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London: Eine Begegnung mit ungeahnten Folgen. Eine Studentin mit einer ungewöhnlichen Begabung trifft einen Profisportler, der nach dem Sinn des Lebens sucht... Der charmante Sportler David verursacht mitten in London einen Unfall. Bei einem riskanten Manöver übersieht er die Künstlerin Vanessa, die gerade die Straße überqueren möchte. Anstatt auf einen Krankenwagen zu warten, begeht er jedoch Fahrerflucht. Doch das Schicksal der jungen Frau lässt ihn nicht mehr los. Kaum hat sich Vanessas Zustand gebessert, taucht David unerwartet bei ihr auf. Sie verliebt sich in ihn, ohne die Wahrheit über seine Identität zu kennen... Kann ihre Liebe wirklich eine Chance haben?
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2022
John Klein
Erwacht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Buch/Autor
PROLOG
1. Zwischen Himmel und Erde
2. Gestatten, Ralph Griffin
3. Zurück in die Gegenwart
4. Schneller als der Blitz
5. Der Klavierspieler
6. Déjà Vu
7. Fletchers Gäste
8. Der Flügelschlag eines Schmetterlings
9. Sein letztes Finale
Nachwort
Impressum neobooks
ERWACHTJohn KleinCopyright (c) Foto: Nejron Photo ShutterstockCopyright (c) 2022 Text: John KleinSämtliche Figuren und die Handlung sind frei erfunden.Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.
Zum Buch:
David ist ein gefeierter Rennfahrer und Playboy. Trotz seines beruflichen Erfolgs fehlt ihm jedoch das wahre Glück. Die schillernde Welt des Showbusiness macht ihm längst nicht mehr glücklich. Eines Morgens verursacht er einen Unfall bei dem Vanessa verletzt wird.Er benachrichtigt einen Krankenwagen und begehrt Fahrerflucht. Doch das Schicksal der jungen Frau lässt ihn nicht mehr los....Der Autor:John Klein folgt stets seiner Leidenschaft für bewegende Schicksale. Bereits in jungen Jahren schrieb er seine ersten Kurzgeschichten. In seinen Werken verschwinden seither die Grenzen der verschiedenen Genres.Sie nehmen den Leser mit auf einer Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefe der menschlichen Sehnsüchte.Der Autor hat Kunstgeschichte studiert, lebt und arbeitet in Berlin.
Der tragische Unfall geschah nur wegen zwei Teenagern.Innerhalb weniger Sekunden veränderte sich dadurch das Leben zweier Menschen, die sich noch nie zuvor begegnet waren.In seinem Sportwagen sitzend, blickte David Anderson hinüber zu der leblosen Frau, die vor seinem Sportwagen lag.Sie wirkte wie ein tanzender Engel, eine Ballerina des Himmels, die völlig unerwartet in sein Leben getreten war.Ihre dunkelblonden Haare waren vom Regen durchnässt. Nur wenige Meter entfernt lag ein Regenschirm, den sie vermutlich verloren hatte.Sollte die Frau, die er gerade angefahren hatte, tatsächlich an den Folgen des schweren Unfalls sterben, so wäre es letztlich auch seine Schuld.David Anderson war ein professioneller Rennfahrer, vierfacher Weltmeister und hatte Millionen Fans. Trotzdem war ihm an diesem Frühlingsmorgen ein Fehler unterlaufen. Er hatte die Kontrolle über seine Nobelkarosse verloren und war ungebremst die kilometerlange Einkaufsstraße entlang gerast.
Während David vergeblich versuchte abzubremsen, waren in der Londoner Innenstadt kaum Passanten unterwegs. Er passierte die zahlreichen Luxusgeschäfte, fuhr vorbei an Überwachungskameras und einem mehrstöckigen, glamourösen Einkaufszentrum. Das stürmische Wetter hatte die meisten Touristen abgeschreckt.Nur eine einzige Fußgängerin stand an einer Ampel gegenüber der Plaza Kreuzung. Sie trug einen abgenutzten Trenchcoat und ihre langen Haare traten hinter dem Regenschirm hervor. Das ungeschminkte Gesicht hatte Sommersprossen und besaß eine schüchterne Ausstrahlung. Diese junge Frau war eine Studentin der Oxford Uni und hieß Vanessa Turner. Seit ihrer Kindheit sammelte Vanessa mit Begeisterung Teddybären und bewunderte die bedeutendsten Expressionisten der Kunstszene. Sie hatte einmal in Begleitung einer Freundin das bekannte Londoner Museum besucht. Ohne erkennbaren Grund blieb Vanessa damals vor einem Kunstwerk stehen und war nicht mehr ansprechbar. Sie war von der Schönheit eines mittelalterlichen Gemäldes so mitgenommen, dass sie Tränen in den Augen hatte…Doch womit sie sich überhaupt nicht auskannte, waren die oberflächlichen Inhalte der sogenannten Yellow Press. Weder interessierte sie sich für Gerüchte über die Königsfamilie, Hollywoodfilme oder gar für Sportereignisse. Es war daher kaum verwunderlich, dass sie den erfolgreichen Sportler David Anderson nicht erkannt hatte. Obwohl Millionen Zuschauer regelmäßig seine Rennen entgegenfieberten und seine Interviews weltweit ausgestrahlt wurden. Für Vanessa Turner war er nur irgendein fremder Mann am Steuer eines Sportwagens.Sie war mitten auf der Straße angekommen und hatte sich gerade noch zum Fahrzeug umgedreht. Erst in diesem Moment veränderte sich ihr Blick. Ungläubig betrachtete sie diesen Mann, der in dem Sportwagen saß.Er besaß eine ungewöhnliche Ausstrahlung. Sie konnte sich nicht erklären, warum er ihr auch noch so bekannt vorkam… Bevor sie weiterdenken konnte, wurde sie frontal von seinem Fahrzeug erfasst. Während ihr lebloser Körper auf die Straße geworfen wurde, hielt der Sportwagen einige Meter vor einer Buchhandlung. Der Fahrer stieg aus und rannte zu der jungen Frau, die keinerlei Lebenszeichen erkennen ließ. Der weltberühmte Rennfahrer David Anderson hatte sein Handy hervorgeholt und wählte die Notrufnummer. Er hätte vermutlich alles dafür gegeben, wenn der Unfall nie geschehen wäre. »Ich stehe an der 25 Ecke Madison. Hier hat es einen Unfall gegeben!«, sagte er.»Ok, Sir! Bitte sagen sie mir ihren Namen…«»Nein, kommen sie sofort! Bitte beeilen sie sich…«Wie war diese Frau nur hergekommen?Kein Mensch verlässt bei solch einem Wetter freiwillig das Haus…Wollte sie wohlmöglich sogar Selbstmord begehen?Im entscheidenden Moment zwischen Leben und Tod zieht die Vergangenheit an einem vorbei.
