Tod eines Asylreisenden - Michael Philipp - E-Book

Tod eines Asylreisenden E-Book

Michael Philipp

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Beschreibung

In seinem fünften Fall hilft Privatdetektiv Horst Overbeck seiner Freundin Kommissarin Eva Heinrichsen bei der Aufklärung des Mordes an einem kurdischen Asylbewerber. Ist die verbotene PKK darin verwickelt? Oder ist der Mörder im Schleusermilieu zu suchen? Der Tote hatte die illegale Einreise von Landsleuten finanziert, die entsetzlich schiefging. Overbeck muss sich mit einer ihm fremden Kultur auseinandersetzen.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Michael Philipp

Tod eines Asylreisenden

Overbecks fünfter Fall

Ein Landshut-Krimi

Michael Philipp

Unter Mitarbeit von Maria Mangliers

eines Asylreisenden

Overbecks fünfter Fall

Landshut-Krimi

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de ab rufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2024

ISBN 978-3-96438-074-6

© 2024 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw

Lektorat: Johanna Ziwich, Waiblingen

Titelgestaltung: Gerd Schweikert, Waiblingen

Satz: Julia Karl, Oberrot

Druck, Verarbeitung: Custom Printing PL

Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

[21.01.2018, Sonntagfrühmorgen, Hammerbachklinik Landshut]

Die sedierenden Psychopharmaka schienen an Klaus Westermann wie Wasser abzuperlen. Ärzte und Pflegekräfte der Hammerbachklinik mussten Tag für Tag ein erhebliches Maß an Überzeugungskraft aufwenden, um seinen ungebremsten manischen Aktivitätsdrang tagsüber einigermaßen zu begrenzen. Nur die Nachtschwester der offen geführten psychiatrischen Station hatte seinem verminderten Schlafbedürfnis kaum etwas entgegenzusetzen. Wenn sie Glück hatte, legte sich der Patient nach Mitternacht in sein Bett und tauchte für ein paar Stunden nicht am Stationszimmer auf.

In dieser Nacht jedoch fand Westermann gar keine Ruhe. Immer wieder fragte er sich, weshalb sein Zimmernachbar Ahmet Demiray vom Samstagsausgang nicht zurückgekehrt war. Zwar hatte er zu seinem Mitpatienten bislang kaum eine nennenswerte Beziehung aufbauen können, was eher an dessen misstrauischer Grundhaltung als an seinen noch rudimentären Deutschkenntnissen lag. Aber irgendwie hatte sich Klaus Westermann in den letzten fünf Tagen seit Demirays stationärer Aufnahme so sehr an diesen mürrisch-verschlossenen Kurden gewöhnt, dass ihn dessen unerwartetes Fehlen irgendwie beunruhigte.

Westermann war in dieser Nacht mehrmals zum Stationszimmer gekommen und hatte die Nachtschwester wiederholt gefragt, ob sie schon irgendetwas von Demiray gehört habe. Sie hatte dies stets verneint und darauf verwiesen, dass Demiray nur zur psychiatrischen Begutachtung auf Station sei und deshalb kein Anlass bestehe, ihn am Wochenende nicht zu Hause übernachten zu lassen.

Um sechs Uhr morgens wurde Klaus Westermann wieder von seinem manischen Aktivitätsdrang gepackt. Er hatte der Nachtschwester die Erlaubnis abgerungen, seine tägliche Joggingrunde rund um die Hammerbachklinik heute eine Stunde früher als sonst zu absolvieren. Dass es draußen noch dunkel war, störte den jungen Maniker nicht im Geringsten, war der Rundweg um die Hammerbachklinik doch die ganze Nacht über von Laternen erleuchtet.

Das schmatzende Abrollen seiner Laufschuhe war das einzige Geräusch, das die nächtliche Stille durchbrach. Vor wenigen Tagen noch war der Rundweg von einer geschlossenen winterlichen Schneedecke bedeckt gewesen. Das Tauwetter der letzten Tage hatte jetzt nur noch einzelne Schneeinseln übriggelassen, die im matten Licht der Laternen glitzerten und Westermann zeigten, wie er seine Schritte setzen musste, um nicht in die Schmelzwasserpfützen zu treten.

