Ertrunken - Henning Plähn - E-Book

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Henning Plähn

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Beschreibung

Tugendhaftes Empfinden und Sensibilität für moralische Fragen werden in der heutigen Zeit, in der alles Nichtstoffliche als Utopie verschrien wird, und Liebe am Körperlichen gemessen, oft als unnötiger Ballast abgetan. Steht anfangs noch der Glaube ans Ideal, so wächst aufgrund des damit verbundenen Leids die Ablehnung dieses Glaubens an Ideen wie die Liebe. Der Prozess vom Träumer zum Erwachten, zum Realisten ohne Leid, und die Möglichkeit der sorglosen Liebelei scheint erstrebenswert, Liebe dagegen kompliziert und anstrengend. Und schwimmt man mit seiner Idee von der Liebe nicht geradezu gegen den Strom? Wie sinnlos aber ist Liebe, wenn man sich damit von seinen Mitmenschen absondert. Allerdings ist der Versuch, seine Idee der Liebe aufzugeben, um bei den anderen mitschwimmen zu können, ebenso konfliktbeladen wie das Verüben extremen Unrechts, selbst wenn es gesetzlich erlaubt ist.

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Seitenzahl: 656

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Henning Plähn

Ertrunken

Roman

Vorwort des Herausgebers

Die nachfolgenden Texte entstammen zweier Word-Dateien, die der Autor Ende September 2006 per Email an die Mitherausgeberin dieses Buches verschickte, bevor er am 25. Oktober 2006 in Elmina/Ghana unter unbekannten Umständen bei einem Badeunfall ums Leben kam. Eine Datei war mit Erzählband bezeichnet, die andere mit Tagebuch. Ob das Tagebuch des zweiten Teils dieses Buches allerdings lediglich Ergänzung des Erzählbandes des ersten Teils ist, wie der Autor in seiner Begleitmail suggeriert, oder aber umgekehrt, wie ich meine, sei trotz der Anordnung der Texte in diesem Buch dahingestellt.

Insgesamt ist hierzu zu bemerken, dass ich persönlich die Anordnung der einzelnen Textteile, im Grunde sogar die Texte selbst, entgegen der Meinung der Mitherausgeberin für rein literarisch halte. Schon im Auftakt des Tagebuchs wird meines Erachtens die ästhetische Struktur des gesamten weiteren Textes deutlich. Auch wenn die Mitherausgeberin jedoch dennoch weiterhin daran festhält, dass es sich beim ersten Tagebucheintrag, bis auf eventuelle Ausbesserungen und Ergänzungen, um den authentischen, irgendwann Ende Oktober 2002 entstandenen Einstieg in die weiteren, ebenfalls im Groben und Ganzen authentischen persönlichen Aufzeichnungen des Autors handelt, so habe ich mich entschieden, die für meine These relevanten Textstellen mit Anmerkungen zu versehen.

Die Veröffentlichung der Tagebuchtexte im ersten Teil erfolgt dennoch unter Unterdrückung der Nachnamen, Ortsangaben oder sonstiger persönlicher Daten, sonst aber ohne jede Änderung und, abgesehen von den Fußnoten, ohne jede weitere Beifügungen.

Erster Teil

Erzählband

Vorwort des Autors

Tugendhaftes Empfinden und Sensibilität für moralische Fragen werden in der heutigen Zeit, in der alles Nichtstoffliche als Utopie verschrien wird, und Liebe am Körperlichen gemessen, oft als unnötiger Ballast abgetan. Steht anfangs noch der Glaube ans Ideal, so wächst aufgrund des verbundenen Leids die Ablehnung des Glaubens an Ideen wie die Liebe. Der Prozess vom Träumer zum Erwachten, zum Realisten ohne Leid, und die Möglichkeit der sorglosen Liebelei scheint erstrebenswert, Liebe dagegen kompliziert und anstrengend. Und schwimmt man auf seiner Suche nach Liebe nicht geradezu gegen den Strom? Wenn man sich aber mit seiner Idee von der Liebe gegen seine Mitmenschen wendet, wie sinnlos ist dann diese Liebe?!

Allerdings ist der Versuch, seine Idee von der Liebe aufzugeben, um bei den anderen mitschwimmen zu können, ebenso konfliktbeladen wie das Verüben extremen Unrechts, selbst wenn es gesetzlich erlaubt ist.

Jugendliebe

Damals, im Winter 1978/79, war das ganze Land überzogen mit einer Decke aus leuchtendem Eis und Schnee. Besonders an Tagen, an denen die Sonne schien, erstrahlten Hügel und Felder. Bäume sahen aus wie Skulpturen, die die Natur zur Preisung ihrer eigenen Herrlichkeit erschaffen hatte. Es war eine Wonne, sich den malerischen Horizont anzuschauen, wenn man einen Blick dafür hatte.

Sie hatte diesen Blick, saß in ihrem Zimmer und genoss die Aussicht, die durch das Fenster zu ihr durchdrang. Das anschauliche Stillleben der Natur wirkte beruhigend auf sie, ihre Gedanken waren daher klar und ungewöhnlich tiefgreifend. Im Sommer war sie noch das kleine Schulmädchen gewesen, dem die Eltern erzählten, was sie zu tun hatte. Nun wohnte sie zwar immer noch bei ihnen, hatte aber nach der Schule eine Lehre angefangen, die ihr das Gefühl gab, vollwertiger, eigenständiger Teil der Gesellschaft zu sein. Das Leben einer Erwachsenen, auf das sie sich schon immer so gefreut hatte, hatte also nun endlich auch für sie begonnen.

Allerdings war aufgrund der katastrophalen Witterung die letzten Tage in der ganzen Region der Notstand ausgerufen worden. Die Straßen waren unbefahrbar, gearbeitet werden konnte nicht. Ungeachtet dem Umstand, dass sie nun also wieder ihre Zeit bei den Eltern fristete, waren es dennoch sehr schöne Tage für sie, die sie nutzte, um sich ihre Zukunft zu erträumen und in Phantasien zu schwelgen.

Während sie also auch jetzt wieder selbstgefällig über die Veränderung in ihrem Leben nachdachte, und darüber, was ihr das Leben noch alles zu bieten hatte, betrat ihre Mutter das Zimmer.

»Laura, was ist mit Frühstück? Du solltest lieber noch was essen.«

»Ja, später. Ich habe jetzt noch keinen Hunger.«

»Das geht nicht. Wir müssen gleich los. Die Tülldorfer sind über Nacht zugeschneit und ich hab unsere Hilfe schon zugesagt.«

»Ach Scheiße, da hab ich schon mal Urlaub und nun soll ich auch noch so ’n Mist mitmachen! Können sich die Tülldorfer nicht selbst helfen?!«

»Tut mir leid, aber das muss sein! Also junge Dame, iss noch was und dann geht’s los. Nicole und Melanie helfen auch mit. So schlimm wird’s bestimmt nicht werden.«

Laura war dann wieder allein in ihrem Zimmer. Die Ruhe, die sie vorher noch verspürt hatte, war nun dem Ärger gewichen. Trotzig stand sie auf, machte Musik an und verließ das Zimmer in Richtung Küche.

Auch auf dem Weg zur Hilfsaktion hatte sie immer noch das Gefühl, die Welt sei ungerecht. Die Natur erschien ihr kalt und hart und hatte ihren vorherigen Anmut eingebüßt.

Als sie den Weg Richtung Tülldorf einbogen, war dort schon der größte Teil des Dorfes im netten Plausch versammelt. Ihre Freundinnen waren im Gespräch mit den Jungs des Dorfes und Laura gesellte sich zu ihnen.

Es dauerte nicht lange und sie hatte ihre gute Laune wiedergefunden. Der Grund hierfür lag vor allem in einem jungen Mann, mit dem sie sich schon einmal unterhalten hatte. Das war im Sommer gewesen, als seine kleine Schwester und sie zusammen ihren Schulabschuss gefeiert hatten. Damals hatte sie sich schon überlegt, warum sie ihn nicht schon öfter im Dorf getroffen hatte. Es war sehr angenehm, sich mit ihm zu unterhalten, und seine teilweise spitzen Anspielungen machten die Sachen für das Mädchen besonders reizvoll. Seine Schwester hatte nach dem Abschlussfest gesagt, dass er in Hamburg studiere, aber auch schon vorher kaum zu Hause gewesen wäre, sondern sich mehr in der Stadt mit Schulfreunden herumgetrieben hätte. Auf Anfrage bekam Laura nun von ihm zu erfahren, dass er über die Feiertage seine Eltern besucht hatte und dann hier eingeschneit worden war, so dass sich seine Abreise wohl noch einige Tage hinauszögerte. Er sehe darin jedoch mittlerweile keinen Nachteil mehr, da der Winter auf dem Lande viel schöner sei als in der Stadt. Sie konnte dem nur zustimmen, hatte sie nicht vorhin erst die Schönheit in sich aufgesogen.

Die Hilfsaktion, die sie zuvor noch als schreiende Ungerechtigkeit empfunden hatte, verwandelte sich nun also rasch in ein wunderschönes Ereignis. Laura wich dem jungen Studenten nicht mehr von der Seite. Auch der Dorfgemeinschaft, die gerade in einem solch harten Winter wie damals zusammengeschweißt wurde, fiel auf, was die beiden doch für ein schönes Paar abgäben.

