Erzähl mir was Schönes - Lioba Werrelmann - E-Book

Erzähl mir was Schönes E-Book

Lioba Werrelmann

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Beschreibung

Ein wundervoller Roman über die Kraft der Freundschaft
Julia und Isabelle sind Freundinnen seit Studientagen. Jetzt, mit Mitte 40, haben sie viel von dem erreicht, was sie sich einst erträumt haben. Da erkrankt Isabelle an Brustkrebs und stirbt. Julia, die immer im Schatten ihrer lebenslustigeren Freundin stand, gerät in eine tiefe Lebenskrise. Doch dann erkennt sie: Ihr Glück findet sie nur, wenn sie ausbricht aus ihrem Alltagstrott. Die Erinnerung an den Mut ihrer Freundin weist ihr den Weg ...

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© 2019 Piper Verlag GmbH, MünchenKorrektur: Uwe Raum-DeinzerCovergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Zitat

PROLOG

ERSTER TEIL

FRÜHLING

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ZUVOR

FRÜHLING

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ZUVOR

FRÜHLING

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ZUVOR

FRÜHLING

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ZUVOR

FRÜHLING

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ZUVOR

FRÜHLING

ZWEITER TEIL

SOMMER

HERBST

FÜNFZEHN JAHRE ZUVOR

HERBST

ZEHN JAHRE ZUVOR

HERBST

ZEHN JAHRE ZUVOR

HERBST

ZEHN JAHRE ZUVOR

HERBST

WINTER

Widmung

Für Vanessa,

die neben mir steht,

wenn die Lawine kommt.

Zitat

Nimm dir das LebenUnd lass es nicht mehr losDenn alles was du hastIst dieses eine blos

Udo Lindenberg

PROLOG

Gespenster. So viele Gespenster. Das kleine Mädchen erkennt kein einziges.

Es gibt große Gespenster und kleine Gespenster und ganz kleine. Die großen Gespenster ziehen schwere Bollerwagen mit randvoll gefüllten Säcken, und manchmal sitzt eins der kleineren Gespenster mit im Bollerwagen. Weitere ganz kleine Gespenster sitzen auf den Schultern der großen Gespenster, winzige Hände, die sich in weißen Stoff krallen. Alle anderen Gespenster, große, kleine, mittelkleine, rennen wie wild umeinander herum, sie rufen, sie lachen, sie tanzen. Ihre weißen Umhänge bewegen sich im Wind, der eiskalt ist, der unter die Umhänge fährt, und manchmal enthüllt der Wind Beine, Stiefel, dicke Anoraks.

Das kleine Mädchen hat sie genau im Blick. Es läuft neben ihnen her, eiskalt ist ihm, auch dem kleinen Mädchen fährt der Wind unter den Umhang, doch das Mädchen hat keine Stiefel an, nur einfache Halbschuhe, es hat auch keinen dicken Anorak, sondern nur einen Pullover, der an den Armen zu lang ist. »Das wird schon gehen«, hat die Mutter gesagt.

Das Mädchen läuft, sie laufen nun alle ganz schnell, nachdem es vorhin eine ganze Weile nicht vorangegangen ist, sie machen große Schritte, viele, ganz schnell hintereinander, sie dürfen den Anschluss nicht verlieren. Das Mädchen hat Mühe mitzukommen. Es ist klein, selbst für sein Alter. Und es muss doch unter die Umhänge schauen, wenn der Wind darunterfährt. Es muss doch schauen, ob es jemanden erkennt. Ob ein einziges dieser vielen Gespenster ihm vertraut ist. Ein einziges nur. Es muss sie im Blick behalten.

Das Problem sind die Gesichter. Sie sind unter den weißen Umhängen verborgen, sie haben die Umhänge über den Kopf gezogen, über die Schultern, die Arme, bis hinab auf die Füße. Das Mädchen sieht Stiefel, Hosen, manchmal einen dicken Anorak. Aber es sieht keine Gesichter. Schmale Schlitze sind es nur, durch die die Augen schauen, der Mund. Wie soll das kleine Mädchen so auch nur ein einziges Gespenst erkennen?

Keine Gesichter. Das Mädchen läuft und schaut, es ist völlig aussichtslos.

Es erkennt auch keine der Stimmen. So viele Stimmen, so viel Geschrei. »Kamelle!«, rufen die Gespenster, sie greifen in die Säcke in den Bollerwagen, sie füllen ihre Hände mit Bonbons und werfen sie in die Menge, sie werfen sie auf die Menschen am Straßenrand. Und die Menschen am Straßenrand, die komische Hüte aufhaben und bunte Farbe im Gesicht, reißen die Arme hoch, sie versuchen, die Bonbons zu fangen, sie bücken sich, sie sammeln sie vom Boden auf. »Kamelle!«, rufen auch sie.

Direkt hinter den Gespenstern ist eine Blaskapelle. Männer in blau-gelben Uniformen mit Troddeln an den Mützen und glänzenden Orden auf den Bäuchen. Sie spielen auf Trompeten und auf anderen Instrumenten, in die man hineinpustet und die das Mädchen nicht kennt, sehr blechern klingt es und sehr laut. Die Männer gehen so schnell, sie marschieren fast wie Soldaten. Wenn das Mädchen nicht aufpasst, wenn es zu langsam geht, wenn es stehen bleibt, weil es glaubt, es habe eines der Gespenster erkannt, wenn es versucht, einen Blick unter die wehenden Umhänge zu werfen, treten die Männer mit den Instrumenten, in die man hineinpustet, ihm in die Hacken. »Trödel doch nicht so«, ruft einer der Männer, er ruft es ganz atemlos, er hat rote Backen, wahrscheinlich, denkt das Mädchen, ist es sehr anstrengend, in die Instrumente zu pusten.

Es läuft schneller. Es hat so kurze Beine, doch es läuft, es läuft an allen Gespenstern vorbei, es läuft bis ganz nach vorne. Es schaut sie alle an. Es erkennt kein einziges.

Und dann diese Gerüche. Diese vielen Gerüche. Es riecht nach Schnee und nach Feuer und nach Bonbons, es riecht nach Schweiß und nach Parfum und nach Pferdeäpfeln. Und es riecht nach ganz viel, was das Mädchen nie zuvor gerochen hat.

Vor den Gespenstern sind Hexen. Hexen mit riesigen Gumminasen voller Warzen, mit Perücken aus Stroh, mit Kitteln voller Löcher und Flicken. Die Hexen machen ein flirrendes Geräusch. »Uuiiiiiihhh«, machen sie, »uuiiiiiihh«, und dabei schwenken sie ihre Besen über ihren Köpfen. »Uuiiiiiihh«, macht eine der Hexen, als sie das kleine Mädchen erblickt, »uuiiiiiihh«, kreischt sie noch einmal, »ein kleines Gespenst! Das will ich essen!« Sie greift nach dem Mädchen, ihre weiße Hand ist voller Flecken und Spinnweben, es ist, das sieht das Mädchen sofort, ein bemalter Handschuh. Die Hand hat das Mädchen fast gepackt, sie zerrt an seinem Umhang, doch das Mädchen ist flink, es windet sich und entwischt der Hexe, es hat sich ein bisschen erschrocken, doch nun lacht die Hexe, sie lacht gar nicht wie eine Hexe, sie hat ein ganz fröhliches Lachen, und nun lacht das Mädchen auch. Lustig ist das, auch wenn diese Gespenster irgendwie ganz fremd sind.

