschieden. Und trotzdem hatte Martha nicht verhindern können, dass Maike dort tot im Sarg lag und nun in den kalten Boden versenkt und von der Welt vergessen wurde.
Nur Martha würde sie nie vergessen. Daran würden sie schon die Schuldgefühle hindern, die sie nicht erst seit Maikes Suizid quälten. Immer wieder stellte sich Martha die Frage, ob sie diesen Tod nicht hätte verhindern können. Nur wie? Wie lange schon hatte sie Maike gedrängt, sich zumindest aus dieser Abhängigkeit zu lösen. Zu wem bloß? Das war das Einzige, was Maike ihr nie verraten hatte. Worum sie ein Riesengeheimnis gemacht hatte. Als wenn es einen ungeheuren Skandal geben würde, wenn dies bekannt werden würde. Immer wieder war sie an Maikes entschiedenem Widerstand gescheitert, wenn sie versucht hatte, ihr Geheimnis zu lüften. Bis hin zur Drohung, sich selbst etwas anzutun, wenn Martha sie weiter so unter Druck setzen würde. Was sie im Laufe der letzten Jahre ja auch bereits mehrfach getan hatte. Und jetzt endlich damit erfolgreich war. Wäre es anders gelaufen, wenn sie doch versucht hätte, herauszubekommen, wer hinter dieser Beziehung steckte? Und Maikes Schwäche so offensichtlich für die Befriedigung eigener Bedürfnisse ausnutzte?
Seitdem Martha vom Suizid Maikes erfahren hatte, war sie von ihren Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen nahezu erdrückt worden. Als sie jetzt vor Maikes offenem Grab stand und ihrem Sarg mit einem letzten, stillen Gruß eine weiße Rose nachschickte, konnte sie diese Last kaum noch ertragen, drohte selbst in das Grab hinuntergezogen zu werden. Maikes Mutter berührte sie sanft am Arm und Martha drehte sich zu ihr um und barg ihre Tränen stumm an deren Schulter.
Martha fühlte sich einsam und verlassen, als sie den Rückweg vom Friedhof antrat. Die freundliche Aufforderung von Maikes Eltern, sie doch noch in ein Café zu begleiten, hatte sie dankend abgelehnt. Mit diesem Vater, der die größte Schuld an Maikes tragischer Entwicklung trug, an einem Tisch zu sitzen, wäre unerträglich für sie gewesen. Sein sexueller Missbrauch der eigenen Tochter war es schließlich gewesen, der Maikes Entwicklung überhaupt erst in diese fragilen Bahnen gelenkt hatte. Schon als sie damals davon erfuhr, hätte sie Maikes Vater am liebsten angezeigt. Den Herrn Professor mit seinen zwei Gesichtern: im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben spielte er eine hervorgehobene soziale Rolle und erfreute sich großer Anerkennung, zu Hause dagegen stieg er ab in die Niederungen eines sexuellen Missbrauchs der eigenen Tochter.
Auch damals hatte sich Maike mit aller Macht dagegen gewehrt, ihren Vater anzuzeigen, hatte eine kaum beschreibbare Angst vor den Folgen eines Öffentlichwerdens dieses Missbrauchs gezeigt. Damals hatte sie das erste Mal damit gedroht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wenn Martha auch nur ein Sterbenswörtchen über dieses düstere Geheimnis zu irgendjemand anderem reden würde.
Und jetzt war sie es, Martha, die dringend jemand zum Sprechen brauchte – jemand, der ihr sagen könnte, was sie damals und in den letzten Tagen von Maikes Leben hätte anders machen können und sollen. Ob sie Maikes Leben damit hätte wirklich retten können. Sie bräuchte einen professionellen Ratgeber. Nur wen?
Dienstag 10.03.2015. Morgens. Büro Chefärztin Professor Schöne
Prof. Dr. Hiltrud Schöne steuerte ihr Mercedes-Coupé auf den reservierten Chefarztparkplatz. Parkplätze waren auf dem pavillonartigen Klinikgelände Mangelware; nur für die drei Mitglieder der Klinikleitung und für die beiden Dienstwagen waren Plätze reserviert. Der Rest der Mitarbeiter und die Besucher mussten sich um einen der viel zu wenigen öffentlichen Parkplätze in der Tiefgarage streiten, was der Klinikleitung immer wieder Beschwerden von Angehörigen und Besuchern und eine große Unzufriedenheit der Mitarbeiter bescherte. Seitdem die Leitung jedoch auf die geniale Idee gekommen war, das Parken in der Tiefgarage gebührenpflichtig zu machen, ließen die Besucherbeschwerden spürbar nach; die Mitarbeiter waren zwar weiterhin unzufrieden, stiegen zumindest im Sommer jedoch zu einem großen Teil auf das Fahrrad um, um die Kosten für den Parkplatz zu sparen. Was ja auch der Umwelt diente.