Als der Durchbruch zu den Leuten aus Tülldorf geschafft war, wurde sich in den von Holzöfen geheizten Häusern des Dorfes aufgewärmt, und heißer Punsch erwärmte nicht nur die Körper. Die Stimmung der Dorfbevölkerung war nach getaner Arbeit ausgelassen fröhlich.

Auch Laura fühlte sich sehr wohl nach diesem Tag. Jedoch war er ja noch nicht zu Ende, und die Lust auf ein nächtliches Fest stieg in ihr auf.

Nachdem sie sich einen Punsch hatte geben lassen, ging sie wieder zu ihrem neuen Freund, der abseits des geselligen Treibens draußen vor dem Haus auf einem Holzbalken saß. Er schien gerade nachzusinnen, sah Laura aber an und sagte etwas Nettes, als sie sich neben ihn setzte. Ihre Hand neben seiner.

Es ist ein schönes Bild, das die beiden vor dem erleuchteten Haus, umrahmt von der winterlichen Idylle bei untergehender Sonne, abgeben. Im Hintergrund hört man das fröhlich Treiben im Haus. Der Junge beschreibt ihr seine Eindrücke und Gedanken. Er erzählt von seinem Studium, redet allgemein über das Leben in der Stadt, über seine Freundin, die er sehr liebe, und wie schön doch der Winter daheim sei, obwohl er sie vermisse. Er ist fast ebenso glücklich wie seine kleine Zuhörerin, nur hat er nicht dieses prickelnde Gefühl im Bauch, das sie selig beflügelt. Sie verliert ihre Gedanken in seinen, obwohl sie eigentlich nicht mehr richtig zuhört, und weiß selbst nichts mehr zu erzählen vor Glück. Sie spürt nur allzu stark, wie ihrer beider Hände nebeneinander liegen. Am liebsten wäre es ihr, er würde sein Gerede beenden und sie zärtlich berühren. Ein Kuss, eine herzliche Umarmung wären für den Anfang auch nicht schlecht. Schlafen würde sie wahrscheinlich noch nicht gleich mit ihm, sondern ihn erst noch ein bisschen zappeln lassen. Schließlich haben sie ja auch noch mehrere Tage und Nächte, bis er wieder abreist. Sie sieht ihn an, doch er arbeitet gerade ein Jugenderlebnis auf. Als sie seine Hand berührt, macht der sich in einen Erzählrausch Gesteigerte eine kleine Pause, die sie nutzt, um ihm zu sagen, wie sie fühlt:

»Ich habe mich heute in dich verliebt.«

»Ich glaube nicht, dass du mich wirklich liebst. Sicher, wir hatten heute einen netten Tag zusammen, und du bist ein tolles Mädchen. Aber ich glaube, du wirst noch viele Tage wie diesen erleben, mit vielen netten Jungs, in die du dich verlieben wirst, und irgendwann wird dann auch der Richtige dabei sein. Ich bin schon in einem Alter, in dem man mehr verlangt als diese Jugendspielerei«, bekommt sie als Antwort, die sie im gleichen Plauderton vernimmt wie das vorher Erzählte.

Da sie aber noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat, sagt sie, dass sie schon viel erwachsener sei, als er glaube, und schon genau wüsste, was sie wolle. Er sagt, er wäre auch mal jung gewesen und verstehe sie ganz gut, aber für ihn sei sie doch viel zu jung. Außerdem habe er eben nicht irgendeinen Schwachsinn geredet und sie würde ihm seine Freundin ganz bestimmt nicht ersetzen können. Dann steht er auf, um sich noch einen Punsch zu holen.

Als sie nun allein vor dem Haus zurückblieb, war Laura sich über ihre Gefühle nicht im Klaren. Eben hatte sie noch ihre Liebe gestanden und nun sah sie in dem schönen Studenten einen dummen, eingebildeten Idioten. Anders als in ihrem sonstigen Trotz, in dem um sie herum alles verdarb, beeindruckte sie jedoch diesmal die Schönheit der Natur weiterhin und schien ihr Trost zu geben, so dass das Mädchen, das eben seine große Liebe verlor, nicht traurig wurde.

Nach einer Weile, die sie noch zu stillem Nachdenken nutzte, ging sie ins Haus und schloss sich dem herrschenden Treiben an. Den Studenten jedoch ließ sie auflaufen, als er sich wieder mit ihr unterhalten wollte.

Geschrieben Februar 2001

Der Berggeist

Missmutig bahnte sich der Postbote seinen Weg durch den Wald. Es war für ihn immer besonders ärgerlich, wenn er einen Brief für einen der umliegenden Höfe zu überbringen hatte. Zwar war sein Bezirk der Gemeinde Ascheffel im Vergleich zu manch anderen wenig arbeitsintensiv, aber gerade deshalb waren etwas umfassendere Touren ein bitterer Wermutstropfen. Besonders die Route, die er heute zu absolvieren hatte, kam ihm wie eine Tortur vor. Wegen dieses einen Briefes für den Reimerhof musste er, ohne es mit einem weiteren Ziel verbinden zu können, den unwegsamen Waldweg entlang sein Fahrrad schieben; zumindest erschien ihm das weniger beschwerlich. Obwohl an diesem Herbsttag die Sonne die Blätter der Bäume herrlich durchdrang und manch anderer sich an dieser Wanderung durch die Hüttener Berge erfreut hätte, drehten sich die Gedanken des Beamten nur um seine Arbeit. Der Brief, den er bei sich hatte, kam ihm seltsam vor; Willi Reimer bekam sonst nie Post und nun war nicht einmal ein Absender vermerkt. Und die Aussicht auf ein Schwätzchen mit dem alten Reimer war ganz bestimmt kein Anlass zur Freude. Aber vielleicht hatte der Postbote ja Glück und es war niemand zu Hause, so dass er den Brief einfach nur einzuwerfen brauchte.

Der Reimerhof lag am Ende des Weges. Er war nicht stattlich, dafür aber aufgeräumt und übersichtlich. Der Hofherr genoss gerade seine Pfeife auf seiner Bank vor seinem Wohnhaus. Als sich die beiden Männer sahen, ließen sie sich nicht anmerken, wie unangenehm ihnen ihre Begegnung war. Der Bote schob beflissen sein Fahrrad die restlichen Meter, und Willi Reimer begrüßte freundlich den Ankommenden:

»Guten Tag. Schöner Tag heute, nicht?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Sagen sie bloß, sie haben Post für mich! Wer kann mir denn schon geschrieben haben!?«

»Das weiß ich nicht. Es steht kein Absender drauf.«

Der Bote bockte sein Fahrrad auf, drehte seine schwarze Ledertasche, die er über die Schulter am Rücken getragen hatte, nach vorne, öffnete sie, entnahm den Brief und händigte ihn aus.

Willi Reimer bedanke sich kurz und legte den Brief neben sich auf die Bank, ohne noch weiter darauf einzugehen:

»Ich hoffe, diese Extratour hält sie nicht zu sehr von ihren sonstigen Pflichten ab. Es ist ja immer eine kleine Reise, wenn man zu uns gelangen will.«

»Ach, nein. Man tut halt seine Arbeit so gut man kann. ... Sagen sie, ist ihre Frau nicht zu Hause?«

»Nein, die ist zu Besuch bei ihren Freundinnen. Sie wissen ja, wie Frauen sind. Bei einer Tasse Kaffee über dies und das klatschen und die Welt ist für sie in Ordnung.«

»So, so. Macht sie sich heute also auch einen gemütlichen Tag.«

»Na ja, das Leben besteht doch schließlich nicht nur aus Arbeit.«

»Ja, ja. Na, ich werd dann mal wieder.«

Die beiden sahen sich noch kurz ins Gesicht, bevor der Bote sich auf sein Fahrrad schwang und davonfuhr. Willi wünschte ihm dabei freundlich einen schönen Tag.

Als er den Boten in den Wald verschwinden sah, zog Willi noch mal an seiner Pfeife und wandte sich dem Brief zu. Der alte Reimer erwartete keine Post und kannte auch niemanden, der ihm schon mal geschrieben hatte. Und nun lag dieser Brief neben ihm. Er nahm ihn mit der linken Hand und betrachtete ihn. In der Tat war der Absender nicht vermerkt. Aber die etwas kindliche Handschrift gab nun doch einen Hinweis auf den Verfasser, denn einige Tage zuvor hatte Willi seinem Neffen die Übernahme des Hofes angeboten; angeblich, weil die Arbeit ihn und seine Frau mittlerweile überlaste. Hauptgrund war jedoch die Überschuldung des Hofes. Um diese Schulden loszuwerden, erschien dem Hofeigner die Abtretung als einzig verbleibende Möglichkeit.