In diesem Moment passiert es. Das Mädchen lacht mit der Hexe, es hat einen Moment nicht aufgepasst, es hat sich nicht vorgesehen, da ist von hinten eines der Gespenster in es hineingerannt. »Pass doch auf!«, schimpft das Gespenst, es hat etwas in den Händen, etwas ganz Hartes, das Mädchen spürt es in seinem Rücken. Es ist eine Stange mit einem Schild, auf dem etwas geschrieben steht. Das kleine Mädchen ist erst seit dem letzten Sommer in der Schule, doch es kann schon sehr gut lesen, keines der anderen Mädchen in seiner Klasse liest so gut. Das Mädchen sieht das Schild, es liest ohne jede Schwierigkeit, was darauf geschrieben steht. Aber das kann doch nicht sein. Kann das sein? Auf dem Schild steht: »TuS Schützendorf«.

»Was ist mit dir?« Die Hexe packt jetzt doch den Umhang des Mädchens, sie zieht es mit sich, von hinten drängen die Gespenster, es kann doch hier nicht einfach stehen bleiben, mitten im Umzug. »Was hast du nur?«

Das Mädchen lässt sich ziehen. Schaut sich um, schaut auf das Schild, lässt sich von der Hexe weiterziehen. Das kann doch nicht sein!

»Was ist denn bloß?« Die Hexe hat das Mädchen fest an der Hand gepackt. So, als ahnte sie, dass hier ein Kind ist, das dabei ist, verloren zu gehen.

»TuS Schützendorf«, murmelt das Mädchen, »das ist doch ganz falsch.«

»Was sagst du da?« Die Hexe muss sich weit hinunterbeugen, so leise spricht das Kind.

»Das sind«, flüstert das Kind, »gar nicht die richtigen Gespenster.«

»Kind, ich kann dich kaum hören.«

Weiter hinten die Blaskapelle spielt nun noch lauter. Die Gespenster drängen. Die Hexe zieht das Kind mit sich. »Sag doch, wo ist deine Mama?«

»Meine Mutter«, murmelt das Kind, die Hexe versteht es so gerade, »hat mich zu den falschen Gespenstern gestellt.«

»Zu den falschen Gespenstern?«

»Das«, das Mädchen zeigt auf das Schild, »sind Gespenster vom TuS Schützendorf. Ich aber bin ein Gespenst vom Hort Sonnenkinder. Meine Mutter hat mich zu den falschen Gespenstern gestellt. Als der Zug losgegangen ist.« Das Mädchen spricht wie ein großes Kind, fast erwachsen spricht es. Gar nicht wie ein kleines Mädchen, das die Mutter zu den falschen Gespenstern gestellt hat.

»Und wo ist deine Mutter nun?«

»Zu Hause?« Das Mädchen schaut, als wüsste es es nicht genau.

Die Hexe betrachtet das Mädchen. Sie lacht gar nicht mehr. Sie runzelt die Stirn, auf der eine dicke Spinne sitzt, eine aufgemalte dicke Spinne. Und dann guckt die Hexe, als hätte sie einen Einfall. »Nicole!«, ruft sie. Und gleich noch einmal, lauter. »Nicole!«

Aus der Reihe der tanzenden Hexen kommt eine weitere Hexe. Auch sie hat eine Gumminase voller Warzen und Haare aus Stroh und einen Kittel voller Löcher und Flicken. »Oh!«, juchzt sie, »was für ein süßes kleines Gespenst!«

»Das«, sagt die erste Hexe und zeigt auf die zweite, »ist meine beste Freundin Nicole. Wir gehen jetzt zusammen mit dir den Zug.«

Und so machen sie es. Die Hexen nehmen das Mädchen in die Mitte, eine jede nimmt eine Hand des kleinen Gespenstes, und sie lassen es nicht mehr los. Sie tanzen mit dem Kind, sie strecken die Arme und ziehen es hoch in die Luft, das kleine Gespenst schwebt zwischen den Hexen, die kurzen Beine strampeln vor Vergnügen. Das kleine Mädchen lacht, es lacht ein bisschen zu laut, seine Unterlippe zittert dabei, aber das sieht man nicht unter dem Umhang. Die Hexen haken es unter, sie drehen sich im Kreis, das Mädchen zwischen ihnen, es lacht, es blinzelt die Tränen weg, das ist das einzig Gute an diesem Gespensterumhang, unter dem es so sehr friert, dass man die Tränen auch nicht sieht, das Mädchen blinzelt sie weg.

Und das Mädchen denkt nicht mehr an die Gespenster hinter ihnen, die alle fremd sind, es denkt nicht mehr an die Mutter, die ihm keinen warmen Anorak angezogen hat und die es zu den falschen Gespenstern gestellt hat, das Mädchen lacht mit den Hexen und tanzt mit ihnen den ganzen langen Weg. Sie sind so lustig, diese Hexen, sie machen so viel Unsinn, sie fluchen und singen und hauen den am Wegesrand Stehenden die Besen auf die Köpfe. Nur ein bisschen, natürlich, um sie zu erschrecken.

»Wenn ich einmal groß bin«, denkt das kleine Gespenst bei sich, »will ich auch eine beste Freundin haben. Unbedingt.«

ERSTER TEIL

FRÜHLING

Isabelle sitzt im Garten des großen Hauses und schaut Julia dabei zu, wie sie den Abendbrottisch abräumt. Sie tut das mit der ihr eigenen Umständlichkeit und braucht eine ganze Weile dafür. Isabelle kennt niemanden, der so umständlich ist wie Julia. Sie kennt aber auch niemanden, der so klug ist wie Julia. Und keinen, der ständig solche Angst hat.

Isabelle liebt Julia für ihre Umständlichkeit. Dieses Bemühen, alles richtig zu machen, und zugleich keine Ahnung zu haben, wie das gehen soll, hat sie von Anfang an gerührt. Sie liebt Julia auch für ihre Klugheit. Sie erinnert sie an ihren Vater. Und sie fürchtet sich vor ihrer Angst. Immer schon. Jetzt erst recht. Wo sie die Angst doch gerade abgeschafft hat.

Nur scheint es leider so, dass die ganze Angst, die Isabelle aus ihrem Leben verbannt hat, und das ist jede Menge, sich komplett bei Julia eingenistet hat. Sie sieht sie in ihren Augen, sie sieht sie in ihrem Gang, in jeder ihrer Bewegungen. Sie hört sie sogar aus ihr sprechen, obwohl Julia gar nicht über ihre Angst spricht. Das hat sie ihr nämlich verboten.