Mit dem Rest des Klinikgebäudes war Hiltrud Schöne allerdings mehr als zufrieden. Unter der ärztlichen Leitung ihres Vorgängers war die Klinik erst vor 20 Jahren eröffnet worden. Ihr Neubau wurde damals als schönster und funktionell gelungenster Krankenhausneubau Bayerns gefeiert: eine Ansammlung von zweigeschossigen Gebäuden, die sich pavillonartig um ein Zentralgebäude gruppierten und mit diesem durch lichtdurchflutete Gänge verbunden waren. In den drei Pavillons waren jeweils zwei Stationen im Parterre und im Obergeschoss angesiedelt, sodass insgesamt acht offene und zwei geschlossene Stationen, eine Tagesklinik mit Institutsambulanz und eine großzügige Arbeits- und Beschäftigungstherapie Platz fanden. Im Zentralgebäude befand sich neben dem Verwaltungs- und Leitungstrakt noch eine eindrucksvoll große Mehrzweckhalle, die normalerweise als Sporthalle diente, im Bedarfsfall jedoch mit wenig Aufwand in einen Vortrags- und Veranstaltungsraum umgewandelt werden konnte. Abgerundet wurde die Ausstattung im Zentralgebäude durch ein Hallenbad mit Sauna und ein Café mit Einkaufsladen und Internetraum, welche von Patienten und Besuchern gut angenommen wurden.
Hiltrud Schöne musste jeden Morgen, wenn sie sich dem in weißem Putz und roten Giebeldächern erstrahlenden Klinikensemble näherte, befriedigt an den Neid ihrer bayerischen Chefarztkollegen denken, deren traditionsreiche Kliniken zumeist in nicht mehr zeitgemäßen alten Gebäuden untergebracht waren. Nur das vom Baujahr her vergleichbare Augsburger Bezirkskrankenhaus konnte mit der Landshuter Hammerbachklinik konkurrieren, wobei es eine auffällige architektonische Ähnlichkeit mit dem Landshuter Haus besaß. Sie konnte den Neid ihrer Kollegen regelmäßig erleben, wenn diese sich zweimal im Jahr zur bayerischen Direktorenkonferenz in einer der bayerischen Psychiatrien trafen und dabei turnusgemäß auch mehrfach nach Landshut kamen. Das Glück, damals annähernd 40 Mitbewerber um die Chefarztstelle aus dem Feld geschlagen zu haben, konnte allerdings nur unvollständig die Enttäuschung auslöschen, die immer noch in ihr nagte: sie hatte eigentlich nie in ein Versorgungskrankenhaus wechseln wollen; ihr berufliches Lebensziel war immer ein Lehrstuhl an einer Universitätsklinik gewesen. Dafür hatte es jedoch nicht gereicht. Bisher zumindest. Ganz hatte sie diese Hoffnung jedenfalls auch nach ihrem Amtsantritt in Landshut nicht aufgegeben. Wenn die jetzige Studie positiv ausginge, würde ihre Publikation wie eine Bombe einschlagen. Und das könnte ihr hoffentlich noch einmal eine neue Chance eröffnen.
Beim Eintreten in die Klinik dachte Hiltrud Schöne an die anstehenden Termine des Tages. Schulte hatte irgendein angeblich brisantes Thema ihre Studie betreffend angekündigt. Diesen Tagesordnungspunkt würde sie wie immer rasch erledigen. Schulte konnte ihr mal. Dann war da noch am Nachmittag gleich nach der Leitungskonferenz der Besuch dieses schleimigen Pharmareferenten. Wie sie diese ganze Berufsgruppe hasste mit ihrer Unterwürfigkeit, ihrer Inkompetenz und ihrem kaum verhohlenen reinen Umsatzstreben. Und erst diesen Huber! Dieser Vertreter seiner Spezies glaubte tatsächlich, einen besonderen Stein bei ihr im Brett zu haben. Nur weil er die Firma vertrat, mit der sie gerade die Allovar-Studie machte. Als wenn es sein Medikament und seine Studie wäre! Dabei hatte er damit überhaupt nichts zu tun. Ihre Ansprechpartner in der Firma hatten ein ganz anderes Kaliber. Standen weit über ihm. Und dann glaubte er noch allen Ernstes, eine besondere Nähe zur Chefärztin beanspruchen zu können, weil er ausgerechnet der Ehemann der stellvertretenden Pflegedirektorin war. Wenn der wüsste! Genau das Gegenteil war der Fall!