Während er den Brief öffnete, überlegte er zwar noch zweifelnd weiter, ob der Neffe wirklich der Absender sei, denn der wohnte nur fünf Kilometer entfernt im Nachbarort Brekendorf und hätte seine Antwort bestimmt persönlich mitgeteilt. Aber seine Zweifel blieben unbegründet, der Brief war wirklich vom Neffen. Willi dachte, was für ein Glück es sei, dass der Absender vergessen worden war, da der Postbote sonst sicherlich zu konkreten Spekulationen Anlass gehabt hätte und Willi Reimer einmal mehr zum Dorfgespräch geworden wäre. Außerdem, so nahm Willi an, hätte der Beamte wahrscheinlich einen noch größeren Groll gehabt, wenn er gewusst hätte, für welchen Firlefanze er da herzuhalten gehabt hatte.

Im Brief teilte der Neffe mit, dass er den Hof nicht übernehmen wolle. Sein Vater habe ihm davon abgeraten und es sei sicher das Beste so. Die briefliche Antwort sei deshalb erforderlich gewesen, weil der Vater ihn aufgrund der vielen Arbeit nicht einen Moment entbehren könne. Er entschuldigte sich dafür. Willi Reimer stand auf, zerknüllte den Brief und ging ins Haus.

Als er damals vor der Entscheidung gestanden hatte, ob er den Hof übernehmen solle, nachdem der Vater gestorben war, hatte er nicht auf seinen Bruder gehört. Sicherlich hatte der Recht damit gehabt, dass der Hof aufgrund seiner Lage fast unmöglich zu lösende Probleme gehabt habe. Der Einsatz von Maschinen war erheblich eingeschränkt gewesen. Ohnehin hatte das Geld für Investitionen gefehlt. Aber Willi war voller Energie und Tatendrang gewesen. In den Zeitungen hatte er immer wieder von Jungunternehmern gelesen, die es durch Eigeninitiative und Unternehmergeist weit gebracht hatten, und auch er hatte diese Kraft verspürt. Er hatte gemeint, er würde schon eine passende Marktlücke entdecken, mit der er reich werden könne. Der ältere Bruder hingegen sah alles realistischer. Er hatte die Meinung vertreten, Willi solle den Hof aufgeben, um mit dem Geld seine Ideen in Angriff zu nehmen. Für die Landwirtschaft tauge Willi ohnehin nicht, da ein Hof vor allem körperliche Arbeit erfordere, und er dafür nicht der Typ sei. Bei solchen Reden wurde Willi meist wütend und aggressiv. So hatte er erwidert, er wisse, was er von seinem Bruder zu halten habe, der sich schon frühzeitig abgesetzt und sich in einen Hof in Brekendorf eingeheiratet hatte; er jedenfalls werde die Familientradition hochhalten; man werde ja sehen, was dabei rauskomme.

Ähnlich kompromisslos war Willi auch in Herzensangelegenheiten. Man hatte ihn als Hans Dampf in allen Gassen gekannt, um kein Kompliment verlegen. Zu seinem überschäumenden Temperament kam auch noch die Tatsache, dass er sehr elegant und fein ausgesehen hatte, und daher die weiblichen Blicke des öfteren an ihm haften geblieben waren. Ebenso hatte er jedoch auch die neidischen Blicke der Männer auf sich gezogen, und es war innerhalb kürzester Zeit bekannt gewesen, dass er ein Tunichtgut sei und daher mit Vorsicht zu genießen. Der junge Reimer hatte sich aber davon nicht beirren lassen und auch den Mädchen schien es bei Begegnungen mit ihm egal gewesen zu sein, zumal er immer eine höfliche Distanz zu halten im Stande gewesen war, die bislang niemanden kompromittiert hatte.

Dann jedoch war aus dem übermütigen Spiel des Jungen Ernst geworden, als er Emmi Peters vom Petershof in Owschlag in sein Herz geschlossen hatte. Er hatte sich in das zurückhaltende Mädchen verliebt und auch sie war von ihm mehr als angetan gewesen. Für ihn hatte es festgestanden, dass er sie heiraten werde, zumal der Petershof reich war und eine nicht unbeachtliche Mitgift in Aussicht gestanden hatte. In einem Zweispanner, mit Frack und Zylinder bekleidet, die er eigens zu diesem Zweck gemietet hatte, war der frisch Verliebte an einem schönen Sommersonntag nach dem Kirchgang beim Petershof zu Owschlag vorgefahren, um sich die Gunst seiner Geliebten zu verdienen. Kaum hatte einer Emmis zahlreichen Brüder die Kutsche gesehen, waren auch die übrigen Familienmitglieder alarmiert worden, um sich das Schauspiel ansehen zu können. Die Reaktionen waren unterschiedlich gewesen und hatten von peinlich berührt bis zu spöttisch angetan geschwankt. Nur Emmi hatte genau gewusst, was sie zu tun hatte, und war auf ihr Zimmer verschwunden, um sich herzurichten. Im Kreise der Familie Peters war der komische Vogel dann allerdings mit Anstand aufgenommen worden, und man hatte Konversation gepflegt, wobei Willi sich immer wieder nach Emmi erkundigt hatte. Unter anderem hatte er auch wissen wollen, wie viel Geld sich auf ihrem Sparbuch befände. Selbst dabei hatte man das erstaunte Entsetzen unterdrückt und versucht, sich mit spitzem Humor aus der Affäre zu ziehen. Nach schier endlosen Minuten war dann aber Emmi erschienen und hatte ihre Familie endlich von diesem Spinner erlöst. Willi hatte sich fortan nur noch mit ihr unterhalten.

Nachdem der Gast dann gegangen war, hatten alle, die Zeugen dieser unfassbaren Szenen gewesen waren, sie in verhöhnender Weise nachgeahmt oder sich darüber aufgeregt. Entweder hatte man über Willi gelacht oder ihn verteufelt. Nur Emmi hatte versucht, ihren Verlobten in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Auch die übelsten Widerreden hatten sie nicht davon abbringen können, diesen Sonderling zu heiraten, der sich so unerschütterlich um sie bemüht hatte.

Das Alltagsleben der beiden hatte dann allerdings anders ausgesehen, als Willi sich das erträumt hatte. Die Arbeit des Hofes war hart; für ihn, der so elegant und fein war, zu hart. Emmi, die zu arbeiten gewohnt war, hatte den Hof nahezu allein bewirtschaftet. Willis Beitrag hatte lediglich darin bestanden, die Erträge auf dem Markt zu verkauften.

Der Wochenmarkt war Willi Reimers Leidenschaft gewesen, bei der er den Alltag hatte vergessen können. Er war der geborene Verkaufsmensch, und wie immer, wenn er sich wohl fühlte, hatte er bei seinen Verkaufsgesprächen zu Übertreibungen geneigt und war dabei schnell zu einer der Attraktionen des Marktes geworden. So bekannt er allerdings als Marktschreier war, außerhalb des Marktes schien Willi keine Existenz zu haben. Und weil sein Hof so abgeschieden im Wald der Hüttener Berge lag, waren ihm neben seiner Prominenz auf dem Markt fast ebenso schnell Mystik und Legenden zuteil geworden. Vor allem die Kinder nannten ihn fortan nur noch den Berggeist, wenn sie ihn zu Gesicht bekamen.

Als die beiden Einsiedler schließlich eine Tochter zur Welt gebracht hatten, hatte sich ihr Alltag noch beschwerlicher gestaltet. Emmi war der Sache einfach nicht gewachsen. Irmgard, die Tochter, hatte zwar mit zunehmendem Alter mehr mitgeholfen, jedoch war ihr dabei auch schnell bewusst geworden, wie aussichtslos die Lage war. All die Jahre hatte sie daheim mit ansehen müssen, wie ihre Mutter gesundheitlich immer mehr abgebaut hatte. In der Schule war sie immer wieder mit ihrem verschrobenen, faulen Vater gehänselt worden und hatte zuletzt auch schon gar keinen Widerstand mehr geleistet, sondern selbst Witze über ihn gemacht, um so den Hänseleien den Reiz zu nehmen. Von dem Geld, das der Vater vom Markt nach Hause gebrachte, waren die Schulden des Hofes lange schon nicht mehr getilgt worden. Der Schuldenberg war über die Jahre stetig angewachsen und Irmgard war dieser Zustand zunehmend unerträglicher geworden. Schließlich hatte sie damit angefangen, eine Rücklage zu schaffen, indem sie ihrem Vater Erträge vorenthielt und selbst zu Geld machte.

Das hatte Irmgard geraume Zeit so betrieben, bis sie, mittlerweile schon volljährig, zur Bank gegangen war, um die finanzielle Lage ihrer Eltern endgültig in den Griff zu bekommen. Und wie das Leben so spielt, hatte es nicht lange gedauert, und Irmgard war mit dem jungen Bankangestellten Aßmus in den heiligen Bund der Ehe eingetreten und weggezogen.

Nach diesem Lebenseinschnitt für die Familie war die Arbeit des Hofes endgültig liegengeblieben. Emmi war schon zu gebrechlich geworden, um noch auf dem Feld zu arbeiten. Für Willi war nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, an dem er hatte zur Kenntnis nehmen müssen, dass seine Träume gescheitert waren. Seine Gedanken kreisten nun um einen Neuanfang für sich und seine Frau. Die war, nachdem sie mehr Zeit hatte, häufiger zu Besuch bei alten Freundinnen und Willi bemerkte, wie ihr das neuen Lebensmut gab. Sie hatte sich wahrlich einen schönen Lebensabend verdient, und er wollte ihr dabei behilflich sein. Anfangs hatte Willi sogar noch geglaubt, er könne den Hof verkaufen, wurde aber natürlich schnell eines besseren belehrt. Schließlich hatte er sich dann zur Abtretung an seinen Neffen entschlossen.