Nur dass die Angst trotzdem in fast jeder Silbe ist, die Julia sagt.

Jetzt zum Beispiel.

»Möchtest du eine Decke?«

Das ist so ein typischer Angst-Satz von Julia.

Tatsächlich wird es langsam kalt. Die Sonne ist schon eine Weile weg, von der Havel zieht es feucht herauf. Eine Decke könnte jetzt ganz gemütlich sein.

Aber Julia geht es nicht um die Gemütlichkeit. Es geht ihr um Isabelles Immunsystem, das nicht mehr existiert, und es geht ihr um die mögliche Erkältung, die Isabelle auf keinen Fall bekommen darf.

»Nein danke, liebe Juja«, antwortet Isabelle, »ich brauche keine Decke.«

Sie lässt eine kleine Pause hinter diesem Satz. Es ist ein Test. Ein Test, ob Julia diese Pause füllt. Mit einer Nachfrage. Ob sie wirklich keine Decke will?

Aber Julia sagt nichts. Sie lässt die Pause verstreichen und trägt die letzten Teller ins Haus.

»Okay«, ruft sie wenig später aus der Küche, »ich hole noch Wein, ja?«

Isabelle zuckt zusammen. Sie weiß genau, dass Julia ihr keinen Wein bringen will. Dass sie am liebsten von früh bis nachts gesunde Sachen für Isabelle kochen würde und grüne Smoothies mixen und rote Säfte pressen. Stattdessen holt sie noch mehr Wein.

Für einen Augenblick ist sie da, diese vermaledeite Angst. Julia holt ihr Wein. Als wenn es nichts mehr zu verlieren gäbe.

Dabei ist alles zu gewinnen. So hat Isabelle es beschlossen.

Und die Angst hat hier nichts zu suchen. Weg damit.

»Ja«, ruft sie zurück, »super!«

Sie sind am späten Nachmittag eingetroffen, Isabelle und die Kinder. Julia war etwas früher da. Sie hat am Bahnhof auf sie gewartet.

Julia war schrecklich aufgeregt. Dieser Moment, wenn Isabelle aus dem Zug steigt. Wie würde sie aussehen. Sie hatten sich so lange nicht gesehen. Und Julia konnte sich schlicht nicht vorstellen, was die letzten Monate mit Isabelle gemacht hatten. Mit ihrer schönen, strahlenden Freundin Isabelle. Wie würde sie aussehen. Nach allem.

Julia hatte sich ein wenig gefürchtet.

Doch als Isabelle aus dem Zug steigt, sieht sie kein bisschen zum Fürchten aus. Ganz im Gegenteil. Sie sieht aus wie ein Model. Isabelle, die immer schon schlank war, ist nun das, was man gertenschlank nennt. Fast mager. Und weil sie ihre Jeans in hohe Stiefel gesteckt hat, scheinen ihre eh schon langen Beine nahezu endlos. Sie trägt eine bunt bedruckte Bluse. Auf dem Kopf hat sie, natürlich, eine Mütze. Eine weiße Häkelmütze. Darunter, Julia traut ihren Augen kaum, schauen dichte blonde Strähnen hervor. Sie umspielen Isabelles Gesicht, das braun gebrannt ist, ihren Mund, ihre Augen. Isabelle sieht fantastisch aus. Und sie lacht aus vollem Halse.

»Juja!«, ruft sie, sie lässt die Koffer mitten auf dem Bahnsteig fallen, läuft los, läuft in Julias ausgestreckte Arme, wirbelt sie herum, mit einer Kraft, die Julia den Atem raubt, drückt sie an sich, hält sie.

»Juja!«

Und Julia vergräbt ihr Gesicht an Isabelles Schulter, die muskulös ist und nach Eternity riecht, sie schluckt, aber sie weint nicht.

»Isabelle!«, flüstert sie.

Den Weg zum Haus gehen sie zu Fuß. Die Verwalterin hat gesagt, es sei gleich um die Ecke. Was nicht stimmt. Julia ärgert sich, aber sie lässt es sich nicht anmerken. Auf gar keinen Fall. Isabelle und die beiden Mädchen schleppen ihre Sachen, und das Haus kommt und kommt nicht in Sicht. Sie schleppen ihr Gepäck über den staubigen Weg, nicht einmal Bürgersteige gibt es hier, vorbei an grauen, geduckten Häusern mit fleckigen Wänden und aufgesprungenen Fensterrahmen. Es ist ungewöhnlich heiß dafür, dass gerade erst Pfingsten ist, bestimmt dreißig Grad, und Julia spürt, wie ihr der Schweiß den Rücken herunterrinnt. Isabelle muss auch schrecklich heiß sein, sie hat ein ganz rotes Gesicht bekommen. Doch sie sagt nichts. Natürlich nicht.

Sie schleppen ihr Gepäck über den staubigen Weg, und sie begegnen niemandem, außer zwei Gänsen, die die Mädchen leise schnatternd in die Mitte nehmen. Wie sich später herausstellen wird, könnten sie eh kein Taxi rufen. Es gibt keine Taxis, sie müssten aus Brandenburg an der Havel extra herausfahren. Sie lassen sich die Hin- und die Rückfahrt bezahlen. Und für kurze Strecken kommen sie erst gar nicht.

Isabelle staunt. »Da würden die in Bayern nie draufkommen!«

Julia senkt den Blick.

Sie hat diesen Urlaub organisiert, sie zahlt die Miete für das Haus, für das Boot, und all das ist so läppisch, dass sie sich ein bisschen schämt. Sie hätten nach New York fliegen sollen oder nach Mexiko, doch allein der Gedanke an eine solche Reise hat in Julia eine so große Besorgnis ausgelöst, dass sie nun in diesem winzigen Ort bei Brandenburg an der Havel sind, wo es scheinbar nur diese eine staubige Straße gibt und heruntergekommene, verlassen wirkende Häuser und keine Menschenseele weit und breit.

Doch dann ist die Straße plötzlich geteert, es gibt Parkbuchten rechts und links, die Farbe auf der Fahrbahn scheint so frisch, als sei sie gerade erst aufgetragen. Direkt an den Parkbuchten mannshohe Zäune, dahinter Bäume und Sträucher, dicht an dicht. Über all dem Grün blitzt ab und zu ein Stückchen rote Mauer hervor, ein Erker, ein steiles Dach. Eine Villa neben der anderen, gut versteckt vor neugierigen Blicken. Und dahinter, sie sehen es nicht, aber Julia kann es nun riechen, das Wasser.

Es ist ihr erster Abend, und die Mädchen sind schon im Bett. Zumindest tun sie so. Das blaue Licht des iPads hinter dem großen runden Fenster verrät sie. Und das leise Kichern, das immer wieder zu ihnen herausdringt. Ansonsten ist es völlig still. Bis auf das sanfte Plätschern der Havel, die breit und behäbig am Garten vorbeifließt.