Die kühle Winterluft strich anregend über seine Haut. Dass er trotz winterlicher Temperaturen nur mit Shorts und einem kurzärmeligen Sporthemd bekleidet war, störte ihn nicht im Mindesten. Westermann war sich im Klaren darüber, dass seine Therapeuten diese Kälteunempfindlichkeit für genauso gestört und behandlungsbedürftig hielten wie sein vermindertes Schlafbedürfnis, seinen überbordenden Aktivitätsdrang und seine ansteckende Heiterkeit. Er selber genoss diesen Zustand und empfand ihn als Glücksfall. Der einzige Grund dafür, dass er sich trotzdem in eine stationäre Behandlung begeben hatte, war die wiederholte schmerzliche Erfahrung, dass dieser Zustand in absehbarer Zeit innerhalb weniger Tage in eine lähmende Depression umschlagen würde. Es gab nichts Schlimmeres und auch nichts Gefährlicheres, als in dieser Depression alleine und ohne Hilfe zu sein; mehrfache Suizidversuche in früheren Depressionen zeugten davon, wie unerträglich dieses depressive Gefühl der Gefühllosigkeit für ihn war.

Umso mehr genoss Westermann die gegenwärtig noch gesteigerte Empfindungsfähigkeit. Neugierig saugte er alle Sinneseindrücke in sich auf. Er blickte überall herum, um Anzeichen des erwachenden Tages zu erhaschen. Als er nach einer Runde wieder beim Haupteingang vorbeikam, nahm er am Rande seines Sichtfeldes einen ungewohnten Schattenwurf der Laterne im Treppenabgang zum Notausgang der Tiefgarage wahr. Er stoppte, joggte ein paar Schritte zurück und blickte in den Treppenabgang hinab. Was war das? War das nicht der Schatten eines Menschen? Westermann ging ein paar Schritte näher heran und erschrak. Es handelte sich tatsächlich um den Schattenwurf eines Menschen, der halb sitzend an der Tür zur Tiefgarage lehnte. Vorsichtig ging er ein paar Stufen hinab – und erkannte seinen Zimmernachbarn. Demirays gebrochene Augen starrten ausdruckslos ins Leere. Um seinen Hals war ein Hosengürtel geschnürt, mit dem er am Außengriff der Tiefgeragentür hing.

[21.01.2018, Sonntagmorgen, Klinik, Dienstarztzimmer]

Dr. Schmidtke hatte seine Facharztausbildung an der Hammerbachklinik gerade abgeschlossen, musste jedoch weiterhin an den nächtlichen Präsenzdiensten teilnehmen, da gegenwärtig keine Aussichten für eine frei werdende Oberarztstelle bestanden. Die zurückliegende Nacht war zunächst ruhig verlaufen, sodass er mit Ausnahme mehrerer telefonischer Rücksprachen mit dem Pflegedienst verschiedener Stationen für einige Stunden im Bett des Dienstarztzimmers zur Ruhe kam. Aus dieser Ruhe wurde er am frühen Morgen jäh herausgerissen, als er von der Nachtschwester einer offenen allgemeinpsychiatrischen Station zu einem Suizid auf dem Klinikgelände gerufen wurde.

Schmidtke warf sich den weißen Arztkittel über und rannte so schnell er konnte zum Haupteingang der Klinik. Als er an der Pforte vorbei ins Freie kam, prallte er gegen eine Wand kühler Winterluft, sodass ihm für einen Moment der Atem stockte. Nach 20 Metern hatte er den Notausstieg zur Tiefgarage erreicht. Mit einem lauten »Platz da« schob er zwei Krankenschwestern zur Seite, die sich beruhigend um den am Boden sitzenden, völlig aufgelösten Klaus Westermann kümmerten.

Unten am Fuß des Notausstiegs angekommen erkannte er, weshalb niemand vom Pflegepersonal einen Versuch gemacht hatte, die Gürtelschlinge um den Hals von Demiray zu lösen und ihn zu reanimieren: Hier kam jede Hilfe zu spät, der Mann war offensichtlich bereits seit vielen Stunden tot. Schmidtke überzeugte sich davon, keinen Puls mehr fühlen zu können. Die Totenstarre war längst voll ausgeprägt, die Hauttemperatur war auf das Niveau der Umgebung abgesunken. Schmidtke streifte das rechte Hosenbein des Toten und das T-Shirt hoch und erkannte ausgeprägte Totenflecken in den abhängigen Körperpartien. Der Tod war vermutlich vor mehr als zehn Stunden eingetreten.