Emmi genoss den herrlichen Herbsttag. Sichtlich gut gelaunt gelangte sie nach ihrem Kaffeekränzchen wieder zu Hause an und hatte so vieles zu berichten. Allerdings war ihr Mann nicht zugegen, so dass sie nach ihm suchte. Als sie ihn fand, brach Emmi schreiend und weinend zusammen, da er sich in der Scheune erhängt hatte.

Die Nachricht vom Tode des Berggeistes war noch einige Tage Dorfgespräch. Jeder hatte eine persönliche Geschichte mit ihm erlebt, und fand überall offene Ohren. Vor allem der Postbote wurde immer wieder gebeten, die Geschichte mit dem Brief zu erzählen, schließlich war er es, der den Unglücklichen zuletzt lebend gesehen hatte. Und noch lange erzählte er gerne, es sei ihm sofort klar gewesen, dass da etwas nicht stimme, so wie der Berggeist dem Brief überhaupt keine Aufmerksamkeit gewidmet habe, sondern ihn geheimnisvoll neben sich gelegt habe, um dann davon abzulenken. Aber er, der Postbote, habe ja nicht aufdringlich sein wollen und sei gegangen, nachdem der Alte so sonderlich und abweisend gewesen sei.

Selbst heute, eine Generation später, ist der Berggeist noch ein Thema, denn hätten meine Eltern am Abendbrottisch nicht davon erzählt, würde ich das alles nicht aufgeschrieben haben.

Um die Erzählung zu vervollständigen, ist noch zu erwähnen, dass Irmgard die finanzielle Regelung der Angelegenheit übernahm. Die Bank war großzügig. Da sie nichts mehr zu holen sah, schrieb sie die Schulden ab. Welche Rolle dabei Irmgards Mann spielte, bleibt ungeklärt und gab Anlass zu getuschelten Spekulationen. Der Hof wurde der Gemeinde überschrieben, die dafür Emmi im Gemeindehaus den Lebensabend sichern sollte. Der Gemeinde brachte das jedoch keinen Nutzen, außer dass das unselige Grundstück unter öffentlicher Obhut verfallen konnte. Die Ruinen werden auch noch heute von Spaziergängern entdeckt. Emmi lebte noch einige Jahre glücklich und bescheiden. Sie redete nicht viel, aber auch ihren besten Freundinnen gegenüber, mit denen sie sich regelmäßig auf einen Kaffee traf, sagte sie nicht ein böses Wort gegen ihren toten Mann, in den sie sich so wider alle Vernunft verliebt hatte.

Geschrieben Oktober 2001

Im Regen

Der Regen klatscht schon seit einiger Zeit ans Fenster ihres Zimmers. Mir ist dadurch im Grunde nicht unbehaglich zumute, nur fühle ich mich etwas beklemmt. Bei Sonnenschein würden wir uns bestimmt nicht so still gegenüber sitzen, denke ich. Ich habe keine Lust, mich zu produzieren. Ich weiß nur all zu gut, wie ich in ähnlichen Situationen schon durch mein sinnloses Gerede das Gespräch, das ich eigentlich beabsichtige, verhindert habe. So begnüge ich mich jetzt damit, sie anzusehen. Ihre offene, fast kindliche Art kommt mir dabei hilfreich entgegen. Nicht jeder Mensch kann so ohne weiteres mit jemandem zusammensein und sich einfach nur ansehen, ohne dabei zu sprechen. Und wie schon gesagt, fühle ich mich dabei auch nicht ganz wohl.

Dann jedoch blitzt es und wenig später kommt das Donnergeröll. Sie ist begeistert, springt sofort auf, um aus dem Fenster zu sehen. Ich bleibe erst noch sitzen und betrachte ihren Körper. Sie steht auf ihren Zehen, ihre Arme auf die Fensterbank gestützt mit durchgedrücktem Rücken, und wartet angespannt den nächsten Blitz ab. Der Anblick ihrer Figur lässt mich noch einige Zeit auf meinem Sitzplatz verweilen. Wieder bin ich von dem, was vor sich geht, überfordert. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass ich mich einfach so neben sie stellen kann, um das Naturschauspiel gemeinsam mit ihr zu erleben. Sie sieht einladend zu mir rüber und schwärmt von Sommergewittern. Der nächste Blitz geht nieder, und ich bin fasziniert von ihrem Temperament. Gleichzeitig wächst meine Schüchternheit, und ich weiß nicht, was ich zu tun habe. Ich will auch so euphorisch sein. Sie blickt wieder erwartungsvoll aus dem Fenster. Ich kann unmöglich einfach sitzen bleiben, denke ich. Ich stehe auf und gehe zu ihr. Im ersten Moment bin ich erleichtert, mich zu dieser Handlung durchgerungen zu haben. Aber dann stehen wir nebeneinander. Mein Versuch, gespannt in den Himmel zu sehen und dem nächsten Blitz entgegen zu fiebern, scheitert. Das Gewitter macht keinen all zu starken Eindruck auf mich. Ich habe keinen nützlichen Gedanken, fühle nur all zu stark ihre Nähe und beobachte, wie die Regentropfen an der Scheibe zerplatzen und das Wasser zerläuft. Wie früher, wenn meine Eltern mich mit dem Auto irgendwo hin mitnahmen und es regnete, denke ich. Ich hatte damals auch immer das verlaufende Wasser auf den Scheiben verfolgt, um mich zu beschäftigen oder aber auch abzulenken. Die Tropfen beschäftigen mich so sehr, dass ich schließlich nicht mehr in der Lage bin, mit meinem Blick die Scheibe zu durchdringen. Es sieht bestimmt so aus, als wenn ich die Scheibe anstarre, denke ich. Ich würde gerne wissen, was sie macht, kann meinen Blick aber nicht von der Scheibe lösen. Am liebsten würde ich mich wieder hinsetzen, aber ich will jetzt nicht kneifen, wie schon so oft. Vielleicht, wenn ich ihre Hand nehme, denke ich, traue mich aber noch weniger, als sie einfach nur anzusehen. Ich spüre, wie mein Körper anfängt sich zu verkrampfen, und habe Angst, im nächsten Moment gelähmt zu sein oder ihr sonst irgendwie behindert zu erscheinen. Ich muss mich aus meiner Starre lösen und weiß mir nicht anders zu helfen, als zu reden. Ich konzentriere mich auf meine Stimme, um nicht unpassend zu klingen:

»Weißt du, woran ich gerade denke?«

Ich spüre, dass sie mich ansieht, erwidere den Blick jedoch nicht, sondern sehe immer noch aufs Fenster. Allerdings bin ich nun froh, dass ich dem vorherigen Moment entkommen bin und wirke wohl eher gedankenverloren. Ich weiß, dass sie nicht mehr glaubt, ich würde verkrampft starren, wie sie es zuvor vielleicht geglaubt hat.

»Der Regen erinnert mich an eine Geschichte, die ich letztens gelesen habe.«

Meine Stimme ist sehr übertrieben und klingt, als wenn ich einen Geschichtenerzähler aus dem Radio imitiere. Ich finde gefallen an meiner Rolle.