Hiltrud Schöne begrüßte ihre Sekretärin, hängte ihren Mantel in den Schrank und nahm die von ihrer Sekretärin vorbereiteten Unterlagen an sich, um umgehend und gerade noch rechtzeitig in den ersten Stock zur morgendlichen Ärztekonferenz zu gehen. Es machte sich immer schlecht, wenn die Chefin zu spät käme; genauso ärgerte sie sich darüber, wenn einer der Ärzte verspätet eintraf. Hiltrud Schöne hatte es sich deshalb angewöhnt, exakt um 8 Uhr 30 in der Ärztebibliothek zu erscheinen, um mit ihrem eigenen Vorbild ihre 30 nachgeordneten Ärzte und Psychologen zur Disziplin zu zwingen.
Die Morgenkonferenz begann mit dem Bericht des Dienstarztes über die Vorkommnisse und Aufnahmen der letzten Nacht. Danach trugen die Stationsärzte in knappen Sätzen die wesentlichen Informationen über die am Vortag regulär aufgenommenen Patienten vor. Danach fragte die Chefärztin die gestrigen Entlassungsdiagnosen ab, fragte nach den Ärzten, die heute Tag- und Nachtdienst hatten und schloss die Konferenz nach 20 Minuten mit aktuell anfallenden allgemeinen Informationen und Ankündigungen.
Der eigentliche Arbeitstag konnte beginnen.
Dienstag 10.03.2015. Spätvormittags. Büro Pflegedirektor Schulte
Alles war gut vorbereitet. Schulte war zum Mittagessen gegangen. Er konnte also nicht in seinem Zimmer sein. Und jemand anderes? Niemand würde es wagen, das Büro des Pflegedirektors in seiner Abwesenheit ohne triftigen Grund zu betreten.
Das vorsichtige Klopfen an der Bürotür des Pflegedirektors fand keine Antwort. Nach einer langen Minute gespannten Wartens klopft es erneut. Aber – sicher ist sicher. Fragen wir zunächst einmal. „Herr Schulte, sind Sie da?“
Keine Antwort.
Noch einmal ein lautes Klopfen und Fragen. Keine Reaktion. Also ist sicher niemand im Zimmer. Wie gut, dass man sich auf Schulte und seine Gewohnheiten verlassen kann. Das ist ja schon mehr als nur zwanghaft, was der sich für eine eiserne Selbstdisziplin auferlegt und jeden Mittag exakt um 12 Uhr 30 in die Klinikkantine geht.
Rasch den Nachschlüssel in das Schloss gesteckt – und schon sind wir drinnen in seinen heiligen Räumen. Ein Blick nach rechts, ein Blick nach links, es ist tatsächlich niemand anderes da. Und da steht sie, die Thermoskanne, und wartet darauf, dass Schulte auch nach dem Mittagsessen sein tägliches Ritual fortsetzt und Schluck für Schluck den von zu Hause mitgebrachten Rooibostee trinkt.
Den Deckel abgeschraubt und die mitgebrachten Tabletten in den Tee praktiziert. Man kann sich ja zum Glück darauf verlassen, dass er das Metformin überhaupt nicht bemerken wird. Völlig geschmacksneutral. 10 Tabletten sind mehr als genug und werden seinen Blutzuckerspiegel im Nu in den Keller sausen lassen. Hören und Sehen werden ihm vergehen. Hallo, was für eine treffende Formulierung! Und dann werden wir sehen, wie sein Hirn damit fertig wird. Oder besser: nicht damit fertig wird! Wie besoffen wird er sein. Na dann Prost, Herr Schulte! Und dann noch den Abschiedsbrief in den Posteingangskorb auf dem Schreibtisch gelegt. War doch gut, ihn aus dem Zimmer der Patientin mitzunehmen. Wenn Schulte erfahren würde, warum sich seine Nichte suizidiert hatte, würde ihm das sicherlich den Rest geben. So, und zum guten Schluss noch mit dem Papiertaschentuch über Brief und Thermoskanne gewischt. Das gibt einen Spaß. Falls Schulte später versuchen sollte herauszufinden, wer ihm diesen Streich gespielt hatte, würde der Verdacht auf die blöde Kuh fallen, deren DNA auf dem Taschentuch sicher nachgewiesen werden würde. Würde ihr ganz recht geschehen, die sind doch alle gleich, die Pfleger!