Da es sich ganz offensichtlich um einen nicht natürlichen Tod durch Strangulation handelte, wusste Schmidtke, dass jetzt umgehend die örtliche Polizei zu informieren war. Er selber musste weitere eigene Untersuchungen stoppen, er durfte den Leichnam auch nicht weiter entkleiden; seine bisherigen Untersuchungen und Veränderungen an der Leiche waren sorgfältig zu dokumentieren.

Eine Viertelstunde später flackerte das Blaulicht eines Polizeiwagens im Dämmerlicht des erwachenden Morgens heran. Zwei Beamte des Kriminaldauerdienstes parkten ihren PKW unmittelbar neben dem Leichenfundort und machten sich umgehend an ihre Ermittlungsarbeit: Inspektion und fotographische Dokumentation der Leiche, Befragung des diensthabenden Arztes und des Mannes, der den Toten gefunden hatte, Beschlagnahme der Behandlungsunterlagen des Verstorbenen und schließlich Veranlassung des Leichentransportes in die Rechtsmedizin im unmittelbar benachbarten Städtischen Klinikum. Es bestand kein Zweifel daran, dass der zuständige Staatsanwalt angesichts des offenkundig nicht natürlichen Todes eine rechtsmedizinische Obduktion des Leichnams anordnen würde, auch wenn der Anschein deutlich dafürsprach, dass hier ein Suizid vorlag.

[22.01.2018, Montagabend, Wohnung Horst Overbeck]

Der heutige Arbeitstag in seiner Detektei war für Horst Overbeck relativ entspannt abgelaufen. Er hatte die noch von der Vorwoche liegengebliebene Schreibtischarbeit erledigt und genoss es, wie auch sonst an Montagen keine Observierungen oder sonstigen Außenarbeiten machen zu müssen. Overbeck hatte heute am Nachmittag sogar die Zeit gefunden, in seinem schallisolierten Kellerraum ein wenig auf seiner geliebten Jazztrompete zu üben und sich anschließend eine halbe Stunde mit 200 Watt Belastung auf dem Fahrradergometer auszupowern. Danach war er zurück in seine im ersten Stock des Nachkriegsgebäudes gelegene Wohnung gestiegen und hatte sich wohlig erschöpft in den gut gefederten Schreibtischstuhl seines Arbeitszimmers plumpsen lassen.

Kaum war er ein wenig zu Atem gekommen, hörte er, wie die Eingangstür zur Wohnung von außen aufgeschlossen wurde. Als sich Sekunden später die Tür seines Arbeitszimmers öffnete, trat eine Frau von überragender Körpergröße und sportlicher Modelfigur in Hosenanzug und Jackett ein. Ihr ovales Gesicht mit der hübschen schlanken Nase, den geschwungenen Augenbrauen, den durchdringend grünen Augen und den dunkelgelockten kurzen Haaren wurde nur von dem einnehmenden Lächeln ihrer perfekt weißen Zähne überstrahlt.

Eva Heinrichsen beugte sich zu Overbeck hinunter und begrüßte ihn mit einem flüchtigen Kuss.

»Hallo, mein Schatz!«

Overbeck versuchte vergeblich, Eva zu sich auf seinen Schoß herunterzuziehen und den Kuss zu wiederholen.

»Das schmeckt nach mehr!«

Eva entzog sich seiner Umarmung mit einer geschmeidigen Bewegung, sodass sich Overbeck enttäuscht in seinen Schreibtischstuhl zurückfallen ließ. Eva war immer wieder erstaunt darüber, dass selbst kleinste Anreize ausreichten, um die Begierde in ihrem Partner, dem abgebrühten Privatdetektiv und früheren Kripobeamten, zu wecken. Sie wusste allerdings auch nur zu gut, dass eine Zurückweisung in solchen Situationen bei ihrem Geliebten oft zu einem so abrupten Stimmungsumschwung führte, dass man den restlichen Abend vergessen konnte. Und das wäre das letzte, was Eva jetzt gebrauchen konnte, nach diesem anstrengenden Arbeitstag in der Mordkommission Landshut.

»Gleich, mein Liebster! Lass mich erst rasch unter die Dusche gehen.«

»Da komm ich doch gleich mit!«

Eva wehrte den Ansturm ihres Geliebten mit einer zärtlichen Geste ab.

»Erst einmal muss ich den schrecklichen Formaldehydgeruch loswerden. Der tötet mir sonst jedes Verlangen.«

Overbeck merkte, wie seine plötzliche Erregung schlagartig abstarb.

»Hattest du heute wieder einmal ein Rendezvous mit Dr. Meier in der Rechtsmedizin?«

»So ist es«, rief Eva zurück und verschwand im Badezimmer.