»Es geht da um einen Jungen, der an einem ähnlichen Abend wie diesem hier zu einer kleinen Geburtstagsfeier gegangen war. Auf dem Hinweg hatte er noch große Lust gehabt, sich den Gesprächen hinzugeben, jedoch hatte sich für ihn bisher noch keines ergeben, das seinen Vorstellungen gerecht wurde, und so war seine Stimmung nun getrübt. Auch wenn er aufgehört hatte, noch länger auf Besserung seiner Lage zu hoffen, so war er aber trotzdem geblieben, weil er nicht wusste, wo er hingehen sollte. Zusammen mit einer Flasche Rotwein saß er abseits der anderen auf dem Fußboden, den Rücken an die Wand gelehnt, sein Blickfeld auf die Sitzgarnituren der anderen. Je mehr er trank, desto mehr schwand in ihm die Lust oder der Wille, sich an den Gesprächen der anderen zu beteiligen. Er hatte aber nicht das Gefühl, betrunken zu sein. Hätte er gewollt, hätte er den Kontakt zu den anderen ohne weiteres herstellen können. Aber er wollte nicht, konnte nicht, weil er nichts zu erzählen hatte. Er beobachtete die anderen, wie die anderen auch ihn beobachteten. Man tat es jedoch unauffällig. Er jedenfalls wollte die anderen nicht offensichtlich ansehen, weil er daraufhin in ein Gespräch verwickelt zu werden fürchtete. Er versteifte sich regelrecht in den Gedanken, nicht reden zu wollen, nur des Redens willen, so wie die anderen es seiner Meinung nach taten. Zwar konnte er nicht verstehen, was sie redeten, weil die Musik zu laut war, als dass die Stimmen noch zu seinem einsamen Ort getragen worden wären, aber er dachte es sich. Irgendwann dachte er, sie redeten über ihn. Immer wieder trafen ihn Blicke. Er wollte aber nicht als Gesprächsthema herhalten und wollte wissen, was vor sich ging, um sich zu verteidigen, konnte sich nun aber nicht mehr so ohne weiteres in das Gespräch einmischen, weil er fürchtete, lächerlich zu wirken und den Spott der anderen zu ernten. So versuchte er das Gerede der anderen zu ignorieren und beschäftigte sich mit dem Wein. Das lenkte ihn wieder ab, und er blieb alleine, ohne etwas zu entbehren. Als er dann nichts mehr zu trinken hatte, konnte er sich aber dann nicht mehr mit sich selbst beschäftigen, zu präsent waren die Gespräche der anderen. Er wollte wissen, was da vor sich ging, sah aber keine Möglichkeit, es herauszubekommen. Er hatte sich zu weit von den anderen entfernt und fühlte sich in ihrer Gegenwart elend. Am liebsten wäre er alleine gewesen, allein mit sich und seinen Gedanken. Er brauchte die anderen nicht. Von dieser, seiner Erkenntnis angetrieben, stand er auf, holte sich eine neue Flasche, sagte dem Gastgeber, er wolle etwas frische Luft schnappen und ging. Die anderen sahen ihm zu, wie er aufstand, durchs Zimmer wankte und schließlich mit der Flasche in der Hand theatralisch den Raum verließ. Auch wenn die Rolle des einsamen Schweigers für ihn Realität geworden war, für die anderen bot er nur großes Theater. Sie nahmen es nicht ernst und wunderten sie sich nur darüber, was er wohl vorhabe im Regen. Er wusste es selbst nicht und war einfach nur erleichtert, als er die Tür hinter sich zu machte und die anderen verließ. Er fühlte sich, als stünde er vor einem Neuanfang und ließe alles Vergangene zurück. An der Eingangstür des Hauses wurde ihm erst wieder bewusst, dass er nicht wusste, wohin er nun gehen sollte. Außerdem regnete es in Strömen. Er ging trotzdem raus und ließ die Haustür hinter sich zufallen, stand nun auf einer Steintreppe, die zur Haustür führte, und war schon nach wenigen Sekunden durchnässt. Er setzte sich auf die Steintreppe, genoss die Regentropfen, wie sie auf ihn niedergingen und nahm sich die neue Flasche vor. Es dauerte jedoch nicht lange, höchstens ein Viertel der Flasche, bis er eine Bekannte mit dem Fahrrad in die Straße einbiegen sah. Sie grüßten sich. Sie stellte ihr Fahrrad ab und fragte ihn, warum er denn alleine im Regen säße. Er sagte, er habe da Lust drauf. Es sei halt ein tolles Gefühl, und er habe das noch nie gemacht, einfach nur dasitzen und sich im Regen betrinken. Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und sah sie dann an. Sie war wie er durchnass und hatte es auch nicht als unangenehm empfunden. Außerdem hatte die Art, wie er gesprochen hatte, sie beeindruckt und so setze sie sich zu ihm auf die Treppe und trank auch etwas. Nun spürte sie, was er gemeint hatte. Sie fühlte auch, etwas besonderes zu erleben. Beide genossen nun den Augenblick und schwiegen dabei. Die Musik der anderen drang zu ihnen herunter. Bei einem Lied, dass ihm besonders gefiel, fragte er dann, ob sie tanzen wolle. Sie war offen für seine verrückten Vorschläge und so tanzten sie. Sie tanzten im Regen. Anfangs waren sie noch etwas steif. Sie tanzten ungefähr so. Aber dann wurden ihrer Berührungen intensiver. Er fasste sie ungefähr so an und schließlich tanzten sie eng umschlungen.«

Schon während der Erzählung habe ich ihr des öfteren tief in die Augen geschaut. Nun halte ich sie dabei sogar im Arm, nachdem ich ihr gezeigt habe, wie der Junge und das Mädchen eng umschlungen tanzten. Trotzdem traue ich mich nicht, sie zu küssen. Wir sehen uns an. Sie geht nicht weiter auf die Geschichte ein und wir schweigen wieder. Ich bin eigentlich froh darüber, dass ich den Moment nicht zerrede, habe das alles wohl auch eher mir selbst erzählt, um mir Mut zu machen und meiner Phantasie Leben zu geben. Für meine Zuhörerin bestand darin wahrscheinlich auch der wahre Erzählgehalt, denke ich. Nun bleibt eigentlich nur noch eins zu tun, aber ich mache mir trotzdem Gedanken. Ich denke an das Ende der Geschichte und traue mich immer noch nicht, sie zu küssen. Die Geschichte wird in mir wieder lebendig.

Während das Mädchen und ich uns damals im Tanz drehten, und ich in den Regen hinein sehen wollte, fiel mein Blick auf das Fenster der anderen. Ich sah ihre Gesichter. Man beobachtete unseren Tanz. Ich sagte es ihr und wir brachen den Tanz ab. Sie winkte den anderen zu und wollte zu ihnen. Ich aber wollte nicht zurück. Sie bat mich eindringlich, küsste mich sogar, um mich zu überreden, aber für mich war der Moment vorbei. Ich war und bin der festen Überzeugung, dass ich auf der Party nicht mehr der Mensch gewesen wäre, der im Regen mit ihr getanzt hatte, und ich wollte nicht zurück zu den Gesprächen der anderen. So ließ ich sie gehen. Ich setzte mich kurz wieder und trank, machte mich aber dann auf den Weg, um konfus umherzulaufen und die Flasche leer zu trinken. Allerdings bedeutete mir all das, was ich zuvor noch so tief in mich aufgesogen hatte und mich so glücklich allein im Regen sein ließ, nichts mehr im Vergleich zu dem Tanz und auch ihrem Kuss. Ich fühlte mich wieder elend. Alles was ich noch hatte, war das Bewusstsein, den Moment, der mir vollkommen erschien, nie wieder so erleben zu können. Ich war damals einsamer denn je.

Ich fange schon wieder an, zu starren, denke ich. Ich ertrage den Moment nicht mehr, lasse sie los und drehe mich zum Fenster. Auch sie ist wohl enttäuscht von mir. Ich entschuldige mich und gehe.

Geschrieben Juni 2002

Schachmatt

Ich hatte die Hand mit der schwarzen Figur gewählt und machte mir einen Spaß daraus, ihm die ersten beiden Züge nachzumachen. Als er dann jedoch wieder einen Bauern zog, ging ich mit dem Läufer schon gleich in die Offensive, obwohl ich ja weiß, dass es in diesem Stadium des Spiels noch nichts bringt. Ich bin kein so guter Spieler, als dass ich die Tragweite meiner Züge oder auch die meines Gegners im Voraus abschätzen könnte. Im Grunde bin ich immer froh, wenn sich irgendwann interessante Konstellationen entwickeln, an denen man sich dann messen kann. Für einen wirklichen Schachspieler muss sich das hier einfältig anhören, aber ich finde es auch übertrieben, regelrecht die Züge zu trainieren, um dann wirklich Schach spielen zu können. Für mich steht der Spaß im Vordergrund. Mein Freund sieht das ähnlich und es macht ihm immer Spaß mit mir zu spielen, auch wenn er etwas geübter ist. Ich glaube, ich habe noch nie gegen ihn gewonnen, und selbst wenn und ich es jetzt nicht mehr weiß, so zeigt es ja nur, dass ich gar nicht die Absicht habe. So saßen wir auch jetzt wieder am Brett und machen unsere Züge.

Er ist dran und überlegt lange. Es sieht gut aus für mich, das habe ich auch schon erkannt. Ich weiß aber nicht, wie ich diesen Vorteil umsetzen kann, also warte ich ab und hoffe auf Fehler. Er zieht. Es ist wohl ein Sicherheitszug. Aus meiner Sicht ist die Konstellation unverändert. Ich spüre, wie der Moment gekommen ist, um vielleicht sogar einen Sieg einzufahren, aber ich weiß nicht wie. Überlegen hilft da wohl auch nicht wirklich. Bleibt mir das Warten auf offensichtliche Fehler. So wie gestern, als ich mit einer Bekannten gespielt habe. Ich hatte sie besucht, weil mir alleine langweilig gewesen war und ich nicht in meiner Bude hatte versauern wollen. Irgendwann hatte sie dann die Idee zu spielen. Wir waren schon etwas angetrunken, und das Spiel machte Spaß. Ich stand auch recht gut, so wie jetzt, fühlte aber noch lange nicht, dass ich sie besiegen würde. Sie machte dann die Fehler, auf die ich auch nun warte. Ich hatte nur ihre Figuren schlagen müssen.