Dienstag 10.03.2015. Mittags. Büro Pflegedirektor Schulte
Als Martin Schulte vom Mittagsessen in sein Büro zurückkehrte, spürte er Erleichterung, noch einmal eine halbe Stunde mit sich und seiner Schreibtischarbeit allein sein zu können, bevor es wieder in die nachmittägliche Serie von Sitzungen und Gesprächen ging. An diesem Dienstag stand wie jede Woche um 14 Uhr 30 die zweistündige Sitzung der Klinikleitung an. Da galt es gut vorbereitet zu sein und fit, um in diesem ewigen Machtkampf zwischen Medizin und Pflege zu bestehen. Mit Geschäftsführerin Hannelore Schneider hatte er dagegen eine recht vertrauensvolle Arbeitsbeziehung. Die hatten sie sich beide in jenen Jahren erarbeitet, als sie noch satzungsmäßig gleichberechtigte Mitglieder im Dreierdirektorium des Krankenhauses gewesen waren. Auch als die Verwaltungsleiterin zur Geschäftsführerin berufen und damit seine direkte Vorgesetzte wurde, hatte dieses Vertrauensverhältnis Bestand gehabt.
Ganz im Gegensatz hierzu hatte sich die spannungsgeladene Beziehung zur ärztlichen Direktorin immer weiter verschärft. Frau Professor Dr. Hiltrud Schöne hatte schon immer aufgrund ihres akademischen Ranges und ihres beruflichen Selbstverständnisses den Anspruch erhoben, die eigentliche Führungskraft in der Klinikleitung zu sein. Gleich bei ihrem Dienstbeginn 2010 hatte Professor Schöne deutlich gemacht, dass ihr die formale Gleichberechtigung mit der Leitung von Verwaltung und Pflege im damaligen Dreierdirektorium überhaupt nicht passte. Sie hatte das für einen grundlegenden Konstruktionsfehler der Satzung des kommunalen Krankenhausträgers gehalten und keine Gelegenheit ausgelassen, dies immer wieder zu betonen. Hiltrud Schöne hatte diese Gleichsetzung als öffentliche Herabsetzung des ärztlichen Standes empfunden. Und diese Kränkung hatte sich dann noch einmal dramatisch verschärft, als 2012 durch die Rechtsformänderung die Geschäftsführerin auch zur Vorgesetzten der ärztlichen Direktorin wurde. Da sich Frau Professor Schöne jedoch gegen die Macht des Faktischen nicht wehren konnte, kompensierte sie ihr gekränktes berufliches Selbstwertgefühl dadurch, dass sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit wenigstens den Pflegedirektor zu dominieren versuchte. Hierfür gab es im Rahmen der wöchentlichen Sitzungen der Klinikleitung immer wieder reichlich Gelegenheit.
Heute würde es besonders schwierig werden. Er hatte einen Punkt auf die Tagesordnung gebracht, der Sprengstoff für das Ansehen der gesamten Klinik beinhaltete. Er hatte die ärztliche Direktorin bereits vorab per E-Mail in groben Zügen über sein Ansinnen informiert. Das Gespräch mit Oberarzt Dr. Hofmeister am Vormittag hatte ihm noch einmal bestätigt, dass diese Medikamentenstudie von Professor Schöne sofort beendet werden müsste. Zwei Todesfälle und keine Reaktion! Wenn das bekannt werden würde! Er wollte einen Beschluss der Klinikleitung erwirken, dass solche Medikamentenprüfungen an der Hammerbachklinik zukünftig überhaupt nicht mehr durchgeführt werden dürften. Dass er allerdings soweit gehen wollte, hatte er Professor Schöne in seiner E-Mail noch nicht mitgeteilt. Natürlich rechnete er damit, von Professor Schöne heftige Gegenwehr zu bekommen. Schließlich hatte sie ja immer wieder behauptet, dass das ärztliche Renommee der Klinik durch eine fundierte klinische Forschung erheblich gesteigert werde. Er hoffte aber, die Geschäftsführerin Hannelore Schneider auf seine Seite zu bekommen. Wenn er sie überzeugen würde, konnte sie auch aus eigener Machtbefugnis die sofortige Einstellung der laufenden Studie anordnen und zukünftige Medikamentenprüfungen dieser Art grundsätzlich verbieten. Trotzdem würde es in der heutigen Sitzung noch ein hartes Stück Arbeit werden. Und dies würde all seine Kraft erfordern.