Vanessa legte ihren durchnässten Regenschirm neben sich auf die leere Sitzbank. Das Warnsignal erklang und die automatische Bahntür wurde mit einer kräftigen Bewegung geschlossen. Als sich die U-Bahn in Bewegung setzte, richtete sich Vanessa etwas auf und blickte verträumt zum kleinen Teddybär, der an dem Reisverschluss ihrer Tasche befestigt war. Er sah schon ziemlich abgenutzt aus, als sie ihn auf einem Flohmarkt in Leeds erworben hatte. Vanessa konnte sich noch an die brüchige Stimme der alten Dame erinnern: »Er ist ein Glücksbringer! Wenn sie in Gefahr sind, wird er sie beschützen…Wie? Sie glauben nicht daran? Das macht nichts! Nehmen sie ihn, Ma’am!« Die Verkäuferin trug einen zerfransten, grauen Cardigan und hatte trotz ihres hohen Alters ungewöhnlich volle, lockige Haare gehabt. Obwohl Vanessa noch darüber nachgedacht hatte, schob ihr die Dame den Teddybären zu. Er war ein Geschenk. Ein Geschenk, der sie vielleicht vor schlimmen Unglücken bewahren konnte…Während die Bahn weiter durch den Tunnel fuhr, blickte Vanessa hinauf zum Streckennetz, der Londoner U-Bahn. Sie hatte schon mal gelesen, dass die „Tube“, die älteste und auch das erste, unterirdische Transportmittel der Welt war. Müde lehnte sie sich gegen das dunkelblaue Sitzpolster und dachte noch an ihrem Freund Henry. Nach einer Stunde erreichte Vanessa die Piccadilly Circus Station. Sie nahm ihre Tasche und lief zur Wagentür. Dort angekommen, hielt sie sich an der Haltestange fest bis der Zug allmählich angehalten hatte. Daraufhin knöpfte sie sich den Trenchcoat zu und stieg aus. In der Bahnstation, die in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums lag, kam ihr ein Pärchen entgegen. Beide schienen Touristen zu sein. Der Mann trug einen Fischerhut und hatte seinen Arm, um die Schulter seiner Partnerin gelegt. Sie blickten erwartungsvoll in eine Stadtkarte und blieben neben einer Sitzbank stehen. Nur einige Schritte vor Vanessa entfernt, lag eine weggeworfene Zeitung auf dem Boden der Bahnstation. Als die Bahn wieder weiterfuhr, hielt sich Vanessa die Hand vor das Gesicht. Die Blätter der Zeitung wurden wahllos umhergeweht bis der Zug vollständig im dunklen Tunnel verschwunden war. Nachdem Vanessa die letzte Treppenstufe genommen hatte, blieb sie abrupt stehen. Inzwischen war der Sturm noch stärker geworden. Erst nachdem sie ihren Regenschirm geöffnet hatte, lief sie von der Bahnstation hinüber zur anderen Straßenseite. Geschickt versuchte sie den zahlreichen Regenpfützen auszuweichen, während sie mit aller Kraft den Regenschirm festhielt. Bevor sie die Straße überquerte, blieb sie an einer Ampel stehen. Vorsichtig trat sie einige Schritte von der Bordsteinkante zurück und wartete. Der Wind wurde zunehmend stärker. Schließlich konnte Vanessa auf der anderen Straßenseite schon die bekannte Buchhandlung erkennen. Sie war schon fast am Ziel und wollte nur zwei Lernbücher für ihr Kunststudium abholen, als sich aus östlicher Richtung ein Auto näherte...Eine schneeweise Katze verharrte in der Einbahnstraße neben der Hausnummer dreißig. Es war viertel vor neun Uhr morgens. Tiefhängende Regenwolken hatten den Himmel über der vornehmen Ortschaft Chelsea bedeckt. In einem für Normalsterbliche unbezahlbaren Wohnorte Londons öffnete sich ganz langsam das prunkvolle Einfahrtstor. Die Katze streckte sich ein Stück nach vorne und hob gerade seine Pfote, als sich unter ihr die Erde erzitterte. Erstarrt vor Angst schaffte sie gerade noch rechtzeitig den Sprung über die Bordsteinkante. Ein schwarzer Sportwagen rollte aus der Ausfahrt hinaus, verfehlte nur knapp die Katze und hielt neben der zweistöckigen Luxusimmobilie. David Anderson betrachtete gleichgültig, wie das Tier zwischen der Hecke der Nachbarschaft verschwand. In der Nobelkarosse erklang ein leises Seufzen. Die letzten sieben, acht Stunden hatte David in seinem Bett wachgelegen, weil ein enormer Leistungsdruck auf dem erfolgs-verwöhnten Sportler lastete. Es waren nur noch wenige Wochen bis zum nächsten Rennen. Das große Finale der Saison rückte unaufhaltsam näher…Erschöpft blickte David in den Rückspiegel und fuhr sich mit seiner rechten Hand durch die Haare. Die Zeichen seiner Müdigkeit waren deutlich zu erkennen. Er war noch immer unrasiert und dunkle Augenringe deuteten auf seinen chronischen Schlafmangel hin.Morgens glaubte er noch immer, dass seine Karriere den bisherigen Höhepunkt seines Lebens darstellte. Er hatte längst alles erreicht, wovon er schon immer geträumt hatte. Aus dem schüchternen Jungen aus einfachen Verhältnissen war ein millionenschwerer Rennprofi geworden. In seiner protzigen, modernen Villa übernachteten gelegentlich sogar einige Stars aus Hollywood. Das stadtbekannte Anwesen besaß zahlreiche Zimmer und eine luxuriöse Innenausstattung, die nur von Topdesignern ausgewählt worden war. In seinem makellos gepflegten Garten befanden sich ein Pool und ein Springbrunnen aus weißem Marmor. Sein eigenes Management kümmerte sich um die zahlreiche Fanpost aus aller Welt. David brauchte sich keine Sorgen mehr um irgendwas zu machen. Seine Aufgabe bestand nur noch darin einige gute Rennen zu fahren. Trotzdem fühlte er sich bedrückt, während er nach dem Lenkrad seines Sportwagens griff. Meistens kannte er dieses melancholische Gefühl stets nach Sonnen-untergang. Denn dann vermisste er am meisten die Anwesenheit von echten Freunden. Wenn er einsam durch seine Zimmer schritt, sehnte er sich nach Menschen, denen seine Berühmtheit gleichgültig war. Natürlich hatte er unzählige Bewunderer, treue Fans und auch wechselnde Bekanntschaften. Allerdings fehlten ihm die wenigen besonderen Menschen, denen er auch vertrauen konnte. In seiner Villa hatte er noch niemals Kinderstimmen gehört gehabt. Die einzigen Kinderlaute kamen vermutlich nur aus der Nachbarschaft oder dem Fernseher und stammten aus irgendwelchen Filme. Nach einer Weile drehte sich David Anderson wieder nach vorne und drückte auf das Gaspedal, woraufhin sein Sportwagen auf die Straße zurollte. Die meisten Bewohner der vornehmen Nachbarschaft waren an diesem bewölkten Samstagmorgen, noch immer in ihren prächtigen Villen. Während das dunkle Fahrzeug immer schneller wurde, stieg allmählich die Sonne am Horizont auf. David betrachtete die einzigartige Schönheit des Sonnenaufgangs. Kelly…Er hoffte, dass er mit seiner Freundin, eines Tages eine Familie gründen würde. Irgendwann würden dann bestimmt auch seine Selbstzweifel verschwinden.Als David gerade die Autobahn erreicht hatte, klingelte sein Handy. Es lag im Mittelfach seines Wagens. Er griff danach, blickte auf das Display und nahm gleich darauf das Gespräch an.»Guten Morgen, Champ!«, sang Simon Moore mit einem melodischen Unterton.»Simon! Ich bin gerade unterwegs zu dir…«, erwiderte David. »Fahr bloß vorsichtig! Es regnet ununterbrochen…Das ist kein gutes Wetter für schnelle Autos!«»Mach dir keine Sorgen! Mein Testament liegt sicher im Tresor…Außerdem habe ich eine gute Versicherung abgeschlossen!« Beide Männer fingen spöttisch zu lachen an. Der Anrufer war Simon Moore, sein langjähriger Manager und Besitzer einer renommierten Talentagentur. Währenddessen drückte David das Gaspedal fest durch und steuerte seinen Sportwagen durch einen Autobahntunnel. »Dave, wo soll ich bloß anfangen?«David Anderson hatte schon eine düstere Vorahnung, worauf sein Manager hinaus wollte. »Was ist los, Simon? Raus mit der Sprache!«»Es geht um den Werbedeal…«»Das habe ich mir schon gedacht…«»Ich hasse schlechte Nachrichten…Du bist immer wie ein Sohn für mich gewesen.«»Schön zu wissen, Simon! Vielen Dank für das Kompliment…«, erwiderte David frustriert. »Es sieht leider nicht gut aus. Vorhin habe ich mit den Amerikanern gesprochen…Sie wollten alles Mögliche über dich wissen!