Ich ziehe meinen Springer, um weitere Felder zu bedrohen. Er zieht den Läufer und bedroht meine Dame und den Turm. Meine gute Ausgangsposition ist zerstört. Ich bin in einer ausweglosen Situation. Der Turm ist verloren. Vielleicht ist das das Gefühl, das sie gestern hatte, als ich ihr auch noch ihren Turm genommen hatte und sie dann praktisch handlungsunfähig war. Mir war gar nicht bewusst, in was für einer schlechten Lage sie sich befunden hatte, bis sie das Brett umwarf. Hatte ich zuvor immer herzhaft gelacht, war ich in dem Moment erschrocken über ihren Ausbruch. Ich sah sie an und beschwerte mich lächelnd, warum sie mir mein Spiel kaputtgemacht hatte, schließlich gewänne ich nicht so oft und müsse noch üben, den Sack zuzumachen. Und wie ich es üben muss. Ich rette die Dame. Mein Turm ist weg. Sein Läufer steht sehr bedrohlich. Eine Verteidigung ist mir nicht möglich. Ich nutze die Dame, um selbst Druck zu machen. Sein König ist von Bauern abgeschirmt, aber ich sehe eine Lücke, arbeite darauf hin, gerate dann aber schon selbst in Zugzwang, weil auch er jetzt angreift. Ich bin einen Zug zu spät. Trotzdem war es ein tolles Spiel. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich ihn das letzte Mal so in die Enge gezwungen habe. Ich weiß, dass ich nur häufiger spielen muss, um ihn irgendwann zu schlagen.

Wir spielen noch mal. Wenn ich nur wüsste, wie ich es gestern gemacht habe. Meine ersten Züge sind wieder willkürlich, wie gestern auch. Eigentlich war ihr Wutausbruch gestern meine Rettung, denn auch ohne Gegenwehr wäre ich vielleicht nur zu einem erbärmlichen Remis fähig gewesen. Wahrscheinlich hätte ich dabei ohne ihre Reaktion auch weiterhin nicht mal bemerkt, wie sehr es sie verletzte, von einem Spaßvogel vorgeführt zu werden. So aber öffnete mir ihr plötzlicher Spielabbruch die Augen. Meine Züge sind immer noch unüberlegt. Auch er zieht recht schnell.

»Wie läufst eigentlich bei dir? Immer noch verliebt?«

»Ja, klar. Kein Ende in Sicht«, antwortete mein Freund.

»Ich habe gestern wieder eine besucht.«

Er hat gezogen und ich stehe ganz schlecht dar. Selbst ich sehe, dass das Ende nicht mehr lange auf sich warten lässt, wenn ich so weiter spiele wie bisher. Ich versuche, mich zu konzentrieren. Gestern hatten wir viel geredet, über die Liebe und das alles. Sie hatte wirklich was zu sagen. Einige Sätze sind plötzlich wieder da.

»Wenn du die Dame bewegst, kannst du noch ein paar Züge schinden«, lacht mein Freund.

All die Männer, die sie hatte, haben sie nicht glücklich gemacht, weil es eben nur für eine Nacht war und sie sich am nächsten Tag nur noch einsamer fühlte, als wenn sie gleich alleine geblieben wäre. Jedenfalls sagte sie das so. Ich verstand sie zwar, könne es aber nicht wirklich nachvollziehen. Jetzt fühle ich, was sie meinte. Ich vermisse sie.

»Du weißt ja gar nicht, wie das ist, ständig auf der Suche zu sein.«

»Red keinen Scheiß und zieh endlich.«

Ich ziehe. Er überlegt kurz und zieht dann auch. Hoffentlich fühlt sie sich heute gut, wenn sie an mich denkt. Vielleicht sollte ich sie anrufen. Aber was soll ich ihr sagen? Meine Gedankenfetzen ergeben noch lange kein Gespräch.

»Ach komm, mach schon!«, sagt mein Freund, der schon seit Jahren in einer glücklichen Beziehung lebt.

Geschrieben Juli 2002

Liebe auf den ersten Blick

»Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.« Sie wusste nicht einmal, ob ich ihr sympathisch war. Jedenfalls sagte sie das so, wenn auch freundlich. Eigentlich ein Schlag in Gesicht, aber ich blieb unbeirrt. »Ich weiß nicht wieso, aber ich habe bei dir das Gefühl, als könnte ich es mein Leben lang mit dir aushalten. Das hört sich jetzt bestimmt komisch an, und es ist auch für mich ungewöhnlich, aber ich wollte einfach, dass du es weißt, bevor du nach Hause fährst. Ich dachte mir, dass ich es einfach sagen musste, damit du auch was von meinem Gefühl hast. Schließlich ist es wohl die einzige Gelegenheit. Wir sehen uns wohl kaum noch mal.«

Ich war ja schon oft verliebt, aber noch nie so spontan und so intensiv. Doch, so intensiv habe ich die Liebe eigentlich immer empfunden, aber das Intensive an dieser Liebe war, dass ich es ihr einfach so sagte. Keine Hemmungen, Beklemmungen, Ängste oder sonstiges, das mich sonst immer davor zurückschrecken lässt. Es kam einfach aus mir raus. Sicherlich hat es viel geholfen, dass es auf eine fremden Party in einer fremden Stadt war und ich mich nicht darum scherte, was mein Geständnis für Konsequenzen in meinem Alltag haben würde. Ich war fest davon überzeugt, sie nie wieder zu sehen. Und wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb ich so bedingungslos und offen vorging. Ich hatte nicht die Zeit, um das übliche Geplänkel zu veranstalten.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, weiß ich nicht, ob ich an dem Abend generell anders war, oder aber sie mich so verändert hatte. Es war unser vorheriges Gespräch, dass mich so geöffnet hatte. Es war die Art unseres Gesprächs, es waren ihre Augen, wie sie mich ansah, es war die Ruhe, die sie ausstrahlte, wenn sie mir zuhörte, ihre Art mir zu zeigen, dass sie mich verstand, oder auch einfach nur die Leichtigkeit des Gesprächs, das ich mir ihr hatte. Es war alles so vielversprechend. ...

Ich kam eben beim Nachdenken über das, was ich nun eigentlich schreiben sollte, zu keinem Ergebnis, sondern geriet ins Träumen. Das Gespräch, das innige Gefühl, das ich dabei empfunden hatte, war wieder da. Es ist ein tolles Gefühl. Eigenartiger Weise wurde aber auch eine andere Erinnerung geweckt. Ich erinnerte mich plötzlich wieder an meine Erlebnisse während einer Ferienfreizeit mit dem Sportverein meines Heimatdorfes.

Es ist nun etliche Jahre her, dass ich von meine Eltern auf diese Reise geschickt wurde. Ich selbst kann nicht sagen, wie alt ich war, wie ich überhaupt meine Kindheitserinnerungen zeitlich meist nicht einzuordnen weiß. Dennoch sind sie mir nicht unwillkommen, glaubte ich doch lange Zeit sogar, gar keine Erinnerungen zu haben. Aber jetzt lösen sie sich natürlich immer häufiger und meine Vergangenheit kehrt zu mir zurück, wie etwas, das man verlegt hat, schließlich aber doch wiederfindet, obwohl man nicht danach suchte. Ich könnte es aber auch pathetischer so beschreiben, dass sich, je mehr mir schon mal Erlebtes bewusst wird, mein Kindheitstrauma zu lösen beginnt und alles, was ich zuvor verdrängt hatte, wieder zu Bewusstsein gelangt. Je mehr Erinnerungen dabei zurückkehren, desto größer wird das Feld, auf dem ich mein damaliges Sein ergründen kann. Jede Erinnerung birgt Anhaltspunkte, denen ich auf der Suche nach mir selbst nachgehen kann.

Leider sind die Erinnerungen meiner Eltern dabei weit weniger aufschlussreich als meine eigenen. Irgendwie wissen meine Eltern immer nicht, um was es mir eigentlich geht, wenn ich sie über die Vergangenheit befrage. Und wahrscheinlich konnte ich auch schon als Kind nicht mit ihnen über meine Gedanken reden, so dass in mir eine eigene Welt entstand, die ich erst jetzt langsam zu erschließen beginne. Wenn mir aber jetzt bewusst wird, was ich damals vor ihnen verborgen hielt, was sie also folglich auch gar nicht wissen können, so ist es mir nach wie vor nicht möglich, mich mit ihnen über meine Welt zu unterhalten. Sie würden es immer noch nicht verstehen. In ihrer Welt ist irgendwie kein Platz für die Erlebnisse meiner Kindheit. Nichtsdestotrotz sind unsere Gespräche aber durchaus hilfreich. So erfuhr ich vorhin, als ich meine Mutter auf die Ferienfreizeit mit dem Sportverein absprach, immerhin, dass ich damals wohl zwölf Jahre alt gewesen sein muss.

Ich war damals im Umgang mit Menschen nicht sehr geübt, hatte keine Freunde und war sehr verschlossen, fast menschenscheu. Das war wohl auch der Grund, weshalb ich mit all den anderen Kindern des Dorfes meinen Urlaub verbringen sollte. Diesen Gedankengang unterstelle ich jetzt einfach meinen Eltern. Ob sie wirklich so dachten, weiß ich nicht, und ich werde es auch nie erfahren. Meiner gesellschaftlichen Unzulänglichkeit auf jener Reise bin ich mir aber um so sicherer, denn es lösen sich jetzt, da ich an jene Tage zurückdenke, so viel einzelne kleinere Erlebnisse, und ich muss aufpassen, mich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren, schließlich geht es mir hier nicht um die Reise an sich, wie es auch nicht um meine Eltern geht. Es geht hier einzig um meinen ersten Kontakt mit Mädchen. Dennoch möchte ich zusammenfassend sagen, dass mir die Erinnerung an jene Tage insgesamt eine Beklemmung bereitet, die ich nicht wirklich unter Kontrolle bekomme.