»Weißt du was, Juja?« Isabelle räkelt sich in ihrem Liegestuhl und wünscht sich nun sehr, sie hätte eine Decke, aber das sagt sie nicht.

»Hm.«

»Das hast du wirklich super ausgesucht.«

»Hm.«

Sie haben Wein getrunken, anderthalb Flaschen, und Julia, die sich in den letzten Monaten das Weintrinken verboten hatte, fühlt sich wunderbar leicht nun und zugleich ein wenig schwer und vor allem sehr, sehr wohlig. Sie haben die Liegestühle nebeneinandergerückt und schauen aufs Wasser. Direkt vor dem großen Haus hat ein riesiger Dampfer festgemacht. Sie können in die hell erleuchtete Kombüse sehen, wo der Schiffer an einem Tisch sitzt und ein Stück von einer großen Wurst abschneidet. Er legt sie auf eine Scheibe Brot, beißt hinein. Dann macht er sich eine Flasche Bier auf. Er ist so nah, Julia glaubt, das leise Plopp zu hören.

Hinter ihm schieben sich weitere Dampfer die Havel hinunter, lautlose Riesen.

»Weißt du noch«, Isabelle hat sich ein wenig zu Julia umgedreht, »das wollten wir auch mal machen. Bis nach Amsterdam. Auf einem Frachtschiff mitfahren. Gegen Kost und Logis.«

»Du wolltest das machen, du verrückte Nuss.« Julia pufft Isabelle sanft in die Seite. »Ich wäre niemals mitgekommen.«

»Wärst du doch.«

»Wäre ich nicht.«

»Doch.«

»Niemals.«

»Ich hätte dich schon überzeugt.« Isabelle lacht. »Ganz bestimmt.«

Julia denkt nach. Vielleicht. Vielleicht hätte Isabelle sie überzeugt.

»Hm«, sagt sie.

»Sag ich’s doch!«

In Wahrheit, denkt Julia bei sich, wäre Isabelle nur ihretwegen auf einem Frachtschiff nach Amsterdam gefahren. Weil Julia immer so gerne nach Amsterdam wollte. Und weil sie keinen Pfennig Geld übrig hatte für so eine Reise. Nicht für eine Bahnkarte und erst recht nicht für eine Unterkunft, wenn sie getrampt wären. Das hatte Isabelle auf die Idee gebracht, auf einem Frachtschiff anzuheuern. Wo Isabelle doch ohne Weiteres auf einem Kreuzfahrtschiff nach Amsterdam hätte reisen können, mit allem Pipapo. Isabelle wäre mit dem Frachtschiff gefahren. Wegen Julia.

»Weißt du was«, nun ist es Julia, die sich zu Isabelle umdreht, »wir fahren nach Amsterdam. Im Sommer. Wenn Matilda Ferien hat.«

»Auf einem Frachtschiff?«

»Himmel, nein!«

Isabelle lacht, und Julia, die immer noch zu spät bemerkt, wenn Isabelle sie veräppelt, knufft sie noch einmal in die Seite.

»Menno«, sagt sie, »mit der Bahn. Oder mit dem Auto. Oder mit einem dieser Flusskreuzfahrtschiffe. Wie du willst.«

»Juja, das ist eine super Idee. Das machen wir.«

Isabelle streicht Julia sanft mit der Hand über den Arm. Dann lehnt sie sich im Liegestuhl zurück. Schaut in den sternenlosen Himmel, übers Wasser.

Das Licht auf dem Frachter erlischt. Der Schiffer hat sich schlafen gelegt.

Wenig später liegt Julia in dem weichen Bett, das nach Lavendel duftet. Über sich hört sie Isabelle hin und her gehen. Dann wird es still. Julia schließt die Augen und stellt sich vor, wie sie alle vier von oben aussehen. Isabelle in dem großen Bett im ersten Stock, im Zimmer daneben die Mädchen. Sie hier unten. Rund um das Haus der Garten. Davor das Wasser. Sie schaut und beschließt, dass es ein ganz wundervolles Bild ist. So heimelig. So sicher.

Sie macht das, seit sie klein ist.

»Der liebe Gott sieht alles«, hatte ihre Mutter gesagt, wenn sie sie zu Bett schickte, »von oben.«

Die Mutter hatte es drohend gesagt. Und Julia, die damals sieben war oder acht, hatte die Drohung wohl verstanden, natürlich. Aber zugleich war sie so neugierig. Was, fragte sie sich, sieht der liebe Gott, wenn er von oben guckt?

Seitdem stellt sie es sich vor. Was der liebe Gott von oben sieht. Es ist ihr liebster Gedanke vor dem Einschlafen und manchmal auch zwischendurch.

Sie guckt von oben auf die Dächer. Und darunter sieht sie Menschen, die schlafen. Kinder, die Teddys im Arm halten. Und Puppen. Männer, Frauen, die sich umarmen. Hunde, Katzen, die sich an ihre Menschen schmiegen.

Sie sieht sich. Sie sieht Johannes. Sie sieht ihre Nachbarn.

Es ist fast immer ein schönes Bild. So beruhigend. So sanft. Doch in dieser Nacht fühlt es sich so wundervoll an wie lange nicht. Sie, Isabelle, die Mädchen. Alle unter einem Dach.

Sie ist schon fast eingeschlafen, als das Handy klingelt. Sie will nicht rangehen. Sie will sich ausstrecken in diesem Bett, das groß ist und weich, viel weicher als ihr Bett zu Hause, sie will an Isabelle und die Kinder oben denken, sie will nichts als hier liegen, wohlig und sanft.

Doch das Handy hört nicht auf zu klingeln.

»Geht es dir gut?«, fragt Johannes.

»Natürlich.«

»Wirklich?«

»Es ist sehr schön hier.«

Lange Pause.

»Du weißt, das wir einen Termin verpassen.«

Sie setzt sich auf. Das Bild ist soeben in lauter kleine Teile zersprungen.

»Ich weiß«, sagt sie.

»Und du willst es doch auch.«

»Ja. Ich will es unbedingt.«

»Und trotzdem bist du jetzt gefahren.«

»Johannes!« Es ist beinahe ein Schrei, der ihr entfährt. Isabelle und die Kinder. Sie wird sofort leiser. Flüstert fast.

»Wir können es noch tausendmal versuchen.«

»Nicht tausendmal.«

»Ja gut.«

»Vielleicht nur noch drei- oder viermal.«

»Du übertreibst!«

»Das kannst du nicht wissen.«

»Johannes, bitte.«

»Ich könnte kommen.«

»Du könntest was?«

»Es ist nur eine Stunde mit dem Auto.«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Julia, Liebes, es ist mein vollkommener Ernst. Und niemand weiß das so gut wie du.«

»Johannes! Das geht nicht!«»Und wir?«

»Wir haben alle Zeit der Welt.«

»Das weißt du nicht.«

Johannes hat aufgelegt. Julia sitzt im Bett, das Handy in der Hand, es fühlt sich an, als habe es sie gebissen. Sie wünscht sich zurück in die Wohligkeit ihres Bildes. Sie, Isabelle, die Kinder. Von oben betrachtet. Doch das Bild ist kaputt. Und so wälzt sie sich in dem weichen Bett hin und her, todmüde, findet keinen Schlaf.