Bei dem Gedanken an die ständigen Tiefschläge von Professor Schöne tröstete sich Martin Schulte mit der Gewissheit, von der großen Mehrheit der nachgeordneten Pflegekräfte des Hauses unterstützt und wertgeschätzt zu werden. Das hatte er gerade in den letzten Tagen erfahren, als er um seine Nichte trauerte. Dieser Rückhalt gab ihm auch die Kraft, diesen ständigen Machtkampf mit Frau Schöne durchzustehen. Und seine Selbstdisziplin. Er spürte immer schon in den Sog eines unkontrollierbaren Chaos gezogen zu werden, wenn er nicht jeden Tag an der eingeübten Routine festhielt. Sie gab ihm Halt und Stärke, und wenn es nur solche Kleinigkeiten waren, wie jeden Tag nach dem Mittagessen in Ruhe seine Post durchzuschauen und dabei seinen Tee zu trinken. In dieser Gewissheit ruhend trank Martin Schulte bedächtig Schluck um Schluck seines immer noch köstlich duftenden Rooibostees.
Es war mittlerweile kurz nach 14 Uhr. Martin Schulte hatte die Post fast vollständig durchgesehen und sorgfältig wegsortiert, als er auf einen handbeschriebenen Briefumschlag ohne Briefmarke und Posteingangsstempel stieß; der Brief musste also hier aus dem Hause stammen. „Meinem geliebten Onkel“ stand auf dem Umschlag. Schulte war irritiert. Er kannte nur eine Person, die ihn so nennen würde. Das war aber nicht ihre Handschrift. Sie hätte auch nicht in Druckbuchstaben geschrieben. Er öffnete den Umschlag. Diese Handschrift kannte er allerdings. Dieser Brief kam unverkennbar von seiner Nichte Maike Krumm. Im Brief selbst stand zwar keine Anrede, er musste aber an ihn gerichtet sein. Warum sonst diese Aufschrift auf dem Umschlag? Nur: wie war dieser Brief hierher gelangt? Die Postverteilung im Hause hatte ja schlecht wissen können, wer mit „Meinem geliebten Onkel“ gemeint sein könnte. Irgendjemand musste den Brief in seiner Abwesenheit direkt in seinen Posteingangskorb gelegt haben. Er begann zu lesen und erstarrte. Oh Gott, sie hatte ihm einen Abschiedsbrief geschrieben! Mit jedem Satz, den er weiter las, steigerte sich sein Entsetzen über die Verzweiflung seiner Nichte. Sie hatte ihm in den letzten Wochen ja mehrfach angedeutet, dass sie sich in einer unglücklichen Liebe verstrickt und erheblich unter der Ausweglosigkeit dieser Situation gelitten hatte. Jetzt wurde ihm klar, warum es zu ihrem Suizid gekommen war: Ihr Geliebter hatte die Beziehung abrupt beendet. Der Brief las sich eigentlich so, als wäre er direkt an den Geliebten gerichtet; das konnte aber nicht sein, der Umschlag war doch ausdrücklich an ihn, den Onkel, gerichtet! Um wen es sich bei dem Geliebten handelte, ging aus diesem Schreiben allerdings nicht hervor. Es wurde nur deutlich, dass es sich um eine tabuisierte Beziehung gehandelt hatte. Er hatte aus früheren Andeutungen ja schon lange den Verdacht gehabt, dass Maike von ihrem eigenen Vater sexuell missbraucht worden war. Das musste in ihrer Pubertät gewesen sein. Hatte er sich etwa erneut an Maike vergriffen?