«»Ok und weiter?!«»Ich habe ihnen über deine Erfolge erzählt, dass du der jüngste Champion im Rennsport bist…Man wollte sogar einen Film über dich drehen! Ich habe ihnen sogar deinen Werbeclip für die Nudeln geschickt…«»Trotzdem hat es nichts gebracht?«»Nein, tut mir Leid! Es geht schließlich um hunderte von Millionen Pfund…Das sind unglaubliche Summen, sogar für diese-«»Das Geld hätten sie in einem Quartal wieder eingespielt! Ich hätte alles dafür gegeben…Das weißt du genau, Simon!«»Es ist vorbei, David! Die Amerikaner haben die Verhandlungen platzen lassen! Das sind ziemlich gewiefte Geschäftsleute…Was wissen sie schon vom wirklichen Leben?« David Anderson begann darüber nachzudenken. Die Worte seines Managers hallten in seinem Gedächtnis nach. Das wirkliche Leben? Sein Sportwagen hatte den Nordwich Tunnel verlassen und fuhr schon in Richtung der zahlreichen verglasten Wolkenkratzer. David senkte den Blick und betrachtete melancholisch, wie der Platzregen auf die Windschutzscheibe aufschlug. Das wirkliche Leben spielte sich tatsächlich ganz woanders ab und zwar fern von den ausverkauften Rennstadien, die sein Schicksal bestimmten. Jemand mit seiner bewegenden Vergangenheit hätte es eigentlich auch wissen müssen…»David? Ich weiß, du bist ziemlich enttäuscht. Vergiss bitte die Verhandlungen…Das ist nicht das Ende der Welt!« David starrte weiterhin nachdenklich zur Straße, als sein dunkler Sportwagen in der Innenstadt von London einfuhr.Mit hoher Geschwindigkeit nahm David gerade noch eine Kurve und erreichte eine ruhige und kaum befahrene Kreuzung.Mainton war eine vornehme mit Luxusappartments gesäumte Straße und lag nur einige Gehminuten vom populären Geschäftszentrum Londons entfernt. Während die Scheibenwischer allmählich die Sicht auf die Straße freigaben, kam David Andersons Sportwagen an einer Ampel zum Stehen. Er drehte sich ungeduldig zum Gehweg und betrachtete die zahlreichen Schaufenstern der angrenzenden Geschäfte. Noble Modegeschäfte und Juweliere reihten sich Seite an Seite aneinander. Ein wohlhabendes Ehepaar verließ gerade eines der Geschäfte und der Doorman öffnete ihnen mit einer tiefen Verbeugung die Tür. Ohne seinem Manager zuzuhören, bemerkte David plötzlich auf der anderen Straßenseite zwei unscheinbare Teenager. Beide saßen unter einer Bushaltestelle. Wenn an diesem ungemütlichen Morgen mehr Fußgänger unterwegs gewesen wären, dann hätte David wahrscheinlich die zwei Jugendlichen gar nicht erst bemerkt gehabt.Einer der zwei Jungen trug eine auffällige kanariengelbe Windjacke. Kurz darauf bemerkte er Davids Sportwagen, der vor allem durch den lauten Motor auffiel. Der Jugendliche zeigte auf den prominenten Sportler und stand auf. David blickte nach vorne zur Ampel und musste sich noch gedulden. Sie war noch immer auf Rot. Inzwischen war auch der zweite Teenager, ein dunkelhaariger, korpulenter Typ aufgestanden. Das stürmische Unwetter schien sie kaum zu stören. Davon unbeeindruckt näherten sie sich mit ihren gezückten Handys der Straße. Beiden hatte es vollkommen die Sprache verschlagen. Sie staunten noch über den Zufall und konnten ihr Glück kaum in Worte fassen. David hingegen stand noch immer unter dem Eindruck des enttäuschten Telefonats mit seinem Manager. Er blickte aus dem Wagenfenster und winkte den beiden Teenagern schlecht gelaunt zu. Spätestens jetzt hatten sie den berühmten Rennfahrer erkannt gehabt. Als David seinen Sportwagen beschleunigte, wollte er den Jugendlichen nur eine Freude bereiten. Sie sahen sich gegenseitig an und riefen seinen Namen. In diesem Moment nahm der Rennchampion den Fuß von der Bremse. Sein sündhaft teure, fast 1000 PS schnelle Sportwagen schoss geradewegs nach vorne. Bei einem professionellen Rennen wäre es ein fulminanter Start geworden. Allerdings befand sich David Anderson auf einer gewöhnlichen Verkehrsstraße in London. Dies war keines seiner Rennen. Er musste höllisch aufpassen, dass er nicht zu schnell fuhr. Jedoch verschwendete David daran keinen einzigen Gedanken. Stattdessen starrte er konzentriert auf die regennasse Fahrbahn. Sein Sportwagen wurde zunehmend schneller. Der Tachometer hob ab und übertraf locker die sechzig Km/h. Der Anflug eines Lächelns war auf seinem Gesicht erkennbar.Sein rechter Fuß konnte das Gaspedal nicht mehr loslassen. Nur durch die immens hohe Geschwindigkeit konnte David seinen Frust abbauen. Adrenalin schoss durch seine Adern und sein Mund blieb weit geöffnet, während er den puren Nervenkitzel spürte. Seine Fingerkuppeln kribbelten bereits, als seine Hände das Lenkrad umklammert hielten. Er wünschte sich, dass ihn jetzt diese überheblichen Firmenbosse hätten sehen können. Schließlich war er, der geborene Star. Es gab keinen zweiten David Anderson…Niemals!Er war eine lebende Legende. Er würde immer die Nummer Eins bleiben und vor allem, war er nur noch Sekunden davon entfernt, den schlimmsten Fehler seines Lebens zu begehen….Während er sich in einem wahrhaften Rauschzustand fuhr, machte er am seitlichen Straßenrand eine ungewöhnliche Entdeckung. Es handelte sich um eine Videoleinwand. Sie war zwischen dem vierten und fünften Stockwerk eines Hochhauses angebracht. Eine Sekunde lang kamen ihm Zweifel. Sein Blick haftete auf der Leinwand, wo ein Werbesport für Kreditkarten übertragen wurde. Erst jetzt bemerkte David Anderson seinen fatalen Fehler…Er fuhr eindeutig viel zu schnell. Als er gerade die Bremse erwischen wollte, sah er vor sich eine Fußgängerin. Im strömenden Regen trug sie einen grauen Trenchcoat und war auf der Straße stehengeblieben. Sie versuchte noch ihren Regenschirm festzuhalten. Der Himmel sei Dank hatte er die Frau mit den umherwehenden Haaren, aber noch rechtzeitig gesehen gehabt. Es wäre fast zu einem Unfall gekommen.David Anderson spürte tief in seinem Unterbewusstsein, dass nochmal alles gut gegangen war.Ein dunkler Leinwand schob sich vor ihm…Dieser Moment gehörte nur zu einem Alptraum. Weder war das Telefongespräch mit Simon, noch die beiden Teenager oder diese Frau mit dem Regenschirm, Teil der Realität. Es gab nur eine schneeweiße Katze und an sie würde er sich bestimmt erinnern, wenn er später in seinem Bett zwischen weichen Cashmere Decken und Champagner aufwachen würde. Alles andere war nur ein böser Traum.»David?«Totenstille.»Champ…Kannst du mich hören? Sag doch etwas!«Schweres Atmen.Die Stimme kam David aus unerklärlichen Gründen vertraut vor. Allerdings wusste er nicht mehr woher. Vergeblich unternahm er den Versuch die Lippen zu bewegen. Nur ein dumpfes Stöhnen kam heraus. Seine Augen blieben fest geschlossen.Die Gewissheit nur einen furchtbaren Traum gehabt zu haben, beruhigte ihn. Schließlich konnte er seit Wochen kaum noch durchschlafen. Immer wieder wachte er mitten in der Nacht schweißgebadet auf. Es waren längst keine gewöhnliche Alpträume mehr. Es hatte den Anschein, als hätten sie mit seiner Vergangenheit zu tun...Irgendjemand suchte nach ihm.Wenn er endlich in seinem Bett aufstehen würde, dann würde er ins Badezimmer gehen.Er musste unbedingt Duschen. Der Termin mit seinem Manager Simon stand an.Unerwartet vernahm David das dichte Geräusch von einzelnen Regentropfen. Sie schlugen auf einer stählernen Überdachung. Der salzige Geruch des frischen Windes. Nach langem Zögern öffnete er endlich seine Augen und blickte nach vorne. Die Sicht war durch den Regen stark beeinträchtigt, dennoch glaubte er die undeutlichen Umrisse einer Straße erkennen zu können. Fassungslos drehte er sich verwirrt in sämtliche Richtungen und versuchte sich zu orientieren. Er hatte sich auf furchtbare Weise geirrt…Tatsächlich befand er sich in einem Auto. Verzweifelt versuchte er sich zu erinnern, wie er überhaupt