Keine 20 Minuten später kam Eva in einen weißen Frotteebademantel gehüllt aus dem Bad zurück und trocknete sich die kurzen, lockigen Haare mit einem Handtuch. Wie immer nach dem Duschen roch sie verführerisch nach ihrem herb-maskulinen Parfüm.

Overbeck hatte in der Zwischenzeit sein Arbeitszimmer verlassen und begann, den Abendbrottisch zu decken.

»Ich hab uns eine leckere Entenbrust an Orangensud vorbereitet, wir müssen sie nur noch aufwärmen.«

»Hmm, hört sich gut an!«

Horst hatte nicht zu viel versprochen. Das Essen schmeckte köstlich!

»Und jetzt ein Gläschen Bordeaux?« fragte Overbeck.

»Gerne!«

Beide machten es sich bei leiser Jazzmusik auf der ausladenden Vintage-Couch gemütlich, als Overbeck das Gespräch auf Evas Begegnung mit Dr. Meier brachte.

»Was für ein Fall hat dich denn heute wieder in die Rechtsmedizin gebracht?«

»Ein Todesfall in der Hammerbachklinik.«

»Schon wieder?«

»Ja, das ist schon irgendwie seltsam. Dass jemand in einer psychiatrischen Klinik verstirbt, ist zwar zum Glück sehr selten. Aber diese Häufung von Todesfällen in der Hammerbachklinik ist außergewöhnlich.«

»Da hast du recht. Aber erzähl mal, was hat es mit diesem neuen Fall auf sich?«

»Gestern Morgen wurde ein Patient in der Erwachsenenpsychiatrie der Hammerbachklinik erhängt aufgefunden. Für den diensthabenden Arzt sah es wie ein Suizid aus. Es handelte sich um einen abgelehnten türkisch-kurdischen Asylbewerber, dem die Abschiebung bevorstand. Dr. Meier hat bei der obligatorischen zweiten Leichenschau festgestellt, dass der Mann bereits tot gewesen sein musste, als er an einem Türgriff aufgehängt wurde. Todesursächlich war ein stumpfes Schädel-Hirn-Trauma.«

Overbeck horchte auf, als Eva von einem abgelehnten Asylbewerber sprach.

»Eva, wie ist der Name des Mannes?«

»Er heißt Ahmet Demiray.«

Overbeck erschrak.

»Oh mein Gott! Ich glaube, ich weiß, wer das ist. Mein Freund Egon Schliermann hatte mich im letzten August gebeten, seinem Patienten Demiray bei der Suche nach verschollenen Landsleuten zu helfen. Demiray ist zu dem vereinbarten Gesprächstermin aber nicht erschienen. Ich bin deshalb damals davon ausgegangen, dass sich seine Landsleute zwischenzeitlich gefunden hätten und meine Hilfe nicht mehr gebraucht würde. Leider hat sich das später als Irrtum herausgestellt.«

»Du hast also später noch einmal etwas von Demiray gehört?«

»Ja. Erst vor Kurzem hat mir Schliermann berichtet, dass Demirays Landsleute auf ihrer Flucht gestorben sind.«

»Sind sie auf dem Seeweg ertrunken?«

»Nein, sie sind in Ungarn in einem Kühllastwagen elendig erstickt.«

»Das ist ja entsetzlich!«

»Und danach kam es für Demiray noch schlimmer. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge muss irgendwie herausgefunden haben, dass Demiray nicht wie von ihm behauptet aus Syrien geflohen ist, sondern in Wahrheit aus der türkischen Grenzstadt Suruç stammt. Daraufhin hat er seinen bisherigen Schutzstatus als anerkannter syrischer Kriegsflüchtling verloren. Als Türke hatte er keine Asylberechtigung in Deutschland und sollte in die Türkei abgeschoben werden. Als behandelnder Hausarzt hat ihm Egon Schliermann daraufhin eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert, um damit seine Abschiebung zu verhindern. Das bloße hausärztliche Attest reichte der Ausländerbehörde aber nicht aus. Demirays Reise- und Haftfähigkeit sollte deshalb in der Hammerbachklinik psychiatrisch begutachtet werden.«

»Das entspricht auch unseren bisherigen Informationen. Näheres werden wir von Chefarzt Dr. Hofmeister in Erfahrung bringen.«

»Wirst du mit Hofmeister sprechen?«

»Nein, das lässt sich Klaus Wünsche nicht nehmen. Du weißt, wie geltungsbedürftig Wünsche ist. Mit einem richtigen Chefarzt muss natürlich der Chef der Mordkommission persönlich sprechen. Und um seine Bedeutung zu unterstreichen wird Wünsche seinen Stellvertreter Krauskopf mitnehmen.«

»Also wieder mal Dick und Doof.«

Eva knuffte Horst in die Seite.