Das Schlimmste jedoch ist, und das traut sie sich kaum zu denken, niemals, und doch, sie weiß es genau, das Schlimmste ist, dass Johannes womöglich recht hat.

Als Isabelle am nächsten Morgen ihren Kopf in das Zimmer der Mädchen steckt, fährt ihr ein Geruch in die Nase, der ihr völlig fremd ist. Sie schnuppert, nähert sich dem Bett der Kinder, schnuppert noch einmal. Sie versteht es erst, als sie die feuchten Flecken sieht. Matilda hat ins Bett gemacht. Und Charlotte, die dicht bei ihr liegt, ist auch nicht mehr sauber. Isabelle nimmt die Kinder, trägt eins nach dem anderen in ihr Schlafzimmer, steckt sie in frische Schlafanzüge und legt sie in ihr Bett. Charlotte wird kurz wach und schläft gleich wieder ein. Matilda hat den Schlaf, den sie schon als Baby hatte: Einmal im Mückelchenland, wie sie den Ort des Schlafes früher nannten, wacht sie erst wieder auf, wenn es heller Tag ist.

Isabelle zieht die Bettwäsche im Kinderzimmer ab und stopft sie zusammen mit den Schlafanzügen unten in der großen Küche in die Waschmaschine. Sie steckt ihre Nase tief in die Packung mit dem Waschmittel, es riecht wie ein fauler Tümpel. Sicherheitshalber öffnet sie die Kühlschranktür, nimmt den Käse heraus, den sie gestern gegessen haben und der köstlich war. Der Käse sieht genauso aus wie gestern, aber er stinkt wie ein verwestes Tier.

Sie legt den Käse zurück, schließt die Kühlschranktür und kippt das Waschmittel in die Maschine.

Die kleine Pendeluhr auf dem Kaminsims im Wohnzimmer zeigt kurz nach fünf. Es ist noch gar nicht richtig hell. Die Schiffe vor dem Haus sind nichts als Schemen mit grünen und roten Positionslichtern.

Im Wintergarten gibt es einen altertümlichen Diwan mit orange-rot gemusterten Samtkissen und einer sehr weichen Decke. Es ist nicht so, dass sie nicht mehr müde ist. Sie kann nur einfach nicht mehr schlafen.

Sie schaut hinaus in den Garten, der mehr ein Park ist, in Terrassen fällt er hinab bis zum Ufer der Havel. Sie liebt Gärten, sie könnte jeden Baum, jede Pflanze benennen. Nur dass sie sie nicht sieht. Sie schaut hinaus, und alles, was sie sieht, ist Matilda, wie sie gerade eben im Bett lag, eng an Charlotte geschmiegt. Dazu der Geruch des Urins, der ihr schon an der Tür entgegenschlug und den sie nicht erkannt hat. Man hatte ihr die Sache mit dem Geruchssinn angekündigt. Es ist tatsächlich sehr eklig. Sie beschließt, dass es ihr egal ist.

Was ihr nicht egal ist, ist die Sache mit dem Pipi. Sie weiß nicht einmal, ob sie es schafft, darüber nachzudenken.

Isabelle starrt in den Garten, den sie nicht sieht, und tut das, was sie seit Monaten tut: Sie sagt sich selbst etwas Schönes. Jetzt zum Beispiel sagt sie sich, wie glücklich sie ist, dass Matilda ausgerechnet Charlotte zu ihrer besten Freundin erkoren hat. Und das seit dem Tag, an dem die beiden sich zum ersten Mal begegneten.

Unmöglich, Charlottes Vater zu übersehen. Er rennt wie irre um die Kita, rüttelt an jeder Klinke, klopft an jedes Fenster. Isabelle sieht sich das eine Weile an, schön aus der Wärme ihres Autos heraus, aber dann steigt sie doch aus, stapft durch den knietiefen Schnee zu ihm hin und hält ihn, als er gerade zum x-ten Mal gegen die verschlossene Tür hämmert, am Ärmel fest.

»Das macht keinen Sinn.«

»Aber –«

»Jetzt ist Stuhlkreis. Da machen sie keinem auf.«

»Stuhlkreis?«

»Stuhlkreis. Genau. Wer zu spät kommt, muss so lange draußen warten.«

»Im Schnee?«

»Im Schnee.«

»Und wie lange geht das?«

»Ungefähr eine halbe Stunde.«

Er starrt sie an, schüttelt fassungslos den Kopf und bricht dann fast in Tränen aus.

»Sie sind wohl neu?«

Sie lotst ihn zu ihrem Auto, in dem Matilda auf der Rückbank sitzt, dick eingemummelt, und vergnügt an ihrem Brötchen knabbert, das sie ihr wie jeden Morgen auf dem Weg zur Kita an der Tankstelle gekauft hat.

»Haben Sie denn gar kein Kind dabei?«

Er sitzt schon auf dem Beifahrersitz, scheint sich plötzlich zu erinnern.

»Sie ist dort.«

Eine vage Handbewegung zu einem völlig zerbeulten Volvo. Isabelle findet das Mädchen mit akkurat geflochtenen Zöpfen in seinem Kindersitz, wie es hoch konzentriert ein Buch über Astronauten durchblättert. Es folgt ihr widerstandslos und lässt sich neben Matilda setzen, die ihm sofort den bereits sehr durchweichten Rest ihres angekauten Brötchens anbietet.

So hat es angefangen.

Und nun liegen die beiden dort oben eng umschlungen in ihrem Bett, und es könnte alles gut sein, denn Charlotte ist da, und sie wird da sein, doch Matilda hat ins Bett gemacht, und das machen neunjährige Mädchen eigentlich nicht. Und auf keinen Fall macht das Matilda, denn Matilda geht es gut. In ihrem Leben gibt es keine Angst, die sie in der Nacht peinigt, dafür sorgt Isabelle, dafür sorgt sie mit aller Kraft.

Da ist mit einem Mal ein Riss in Isabelles Vorstellung von der Welt, wie sie sie sich denkt, wie sie sie sich erschafft, gerade jetzt, mit aller Kraft. Sie hat beschlossen, keine Schmerzen zu haben, weil dafür kein Platz ist in ihrer Welt, aber nun ist da ein Schmerz, der ihr den Atem raubt und ihr die Sicht nimmt. Der sie in tiefste Schwärze stürzt.

Isabelle schließt die Augen. Konzentriert sich. Sie zwingt den Riss, zu verschwinden. Hau ab, sagt sie zum Riss. Es gibt keinen Platz für dich. Überhaupt keinen. Hau ab!

Der Riss verschwindet.