hierhergekommen sein konnte. Ein Blitzschlag durchfuhr sein Bewusstsein. Er fühlte sich schwindlig und griff nach dem Sicherheitsgurt. Nach einigen erfolglosen Versuchen gelang es ihm es zu öffnen und sich zu befreien. David beugte er sich nach unten und nahm sein Handy auf. Allerdings war die vertraute Stimme schon längst verstummt. Alles was er erkennen konnte, war das die Vorderscheibe des Wagens vollkommen beschädigt war. Benommen fasste er sich an seine Schläfe und versuchte nachzudenken. Wenn er wirklich einen Unfall gehabt hatte, dann müsste es unvorstellbar schnell gegangen sein. Vorsichtig drehte er sich zur Vorderseite seines Wagens, zu der Stelle, wo das Glas zersprungen und am stärksten beschädigt war. Wenige Meter vor seinem Fahrzeug machte er eine grausige Entdeckung. Der leblose Körper einer Frau lag auf der Straße. Neben ihr lagen ein Regenschirm und eine aufgerissene Umhängetasche. David hielt sein Handy fest umklammert, drehte sich dann zur Wagentür und versuchte sie zu öffnen.Nur mit viel Mühe schaffte er es die Fahrertür aufzubekommen. Eine starke Windböe strömte unmittelbar ins Fahrzeug hinein. Sein ganzer Körper schmerzte mit jeder Bewegung. Trotzdem stieg er langsam aus seinem beschädigten Sportwagen. Als der lauwarme Regen auf ihm hinabfiel, kehrte seine Erinnerung schleichend wieder zurück. Es war die Schuld der zwei Jungen, erinnerte er sich allmählich. Diese beiden Teenager hatten ihn abgelenkt gehabt. Wenn er die Jugendlichen nicht gesehen hätte, wäre auch der Unfall nicht passiert.David lief fluchend zu der verletzten Frau. Auf der anderen Straßenseite bemerkte er ein Café. Das GEÖFFNET-Schild war ausgehängt. Hinter den Fensterscheiben konnte er mehrere Gäste erkennen. Erschrocken blieb er stehen und sah daneben noch ein Buchhandel und ein Lebensmittelgeschäft.Er senkte den Blick und starrte die Frau an, die vor seinen Füssen lag: »Können sie mich hören? Ich…Ich werde gleich Hilfe holen!«Doch er konnte gar nicht erkennen, ob sie überhaupt noch am Leben war. Der Anblick ihres regungslosen Körpers war nur schwer auszuhalten. Sie hatte lange, brünette Haare, die vom Regenwasser durchnässt waren. Blut tropfte aus ihrem Mund. Neben ihrer Tasche lag ein Schreibblock, auf dem geschrieben stand: VANESSA TURNER: OXFORD-Universität 3.SEMESTER In seiner beispiellosen Karriere hatte David Anderson genug Höhe und Tiefen durchmachen müssen, aber noch nie hatte er einen Menschen ernsthaften Schaden zugefügt. Warum musste ausgerechnet ihm ein Unfall passieren? Er beugte sich herunter und griff nach ihrem rechten Arm. Er konnte keinen Pulsschlag feststellen. Während er sie erneut verzweifelt ansprach, vernahm er in der Nähe mehrere Stimmen. Verunsichert ließ er sie los und richtete sich wieder auf. Irgendwo mussten Leute sein. David Anderson machte sich Sorgen, nicht nur wegen der Frau, die vielleicht sterben würde. Sondern vor allem auch, dass Zeugen heimlich den Unfall gesehen haben könnten. Ängstlich drehte er sich zur anderen Seite des Gehwegs. Die Schaufenster der restlichen Läden waren vom Regen durchnässt. Niemand schien etwas gesehen zu haben.Es war alleine und es gab keine Zeugen.Allmählich konnte sich David Anderson beruhigen. Er wusste allerdings nur zu gut, dass er eine folgenschwere Entscheidung treffen musste. Er durfte hier nicht bleiben. Wenn ihn jemand hier sehen würde, dann wäre seine Karriere vorbei…Ein Profisportler, der eine Frau überfahren hat, hätte keine Zukunft mehr.David warf noch einmal einen letzten Blick auf das Opfer. Er war noch unentschlossen und biss sich auf seine Unterlippe. Diese Frau…Ohne einen Krankenwagen würde sie sterben.Schließlich drehte er sich von ihr weg und rannte zurück zu seinem Wagen. Nach einigen Schritten wählte er die Nummer der Feuerwehr.Kurz darauf wurde der Anruf auch schon angenommen. David hatte sein Sportwagen erreicht, als er eine Stimme, am anderen Ende der Leitung, hörte:»Guten Morgen. Sie sprechen mit dem Notruf.«»Bitte, schicken sie sofort einen Krankenwagen!«»Können sie uns sagen, was passiert ist?«»Ich stehe an der 25 Ecke Madison. Hier hat es einen Unfall gegeben…«»Ok, Sir, bitte sagen sie mir ihren Namen.«»Nein, kommen sie sofort! Bitte beeilen sie sich!«David Anderson brach den Anruf ab und stieg eilig in seinem Wagen ein. Der Anblick ihres Gesichtes…Würde sie jemals wieder ihre Augen öffnen? Dies war der Moment, der sein Leben für immer verändern sollte. Das vierstöckige London East Krankenhaus befand sich zwanzig Minuten vom Zentrum der Stadt entfernt. Gegen sechszehn Uhr erreichte ein unauffällig, grauer Van dessen Parkplatz. Auf der gegenüberliegenden Seite vom Krankenhaus ging gerade die Sonne unter. Nur ein dunkelroter Streifen blieb am Horizont entlang der Wohnhäuser zurück.Nachdem sich der Van in eine Parklücke gezwängt hatte, wollte der Fahrer gleich die Wagentür öffnen und aussteigen. Andrew Turner zögerte noch und drehte sich zu seiner Frau. Vanessas Vater betrachtete nachdenklich seine Frau. In den fast dreißig Jahren ihrer Ehe hatte sie ihm vieles beigebracht. Eines ihrer Tugenden war stets ihre Gründlichkeit gewesen. Während Andrew sie ungeduldig beobachtete, sortierte sie noch Vanessas Rucksack. Ohne sich von ihm unter Druck setzen zu lassen, überprüfte sie nochmals den Inhalt. Es befanden sich mehrere Handtücher, Hausschuhe und eine Zahnbürste im Rucksack. Anschließend schloss sie die Tasche und legte ihre Hände drauf: »Was habe ich nur vergessen? Ich weiß es nicht mehr!«Andrew schüttelte den Kopf und rückte näher an seiner Frau heran. Juliane sagte: »Schon die ganze Fahrt denke ich darüber nach. Irgendwas wollte ich unbedingt noch einpacken…«»Nein, Schatz! Glaub mir doch! Du hast bestimmt alles mitgenommen!« »Aber ich weiß es doch genau! Ich bin schließlich ihre Mutter! Vielleicht braucht Vanessa noch eine Bettdecke? Nachts wird es bestimmt ziemlich kalt werden…«»Liebling. Sie hier genug saubere Bettdecken! Das ist nur die Nervosität…Wollen wir jetzt nicht aussteigen?« Juliane seufzte traurig und drehte sich zu ihren Mann. Anschließend fasste Andrew seiner Frau an die Schulter. Nach einiger Überlegung fragte sie ihren Mann: »Andrew, bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?«Er nickte und strich ihr zärtlich über das Gesicht. Vanessas Eltern hatten sich unmittelbar nach dem Besuch der Polizei auf dem Weg zum Krankenhaus gemacht. Juliane zog den Reißverschluss ihrer hellgrünen Regenjacke hoch und kämmte sich mit der Hand über die Haare. Zuerst stieg Andrew Turner aus dem Fahrzeug, danach folgte Vanessas Mutter. Sie trug den Rucksack ihrer Tochter in der Hand, während sie die Wagentür schloss.»Ich möchte hier nicht sein!«, sagte sie leise. »Das ganze Gebäude…Es sieht aus wie eine stillgelegte Fabrik! Wie soll man sich hier nur erholen können?«»Du bist genau wie unsere Tochter…«, erwiderte Andrew. »Was findest du daran so komisch, Andrew? Manchmal ist dein Humor wirklich unpassend…Ich mache mir nur Sorgen um Vanessa!«»Vanessa hat auch einen einzigartigen Blick für die schönen Sachen im Leben…Schon seit ihrer Kindheit war sie so gewesen…«Juliane dachte darüber nach und nickte.Vanessas Eltern liefen vom Parkplatz bis zum Haupteingang vom Krankenhaus. Allmählich hatte die Dämmerung angesetzt. In den angrenzenden Bäumen hörten sie noch leise das Gezwitscher der Sperlinge. Der Geruch des Regens lag in der feuchten Luft. Beide wussten noch nichts über den Gesundheitszustand ihrer Tochter. Als sie vor dem Eingang angekommen waren, sahen sie einen Krankenwagen. Der Sanitäter unterhielt sich mit einigen Ärzten.Vanessas Eltern blickten nachdenklich auf die leere Trage, die vor dem Krankenwagen abgestellt worden war. Juliane holte tief Luft und schloss für einen Moment die Augen. Andrew zog seine Frau behutsam zu sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Daraufhin entspannte sich Juliane und sie machte einen Schritt vorwärts. Andrew und seine Frau liefen weiter und betraten das London East Krankenhaus.»In welchem Stockwerk müssen wir?