Schulte hatte keine Zeit mehr, weiter hierüber nachzudenken. Er wollte und musste pünktlich zum Sitzungsbeginn im Konferenzzimmer sein. Außerdem fiel es ihm im Moment immer schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen. Dieser Abschiedsbrief hatte ihn offenbar so tief erschüttert, dass sich eine Benommenheit in seinem Kopf breit machte. Rasch packte er die benötigten Unterlagen für die Klinikleitungssitzung zusammen, hob dabei die aufeinandergelegten Blätter einmal kurz an und klopfte sie mit ihrer Unterkante so lange vorsichtig auf den Schreibtisch, bis alle Ränder des Blätterkonvoluts exakt übereinander lagen. Jetzt konnte es losgehen. Wenn nur diese Benommenheit nicht wäre! Martin Schulte wischte sich Schweißperlen von seiner Stirn, die sich in den letzten Minuten gebildet hatten. Es fröstelte ihn. Sollte sich da ein grippaler Infekt anbahnen? In den letzten Tagen husteten und schnupften ja so viele Mitarbeiter und Patienten, dass man sich kaum noch wirksam vor diesen Viren schützen konnte. Dabei war Martin Schulte dafür bekannt, dass er nahezu phobisch versuchte, jeden Körperkontakt mit potentiellen Virusträgern zu vermeiden, besonders in Zeiten grassierender Erkältungen. Wer ihn kannte, wusste, dass es sinnlos war, ihm bei der Begrüßung die Hand zu reichen: er würde den Händedruck höflich, aber bestimmt ablehnen, mit der entschuldigenden Bemerkung, dass es besser wäre, wenn man den Viren und Bakterien keine Gelegenheit gäbe, von Mensch zu Mensch übertragen zu werden. Gleichwohl: einen absoluten Schutz gerade im Krankenhaus gab es nicht. Und so akzeptierte Martin Schulte die Möglichkeit, dass seine Schutzmechanismen nicht gegriffen und sich die Erkältungsviren ihren Weg in sein Innerstes gebahnt hatten.
Energisch entschloss er sich, aufzustehen und den wartenden Pflichten entgegenzugehen. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, überkam ihn ein plötzlicher Schwindel, der ihn zwang, sich am nächstbesten Gegenstand festzuhalten, kurz in die Knie zu gehen und den Oberkörper so lange nach vorne zu beugen, bis sich der offenbar kurzfristig abgesackte Blutdruck wieder erholt hatte. Zu schnell aufgestanden. Das Problem kannte er ja schon, seitdem er in der Pubertät innerhalb nur eines Jahres wie ein Spargel in die Höhe geschossen war und schließlich die stattliche Länge von 1,99 Meter erreicht hatte. Ein Zentimeter mehr, und er hätte sich einen Zwei-Meter-Riesen nennen können. Nun gut, man konnte nicht alles erreichen. Aber er war gleichwohl stolz auf seine überragende Statur und nahm es deshalb gerne in Kauf, wenn sein Kreislauf diesem langen Weg der Blutzirkulation bis zum Gehirn gelegentlich den Tribut eines leichten Schwindels beim schnellen Aufrichten zahlen musste. Aber so heftig, wie das gerade eben der Fall war, hatte er es schon lange nicht mehr erlebt. Na ja, die sich anbahnende Grippe würde diese orthostatische Hypotonie noch weiter verstärken. Und seitdem sich die Zuckerkrankheit bei ihm eingestellt hatte, musste er damit rechnen, dass dies auch nicht gerade förderlich für seine Kreislaufregulation war.
Nachdem er seine Bürotür zugezogen hatte ging Martin Schulte mit schwankendem Schritt und zunehmender Benommenheit zum Treppenabgang, der ihn zum Konferenzzimmer im Parterre führen würde. Auf der obersten Stufe stehend schwindelte es ihm erneut, er beugte sich wie gewohnt reflektorisch nach vorne und spürte, dass sein rechter Fuß über die nächste Stufe hinaus ins Leere trat. Er stürzte nach vorne. Der Versuch, sich mit der rechten Hand noch am Treppengeländer festzuhalten, misslang und führte nur dazu, dass er sich im Nachvornestürzen um die eigene Achse drehte, so dass er schließlich nach einer endlos erscheinenden Sekunde des Schwebens hart mit dem Hinterkopf auf dem Treppenabsatz aufschlug. Im gleichen Augenblick hörte er ein fürchterliches Knacken im Hals, als wenn man einen trockenen Ast zerbricht. Dann war es nur noch dunkel um Martin Schulte.
Dienstag 10.03.2015. Frühnachmittags. Konferenzraum der Klinikleitung
„Wo bleibt er denn nur?“ Hiltrud Schöne unterstrich den Ärger dieser Feststellung mit einem festen Schlag ihrer kleinen Faust auf den Konferenztisch.