Sie öffnet die Augen. Sie sagt sich selbst, dass Matilda glücklich ist. Dass alles gut ist. Und Charlotte ist Matildas beste Freundin. Sie wird da sein.

Das sagt sie sich. Immer und immer wieder.

Die Sache mit dem Geruchssinn hat sie schon fast verdrängt.

Draußen wird es hell. Jemand streicht ums Haus. Es ist die Verwalterin, die die Rasensprenger einschaltet. Überall zischt und plätschert es nun, ein feuchter Streifen fällt auf den Weg hinab zum Wasser. Die Sonne ist aufgegangen. Ein Schiff gibt zwei kurze Signale, ein Reiher erhebt sich und landet gleich darauf wieder, nur wenige Meter von ihr entfernt. Isabelle sieht hinaus, und sie sieht nichts von alledem.

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ZUVOR

Es ist einer der ersten kalten Oktoberabende. Die Straßenlaternen brennen bereits. In der Luft liegt etwas Schneidendes. Als wenn es bald Frost geben werde. Julia liebt diese Abende. Sie ist im Oktober geboren. Sie liebt die Dunkelheit, die Kälte, die schwere Nässe von Laub. Sie hasst den Sommer. Wenn alle gut drauf sind, bloß weil es warm ist und die Sonne scheint. Wieso muss man deshalb gut drauf sein? Sie hat einmal gelesen, die meisten Selbstmorde gebe es an strahlend schönen Sommertagen. Julia versteht das gut.

Aber jetzt ist Oktober, es ist kalt, sie rutscht über das feuchte Kopfsteinpflaster in der Altstadt. Die Redaktionskonferenz ist vorbei, sie hat kein Thema durchgekriegt, es ist nicht so schlimm. Denn neben ihr läuft Mark. Er hat die Kapuze seines Parkas tief ins Gesicht gezogen.

»Sch-Scheißwetter«, nuschelt er.

Julia sagt nichts. Ein paar Meter vor ihr leuchten schon die Fenster der »Pinte«. Die anderen sind weit hinter ihnen. Wenn sie es geschickt anstellt, kriegt sie gleich einen Platz direkt neben Mark. Und den, denkt sie bei sich und läuft ein bisschen schneller, wird sie auf keinen Fall wieder hergeben.

 

Sieben Wochen hat es gedauert, bis Mark überhaupt wusste, wer sie war. Bis er das erste Mal ihren Namen aussprach. Sieben Wochen, in denen Julia jeden Montag zur Redaktionskonferenz in der »Trompete« ging, jener linken, total anarchischen Zeitung, in die Meike sie geschleppt hatte, ausgerechnet.

»Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei der ›Trompete‹«, hatte Meike verkündet, »ich bin so aufgeregt! Du musst mitkommen!«

Wie sich dann herausstellte, gab es bei der »Trompete« keine Vorstellungsgespräche. Irgendjemand war ans Telefon gegangen, als Meike anrief, und hatte gesagt, sie solle einfach mal vorbeikommen. Und da standen sie nun, in jenem halben Keller, der immer nach Rauch und Kaffee und Abfluss roch. Meike und Julia, die sich aus dem Uni-Vorbereitungskurs kannten, eine verlorener als die andere in dieser neuen Stadt, und die sich deshalb Freundinnen nannten, auch wenn sie beide wussten, dass das nicht stimmte. Meike in ihrem blauen Blazer und gebügelter Hose, Julia in ihrem selbst genähten Batik-Kleid, das so weit war, dass man gar nicht sehen konnte, wie mager sie war.

»Setzt euch«, sagte Ulf, der so eine Art Chef war, aber halt auch nur so eine Art, »wir haben gleich Redaktionskonferenz.«

Die fein säuberlich gehefteten Bewerbungsmappen in ihren Umhängetaschen hat sich nie jemand angeguckt.

Und was waren das überhaupt für Redaktionskonferenzen. Alle redeten lauthals durcheinander, es wurde Bier getrunken und gekifft. Julia ging wochenlang zu diesen Redaktionskonferenzen und sagte kein einziges Wort. Sie besah sich alles genau. Die schäbigen Möbel. Die voluminösen Computer. Die völlig schrägen Typen. Ulf, der damals, mit Anfang zwanzig, schon viel zu dick war. Ein Bär mit wilden langen Haaren, einer Art von Bart im Gesicht, der sich nicht entscheiden konnte zu wachsen, aber dann diese Grübchen und diese lachenden Augen. Ulf war der eine Redakteur bei der »Trompete«. Der andere war Mark. Ein sanfter Junge mit dunklen Locken und aufgeworfenen Lippen. Er schaute einen nie an. Er schien oft ganz weit weg zu sein. Manchmal stotterte er ein bisschen. Und doch. Wenn Julia zu Mark hinübersah, heimlich natürlich, so, dass er es nicht merkte, dann war da ein Knäuel in ihrem Bauch, das sich zusammenzog.

Ulf und Mark bekamen tatsächlich ein richtiges Gehalt. Ein paar Hundert Mark im Monat, immerhin. Alle anderen wurden pro Zeile bezahlt, das waren nur ein paar Pfennige. Und doch war nichts begehrter, als einen Artikel in der »Trompete« zu veröffentlichen. Eine Buchkritik. Eine Vorschau auf ein Konzert. Irgendetwas.

Bei der Berufsberatung hatte ein dünner Mann in Brille und Pullunder Julia erklärt, das mit dem Schreiben solle sie mal bitteschön vergessen. Das wollten alle. Das schafften nur die wenigsten. Und von ihrem Jahrgang gebe es eh zu viele.

Julia hatte sich höflich verabschiedet. Sie hatte ihm geglaubt. Und dann hatte Meike sie in die »Trompete« geschleppt.

Zu mancher Redaktionskonferenz erschienen zwanzig, dreißig Leute. Jeder konnte einfach reinkommen und Themen vorschlagen. Und alle konnten mit entscheiden. Sie stritten sich um die wenigen Seiten im Heft, sie rauften sich fast. Es war ein heilloses Geschrei. Viele kamen nie wieder.

Julia blieb.

Was natürlich auch, vielleicht sogar vor allem, an Mark lag.

Julia lauschte. Wochenlang. Und dann schlug sie ihr erstes Thema vor. Etwas völlig Blödsinniges sollte eingeführt werden. Ein Grüner Punkt auf Plastikverpackungen. Und eine neue gelbe Mülltonne, in der diese Verpackungen gesondert gesammelt werden sollten.

Die Redaktionskonferenz war fast vorbei, als Julia ihre Stimme erhob. Ihr Herz hämmerte wie verrückt.

»Totaler Schwachsinn«, erklärte Julia, »es gibt Befürchtungen, dass dieser Verpackungsmüll dann doch wieder mit dem anderen Müll verbrannt wird. Lieber sollte man diesen Müll direkt vermeiden.«

»Super Thema«, sagte Ulf, der irgendwie meistens das Sagen hatte, »mach das.«

Mark schaute auf. Er sah sie an. Zum allerersten Mal.