»So schlimm sind die beiden aber wirklich nicht. Ich gebe zu, dass der dürre und ungelenke Krauskopf auf den ersten Blick wie Stan Laurel neben dem dicken Oliver Hardy wirkt. Aber wir beide wissen doch, dass dieser Anschein trügt.«

»Du meinst, dass Wünsche in Wahrheit gar nicht dick ist?«

»Natürlich ist er das. Aber vergiss nicht: Er betreibt seit seiner Jugend Bodybuilding und spielt fast jeden Sonntag in seiner Altherrenmannschaft Fußball. Ich hab mir einmal ein Spiel von ihm angesehen. Du glaubst gar nicht, wie behände er sich bewegen kann, wenn es darauf ankommt.«

»O.k., ich nehme alles wieder zurück. Das ändert aber nichts daran, dass ich nichts von seinen kriminalistischen Fähigkeiten halte. Er ist eine glatte Fehlbesetzung auf diesem Posten.«

»Ich zweifle nicht daran, dass du der weitaus bessere Nachfolger eures früheren gemeinsamen Chefs Schlömer gewesen wärst. Aber du hast es ja vorgezogen, den Polizeidienst zu verlassen und dich als Privatdetektiv niederzulassen.«

»Was den enormen Vorteil hat, dass ich mich nicht mehr jeden Tag mit solchen Flaschen wie Wünsche und Krauskopf herumschlagen muss. Wenn ich mir vorstelle, dass dieser völlig empathielose linkische Krauskopf mir vorgesetzt wäre, würde ich das Kotzen kriegen. Wie du das mit ihm aushältst, ist mir schleierhaft.«

»Angenehm ist die Zusammenarbeit mit ihm wahrlich nicht. Ich weiß allerdings durchaus zu schätzen, dass er im Gegensatz zum ersten Anschein alles andere als doof ist. Er ist sicherlich der Intelligenteste der ganzen Mordkommission und hat dabei Inselbegabungen, die uns in unserer Arbeit durchaus nützlich sind.«

»Ja, ja, ich weiß, was für ein Computerfreak er ist. Aber wiegt das seine kommunikativen und emotionalen Defizite auf?«

»Für das kollegiale Wohlfühlen habe ich zum Glück ja noch Hubert Stallhofer. Er ist zwar auch nicht die überragende intellektuelle Leuchte, aber er hat einen guten Charakter und ist uneingeschränkt zuverlässig …«

»… wenn er nicht gerade wieder einmal einen Absturz in seine Alkoholsucht erleidet.«

»Das Risiko besteht sicherlich weiter – einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker. Aber seitdem er mit unserer Sekretärin Vroni zusammen ist und die beiden ein gemeinsames Kind haben, scheint er sich doch wesentlich stabilisiert zu haben.«

»Das liegt wahrscheinlich auch an dir, Eva. Stallhofer ist ganz offensichtlich nicht nur in seine Vroni verliebt, er blickt ja auch voller Bewunderung zu dir auf.«

Eva Heinrichsen lachte.

»Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?«

»Nein, natürlich nicht. Aber lass uns noch einmal auf den Mordfall Demiray zurückkommen. Du berichtest mir doch, was Wünsche und Krauskopf von Dr. Hofmeister erfahren werden?«

»Natürlich, mein Liebster.«

»Gut. Dann werde ich noch einmal mit Schliermann sprechen. Mal sehen, was er sonst noch über Demiray berichten kann.«

»Du kommst uns aber bitte nicht schon wieder mit eigenen Ermittlungen in die Quere? Ich hab keine Lust, wieder einmal Wünsches Wut auf mich zu ziehen, wenn er erfährt, dass ich dir vertrauliche Ermittlungsergebnisse mitgeteilt habe.«

»Natürlich werde ich nicht in eurem Mordfall ermitteln. Aber neugierig bin ich schon. Immerhin wäre Demiray ja beinahe mein Klient geworden.«

»O.k. Erkundige dich aber bitte diskret und erwecke nicht den Anschein offizieller Ermittlungen. Kann ich mich darauf verlassen?«

»Natürlich, mein Liebling, versprochen!«

Overbeck war sich bewusst, dass er dieses Versprechen voraussichtlich nicht halten würde. Und er wusste, dass sich auch Eva hierüber klar war. Der Mord an seinem Beinahe-Klienten hatte seine professionelle Neugier geweckt. Und nichts würde ihn davon abhalten können, dieser Neugier weiter nachzugehen.