„Ungewöhnlich. Schulte ist sonst immer überpünktlich. Ich kann mich nicht erinnern, wann er das letzte Mal zu spät gekommen ist.“ Auch Hannelore Schneider war irritiert, suchte aber wie immer nach einer entschuldigenden Erklärung.
„Und warum hat er dann nicht angerufen und Bescheid gegeben? Oder seine Vertretung geschickt? Die Huber hat zwar nichts in der Birne, stört dafür aber auch nicht unsere Entscheidungsfähigkeit, wie das Herr Schulte mit seinen pedantischen Diskussionsbeiträgen und seinen ständigen Bedenken immer tut.“ Hiltrud Schöne ließ keine Gelegenheit aus, ihrer Verachtung gegenüber der Pflegedienstleitung Ausdruck zu geben.
Bevor sie jedoch fortfahren konnte, sich über das Duo Schulte und Huber auszulassen, unterbrach sie Frau Schneider: „Ich glaube, es hat keinen Sinn, länger zu warten. Eine halbe Stunde unserer Sitzungszeit ist bereits vorbei, wir sollten jetzt die Dinge bearbeiten, die nicht unmittelbar den Pflegedienst betreffen. Da wäre …“
Hannelore Schneider wurde im Satz jäh durch ein heftiges Klopfen an der Tür des Konferenzzimmers unterbrochen, die im gleichen Moment vom diensthabenden Arzt aufgerissen wurde.
„Tut mir leid, dass ich hier so hereinbreche. Ich muss Sie leider stören. Es ist etwas Schreckliches passiert. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen das sagen soll.“ Dr. Schmidtke machte eine kurze Pause, um den Angesprochenen einen Moment zu geben, sich auf die folgende Mitteilung einzustellen und sich zu sammeln.
„Und, Herr Kollege? Raus mit der Sprache.“ Die Chefärztin konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ihre Ärzte lange um den heißen Brei herumredeten.
„Der Pflegedirektor ...“
„Ja? Was ist denn mit Herrn Schulte, Herr Dr. Schmidtke?“ fragte Frau Schneider.
„Er – er hatte einen Unfall. Einen schlimmen Unfall …“
„Was ist passiert, Schmidtke?“
„Er – ist – tot …“
„Nein!“ Hannelore Schneider schrie entsetzt auf und schlug sich die Hände vor das Gesicht. „Das kann doch nicht wahr sein!“
„Einen genauen Bericht bitte, Herr Kollege. Haben Sie ihn gesehen? Herzinfarkt? Schlaganfall?“
„Er wurde mit gebrochenem Genick auf einem Treppenabsatz liegend gefunden. Einer seiner Schuhe lag ein paar Stufen höher. Ich vermute, er ist gestolpert und dann die Treppe heruntergestürzt. Genaueres wird die Gerichtsmedizin feststellen müssen. Ich habe jedenfalls die Polizei informiert, sie müsste jeden Moment eintreffen.“
Dienstag 10.03.2015. Nachmittags. Irgendwo in der Hammerbachklinik
Ach du Scheiße! So war das nicht geplant. Schulte sollte eigentlich nur einen Denkzettel verpasst bekommen. Dass er sich gleich das Genick bricht, hatte ich nicht beabsichtigt. Das war nicht meine Schuld. Warum hat er nicht besser aufpassen können? Das bisschen Benommenheit konnte es doch nicht sein. Aber sei es drum. Hin ist hin. Jeder kriegt das, was er verdient hat.
Dienstag 10.03.2015. Nachmittags. Büro Geschäftsführerin Schneider
Der Anblick des toten Pflegedirektors hatte Hannelore Schneider mit der Wucht eines Vorschlaghammers getroffen. Sie musste sich am Treppengeländer festhalten und gegen einen heftigen Brechreiz ankämpfen. Jahrelang war sie nun schon in ihrer Krankenhausarbeit von Krankheit und Tod umgeben. Sterberaten waren zu einem überlebenswichtigen Qualitätskriterium jedes Krankenhauses geworden und wurden ihr deshalb vom Controller fortlaufend berichtet. Aber einen toten Menschen selbst hatte sie noch nie gesehen. Und das hier war nicht irgendein anonymer Toter. Das war ein Mensch, den sie seit Jahren kannte und schätzte. Der ihr in seinem Fühlen und Denken näher stand, als sie es Schulte zu dessen Lebzeiten jemals gesagt hatte. Dafür war die Distanz zu groß, die sie als Geschäftsführerin zu den anderen Leitungsmitgliedern einhalten musste, um ihrer wirtschaftlichen Aufgabe gerecht werden zu können. Ihr Haus sollte und durfte zwar keine Gewinne erwirtschaften, wie das die Anteilseigner privatisierter Krankenhäuser verlangten. Ihre Tätigkeit wurde vom Landkreis Landshut, dem kommunalen Träger, daran gemessen, dass die Klinik keine Defizite machte. Und das hieß: wenn die Ausgaben drohten, die Einnahmen zu übersteigen, musste dort gespart werden, wo dies am schnellsten und wirksamsten möglich war. Und das waren nun einmal die Arzt- und Pflegestellen. Mit einer Geschäftsführerin, die immer wieder mit dem Skalpell des Stellenabbaus in den Personalkörper der Klinik schneiden musste, konnte man nicht befreundet sein, weder als Pflegedirektor noch als ärztliche Direktorin.