«, fragte Vanessas Mutter.»Ich gehe und frage vorne am Empfang nach.«, meinte Andrew. Während seine Frau neben einem Informationsbrett stehenblieb, lief er geradeaus zur Anmeldestelle.Im Erdgeschoss war es vergleichsweise ruhig geworden. Eine Gruppe von Besuchern kam Andrew entgegen, während einige Pfleger einen Patienten durch den Flur begleiten.Die Spätschicht vom Empfang war von zwei Mitarbeiterinnen besetzt.Als Vanessas Vater näherkam, erhob sich die dunkelhaarige Sekretärin schnell vom Stuhl und nahm ihren Becher mit. Ihre Kollegin warf Andrew einen Blick zu. Andrew bekam noch mit, wie beiden Mitarbeiterinnen miteinander flüsterten. Er blieb sichtlich besorgt am Schalter stehen und nannte seinen Namen: »Ich komme wegen meiner Tochter Vanessa Turner! Die Polizei hat uns mitgeteilt, dass sie einen Unfall hatte…« »Sind Sie ihr Vater?«, fragte die Sekretärin.Andrew nickte. Die Mitarbeiterin vom Krankenhaus musterte Andrew mit einem besorgten Blick. Danach ließ sie ihm wissen, dass er kurz warten solle. Sie drehte sich zum Monitor und suchte nach Informationen. Schließlich trat auch noch die zweite Sekretärin hinzu. Beide sahen abwechselnd zum Bildschirm und danach zu Vanessas Vater.Es dauerte eine Weile bis sie anscheinend jemanden gefunden hatten. »Hier: Vanessa Turner…Sie wurde heute Morgen eingeliefert.«, sagte die Sekretärin und blickte zum Bildschirm. »Bitte gehen sie ins zweite Stockwerk! Frau Turner liegt in der Unfallchirurgie. Sie ist im Zimmer neun! Sollten sie noch Fragen haben, im zweiten Stock gibt es noch einen Schalter…«»Vielen Dank! Wo finde ich nochmal den Fahrstuhl?«»Sie müssen den Gang runterlaufen…Immer auf der linken Seite bleiben! Die Aufzüge sind nicht zu übersehen.« Andrew bedankte sich und hatte sich schon umgedreht, als er nochmal angesprochen wurde. Er blieb überrascht stehen und blickte zum Empfang. Es war die dunkelhaarige Mitarbeiterin. Der Ausdruck ihres blassen Gesichts war deutlich unterkühlt: »Entschuldigung, Mister Turner! Hätten sie noch einen Augenblick?« Vanessas Vater starrte ungläubig zum Empfang. Während er eilig näherkam, wirkte er vollkommen ahnungslos. Ging es wohlmöglich um den Gesundheitszustand seiner Tochter?»Ja?«, sagte er.»Vorhin wurde ein Schreiben für sie abgegeben…Der Brief ist für die Angehörigen von Vanessa Turner...«»Ähm…Ich verstehe nicht!«»Ein Kurier hat ihn für sie abgegeben! Bitte…Er ist für sie bestimmt!«Andrew sah auf dem Schalter des Empfangs einen Briefumschlag.Er senkte den Blick, nahm ihn und drehte ihn um. Soweit er es erkennen konnte, war auch die Rückseite vollkommen unbeschriftet. Es wirkte als würde sich jemand mit ihm nur einen Spaß erlauben. Das ist bestimmt nur irgendeine lästige Bürokratie, dachte er verärgert. Ungeduldig steckte er den Umschlag in seine Jackentasche. Obwohl er viele Fragen hatte, wollte Vanessas Vater nicht noch mehr Zeit verlieren. Andrew bedankte sich, drehte sich um und lief zurück zu seiner Frau, die schon ungeduldig auf ihm wartete: »Wir müssen in den zweiten Stock! Wir müssen hier entlang!« Juliane kam ihren Mann entgegen: »Was haben sie gesagt? Weißt du, wo unsere Tochter liegt?«Er hielt inne und dachte nach. Dann griff er nach Julianes Hand. Andrew und seine Frau liefen eilig einen langen Korridor entlang. Der Brief, den Andrew erhalten hatte, schaute aus seiner Tasche heraus. Mit jedem ihrer Schritte wurde die automatische Beleuchtung eingeschaltet. Obwohl beide scheinbar alleine waren, befand sich hinter jedem der einzelnen Krankenzimmer ein besonderes Schicksal. Im Fahrstuhl vom Krankenhaus wechselten Vanessas Eltern kein Wort miteinander. Andrew hatte seiner Frau noch nichts von dem Brief erzählt. In dieser schwierigen Situation, wollte er sie nicht noch unnötig beunruhigen. Außerdem hätten sie nachher noch genug Zeit für solche lästigen Formalitäten. Im zweiten Stockwerk angekommen, trat Andrew nach vorne und stieg aus. Er suchte nach dem besagten Krankenzimmer seiner Tochter. Vanessas Eltern liefen einen schmalen Flur entlang, der mit geschlossenen Türen übersät war. Andrews Schritte wurden immer schneller. Seine Frau hielt schon Ausschau nach einer Krankenschwester. Nach einer Weile blieb er gegenüber einer Nische, mit mehreren Krankenbetten, stehen. Er war schon außer Atem und blickte abwechselnd zur Tür und danach zu seiner Frau.»Das ist Zimmer Neun! Hier muss sie sein…«, meinte Andrew. Er öffnete den Reisverschluss seiner Lederjacke und wartete noch auf Juliane. Als auch sie angekommen war, nahm er ihre Hand und holte nochmal tief Luft. Erst als sie seinen Blick erwiderte, gab Andrew ihr einen Kuss und öffnete die Zimmertür. Während sie nacheinander eintraten, fiel Juliane noch ein, wie ihre Tochter an diesem Morgen ausgesehen hatte. Vanessa hatte ihre Lieblingsjacke angezogen: ein Second-Hand Trenchcoat. Sie war meistens kaum geschminkt, aber vor allem hatte sie ihre Umhängetasche für ihre Bücher mitgenommen gehabt. An ihr hing noch ein kleiner Teddybär, der angeblich ihr Glücksbringer war. Ihre Eltern hatten schon am Frühstückstisch gesessen. Vanessa hatte sich kurz zu ihnen umdreht, bevor sie das Haus verlassen hatte. Seit Morgendämmerung hatte es ununterbrochen geregnet. Bei diesem Wetter geht niemand außer Haus, waren Andrews Worte gewesen. Doch sie hatte nur keck die Achseln gezuckt und demonstrativ ihren Regenschirm hochgehoben.»Wenn du eine Stunde wartest, würde ich dich mit dem Auto in die Stadt fahren. Ich muss sowieso noch Tickets abholen!«, hatte Juliane vorgeschlagen gehabt.»Mom! In einer Stunde bin ich ja wieder Zuhause! Außerdem muss ich noch zu Diane...«Der Raum war abgedunkelt und der beißende Geruch von chemischen Mitteln lag in der Luft. Zwei Krankenbette waren mit mehreren Metern Abstand nebeneinander aufgestellt. Die hellen Gardinen waren zugezogen und verdeckten den Blick aus einem Fenster. Ein kleiner Tisch stand in der hinteren Ecke, neben dem zweiten Bett. In der Vase waren Blumen, die ihre besten Tage schon hinter sich hatten.Einige Schritte von der Tür entfernt, sahen Vanessas Eltern eine schlafende Frau mittleren Alters. Sie lag im vorderen Krankenbett, dahinter erkannten sie eine weitere Person.Die Turners zögerten noch, schließlich machte Andrews Frau den entscheidenden Schritt. Sie trat näher ans Bett heran und ihr Gatte folgte ihr langsam. Vanessa lag auf ihre Rücken und ein Verband war um ihrer Stirn gelegt worden. Die Wunden in ihrem Gesicht waren kaum noch sichtbar. Während Vanessas Eltern ihre Tochter betrachteten und nach Worte rangen, erklang plötzlich ein lauter Signalton. Andrew und Juliane sahen sich erschrocken an. Weitere Signaltöne folgten im kurzen Intervall.Andrew beugte sich vorsichtig hinab und blickte nach unten. Vier Monitore waren unterhalb des Krankenbettes aufgestellt. Zwei der Displays zeigte den Blutdruck, die jeweils anderen den Herzschlag und den Puls. Nachdem Andrew sich erhoben hatte, trat er nach vorne an Vanessas Bett. Behutsam legte er seine Hand an ihrer Stirn: »Meine schöne Prinzessin…Ich weiß dass du mich hören kannst…«»Wir werden dich nicht alleine lassen!«, fügte Juliane hinzu, »Hab keine Angst, Vanessa! Alles wird gut werden.