[23.01.2018 Dienstagvormittag, Hammerbachklinik]

Klaus Wünsche betrat das Gebäude der Hammerbachklinik in Begleitung von Hans Krauskopf. Immer wieder aufs Neue waren beide beeindruckt von der lichtdurchfluteten Eingangshalle, deren Großzügigkeit und Weitläufigkeit alle Vorurteile von Eingesperrtsein, Enge und Düsternis vergessen ließ, die zumeist mit einer psychiatrischen Klinik verbunden werden. Auch das landläufige Bild von psychisch Kranken, die selbst dem medizinischen Laien durch ihr abnormes Verhalten und die steif und unbeweglich machenden Nebenwirkungen der Psychopharmaka ins Auge fallen, fanden sich im ersten Eindruck nicht bestätigt: Im hinteren Bereich des Foyers saßen Dutzende von Menschen an den Tischen des Cafés Netzwerk und unterhielten sich lebhaft, ohne dass man sagen konnte, wer von ihnen Patient, wer Besucher und wer Klinikmitarbeiter war.

Der Pförtner begrüßte die beiden Polizisten freundlich und fragte, ob er ihnen helfen könne.

»Danke! Wir wollen zu Chefarzt Dr. Hofmeister, wir kennen den Weg!«

Eine Minute später standen sie bereits vor der Chefarzttür. Als sie von der Chefsekretärin gebeten wurden, einen Moment im Wartebereich Platz zu nehmen, dachte Wünsche mit Respekt und Anerkennung an den steilen beruflichen Aufstieg von Dr. Hofmeister: Als langjähriger Oberarzt der psychiatrischen Hammerbachklinik war er nach dem Suizid von Professor Hiltrud Schöne zunächst kommissarisch mit der Chefarztfunktion betraut worden. Er hatte diese Funktion derart zufriedenstellend ausgefüllt, dass er sich ermutigt fühlte, im Rahmen der Neuausschreibung der Chefarztstelle gegen vierzig externe Bewerber anzutreten und schlussendlich die Wahl zu gewinnen, obwohl er außer seiner Dissertation mit keinerlei wissenschaftlichen Qualifikationen gegen die sich mitbewerbenden Professoren und Privatdozenten punkten konnte. Er hatte das Rennen für den Krankenhausträger letztlich aufgrund seiner natürlichen Führungsqualität und seinem Organisationstalent gemacht, wobei ihm insbesondere sein Engagement im Bereich des Qualitätsmanagements zugutekam. Mit der endgültigen Übernahme der Chefarztposition in der Erwachsenenpsychiatrie war auch die Funktion als Ärztlicher Direktor der Klinik verbunden, er wechselte sich in dieser Funktion allerdings alle zwei Jahre mit dem Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und mit dem Chefarzt für forensische Psychiatrie ab. Die umliegenden Gerichte und Ämter in Niederbayern griffen gerne auf seine Expertise als forensisch-psychiatrischer Gutachter zurück. So war es auch zu dem Gutachtenauftrag der Ausländerbehörde Landshut zur Frage der Haft- und Abschiebefähigkeit des abgelehnten Asylbewerbers Ahmet Demiray gekommen.

Nach kurzer Wartezeit öffnete sich die Chefarzttüre und ein mittelgroßer Mann mit grau melierten Schläfen begrüßte beide Kripobeamte und bat sie herein.

Dr. Hofmeister, der statt eines in Krankenhäusern sonst üblichen weißen Kittels ein legeres Sakko trug und in seiner Funktion als Arzt lediglich an seinem Namensschild erkennbar war, bot den beiden Kripobeamten in einer Sitzgruppe Platz an und bat seine Sekretärin darum, in der nächsten halben Stunde nicht gestört zu werden.

»Meine Herren, Sie haben noch Fragen zu dem tragischen Freitod unseres Patienten?«

Wünsche hielt die Information darüber, dass es sich tatsächlich um einen Mordfall handelte, aus ermittlungstaktischen Gründen vorläufig noch zurück.

»So ist es, Herr Doktor. Was können Sie uns über das mögliche Motiv sagen?«