Es war auf den Ausflügen des Sportvereins gute Sitte, dass sich vor der Bettruhe auf dem Flur oder in den Zimmern eine gute Nacht gewünscht wurde. Ein Gute-Nacht-Küsschen gehörte dabei zum guten Ton. Ich kann mich nicht erinnern, jemals vorher einem Menschen einen Kuss gegeben zu haben. Als es zum erstenmal zu der abendlichen Zeremonie kam, hatte ich Angst vor dem Unbekannten. Ich wollte nicht mitmachen, verkroch mich unter meiner Bettdecke und wünschte, allein zu sein. Eine Betreuerin ließ jedoch nicht locker. Ich muss ihr heute noch dafür dankbar sein, dass sie sich so viel Mühe mit mir gab. Sie redete besänftigend auf mich ein und zog mir langsam die Decke weg. Zu dem Kuss selbst musste ich dann nicht mehr lange überredet werden, weil sie mein volles Vertrauen erweckt hatte. Ich war neugierig auf das, was sie mit mir vorhatte und genoss auch die Aufmerksamkeit, die sie mir entgegenbrachte. Sie küsste mich zärtlich auf die Wange. Mein erster Kuss war somit schließlich für mich ein positives Erlebnis. Danach blieb ich zwar im Bett liegen, freute mich aber schon darauf, am nächsten Abend wie all die andern herumzulaufen und Küsse zu sammeln.

So war es dann auch. Ich war ein fleißiger Sammler. Es war für mich eine Sache, die ich zu Hause nie erlebt hatte, die ich aber unendlich toll fand. Natürlich waren es keine erotischen Küsse, sondern nur familiäre, größtenteils auf die Wange. Ich beobachtet aber, wie zwei Ältere sich darüber unterhielten, es mit der Zunge zu machen. Das war aber noch nichts für mich. Trotzdem reizte es mich, meine neue Leidenschaft intensiver auszuleben, als ich schon eine gewisse Routine im Küssen entwickelt hatte.

Das größte Mädchenzimmer lag am Ende des Flures. Der ganze Flur, den man sich entlang küsste, war somit nur der Weg in dieses Zimmer. Ich weiß noch, wie froh ich war, als ich eines Abend das Zimmer betrat. An diesem Abend war hier am meisten los gewesen und ich fiel nicht weiter auf. Ich stellte mich in die Nähe eines Mädchens, dass für mich das schönste, reizvollste war und wartete meine Chance ab. Dabei beobachtete ich das herrschende Treiben. Als meine Auserwählte einen kurzen Moment unbeschäftigt war, ging ich zu ihr und wünschte ihr eine gute Nacht.

Und mit diesem Mädchen hatte ich dann das Erlebnis, dass mich ausgerechnet jetzt alles bisherige erzählen lässt.

Es war an einem Abend eine Disco angesetzt. Wir hatten den Keller des Jugendhauses, in dem wir untergebracht waren, am Tag hergerichtet und ich war schon reichlich gespannt, was mich erwarten würde. Ich war natürlich mit meinen zwölf Jahren noch nie in einer Disco gewesen, wusste nur vage aus dem Fernsehen, wie die so aussieht. Als es dann so weit war, beobachtete ich die Älteren, die schon Partys dieser Art mitgemacht hatten. Sie unterhielten sich und einige tanzten auch. Ich saß mit ein paar Jungs meines Alter auf einer Bank an der Tanzfläche. Ich hatte ein verwaschenes T-Shirt, billige Jeans und billige, bunte Turnschuhe an.

Mein Äußeres kann ich mir deshalb so gut vorstellen, weil es ein Bild von mir gibt, dass ungefähr zu der Zeit aufgenommen wurde. Wie viel Zeit zwischen dem Foto und meinem ersten Discoerlebnis liegt, konnte selbst meine Mutter vorhin nicht nachvollziehen. Dennoch denke ich, dass ich an dem Abend so wie auf dem Foto ausgesehen haben muss, vielleicht sogar die gleiche Kluft anhatte, weil ich meine Lieblingsklamotten auch heute noch über Jahre hinweg trage, bis es wirklich nicht mehr geht.

Ganz sicher bin ich mir jedoch bei den Schuhen, weil ich mich erinnern kann, sie an dem Discoabend immer angesehen zu haben, wenn ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden oder aber dabei ertappt worden zu sein, wenn ich jemanden beobachtet hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie ich mich sonst hätte verhalten sollen. Ich erinnere mich an dunkelblaue Turnschule mit roten Steifen, wie ich sie auf dem Bild trage.

Das alles lässt mich zu dem Schluss kommen, dass ich an dem Abend wohl recht ansprechend, wenngleich zeitweise auch verschüchtert ausgesehen haben muss. Die Jungs neben mir müssen wohl ähnlich dagesessen haben, denn schließlich wurden wir alle kollektiv von einer Gruppe Mädchen zum Tanzen aufgefordert. Auch wenn ich als Gruppenzugehöriger zum Tanzen aufgefordert wurde, so war ich trotzdem überzeugt, dass meine Tanzpartnerin sich von mir angezogen fühlte, denn es war sie, die ich schon seit Tagen so liebenswert fand und die ich geküsst hatte. Für mich war sie die schönste Frau der Welt, wahrscheinlich war sie für mich die einzige Frau. Ich hatte nach dem Tanz nur noch Augen für sie und hatte mir schon überlegt, ihr ein Eis zu kaufen, um mich ihr zu nähern. Aber zum Glück war ich damals zu schüchtern, um den Plan in die Tat umzusetzen.

An weitere Begebenheiten mit ihr kann ich mich nicht erinnern und glaube daher, dass ich ihr auf der restlichen Fahrt aus dem Weg ging. Ich hatte an dem Abend meine Leidenschaft wohl gerade noch so besiegt, und wollte wahrscheinlich die Wunden nicht wieder aufplatzen lassen, die der harte Kampf in mir hinterlassen hatte. Dass es damals sehr weh tat, weiß ich schon deshalb ziemlich genau, weil ich auch heute noch häufig unter meiner Leidenschaft leide, wenn ich mich zu einer Frau hingezogen fühle. Jedoch führe ich derartige Kämpfe mit mir nicht mehr so hart und bin schnell in der Lage, meine Sehnsüchte zu unterdrücken, weil ich mittlerweile von der Vernunft stark beeinflusst bin und Verhaltensmuster entwickelt habe, nach denen ich mich richten kann, ohne verletzt zu werden.

Wenn ich jetzt so über das alles nachdenke, weiß ich eigentlich gar nicht, was ich da stets unterdrücke. Zwar denke ich, dass es die Liebe ist, weiß aber hierüber eigentlich nichts zu sagen. Ich glaube, sie ist mehr als sich zu jemandem hingezogen zu fühlen. Es ist viel wichtiger, es bei dem Menschen dann auch aushalten zu können. Wenn ich überlege, zu wie vielen Mädchen ich mich schon hingezogen fühlte, wie oft ich schon verliebt war, erscheint es mir jetzt eher so, dass es im Grunde alles nur Möglichkeiten waren, mit einem Mädchen zusammen zu kommen. Leider jedoch nie ein Zusammensein, an das ich mich erinnere, weil ich es genossen hätte. Keine wirkliche Liebe.

Die Erkenntnis, dass man im Grunde erst nur Möglichkeiten nachgeht, bevor man wirklich liebt und mit jemandem wirklich gerne sein Leben teilt, erscheint mir als unbestreitbar. Manche Menschen erkennen im jetzigen Zeitalter der Selbstverwirklichung ja auch erst Jahre später, dass sie die Möglichkeit, die sie die ganze Zeit verfolgten, nicht genutzt haben und ihren Partner nicht lieben. Die Scheidungen und Trennungen geben mir Recht. Andererseits zeigen die vielen Singlehaushalte, dass die Suche nach der idealen Partnerschaft mit zu viel Risiko und Aufwand verbunden ist und man daher lieber einige Möglichkeiten ungenutzt verstreichen lässt. Man hat sich im Laufe der Jahre so viel mit dem Thema beschäftigt, dass man schon von vornherein die Chancen der Möglichkeiten abzuschätzen gelernt hat und auf die günstigste wartet, um seine Energie nicht in etwas Aussichtsloses zu stecken. Ich werde jetzt jedoch zu allgemein. Vielleicht schließe ich ja auch nur von mir auf die andern. Bei mir jedenfalls erscheint es mir als die Wahrheit. Ich überlege mir immer schon im voraus, wie es wohl ausgeht, wenn ich meiner Lipido nachzugeben gewillt bin. Meine Schwarzseherei verhindert dann, dass einige Möglichkeiten sich entwickeln können. So habe ich es noch nie geschafft, mit einem Mädchen, das ich liebe, besser gesagt: das eine Möglichkeit zur Liebe darstellt, so zusammen zu kommen, dass es mein Inneres befriedigt hätte. Bis zu diesem Abend auf der Party.