 

Der Artikel über den Grünen Punkt ist so gut wie fertig. Beinahe hätte Julia ihn zur Redaktionskonferenz mitgebracht. Dann hat sie es gelassen. Sie wird ihn morgen bringen. Vielleicht ist Mark dann allein da. Ganz vielleicht. Hoffentlich.

Sie hüpft die letzten Meter über das nasse Kopfsteinpflaster.

Sie hat den schweren Messingknauf schon in der Hand, sie will gerade die Tür zur »Pinte« aufstoßen, sie hört Gelächter, es riecht nach Bier und nach Zigaretten, sie weiß schon, welchen Tisch sie ansteuert, den ganz hinten, neben der Jukebox, hoffentlich ist er frei, da schießt ein Auto mitten auf den Bürgersteig, es schießt so dicht an die Hauswand, dass Mark zur Seite springen muss, damit es ihm nicht über die Füße rollt, Julia entfährt ein Schrei, was für ein Idiot ist das, will sie rufen, sie will Mark am Parka fassen und ihn zu sich ziehen, aber Mark steht da wie versteinert, und er schimpft kein bisschen, er scheint auch überhaupt nicht erschrocken oder gar böse. Er grinst. Mark grinst. Er grinst übers ganze Gesicht, seine aufgeworfenen Lippen zeigen einen Ausdruck des Erstaunens und der Begeisterung, den Julia noch nie an ihm gesehen hat.

»Hallöchen!«, tönt es aus dem Auto, die Seitenscheibe ist heruntergekurbelt, heraus schaut ein Mädchen, ganz blond, wippender Pferdeschwanz, und Augen, so blau, sie leuchten sogar in dieser dunklen Oktobernacht.

»Ist die Redaktionskonferenz etwa schon vorbei?«

Das Mädchen lacht. Ein Lachen, so laut, so unbeschwert.

»D-du«, stottert Mark, »du kommst genau richtig.«

 

Im Nachhinein wird Julia nie ganz genau erklären können, wie alles so gekommen ist. Denn natürlich ist Isabelle gleich mit in die »Pinte«, das Auto hat sie mitten auf dem Bürgersteig stehen gelassen. Und natürlich sitzt sie neben Mark, aber immerhin sitzt Julia auf der anderen Seite. Und natürlich hängt Mark an Isabelles Lippen, saugt jedes Wort, das sie sagt, auf, kann nicht genug hören von Isabelle und von Irland, wo sie gerade ein Jahr studiert hat, aber vor allem von Isabelle. Mark schaut Isabelle an. Unentwegt.

Und selbstverständlich findet Julia das alles zum Kotzen. Sie trinkt ihr Bier, sie trinken alle Bier, eins nach dem anderen, Isabelle erzählt, Mark starrt sie an mit großen Augen und verzückten Lippen, und beinahe fällt es Julia gar nicht auf. Sie guckt nun schon so lange stumpfsinnig in ihr Glas und überlegt, ob sie den nächsten Bus nimmt oder den übernächsten, da ist ihr plötzlich, als zwinkere Isabelle ihr zu. Kann das sein? Ja, tatsächlich. Isabelle zwinkert ihr zu. Was soll das?

Julia starrt immer noch in ihr Glas. Sie hört schon lange nicht mehr hin. Doch jetzt spitzt sie die Ohren. Was erzählt die da? Von Gnomen und Trollen und irischen Fabelwesen? Und dass es sie alle wirklich gibt? Ganz bestimmt?

Julia sieht zu Mark. Der hängt an Isabelles Lippen und nickt und grinst.

Da ist es wieder. Ein kleines Zwinkern. Ganz allein für sie.

»Und weißt du«, sagt Isabelle gerade, »dieser kleine Kobold, der für die Feen die Schuhe näht, der wohnte gleich bei meiner Gastfamilie, im Garten hinter einem großen Stein. Natürlich ist er sehr scheu und lässt sich nicht blicken, aber spätnachts, wenn der Mond hell schien, dann sah man manchmal so eine kleine weiße Rauchfahne, die kommt von seiner Pfeife. Das ist tatsächlich das Einzige, woran man erkennen kann, dass hinter dem Haus ein Leprechaun wohnt.«

Julia findet Isabelle immer noch zum Kotzen. Hätte die nicht in Irland bleiben können. Was taucht die ausgerechnet heute Abend hier auf. Und dennoch. Mark guckt und nickt und nickt. Und das ist einfach zu komisch.

»Und weil mir so langweilig war«, erzählt Isabelle weiter, »habe ich mich ausbilden lassen zur Exkursionsführerin für Kobolde, Feen und Elfen. Das ist in Irland eine staatlich anerkannte Ausbildung, und damit kann man richtig gut Geld verdienen. Natürlich nur, wenn man alle Naturwesen kennt und weiß, wo man sie findet. Also ehrlich gesagt«, fügt sie hinzu, und da ist es wieder, dieses Zwinkern, »ehrlich gesagt habe ich nur den ersten Teil geschafft, der zweite war schon viel zu schwierig. Aber kleine Kinder durfte ich herumführen, nur keine Erwachsenen.«

»Ta-tatsächlich!«

Mark, der die ganze Zeit mit offenem Mund gestaunt hat, hat etwas gesagt.

»Ja, toll, nicht wahr?« Isabelle lacht, und sie zwinkert nun so sehr, dass Julia schon vom Zusehen fast schwindelig wird. Dieses Zwinkern, das Mark nicht sieht. Das ganz allein für Julia ist.

»Wenn du willst«, Isabelle ist nun ganz dicht an Mark herangerückt, ihre Gesichter berühren sich fast, das gefällt Julia gar nicht, und was soll das, da ist ein Fuß, der sie tritt, unter dem Tisch, ganz leicht, aber immerhin, »wenn du willst«, sagt Isabelle gerade noch einmal, »zeige ich dir den Leprechaun. In Irland.«

»In Irland«, echot Mark, und seine Augen glänzen noch mehr, obwohl das eigentlich kaum geht.

»In Irland«, antwortet Isabelle, »ich zeig ihn dir.«

Das ist der Moment, in dem Julia sich an ihrem Bier verschluckt. Mark und Isabelle zusammen in Irland! Ja, geht’s noch!

»Und du«, Isabelle stupst Julia ihren Zeigefinger mitten auf die Brust, »du kommst mit.«

Julia hustet und spuckt ihr Bier über den Tisch.

»Das wird lustig«, ruft Isabelle.

Der Glanz in Marks Augen ist nun noch größer. Das Verzücken auf seinen Lippen auch.

Julia wischt hastig mit dem Ärmel ihres Sweatshirts das Bier auf. Ein Wisch, und es bleiben nur noch feuchte Schlieren. Sie macht diese eine Bewegung mit ihrem Arm und trifft zwei blitzschnelle Entschlüsse. Erstens: Ab sofort will sie kein bisschen mehr für Mark schwärmen. Zweitens: Vor dieser Isabelle muss sie sich unbedingt in Acht nehmen.