« Sie streichelte ihre Tochter und spendete ihr Trost. Andrew und seine Frau waren sichtlich mitgenommen und hatten Tränen in den Augen.Jedoch blieb der eigentliche Schmerz, den sie empfanden weitgehend unsichtbar. Niemals hätten sie sich vorstellen können, ihre Tochter in einem solchen Zustand sehen zu müssen. Eigentlich war Vanessa immer überaus vorsichtig gewesen. Wie konnte es dennoch zu diesem Unfall kommen? Beide suchten vergeblich nach Antworten. Nach einiger Zeit wurde leise die Krankenzimmertür geöffnet. Während Juliane die Hand ihrer Tochter festhielt, hatte Andrew den Blick zur Tür gewandt. Eine Krankenschwester betrat kaum hörbar den Raum. Zunächst ging sie ans Bett der ersten Patientin und überprüfte ihren Zustand. Danach begrüßte sie die Turners. Sie bat Vanessas Eltern mitzukommen. Juliane sagte zu ihrem Mann, dass er alleine gehen könne. Sie würde solange bei ihrer Tochter bleiben. Daraufhin begleitete die Krankenschwester Andrew aus dem Zimmer hinaus. Auf dem Flur der Station wartete bereits der Chefarzt auf Vanessas Vater. Dr. Collins hatte rötliche Haare und machte einen verhaltenen Eindruck auf Andrew. Der Chefarzt trug einige Aktenordner und ein Kugelschreiber steckte in seiner Brusttasche.»Doktor, wie geht es unserer Tochter?«, fragte Andrew. »Wir machen uns furchtbare Sorgen!«»Lassen sie uns zum Automaten gehen…Wenn sie möchten, können wir uns hinsetzten! Mister Turner, ihre Tochter hat lebensgefährliche Verletzungen erlitten…«»Was ist genau passiert?«»Der Unfall geschah in der Innenstadt. Sie wurde jedoch schnell hier eingeliefert. Nach derzeitigem Stand muss der Unfallwagen Vanessa aus kurzer Distanz erfasst haben…«»Oh Gott…Wie geht es Vanessa?«»Sie hat eine schwere Schulterfraktur erlitten. Außerdem Brüche am Ellbogen und dem Handknochen…Die größte Gefahr ist jedoch die Hirnblutung ihrer Tochter.«Andrew blieb unerwartet im Flur stehen und sah den Arzt erschrocken an. Dr. Collins lief noch einige Schritten und drehte sich danach um: »Wir hatten keine Zeit zu verlieren und mussten Vanessa Turner einer Not-OP unterziehen…«»Wie kann das möglich sein? Wir haben davon nichts gewusst!«»Wenn wir länger gewartet hätten, dann hätte sie es nicht überlebt! Der Eingriff verlief ohne Komplikationen, aber Vanessas Zustand ist noch immer sehr kritisch…«Andrew starrte zum Fußboden und bekam nicht mit, als Dr. Collins einen Blick auf sein Mobiltelefon warf. Schließlich wollte Vanessas Vater wissen, wie es mit seiner Tochter weitergeht.»Vanessa wird hier rund um die Uhr bewacht. Aber ich bin zuversichtlich, was ihren Heilungsprozess angeht…Allerdings muss sie den vorgenommen Eingriff überstehen.«»Kann es möglich sein, dass unsere Tochter niemals wieder aufwachen wird?«»Das ist zwar unwahrscheinlich, aber wir können es auch nicht ganz ausschließen. Die nächsten Stunden sind daher sehr entscheidend…« »Doktor, gibt es denn gar nichts, was wir für Vanessa tun könnten?«Dr. Collins blickte ungeduldig auf seine Armbanduhr. Daraufhin meinte er, dass Vanessa unbedingt viel Ruhe bräuchte. Andrew wollte sich schon verabschieden, als ihm noch eine Sache einfiel. Vanessas Vater griff eilig in seiner Jackentasche und holte den Briefumschlag hervor: »Ich habe vorhin vom Empfang diesen Umschlag erhalten…Können sie mir dazu etwas sagen?«Der Arzt sah Andrew an, danach betrachtete er ratlos den Umschlag. »Ich dachte zunächst der Brief müsste vom Krankenhaus sein…Ist es irgendeine Mitteilung über die Behandlungskosten?«, fragte Andrew verunsichert.»Nein, ganz bestimmt nicht! Das ist kein Schreiben von mir oder unserem Krankenhaus.«Vanessas Vater drehte ihn nochmals um und holte einen Brief heraus. Verwundert betrachtete er das Papier, den er in seinen Händen hielt. »Wenn sie mich jetzt bitte entschuldigen würden…«, meinte Dr. Collins, »Ich muss noch weiter…Sie sollten nochmal beim Empfang nachfragen. Wir bleiben in Kontakt, Mister Turner!« Andrew Turner blieb alleine auf dem Flur der Station zurück. Nachdem er den Brief lang genug angeschaut hatte, las er sich mehrmals den Text vor, der mit dunkler Tinte geschrieben war:WICHTIG! ES GEHT UM VANESSA: BITTE MELDEN SIE SICH BEI MIR! ICH HABE DEN UNFALL GESEHEN UND MUSS MIT IHNEN REDEN.Ralph GriffinDarunter waren noch undeutlich einige Kontaktdaten notiert. Während Andrew den Brief zurück in den Umschlag schob, wurde hinter ihm eine Zimmertür geöffnet. Er hob den Blick und sah, wie Juliane aus dem Krankenzimmer hinauskam. Seine Frau wurde von der Krankenschwester begleitet. Schnell versteckte er den Briefumschlag in seiner Jackentasche. Ralph Griffin Wer konnte das nur sein? War er mit Vanessa befreundet oder wohlmöglich sogar ein Zeuge des Unfalls?Andrew kam seiner Frau entgegen und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Erst bei Abenddämmerung stiegen Andrew und Juliane in ihrem Auto und fuhren wieder nach Hause.Es war die erste Nacht, die Vanessa alleine im Krankenhaus verbrachte.
Der monotone Klingelton hallte schon seit Minuten im gesamten Erdgeschoss. David lag am nächsten Morgen auf seinem Sofa. Zögernd kam er zu sich und versuchte gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Das Sonnenlicht fiel durch die großflächigen Fenster ins luxuriöse Wohnzimmer hinein. Sein Blickfeld war noch verschwommen, als er zum Marmorkamin hinübersah. Die gesamte Möbelgarnitur, im ersten Stockwerk seiner Villa, bestand aus hochwertigen, lachsfarbenen Leder. In der Mitte des Raumes stand ein oval förmiger Couchtisch aus kostbarem Onyx. Sein Handy lag auf der Tischplatte und wiederholte die gleiche eintönige Tonreihenfolge. David wunderte sich über seinen Aufenthaltsort. Er zwinkerte ungläubig mit den Augen und wollte es dennoch nicht wahrhaben.Warum befand er sich im Wohnzimmer und wie war er überhaupt dorthin gekommen? Die Antwort musste unangenehm sein. Jeder vernünftige Mann, der an einem unbekannten Ort aufwacht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.Doch zumindest war es bequem, auf einem zehntausend Pfund Sofa zu schlafen. David hatte die Augen längst wieder geschlossen, als er die Stimme eines Mannes hörte: »Du mieser Lügner! Glaubst du, dass du damit durchkommen wirst?« Die Stimme klang zu allem entschlossen und duldete keine Einwände. David vermutete brutale Einbrecher und schlug erschrocken die Augen auf. Danach drehte er sich um und wollte nach seinem Mobiltelefon greifen. Die Person im Hintergrund sprach unbeeindruckt weiter.Nachdem David sein Handy genommen hatte, drehte er sich zur anderen Seite des Wohnzimmers. Er machte sich bereit, eine vermummte Gestalt zu sehen. Jeden Moment wollte er den Notruf wählen und dann nur noch wegrennen. Bevor er allerdings das Handy ans Ohr halten konnte, bemerkte er, dass er alleine im Wohnzimmer war. Auf der anderen Seite des Raumes sah er nur seinen Fernseher. Das Gerät war sogar noch eingeschaltet. Das war nur ein Film? David schüttelte peinlich berührt den Kopf. Irgendwas musste letzte Nacht vorgefallen sein. Weder hatte er den Fernseher ausgeschaltet, noch hatte er seine schwarze Jeans und sein T-Shirt ausgezogen. Allmählich beruhigte er sich ein wenig. Er trat langsam nach vorne und sah sich im Wohnzimmer um. An den Wänden hingen noch immer einige Original Gemälde von bekannten zeitgenössischen Künstlern. Die chinesischen Vasen in den Vitrinen waren aus kostbarem Porzellan und auch die übrige Dekorration bestand aus wertvollen Unikaten. Sein Blick richtete sich auf die Kommode, am anderen Ende des Wohnzimmers. Dort waren seine zahlreichen Preis-Trophäen, neben eingerahmten Bildern aufgestellt. Auf den Fotografien posierte David Anderson, neben bekannten Schauspielern, Fotomodells und Musikern. Jeder hätte auf einen Blick erkannt, dass er ein unfassbar, glücklicher Mensch sein musste. David drehte sich zum Fernseher und kam näher heran.Am unteren Rand des Bildschirms, las er die eingeblendeten Eilmeldungen: POLIZEI fasst gesuchten BANKRÄUBER-UNFALL IN DER RASERSZENE? Eine Frau wird in der Innenstadt schwerverletzt. Die