Eine Beziehung war nie meine Absicht. Das hatte ich ihr auch gesagt: »Es hat ja keinen Zweck. Einer von uns würde bestimmt darunter leiden. Und außerdem sehen wir uns ja eh nicht wieder.« Wahrscheinlich war dieser Gedanke auch geradezu die Voraussetzung für meine Liebeserklärung. Es ging nur um den Moment, es ging mir nur darum, sie an meinem Gefühl teilhaben zu lassen, sie quasi dafür zu belohnen, dass sie es in mir erweckt hatte. Ich war einfach nur glücklich, es ihr zu sagen. Es war keine Entscheidung, kein Sag-ich’s/Sag-ich‘s-nicht, kein Entweder-Oder zwischen dem ich sonst immer schwanke. Es kam einfach so aus mir raus, es war eine innere Befriedung, den Moment mit ihr zu genießen und mit ihr darüber zu reden. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal einfach so fallen ließ. Vielleicht habe ich es noch nie getan aus lauter Angst vor der Konsequenz, dem Gedanken an die Zukunft und das Ende, all den Zweifeln und dem Misstrauen. Es ist so tief in mir drin, dass ich wohl schon gar nicht mehr einfach nur für den Moment leben kann. Dabei war es so wunderbar, mit ihr einfach nur über meine Liebe zu reden, mich zu befreien von all dem gedanklichen Ballast, den ich damit verbinde. All diesen Ballast spürte ich bei ihr nicht, weil keine Zukunft geplant oder da sonst etwas war, was ich hätte bedenken müssen. Es ging nur um den Moment. Ich konnte einfach nur meine Empfindungen ausleben. So gaben wir uns zum Abschied noch einen leichten Kuss. Aber auch ohne Kuss wäre es für mich ein bedeutendes Liebeserlebnis gewesen. Es erscheint mir, als hätte ich in dem kurzen Gespräch, in dem ich einfach ohne Umschweife meine Gefühle wirken ließ, mehr Befriedigung gefunden, als es sonst irgendwie möglich wäre, und so kann ich jetzt ungelogen behaupten, mich damals auf den ersten Blick verliebt zu haben. Wäre ich rational an die Sache ran gegangen oder hätte versucht, der Möglichkeit nachzugehen, um sie auszubauen, es wäre wohl eher ein Ausschlachten geworden. Die Liebe wäre wohl schnell wieder verflogen. Als reines Gefühl aber hält diese Liebe, denn auch wenn Liebe ja bekanntlich blind macht, so hielt diese Blindheit bei mir bislang noch nie lange vor. Nun allerdings ist mir der zweite Blick verwehrt und mir bleibt eine schöne Erinnerung ohne bitteres Beiwerk, eine Liebe ohne Leiden.

Geschrieben August 2002

Am Scheideweg

»Lass mal gut sein! Heranwachsende, die am Tresen einpennen, sind heutzutage doch ein gewohntes Bild. Ist doch eigentlich nicht der Rede wert. Wenn du da also gleich wieder von Entartung redest, ist das doch völlig überzogen. Das ist mir einfach viel zu simpel. Was genau ist denn daran so abartig? Wenn man das Ganze mal differenziert betrachtet, stellt es sich doch ganz anders dar. Eine neue Generation bringt doch zwangsläufig Degeneration mit sich. Veränderungen sind doch schlechterdings vorgesehen! Fragt sich nur, wie man sie bewertet. Und wenn die heutige Jugend zunehmend verwildert, kann darin doch durchaus auch eine Verfeinerung des Zeitgeistes gesehen werden!«

»Dann ist dieser Zeitgeist eben Scheiße! Guck dir dieses Elend doch mal an!«

»Mich stört der Junge überhaupt nicht. Selbst wenn er jetzt den Tresen vollsabbern würde, würde ich es nicht als abartig bezeichnen. Lass ihn doch schlafen. Vielleicht hat er es nötig. Du weißt doch gar nichts über den Jungen. Du gehst natürlich wieder wie selbstverständlich davon aus, dass er ein Schwachkopf ist, und das bringt dich gegen ihn auf. Du unterstellst ihm, er würde nichts aus seinem Leben machen. Aber was macht dich da so sicher? Das er jetzt schläft, zeigt doch nur, dass er einfach zuviel zugemutet hat. Jeder braucht mal ne Pause.«

»Schön wär’s! Aber ich kenne diese Pappenheimer mittlerweile zu Genüge. Schon die ganze Erziehung ist bei denen total verkorkst. Die werden nie Vollbringer schöner und erhabener Taten sein. Da kann man denen noch so oft erzählen, wie es in der wahren Welt aussieht, die wollen sich lieber der Täuschung hingeben. Glaub bloß nicht, dass es sie interessiert, dass die Welt den Menschen von den wirklich guten und schönen Dingen keines ohne Mühe und Arbeit gibt. Es interessiert sie nicht, dass man erst säen muss, bevor man erntet. Wenn man stark sein will, dann muss man seinen Körper daran gewöhnen, dem Geist zu gehorchen, und ihn unter Mühen und Schweiß üben. ... «

»Ach bitte, nicht schon wieder deine abgedroschene Predigt. Ich kann es nicht mehr hören! Immer wieder die alte Leier vom schweren und langen Weg zu den Freuden des Lebens. Begreif doch endlich, dass du damit heutzutage niemanden mehr überzeugst angesichts der heute gängigen Möglichkeiten, sich glücklich zu machen.«

»Natürlich! Du wieder mit deinem schnellen Glück! Guck es dir doch mal an! Man durchprasst die Nächte, hüpft sorglos durch die Jugend und schleppt sich dann mühselig durch das Alter. Und wenn man sich auch momentan für unsterblich hält, so ist man letztlich doch von der Welt ausgestoßen und wird von allen guten Menschen verachtet. Denn niemals hat man ein schönes Werk selber vollbracht. Wer wird einem da noch glauben, wenn man redet! Wer wird helfen, wenn man etwas nötig hat! Welcher Mensch, der bei klarem Verstand ist, möchte auch so elendig sein! Haben doch die Anbeter der Glückseligkeit einen schlaffen Körper und einen stumpfen Geist. Ihre Jugend verbringen sie glänzend, ohne zu arbeiten, während ihr Alter mühselig ist. Und dann schämen sie sich dessen, was sie einst getan haben, und ächzen unter dem, was sie tun, haben sie doch das Angenehme in ihrer Jugend durchgekostet, das Schwere dagegen auf ihr Alter verschoben!«

»Ich weiß, ich weiß! Du hingegen hast den prächtigsten Umgang ...«

»Genau, ich verkehre und lebe mit allen guten Menschen, und werde ...«

»Halt doch endlich deine beschissene Fresse, du ausgemergelte Kalkleiste!«, brüllt plötzlich der Junge laut auf und rafft sich zusammen. Kaum in der Lage, sich auf den Beinen zu halten und selbstständig das Lokal zu verlassen, erstaunt es um so mehr, mit welcher geistigen Frische er hierbei (ganz zur Freude der anderen Frau, die zuvor bei den Worten ihrer Gesprächspartnerin nur noch resigniert die Augen verdreht hatte) weiterpöbelt.

Geschrieben September 2002

Das Waldhäuschen

Prolog

In einem kleinen Waldhäuschen, das ziemlich abgelegen vom Dorf nur über einen schmalen Waldweg zu erreichen war, schien damals das Glück der Menschen perfekt zu sein. Der Hausherr war freischaffender Schriftsteller und konnte durch seine recht guten Arbeiten der letzten Zeit nicht nur sich und seine Liebsten, sondern auch noch eine Haushaltshilfe unterhalten. Zwar gab es im Haushalt nicht außergewöhnlich viel Arbeit, aber dennoch leistete er sich diesen Luxus, zumal die Gesellschaft der jungen Julia allen gut tat. Sie selbst war auch glücklich, zur Familie zu gehören.

Ihre Herrin hatte den jungen, hoffnungsvollen Literaten kennen gelernt, nachdem sie ihren angetrauten Mann in Süddeutschland verlassen hatte. Die Beziehung war in die Brüche gegangen, weil ihr Angetrauter, wie sie einmal sagte, im Laufe der Jahre das Wesentliche aus den Augen verloren hatte. Sie hatten jung geheiratet und waren damals auch sehr verliebt gewesen. Er hatte etwas Wildes, manchmal Mystisches an sich, und sie hatte diese mächtige Art sehr gemocht und sich bei ihm geborgen gefühlt. Jedoch hatte ihn seine Arbeit mehr und mehr beschäftigt, so dass sie sich aus Gründen des öffentlichen Interesses in die Rolle der Ehefrau hatte pressen sollen und sich wie eine Gefangene vorgekommen war, gefesselt durch das Band der Ehe. So hatte sie sich eines Tages heimlich auf den Weg gemacht, um ein neues Leben zu beginnen. Und auf das hatte sie auch nicht lange warten müssen, denn schon während der Zugfahrt war ihr jetziger Mann an ihre Seite getreten, mit dem sie seither glücklich in wilder Ehe lebte.