Und doch, auf dem Heimweg im Bus hat sie dieses Zwinkern vor Augen. Und ob sie will oder nicht, ein kleines, ein winzig kleines Lächeln stiehlt sich in ihr Gesicht. Diese Isabelle.

 

Isabelle, die spät in dieser Nacht in ihrem Auto sitzt, ein bisschen betrunken, vielleicht sogar sehr betrunken, lieber nicht darüber nachdenken, Isabelle zwinkert immer noch. Doch jetzt zwinkert sie die Tränen weg. Sie hat solche Sehnsucht. Wenn sie an Irland denkt, an das, was dort war, daran, weshalb sie nun wieder hier ist, früher als geplant, weshalb sie Hals über Kopf abreisen musste, dann wird sie so traurig, dass sie einfach nur noch weinen möchte. Sie will aber nicht weinen. Nicht deshalb. Und sowieso.

Isabelle zwinkert. Wie einfach hier alles ist. Man geht in eine Kneipe und flirtet. Und nichts ist dabei. Sie könnte diesen Typen, diesen Mark, mit nach Hause nehmen, ohne dass groß etwas passieren würde. Außer dass die Neue womöglich total ausflippen würde. Diese Julia. Mann, ist die verknallt. Der kommt das Verknalltsein ja quasi zu den Ohren heraus! Irgendwie ist die ja wohl nicht von dieser Welt. So ätherisch. So durchschaubar. Fast durchsichtig. Wie kommt die klar in ihrem Leben?

Isabelle reißt das Steuer herum. Beinahe hätte sie sie nicht gesehen. Polizei, ein Stück voraus. Seit wann machen die hier Alkoholkontrollen? Sie wendet, nimmt den Umweg durch den Wald. Noch mal davongekommen.

Sie zwinkert. Sie schnieft. Warum tut das so weh? Mit einem Mal hat sie Julia wieder vor Augen, dieses blasse, stille Mädchen. Das auch einen Schmerz mit sich herumträgt. Gut verborgen. Aber Isabelle hat ihn gesehen. Es ist nicht so, dass sie Julia nett findet. Es ist eher so, dass sie sie sieht. Und vielleicht mag sie sie deshalb doch. Zumindest ein bisschen.

Isabelle zwinkert. Gleich ist sie zu Hause. Sie ist müde. Und womöglich doch sehr betrunken, oje. Diese Julia aber, die wird sie demnächst noch ein wenig mehr ärgern. Die kann doch nicht so blass bleiben. So weltfremd. Da muss doch was zu machen sein.

Das war der Anfang.

 

Am nächsten Tag bringt Julia ihren ersten Artikel in die »Trompete«. Ihren allerersten Artikel überhaupt. Über den Grünen Punkt. Sie hat keine Ahnung, wie man so einen Artikel schreibt. Also hat sie es so gemacht, wie sie denkt, dass man es machen könnte. Es sind genau sechzig Zeilen geworden, fein säuberlich zu Hause auf der Schreibmaschine getippt.

Mark ist nicht da, also hat sie den Artikel mit zitternden Fingern Ulf überreicht, der jetzt quälend lange braucht, um ihn zu lesen, und sich dabei immer wieder mit der Hand durch die ungewaschenen Haare und übers Gesicht fährt. Julia wird ganz kribbelig bei diesem Anblick. Sie steht völlig verloren mitten im Raum, weiß nicht wohin mit ihren Händen, mit ihren Blicken, mit sich selbst, da geht die Tür auf, und herein stürmt Isabelle. Ihr voraus stürmt ein strubbeliges graues Etwas, das so viel Fell hat, dass es nach allen Seiten hin schwabbelt und schwingt, ein rennender Mopp auf vier Füßen. Julia will noch zur Seite gehen, wie es ihre Art ist, aber es ist zu spät, der rennende Mopp hat sie entdeckt und springt an ihr hoch, bellt ein verblüffend helles Bellen und leckt mit Inbrunst ihre linke Hand und, als sie die wegzieht, ihre linke Hüfte.

»Gisela!«, ruft Isabelle und lacht, und sie lacht noch mehr, als Julia ihre Hand an ihrer Cordhose abwischen will und sie gleich wieder wegzieht, denn die Cordhose ist auch ganz nass vor lauter Hundesabber.

»Entschuldige«, Isabelle lacht immer noch, »das tut sie sonst nie!« Sie sagt das so, als habe sie etwas sehr Lustiges gesagt.

Julia kann Hunde nicht leiden, erst recht nicht, wenn sie an ihr hochspringen und sie vollsabbern, aber immerhin, Isabelle hat sich entschuldigt, wenn auch nur so halb, und Ulf liest immer noch ihre sechzig Zeilen und fährt sich gerade zum x-ten Mal mit der Hand über Kopf und Gesicht. Am liebsten würde sie verschwinden. Weg von Ulf, der liest und liest, und weg von dieser lachenden Isabelle und ihrem sabbernden Hund. Aber nun steht sie hier, und sie kommt nicht weg, und weil sie noch nie einen solchen Hund gesehen hat, mit so viel schwabbeligem Fell, fragt sie höflich: »Was ist das für ein Hund?«

Isabelle könnte nun sagen, dass das ein Straßenköter ist. Dass Gisela ihr eines Tages mitten in dem Dorf, in dem sie als Kind lebte, begegnet ist. Dass der winzig kleine Hund ihr gefolgt ist bis nach Hause. Und dass Isabelle, die damals fünfzehn war und noch zur Schule ging, sie ins Fundbüro in der Stadt bringen musste. Ihre Mutter hatte darauf bestanden. Isabelle könnte erzählen, dass sie jede Nacht wach gelegen und an den kleinen, strubbeligen Hund gedacht hat. Dass sie ihre Mutter überredet hat, noch einmal zum Fundbüro zu fahren. Und dass Gisela noch da war. Das alles könnte sie erzählen. Doch stattdessen sagt sie mit sehr ernstem Gesicht: »Das ist ein tibetischer Schlangenhund.«

»Ehrlich!«, ruft Julia aus, die nun wirklich überrascht ist. »Wo kriegt man die denn her?«

Und Isabelle mit dem gleichen sehr ernsten Gesicht: »Aus Tibet natürlich.«

Julia will gerade fragen, ob Isabelle tatsächlich schon einmal in Tibet war, aber Isabelle lacht nun so sehr, dass selbst Julia schwant, dass sie gerade fürchterlich verulkt wird. Die Schamesröte steigt ihr ins Gesicht, da hört sie Ulf sich hinter ihr räuspern.

»Hm«, nuschelt Ulf, er hält ihren Artikel über den Grünen Punkt immer noch in den Händen, ganz zerknittert sind ihre sechzig Zeilen mittlerweile, »hm, ganz o. k., drucken wir so.«