Hiltrud Schöne ließ sich dagegen kaum eine emotionale Reaktion ansehen. Sie blickte auf die Szene mit der nüchternen Souveränität der erfahrenen Ärztin. Vor ihr befand sich eine Traube von erschrockenen, entsetzten, um Fassung ringenden Menschen, die hilflos um die grotesk verrenkte Leiche von Martin Schulte standen. Da sie wusste, dass sich der Dienstarzt Dr. Schmidtke bereits um den Toten gekümmert hatte, galt ihr Interesse mehr dem Verhalten der anderen als dem Menschen, der da reglos vor ihr lag. Selbst im Tod konnte sie kein Mitleid, sondern nur Verachtung für Martin Schulte empfinden.
Auch der drohende Fassungsverlust von Hannelore Schneider weckte in ihr weniger Anteilnahme als vielmehr ein amüsiertes Überlegenheitsgefühl. Dennoch wollte sie es der Geschäftsführerin ersparen, vor versammelter Mannschaft zusammenzubrechen. Sie packte die Schneider deshalb am Oberarm, richtete sie wieder auf und entschied, die hilflos wirkende Chefin des Krankenhauses in deren Zimmer zu begleiten.
Nachdem sich Professor Schöne verabschiedet hatte, saß Hannelore Schneider etliche Minuten lang zusammengesunken und still weinend an ihrem Schreibtisch, den Kopf auf beide Hände gestützt. Ihre Gedanken kreisten um das Schicksal von Martin Schulte. Unfassbar! Was für ein Verlust! Hannelore atmete tief durch. Sie durfte sich vor ihren Mitarbeitern nicht gehen lassen, musste so schnell wie möglich ihre Fassung wiedergewinnen. Sie richtete sich wieder auf, straffte ihre Haltung. Sie bräuchte jetzt ein wenig frische Luft. Das würde ihr guttun.
Hannelore Schneider stand auf, ging zum hinteren Treppenabgang des Verwaltungsflurs und gelangte über den Notausgang auf den Rundweg, der sich um den Gebäudekomplex zog. Während sie mit langsamen Schritten die Klinik umrundete und diesen Rundgang mehrfach wiederholte, kreisten ihre Erinnerungen um die prägenden Erlebnisse, die sie in den vergangenen Jahren mit Martin Schulte gehabt hatte. Und das waren allesamt Kämpfe gewesen, die Schulte in ihrer Anwesenheit gegen Hiltrud Schöne geführt hatte. Er argumentierend, ausgestattet mit seinem Wissen um Führungskultur und Führungsverhalten, und sie pochend auf ihren akademischen Titel und ihren ärztlichen Führungsanspruch. Schulte gewann diese Kämpfe stets nach Punkten wegen seiner besseren Argumente, was allerdings nichts an der Ignoranz von Hiltrud Schöne änderte. Besonders eingeprägt hatte sich ihr dabei eine Szene, in welcher Martin Schulte am Ende einer hitzigen Debatte mit Hiltrud Schöne aufstand und der Chefärztin wütend einen wissenschaftlichen Artikel auf den Tisch knallte. Das hier sollte sie einmal lesen! Von einem Chefarztkollegen in einer Zeitschrift des Chefarztverbandes publiziert. „Chefarztqualifikation und Qualitätsmanagement“ – so war der Artikel überschrieben –, hier war unter anderem das idealtypische Anforderungsprofil an einen kooperativen, ermächtigenden, fehlerverzeihenden Führungsstil gezeichnet – das genaue Gegenteil dessen, was Hiltrud Schönes autoritäres, direktives und strafendes Führungsverhalten charakterisierte.