Fahrer entkommen unerkannt-Erst jetzt kehrte seine Erinnerung bruchstückhaft wieder zurück. Es gab einen guten Grund, weshalb er unbedingt die vergangene Nacht vor dem Fernseher verbracht hatte. Weshalb er auch sämtliche Nachrichtenkanäle durchgegangen war. Als ihm wieder der Unfall von gestern Morgen einfiel, senkte er den Blick und starrte mit schlechtem Gewissen zum Fußboden Zwei schreckliche Fehler hatten sein Leben schlagartig verändert. Der erste Fehler hatte zur Folge gehabt, dass er einen Unfall gebaut hatte.Der zweite war gewesen, das er Fahrerflucht begangen hatte, um seine Karriere zu retten. Allerdings hatte David herausfinden können, dass Vanessa Turner ins London East Krankenhaus eingeliefert worden war. Eine viertel Stunde später kam er aus dem Masterbad, der sich im ersten Stockwerk befand. Er trug einen cremefarbenen Bademantel und Sandalen. Seine Haare waren noch nass und klebten an seiner Stirn.In der Küche angekommen, setzte er Kaffee auf und öffnete den Kühlschrank, als er sein Handy hörte. Mit seinem Ellbogen schloss er den Schrank wieder und ging nach nebenan ins Wohnzimmer. Sein Handy lag noch dem Couchtisch und zeigte zwei ungelesene Nachrichten.Die erste Mitteilung stammte von seiner Freundin Kelly und war erst vor wenigen Sekunden übertragen worden. Bei der zweiten Meldung wurde, als Absender nur eine Handynummer anzeigt. Sie war eingegangen, als er noch unter der Dusche gewesen war. Die Nachricht lautete:
Ich melde mich wegen meiner Tochter Vanessa. Sie haben uns eine Nachricht geschickt. Hoffentlich kann ich ihnen vertrauen. Rufen sie mich bitte an: +44 20 9646 544 2 Ich erwartete ihren Anruf.Andrew Turner
David las sich mehrmals die eingegangene Nachricht durch. Er hatte noch die Möglichkeit gehabt, sie zu löschen und die ganze Angelegenheit zu vergessen. Schließlich hätte die Frau, die er angefahren hatte auch aufpassen können… Der Kaffee war noch halbvoll und das Frühstück ungerührt, als David ins Wohnzimmer ging und sich auf seiner Couch setzte.Das Tageslicht fiel auf den sorgsam gepflegten Rasen seines Grundstücks. Das Anwesen bot ausreichend Platz für mehrere Tennisplätze, aber seine Freundin Kelly, war der Meinung, dass der Tennissport nur etwas für betagte Männer sei. David stellte sich Andrew Turner, als genauso einen alten Mann vor. Andrew war bestimmt ein besorgter Vater, weil seine Tochter im Krankenhaus lag. Wegen eines Unfalls, was ein übereilter Millionär verschuldet hatte.Trotz seiner Anspannung versuchte David so gut er konnte sich zu konzentrieren. Beim Gespräch wollte er sich zurückhalten und nur Vanessas Vater zuhören. Obwohl Zuhören noch nie seine Stärke gewesen war.David hob den Kaffeebecher und nahm einen Schluck. Es schmeckte scheußlich. Er hätte es am liebsten weggekippt, doch er versuchte sein Temperament zu beherrschen. Der wichtigste Anruf seines Lebens stand ihm nun bevor.Nachdem er die Tasse vor sich auf dem Couchtisch gestellt hatte, wählte er konzentriert die Handynummer von Vanessas Vater. Ungeduldig starrte er dabei hinaus auf den Pool. Letztlich hoffte er, dass niemand abheben würde, denn sein Herzschlag wurde mit jedem Freizeichen immer schneller. »Turner!«, meldete sich eine männliche Stimme.»Äh…Hallo?!«, erwiderte David.»Ja? Wer ist dran?«»Ich bin froh, dass ich sie erreiche…«»Mit wem wollen sie sprechen?«»Ich heiße Ralph…Ich rufe wegen ihrer Tochter an…«»Griffin? Sind sie dieser Ralph Griffin?« David Anderson runzelte kritisch die Stirn. Natürlich existierte kein Ralph. Es existierte nur eine schwerverletzte Frau, die er angefahren und im Stich gelassen hatte. »Ja. Ich war mir nicht sicher, ob der Kurier-«, sagte David.»Warum haben sie das eigentlich getan?« »Tut mir Leid…Ich weiß, sie sind jetzt in einer schwierigen Situation. Doch wir müssen uns unbedingt unterhalten…« Nach einer kurzen Bedenkzeit, vernahm David wieder die Stimme von Vanessas Vater: »Worüber wollen sie sich mit mir denn unterhalten?«»Ich würde gerne erfahren, wie es ihrer Tochter Vanessa geht. Bitte sagen sie mir, dass sie es überstanden hat!«»Vanessas Zustand hat sich heute früh etwas stabilisiert. Wir sind mit den Ärzten in Kontakt. Kann ich sie etwas fragen?«, fragte Andrew.»Ja, natürlich...«»Sagen sie mir bitte die Wahrheit…Haben sie den Unfall meiner Tochter mitangesehen?«David musste innehalten und darüber nachdenken. Am anderen Ende der Leitung wurde es zunächst ungewöhnlich still. David drehte sich unruhig zurück, schüttelte den Kopf und konnte dennoch nichts gegen seine Anspannung tun. Daraufhin teilte er Vanessas Vater mit, dass er zufällig in einem Lokal in der Nähe gewesen war. Dann habe er einen fürchterlichen Aufprall gehört gehabt, woraufhin er eilig nach draußen gerannt war. Er habe einen Wagen gesehen und einen Mann, der vor der verletzten Vanessa stand.»Das ist schrecklich! Können sie sich noch an den Fahrer erinnern?«, fragte Vanessas Vater. »Es ging alles so schnell…Kaum war ich draußen, schon ist er in seinem Wagen gestiegen! Ich bin noch hinterhergerannt und fand ihre Tochter bewusstlos am Straßenrand.«»Wir hoffen dass die Polizei diesen feigen Raser finden wird! Er ist weitergefahren und hat unsere Vanessa verletzt zurückgelassen!«»Ich kann ihre Situation nachvollziehen…Würde es ihnen etwas ausmachen, wenn wir in Kontakt bleiben? Es wäre mir wichtig, zu erfahren, ob es ihrer Tochter besser geht.«»Wie haben sie sich das vorgestellt?«»Ich könnte Vanessa eine Nachricht schreiben, nur einige Zeilen! Vielleicht würde sie sich darüber freuen…Es würde mir nichts ausmachen. Ich mache das gern.«»Haben sie es nicht mitbekommen, Mr. Griffin? Meine Tochter ist gar nicht bei Bewusstsein! Sie vergeuden damit nur ihre Zeit!«»Sie haben vielleicht Recht. Es war auch nur ein Vorschlag gewesen. Ich möchte sie nicht länger aufhalten…«»Was soll ich dazu sagen? Ich bin ihnen dankbar, dass sie sich um Vanessa Sorgen machen. Doch ich sollte zuerst mit meiner Frau darüber reden…«David vernahm deutlich, wie der Hörer weggelegt wurde. Inzwischen saß er nervös in seinem Sessel und spürte am ganzen Körper eine Gänsehaut. Seine linke Hand berührte seinen Nacken, während seine Kopfschmerzen unerträglich wurden. Nach einigen Minuten nahm Andrew wieder den Hörer und sagte: »Meine Frau und ich haben darüber nachgedacht…Schreiben sie Vanessa ruhig den Brief, ich werde ihn ihr weiterleiten! Ich glaube, sie würde sich darüber freuen…«David spürte eine unglaubliche Erleichterung. Es war ein befreiendes Gefühl, als hätte es den schrecklichen Unfall, nie gegeben. Er bedankte sich bei Vanessas Vater. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, legte er das Handy zurück auf dem Tisch. Er wusste nicht, ob er überhaupt einige Sätze auf ein Blatt bekommen würde. An diesem Vormittag ging er aufgeregt in sein Bürozimmer und kehrte mit einem Schreibblock zurück. Zwar wollte er über seine eigene bewegende Vergangenheit schreiben, aber unter einem anderen, einem fremden Namen. Er zog an der Schwelle seine Sandalen aus und legte sich auf seine Couch. Danach nahm er vom Tisch einen Kugelschreiber und versuchte sich zu entspannen. Weder lief im Hintergrund irgendeine Musik, noch wollte er sich von eingehenden Anrufen ablenken lassen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nur einigen Blättern, die er vor sich hatte.Früher kannte ihn niemand. Er hatte keine Fans, sondern nur Probleme und seine unerfüllten Träume.Während David in Erinnerungen schwelgte, vergaß er immer mehr sein Alltag. Irgendwann war er nur ein gewöhnlicher Jugendlicher gewesen.Allerdings gab es einen besonderen Menschen, der sein Schicksal maßgebend beeinflusst hatte. Die Stimme seines Klassenlehrers hörte er noch immer.Sie war leider nie vollständig verstummt.
Liebe Vanessa,Ich heiße Ralph Griffin und habe dich nach deinem Unfall vorgefunden. Mein Brief spendet dir hoffentlich in dieser schwierigen Zeit ein wenig Trost.Ich arbeite derzeit in einer in London ansässigen Talentagentur. Einst habe ich die St. Church Grundschule, im kleinen Küstenvorort Kent besucht. Die meisten der Einwohner hatten irische Wurzeln. Mein Vater schlug sich stets mit Gelegenheitsjobs durch. Allerdings habe ich ihn nie kennengelernt. Er verließ meine Mutter einige Jahre nach meiner Geburt. Sie wollte nie über seine Beweggründe reden, daher habe ich als Kind immer geglaubt, dass alle Kinder ohne Väter aufwachsen.Die meisten Tage regnete es schon am Morgen. Der Horizont blieb das ganze Jahr finster. Man sah auf den schlecht asphaltierten Straßen kaum Fahrzeuge. Morgens nahm ich mein Fahrrad und fuhr eine Stunde lang zur Schule. Sie lag auf der anderen Seite der Ortschaft. Ich konnte so schnell radeln, wie ich konnte. Dennoch kam ich meistens zu spät zum Unterricht. Ich stand auf dem Flur der Schule und bemerkte, dass die meisten Klassentüre weit offen waren. Die Lehrer waren längst in den Klassenräumen anwesend. Sie waren schon in ihrer Arbeit vertieft und kümmerten sich nicht darum. Auch wenn es fürchterlich laut wurde, redeten sie einfach ungestört weiter. Sobald ich meine Klasse erreicht hatte, lief ich erschöpft zu meinem Platz. Weder wurde ich für mein spätes Eintreffen getadelt, noch wurde ich begrüßt.Die meisten unserer Lehrkräfte wollten nur ihren Job machen, es war ihnen vermutlich egal, ob die Schüler, den Inhalt auch verstanden. Die einzige Zukunft, die uns offenstand bestand darin, unsere spätere Zeit in den ansässigen Fabriken und irgendwelchen Pubs zu verbringen.Ich glaube, nur wenige Lehrer haben an uns geglaubt.Doch unter ihnen gab es eine Ausnahme. Dieser Mann wurde mein größer Feind und auch mein einziger Lichtblick.Diese Person hieß Bruce Fletcher. Er war ausgerechnet mein Klassen-lehrer. Fletcher soll im zweiten Weltkrieg, als Soldat an der Front gedient haben. Es war ein offenes Geheimnis. Niemand wollte gern offen darüber sprechen, am allerwenigsten er selber. Fletcher sprach eigentlich nie gern über sich. Das wäre auch nicht nötig gewesen. Sein markantes Gesicht erzählte uns seine Geschichte. Und diese Geschichte musste eine dramatische gewesen sein. Eine Narbe war für jeden sichtbar und führte von seiner Ohrleiste bis zu seinem Mund. Eine Gewehrkugel hatte ihm nur um wenige Millimeter verpasst. Jedoch hatte sie ihm ein Stück seines rechten Ohres weggerissen. Fletcher ließ sich nichts anmerken.Ich schätze, er muss knapp eins neunzig gewesen sein. Seine Körperhaltung war immer aufrecht. Nie zeigte er den Anflug von Schwäche. Kein Sturm, Hitze oder gar Winter konnten ihm etwas anhaben. Er sah aus wie ein Filmheld aus längst vergangenen Tagen. Vor allem blieb mir seine ruhig, gefasste Stimme in Erinnerung. Durch seine Verletzung hatte sie einen unverwechselbaren Klang. Er zeigte kaum irgendwelche Emotionen. Vielleicht waren seine Gesichtsmuskeln beeinträchtigt.Ich weiß es nicht. Doch ich bin mir sicher, dass ich ihn niemals gut gelaunt gesehen habe. Bei jeder Gelegenheit wirkte er äußerst gefasst.Sogar die anderen Lehrer der St Church Grundschule gingen ihm soweit wie möglich aus dem Weg. Die Grundschule war in einem ehemaligen Kloster untergebracht, sowohl die Architektur, als auch die hohen Decken der Klassenräume sorgten für eine besondere Atmosphäre. Ich hätte mir nie vorstellen, welche wichtige Rolle Fletcher in meinem Leben spielen würde. Eines Morgens, es muss im Spätsommer gewesen sein, stand eine wichtige Prüfung an. Am Vorabend hatte ich mir die wichtigsten Stichpunkte auf einen Spickzettel aufgeschrieben gehabt. Am Tag unserer Englischprüfung saß unser Lehrer Fletcher vorne an seinem Klassentisch. Während er die Hausaufgaben überprüfe, drehte ich mich zu meinem Rucksack und holte vorsichtig den Spickzettel hervor. Ich verhielt mich so unauffällig wie ich konnte. Weder sah ich nach vorn, noch machte ich unnötige schnelle Bewegungen. Erst als ich meinen Spickzettel hinter meiner Klassenarbeit gelegt hatte, fühlte ich mich besser. Nur kurz blickte ich nach vorne zur Tafel, wo Mister Fletcher saß.Weder fiel mir etwas Auffälliges auf, noch glaubte ich, dass er Verdacht schöpfte. Stattdessen blickte er weiterhin auf seine Unterlagen. Ich saß in der letzten Reihe, neben dem Fenster. Ich kann mich erinnern, dass ich so schnell wie ich nur konnte alle Informationen abschrieb.Ich fühlte mich schon wie ein Sieger. Denn wie die meisten Jugendliche in meinem Alter, so hatte auch ich den Wunsch, eines Tages diese Ortschaft verlassen zu können. Es war mir durchaus bewusst, dass ich mit einem guten Schulabschluss meinem Ziel näherkommen würde.Ich hatte schon die Rückseite der Prüfung erreicht, als ich eine Stimme hörte: „Lass dir Zeit, Ralph! Schreib langsam und gründlich, wie es sich gehört…“Mein Herz blieb fast stehen. Ich hatte seine Stimme sofort erkannt gehabt. Sie ähnelte keinem anderen Lehrer. Nachdem ich hochgesehen habe, erblickte ich zunächst nur einige Klassenkameraden. Meine Mitschüler neben mir hatten sich zu mir umgedreht. Sie grinsten voller Schadenfreude. Meine Hand mit dem Stift fing zu zittern an. Meine Füße zappelten und ich konnte kein Wort hervorbringen. Mister Fletcher stand vor mir und blickte auf mich hinab. Er trug an jenem Morgen ein scharlachrotes Hemd. Sein Blick war auf mich fixiert. Ich erkannte weder irgendwelche Zeichen von Freude oder gar von Mitgefühl. Nur die eisige Kälte der Gleichgültigkeit war in seinen dunkelblauen Augen erkennbar. Seelenruhig hatte er seine Hände hinter dem Rücken gelegt.„Bist du jetzt fertig?“, fragte er mich.Ich senkte den Blick.Ich traute mich kaum ihn länger anzusehen, am liebsten wäre ich aufgestanden und wäre aus dem Klassenraum gerannt. Ich fühlte mich beschämt. Nicht nur weil ich meine Prüfung vermasselt hatte, sondern auch, weil ich das Vertrauen meines Lehrers und vor allem der gesamten Klasse missbraucht hatte. Schließlich legte ich meinen Stift neben der Prüfung und legte beide Hände darauf. Meine Kehle fühlte sich an, als würde sie zugedrückt werden. Jetzt in dieser Situation spürte ich genau, was die anderen Schüler mit Mister Fletchers besonderem Instinkt meinten. Er besaß eine besondere Gabe, wie kein anderer Lehrer. „Ja, ich…Ich habe alles…“, flüsterte ich.„Dann wollen wir uns das mal ansehen...“Er trat nach vorne und nahm sich meine Prüfung, danach griff er nach meinem Spickzettel. Sorgfältig faltete er beide Blätter, drehte sich um und ging zurück nach vorne zur Tafel. Die Zeit verging nur sehr beschwerlich. Ich hatte das Gefühl, als wenn es zur Strafe dazugehörte, das ich abwarten musste bis alle anderen Schüler ihre Klassenarbeit abgegeben hatte. Erst dann durfte ich aufstehen und den Raum verlassen.Vanessa.Ich weiß dass du bestimmt eines Tages aufwachen wirst. Solange sollst du wissen, dass du nicht alleine bist. Ich denke an dich, weil ich dich nach dem Unfall gesehen habe. Manchmal können schreckliche Vorkommnisse, wie ein Unfall, einen Menschen völlig aus der Bahn werfen. Allerdings bin ich überzeugt, dass wir auch durch solche Schicksalsschläge über uns hinauswachsen können. Diese Erfahrung hat mich mein Lehrer Mister Fletcher gelernt. Nichts geschieht zufällig. Es mag oberflächlich klingen, aber ich glaube fest daran, dass alles im Leben einen Sinn hat. Sämtliche Menschen hängen wie eine unsichtbare Kette aneinander. Wir sind alle auf einer gewissen Weise voneinander abhängig. Gern würde ich dir schreiben, wie es weitergegangen ist. Allerdings muss ich es für meinen nächsten Brief aufschieben…»Ichhoffe, dass es dir inzwischen besser geht. Bitte bleibe stark und verliere nie die Hoffnung! Alles Gute, Ralph.«
